The Project Gutenberg EBook of Die Stadt ohne Juden, by Hugo Bettauer

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Die Stadt ohne Juden
       Ein Roman von bermorgen

Author: Hugo Bettauer

Illustrator: Martha von Wagner-Schidrowitz

Release Date: March 13, 2011 [EBook #35569]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STADT OHNE JUDEN ***




Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. Cover
image cleaned up by Sharon Joiner






  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
    der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes.

    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
    Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert.
  ]




  Die Stadt ohne Juden

  Ein Roman von bermorgen

  Von
  Hugo Bettauer

  Gloriette-Verlag, Wien




  Alle Rechte vorbehalten

  _Copyright by Gloriette-Verlag, Vienna 1922_


  Umschlag-Entwurf von Martha v. Wagner-Schidrowitz


  Dritte Auflage. 11.-15. Tausend




Erster Teil.


Von der Universitt bis zur Bellaria umlagerte das schne, ruhige und
vornehme Parlamentsgebude eine einzige Menschenmauer. Ganz Wien schien
sich an diesem Junitag um die zehnte Vormittagsstunde versammelt zu
haben, um dort zu sein, wo sich ein historisches Ereignis von
unabsehbarer Tragweite abspielen sollte. Brger und Arbeiter, Damen und
Frauen aus dem Volke, halbwchsige Burschen und Greise, junge Mdchen,
kleine Kinder, Kranke in Rollwagen, alles quoll durcheinander, schrie,
politisierte und schwitzte. Und immer wieder fand sich ein Begeisterter,
der pltzlich an den Kreis um ihn herum eine Ansprache hielt und immer
wieder brauste der Ruf auf:

Hinaus mit den Juden!

Sonst pflegten bei hnlichen Demonstrationen hier und dort Leute mit
gebogener Nase oder besonders schwarzem Haar weidlich verprgelt zu
werden; diesmal kam es zu keinem solchen Zwischenfall, denn Jdisches
war weit und breit nicht zu sehen, und zudem hatten die Kaffeehuser und
Bankgeschfte am Franzens- und Schottenring, in weiser Erkenntnis aller
Mglichkeiten, ihre Pforten geschlossen und die Rollbalken herabgezogen.

Pltzlich zerri ein einziges Aufbrllen die Luft.

Hoch Doktor Karl Schwertfeger, hoch, hoch, hoch! Hoch der Befreier
Oesterreichs!

Ein offenes Auto fuhr langsam mitten durch die Menschenmassen hindurch,
die zurckdrngten und Bahn machten. Im Auto sa ein groer lterer
Herr, dessen mchtiger Schdel mit willkrlichen Bscheln weier Haare
bedeckt war.

Er nahm den grauen, weichen Schlapphut ab, nickte der jubelnden
Menschenmenge zu und verzerrte das Gesicht zu einem Lcheln. Aber es war
ein saures Lcheln, das von den zwei Falten, die von den Mundwinkeln
abwrts liefen, gewissermaen dementiert wurde. Und die tiefliegenden
grauen Augen blickten eher finster als vergngt drein.

Lachende Mdchen drngten sich vor, schwangen sich auf das Trittbrett,
die eine warf dem Gefeierten Blumen zu, eine andere war noch dreister,
schlang ihren Arm um seinen Hals und kte den Doktor Schwertfeger auf
die Wange. Als ob der Chauffeur ahnte, wie seinem Herrn bei solchen
Gefhlsausbrchen zumute wurde, lie er das Auto vorwrts springen, so
da die Mdchen mit jhem Ruck nach rckwrts fielen. Sie taten sich
dabei nicht wehe, denn die Menschenmauer fing sie auf.

Im Parlamentsgebude herrschte nicht die laute Begeisterung der Strae,
sondern fieberhafte Erregung, zu stark, um Ausdruck nach auen zu
finden. Die Abgeordneten, die sich bis zum letzten Mann eingefunden
hatten, die Minister, die Saaldiener gingen schweigend und unruhig
umher, sogar die berfllten Galerien verhielten sich lautlos.

In der Journalistenloge, in der es sonst am ungeniertesten zuzugehen
pflegte, wurde nur im Flsterton gesprochen. Und eine bemerkenswerte
rumliche Spaltung hatte sich eingestellt. Die kompakte jdische
Majoritt der Berichterstatter drngte ihre Sthle zusammen, die
Referenten der christlichsozialen und deutschnationalen Bltter bildeten
ihrerseits eine Gruppe. Sonst mischten sich die jdischen und
christlichen Journalisten frhlich durcheinander, im Berufskreis war man
nicht Parteignger, sondern nur der Herr Kollege, und da die jdischen
Journalisten gewhnlich mehr Neuigkeiten wuten und sie besser verwerten
konnten, standen die antisemitischen zu ihnen in einem starken
Abhngigkeitsverhltnis. Heute aber flogen hmische Blicke von der
christlichen Ecke in die jdische, und als der kleine Karpeles von der
Weltpost, der eben erst eingetreten war, den Doktor Wiesel von der
Wehr mit Servus Herr Kollege! begrte, wandte ihm dieser ohne
Erwiderung den Rcken.

Es drngten immer noch Journalisten herein, darunter Vertreter
auslndischer Zeitungen, die heute in Wien angekommen waren.

Nicht rhren kann man sich, brummte der Herglotz vom christlichen
Tag, worauf ihm ein Kollege mit kleinem, brtigem Kopf und mchtigem
Bierbauch erwiderte:

Na, ein paar Tage noch und wir werden hier Platz genug haben!

Hsteln, Lcheln, Lachen auf der einen Seite, gegenseitige
bedeutungsvolle Blicke auf der anderen.

Ein junger blonder Herr mit roten Backen machte nach links und rechts
eine leichte Verbeugung.

Holborn vom London Telegraph! Bin eben vor einer Stunde angekommen
und kenne mich wahrhaftig nicht aus. Vorgestern kam ich aus Sidney nach
halbjhriger Abwesenheit in London an, eine Stunde spter sa ich wieder
im Zug, um nach Wien zu fahren. Unser Managing-Editor, das Kamel, hat
mir nichts gesagt, als: In Wien wird es jetzt lustig, da schmeien sie
die Juden hinaus! Fahren Sie hin und berichten Sie, da das Kabel reit!
Also bitte, wre sehr nett von Ihnen, wenn Sie mich rasch instruieren
wollten.

Das alles war in so drolligem Englisch-deutsch herausgekommen, da sich
die Spannung ein wenig lste. Minkus vom Tagesboten bemchtigte sich,
heftig gestikulierend, des englischen Kollegen und begann mit den
Worten:

Also, ich werde Ihnen alles genau erklren--. Aber Doktor Wiesel lie
ihn nicht weitersprechen. Sie verzeihen, aber diese Aufklrung wird
besser von =uns= ausgehen.

Tonfall drohend, das uns bedeutungsvoll unterstrichen.

Und schon befand sich Holborn in der christlichen Ecke, wo Wiesel kurz
und sachlich erklrte:

Was geschehen soll, werden Sie sofort aus dem Munde unseres
Bundeskanzlers Dr. Karl Schwertfeger erfahren, der das Gesetz zur
Ausweisung aller Nichtarier aus Oesterreich eingehend begrnden wird.
Die Vorgeschichte ist, kurz gesagt, folgende: Als die sterreichische
Krone auf den Wert eines fnfzigstel Centimes herabgesunken war, begann
das Chaos einzutreten. Ein Ministerium nach dem anderen mute gehen, es
entstanden Unruhen, tglich kam es zu Plnderungen der Geschfte, zu
Pogroms, die Wut und Verzweiflung der Bevlkerung kannte keine Grenzen
mehr und schlielich mute zu Neuwahlen geschritten werden. Die
Sozialdemokraten traten ohne neues Programm in den Wahlkampf, die
Christlichsozialen hingegen scharten sich um ihren geistvollen Fhrer
Dr. Karl Schwertfeger, dessen Losungswort lautete: Hinaus mit den Juden
aus Oesterreich! Nun, vielleicht ist es Ihnen bekannt, -- Holborn
nickte, obwohl er keine Ahnung hatte -- da die Wahlen den vlligen
Zusammenbruch der Sozialdemokraten, Kommunisten und Liberalen brachten.
Selbst die Arbeitermassen whlten unter der Parole Hinaus mit den
Juden!, und die sozialistische Partei, vordem relativ die strkste,
konnte knapp elf Mandate retten. Die Grodeutschen aber, die gut
abschnitten, hatten sich ebenfalls auf das Hinaus mit den Juden!
eingestellt.

Nun, der Genialitt des Doktor Schwertfeger, seiner unerschrockenen
Energie, seiner khnen Impetuositt und Beredsamkeit gelang es, dem
Vlkerbund, der vor die Alternative Anschlu Oesterreichs an Deutschland
oder Gewhrenlassen gestellt war, die Zustimmung zur groen
Judenausweisung abzuringen. Und jetzt wird Schwertfeger selbst das
Gesetz einbringen, das sicher angenommen werden wird. Sie sind also
Zeuge eines historischen--.

Pst!-Rufe wurden laut. Wiesel konnte nicht weiterreden, denn der
Prsident des Hauses, ein Tiroler mit rtlichem Vollbart, schwang die
Glocke und erteilte dem Bundeskanzler das Wort.

Grabesstille, in die das Surren der Ventilatoren unheimlich klang. Das
leiseste Ruspern, das Rascheln der Papiere in der Journalistenloge
wurde gehrt und empfunden.

Uebergro, trotz des vorgebeugten Schdels und gewlbten Rckens, stand
der Bundeskanzler auf der Rednertribne, die Hnde, zu Fusten geballt,
sttzten sich auf das Pult, unter den grauen, buschigen Brauen
glitzerten die scharfen Augen ber den Saal hinweg. So stand er
bewegungslos, bis er pltzlich den Schdel ins Genick warf und mit
seiner mchtigen Stimme, die sich in den turbulentesten Versammlungen
immer hatte Gehr erzwingen knnen, begann.

Verehrte Damen und Herren! Ich lege Ihnen jenes Gesetz und jene
Aenderungen unserer Bundesverfassung vor, die gemeinsam nichts weniger
bezwecken, als die Ausweisung der nichtarischen, deutlicher gesagt, der
jdischen Bevlkerung aus Oesterreich. Bevor ich das tue, mchte ich
aber einige rein persnliche Bemerkungen machen.

Seit fnf Jahren bin ich der Fhrer der christlichsozialen Partei, seit
einem Jahr durch den Willen der berwiegenden Mehrheit dieses Hauses
Bundeskanzler. Und durch diese fnf Jahre hindurch haben mich die
sogenannten liberalen Bltter wie die sozialdemokratischen, mit einem
Wort alle von Juden geschriebenen Zeitungen, als eine Art Popanz
dargestellt, als einen wtenden Judenfeind, als einen fanatischen Hasser
des Judentums und der Juden. Nun, gerade heute, wo die Macht dieser
Presse ihrem unwiderruflichen Ende entgegengeht, drngt es mich, zu
erklren, da das alles nicht so ist. Ja, ich habe den Mut, heute von
dieser Tribne aus zu sagen, da ich viel eher Judenfreund als
Judenfeind bin!

Ein Murmeln und Surren ging durch den Saal, als flge eine Schar Vgel
aus dem Felde auf.

Ja, meine Damen und Herren, ich bin ein Schtzer der Juden, ich habe,
als ich noch nicht den heien Boden der Politik betreten, jdische
Freunde gehabt, ich sa einst in den Hrslen unserer _Alma mater_ zu
Fen jdischer Lehrer, die ich verehrte und noch immer verehre, ich bin
jederzeit bereit, die autochthonen jdischen Tugenden, ihre
auerordentliche Intelligenz, ihr Streben nach aufwrts, ihren
vorbildlichen Familiensinn, ihre Internationalitt, ihre Fhigkeit, sich
jedem Milieu anzupassen, anzuerkennen, ja zu bewundern!

Hrt! Hrt!-Rufe wurden laut, sensationelle Spannung bemchtigte sich
der Abgeordneten und des Auditoriums, und der englische Journalist
Holborn, der nicht alles verstanden hatte, fragte interessiert den
Doktor Wiesel, ob der Mann da unten der Vertreter der Judenschaft sei.

Der Kanzler fuhr fort.

Trotzdem, ja gerade deshalb wuchs im Laufe der Jahre in mir immer mehr
und strker die Ueberzeugung, da wir Nichtjuden nicht lnger mit, unter
und neben den Juden leben knnen, da es entweder Biegen oder Brechen
heit, da wir entweder uns, unsere christliche Art, unser Wesen und
Sein oder aber die Juden aufgeben mssen. Verehrtes Haus! Die Sache ist
einfach die, da wir sterreichische Arier den Juden nicht gewachsen
sind, da wir von einer kleinen Minderheit beherrscht, unterdrckt,
vergewaltigt werden, weil eben diese Minderheit Eigenschaften besitzt,
die uns fehlen! Die Romanen, die Angelsachsen, der Yankee, ja sogar der
Norddeutsche wie der Schwabe -- sie alle knnen die Juden verdauen, weil
sie an Agilitt, Zhigkeit, Geschftssinn und Energie den Juden
gleichen, oft sie sogar bertreffen. Wir aber knnen sie nicht verdauen,
uns bleiben sie Fremdkrper, die unsern Leib berwuchern und uns
schlielich versklaven. Unser Volk kommt zum berwiegenden Teil aus den
Bergen, unser Volk ist ein naives, treuherziges Volk, vertrumt,
verspielt, unfruchtbaren Idealen nachhngend, der Musik und stiller
Naturbetrachtung ergeben, fromm und bieder, gut und sinnig! Das sind
schne, wunderbare Eigenschaften, aus denen eine herrliche Kultur, eine
wunderbare Lebensform sprieen kann, wenn man sie gewhren und sich
entwickeln lt. Aber die Juden unter uns duldeten diese stille
Entwicklung nicht. Mit ihrer unheimlichen Verstandesschrfe, ihrem von
Tradition losgelsten Weltsinn, ihrer katzenartigen Geschmeidigkeit,
ihrer blitzschnellen Auffassung, ihren durch jahrtausendelange
Unterdrckung geschrften Fhigkeiten haben sie uns berwltigt, sind
unsere Herren geworden, haben das ganze wirtschaftliche, geistige und
kulturelle Leben unter ihre Macht bekommen.

Brausende Bravo!-Rufe; Sehr richtig! So ist es!

Doktor Schwertfeger fhrte mit der knochigen Rechten das Glas zu den
dnnen Lippen und sein halb spttischer, halb befriedigter Blick kreiste
im Saal.

Sehen wir dieses kleine Oesterreich von heute an. Wer hat die Presse
und damit die ffentliche Meinung in der Hand? Der Jude! Wer hat seit
dem unheilvollen Jahre 1914 Milliarden auf Milliarden gehuft? Der Jude!
Wer kontrolliert den ungeheuren Banknotenumlauf, sitzt an den leitenden
Stellen in den Grobanken, wer steht an der Spitze fast smtlicher
Industrieen? Der Jude! Wer besitzt unsere Theater? Der Jude! Wer
schreibt die Stcke, die aufgefhrt werden? Der Jude! Wer fhrt im
Automobil, wer prat in den Nachtlokalen, wer fllt die Kaffeehuser,
wer die vornehmen Restaurants, wer behngt sich und seine Frau mit
Juwelen und Perlen? Der Jude!

Verehrte Anwesende! Ich habe gesagt, da ich den Juden, an sich und
objektiv betrachtet, fr ein wertvolles Individuum halte und ich bleibe
dabei. Aber ist nicht auch der Rosenkfer mit seinen schimmernden
Flgeln ein an sich schnes, wertvolles Geschpf und wird er von dem
sorgsamen Grtner nicht trotzdem vertilgt, weil ihm die Rose nher steht
als der Kfer? Ist nicht der Tiger ein herrliches Tier, voll von Kraft,
Mut und Intelligenz? Und wird er nicht doch gejagt und verfolgt, weil es
der Kampf um das eigene Leben erfordert? Von diesem und nur von diesem
Standpunkt kann bei uns die Judenfrage betrachtet werden. Entweder wir
oder die Juden! Entweder wir, die wir neun Zehntel der Bevlkerung
ausmachen, mssen zugrunde gehen oder die Juden mssen verschwinden! Und
da wir jetzt endlich die Macht in den Hnden haben, wren wir Toren,
nein, Verbrecher an uns und unseren Kindern, wenn wir von dieser Macht
nicht Gebrauch machen und die kleine Minderheit, die uns vernichtet,
nicht vertreiben wollten. Hier handelt es sich nicht um Schlagworte und
Phrasen, wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Toleranz, sondern um unsere
Existenz, unser Leben, das Leben der kommenden Generationen! Die letzten
Jahre haben unser Elend vertausendfacht, wir stehen mitten im vollen
Staatsbankrott, wir gehen der Auflsung entgegen, ein paar Jahre noch
und unsere Nachbarn werden unter dem Vorwand, bei uns Ordnung schaffen
zu mssen, ber uns herfallen und unser kleines Land auf Stcke
zerreien -- unberhrt von allen Geschehnissen aber werden die Juden
blhen, gedeihen, die Situation beherrschen und, da sie ja nie Deutsche
im Herzen und im Blut waren, unter den genderten Verhltnissen Herren
bleiben, wenn wir Sklaven sind!

Das ganze Haus geriet jetzt in furchtbare Aufregung. Wilde Rufe wurden
ausgestoen. Das darf nicht sein! Retten wir uns und unsere Kinder!
Und als Echo klang es von der Strae her aus zehntausend Kehlen: Hinaus
mit den Juden!

Doktor Schwertfeger lie die Erregung auslaufen, nahm von den
Ministerkollegen Hndedrcke entgegen und sprach dann ber die
Durchfhrung des Gesetzes. Gem den Forderungen der Menschlichkeit und
den Bedingungen des Vlkerbundes wrde mit grter Milde und
Gerechtigkeit vorgegangen werden. Jeder habe das Recht, sein Vermgen
mitzunehmen, soweit es aus Bargeld und Wertpapieren oder Juwelen
bestehe, Immobilien zu veruern, sein Geschft freihndig zu verkaufen.
Unternehmungen, die nicht veruerlich seien, wrden vom Staat
bernommen werden, und zwar derart, da nach dem Steuerbekenntnis des
letzten Jahres der Reinertrag fnfprozentig kapitalisiert werden wrde.
Htte also zum Beispiel ein Unternehmen im vergangenen Jahr eine halbe
Million Reinertrag aufgewiesen, so wrde es mit zehn Millionen abgelst
werden. Ein boshaftes Lcheln kruselte die Lippen des Kanzlers.

Natrlich sind sowohl bei diesen Ablsungen als auch bei der Erlaubnis
zur Mitnahme von Bargeld lediglich die Steuerbekenntnisse magebend. Hat
sich jemand als Vermgensloser bekannt, so darf er kein Geld ausfhren,
besitzt er trotzdem Vermgen, so wird dieses natrlich konfisziert. Hat
jemand den Reinertrag seines Geschftes mit einer halben Million
beziffert, so darf er zehn Millionen mitnehmen, auch wenn sich
herausstellen sollte, da sein wirkliches Einkommen zehnmal so gro war.
Auf diese Art wird sich manche Snde bitter rchen--, bemerkte der
Redner unter schallender Heiterkeit der Anwesenden. Er fuhr dann fort:

Festbesoldete und geistige Arbeiter, die tatschlich vermgenslos sind,
wie zum Beispiel Aerzte, erhalten vom Staat den Betrag zur Fortreise,
den sie als Jahreseinkommen versteuert hatten. Gab also ein Arzt sein
Einkommen mit dreihunderttausend an, so erhlt er diese Summe. Um jede
anderweitige Steuerflucht zu verhten, enthlt das Gesetz die
drakonische Bestimmung, da der Versuch, grere als erlaubte Summen
fortzuschleppen, mit dem Tode zu bestrafen sei. Ebenso ist die
Todesstrafe ber die Juden oder Judenstmmlinge verhngt, die den
Versuch machen, sich auch weiterhin heimlich in Oesterreich aufzuhalten.

Das Gesetz soll in folgender Weise durchgefhrt werden:

Nichtprotokollierte Kaufleute, Hndler und sogenannte Agenten mssen
innerhalb dreier Monate nach Annahme des Gesetzes die Grenzen verlassen,
protokollierte Firmeninhaber, Angestellte, Beamte und manuelle Arbeiter
innerhalb von vier Monaten, Knstler, Gelehrte, Aerzte, Rechtsanwlte
und so weiter innerhalb von fnf Monaten. Direktoren von
Aktienunternehmungen, Banken und Industrien, die im letzten Jahre ein
Einkommen von mehr als sechs Millionen versteuert haben, ist eine Frist
von einem halben Jahr gegeben.

Und nun komme ich zu einem wichtigen Punkt, dem ich die volle
Aufmerksamkeit zu schenken bitte. Wie Sie wissen, bezieht sich das
Ausweisungsgesetz nicht nur auf Juden und getaufte Juden, sondern auch
auf Judenstmmlinge. Als Judenstmmling gelten die Kinder aus Mischehen.
Hat also zum Beispiel eine Christin rein deutscharischer Abstammung
einen Juden geheiratet, so trifft die Ausweisung ihn und die Kinder aus
dieser Ehe, whrend es der Frau unbenommen bleibt, in Oesterreich zu
verweilen. Nach reiflicher Ueberlegung hat die Regierung beschlossen,
die Kindeskinder aus Mischehen nicht mehr als Judenstmmlinge, sondern
als Arier zu betrachten. Hat also ein Christ eine Jdin geheiratet, so
werden wohl die Kinder ausgewiesen, die Kindeskinder aber,
vorausgesetzt, da die Eltern sich nicht wieder mit Juden gemischt
haben, knnen im Lande bleiben. Dies ist aber auch die absolut einzige
Konzession, die das Gesetz macht. Andere Ausnahmen sind nicht zulssig.
Von vielen Seiten wurde uns nahegelegt, gewisse Ausnahmen gelten zu
lassen. So sollte das Gesetz Leute ber ein gewisses Alter hinaus,
Kranke, Schwchliche und solche Juden, die besondere Verdienste um den
Staat haben, nicht treffen.

Meine Damen und Herren! Htte ich diesen Ratgebern nachgegeben, so wrde
das ganze Gesetz zur Posse geworden sein. Das jdische Geld, jdischer
Einflu htten Tag und Nacht gearbeitet, zehntausende von Ausnahmsfllen
wrden konstruiert werden und in fnfzig Jahren wren wir genau so weit
wie heute. Nein, es gibt keine Ausnahme, es gibt keine Protektion, es
gibt kein Mitleid und kein Augenzudrcken! Fr Hinfllige und Kranke
wird die Regierung prachtvolle Spitalzge zur Verfgung stellen, und nur
solche Juden, die nach gerichtsrztlichem Gutachten absolut nicht
transportfhig sind, werden hier ihre Genesung oder ihren Tod abwarten
drfen.

Doktor Schwertfeger verbeugte sich leicht und lie sich schwerfllig auf
seinem Sitz nieder. Die Wirkung seiner letzten Erffnung war aber ganz
eigenartig gewesen. Nur vereinzelte Bravo-Rufe waren laut geworden, eine
gewisse Beklommenheit machte sich fast krperlich fhlbar, auf vielen
Gesichtern malte sich deutlich Schrecken und Angst, auf der Galerie
entstand Unruhe, eine Frau fiel mit dem Ruf: Meine Kinder! ohnmchtig
zusammen, und als der Kanzler geendet, erdrhnte zwar starker Beifall,
aber die kleine Gruppe der Sozialdemokraten schrie unisono Unerhrt!
Pfui! Skandal!

Und nun erteilte der Prsident mit dem roten Bart dem Finanzminister
Professor Trumm das Wort. Trumm war klein, verhuzelt wie eine
halbgedrrte Pflaume, er sprach im Diskant und mute sich jedesmal
unterbrechen, wenn seine Zunge zwischen dem Gaumen und dem oberen Rand
des falschen Gebisses stecken blieb. Unter groer Spannung errterte er
die finanzielle Seite des Ausweisungsgesetzes. Natrlich wrde die
Ablsung der jdischen Geschfte und Immobilien nicht nur das
christliche Privatkapital, sondern auch die Mittel des Staates stark in
Anspruch nehmen. Hunderte von Milliarden Kronen wrden kaum ausreichen,
und man drfe sich nicht verhehlen, da die Ausweisung der Juden
zunchst allerlei finanzielle Schwierigkeiten im Gefolge haben werde.

Aber, gottlob, -- der Finanzminister bekreuzigte sich -- wir werden
in den kommenden schweren Tagen nicht allein stehen! Ich kann dem hohen
Hause die erfreuliche Mitteilung machen, da sich das echte wahre
Christentum der ganzen Welt gesammelt hat, um uns zu helfen. Nicht nur,
da die sterreichische Regierung seit Monaten internationale
Verhandlungen fhrt, auch der Piusverein hat in aller Stille eine
mchtige Agitation entfaltet, die glnzende Frchte trgt. Der Verband
des erwachten Christentums der skandinavischen Lnder, dem viele groe
Bankiers und Kaufleute angehren, stellt uns einen gewaltigen Kredit in
dnischer, schwedischer und norwegischer Valuta zur Verfgung, der
amerikanische Industrieknig Jonathan Huxtable, einer der reichsten
Mnner der Welt und ein begeisterter Streiter in Christo, hat sich
bereit erklrt, zwanzig Millionen Dollars in Oesterreich anzulegen, der
franzsische Christenbund macht hundert Millionen Francs mobil --
kurzum, es werden Milliarden Kronen ins Ausland wandern mssen und dafr
Milliarden in Gold einstrmen!

Riesige Begeisterung im ganzen Hause. Einige Dutzend Abgeordnete
verlieen fluchtartig den Sitzungssaal und strmten die Telephone, um
ihren Banken Verkaufsorders fr fremde Valuten zu geben. Die
Hauszentrale konnte das strmische Begehren nach Verbindungen mit
Karpeles & Co., Veilchenfeld & Sohn, Rosenstrauch & Butterfa߫,
Kohn, Cohn & Kohen und wie alle die groen Bankhuser hieen, kaum
bewltigen. Whrend aber der Finanzminister, der eine volle Minute
gebraucht hatte, um seine eingeklemmte Zunge zu befreien, fortfuhr,
erzhlte der Englnder Holborn in der Journalistenloge grinsend:

Jonathan Huxtable ist ein frommer Kerl! Er spuckt Gift und Galle gegen
die Juden, seitdem ihm seine Frau mit einem jdischen Preisboxer
durchgegangen ist. Er ist ein strenger Temperenzler, aber er besauft
sich jeden Tag mit Magentropfen, die er aus der Apotheke bezieht. Einmal
hat man gesehen, wie er eine ganze Flasche Eau de Cologne auf einen Zug
austrank. Und wenn er hier zwanzig Millionen investieren wird, will er
sicher fnfzig daran verdienen.

Doktor Wiesel schnitt ein abweisendes Gesicht, whrend die jdischen
Journalisten sich rasch Notizen machten, um letzte Bosheiten zu
publizieren.

Die Pro- und Kontra-Redner meldeten sich zum Wort. Die Sozialdemokraten
sprachen gegen das Gesetz. Als aber ihr Fhrer Weitherz in ruhigen und
sachlichen Worten seiner Entrstung Ausdruck gab und den Gesetzentwurf
als ein Dokument menschlicher Schmach bezeichnete, entstand ein
furchtbarer Tumult, die Galerie warf mit Schlsseln und Papierknueln
nach den Sozialdemokraten, es kam zu einer Prgelei und die kleine
Opposition verlie unter Protest den Saal. Der christlichsoziale
Abgeordnete Pfarrer Zweibacher pries Doktor Schwertfeger als modernen
Apostel, der wrdig sei, dereinst heilig gesprochen zu werden, die
grodeutschen Abgeordneten Wondratschek und Jiratschek aber beleuchteten
das Gesetz lediglich vom Rassenstandpunkt, und Jiratschek, der stark mit
bhmischem Akzent sprach, schluchzte vor Ergriffenheit und schlo mit
den Worten:

Wotan weilt unter uns!

Als letzter Redner ergriff unter Hepp! Hepp!-Rufen und hhnischem
Aih-Wai!-Geschrei der einzige zionistische Abgeordnete, Ingenieur Minkus
Wassertrilling, das Wort. Der schlanke, groe und hbsche junge Mann
wartete mit verschrnkten Armen ab, bis Ruhe eintrat, dann sagte er:

Verehrte Jnger jenes Juden, der sich, um die Menschheit zu erlsen,
trichterweise ans Kreuz hatte schlagen lassen!

Strmische Unterbrechung: Hinaus mit den Juden!

Jawohl, meine Herren, ich stimme mit Ihnen in den Ruf: Hinaus mit den
Juden! ein und werde mit freudigem Herzen dem Gesetz meine Stimme
geben. Wir Zionisten begren dieses Gesetz, das ganz unseren Zielen und
Tendenzen entspricht. Von der halben Million Juden, die das Gesetz
trifft, wird sich wohl die Hlfte unter dem zionistischen Banner
vereinigen, die anderen werden, wie ich wei, in Frankreich und England,
in Italien und Amerika, in Spanien und den Balkanlndern willig Aufnahme
finden. Mir ist um das Schicksal meines Volkes nicht bange, zum Segen
wird das werden, was hier gehssige Bosheit und Dummheit als Fluch
gedacht hat.

Der Tumult, der sich erhob, verschlang die weiteren Worte und
schlielich wurde auch der Zionist aus dem Saal gedrngt.

So ergab denn die Abstimmung, die namentlich erfolgte, die einstimmige
Annahme des Gesetzes, das noch am selben Tag durch den Ausschu und die
zweite und dritte Lesung gepeitscht wurde.

Als die Abgeordneten spt abends endlich das Haus verlassen konnten,
sahen sie ein festlich beleuchtetes Wien. Von allen ffentlichen
Gebuden wehten die wei-roten Fahnen, Feuerwerke wurden abgebrannt, bis
lange nach Mitternacht dauerten die Umzge der Menschenmassen, die immer
vor das Kanzlerpalais marschierten, um Doktor Schwertfeger hoch leben zu
lassen und als Befreier Oesterreichs zu preisen------

                   *       *       *       *       *

Als der Nationalrat, Gemeinderat, Armenrat und Gewerberat Antonius
Schneuzel am nchsten Vormittag -- es war ein Sonntag -- infolge der
endlosen Siegesfeier arg verkatert am huslichen Frhstckstisch
erschien, fand er eine recht unbehagliche Stimmung vor. Seine Gattin
hatte eine nadelspitze Nase, was auf Sturm deutete, seine Tochter, Frau
Corroni, sa mit verquollenen Augen da, ihr Gatte, der Prokurist Alois
Corroni, lchelte den Schwiegervater impertinent und verchtlich an, und
die beiden Enkelkinder Lintschi und Hansl stieen ein furchtbares Geheul
aus, als Herr Schneuzel seine kleinen Aeuglein verwirrt und ngstlich um
den Tisch kreisen lie.

Ja, was is denn da los?

Frau Schneuzel stemmte die Arme in die Seite.

Was los is, du Fallot, du? Gar nichts is los, als da du alter Tepp
geholfen hast, deine Tochter und die Enkelkinder aus dem Land zu
treiben!

Ja, wieso denn? stammelte Herr Schneuzel, aber schon dmmerte ihm
grauenhafte Wahrheit. Richtig, er hatte im Laufe der Jahrzehnte total
vergessen, da sein Schwiegersohn, Herr Alois Corroni, in frhester
Jugend Sami Cohn geheien und erst stehend und aufrecht die Taufe
empfangen. Also mute er ja hinaus und mit ihm die beiden Kinder, die
Judenstmmlinge waren!

So eine Gemeinheit, schluchzte Frau Corroni in ihr Taschentuch hinein,
was soll ich jetzt mit den Kindern anfangen? Nach Zion auswandern
vielleicht, du Rabenvater, du?

Jawohl, es ist ein starkes Stckchen, erklrte nun Herr Corroni mit
scharfer Betonung jedes Wortes, einen Mann wie ich, der behaupten darf,
mindestens ein ebenso guter Christ zu sein als tausend andere, die den
ganzen Tag im Wirtshaus herumsitzen, einen Mann wie ich, dessen Kinder
im christlichen Glauben gro geworden sind, aus dem Lande zu jagen wie
einen tollen Hund!

Herr Schneuzel wollte eine Erwiderung machen und murmelte etwas von
groer, heiliger Sache, Prinzipien, die auf Einzelflle keine Rcksicht
nehmen knnen. Aber schon sa die Hand der Gattin in seinen sprlichen
Haaren und lie nicht locker, bevor sie sich mit einem ganzen Bschel
des immer rarer werdenden Gewchses zurckziehen konnte.

Viecher seids Ihr alle zusammen! Gestohlen knnts Ihr mir werden mit
eurem Christentum! Hat der Loisl unser Annerl nicht immer gut behandelt?
Hat sie nicht einen Bisampelz von ihm bekommen, lt er die Kinder nicht
aufwachsen wie die Prinzen? Dem lieben Gott sollst du danken, da sie
einen Juden bekommen hat und nicht einen Kerl, wie dich, einen
Saufbruder und Skandalmacher!

I geh' net nach Zion, heulte Lintscherl, whrend Hans die Gelegenheit
bentzte, von Grovaters Teller weg den Sonntagsgugelhupf zu grapsen.

Im Moment hchster Aufregung kam die Kchin Pepi herein, rumte resolut
den Tisch ab und erklrte seelenruhig:

I geh'! I heirat' mein' Isidor, der was Kommis im Konsumverein is, und
wann er auswandern mu, wander' i mit ihm aus! Von mir aus knnen sich
die Herrn Nationenrte mitsamt dem Krnzler alle zusammen aufhngen.

Nachdem sich die Aufregung gelegt, errterte Herr Corroni sachlich die
Situation.

Ich denke natrlich gar nicht daran, nach Palstina auszuwandern, schon
deshalb nicht, weil man mich als getauften Juden gar nicht hineinliee.
Nein, ich habe einen Bruder in Hamburg, den Onkel Eduard, wie Ihr wit,
und wenn er auch eben meiner Taufe halber bs mit mir ist, so wird er
mich jetzt nicht im Stich lassen -- Juden haben ja, gottlob,
Familiensinn -- diese Worte begleitete ein stechender Blick gegen
Schneuzel -- und ich werde eben dort fr mich und meine Familie eine
neue Zukunft aufbauen. Es sei denn, da Annerl lieber bei euch bleiben
will.

Worauf Frau Anna, mde und verblht, wie man es nach fnfzehnjhriger
Ehe zu sein pflegt, rosige Wangen bekam, ihre Arme zrtlich um den Hals
des Alois Corroni, rekte Sami Cohn, schlang, ihn kte wie eine Braut
ihren Brutigam und wirklich wie ein junges Mdchen aussah. Und
schlielich mute sich Herr Schneuzel vllig verstrt und verzweifelt
verpflichten, dem Schwiegersohn so gewissermaen als Fundament fr die
neue Zukunft eine Million mit nach Hamburg zu geben.

Nachmittags ging der National-, Gemeinde- und Armenrat Schneuzel allein
zum Heurigen nach Sievering, fing dort mit einer Gesellschaft, die noch
immer Hinaus mit den Juden! schrie, Streit an, zerbrach seine Flasche
an dem Schdel des einen Schreiers und wurde furchtbar verprgelt.

                   *       *       *       *       *

Gesprch in einer Fensternische des Kaffee Wgerer, gegenber der Brse,
zwischen Herrn Strau, Inhaber eines Bankhauses, und seinem Neffen, dem
Mediziner Siegfried Steiner. Solche und hnliche Gesprche fanden aber
an allen Tischen statt, es wurde an diesem Tage nicht lrmend, sondern
fast lautlos mit Zuhilfenahme der Hnde geredet.

Der Neffe schttelte dem Onkel die Hand.

Lieber Onkel, ich danke dir dafr, da du mich mit nach London nehmen
wirst. Das ist ein groer Trost fr mich, denn unter uns gesagt -- Zion
-- ne, ist nichts fr mich! Nur Juden, nicht auszudenken!

Der Onkel lchelte behaglich. Zion kann mir gestohlen werden. In London
werde ich mich mit meinem alten Freunde Moe Seegward, der dort eine
Wechselstube in bester Lage hat, associieren.

Siegfried Steiner beugte sich vor und flsterte:

Aber sag' mir eines, Onkel, du hast doch sicher nicht der Steuerbehrde
dein wirkliches Vermgen und Einkommen angegeben. Wie wirst du nun dein
Geld herberkriegen, da doch seit gestern Briefzensur eingefhrt ist?

Der Onkel lie die Zigarrenasche auf seine Weste fallen.

Chammer! Wozu hat man christliche Freunde? Ich war heute schon bei dem
Fabrikanten Schuster, habe ihm, unter uns gesagt, zwanzig Millionen in
Effekten und Bargeld gebracht und dafr von ihm eine Anweisung auf eine
Londoner Bank bekommen. Natrlich tut es der Ganef nicht umsonst,
sondern er verdient eine koschere Million dabei.

Der Neffe nickt befriedigt und an dreiig anderen Tischen endigten
verschiedene Gesprche ebenfalls mit einem zufriedenen Nicken.

Ein alter Hebrer mit Kaftan und Lockerln kam herein und sagte von Tisch
zu Tisch sein Sprchlein auf: Ein Almosen fr einen alten Juden, der
beim Pogrom in Lemberg um Hab und Gut gekommen ist.

Von einem Tisch wurde er angerufen: Na, Alter, wohin werden Sie
auswandern?

Der Jude wackelte mit dem Kopf. Herrleben, wenn ich aus dem brennenden
Ghetto von Lemberg nach Wien gekommen bin, wer' ich auch aus Wien wieder
irgendwohin kommen. Ob ich schnorr' in Wien oder in Berlin oder Paris,
ist gleichgltig. Nur wer' ich dann nichts erzhlen mehr vom Pogrom,
sondern davon, da man hat mich alten Juden ausgewiesen. Aber sagen Sie,
Herrleben, glauben Sie, man soll noch kaufen vor Torschlu Julisd oder
is besser Siemens?

                   *       *       *       *       *

In der Villa des Schriftstellers Herbert Villoner in Alt-Aussee war der
Freundeskreis versammelt. Literaten von bekanntem Namen, Maler,
Bildhauer, Musiker, Verleger. Sonst pflegten sie erst im Hochsommer die
Sommerfrische aufzusuchen, diesmal hatten sie schon im Juni die
Stadtflucht ergriffen, um von den politischen Schmutzwellen wenigstens
nicht unmittelbar bespritzt zu werden.

Es war nach dem Abendessen, man sa in Korbsthlen auf der Terrasse,
blickte auf den lieblichen See, in dem sich der Mond spiegelte, der
Rauch der Zigaretten kruselte in der unbeweglichen Luft empor, jeder
war in seine Gedanken versunken. Villoner unterbrach das tiefe
Schweigen.

So ist denn kein Zweifel mehr, da die meisten von uns zum letztenmal
den Sommer in Aussee verbringen werden und da wir wie vagabundierende
Strolche den Staub von unseren Stiefeln werden schtteln und in die
Fremde gehen mssen. Wie seltsam! Mein Vater, ein berhmter Kliniker,
der nicht wenig zum Ruhm der Wiener medizinischen Schule beitrug, mein
Grovater, schon ein erbangesessener Kaufmann vom Mariahilfer Grund und
ich selbst ---- Nun, man behauptet, da ich in meinen Dramen und
Romanen das Wiener Wesen tief erfat und wie kein anderer die Wiener
Jugend, das se Mdel erkannt und geschildert habe. Und nun ist das
alles nichts gewesen, ich bin einfach ein fremder Jude, der hinaus mu
wie irgend ein galizischer Flchtling, den eine Spekulationswelle nach
Wien verschlagen!

Immerhin, sagte der junge Lyriker Max Seider leise mit zitternder
Stimme, immerhin, Sie werden auch fern von der undankbaren Heimat sich
wohl fhlen knnen. Berlin wird Sie mit offenen Armen aufnehmen, schon
sind dort unter den Intellektuellen besondere Ehrungen fr Sie geplant,
und Sie sind so reif und stark, da Sie mchtige Zweige werden treiben
knnen, wo immer Sie sind. Aber was soll ich tun? Ich bin erst am
Anfang, und ich kann nur leben und arbeiten, wenn ich durch das grne
Gelnde des Wienerwaldes schlendere, wenn ich als Wegweiser die
zierliche Silhouette des Kahlenberges vor mir sehe. Aus Ihnen strmt des
Lebens Quelle in unerschpflichem Ma, ich mu um jede Zeile, um jeden
Vers mit mir ringen und kmpfen und das kann ich nur in Wien.

Ach was, schrie der Komponist Wallner ergrimmt, der Teufel soll
dieses Wien mit seiner vertrottelten Bevlkerung holen! Ich geh' nach
Sddeutschland, miete mir ein Huschen im Schwarzwald und werde dort mit
meiner Lene herrlich leben. Was, Schatz?

Seine blonde junge Frau lie es ruhig geschehen, da der Gatte ihr
Madonnenkpfchen an seine Schulter zog, aber ein boshaftes Lcheln
huschte ber den ppigen Mund und ihre Blicke kreuzten sich
verstndnisvoll mit denen des Schriftstellers Walter Haberer. Diesem
schwellte Triumph die Brust. Er wute, die Frau des Komponisten blieb
hier, niemand konnte sie zwingen, mit ihrem Gatten ins Exil zu gehen,
und verabredetermaen wrde sie endlich, wenn der Mann erst fort, sein
werden. Sein wrde aber nicht nur sie werden, sondern ganz Wien, ganz
Oesterreich! Denn sie alle, hinter denen er zurckstehen mute, sie
alle, deren Theaterstcke aufgefhrt wurden, whrend die seinen
jahrelang in den Schubladen der Dramaturgen schliefen, sie alle, die
gestern noch die groen Modeschriftsteller gewesen waren, sie alle, der
Villoner und der Seider, der Hoff und der Thal, der Meier und der
Marich, sie alle muten fort und er blieb allein als Herrscher im Reiche
der Musen!

Frau Lene nickte ihm lchelnd zu, whrend der Gatte ihr liebkosend die
Wangen streichelte.

Donnernd und polternd lachte der groe Schauspieler Armin Horch auf.

Meine Herrschaften, nun mu es heraus! Auch ich werde Oesterreich
verlassen mssen! Denn ich, den die Wehr und andere Zeitungen immer
als den Verkrperer des christlichen Schnheitsideals gepriesen haben,
ich bin ein ganz gewhnlicher Judenstmmling! Mein Vater stammte aus
Brody und hie nicht Horch, sondern Storch!

Schallendes Gelchter ringsumher, Galgenhumor quoll auf, Scherze, die
zur Situation paten, wurden erzhlt.

Na und Sie, Herr Pinkus, wohin werden Sie Ihren Buchverlag
transferieren? fragte einer den dicken, kleinen Verleger mit den
krummen Beinen und dem prononciert jdischen Gesicht.

Ich? Ich bleibe! Ich bin doch Urchrist!

Und als alles lachte, sagte er behaglich schmunzelnd:

Spa beiseite, ich bin ein waschechter Goi! Mein Grovater Amsel Pinkus
war ein Tuchhndler in Frankfurt am Main und ein braver, frommer Jude.
Als er sich aber in meine Gromutter, Christine Haberle, eine kleine
Sngerin aus Stuttgart, verliebte, lie er sich, da sie anders nicht die
Seine werden wollte, taufen. Nun, mein Vater heiratete wieder eine
Christin und so bin ich Christ in dritter Generation, also werde ich
nicht ausgewiesen, obwohl ich in Art und Aeuerem ganz entschieden ein
Duplikat meines Grovaters bin.

Es lebe der Urchrist Pinkus, rief der Hausherr belustigt und alle
hoben lachend die Glser. Da klang vom See her ein Knall wie ein
Peitschenhieb. Und von seltsamer Ahnung ergriffen, rief Villoner: Wo
ist Seider?

Aber schon brachten Leute die Leiche des jungen Lyrikers. Er hatte sich
unten am See erschossen, um seine mde, empfindsame Seele nicht in der
Fremde frieren lassen zu mssen.

                   *       *       *       *       *

Bei der Lona in der Gumpendorferstrae herrschte geradezu Panikstimmung.
Acht junge Damen, eine schner als die andere, waren schon versammelt
und immer wieder mute die dicke Wirtschafterin, Frau Kathi
Schoberlechner, die Wohnungstr ffnen und ein Frulein hereinlassen. Im
Salon roch es auerordentlich krftig nach Houbigant, Ambre, Coty, Rouge
und Zigaretten, und es leuchtete und funkelte von hellblonden,
rotblonden, schwefelgelben und schwarzen Haaren, Diamanten und Perlen.
Alle waren in Spitzen und Seide gekleidet, nur die Lona trug einen
duftigen Schlafrock, der vorn offen war, so da ihr der schneeweie
Busen fast entquoll, und ihre nackten Fe steckten in roten
Pantffelchen.

Die schwarze Yvonne weinte zum Herzzerbrechen, die rote Margit aber
schlug auf den Tisch und schrie erbost:

Mir mssen demonschtrieren! Wann i' so an Nationalplcher derwisch,
kratz' i eahm die scheangleten Augen aus!

A so a Gemeinheit! Was soll'n mir denn machen, wann s' die Juden
hinausschmeien?

Yvonne weinte noch heftiger. Und grad jetzt, wo mir der Fredi Pollak a
neuches Automobil bestellt hat.

Mir gibt der Reizes, mit dem was ich seit zwei Wochen geh', fnfhundert
Fetzen im Monat! Mcht' wissen, ob die Herren Christen auch so splendid
sein wer'n?

Ihr wit ja eh, ich hab' den Zwitterbauch aus Mhrisch-Ostrau, der mich
ganz aushlt und nur amal im Monat auf a Wochen nach Wien kummt!

Eine ppige Juno mit gelben Haaren schlug die starken, aber schnen
Beine bereinander, da man die blauseidenen Strumpfhalter sah, leerte
ein Glschen Cointreau und sagte mit klingender Altstimme:

Kinder, am meisten Erfahrung habe wohl ich im Leben! Und ich kann nur
sagen, wenn die Juden verschwunden sind, mssen wir alle verhungern oder
uns um Stellen als Klosettfrauen in Kaffeehusern umsehen. Geld lassen
tun nur die Juden, die anderen wollen alle viel Liebe und wenig Spesen!
Zehn Jahre bin ich mit dem Baron Stummerl vom Auswrtigen Amt gegangen,
und in diesen zehn Jahren hat er mir ein goldenes Armband, einen
Pelzkragen und tausend Gulden geschenkt. Ein Glck, da ich dabei noch
den Herschmann von der Anglobank gehabt habe, sonst htte ich am Ende
noch arbeiten mssen. Seither flieg' ich nur auf die Israeliten!

Claire spielte nervs mit dem goldenen, diamantbesetzten Kreuz, das sie
an einer Platinkette trug. Was wohl der Karl sagen wird, wenn ich vom
Doktor Baruch nichts mehr bekomm'!

Neue Klagen erhoben sich, Wehrufe wurden laut. Daran hatte man im Drange
der Geschehnisse noch gar nicht gedacht! Was sollte mit den Freunden
werden, die man liebte und aushielt, wenn die Freunde, die zahlten,
nicht mehr waren?

Da fhrte die Frau Kathi einen dieser Freunde herein. Pepi war das Ideal
eines feschen Kerls. Tiptop vom staubgrauen Samthut ber die gestrickte
Krawatte hinweg bis zu den gelben Halbschuhen, ber denen man sanft
getnte, blaue Seidenstrmpfe sah.

Schluchzend warf sich die reizende schwarze Yvonne in die Arme ihres
Herzensfreundes. Alle begrten ihn strmisch, ein Hagel von Rufen und
Fragen ergo sich ber ihn. Pepi lie sich ruhig in einen Fauteuil
fallen, zog Yvonne auf seine Knie, zwickte die neben ihm sitzende Lona
in die nackten Waden und sagte, nachdem er sich eine Zigarette hatte in
den Mund stecken lassen:

Kinder, da kann man halt nichts machen, als auch auswandern!

Ja, woher wirst an' Auslandspa kriegen und wer lat dich denn
hinein?, entgegnete die kluge goldblonde Carola.

Sehr einfach, lachte Pepi. Morgen geh' ich aufs Rathaus, werde
konfessionslos, bermorgen geh' ich zur israelitischen Kultusgemeinde,
erklre mich solidarisch mit dem mihandelten Judentum und werde
Israelit. Hoffentlich ohne Operation. Dann heiraten wir, bekommen unser
Ablsegeld vom Staat und knnen nach den Bestimmungen des Vlkerbundes
uns anderswo ansiedeln. Wir gehen nach Paris oder nach Brssel oder
sonst wohin, wo was los ist.

Yvonne lachte unter Trnen. Geh', was soll ich denn in Paris als
verheiratete Frau machen?

Tschapperl! Braucht ja niemand zu erfahren, da wir verheiratet sind!
Nimmst dir eine Wohnung, suchst einen Freund, der dich ordentlich
aushlt und ich bin so wie jetzt frs Herz da!

In den nchsten Tagen wuten die liberalen Bltter zu berichten, da
hunderte von wackeren christlichen Jnglingen, emprt ber das den Juden
angetane Unrecht, demonstrativ ihren Uebertritt zum Judentum beschlossen
htten, um das Schicksal dieses schwer geprften Volkes zu teilen.

                   *       *       *       *       *

Der Bundeskanzler, der auch Minister fr auswrtige Angelegenheiten war
und seine Wohnung im Auswrtigen Amte hatte, stand an einem milden
Septembertag an der offenen Balkontre und sah ber die Strae hinweg
auf das Getriebe des Volksgartens. Aber dieses Treiben schien ihm
weniger lebhaft zu sein als in den vergangenen Jahren, die
weilackierten Kinderwgelchen rollten nur vereinzelt durch die Alleen,
die Sesselreihen und Bnke waren trotz des warmen Wetters nur sprlich
besetzt.

Es klopfte, der Kanzler rief scharf: Herein! und stand nun seinem
Prsidialchef, dem Doktor Fronz, gegenber.

Schwertfeger war Ende Juni, kurz nach der Annahme des Ausweisungsgesetzes,
nach Tirol gefahren, um seine unter der Last der Verantwortung
und Arbeit fast zusammengebrochenen Nerven zu erholen. In
einem Dorf am Arlberg blieb er mehr als zwei Monate inkognito, niemand
auer seinem Prsidialchef kannte seinen Aufenthalt, er lie sich weder
Briefe noch Akten nachschicken, kmmerte sich nicht um die
Zeitereignisse, und nur von ganz eminent wichtigen Vorfllen durfte ihm
Fronz schriftlich Mitteilung machen. Tatschlich war ja fr alles
vorgesorgt, der Wiener Polizeiprsident wie die Bezirkshauptleute hatten
ihre genauen Instruktionen, das Parlament war bis zum Herbst vertagt,
also fhlte sich Doktor Schwertfeger entbehrlich, ja er hielt es fr
seine Pflicht, neue Krfte zu sammeln, um der kommenden Arbeit frisch
und stark gegenbertreten zu knnen. Heute vormittag war er nach Wien
zurckgekehrt und nun mute ihm Fronz grndlich referieren. Nachdem
verschiedene Personalangelegenheiten erledigt waren, lie sich
Schwertfeger schwer und wuchtig vor seinem Schreibtisch nieder, nahm
Papier und Feder, um sich stenographische Notizen zu machen und sagte
uerlich ruhig und kalt, whrend vor Spannung jeder Nerv in ihm
vibrierte:

Nun, lieber Freund, berichten Sie mir ber den bisherigen Vollzug des
neuen Gesetzes und seine sichtbaren Folgen. Wie ist unsere Finanzlage?
Sie wissen, ich bin vllig unorientiert.

Doktor Fronz rusperte sich und begann:

Finanztechnisch verluft nicht alles so glatt, wie wir hofften. Zuerst
stieg unsere Krone in Zrich sprunghaft bis auf ein Zwanzigstel Centime,
dann traten leise, wenn auch unbedeutende Schwankungen ein, seit Ende
Juli rhrt sich trotz des starken Goldzustromes aus den Tresors der
groen christlichen Vereine und des Bankiers Huxtable unsere Krone
nicht, sie beharrt auf dem Kurs von 0.02. Merkwrdigerweise erfllen
sich vorlufig unsere Hoffnungen auf enorme Geldabgaben seitens der
Ausgewiesenen nicht. Es flieen den Steuermtern weder groe Betrge in
Kronen noch in fremden Whrungen zu. Es scheint, da sich unter unseren
christlichen Mitbrgern tausende von Parasiten befinden, die in
gewissenloser Weise die berschssigen, der Besteuerung hinterzogenen
Vermgen der Juden an sich nehmen und den Juden dafr Abstandsummen in
Gestalt von Anweisungen an auslndische Banken geben.

Das war nicht anders zu erwarten, sagte der Kanzler, whrend ein
verchtliches Lcheln um seine zusammengekniffenen Lippen spielte. Ob
Jud' oder Christ -- habgierig und selbstschtig sind sie alle!

Das drften die Judenbltter nicht erfahren, dachte Fronz und fuhr fort:

Wie ich aus dem sehr pessimistischen Referat des Finanzministers
Professor Trumm folgern darf, wird uns die Ausweisung der Juden mit
ungeheuren Schulden, in Gold rckzahlbar, belasten, unseren
Banknotenumlauf aber in keiner nennenswerten Weise vermindern.

Geht die Liquidierung und Uebergabe der Finanzinstitute, Banken und
Aktiengesellschaften glatt vor sich?

In dieser Beziehung ist alles in vollem Gange, aber leider zeigt es
sich, da unsere einheimischen Kapitalisten entweder nicht willens oder
nicht in der Lage sind, die groen Unternehmungen an sich zu reien, so
da berwiegend Auslnder als Uebernehmer in Betracht kommen. Die
Lnderbank, die Kreditanstalt, die Anglobank, die Escompte-Gesellschaft
und andere Grobanken gehren bereits Italienern, Englndern, Franzosen,
Tschechoslowaken und so weiter, desgleichen unsere groen
Industrieunternehmungen. Eben hat ein hollndisches Konsortium die
Simmeringer Lokomotivfabrik bernommen. Wir passen natrlich hllisch
auf, da sich auf solchem Umweg nicht auslndische Juden hier einnisten,
und jeder Kaufvertrag weist nachdrcklich auf die Klausel hin, wonach
auch auslndische Juden keinerlei Aufenthaltsrecht in Oesterreich
genieen, weder dauerndes noch vorbergehendes. Da die Aktionre und
Direktoren der fremden Gesellschaften, die hier aufkaufen, zum Teile
Juden sind, lt sich aber nicht vermeiden.

Der Kanzler sttzte die mchtige, gewlbte Stirne in die knochige Hand,
wischte dann peinliche Gedanken mit einer Handbewegung fort und sagte
gleichmtig:

Uebergangserscheinungen, denen spterhin abzuhelfen sein wird! Wie
vollzieht sich die Ausweisung?

Genau nach den Durchfhrungsbestimmungen des Gesetzes! Sowohl die
Polizei als auch das Verkehrsamt arbeiten vortrefflich, tglich
verlassen ungefhr zehn Zge mit Ausgewiesenen Oesterreich nach allen
Richtungen und bis heute haben etwa vierhunderttausend Juden das Land
verlassen.

Schwertfeger blickte berrascht auf. Wie ist das mglich? Wir haben an
ungefhr eine halbe Million Auszuweisender gedacht! Also waren jetzt,
nach einem Drittel der prliminierten Zeit, vier Fnftel erledigt?

Doktor Fronz lchelte dnn. Wir haben eben die groe Zahl der
Konvertiten und Judenstmmlinge unterschtzt! Heute hat die
Staatspolizei mehr Ueberblick und sie rechnet nun nicht mehr mit einer
halben Million, sondern mit achthunderttausend, vielleicht sogar mit
einer Million Menschen, die unter das Gesetz fallen! Bei dieser
Gelegenheit mchte ich bemerken, da sich gewisse devastierende, oft
sehr peinliche oder auch nur groteske Folgen der Ausweisung zeigen. Zehn
christlichsoziale Nationalrte mssen als Judenstmmlinge
landesverwiesen werden, beinahe ein Drittel der christlichen
Journalisten wird entweder direkt oder in seinen Familienmitgliedern
betroffen, es stellt sich heraus, da unsere besten christlichen Brger
vom Judentum durchtrnkt sind, uralte Familien werden auseinandergerissen,
ja es hat sich etwas ereignet, was schallendes Gelchter
nicht nur in den Judenblttern, die ja noch bis zum letzten
Augenblick hetzen werden, erregt, sondern auch in der Presse des
Auslandes. Eine Schwester des Frsterzbischofs von Oesterreich, Kardinal
Rl, ist mit einem Juden verheiratet, sein Bruder aber mit einer Jdin,
so da seine Eminenz durch das Gesetz smtlicher Neffen, Nichten und
Geschwister beraubt wird. Vielleicht wird es sich doch empfehlen, unter
solchen Umstnden der Nationalversammlung ein Amendement zu dem Gesetz
zu unterbreiten, durch das die Ausweisung von Judenstmmlingen unter
gewissen Umstnden unterbleiben darf----.

Der Bundeskanzler sprang in die Hhe und schlug mit der geballten Faust
auf den Schreibtisch, da die Tinte hochspritzte.

Nie und nimmer, wenigstens nicht, solang ich im Amte bin! Eine solche
Ausnahmebestimmung wrde das ganze Gesetz zum Weltwitz machen, wir wren
bis auf die Knochen blamiert, das internationale Judentum wrde
triumphieren wie noch nie in seiner Geschichte, der Korruption, der
Bestechlichkeit wre Tr und Tor geffnet! Sie kennen ja die gewissen
Herren Hof- und Sektions- und Regierungsrte mit den offenen Hnden und
leeren Taschen! Nein, es darf keine Ausnahmen geben, das Leid und der
Kummer einzelner Familien darf an den Grundmauern des Gesetzes nicht
rtteln! Im Namen der Habsburger wurde ein Krieg gefhrt, der einer
Million Mnner das Leben gekostet hat und man hat nicht zu mucksen
gewagt! Was ist im Vergleich dazu die Tatsache, da ein paar tausend
oder vielleicht hunderttausend Menschen Unbequemlichkeit und Aerger
verursacht wird? Ich bitte Sie, in diesem Sinne die christlichen Bltter
zu instruieren. Besser noch, wenn die politische Korrespondenz sofort
eine diesbezgliche Enunziation der Regierung den Blttern zugehen lt.
Und Sie bitte ich dringend, sich nicht mehr zum Sprachrohr solcher
Einflsterungen machen zu lassen!

Doktor Fronz verbeugte sich erblassend.

Dann ist es ja auch berflssig, wenn ich Eurer Exzellenz von
furchtbaren Jammerszenen berichte, die sich tglich bei der Abfahrt der
Evakuierungszge beobachten lassen und die oft solche Dimensionen
annehmen, da selbst der Straenpbel, der sich zur Abfahrt der Zge mit
der Absicht einzufinden pflegt, die Ausgewiesenen zu beschimpfen,
ergriffen schweigt und Trnen vergiet----.

Solche Szenen waren vorhergesehen und sind unvermeidlich! Instruieren
Sie sofort die Polizei dahin, da die Bahnhfe abgesperrt werden, die
Abfahrt der Zge tunlichst nur zur Nachtzeit erfolgt und nicht von den
Hauptbahnhfen, sondern von den auerhalb der Stadt gelegenen
Rangierbahnhfen. Und nun nur noch eine Frage: Wie nimmt die Bevlkerung
im allgemeinen die Durchfhrung des Gesetzes auf?

Mit grter Begeisterung natrlich! Die Polizei lt hundert geschickte
Agenten sich anonym in die Volksmengen mischen und Beobachtungen
sammeln. Nun, die Berichte gehen bereinstimmend dahin, da die
christliche Bevlkerung sich geradezu in einem Freudentaumel befindet,
eine baldige Sanierung der Verhltnisse, Verbilligung der Lebensmittel
und gleichmigere Verbreitung des Wohlstandes erwartet. Auch innerhalb
der noch sozialdemokratisch organisierten Arbeiterschaft ist die
Befriedigung ber den Fortzug der Juden gro. Aber anderseits lt sich
nicht verhehlen, da die Bevlkerung erregt und unsicher ist. Niemand
wei, was die Zukunft bringen wird, die Massen leben in den Tag hinein,
eine ganz staunenswerte Verschwendungssucht in den unteren Klassen macht
sich bemerkbar und die Zahl der Trunkenheitsexzesse mehrt sich von Tag
zu Tag.

Zur Gehobenheit der Stimmung trgt aber sehr wesentlich der Umstand bei,
da die Wohnungsnot mit einem Schlage aufgehrt hat. Allein in Wien sind
seit Beginn des Monates Juli vierzigtausend Wohnungen, die bisher Juden
inne hatten, frei geworden. Eine direkte Folge davon ist, da eine wahre
Hochflut von Trauungen eingesetzt hat und die Priester zehn und zwanzig
Paare gleichzeitig einsegnen mssen.

Schwertfeger, der Junggeselle geblieben war, nickte befriedigt lchelnd.
Damit wren wir also fr heute fertig. Ich bin nun halbwegs im Bilde
und werde jetzt die Referate der einzelnen Bundesministerien
durchstudieren.

Ein Kopfnicken und der Prsidialchef war entlassen. Fronz blieb aber
noch stehen und lenkte die Aufmerksamkeit des Kanzlers, der schon ein
Aktenfaszikel aufgeschlagen hatte, durch diskretes Ruspern auf sich.

Ich mchte Exzellenz noch darauf aufmerksam machen, da der Wiener
Gemeinderat mit groer Stimmenmehrheit beschlossen hat, den Schottenring
in Dr. Karl Schwertfeger-Ring umzutaufen und da seitens dreihundert
sterreichischer Gemeinden hnliche Umtaufungen von Pltzen und Straen
beschlossen wurden. In Innsbruck hat sich sogar ein Denkmalkomitee
gebildet, das Eurer Exzellenz im nchsten Jahr schon ein Denkmal aus
Laaser Marmor errichten will.

Der Kanzler stand auf, ging zum Balkon, sah wieder auf den Volksgarten
hinab, schritt mit wuchtigen Tritten schwer und plump zweimal durch den
groen Raum und sagte dann:

Inhibieren Sie alle solchen Ehrungen! Sie sollen verschoben werden bis
zum zehnjhrigen Jubilum der Befreiung Wiens von den Juden!

                   *       *       *       *       *

Weihnachtsabend im Hause des Hofrates Franz Spineder. Weit drauen in
Grinzing, auerhalb der Endstation der Straenbahn, lag das kleine,
gelbe Backsteinhuschen, das der Hofrat noch von seinem Grovater ererbt
hatte. Von auen sah das einstckige Haus mit dem groen grn
gestrichenen Holztor und den grnen Jalousien fast primitiv aus, aber
wenn man das Tor ffnete und in den Hof mit dem altertmlichen
Ziehbrunnen trat, blieb man berrascht und entzckt stehen. Der Hof ging
in einen sanft ansteigenden Garten ber, der schier endlos war. Im
Sommer leuchteten die Levkojen, Tulpen, Rosen und Nelken in sdlicher
Pracht, hinter dem Ziergarten kamen Hunderte von Bumen, die unter der
Last der Aepfel, Birnen, Aprikosen, Pflaumen und Kirschen sich tief zur
Erde beugten, und wenn man auch die Obstbume hinter sich hatte, so war
man noch immer nicht am Ende des Gartens, sondern ging steil durch einen
Weinberg, um endlich ganz oben auf ein altwienerisches Lusthuschen mit
bunten Scheiben zu stoen.

Kstlich wie der unvermutete Garten war auch die Einrichtung der
Wohnzimmer. Uralte, behagliche, steife und grazise Mbel aus der
Barock-, Kongre- und Biedermeierzeit, kostbare Stiche und Bilder an den
Wnden, zwei echte Waldmller, ein Schwind im Salon, bunte, schne
Glser, Altwiener Porzellan, funkelndes Silbergert in den Vitrinen und
Kredenzen, und man brauchte nur die Augen zu schlieen, um die Mnner
und Frauen im Kostm der Maria Theresianischen Zeit und Biedermeierrock
vor sich zu sehen.

Franz Spineder war Beamter, wie es sein Vater und sein Grovater gewesen,
aber er war auf den Gehalt eines Hofrates im Unterrichtsministerium
nicht angewiesen, sondern recht vermgend, und schon das
Haus mit dem riesigen Garten und der kostbaren Einrichtung
reprsentierte heute einen nach vielen Millionen zhlenden Wert.
Auerdem aber war seine Frau eine geborene Halbhuber, deren Urgrovter
schon als Gerber und Lederfabrikanten soliden Reichtum erworben hatten.
Und da das Ehepaar Spineder nur mehr ein Kind, die jetzt knapp
achtzehnjhrige Lotte, besa, so konnte es inmitten der Wirrnisse einer
zerrissenen Zeit und aller Teuerung zum Trotz sein behagliches Leben
fhren.

Schweigend schmckten Lotte und Frau Spineder den Weihnachtsbaum,
befestigten an den duftenden Zweigen die Schokoladekringel, Bonbons,
Glaskugeln und Kerzen. Frau Spineder, noch immer eine hbsche, runde
Frau, sah die blonde, schlanke, auffallend schne und liebreizende
Tochter von der Seite an.

Lotte, nun hast du schon wieder Trnen in den Augen! Bedenk' doch, da
Papa heute wenigstens frhliche Gesichter sehen will und mach' dem armen
Leo das Herz nicht noch schwerer.

Lotte lie einen kleinen Rauchfangkehrer aus Schokolade fallen, da sein
Kopf fortrollte, schlug die Hnde vor das Gesicht, lehnte sich an die
Schulter der Mutter und begann bitterlich zu schluchzen.

Mutter, mir bricht das Herz! Du wirst sehen, ich werde es nicht
berleben, da Leo in die Fremde fort mu! Mutter, lat mich doch mit
ihm ziehen!

Frau Spineder, der selbst das Wasser in den Augen stand, streichelte
zrtlich das weiche, wie Gold leuchtende Haar der Tochter.

Lotte, es geht nicht! Bedenk' doch, Papa ist sechzig und er hat, seit
uns der unselige Krieg den Sohn genommen, niemanden als dich. Du kannst
es ihm nicht zumuten, da er dich in die ungewisse Zukunft ziehen lt,
so gern er ja auch den Leo hat. Schau nur, Leo wird nach Paris ziehen;
bei der Entwertung der Krone knnten wir euch unmglich mit Francs
untersttzen und ihr wrdet vielleicht ins Elend kommen, ohne da Papa
helfen kann. Leo wird sich allein schon durchschlagen und ihr seid ja
noch beide so jung, da ihr auf andere, bessere Zeiten warten knnt'.
Still jetzt, der Vater kommt! Und es klingelt, der Leo wird auch schon
da sein.

Herr Spineder, der jetzt eintrat, um die Kerzen anzuznden, war der
Typus des alten sterreichischen Hofrates in seiner besten Art. Musik
liebend und ausbend, voll innerlicher Kultur, gepflegt von auen und
innen, ein Schnheitssucher, Lebensfreund und Lebensbejaher, rechtlich,
gewissenhaft, tolerant und dabei doch ein wenig beschrnkt, bedchtig
und zgernd. Er trug auch jetzt noch den veralteten Kaiserbart, weil er
es unter seiner Wrde hielt, dem Umschwung der Verhltnisse an seiner
Person Konzessionen zu machen, er war Demokrat durch und durch, ein
treuer Diener der Republik, aber das schne Kaiserbild von Angeli hing
noch immer ber seinem Schreibtisch. Wie er jetzt eintrat, war der alte
Herr mit den schlohweien Haaren und den milden, graublauen Augen der
echte Altsterreicher, den man bald nur mehr aus Bchern kennen wird.

Leo ist drauen und kratzt sich den Schnee von den Sohlen ab, sagte
Hofrat Spineder, whrend er die Kerzen bedchtig anzndete. Geht hinauf
zu ihm, ich werde die Bescherung machen und klingeln, wenn es so weit
ist.

Frau Spineder sah noch rasch in die Kche nach dem Karpfen, der
Sachertorte und den Krapfen; Lotte hing aber schon am Halse Leos und
schluchzte wortlos an seiner Brust.

Leo Strakosch, schlank, dunkelhaarig, glattrasiert, mit lebhaften
braunen Augen, aus denen Klugheit und Humor blitzten, war um zehn Jahre
lter als Lotte. Im letzten Kriegsjahre war er als Einjhriger
eingerckt und im Felde hatte er den gleichaltrigen Rudolf Spineder, den
Sohn des Hofrates, kennen und als Freund lieben und schtzen gelernt. In
der letzten Piaveschlacht hatte Rudolf einen Kopfschu bekommen und in
den Armen des Freundes seine junge Seele ausgehaucht, nachdem er ihn
gebeten, die Eltern und das Schwesterchen zu gren. So war Leo in das
Haus des Hofrates gekommen, der arme Sohn eines kleinen Agenten, fhlte
sich in dem vornehm-brgerlichen Milieu unendlich wohl, und als Lotte
aus einem Kinde ein blhendes, schnes Mdchen wurde, stand es in ihm
fest: Diese oder keine! Lotte erwiderte die Liebe des lebhaften,
geistvollen, begabten jungen Mannes von ganzem Herzen.

Hofrat Spineder sah die Entwicklung dieser Liebe und hatte nichts
einzuwenden. Leo Strakosch war Radierer, in jungen Jahren schon ganz
auerordentlich erfolgreich, man begann sich um seine Zeichnungen zu
reien, eine vor einem Jahr erschienene Leo Strakosch-Mappe erregte
Aufsehen auch im Ausland, und der Hofrat wie seine Frau sagten sich mit
Recht, da sie ihr Kind in keine besseren Hnde wrden geben knnen, als
in die Leos, den sie nach und nach liebten wie ihren eigenen Sohn. Da
Leo Jude war, focht den Hofrat nicht im mindesten an. In seinem Hause
verkehrten viele Musiker, Literaten, Maler, die Mehrzahl von ihnen waren
Juden, und der verstorbene Rechtsanwalt Viktor Rosen war sogar der
intimste Freund Spineders gewesen.

Als vor Jahresfrist zuerst in politischen Kreisen von dem Plan des
Fhrers der Christlichsozialen, ein Antijudengesetz durchzubringen,
geraunt wurde, hatte Hofrat Spineder daran nicht glauben wollen und
knnen. Und als er daran glauben mute, war seine Emprung malos
gewesen. Und noch grer sein Schmerz ber den Schicksalsschlag, den die
bevorstehende Ausweisung Leos fr seine Tochter bedeutete. Den Gedanken
aber, seine Lotte mit Leo ins Exil ziehen zu lassen, wies er weit von
sich, die Liebe zu seinem einzigen Kind und der Egoismus des Alternden
vereinigten sich hier und machten ihn absolut unerbittlich.

                   *       *       *       *       *

Die Bescherung war sehr reichlich ausgefallen, Lotte von den Eltern
freigebig bedacht worden, aber sie schenkte dem Pelzkragen, den
Seidenstrmpfen, den Bchern und Noten kaum einen Blick, sondern prete
immer wieder das kleine Bild Leos, das er ihr in einem goldenen
Medaillon geschenkt, an die zuckenden Lippen. Man sa nun beim festlich
geschmckten Tisch, aber es herrschte eher Trauer als Feststimmung und
vergeblich versuchte der Hofrat ein leichtes Gesprch zu entwickeln. Als
dann der selbstgekelterte goldgelbe Wein kredenzt wurde, erhob Hofrat
Spineder sein Glas und sagte mit bewegter Stimme:

Dein Wohl, Leo! Mge das Glck dich auch in der Fremde begleiten, mge
das Schicksal in absehbarer Zeit uns alle wieder vereinigen! Kinder, ich
wei, da ihr mir grollt und ich kann doch nichts tun, als mit euch
leiden. Seht, Mutter und ich haben den besten Teil des Lebens hinter
uns, ich stehe an der Schwelle des Greisenalters, und so ist es doch nur
natrlich, wenn wir uns mit allen Fasern dagegen struben, den letzten
Sonnenstrahl, der uns noch leuchtet, fortziehen zu lassen. Aber selbst
wenn wir solcher schier bermenschlicher Selbstlosigkeit fhig wren,
wrde mich das Pflichtgefhl davon abhalten. Lebten wir in normalen
Zeiten, so lie ich euch ziehen und wrde sagen, da wir ja schlielich
alljhrlich ein paar Monate bei euch in Paris zubringen knnen. Aber das
ist heute unmglich, da die Krone fast wertlos ist. Nur Spekulanten
knnen sich noch solchen Luxus leisten, und ihr wit, da wir in guten,
geordneten Verhltnissen leben, aber doch mit jedem Tausendkronenschein
rechnen mssen. Wrde Lotte jetzt mit dir in die Fremde gehen, so mte
sie das Elternhaus fr immer verlieren. Und nicht nur sie, sondern auch
euere Kinder wren entwurzelt, vaterlandslos, wrden nicht wissen, wo
ihre Groeltern in der Erde ruhen. Und wer wei, es wrde der Tag
vielleicht kommen, wo du, Lotte, von solcher Heimatssehnsucht erfllt
wrest, da sie deine Liebe zum Gatten verdrngen und dein ganzes Wesen
sich in einen bitteren Vorwurf gegen den, dem du in die Verbannung
gefolgt, wandeln wrde. Ihr seid beide jung, du, Lotte, bist fast noch
ein Kind, du Leo, ein Jngling und das ganze Leben liegt vor euch.
Lasset ein paar Jahre vergehen, vielleicht seid ihr dann voneinander
losgekommen oder aber es traten Entwicklungen ein, die euch doch noch
vereinigen.

Whrend Lotte fassungslos weinte und mit ihr ihre Mutter, hob nun auch
Leo sein Glas.

Vater, so darf ich dich ja doch wohl noch nennen, ich mu die Grnde
deiner Weigerung, Lotte mit mir ziehen zu lassen, wrdigen,
wahrscheinlich wrde ich an deiner Stelle nicht anders handeln. Aber
eines sage ich dir, sage ich Lotte, die ich nie aufhren werde zu
lieben: Mein Leben wird von nun an ein einziger Kampf werden! Man sagt
meinem Volke Zhigkeit nach -- nun so will ich die ganze Fhigkeit
meines Volkes in mir vereinigen. Mit Kopf und Herz, mit meinem ganzen
Knnen und Wollen werde ich darauf hinarbeiten, Lotte zu gewinnen, so
oder so! Man kann mich vertreiben wie einen rudigen Hund, man kann aber
den Willen in mir nicht tten! Und ich leere mein Glas auf euer Wohl und
auf unsere Vereinigung, die frher kommen wird als wir alle heute zu
hoffen wagen!

Am nchsten Tage fuhr Leo Strakosch mit einem Zuge fort, der sich zum
groen Teil aus geistigen Arbeitern und Knstlern zusammensetzte. Hofrat
Spineder, Frau Spineder und Lotte gaben ihm das Geleite. Auer ihnen
lie Leo nichts zurck, was ihm wert war, da seine Eltern lngst nicht
mehr lebten.

                   *       *       *       *       *

Der letzte Jahrestag wurde fr Wien zu einem Festtag, wie ihn die
lustige und leichtsinnige Stadt noch nie erlebt hatte. Unter Aufbietung
aller Verkehrsmittel, mit Hilfe von Lokomotiven, die aus den
Nachbarstaaten entliehen waren, bei Einstellung jedes sonstigen
Personen- und Gterverkehrs war es gelungen, an diesem Tag in dreiig
riesigen Trains die letzten Juden fortzubringen. Vormittags fuhren die
Direktoren und leitenden Funktionre der Grobanken, mittags die
jdischen Journalisten mit ihren Familien. Sie hatten bis zum letzten
Augenblicke ausgeharrt, noch die Abendbltter waren von ihnen
geschrieben und redigiert worden, und erst als die feuchten Bltter aus
den Rotationsmaschinen flogen, rckten die neuen Herren in die
Redaktionsstuben ein. Die Mehrzahl der Wiener Journalisten hatte
Engagements bei reichsdeutschen und deutschbhmischen Blttern gefunden,
viele wanderten nach Amerika aus, einige wenige beschlossen, sich
anderen Berufen zuzuwenden. Der Herausgeber der groen Weltpresse aber
bersiedelte mit einem kleinen Stabe von Mitarbeitern nach London, um
dort unter dem Titel Im Exil eine deutsche Wochenschrift, die sich in
erster Linie mit Oesterreich befassen sollte, erscheinen zu lassen.

Um ein Uhr mittags verkndeten Sirenentne, da der letzte Zug mit Juden
Wien verlassen, um sechs Uhr abends luteten smtliche Kirchenglocken
zum Zeichen, da in ganz Oesterreich kein Jude mehr weilte.

In diesem Augenblicke begann Wien sein groes Befreiungsfest zu feiern.
Von hunderttausend Husergiebeln wurden die rot-wei-roten Fahnen
gehit, Tcher in diesen Farben schmckten alle Geschfte, Lampions vor
allen Fenstern wurden entzndet, und bei sternenheller Frostnacht zog
eine Million Menschen ber den knisternden Schnee, um sich zu Zgen zu
vereinigen. Mnner, Frauen und Kinder trugen Lampions, Musikkapellen
marschierten den einzelnen Bezirksgruppen voran, ein Jauchzen und Jubeln
ertnte, und immer wieder zerri der Ruf: Es lebe das christliche
Wien, die Luft!

Treffpunkt aller Zge war das Rathaus. In feenhafter Pracht lag der
schne, gotische Bau Meister Schmidts da. Millionen elektrischer Lichter
lieen ihn wie eine einzige Flamme leuchten. Auf einer Tribne spielten
die unvergleichlichen Wiener Philharmoniker, von Juden gesubert und
daher ein wenig reduziert, volkstmliche Weisen, und der Wiener
Mnnergesangverein bot seine besten Lieder dar. Die Volkshalle, der
groe Platz vor dem Rathaus, der Ring vom Schottentor bis zur Bellaria
bildeten eine einzige Menschenmauer, und um acht Uhr war es kein Rufen
mehr, sondern ein Heulen aus einer Million Kehlen, das immer wieder
erdrhnte.

Endlich kam der groe Moment. Brgermeister Karl Maria Laberl erschien
mit dem Bundeskanzler Doktor Schwertfeger auf dem Balkon. Der
Bundeskanzler ergriff zuerst mit machtvoller Stimme, die sich bis
jenseits des Ringes Gehr verschaffte, das Wort. Er sprach kurz,
trocken, aber um so wirkungsvoller:

Mitbrger, ein ungeheures Werk ist vollendet! Alles das, was in seinem
innersten Wesen nicht sterreichisch ist, hat die Grenzen unseres
kleinen, aber schnen Vaterlandes verlassen! Wir sind nun allein unter
uns, eine einzige Familie, wir sind frderhin auf uns und unsere
Eigenart gestellt, mit eigener Kraft werden wir unser gesubertes Haus
frisch bestellen, morsche Mauern sttzen, geborstene Pfeiler aufbauen.
Wiener und Brder aus dem ganzen Bundesstaat! Wir feiern heute ein Fest,
wie es noch nie gefeiert wurde. Morgen beginnt ein neues Jahr und fr
uns alle ein neues Leben. Morgen drfen wir noch ruhen und uns
beschaulich besinnen. Dann aber mssen wir arbeiten, wie wir noch nie
gearbeitet haben. Unser ganzes Knnen mssen wir unserem Vaterlande
widmen, jede Stunde mu gentzt werden. Wir werden der ganzen Welt
zeigen mssen, da Oesterreich auch ohne Juden leben kann, ja da wir
eben deshalb gesunden, weil wir das Fremde aus unserem Blutkreislauf
entfernt haben. Mitbrger, schwrt es mir in dieser feierlichen Stunde
in die Hand, da wir alle nicht mehr schwelgend in den Tag hineinleben
wollen, sondern arbeiten, arbeiten und nichts als arbeiten, bis uns die
Frchte unserer Arbeit erblht sind.

Und der Ruf: Wir schwren es! brauste auf, fremde Menschen schttelten
einander die Hnde, Mnner und Frauen sanken einander weinend und
lachend in die Arme, die neue Volkshymne wurde intoniert und mitgesungen
und dann erklang ohne Verabredung und doch wie aus einem Munde das Hoch
unser Doktor Schwertfeger, der Befreier Oesterreichs!

Als sich der Jubel und Tumult ein wenig gelegt hatte, kam endlich auch
Brgermeister Herr Karl Maria Laberl zum Wort. Er begann seine Ansprache
mit den Worten:

Meine lieben Christen!----

Aber viel mehr vernahm die Menge nicht, denn dem warmen Fhn, der seit
Minuten durch die vorher noch so kalte Nacht fegte, folgte in diesem
Augenblick ein Regengu, und schreiend, kreischend zerstreute sich die
Menschenmasse, um durch ein Meer von Kot und zerflossenem Schnee zu den
Straenbahnen zu eilen.




Zweiter Teil.


    =Lotte Spineder an Leo Strakosch, Paris, Rue Foch 22.=

Mein Lieber, nun ist genau ein Jahr vergangen, seitdem ich Dir auf dem
Westbahnhofe mit meinem von Trnen ganz durchnten Taschentuch
nachgewinkt habe. Und das erste Weihnachtsfest, das ich als Deine Braut
ohne Dich verbringen mute, liegt hinter mir. Es war wieder recht
traurig, und Papa meinte sehr besorgt, da ich noch ganz krank und elend
werden wrde, wenn ich mich meinem Schmerz so hingebe. Ich bin jetzt
nmlich immer sehr bla, schlafe schlecht, habe viel Kopfschmerz und
werde gleich so mde. Unser Hausarzt meint, es sei Bleichsucht und hat
mir Guberquelle verordnet, aber ich wei, da es nur meine Sehnsucht
nach Dir ist, die mich schwach und krank macht.

Unsagbare Freude hat mir Deine wundervolle Mappe bereitet, die gerade am
Weihnachtsabend eingetroffen ist. Du bist jetzt, wie man aus diesen
herrlichen Stichen sieht, ein ganz groer Knstler; Papa, der doch so
viel davon versteht, meint, da Du schon zu den ersten Meistern gehrst
und hat furchtbar auf unsere Regierung geschimpft, die solche Mnner,
statt sie zu ehren, aus dem Lande jagt. Dein Brief, in dem Du von Deinen
groen Erfolgen berichtest, hat mich natrlich sehr beglckt, und Papa
hat umgerechnet, da die dreiigtausend Francs, die Du fr diese Mappe
bekommen hast, viele Millionen sterreichischer Kronen sind. Die Krone
ist nmlich wieder riesig gefallen. Nur als ich las, da Du so viel in
Gesellschaft verkehrst und dich der Einladungen in die feinsten Huser
kaum erwehren kannst, bekam ich ordentlich Herzklopfen. Wirst Du bei den
schnen Pariserinnen nicht Deine arme, kleine Lotte ganz vergessen? O
Leo, was soll nur aus uns werden, wann werde ich wieder meinen Kopf an
Deine Schulter legen knnen? Weit Du, Leo, neulich flog ein groer
Aeroplan ber den Kahlenberg westwrts, und da habe ich gedacht, da
ich, wenn ich die Mglichkeit dazu htte, gleich zu Dir nach Paris
fliegen wrde, ob meine Eltern es nun erlauben oder nicht. Ueberhaupt,
wenn ich wte, wie man, ohne da es jemand erfhrt, einen Pa bekommt,
wrde ich mir von Dir Geld schicken lassen und heimlich zu Dir kommen.
Ich wei, da ich Papa und die Mutter damit furchtbar krnken wrde,
aber meine Sehnsucht nach Dir ist so gro, da ich ganz schlecht und
grausam geworden bin.

Du bittest mich, ich mge Dir in groen Zgen die Entwicklung der Dinge
schildern, seitdem die Israeliten fort sind, da Du aus den farblosen und
langweiligen Wiener Zeitungen kein richtiges Bild bekommen kannst. Nun,
ich will versuchen, Dir alles zu erzhlen, was ich selbst sehe oder von
den anderen wei; aber wenn es dumm wird, so darfst Du mich nicht
auslachen.

Also, von dem groen Jubel und den Festzgen am Silvestertage, als die
letzten Israeliten Wien und Oesterreich verlassen hatten, wirst Du ja
ohnedies alles aus den Zeitungen ersehen haben. Nun, den ganzen Januar
hielt diese Stimmung an, die Leute machten alle frhliche Gesichter, ein
Festkonzert folgte dem anderen und immer wieder zogen die Massen vor das
Rathaus oder das Kanzlerpalais, um dem Brgermeister Laberl und dem
Doktor Schwertfeger zu huldigen. Mir selbst ist es aufgefallen, da die
Wiener in der Elektrischen viel freundlicher und netter waren als
vorher, und der Hofrat Tumpel, der bei uns verkehrt, Du weit, der mit
dem blonden Vollbart, den Du nie leiden mochtest, sagte triumphierend zu
uns:

Sehen Sie, das Wiener sonnige Gemt, das so lange von all dem Fremden
berschattet worden war, bricht sich wieder Bahn.

Ja, Schnecken, brummte der Vater, das ist nur, weil den Wienern das
Ganze eine Riesenhetz ist und weil die Lebensmittel billiger und wieder
Wohnungen zu haben sind. Tumpel meinte aber: Oho, lieber Freund, das
ist es nicht allein, sondern die indogermanische Naivitt unseres Volkes
wagt sich wieder heraus!

Die Lebensmittel waren wirklich viel billiger geworden, weil unsere
Krone damals sehr gut, nmlich auf 002 Centime stand. Ich erinnere
mich, da Mama im Winter einmal ganz froh nach Hause kam und sagte, man
knne jetzt wieder existieren, das Schweineschmalz kostet nur mehr
zehntausend Kronen per Kilogramm. Und das mit den Wohnungen hat den
Wienern wirklich so viel Freude gemacht. Stelle Dir nur vor: Pltzlich
hingen fast an allen Haustoren Zettel, auf denen Wohnungen und mblierte
Zimmer angeboten wurden. Die Leute gingen rein zum Zeitvertreib von Haus
zu Haus, um die Wohnungen zu besichtigen. Und den ganzen Tag sah man
Mbelwagen durch die Straen fahren.

Das dauerte so bis zum Fasching, aber dann war die gute Laune weg.
Pltzlich begann groe Arbeitslosigkeit zu herrschen. Die ganze
Konfektionsindustrie stand still, und jeden Augenblick hrte man, da
dieses oder jenes Geschft abgekracht sei. Die Bltter schrieben, man
msse die ehrlichen christlichen Kaufleute, die die alten jdischen
Geschfte bernommen hatten und ihrer Aufgabe noch nicht gewachsen
seien, von Staats wegen untersttzen. Die Arbeitslosen machten aber
groen Krawall, zogen ber den Ring, demolierten ein paar Geschfte,
schlugen Fensterscheiben ein und setzten es durch, da ihnen der Staat
zehntausend Kronen tglich Arbeitslosenuntersttzung zahlte. Da begann
die Krone zu fallen, weil, wie Papa mir erklrte, der Banknotenumlauf
enorm stieg. Auf ja und nein stand die Krone wieder auf 001 Centime und
die Lebensmittel wurden wieder so teuer und noch teurer als frher.
Heute erzhlte Mama ganz aufgeregt, da die Butter schon dreiigtausend
Kronen kostet. Seit dem Frhjahr sind die Leute wieder sehr mrrisch und
in der Elektrischen wird viel geschimpft. Hauptschlich auf die
Schieber, die alles verteuern, aber man spricht nicht von jdischen
Schiebern, sondern nur so im allgemeinen.

Du fragst, ob ich viel ins Theater gehe? Ach nein, lieber Leo, wenn man
die Oper ausnimmt, so ist in den Theatern gar nichts mehr los. In den
Schauspielhusern wird ununterbrochen Ganghofer und Anzengruber
gespielt, weil man von Israeliten nichts auffhren darf und die
Klassiker ja doch nicht ziehen. Eine Zeitlang hat man auch viel von Shaw
gegeben; seitdem er aber in einer englischen Zeitung erklrt hat, Wien
sei ein internationales Dummheitsmuseum geworden, ist er verpnt.
Hauptschlich aber deshalb, weil er auch gesagt hat, ein gescheiter Jude
sei ihm lieber als zehn dumme Christen. Die Operettentheater sind alle
pleite. (Erinnerst Du Dich, wie ich lachen mute, als ich von Dir zum
erstenmal das Wort pleite hrte?) Es hat sich nmlich herausgestellt,
da smtliche alte und neue Operetten von Juden entweder komponiert oder
geschrieben sind, meistens beides. Auch fehlt es an Krften, denn fast
alle Tenore muten ja auswandern. Wohl sind rasch ein paar ganz arische
Operetten herausgebracht worden, aber das Publikum hat gezischt, weil es
ein furchtbarer Schmarren war. Der Hofrat Tumpel meinte, da sich die
christliche Kunst eben nur fr serise Sachen eigne, nicht fr frivoles
Zeug. Worauf Papa schmunzelte und sagte, man wrde bald einsehen, da
sich die Juden und Christen hierzulande sehr gut ergnzt haben.

Neulich ist mir mittags am Graben aufgefallen, da man heuer viel
weniger elegante Herren und Damen sieht als frher. Es wird eben gar
kein Modeluxus mehr getrieben. Allerdings mu ich sagen, da mir die
widerlichen jdischen Schiebergesichter, ber die Du Dich auch immer so
gergert hast, gar nicht fehlen. Dafr machen sich auf dem Korso sehr
viele junge Lackeln, die wie Bauern aussehen und unmglich angezogen
sind, mit mchtigen Uhrketten und Diamantringen an den dicken Fingern,
breit. Ueberhaupt scheint unser ganzer Fremdenverkehr nur mehr aus
Bauern zu bestehen. Der Besitzer vom Hotel Imperial hat neulich in einer
Zeitung geklagt, da er jetzt Gste habe, die sich mit den genagelten
Schuhen ins Bett legen und ihre Jgerwsche in der Badewanne waschen.
Wenn Du durch die Krntnerstrae gehen wrdest, so wrdest Du schauen,
wie wenig elegant die Geschfte jetzt sind! Nun mu ich aber schlieen,
weil es schon ein Uhr nachts ist und ich auch nichts Besonderes mehr
wei. Lebe wohl, mein Geliebter, und denke was aus, damit wir bald
wieder beisammen sind, weil ich sonst gar nicht mehr leben mag. Es kt
Dich vieltausendmal Deine ganz verzagte

    Lotte.

                   *       *       *       *       *

Herr Habietnik ging dster, schweigend, mit gerunzelter Stirne durch die
prunkvollen Verkaufsrume des groen Modehauses in der Krntnerstrae,
das einst Zwieback geheien und jetzt den Namen Wilhelm Habietnik trug.
Herr Habietnik war der erste Verkufer in der Damenmaabteilung gewesen,
und mit Hilfe der Mittelbank deutscher Sparkassen war es ihm gelungen,
bei der groen Judenvertreibung das Haus an sich zu bringen. Herr
Habietnik ging nun, wie gesagt, von Saal zu Saal, wechselte in jedem ein
paar Worte mit dem Rayonchef, sein Antlitz wurde immer finsterer und er
stie unwillige Rufe aus. Durch die ganz in Wei und Rosa gehaltene
Abteilung fr Babywsche schritt er, ohne sich aufzuhalten, in den
entzckenden Konditoreisalon, der vollstndig leer war, warf er nur
einen schiefen Blick, dann strmte er in sein Privatkontor und lie sich
den Prokuristen Smetana kommen.

Sie, Herr Smetana, so geht das nicht weiter, da mu etwas geschehen!
Wir stehen vor Ostern, frher war das die Hochsaison und man konnte vor
Gedrnge gar nicht durch das Haus gehen, und jetzt habe ich auf meinem
Rundgang drei alte Weiber gefunden, von denen zwei zusammen eine
Chenillepelerine, wie sie gar nicht mehr existieren, kaufen wollten und
eine einen Barchentunterrock. Wenn wir so weitermachen, knnen wir
sperren. Sagen Sie, wie gro ist das Betriebsdefizit, seitdem ich die
Firma bernommen habe?

Der Prokurist Smetana lchelte sauer:

Na, so an die hundert Millionen, das wird wohl reichen!

Herr Habietnik ging aufgeregt auf und ab. Ich versteh' das nicht! Wir
haben frher, wie die Juden noch da waren, doch auch eine Menge
christliche Kuferinnen gehabt! Wo sind denn die hingekommen?

Smetana, der frher in der Buchhaltung gesessen und die Rechnungen
ausgeschrieben hatte, lchelte.

Herr Habietnik, mit den christlichen Kundschaften war es nie weit her,
und wenn es schon Christinnen waren, so hatte ihr Christentum doch
irgendwo ein Klampferl. Entweder sie waren die Frauen oder die
Maitressen von Juden. Bitt' Sie, da erinnere ich mich an die schne
Grfin Wurmdorf, die was zuletzt noch eine Redoutentoilette fr
eineinhalb Millionen bei uns hat machen lassen. Na, wer aber hat sie
gezahlt? Der Herr Gemahl vielleicht? Keine Spur! Der reiche Eisler von
der Firma Eisler und Breisler! Und die Manoni von der Oper, die was die
Tochter von einer waschechten christlichen Waschfrau ist und zehn gute
Millionen im Jahr bei uns gelassen hat? Na, bei der hat die ganze
israelitische Kultusgemeinde herhalten mssen! Und die--

Herr Habietnik winkte ab. Trotzdem, es gab genug Damen ohne Liebhaber,
die ganz schn eingekauft haben. Ich wei das besser, weil ich doch
gerade die Maabteilung unter mir hatte.

Ja, sehen Sie, Herr Habietnik, wenn es schon keine Jdinnen waren, so
war es eben die Konkurrenz der Judenfrauen, die uns geholfen hat. Wenn
die Jdinnen fein und elegant gekleidet waren, so wollten die
christlichen Damen der guten Gesellschaft nicht zurckstehen.

Da knnen Sie recht haben, meinte der Chef nachdenklich. Neulich habe
ich selbst gehrt, wie die Frau Artander die Preise bekrittelte und ohne
zu bestellen mit den Worten wegging: Ach was, heutzutage hat man es ja
gottlob nicht mehr notwendig, sich so aufzutackeln und jede Modedummheit
mitzumachen. Ich werde eben die alten Sachen herrichten lassen.

Herr Habietnik bekam einen roten Kopf und schlug mit der Hand auf den
Tisch. Ich habe Sie aber nicht gerufen, um mit Ihnen zu schmusen,
sondern weil ich einen Rat von Ihnen will! Dazu zahl' ich Ihnen ja den
hohen Gehalt!

Smetana knickte zusammen. Eine Idee htt' ich schon, Herr von
Habietnik. Die Leut' tragen jetzt so viel Loden und andere solide
Sachen. Sie haben es ja selbst gesehen, sogar nach Barchent ist
Nachfrage. Wie wre es, wenn wir ein paar Fenster mit Lodenstoffen,
Lodenrcken, Barchent- und Flanellwsche fllen wrden? Und dazu eine
schne Tafel und viel Inserate mit der Ankndigung: Loden, Barchent,
Baumwolle und Flanell -- die hohe Pariser Mode!

Herr Habietnik bekam einen Lachkrampf und krmmte sich so lange, bis ihm
die Trnen ber die Backen liefen. Flanell und Loden -- die groe
Pariser Mode! Sie, wenn das die Frau Ella Zwieback, die jetzt in Brssel
lebt, erfhrt, so glaubt sie, da wir in Wien alle zusammen verrckt
geworden sind! Aber meinethalben, mich ekelt die ganze Geschichte schon
an, ich bekomme Platzangst, wenn ich durch das leere Haus gehe! Gut,
machen Sie Lodenfenster! Und Steirerhteln dazu nicht vergessen und
genagelte Schuhe! Und die Konditorei verwandeln wir langsam, aber sicher
in eine Stehbierhalle mit heien Wrsteln. Mir ist schon alles egal, so
kapores oder so!

Zehn Tage spter sah man richtig hinter einem der Fenster rote, blaue
und gemusterte Flanellrcke, Hosen, gestrickte Miederleibchen, hinter
einem anderen Baumwollstrmpfe und solides Schuhzeug und in einer der
Auslagen trmten sich Lodenstoffe in Braun, Grau und Schwarz zu Bergen.
Und die Verkaufsrume fllten sich, bis der Bedarf der weitesten Kreise
gedeckt war und die Verkuferinnen wieder verstohlen hinter ihren
schwarzen Seidenschrzen ghnten oder Engelhornromane lasen.

                   *       *       *       *       *

Im Kaffee Imperial sa der Rechtsanwalt Dr. Haberfeld und schob die
Zeitungen, die ihm der alte Zahlmarkr Josef gebracht hatte, unwirsch
beiseite.

Sie, Josef, leer ist es jetzt bei euch, da man neben dem Ofen friert!
Frher hat man mhsam sein Platzerl ergattern knnen und jetzt, jetzt
knnt' man bei euch das Traberderby abhalten, weil eh' kein Mensch im
Weg steht!

Josef strich die ergrauten Bartkoteletten, machte tieftraurige Augen,
wischte mit der Serviette ber den Tisch und sagte sorgenvoll:

Es geht eh' ein Ringkaffee nach dem andern ein, ich glaub', lang' wer'n
mir's auch net mehr machen. Wissen S', Herr Doktor, was die Herren
Israeliten -- pardon, die Juden, waren, die sind halt alle gern in die
feinen Lokale gegangen, wo was los ist und man was sieht. Aber die
christlichen Herrschaften, die geh'n ins Vorstadtkaffeehaus und spielen
ihr Tarock oder machen eine Billardpartie und gehen sonst lieber zum
Heurigen oder ins Wirtshaus. 's ist halt eine andere Zeit jetzt!

Das merkt ein Blinder, der taubstumm ist, brummte der Anwalt. Sie,
Josef, wir zwei kennen einander ja schon lange genug und brauchen uns
keine Komdie vorzuspielen. Mir g'fallt halt die ganze G'schicht net!
Wien versumpert ohne Juden!

Josef fuhr erschreckt zusammen und sah sich ngstlich um.

Ah was, es hrt uns eh' niemand! Wien versumpert, sag' ich Ihnen, und
wenn ich als alter, graduierter Antisemit das sag', so ist es wahr, sag'
ich Ihnen! Ich wer' Ihnen was sagen, Josef. Wenn ich gegessen hab', mu
ich, Sie wissen's ja am besten, immer mein Soda-Bikarbonat nehmen, um
die elendige Magensure zu bekmpfen. Wenn ich aber gar keine Magensure
htt', so knnt' ich berhaupt nichts verdauen und mt' krepieren. Und
wissen S', der Antisemitismus, der war das Soda zur Bekmpfung der
Juden, damit sie nicht lstig werden! Jetzt haben wir aber keine
Magensure, das heit, keine Juden, sondern nur Soda, und ich glaub',
daran wer'n wir noch zugrund' geh'n!

Josef, der mit atemloser und ehrfrchtiger Spannung gelauscht hatte,
schlug verzweifelt mit der Serviette auf einen Stuhl und flsterte
beklommen:

Recht haben S', Herr Doktor, wenn man sich auch net traut, es laut zu
sagen. Mit dem Zugrundegehen aber fang' ich schon an! Ich habe im
letzten Halbjahr die Hlfte von meinem Ersparten aufgebraucht. Herr
Doktor, unter uns gesagt, und weil Sie selbst ein nobler Herr sein, den
was es nicht treffen tut: Die Herren Israeliten, pardon, ich mein' die
Juden, waren nobel im Trinkgeldgeben!

Josef rumte die Zeitungen fort, die dem Doktor Haberfeld zu langweilig
waren, brachte auf seinen Wunsch das Prager und das Berliner Tagblatt
und wandte sich anderen, eben eingetretenen Gsten zu, die sich je ein
Viertel Wein bestellten.

Wie in einem Beisel, raunte Josef dem Rechtsanwalt im Vorbergehen zu.
Und dieser nickte verstndnisvoll, zndete sich eine Zigarre an und
gedachte der Zeiten, da er allabendlich im Kreise jdischer Kollegen
hier gesessen und trotz aller politischen Gegnerschaft manch' klugen und
guten Gedanken mit ihnen ausgetauscht hatte...

                   *       *       *       *       *

Der Frhlingsbeginn, der seit jeher als politisch aufgeregte Zeit
gegolten hat, brachte auch diesmal den Wienern unruhige Tage. Die
Arbeitslosigkeit griff erschreckend um sich, eine Fabrik nach der
anderen stellte den Betrieb ein, aber auch die Konkurse der
Detailgeschfte huften sich und allenthalben gab es lrmende
Kundgebungen, nicht nur der Arbeiter, fr die der Staat halbwegs sorgte,
sondern auch der entlassenen Kommis und Verkuferinnen, Buchhalter und
Tippmdels, bis in bewegter Ministerratssitzung beschlossen wurde, auch
diesen Kategorien fr die Zeit ihrer Stellenlosigkeit Zuschsse zu
gewhren. Der Finanzminister hatte sich mit Hnden und Fen dagegen
gestrubt, der Kanzler, Doktor Schwertfeger, aber schlielich seinen
Willen durchgesetzt. Doktor Schwertfeger, der noch starrer, knochiger,
hrter geworden war, erklrte, da auch diese neue Belastung getragen
werden msse.

Wir drfen es nicht dazu kommen lassen, da eines Tages der Ausweisung
der Juden die Schuld an Not und Elend gegeben wird. Wir haben bis heute
die Arbeiter-Zeitung, die jetzt zwar von Christen, aber doch noch im
jdischen Geiste geschrieben wird, bewegen knnen, jede Kritik des
Antijuden-Gesetzes zu unterlassen. Erfllen wir die Forderungen der
Stellungslosen im kaufmnnischen Betriebe nicht, so wird ihr die Geduld
reien und sie wird, schon um diese Leute in ihr Lager zu drngen, eine
Polemik erffnen, die verderblich werden kann, weil wir die
Uebergangszeit von der Judenherrschaft zur Befreiung noch nicht hinter
uns haben.

Und unsere Krone? wandte der Finanzminister Professor Trumm hhnisch
ein.

Wir mssen uns an unsere christlichen Freunde im Auslande wenden und
ihnen unsere Bedrngnis klar machen. Am besten, Sie fahren gleich nach
Paris und London.

Trumm lachte laut auf. Ganz vergeblich! Schon von der ersten Bittfahrt
vor drei Monaten bin ich mit leeren Hnden gekommen! Die Leute geben
nichts mehr, haben ja sogar ihre festen Versprechungen nicht ganz
gehalten. Sie unterschtzen den Einflu unserer frheren Konnationalen,
der sterreichischen Juden, die zum Teil heute in den auslndischen
Banken sitzen! Und abgesehen davon, der christliche Begeisterungstaumel
ist vorbei und man steht wieder auf dem kalt-geschftlichen Standpunkt.
Sogar Mister Huxtable hat abgewinkt. Also meinethalben, bewilligen wir
die Forderungen der stellenlosen kaufmnnischen Angestellten! Aber ich
wasche meine Hnde in Unschuld.

Am nchsten Tag wurde der Kabinettsbeschlu verlautbart, es trat wieder
Ruhe ein, aber am zweitnchsten Tag fiel die Krone an der Zricher Brse
um dreiig Prozent. Und die Neue Zricher Zeitung verffentlichte
einen Artikel, in dem sie ziffernmig nachwies, da Wien langsam aber
sicher aufhre, irgendwelche Bedeutung fr den mitteleuropischen
Handelsverkehr zu haben und der Rivalitt Prags und Budapests
unterliege. In Ungarn ist man nach dem Ende des Horthy-Regimes ebenso
schlau wie in Prag gewesen. Man hat gewisse Kategorien von anstndigen
Juden mit offenen Armen aus Wien aufgenommen und dadurch den Handel an
sich gerissen. Die Einkufer der ganzen Welt knnen, weil sie zum groen
Teil Juden sind, ohnedies Wien nicht mehr besuchen, sie gehen nach Prag,
Brnn und Budapest, in erster Linie natrlich nach Berlin, das reit die
christlichen Einkufer mit, die sterreichischen Erzeuger von
Fertigfabrikaten, wie Ledergalanterie, Schuhe, Keramik und so weiter,
mssen, statt die Einkufer bei sich zu empfangen, mit dem Musterkoffer
nach dem Ausland reisen, kurzum, es werden trotz des beispiellos
niedrigen Standes der Krone in Wien keine nennenswerten Geschfte
gemacht. Damit hat naturgem in Wien auch das Schiebertum in Valuten
sein Ende erreicht, aber wie es scheint, auf Kosten des sterreichischen
Organismus. Der geniale Bundeskanzler Doktor Schwertfeger hat mit seinem
Gesetz keine groe, sondern eine allzugroe Tat getan!

Und wie zur Bekrftigung der Wahrheit dieses Artikels begann sich in
Wien eine vllige Deroutierung des Bankenwesens einzustellen. Die
auslndischen Konsortien, die die Wiener Grobanken bernommen hatten,
sahen sich in ihren Hoffnungen bitter enttuscht. Ihr Umsatz wurde immer
geringer, mit dem Fortgang der Juden hatte auch das Brsenspiel einen
betrchtlichen Rckgang aufzuweisen, und die Banken waren gentigt, wenn
sie nicht mit Verlust arbeiten wollten, eine der Tausenden von
Bankfilialen, mit denen Wien berfllt war, nach der anderen
aufzulassen. Vergebens legte die Organisation der Bankbeamten dagegen
Protest ein, da ein Teil ihrer Mitglieder brotlos gemacht wurde. Die
Banken steckten sich hinter ihre Gesandtschaften, es kam zu peinlichen
diplomatischen Interventionen, die damit endeten, da die
sterreichische Regierung, statt ihre eigenen Beamten abzubauen, noch
die stellenlosen Bankangestellten in ihren Dienst nehmen mute. Und die
Krone fiel auf ein Tausendstel Centime.

                   *       *       *       *       *

An einem schnen, sommerlich warmen Maimorgen kam vom Westbahnhof her
ein Automobil vor das Hotel Bristol gefahren, dem ein eleganter,
schlanker, dunkelhaariger Herr entstieg. Der Hoteldirektor musterte mit
gebtem Blick den schweren Lederkoffer und das Handgepck und dann erst
den Fremden, dem ein kleines Knebelbrtchen im Verein mit dem
aufgezwirbelten und in Wien sehr unmodernen Schnurrbart einen exotischen
Anstrich verlieh. Sdfranzose! taxierte der Direktor, rechnete rasch im
Kopf franzsische Franken in Kronen um, und beschlo, dem erstaunlichen
Resultat gem, den Zimmerpreis zu stellen. Auf die franzsisch
vorgebrachte Frage, ob ein Zimmer frei sei, erwiderte er, ein ironisches
Lcheln mhsam unterdrckend:

Jawohl, Monsieur, ein einzelnes Zimmer gefllig oder ein Appartement
mit Bad? Mit Aussicht auf den Ring oder nach rckwrts?

Der Passagier lie vor Erstaunen das eingeklemmte Monokel fallen.

Ja, wie ist denn das? Frher konnte man doch ohne vorherige Anmeldung
nirgends unterkommen!

Mein Herr, seufzte der Direktor jetzt tief und ehrlich, Sie waren
wahrscheinlich anderthalb Jahre oder lnger nicht mehr in Wien! Seither
hat sich viel verndert!

Der Fremde war sofort im Bilde, nickte verstndnisvoll, forderte ein
Appartement auf die Ringstrae hinaus und fllte dann den Meldezettel
aus.

Henry Dufresne, Kunstmaler aus Paris, 29 Jahre alt, katholisch, ledig.

Monsieur Dufresne nahm ein Bad, kleidete sich um, pfiff dabei vergngt
einen Pariser Gassenhauer vor sich hin, lie sich ein vorzgliches
Frhstck auf dem Zimmer servieren und verlie dann so gegen zehn Uhr
vormittags ersichtlich aufgerumt das Hotel.

Der Franzose mit dem Knebelbrtchen kannte sich in Wien entschieden gut
aus, denn er schwang sich ohne jemanden zu fragen, auf einen
Straenbahnwagen, und er mute auch die deutsche Sprache vorzglich
beherrschen, denn man sah ihm an, da er den Gesprchen der Umstehenden
interessiert lauschte. Als eine alte Frau ber die Teuerung zu jammern
begann und arg auf die hohe Obrigkeit schimpfte, klopfte Herr Dufresne
sie auf die Schulter und meinte in tadellosem Deutsch und wienerischem
Akzent besnftigend:

Wie kann man nur so was sagen, Mutterl, wir mssen doch alle froh und
glcklich sein, weil wir die Juden losgeworden sind.

Aber das Mutterl begehrte jetzt erst recht auf.

Mir ham' die Juden nie was g'tan! Wegen meiner htten s' in Wien
bleiben knnen. A so a gute Bedienung hab' i bei an jdischen Herrn
g'habt und alleweil, wann er a Madl mit nach Haus g'bracht und an
Unordnung g'macht hat, hat er mir an Hunderter extra g'schenkt. Leben
und leben lassen, hat er immer g'sagt und recht hat er g'habt!

Die Leute auf der Plattform lachten und ein biederer Mann mit einer
weinselig funkelnden Nase meinte besttigend:

Ja, das derf man schon sagen, es hat auch anstndige Leut' unter den
Juden 'geben!

Ein eigenartiges Lcheln spielte um den Mund des Franzosen, der nun
ausstieg und langsam zu Fu die Whringerstrae entlang schlenderte,
dann in die Nudorferstrae einbog, mitunter vor einer Auslage
kopfschttelnd stehen blieb, die Preise der ausgestellten Waren zur
Kenntnis nahm und so schlielich in die Billrothstrae kam, die im
weiteren Verlauf nach den rebenreichen Vororten Sievering und Grinzing
fhrt.

Ein Zettel am Haustor eines modernen Zinspalastes in der Billrothstrae
fesselte seine Aufmerksamkeit.

Kleine, elegant mblierte Wohnung mit Atelier sofort zu vermieten.
Auskunft erteilt der Portier.

Kurz entschlossen betrat Herr Dufresne das Haus und suchte den Portier
auf, der ihn mittelst Lift nach dem fnften Stock fhrte und die Wohnung
zeigte. Sie bestand aus einem Schlafzimmer, einem als Herrenzimmer
eingerichteten Salon, an den sich ein atelierartiger, groer Raum mit
Glasdach schlo. Auch ein Badezimmer war vorhanden.

Wie kommt es, da die Wohnung leer steht?

I, du meine Gte, rief der Portier, in Wien stehen jetzt an die
zwanzigtausend Wohnungen leer! Diese da hat ein Architekt, ein Herr
Rosenbaum, gehabt, der mit den anderen Juden fort mute. Der Hausherr
hat ihm die Mbel abgekauft, konnte aber bis heute keinen Mieter finden,
weil keine Kche dabei ist.

Nach weiteren fnf Minuten hielt der Portier einen Zehntausendkronenschein
als Angabe in der Hand, und Herr Dufresne war Besitzer der
Wohnung. Als er jetzt mit beschleunigten Schritten gegen
Grinzing ging, wirbelte er vergngt sein Spazierstckchen in der Luft
und murmelte vor sich hin: Der Anfang ist gut, besser htte ich es mit
der Wohnung gar nicht treffen knnen. Je nher er aber Grinzing kam,
desto erregter wurde er, seine Wangen frbten sich rot und seine braunen
lustigen Augen leuchteten wie im Fieber. Nun hatte er die Kobenzlgasse
erreicht und seine Schritte wurden langsam, fast schleppend, wie die
eines Mannes, der einem schicksalsschweren Augenblick entgegengeht. Vor
dem Hause des Hofrates Spineder blieb er tiefatmend stehen und zog sich
den grauen Kalabreserhut in die Stirne, da man nur mehr seinen
Knebelbart und das Kinn sah. Unschlssig ging er auf und ab, mitunter
nervs auf die Armbanduhr sehend, die auf halb zwlf wies. Gerade als er
wieder vor dem grnen Tor stand, ging dieses auf und ein Dienstmdchen
verlie das Haus. Und eben in diesem Augenblick, als das Tor offen
stand, sah Herr Dufresne, wie von der links im Hofe gelegenen
Wohnungstr ein junges, weigekleidetes Mdchen mit goldblonden Haaren,
die kein Hut verdeckte, in der Hand ein Buch, den Hof nach rckwrts
durchschritt und den Garten aufwrts ging.

Hurra! schrie der Mann mit dem Knebelbart in sich hinein und sein
Kriegsplan war fertig. Rechts vom Spinederschen Grundstck lag, von ihm
durch einen Holzzaun getrennt, ein langer, leerer Bauplatz, seit dem
Kriege provisorisch in einen riesigen Gemsegarten verwandelt. Der Lnge
nach zog sich dieser Gemsegarten bis hoch hinauf zum Lusthuschen auf
der hchsten Stelle des Spinedergartens. Auf der anderen Lngsseite war
das Grundstck ebenfalls durch einen Holzzaun von einer Nebengasse der
Kobenzlgasse getrennt, aber dieser Zaun war verwahrlost und wies
mehrfach Unterbrechungen auf. Durch eines der Lcher kroch nun der
Franzose, eilte mit langen Stzen den Gemsegarten aufwrts, wobei er
links von sich das blonde Mdchen gehen sah und es bald hinter sich
lie. Nun war Herr Dufresne ganz oben, mit einem Ruck schwang er sich
ber den Zaun in den Garten des Hofrates Spineder hinber und versteckte
sich hinter einem mchtigen Lindenbaum, der mitten im Weingarten stand.
Einige Minuten spter war das Mdchen beim Baum angelangt, aber es
konnte den Mann hinter dem Baum nicht sehen. Bis pltzlich Unerwartetes
geschah. Herr Dufresne rief halblaut: Lotte! Und als Lotte Spineder
erschreckt und verwirrt stehen blieb und sich umsah, rief er wieder:
Lotte! Ich bin es, um Himmelswillen erschrick nicht!

Im nchsten Augenblick hielt der Herr mit dem Knebelbart Lotte, die
schneewei geworden war und zu schwanken begonnen hatte, in seinem Arm.
Und immer wieder prete er seinen Mund auf ihre kalten Lippen, bis sich
ihre Wangen frbten und sie ihn, am ganzen Krper bebend, fest
umklammerte, als wollte man ihn ihr entreien.

Und nun saen sie im Lusthuschen, Leo Strakosch hielt Lotte auf seinem
Scho und erzhlte in fliegenden Worten:

Ja, Lottchen, ich bin es, und dir zuliebe habe ich mir diesen
entsetzlichen Napoleonbart plus Schnurrbart wachsen lassen. Ich habe es
einfach vor Sehnsucht nach dir nicht mehr ausgehalten, und als mir dein
Vater schrieb, da er ernstlich um deine Gesundheit besorgt sei und es
fr richtiger halte, wenn wir den Briefwechsel, der in dir alle Wunden
immer wieder aufreie, einstellen wrden, war mein Plan gefat. Ich
vertraute mich einem lieben, guten Kameraden, Henry Dufresne, der fr
mich ins Feuer gehen wrde, an, lie mir den Knebelbart, wie er ihn hat,
stehen und bekam von ihm smtliche Papiere, als da sind: Taufschein,
Heimatschein, Militrzeugnis und den ordnungsgem von der
sterreichischen Gesandtschaft in Paris vidierten Pa. Wir sahen durch
den Bart einander so ziemlich hnlich, so da er es riskieren konnte,
sich seinen Pa mit meiner Photographie zu besorgen. Und meine
Unterschrift hat er nachgemacht und nicht ich seine. Der gute Junge hat
natrlich allen Freunden und Bekannten erzhlt, da er nach Wien fhrt,
in Wirklichkeit ist er auf das Gut seines Onkels in Sdfrankreich
gegangen, wo er ein Jahr bleibt. Und genau so lange, als er dort ist,
kann ich hier in Wien als Henry Dufresne leben.

Lotte schluchzte und lachte in einem Atem.

Leo, ich bin ja so namenlos glcklich! Aber ich habe auch solche Angst
um dich! Du weit, es steht die Todesstrafe auf die verbotene Rckkehr
-- was, wenn sie dich erwischen?!

Ganz ausgeschlossen, mein Lieb! Die wenigen Freunde, die ich hatte,
sind Juden und muten so wie ich das Land verlassen. Auerdem bin ich
tatschlich durch den Bart unkenntlich, besonders, wenn ich ein Monokel
trage. Und selbst wenn jemand kme und behaupten wrde, da ich Leo
Strakosch bin -- ich wrde einfach leugnen und niemand knnte mich
berfhren, denn mein Pa ist echt, die Unterschrift ist echt, und wenn
man bei der Polizei in Paris anfragen sollte, so wrde man die Auskunft
bekommen, da Henry Dufresne mit Reisepa nach Wien abgereist sei.

Aber Papa und Mama? fragte Lotte nach etlichen herzhaften Kssen, die
ihr trotz Schnurrbart und Mouche wohl taten.

Die drfen natrlich nicht ein Sterbenswrtchen erfahren, Lotte,
meinte Leo ernst. Nicht, da sie mich anzeigen wrden! Aber dein Papa
ist zu sehr Beamter und Hofrat, um mir eine solche Mystifikation nicht
bel zu nehmen, und auerdem wrde er unter keinen Umstnden dulden, da
wir zusammenkommen, sondern mich beschwren, wieder fortzufahren. So
aber werden wir uns tglich sehen, nicht wahr, Lotte?

Und Leo erzhlte ihr von der behaglichen, kleinen Wohnung, die er eben
gemietet und schilderte, wie sie dort tglich ein paar Stunden, so lange
Lotte sich eben wrde freimachen knnen, zusammen verbringen wrden.
Lotte war nur ber und ber rot geworden, aber sie sah in die ehrlichen
und treuen Augen ihres Brutigams und wute, da sie auch ganz allein
mit ihm in guter Hut sein wrde.

Lotte konnte jeden Augenblick im Garten gesucht werden und Leo mute
verschwinden. Bevor sie aber Abschied nahmen, bewlkte sich wieder die
weie Stirne des Mdchens.

Leo, du hast nun deine glnzende Karriere in Paris aufgegeben! Was aber
willst du hier in Wien tun, wie bei dieser schrecklichen Teuerung, ber
die nun auch Papa zu klagen beginnt, deinen Unterhalt bestreiten?

Leo lachte so vergngt und laut, da ihm Lotte erschreckt die Finger auf
den Mund legte. Was er fr eine Aufforderung nahm, die kleinen rosigen
Finger zu kssen. Er tat es reichlich und sagte dann:

Mein Liebes, was ich hier tun werde? Arbeiten, und zwar tchtig, und
ungeheuer viel Geld sparen, weil diese Wiener Teuerung, in Franken
umgerechnet, lcherlich billig ist. Du mut nmlich wissen, da ich von
der grten Pariser Verlagsfirma den Auftrag bekommen habe, eine neue
Gesamtausgabe der Werke Zolas zu illustrieren. Glnzende Bedingungen,
sage ich dir. Sechzigtausend Francs, wovon ich die Hlfte bei Abschlu
der Vertrages bekommen habe. Die andere Hlfte erhalte ich, wenn ich die
zweihundert Zeichnungen abliefere, und das mu in einem Jahr sein. Also,
du siehst wieder einmal: Wir Juden sind schlau und wissen, wo unser
Vorteil bleibt!

Leo kroch ber den Zaun zurck und Herr Dufresne besorgte noch am selben
Tag seinen Umzug nach der Billrothstrae. Hofrat Spineder und seine
Gattin stellten aber mit Befriedigung fest, da ihr Tchterchen zum
erstenmal seit Jahr und Tag guter Laune war und heiter vor sich hinsang.

Du wirst sehen, sagte der Hofrat seiner Gattin, Lotte schlgt sich
nach und nach die ganze traurige Geschichte aus dem Kopf! Der arme
Bursch' tut mir ja leid, aber es ist besser so. Uebrigens hat er mir ja
auch ganz vernnftig geschrieben und versprochen, den Briefwechsel mit
Lotte aufzugeben.

Die Frau Hofrtin schttelte verwundert das Haupt und dachte: Wie doch
die Mdchen von heute ganz anders sind! Ich wrde an Lottes Stelle meine
Liebe nicht berwunden haben!

                   *       *       *       *       *

Die Weltpresse, einst das Blatt des liberalen Brgertums, jetzt das
Hauptorgan der christlichsozialen Partei, erhielt eine Zuschrift von dem
Besitzer des Hauses Billrothstrae 19, in der in scharfer und logischer
Weise gegen den Fortbestand des Mieterschutzgesetzes Stellung genommen
wurde. Das Mieterschutzgesetz, hie es in der Zuschrift, hatte Zweck
und Sinn, als Wohnungsnot herrschte und die Bevlkerung davor geschtzt
werden mute, durch die Habgier einzelner Hausbesitzer obdachlos gemacht
zu werden. Heute gibt es keinen Mangel an Wohnungen mehr; dank dem
segensreichen Antijudengesetz unseres hochverehrten Bundeskanzlers sind
wieder normale Verhltnisse eingetreten, es ist der notwendige
Ueberschu an Wohnungen vorhanden, und so erbrigt sich dieses
Mieterschutzgesetz, das nur mehr einen brutalen Eingriff in die Rechte
der Hausbesitzer bildet, ja sogar einen Verfassungsbruch. Sicher werden
nach Aufhebung des Gesetzes Steigerungen der Mietzinse eintreten, was
nur gerechtfertigt wre und schlielich der Allgemeinheit zugute kme,
denn von den hheren Mietzinsen sind hhere Steuern zu zahlen und mit
hheren Mietpreisen steigt der Wert der Huser. Es ist charakteristisch,
da es ein in meinem Hause wohnender, vornehmer franzsischer Knstler
ist, der mir sein Entsetzen ber dieses Mieterschutzgesetz ausdrckte.
Er erklrte, da man sich in franzsischen Kapitalistenkreisen ber
dieses Gesetz lustig mache, das unter anderem auch verhindert, da
Auslnder ihr Geld in Wiener Husern anlegen. Also fort mit dem
Mieterschutzgesetz! Die vornehme christliche Gesinnung der Wiener
Hausbesitzer, vor allem aber das Gesetz von Angebot und Nachfrage werden
automatisch ein allzu starkes Hinaufschnellen der Mietpreise
verhindern.

Die Zuschrift erschien an auffallender Stelle in der Weltpresse mit
einem redaktionellen Zusatz, in dem sehr vorsichtig die Ansicht des
geehrten Einsenders gebilligt, ihr aber gleichzeitig auch sanft
widersprochen wurde. Denn man wollte weder die Hausbesitzer noch die
Mieter vor den Kopf stoen.

Von da an begann ein lebhafter ffentlicher Gedankenaustausch, es
hagelte von Zuschriften und immer strmischer wurde der Ruf der
Hausbesitzer nach Aufhebung des Mieterschutzgesetzes, Einrumung des
Kndigungsrechtes und der individuellen Mietsteigerung. Herr Windholz,
der Besitzer des Hauses in der Billrothstrae, war pltzlich eine
gewichtige Persnlichkeit geworden, der Verein der Hausbesitzer whlte
ihn zum Vorstand und tglich kam er zu seinem vornehmen franzsischen
Mieter, Herrn Dufresne, um sich bei ihm Rat zu holen. Herr Strakosch,
_alias_ Dufresne, aber hetzte munter weiter und sagte eines Tages mit
Emphase:

Wenn sich die Hausbesitzer noch weiter diese Versklavung gefallen
lassen, so halte ich sie alle zusammen fr alberne Waschlappen und ich
werde eine Stadt verlassen, in der solche Zustnde mglich sind.

Ja, was sollen wir nur tun, meinte Herr Windholz kleinmtig, wenn die
Regierung absolut unseren Wnschen nicht entsprechen will?

Was Sie tun sollen? Ich werde es Ihnen sagen! Heute noch trommeln Sie
Ihren Verein zusammen und fassen den Beschlu, der Regierung ein
dreitgiges Ultimatum zu stellen. Stellt sie bis dahin die Freizgigkeit
im Wohnungsverkehr nicht wieder her, so wird von den Hausbesitzern
gestreikt! Sie fhren keine Steuern ab, unterlassen die Hausbeleuchtung
und Reinigung, verweigern die Bezahlung der Hypothekarzinsen, kurzum,
Sie sabotieren den Staat!

Herr Windholz war begeistert, umarmte den Franzosen und versicherte ihm,
da er keinesfalls im Zinse gesteigert werden wrde.

Es geschah ganz nach dem Programm des Herrn Dufresne. Der Verein der
Wiener Hausbesitzer beschlo einstimmig das Ultimatum und die Regierung
fiel um. Vergebens versicherte Doktor Schwertfeger, da die Aufhebung
des Mieterschutzgesetzes die unheilvollsten Folgen haben werde, er wurde
von seinen Ministerkollegen berstimmt. Wie die Arbeiter-Zeitung
boshaft behauptete, in erster Linie deshalb, weil der Finanzminister,
der Unterrichtsminister und der Handelsminister mehrfache Hausbesitzer
waren.

Das Mieterschutzgesetz, das den Hausbesitzern sowohl die Kndigung der
Mieter als die willkrliche Erhhung der Mietpreise untersagte, fiel
also, und vierundzwanzig Stunden spter fand eine strmische
Generalversammlung der Hausbesitzer statt, in der beschlossen wurde, die
derzeitigen Mietpreise der Teuerung halbwegs entsprechend auf das
Tausendfache zu erhhen. Eine Art Rtlischwur verpflichtete zur
unbedingten Einhaltung dieses Beschlusses.

Die Bevlkerung, die ja nur zum geringsten Teile aus Hausbesitzern
besteht, geriet in Tobsucht. Arbeiterfamilien muten nunmehr eine halbe
Million im Jahr fr ihre Wohnung bezahlen, eine kleine Mittelstandswohnung
kostete nicht unter einer ganzen Million! Die Organisation
der Hausfrauen, die Gewerkschaften, der Verband der Festangestellten,
die Kriegsinvaliden und Kriegswitwen, der Bund der Gewerbetreibenden,
sie alle veranstalteten Massendemonstrationen, und durch
volle acht Tage wurde in Wien und den Provinzstdten berhaupt
nicht gearbeitet, sondern vom Morgen bis in die Nacht demonstriert. Die
Zahl der eingeschlagenen Fensterscheiben wuchs erschreckend, und zum
erstenmal seit einer geraumen Anzahl von Jahren hrte man auf der Strae
den Ruf:

Nieder mit der Regierung!

Die christlichen Bltter ebenso wie die deutschnationalen verloren
massenhaft Leser, whrend der Weizen der Arbeiter-Zeitung wieder zu
blhen begann.

                   *       *       *       *       *

Herr Zwickerl war schlechter Laune und stocherte wtend in seinem
Kirschenstrudel umher, der auf dem Teller vor ihm lag. Frau Zwickerl sah
Sturm kommen und beugte vor.

Anton, was is dir denn wieder ber die Leber gelaufen? Geht das
Geschft nicht?

Das war fr Herrn Zwickerl zu viel. Er schob den Kirschenstrudel fort,
wurde rter im Gesicht als die Kirschen im Strudel und brllte:

Oh ja, das G'schft geht! Zum Teufel nmlich geht es! Damit du nur
weit, Konkurs mu ich ansagen!

Jessasmariandjosef! kreischte Frau Zwickerl auf. Wie ist denn das
mglich?! Es ist doch immer g'steckt voll im Laden und alle Leut'
glauben, da du eine Goldgruben von dem Juden, dem Lener, bernommen
hast!

Ja, hhnte Zwickerl, eine Goldgruben voll mit Dreck! Je mehr die
Leut' kaufen, desto mehr verlier' ich! Weit was? Daran san die
verfluchten Valuten schuld! Kronen, schbige Kronen krieg' ich herein
und Mark und tschechische Kronen und Franken fliegen hinaus. Zehntausend
Meter Batist kauf' ich in Reichenberg und nach acht Tagen kommt der
Verkufer von der Abteilung und strahlt ber das ganze blde Gesicht und
sagt: Herr Zwickerl, die Ware fliegt einem nur so aus der Hand! Morgen
haben wir nicht mehr einen Meter im Haus!

Schn, denk' ich mir und geh' in die Buchhaltung, und wie wir
nachrechnen, sehen wir, da ich, weil die tschechische Krone wieder
gestiegen ist, bei jedem Meter tausend Kronen verloren hab'. Und das ist
nur ein Beispiel von hunderten. Ich schlag' eh' bei jeder War' schon
dreihundert Prozent auf und trotzdem, die Krone fllt rascher, als ich
aufschlagen kann, Verluste, nichts als Verluste, und die Lnderbank, die
mir das Kapital zur Uebernahme gegeben hat, fordert Rckzahlung und ich
kann nicht zahlen, weil ich ein riesiges Defizit habe. Im Gegenteil, ich
brauche wieder hundert Millionen, weil ich sonst nicht einkaufen kann!

Herr Zwickerl hatte sich Luft gemacht und war besnftigt. Er zog den
Kirschenstrudel an sich heran und machte ein pfiffiges Gesicht:

Weit, Alte, wir braucheten einfach ein paar jdische Banken, das ist
alles! Frher, als ich noch mein kleines Geschft in der Stumpergassen
gehabt habe, da bin ich alleweil, wenn ich im Ausland kaufen mute, zum
krummen Kohn von der Hermesbank gegangen, wo mein Konto war, und der hat
gesagt: Herr Zwickerl, hat er gesagt, Sie mssen sich jetzt mit Mark
eindecken, weil die Mark steigen wird; oder: die Krone wird fester
kommen, hat er gesagt, kaufen Sie Kronen. Und immer ist es richtig so
gewesen und ich hab' nicht nur an der Ware, sondern auch noch an der
Valuta verdient! Aber jetzt -- die Affen, die jetzt in der Bank
beieinandersitzen, kennen sich selber net aus und i kenn' mi' auch net
aus und alles geht kaput, sag' ich dir!

Herr Zwickerl gehrte zu den vielen kleinen Geschftsleuten, die durch
das Antijudengesetz mchtig in die Hhe gekommen waren. Mit Hilfe der
urchristlich gewordenen Lnderbank hatte er, der kleine Dutzendkaufmann,
das groe Warenhaus in der Mariahilferstrae an sich bringen knnen, und
das erste Halbjahr war alles eitel Wonne gewesen. Wenn Herr Zwickerl auf
der Galerie des Kaufhauses stand und auf den Menschenschwarm hinabsah,
kam er sich wie ein kleiner Knig vor und er berauschte sich ordentlich
an dem Klingeln der Registrierkassen, dem Knistern der Seide und dem
Stimmengewirr. Und allabendlich leerte er beim Nachtessen sein Weinglas
auf das Wohl des Schwertfeger, und immer wieder sagte er zu seiner Frau,
die jetzt nur mehr in Glachandschuhen kochte:

Alte, da sieht man es am besten, wie uns die Juden ausgesaugt haben!
Die Juden haben die groen Geschfte gehabt und wir Christen konnten im
finsteren Laden schuften und darben. Gottlob, da das aufgehrt hat!

Aber schon die erste Semestralbilanz brachte dem Herrn Zwickerl arge
Enttuschung. Trotz der enormen Umstze und des gefllten Kaufhauses war
von einem Gewinn keine Rede, immer wieder hatte man sich beim Einkauf im
Ausland so oder so verspekuliert. Und mehr als einmal hatte Herr
Zwickerl in sich hineingeseufzt: An ordentlichen Juden, wenn ich htt',
der was mich beraten tt'!

Herr Zwickerl mute tatschlich Konkurs anmelden, das Geschft wurde
geschlossen und von einem Grundbesitzer aus der Gumpoldskirchner Gegend
bernommen, der aus dem groen Haus eine riesige Stehweinhalle machte.

In den Jahren, die dem Kriegsende und dem Umsturz gefolgt waren, hatte
sich Wien immer mehr zur Zentrale des mitteleuropischen Luxus
entwickelt und das Leben gewisser Schichten eine Ueppigkeit angenommen,
die in der ganzen Welt als beispiellos besprochen wurde. Die breiten
Massen der Wiener Bevlkerung aber, nicht nur die Arbeiter, sondern auch
das mittlere Brgertum, hatten zhneknirschend gesehen, wie sich die
fremden Elemente, vor allem die Juden aus Galizien, Rumnien und Ungarn,
als Herren Wiens aufspielten, mit dem fr sie fast wertlosen
sterreichischen Geld um sich warfen, Champagner tranken, wo der kleine
Mann kaum noch das Glas Bier zahlen konnte, ihre Weiber mit Perlen und
Pelzen behngten, whrend die wirklich gute Gesellschaft den alten
Familienschmuck stckweise verkaufen mute, in prachtvollen
Luxusautomobilen durch die Straen rasten, den bodenstndigen Wienern
die Wohnungen wegnahmen und mit ihrem lrmenden protzigen Gehaben die
alte kultivierte Stadt erfllten.

Als die Juden fortgetrieben waren, nderte sich das alles von Tag zu Tag
auf das grndlichste. Der sinnbetrende Luxus verschwand, der Wiener
Ausverkauf stockte, man mute sich nicht mehr anstellen, um einen Platz
im Opernhaus zu ergattern, das Leben wurde stiller, solider, einfacher.
Bis es sich zeigte, da eine Stadt wie Wien ohne Luxus nicht leben kann.
Zuerst hatten die christlichen Geschftsleute, die die Kauflden der
Juden bernahmen, sich auch deren Automobile bemchtigt, es schien der
Wohlstand derselbe geblieben zu sein und nur eine Umgruppierung erfahren
zu haben, und der Jubel, mit dem die Wiener es begrten, da sie nicht
bei jedem Schritt auf jdische Schieber stoen muten, war ebenso
ehrlich als begreiflich. Als dann aber bald die Krone wieder ins
Uferlose fiel und die Teuerung neue Wellen zog, als alles das, was eben
auf uersten Luxus eingestellt war, wie die vornehmen Geschfte, die
Kabaretts, die Theater, die frstlichen Restaurants und Bars, einging,
als die Arbeitslosigkeit um sich griff und der Export nach dem Ausland
immer geringer wurde, da begann auch das uere Leben flgellahm zu
werden. Die Zehntausende von Automobilen, die aus jdischen Hnden in
christliche bergegangen waren, wurden fr eine Handvoll Lire oder
Franken ins Ausland verkauft, weil bei dem schlechten Geschftsgang das
Benzin unerschwinglich wurde, die Kunsthndler klagten ber vllige
Geschftslosigkeit, das Defizit der Staatstheater wuchs riesenhaft,
christliche Knstler und Gelehrte von Ruf, vor allem aber die groen
Aerzte, zogen ins Ausland, weil das Inland ihnen nicht mehr die Honorare
bezahlen konnte und wollte, die sie von den jdischen Zeiten her gewohnt
waren.

Und unaufhaltsam griffen Mimut, Unzufriedenheit und die Erkenntnis, auf
einer abschssigen Bahn zu gehen, um sich.

                   *       *       *       *       *

An einem herrlichen Junitag ging Leo Strakosch als Franzose Dufresne
nach dem Stadtpark, um wieder einmal Fhlung zum Wien von heute zu
bekommen. Sonst verlie er den neunzehnten Bezirk kaum, da er entweder
in seinem Atelier arbeitete oder aber mit Lotte ausgedehnte Spaziergnge
im Wienerwald unternahm. Als er heute nun zwischen den dichtbesetzten
Tischen um den Kursalon herum spazierte, war er so belustigt, da er
laut auflachte.

Um Himmels willen, was ist aus meinem schnen eleganten Wien geworden!

Die Mode des Alpenkleides und Touristenanzuges schien allgemein geworden
zu sein; so weit das Auge reichte, sah er alte und junge Herren in
Loden, Kniehosen und mit dem grnen Steirerhtl auf dem Kopf. Und die
Damen! Die Mehrzahl trug Dirndlkostme, die ja im freien Gelnde sehr
nett und anmutend wirken, hier aber wie Karikaturen, wie schlechte Witze
erschienen. Man war eben sehr bescheiden geworden, und vor allem bildete
man ja eine einzige groe Familie, war unter sich und hatte es nicht
notwendig, sich herzurichten.

Hie und da sah man auch noch elegant gekleidete Damen und Herren; sie
fielen aber auf, man konnte von den Aelpler-Tischen bissige Bemerkungen
ber sie hren, und Strakosch wurde es fast unheimlich zumute, als er
sah, wie ihn dieses oder jenes Dirndl durch ein Lorgnon anstierte,
wahrscheinlich nur deshalb, weil sein dunkelblauer Anzug, die
Lackstiefel und die kostbare Seidenkrawatte auffielen.

Die elektrische Straenbahn, stdtische Musik und Dirndln, die ein
Lorgnon tragen -- Leo schttelte sich. Er eilte aus dem Stadtpark fort
ber die Ringstrae, fand auch das Bild, das die Kaffeehuser boten,
trostlos, grinste, als er wahrnahm, da die meisten Leute einander mit
Heil begrten und mute lange suchen, bis er ein Autotaxi fand. Denn
auch diese Mietwagen waren ein Luxus geworden, der so wenig Benutzer
hatte, da die meisten ihr Geschft aufgaben.

Spt abends, als die Sonne schon langsam unterging, traf er Lotte
verabredetermaen am Rande des Kobenzlwaldes. Sie lieen sich auf einer
Bank nieder, und nachdem sie sich sattgekt, erzhlte Lotte, da ihre
Eltern beschlossen hatten, schon in der nchsten Woche nach ihrer
kleinen Villa am Wolfgangsee zu bersiedeln.

Was soll nur aus uns werden, klagte Lotte, wie soll ich es ertragen,
dich den ganzen Sommer nicht zu sehen?

Davon kann auch keine Rede sein, Lieb. Ich werde eben auch ausspannen,
und wenn du in St. Gilgen bist, werde ich in Wolfgang wohnen und jeden
Tag wirst du herberkommen und wir werden wenigstens eine Stunde
beisammen sein.

Hm, meinte Lotte vergngt, das lt sich ja hren! Aber jetzt mu ich
dir auch sagen, da ich gestern eine Auseinandersetzung mit Papa hatte.
Stelle dir nur vor, pltzlich sah mich Papa scharf an und sagte sehr
ernst: Lotte, wo treibst du dich eigentlich neuerdings immer stundenlang
allein herum? Du weit, wir lassen dir alle mgliche Freiheit, aber was
zu viel ist, ist zu viel!

Also, ich fhlte, wie ich blutrot wurde und dachte, das beste ist, ich
beichte.

Was, unterbrach sie Leo entsetzt, du hast deinem Vater erzhlt...?

Ausreden lassen, Aff', lachte Lotte und zwickte ihn in das Ohr. Ich
beichtete also, aber natrlich nur das, was mir pate. Ich sagte dem
Papa, da ich bei der Erna einen sehr feinen jungen Mann kennen gelernt
habe, den ich ebenso gut leiden mag, wie er mich und da ich ihn oft
treffe, um mit ihm spazieren zu gehen. Er sei ein Franzose, namens Henry
Dufresne, der hier groe Geschfte mache.

Der Papa war zuerst ganz sprachlos, dann fragte er mich, warum ich den
Franzosen nicht zu uns einlade. Darauf erwiderte ich, da ich meiner
Gefhle noch nicht sicher sei und deshalb der Sache keinen offiziellen
Anstrich geben wolle. Und zum Schlusse meinte ich ganz emprt:

Papa, du weit doch, da du dich auf mich verlassen kannst! Ich tue
sicher nichts Unrechtes, und wenn ich es fr gut und notwendig halten
werde, so wird Henry schon zu euch kommen! Jetzt aber lat mich meine
Wege allein gehen.

Papa war darauf sehr lieb und nett und Mama auch, und spter hrte ich,
wie der Papa der Mama sagte: Ich htte nicht gedacht, da Lotte den
armen Leo so rasch und grndlich vergessen wrde. Aber ich bin sehr
glcklich darber, da sie eine neue Neigung gefat hat und wir wollen
ihr nichts in den Weg legen.

Und Mama, die dich doch so gerne hat, meinte kopfschttelnd: Ich
versteh' das Mdel gar nicht! Sie hat wirklich schon wieder rote Wangen
bekommen und trllert den ganzen Tag umher, als wre ihr nie ein
Herzleid widerfahren.

Weit du, Leo, es ist sicher nicht schn von uns, da wir meine Eltern
so an der Nase herumfhren, aber ich bin ja so glcklich, da du hier in
Wien bist!

Leo zog Lotte an sich, kte sie grndlich ab und sagte dann mit
wichtiger Miene:

Jetzt gehen wir aufs Land, und wenn ich dann wieder hier bin, dann
werde ich die ganze Stadt an der Nase herumzerren, aber tchtig, sage
ich dir! Mehr kann ich dir heute noch nicht verraten, aber du wirst
deine Wunder erleben!

Dieser Sommer trstete die Wiener zum zweitenmal fr das viele Ungemach
und die argen Enttuschungen, die sie erleben muten. Gerade die
schnsten Pltze und Orte in dem klein gewordenen Oesterreich waren in
den frheren Jahren zum Pachtgut der Juden geworden. Das ganze herrliche
Salzkammergut, das Semmeringgebiet, sogar Tirol, soweit es einigen
Komfort bot, waren von sterreichischen, tschechoslowakischen und
ungarischen Juden berflutet gewesen; in Ischl, Gmunden, Wolfgang,
Gilgen, Strobl, am Attersee und in Aussee erregte es direkt Aufsehen,
wenn Leute auftauchten, die im Verdacht standen, Arier zu sein. Die
christliche Bevlkerung, zum Teil weniger im Ueberflu schwelgend, zum
Teil auch groen Geldausgaben konservativer gegenberstehend, fhlte
sich nicht ohne Unrecht verdrngt und mute mit den billigeren, aber
auch weniger schnen Gegenden in Niedersterreich, Steiermark oder in
entlegenen Tiroler Drfern vorlieb nehmen. Das war seit der
Judenvertreibung anders geworden. Es gab in den schnsten Sommerfrischen
keine Ueberfllung, die Stdter bekamen auf ihre Nachfragen hfliche und
eilige Antworten, und trotz der sonstigen Teuerung waren die Wohnungs-
und Zimmerpreise erheblich billiger als vor zwei Jahren. Und so
schwrmte denn alles, was Geld und Zeit hatte, in jene Gegenden, die dem
bodenstndigen Wiener frher verleidet worden waren.

Die Besitzer der groen Etablissements, Kuranstalten und sogenannten
Sanatorien schnitten allerdings sauere Mienen. Sie hatten immer von dem
internationalen Judentum gelebt, ihr ganzer Betrieb war auf jene
Menschen eingestellt, die nicht rechnen, wenn es sich um ihre
Behaglichkeit handelt, und nun fanden sie, da sie auch bei gutem Willen
nicht billig sein konnten, nicht gengend Gste. Die groen
Semmeringhotels erffneten ihre Betriebe berhaupt nicht mehr und viele
Hotels im Salzkammergut und Tirol sahen sich mitten im Sommer gentigt,
zu sperren und ihr Personal zu entlassen. Das war ein Wermuttropfen im
Becher der Freude und machte bses Blut unter der Landbevlkerung, die
gewohnt war, ihre Produkte zu enormen Preisen den groen Hotels zu
verkaufen und ihre Tchter und Shne im Sommer ein schweres Stck Geld
als Stubenmdchen und Hausdiener verdienen zu lassen.

Der Brgermeister von Semmering hatte den Mut, es in einer
Gemeinderatssitzung offen herauszusagen:

Mit den Juden hat man bei uns den Wohlstand vertrieben, ein paar Jahre
noch und wir werden zwar gute Christen, aber bettelarm sein!

                   *       *       *       *       *

Als der Sommer vorber war und der Herbst die Bltter frbte, begann in
fast schon gewohnter Weise die Krone neuerlich zu fallen und die
Teuerung anzusteigen. Die Preise wurden phantastisch, selbst reiche
Leute scheuten die Anschaffung eines neuen Kleidungsstckes, die
Arbeiter, die Angestellten, ja auch die Arbeitslosen stellten neue
Forderungen, eine Fahrt auf der Straenbahn kostete schon tausend Kronen
und ein Kilogramm Butter fnfzigtausend.

Unter allgemeiner Verbitterung, Nervositt und Unruhe trat im Oktober
die Nationalversammlung zusammen, und das Gesicht des Kanzlers Doktor
Schwertfeger sah zerklftet, durchfurcht, vergrmt aus. Als er sprach,
herrschte nicht jene weihevolle Ruhe wie frher, sondern es wurden Rufe,
Zwischenbemerkungen laut, sogar die Galerie machte sich durch Oho-Rufe
bemerkbar und die kleine Opposition der Sozialdemokraten lie sich nicht
mehr einschchtern, sondern griff immer wieder in die Debatte ein.

Schwertfeger gab einen Ueberblick ber die trostlose finanzielle Lage
des Landes und fuhr dann fort:

Ich mu es rund heraussagen: Groe und schwere Opfer stehen der
christlichen Bevlkerung Oesterreichs bevor. (Zwischenruf von der
Galerie: Natrlich nur den Christen, da wir ja die Juden
hinausgeschmissen haben!) Opfer, die mit Mannesmut und Brgertreue
geleistet werden mssen! Die Regierung braucht zur Fortfhrung der
Geschfte Geld, und da wir vom Auslande keine weiteren Kredite bekommen
knnen, mssen wir die Unsummen, die die Verwaltung, die Verzinsung der
Schulden und die Untersttzung der Arbeitslosen verschlingt, durch neue
Steuern, direkte und indirekte, hereinbringen. (Groe Unruhe im ganzen
Hause.)

Meine Herren und Damen, ich wei, da die Bevlkerung schwer enttuscht
ist und ich bin es mit ihr. Wir alle haben eben die Schwierigkeit der
Uebergangswirtschaft unterschtzt, wir alle dachten, da die
christlichen Brger sich besser auf die Beherrschung der Finanzen und
des Geschftslebens einstellen wrden, die ganz in Hnden der Juden
waren. Aber was sind solche Enttuschungen gegenber dem ungeheuren
Ziel, das wir uns gesteckt haben, dem Ziel, Oesterreich seiner arischen
Bevlkerung wiederzugeben, ein Land aufzurichten, das frei von
Wuchergeist, frei von jdischem Skeptizismus, frei von jenen
zersetzenden Eigenschaften und Elementen ist, die das Judentum
reprsentieren!

Zum Schlu stellte der Kanzler mit erhobener Stimme die Vertrauensfrage.

Im Namen der kleinen sozialistischen Fraktion sprach Doktor Wolters
gegen die Kreditgewhrung, gegen die Gutheiung der Regierungsplne,
gegen das Vertrauensvotum. In krassen Farben schilderte er die
zunehmende Verelendung, die Gefahr des unmittelbar bevorstehenden
Staatsbankerottes, die Verdung des wirtschaftlichen und geistigen
Lebens. Er sagte unter anderem:

Der Herr Bundeskanzler hat vor mehr als zwei Jahren, als er sein
Antijudengesetz begrndete, unsere Bevlkerung bieder, einfltig und
ehrlich genannt und behauptet, da sie der Konkurrenz der berlegenen
Juden nicht gewachsen sei. Er hat nur eines bersehen: Da wir biederen,
ehrlichen und einfachen Oesterreicher auch ohne Juden von Vlkern
umgeben sein werden, die uns jetzt, wo wir die Juden nicht mehr haben,
erst recht berlegen sind. Wo ist der mitteleuropische Handel
hingekommen, seitdem die Juden weg sind? Wir haben ihn verloren, denn
die Juden haben ihn nach Prag und Budapest mitgenommen. Was ist aus der
blhenden Konfektions-, Galanterie- und Mode-Industrie geworden? Sie ist
fast spurlos verschwunden, weil sie von der Biederkeit und Ehrlichkeit
allein nicht leben kann, sondern den jdischen Konsumenten aus aller
Herren Lnder braucht, der das leicht verdiente Geld auch leicht wieder
ausgibt. Heute zeigt es sich, da wir der Juden nicht entraten
knnen----.

Strmische Rufe unterbrachen den sozialistischen Fhrer. Die
Christlichsozialen und Deutschnationalen tobten, schrien Hinaus mit dem
gekauften Judenknecht und der Tumult wurde so gro, da der Prsident,
der Tiroler mit dem roten Bart, die Sitzung unterbrechen mute. Als er
sie wieder erffnete, erteilte er dem Doktor Wolters eine Rge, weil er
durch seine Worte das christliche Gefhl der Abgeordneten schwer
verletzt und den Versuch gemacht habe, die Grundfesten des neuen Staates
zu erschttern.

Schlielich wurden alle Regierungsantrge gegen die Stimmen der
Sozialisten angenommen. Aber viele Abgeordnete hatten sich vor der
Abstimmung entfernt und Schwertfeger sagte spter seinem Prsidialisten
mit grimmigem Lcheln:

Diesmal sind sie davongelaufen, das nchstemal werden sie gegen mich
stimmen, die Erfolghascher, Konjunkturisten, die gestern Hosianna
schrieen und morgen _crucifige_ rufen werden!

                   *       *       *       *       *

Seltsame, mysterise Dinge ereigneten sich. Eines Morgens standen am
Schottentor vor einer Litfasule, desgleichen vor der Oper, am
Stubenring und an anderen Pltzen Hunderte von Mnnern und Frauen vor
kleinen, mit einem Reisnagel befestigten Plakaten im Oktavformat, die
folgende Inschriften enthielten:

Wiener, Oesterreicher! Rafft euch auf, bevor Ihr alle zugrunde gegangen
seid! Mit den Juden habt Ihr den Wohlstand, die Hoffnung, die
Zukunftsmglichkeit ausgewiesen! Fluch den Volksverfhrern, die euch
irregeleitet haben!

    Der Bund wahrhaftiger Christen.

Die Menschen lasen einander die frechen Worte vor, viele schimpften und
behaupteten, da Freimaurer das getan haben muten, andere entfernten
sich wortlos, wieder andere hatten den Mut, zustimmende Aeuerungen zu
tun und die Anderssprechenden trotzig anzusehen.

Nach einigen Tagen erschienen an verschiedenen Pltzen neue Plakate mit
den Worten:

Wien verdorft! Wiener, seht Ihr es denn nicht? Noch ein paar Jahre und
aus der alten, ehemaligen Kaiserstadt wird ein schbiges, vergessenes
Nest geworden sein!

Das ging den Leuten, die nun den Inhalt des Plakates auch aus der
Arbeiter-Zeitung vernahmen, auf die Nerven, allenthalben wurde man
unruhig. War nicht etwas Wahres an dieser neuen Behauptung des
mysterisen Bundes wahrhaftiger Christen? Leidenschaftliche Diskussionen
wurden darber in Versammlungen, im Wirtshaus, in der Straenbahn
gefhrt, aber das Wort von der Verdorfung Wiens blieb irgendwie in der
Luft hngen, wurde geflgelt, man bekam es berall zu hren, ja sogar
die christliche Weltpresse schrieb am Schlu eines Leitartikels ganz
unwillkrlich: Wir mssen alles tun, um der Verdorfung zu entgehen!

Die Polizei wurde von der erbosten Regierung aufgefordert, den
Uebeltter aufzuspren, der die Plakate anschlug. Vergebliche Mhe! Alle
paar Tage kamen neue zum Vorschein, immer an anderen Pltzen, an
Haustoren, Kirchenportalen, ja einmal hing je eines an den Toren des
Kanzlerpalais, des Polizeiprsidiums und des Parlamentes. Und immer
enthielt das kleine Plakat in wenigen Worten eine wirksame Polemik gegen
die Regierung, eine suggestive Aufhetzung der Bevlkerung. Die
Arbeiter-Zeitung war jedesmal in der Lage, schon in ihrer
Morgenausgabe den Inhalt des Pamphlets, das heute angeschlagen werden
wrde, zu verffentlichen, weil ihr ein Exemplar schon am Tage vorher
mit der Post gebracht wurde.

Schlielich geriet ganz Wien in Aufregung, man sprach fast von nichts
anderem, zerbrach sich den Kopf darber, wer hinter diesem
geheimnisvollen Bund wohl stecken mge, die Zahl derer, die dem Inhalte
der kleinen Aufrufe zustimmten, wuchs von Woche zu Woche, die
sozialdemokratischen Versammlungen bekamen wieder einen ungeheuren
Zulauf und der Nimbus des Kanzlers sank ersichtlich.

Lotte war eines Nachmittags frher zu Leo gekommen, als er sie erwartet
hatte. Da sie einen eigenen Schlssel zu der Wohnung besa und Leo sie
nicht wie sonst im Wohnzimmer erwartete, ging sie direkt in das Atelier.
Leo warf rasch ein Tuch ber einen kleinen Holztisch und begrte sie
dann ein wenig verlegen.

Lotte zog ihn beim Knebelbrtchen, sah ihm in die braunen Augen und
sagte dann:

Du, Leo, du hast da soeben etwas vor mir verbergen wollen! Was befindet
sich dort unter dem Tuch?

Leo lachte herzlich.

Mdel, du hast Augen wie ein Luchs! Also, dann will ich dir mein
Geheimnis eben schon heute anvertrauen.

Er zog das Tuch fort und Lotte erblickte neben einem Typenkasten und
einer Miniatur-Handpresse einen Sto frisch gedruckter Zettel. Erstaunt
las sie:

Wiener, geht es euch heute besser oder schlechter als zur Zeit der
Juden? Ueberlegt in Ruhe und Ihr werdet euch die richtige Antwort geben!
Wir alle haben einst geschrien: Hinaus mit den Juden! So schreien wir
heute: Herein mit jenen Juden, die ehrlich und treu mit uns arbeiten
wollen.

    Der Bund der wahrhaftigen Christen.

Verblfft, verwirrt, verstndnislos lie Lotte das Papier fallen und
ergriff einen anderen Zettel, auf dem gedruckt stand:

Wir sehnen uns nicht nach den kulturfernen Ostjuden. Aber die
intelligenten, klugen, wertvollen Juden, die schon vor dem Jahre 1914
unsere Mitbrger waren, mssen wir wieder mit offenen Armen aufnehmen,
wenn wir nicht rettungslos verelenden wollen! Auf zur Tat, bevor es zu
spt ist!

    Der Bund der wahrhaftigen Christen.

Fragend sah Lotte ihren Brutigam an.

Dieser hob sie zu sich empor, kte sie auf die Nasenspitze und lachte
wieder aus vollem Halse.

Na, Tschapperl, verstehst du noch immer nicht? Der Bund der
wahrhaftigen Christen, der seit Wochen Wien verrckt macht, bin ich! Und
ich werde nicht aufhren, bevor nicht der groe Wirbel eingetreten ist.
Die zwei neuen Plakate werden wirken, sag ich dir! Das sind meine Gas-,
Stink- und Leuchtbomben, mit denen ich tte, ersticke und erleuchte.

Lotte zitterte.

Leo, wenn du dabei erwischt wirst, so ist es um dich geschehen!

Wenn, wenn! Aber man wird nicht! Ich habe eine wunderbare Technik beim
Befestigen der Zettel! Ich schlendere morgens an einem Tor oder einer
Wand vorbei, und im Gehen, ohne auch nur eine Sekunde mich aufzuhalten,
treibe ich den Nagel ein, an dem der Zettel schon hngt! Und selbst,
wenn die Polizei die Zettel wenige Minuten spter wieder abreit, so
schadet das nicht, weil die Arbeiter-Zeitung den Inhalt schon
abgedruckt hat. Verla dich auf mich, mein Lieb, es mu das geschehen,
ich gehe einen genau vorgezeichneten Weg und nehme mich ohnedies
hllisch in acht.

Lotte sa auf dem groen Zeichentisch, baumelte mit den schlanken Beinen
und sagte nachdenklich:

Weit du, Leo, du hast schon sehr viel erreicht, glaube ich. Gestern
war bei uns grere Gesellschaft. Zehn Herren und Damen waren da und es
wurde fast ununterbrochen von der Judenausweisung und ihren Folgen
gesprochen. Und alle, darunter auch der Hofrat Tumpel, waren darin
einig, da man sich mit der Ausweisung eines Teiles der Ostjuden, und
zwar jenes Teiles, der eine anstndige Beschftigung nicht nachweist,
htte begngen mssen. Hofrat Tumpel, der vor einem Jahr noch wtend
wurde, wenn man mit dem Bundeskanzler nicht ganz einverstanden war,
sagte schlielich:

Ja, ja, es scheint, als wenn man da in einen hchst komplizierten
Mechanismus allzu brutal eingegriffen htte! Gewisse nicht zu
unterschtzende jdische Eigenschaften fehlen uns ganz bedenklich!

Dazu ist allerdings zu bemerken, da der Bruder des Hofrates die
Buchhandlung in der Seilergasse besitzt, die sich nur mit dem Vertrieb
von Luxusbchern und Kunstdrucken befat. Seit die Juden weg sind, macht
er gar keine Geschfte mehr und sein Bruder, der Hofrat, hat schon
zweimal groe Summen opfern mssen, um ihn vor dem Bankerott zu
bewahren. Und noch etwas, Leo: Ich halte doch immer, in der Frh', wenn
ich einkaufe, und im Konzert und in der Oper und der Straenbahn die
Augen und Ohren offen. Und ich hre, wie die Leute immer mehr mit Wehmut
an die Vergangenheit zurckdenken und von ihr wie von etwas sehr Schnem
sprechen. Damals, wie die Juden noch da waren, das kann man tglich
zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehssigen, hren. Weit du, ich
glaub', die Leute bekommen ordentlich Sehnsucht nach den Juden!

Leo prete das kluge Mdchen an sich. Und ich will das Meinige tun, um
diese Sehnsucht unwiderstehlich zu machen.

Aber sei recht vorsichtig, Leo, bedenk', da, wenn man dich umbringt,
es auch mein Leben kostet!

                   *       *       *       *       *

Traurigere Weihnachten hatte Wien noch nie erlebt. Der ungeheuerlichen
Teuerung stand der vollstndige Stillstand des Lebens gegenber. Die
Teuerung allein htte die guten Phaken nicht anfechten knnen. Sie
waren sie ja schon seit einem Dezennium gewhnt, und ob das Viertel Wein
nun zehntausend oder fnftausend Kronen kostete, war schlielich egal,
wenn man genug verdiente, wenn der Arbeiter hohen Lohn bekam und der
Kaufmann abends die Kasse voll mit Zehntausendern hatte. Jetzt war das
aber nicht mehr der Fall. Die enormen Banknotenmassen blieben bei den
Bauern liegen, in den Stdten herrschte vollstndige Kaufunlust, ein
groer Teil der Arbeiter feierte und war auf die staatliche
Untersttzung angewiesen, und in der Weihnachtsnummer verffentlichten
die Zeitungen Statistiken, aus denen hervorging, da seit zwei Jahren
allein in Wien an die fnftausend Bankfilialen, Kaffeehuser,
Restaurants und Geschfte geschlossen hatten. Neuerdings trat ein
Riesenkrach nach dem anderen in der Industrie ein, Aktiengesellschaften,
die man noch vor kurzem fr bombensicher gehalten hatte, erklrten sich
insolvent und man sprach sogar von dem baldigen Zusammenbruch zweier
Grobanken.

Was nutzte es den Wienern unter solchen Umstnden, da sie berall Platz
hatten, sogar an den Weihnachtsfeiertagen die Theater nicht ausverkauft
waren und man nicht mehr den aufreizenden Judennasen begegnete? Was
nutzte es, da man zur christlichen Einfachheit zurckgekehrt war und
sich den Vollbart wachsen lie, wenn die Friseurgehilfen massenhaft
entlassen werden muten, weil es keine Arbeit mehr fr sie gab?

Am schlimmsten waren die Juweliere daran. Die meisten waren Juden
gewesen und hatten auswandern mssen, und nun fhrten diese Geschfte
ehemalige kleine Uhrmacher und andere sicher sehr ehrenwerte Leute, die
aber zum hollndischen Edelsteinmarkt, der fast ausschlielich in
jdischen Hnden liegt, keinerlei Beziehungen hatten und bei jedem
Einkauf ber die Ohren gehauen wurden. Schlielich hatte der Einkauf im
Ausland ganz aufgehrt, weil niemand mehr Schmuck wollte, wohl aber der
Andrang derer, die verkaufen muten, immer strker wurde. Langsam aber
sicher wanderte ein groer Teil des inlndischen Juwelenbesitzes in die
Nachbarstaaten, nach England, Frankreich und Amerika, und auch dabei
waren die Juweliere, die diesen Export betrieben, die Leidtragenden.
Wenn ein Juwelier heute eine Perlenschnur fr zehn Millionen aus
privatem Besitz kaufte und sie bald darauf fr dreiig Millionen einem
Amerikaner anhngte, so bildete er sich ein, ein glnzendes Geschft
gemacht zu haben und bego seine Freude mit Wein, lobte den Doktor
Schwertfeger und kaufte eine Fettgans, die nun nicht mehr das
Privilegium der Juden war. Bevor er aber noch die schwere Gansleber
verdauen hatte knnen, waren seine dreiig Millionen nicht einmal die
zehn wert, die er ausgegeben und er besa kein Geld mehr zu neuen
Ankufen.

So war es wahrhaftig kein Wunder, wenn zu Weihnachten eine Welle der
Erbitterung und Unzufriedenheit durch Wien ging und die Silvesternacht
nicht mit Jubel und Radau wie sonst, sondern in Verdrossenheit und
Mutlosigkeit gefeiert wurde.

Und wenn der Bundeskanzler das Gesprch mitangehrt htte, das in der
Weihnachtswoche der Herr Habietnik, Besitzer des groen Modehauses in
der Krntnerstrae, und der Herr Mauler, Inhaber des groen
Juweliergeschftes am Graben, miteinander fhrten, so wre sein Ingrimm
noch grer gewesen, als er es ohnedies war.

Herr Habietnik und Herr Mauler saen im Grabenkaffee und klagten beide
ber das elende Weihnachtsgeschft, das den Ruin Tausender von
Geschftsleuten besiegeln mute. Pltzlich beugte sich Herr Habietnik zu
Herrn Mauler und erzhlte ihm von einem Traum, den er in der vergangenen
Nacht gehabt.

Stellen Sie sich vor, Herr Mauler, i hab' g'trumt, da pltzlich zu
mir ins Geschft lauter Juden und Jdinnen gekommen san. Alle waren
hochelegant und haben Banknotenbndel in den Hnden gehalten und es ist
ein Riesenwirbel entstanden. Die Madeln konnten die Pelze und Stoffe,
die Mntel und Kostme gar nicht schnell genug herbeibringen und die
ganze Modeabteilung war von Seide und Samt, von Spitzen und Stickereien
gefllt. Und nichts war den Jdinnen gut genug und eine sehr eine fesche
jdische Dame hat immer geschrien: Das ist gar nichts! Wir kommen aus
Paris und Palstina, wo die neuesten Moden sind, zeigen Sie das Beste,
was Sie haben. Und da hat meine erste Verkuferin pltzlich eine
Barchenthose gebracht und hat gesagt: Aber meine verehrte gndige
Israelitin, das ist doch das Neueste aus Paris! Und da ist ein
furchtbares Gelchter entstanden, so da ich aufgewacht bin! Glauben S'
nicht, Herr Mauler, da der Traum was zu bedeuten hat?

Herr Mauler aber meinte grinsend:

Ja, er hat zu bedeuten, da bald die ganze Welt ber uns lachen wird
und wir uns in Flanell und Barchent einwickeln werden, bevor wir
begraben werden. Aber das eine wei ich, Herr Habietnik, wenn so
pltzlich vor meinem Laden ein Automobil vorfahren wrde mit einem
jdischen Ehepaar, so tt ich sie beide abkssen und htt' noch einmal
eine Freude am Leben! Wissen Sie, Herr Habietnik, wie ich frher noch
Kommis beim Herrn Zwirner war, der mein Geschft gehabt hat, da hab' ich
mir oft gedacht, da es eigentlich eine Schand' ist, da fast nur die
Juden Geld genug haben, um Brillanten und Perlen zu kaufen. Und einmal
habe ich das auch laut gesagt. Da hat mich der Herr Zwirner angelacht
und gesagt: Herr Mauler, sein Sie kein Narr, sondern froh darber, da
die Juden kaufen und das Geld unter die Leute bringen. Oder mchten Sie
es lieber haben, da auch die Juden ihr Geld vergraben und verstecken
wie die Bauern? Sie werden sehen, wenn das mit dem Antisemitismus so
weitergeht, so werden die reichen Juden auswandern und dann knnen die
Geschftsleute sperren!

Na und jetzt sind nicht nur die reichen, sondern auch die armen Juden
ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!

                   *       *       *       *       *

Bei Spineders war der heilige Abend in der gewohnten patriarchalischen
Weise gefeiert worden. Die Stimmung war aber nicht die beste. Der Hofrat
begann ernstliche Sorgen materieller Art zu haben, die ihm die
Entwertung seines Vermgens bereitete; Frau Spineder konnte sich noch
immer von dem Schrecken nicht erholen, den ihr die Tatsache eingejagt,
da sie fr den Weihnachtskarpfen fnfzigtausend Kronen und fr die
Weihnachtsgans hunderttausend hatte zahlen mssen, und Lotte war
unruhig, weil sie ohne Nachricht von Leo war und doch gehofft hatte, da
er sich irgendwie wenigstens mit einem Glckwunsch melden wrde.

Gerade als mit Andacht der kostbare Fisch verzehrt wurde, lutete die
Haustorglocke und das Stubenmdchen meldete, ein Mann sei da, der dem
gndigen Frulein etwas persnlich zu berbringen habe. Lotte strzte
hinaus, und der in einen Pelz gehllte Mann, der ihr etwas zu bergeben
hatte, kte sie im dunklen Hausflur wie verrckt ab, um ihr dann ein
winziges Pckchen in die Hand zu drcken und eilends wieder zu
verschwinden.

Im Speisezimmer wickelte Lotte das kleine Paket aus und entnahm einem
Lederetui einen Ring mit einer kstlichen, haselnugroen Perle.

Ein Weihnachtsgeschenk von Herrn Henry Dufresne, sagte Lotte, die
purpurrot geworden war, und ein unendliches Glcksgefhl durchstrmte
ihr junges Herz, als sie den Ring ber den Finger zog.

Der Herr Hofrat aber war betreten und erklrte kategorisch:

Lotte, nun aber mu dieser Herr Dufresne sich uns doch endlich
vorstellen und um deine Hand anhalten. Denn ein solcher Ring, den man
einem Mdchen schenkt, ist einfach ein Verlobungsring.

Lachend kte Lotte ihren Vater.

Habt noch ein wenig Geduld! Leo -- Henry sagt, da er sehr bald zu euch
kommen werde.

Die Mama aber schttelte wieder den Kopf und dachte:

Seltsame Zeiten, seltsame Jugend! Liebt einen, vergit ihn und
verwechselt dann seinen Namen mit dem des Nachfolgers!

Im Januar vereinigten sich mehrere groe Konsumentenorganisationen zu
einer Massenversammlung in der Volkshalle des Rathauses unter der
Devise: Wir knnen nicht weiter! Zehntausende von Menschen waren der
Einladung gefolgt und trotz der auerordentlichen Klte standen vor dem
Rathaus ungeheure Menschenmassen, die in der Volkshalle nicht mehr Platz
gefunden hatten.

Die Versammlung bot ein merkwrdiges Bild. Leo Strakosch, der sich
ebenfalls eingefunden hatte, konstatierte, noch niemals so viele
vollbrtige Mnner gesehen und noch nie so viele Heilrufe gehrt zu
haben. Eine andere Staffage und man htte an eine Tiroler
Bauernversammlung zur Zeit des Andreas Hofer denken knnen. Auch
Weiblichkeit war massenhaft vertreten, aber wahrhaftig nicht die
lieblichste, die Wien aufzuweisen hat. Unter allgemeinem Heil-Gebrll
erffnete der Apotheker Doktor Njedestjenski die Versammlung mit der
Feststellung, da es so nicht weitergehen knne. Er vermied es
sorgfltig, die Notlage und Teuerung mit der Judenausweisung in
Zusammenhang zu bringen, sondern gab sich hchst deutschnational und
behauptete, nur die Tatsache, da Oesterreich sich nicht an Deutschland
anschlieen knne, sei schuld an dem jammervollen Niedergang Wiens.
Worauf ein Arbeiter unter schallender Heiterkeit dazwischen rief:

Wir knnen uns ja gar nicht mehr anschlieen, oder glauben Sie, da die
Deutschen auch solche Trotteln wie wir sind und ihre Juden
hinausschmeien werden?

Das brachte den Apotheker aus dem Konzept, er stammelte noch etwas von
deutscher Einheit und deutschem Volksbewutsein, schrie Heil und gab
den Rednern das Wort. Worauf fast nur mehr ber die Juden gesprochen
wurde. Und zwar so, da ein Unkundiger htte glauben mssen, Wien sei
die judenfreundlichste Stadt der Welt. Als ein Weinhndler
antisemitische Tne anschlug, wurde er direkt niedergeschrieen und ein
Zwischenruf: Htten wir lieber von den Juden gelernt, als sie
hinauszujagen! fand groen Beifall. Leo konnte sich nicht lnger
beherrschen. Mit bedenklichem Herzklopfen meldete er sich bei dem
Vorsitzenden zum Wort und bestieg die Rednertribne, whrend er dachte:
Nun, Frechheit, steh' mir bei! Er tat, als wrde er die deutsche Sprache
nur unvollkommen beherrschen, betonte immer wieder, da er als Franzose
eigentlich nicht befugt sei, sich in die Angelegenheiten Oesterreichs zu
mischen, aber von Wohlwollen fr diese unvergleichlich schne und
liebreizende Stadt, der schnsten nach oder mit Paris, erfllt, doch
nicht umhin knne, seiner Meinung Ausdruck zu geben. Worauf die
anwesenden Vollbrte geschmeichelt und die Frauen, von dem schlanken,
hbschen Mann trotz des Knebelbartes entzckt Heil! schrieen. Und dann
fuhr Leo mit franzsischem Akzent fort:

Auch wir in Paris haben sehr viele Juden, gute und schlechte, wertvolle
und schdliche. Jedenfalls sind viele darunter, die alle Hochachtung
verdienen und dem Land von groem Nutzen sind. Niemandem aber wrde es
bei uns einfallen, die Juden ausweisen zu wollen, sondern jeder
versucht, ihre guten Eigenschaften auszuntzen. Ich bin hier nicht zu
Hause und kenne daher die Wiener Juden nicht so genau, kann aber sagen,
da ich in Paris mit sehr vielen aus Wien Ausgewiesenen verkehrt habe,
die einen vortrefflichen Eindruck gemacht haben und sicher sehr bald
gute Franzosen sein werden. Es ist mglich, da zwischen den
sterreichischen Christen und den Juden ein grerer Unterschied ist,
als zwischen den leichtbeweglichen und temperamentvollen Franzosen und
den Juden. Aber gerade deshalb mte doch eine gute Ergnzung mglich
sein. Ich hre, da man den Juden hierzulande den Vorwurf gemacht hat,
das Kapital zu beherrschen und relativ mehr Geld zu besitzen als die
christlichen Brger. Ja, meine Verehrten, daraus geht doch nur hervor,
da sie rascher im Denken und Handeln sind, und eine kluge Regierung
mte solche Eigenschaften fr die Allgemeinheit zu benutzen verstehen.

Strmische Zurufe von allen Seiten: Jawohl, eine gescheite Regierung,
aber wir haben eben eine blde! Recht hat er! Heil! Heil!

Meine Verehrten, sagte Leo lchelnd, ob einem die Juden sympathisch
sind oder nicht, ist eigentlich gleichgltig. Der Sauerteig, der dem
Brotmehl beigegeben wird, schmeckt an sich recht abscheulich und doch
kann ohne ihn kein Brot gemacht werden. So mte man auch die Juden
betrachten. Sauerteig, an sich wenig erfreulich und in zu groen
Quantitten schdlich, aber in der richtigen Mischung unentbehrlich fr
das tgliche Brot. Und ich glaube, da Ihr Brot sitzen bleibt, weil ihm
der Sauerteig fehlt!

Nun heit es aber nicht rsonieren und das, was geschehen ist, beklagen,
sondern zusehen, wie Abhilfe geschaffen werden kann. Wie das in
Oesterreich mglich sein wird, wei ich nicht. In Frankreich wrde in
solchem Falle die Bevlkerung auf Neuwahlen dringen, die zeigen mten,
ob das Volk mit den herrschenden Zustnden zufrieden ist oder sie ndern
will!

Damit trat Leo ab, um rasch in der Menge zu verschwinden. Der
Versammlung hatte sich eine ungeheure Aufregung bemchtigt. Wie ein
Funke in ein Dynamitfa, so hatte das Wort Neuwahlen in die
Menschenmassen eingeschlagen, die riesige Halle erdrhnte von diesem aus
dreiigtausend Kehlen geschrieenen Wort, das sich auf die Strae
fortpflanzte und zum Schlagwort der kommenden Zeit wurde.

Am folgenden Tage fand in der Redaktion der Arbeiter-Zeitung eine
Konferenz der Hauptredakteure und der Vertrauensmnner der Partei statt,
in der zum erstenmal seit Jahren wieder beschlossen wurde, aktive,
energische Politik zu machen und mit dieser Politik aus den
geschlossenen Rumen auf die Strae zu gehen. Der Chefredakteur der
Arbeiter-Zeitung, der ehemalige Federnschmcker Wunderlich, der nach
bestem Gewissen das Erbe Viktor Adlers verwaltete, kam zu folgender
Konklusion:

Wir mssen das Schlagwort dieses merkwrdigen franzsischen Malers, der
unmglich Diefre heien kann, wie ihn der Trottel von Vorsitzenden
niedergeschrieben hat, aufgreifen. Von heute an werden wir in unseren
Blttern, in unseren Versammlungen und Beratungen immer wieder Neuwahlen
fordern. Und nun werden wir unsere Freunde in Frankreich, Holland, der
Tschechoslowakei, in England und Amerika in Aktion setzen und sie
veranlassen, alles zu tun, damit groe Kronenbetrge auf den Markt
geworfen werden. Fllt die Krone neuerdings empfindlich, steigt die
Teuerung, die derzeit stagniert, wieder an, so ist die Lage reif fr uns
und wir werden, wenn es sein mu, die Auflsung der Nationalversammlung
mit Gewalt erzwingen.

                   *       *       *       *       *

In den nchsten Tagen ereignete sich noch etwas, was in den
stramm-christlichsozialen Kreisen groe Bestrzung erregte. Der
Brgermeister von Wien, nach Schwertfeger der mchtigste Mann im Reiche,
Herr Karl Maria Laberl, fiel sozusagen um. Nicht aus eigenem Willen
allerdings, sondern weil ihm sein Prsidialist Herr Kallop ein Bein
stellte. Von diesem Herrn Kallop wute man lngst im Rathause, da er
eigentlich umgekehrt, das heit Pollak, heien mte, weil dies der Name
seines Grovaters war. Und als die Juden noch in Wien gewesen, erzhlte
man in ihren Kreisen, da der alte Pollak ein aus Galizien
eingewanderter Getreidehndler wre, der eine Christin geheiratet habe
und sich deshalb taufen lie. Sein Sohn habe schon den Namen Kallop
angenommen, war ein in christlichen Kreisen angesehener Advokat, der
wieder eine Christin heiratete, so da die Enkelkinder des alten Pollak
nach dem Schwertfegerschen Gesetz als Vollarier anzusehen waren. Josef
Kallop, der Sohn des Advokaten, taugte in seiner Jugend nichts, konnte
seine juristischen Studien nicht beenden und wurde daher mit Erfolg
Magistratsbeamter. An Schlauheit den meisten seiner Kollegen turmhoch
berlegen, brachte er es bald zum Prsidialisten und seit geraumer Zeit
war er die rechte Hand des Brgermeisters Laberl.

Herr Kallop also war es, der den Brgermeister zum Umfallen brachte. Er
machte ihm klar, da ein groer Umschwung bevorstehe.

So geht es nicht weiter, Herr Laberl, das ist Ihnen doch ganz klar. Es
wird demnchst Unruhen geben, ernste Unruhen sogar, und eines Tages wird
die Regierung sozusagen fltengehen. Wenn Sie nicht mit fltengehen
wollen, so mssen Sie sich beizeiten ein wenig umdrehen. Rcken Sie von
Schwertfeger ab, geben Sie zu, da man bei der Judenausweisung zu weit
gegangen ist, und ganz Wien wird pltzlich inmitten des Rummels, der
kommen mu und wird, sagen: Unser Brgermeister, das ist ein Gescheiter,
der lenkt ein und wird uns noch herausreien.

Herr Karl Maria Laberl nickte, strich sich den schnen, weien Bart, war
von seinem berlegenen Verstand schon ganz durchdrungen, fragte aber
einigermaen ngstlich:

Lieber Kallop, das ist ja ganz richtig, was Sie da sagen und entspricht
dem, was ich mir schon lngst gedacht habe. Aber wie soll ich denn das
machen?

Sehr einfach, Herr Brgermeister. Wir berufen eine Versammlung der
christlichsozialen Brgervereinigung des, na, sagen wir ersten Bezirkes
ein, weil dort unter den Geschftsleuten geradezu eine Panikstimmung
herrscht. Und dann halten Sie eben eine Rede, die wir zusammen
ausarbeiten werden.

Und so geschah es, nur da das Zusammenausarbeiten darin bestand, da
Herr Laberl die Rede, die sein Prsidialist niederschrieb, auswendig
lernen mute. Als dann die Versammlung der Brgervereinigung abgehalten
wurde, begrte sie Herr Laberl sehr feierlich, sprach von dem Ernst der
Zeiten, von den Zustnden, die man nicht mehr ertragen knne und sagte
schlielich:

Der Ruf nach Neuwahlen wird immer ungestmer und ich bin der letzte,
der den Ruf nicht hren will. Im Gegenteil, ich persnlich bin dafr,
da man tut, was das Volk will und durch Neuwahlen feststellt, ob die
Bevlkerung Oesterreichs auch jetzt noch gutheit, was die Regierung vor
mehr als zwei Jahren getan, oder ob sie eine radikale Aenderung wnscht.
Ich und wohl mit mir Sie alle, meine Herren, haben nur ein Ziel vor
Augen: Den Wiederaufbau mglich zu machen, das unglckliche Volk aus dem
Labyrinth, in das die Entente aber vielleicht auch schwerwiegende eigene
Irrtmer es gestoen haben, wieder ans Licht des Tages zu fhren. Keine
Dogmatik, kein Fanatismus, keine persnliche Antipathie oder Sympathie
darf uns leiten, meine Herren, sondern lediglich der Ntzlichkeitsgedanke!

Kallop sorgte dafr, da die Rathauskorrespondenz noch in derselben
Nacht die Rede des Brgermeisters im Wortlaut den Zeitungen
bermittelte, und am nchsten Tag wute es sogar der dmmste Kerl von
Wien, da Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment im
Stich lassen werde.

Als Doktor Schwertfeger in den Morgenblttern die nur von der
Arbeiter-Zeitung entsprechend kommentierte Rede des Brgermeisters
las, stieg ihm gallbitterer Speichel in den Mund und er spie aus. Dann
warf er einen langen, verlorenen, glanzlosen Blick vom Fenster ber den
Volksgarten, den jetzt ein weies Leichentuch bedeckte.

Herr Kallop aber rieb sich im Rathaus vergngt die Hnde. Und nachdem er
sich vergewissert, da weder ein Kollege noch ein Amtsdiener im Zimmer
war, sagte er laut und vernehmlich: Maseltoff! und klopfte dreimal
unter den Tisch. Wobei zu bemerken ist, da Herr Kallop eine ppige,
zwar schon zweimal geschiedene, aber dafr mit zahlreichen Millionen
gesegnete Jdin verehrte, die in Prag im Exil lebte. Und er wnschte
nichts sehnlicher, als ihre und ihrer Millionen Rckkehr ins teure
Vaterland, schon deshalb, weil er mit seinem Gehalt als Prsidialchef
unmglich die Teuerung lnger aushalten konnte und auerdem falsch in
polnischer Mark spekuliert hatte.

                   *       *       *       *       *

Der Fasching dieses Jahres konnte die Laune der Wiener nicht verbessern.
Grimmige Klte, viel Schnee, ungeheizte Zimmer, weil der Meterzentner
Kohle hunderttausend Kronen kostete, eine Pleite nach der anderen, der
Zusammenbruch eines groen Bankkonzerns, bei dem viele ihr Geld liegen
hatten.

Die Blle und Redouten standen vollstndig unter dem Zeichen des
Dirndlkostms. Da der Toilettenluxus fehlte, machte man aus der Not eine
Tugend, veranstaltete fast nur Bauernblle, so da Wien eher einem
Kirtag glich als einer Grostadt.

Dazu kam, da Wien vollstndig aufgehrt hatte, eine Theaterstadt zu
sein. Die ersten Krfte der Staatsoper gastierten unaufhrlich im
Ausland, die Philharmoniker absolvierten eben eine Tournee in
Sdamerika, die Privattheater hatten sich in Provinzschmieren mit
unzulnglicher Regie, minderen Krften und veralteten Spielplnen
verwandelt, von auswrts kamen lngst keine Konzertgste mehr, weil
ihnen Wien die groen Gagen nicht zahlen konnte, Zeitungen waren
neuerdings eingegangen, weil die Zahl der Leser immer mehr abnahm und
pltzlich ertnte wieder der Alarmruf: Die Krone fllt!

An den auslndischen Brsen fanden enorme Kronenabgaben statt, so da
Zrich sie bald nur mehr auf ein Dreiigtausendstel Centime bewertete.
Demgem stiegen alle Preise und die Bevlkerung begann in Verzweiflung
zu geraten. Als das Kilogramm Fett eine Viertelmillion Kronen kostete,
erschien wieder das geheimnisvolle kleine Plakat des Bundes der
wahrhaftigen Christen mit den Worten:

Wie lange noch, Wiener, werdet Ihr diese Regierung dulden? Wann endlich
wollt Ihr die Nationalversammlung auseinandertreiben und Neuwahlen
erzwingen?

In den Morgenstunden des nchsten Tages kam es zu Plnderungen auf den
Mrkten, die erbitterten Hausfrauen strmten die Stnde, verprgelten
die Marktfrauen und bemchtigten sich der Waren. In Favoriten nahm der
Tumult einen revolutionren Charakter an, es mute die Reichswehr
aufgeboten werden, die sich aber weigerte, gegen die Frauen vorzugehen.

In der Nationalversammlung, die eben tagte, richteten nicht nur die
Sozialdemokraten, sondern auch einzelne Christlichsoziale und
Grodeutsche Interpellationen an die Regierung, in denen gefragt wurde,
was man zu tun gedenke, um der verzweifelten Bevlkerung zu helfen. Die
Sozialdemokraten stellten einen Dringlichkeitsantrag, die Regierung mge
sofort Neuwahlen ausschreiben, damit das Volk selbst entscheiden knne,
ob es bereit sei, die herrschenden Zustnde noch lnger zu dulden.

Totenbleich erhob sich der Bundeskanzler zu einer Entgegnung:

In diesem Augenblick der allgemeinen Verwirrung Neuwahlen ausschreiben,
hiee das Geschick des Landes den radikalen Elementen ausliefern und den
Juden wieder Tor und Tre ffnen! Das stolzeste und grte Werk, das die
sterreichische Legislatur jemals geschaffen, wrde zusammenbrechen,
weil wir nicht genug Geduld und Aufopferungsfhigkeit haben, um
auszuhalten und die gegenwrtigen Schwierigkeiten zu berwinden. Ich
wei, da das internationale Judentum am Werke ist und sicher arbeiten
Agitatoren, von jdischem Gelde bestochen, daran--

Die weiteren Worte des Kanzlers gingen in dem ungeheuren Tumult
verloren, der nun folgte. Die Sozialdemokraten klopften mit den
Pultdeckeln, die Galerie tobte und schrie, sogar aus den Reihen der
Gesinnungsgenossen kamen Zurufe, wie: Haben Sie Beweise fr Ihre
Behauptungen?

Um sechs Uhr abends wurde noch immer ber den Dringlichkeitsantrag der
Sozialdemokraten gesprochen, die ersichtlicherweise alles taten, um die
Sitzung in die Lnge zu ziehen. Jeder Redner sprach stundenlang; hatte
der eine geendet, so meldete sich ein anderer zum Wort, die meisten
Abgeordneten hrten lngst nicht mehr zu, sondern strkten sich am
Bfett, auch die Ministerbank war leer geworden, nur Schwertfeger sa
mit verschrnkten Armen starr und dster auf seinem Sitz.

Pltzlich kam neues Leben in das Haus. Das Gercht verbreitete sich, da
Arbeitermassen im Anzuge seien, gleich darauf hrte man aus weiter Ferne
die Klnge des Arbeiterliedes, das Jauchzen und Toben erregter
Menschenmassen, bis pltzlich ein einziger Ruf von ungeheurer Strke
durch die geschlossenen Fenster drang:

Nieder mit der Regierung! Fort mit der Nationalversammlung! Wir wollen
Neuwahlen!

Und schon umzingelten dichte Menschenmassen mit ihren Fahnen und
Standarten das Abgeordnetenhaus und immer neue Zge kamen an, die
gesamte Arbeiterschaft Gro-Wiens, die Angestellten und Beamten waren
von den Fabriken und Werksttten, Bureaus und Aemtern in geschlossenen
Gruppen anmarschiert.

Schon donnerten mchtige Schlge gegen die Tore des Hauses, die rasch
geschlossen worden waren, schon prasselte ein Steinhagel gegen die
Fenster, schon hatte sich eine Deputation der Arbeiter gewaltsam Einla
verschafft. Ihr Fhrer, ein Eisenarbeiter namens Strmer, ein gewaltiger
Kerl mit klugen Augen und riesigem Schdel, stellte sich mitten unter
die Abgeordneten, die, von Panik ergriffen, wie die Schafe beim Gewitter
einen geschlossenen Haufen bildeten, und erklrte kurz und bndig:

Das Militr hlt zu uns, die Jungmannschaft unter den Polizisten
ebenfalls! Entweder die Regierung lst innerhalb zehn Minuten das Haus
auf und erklrt, da sofort Neuwahlen ausgeschrieben werden, oder die
Massen gehen mit Gewalt vor. Die Erbitterung der Leute kennt keine
Grenzen, hinter den Arbeitern steht diesmal das Brgertum, es handelt
sich um keine politische Angelegenheit, sondern um Taten der
Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hren Sie nur, wie sie
schreien, man mge das Parlament anznden! Gibt die Regierung nicht
nach, so knnen wir fr nichts garantieren!

Und es geschah, was geschehen mute. Die Minister erklrten nach kurzer
Beratung mit den christlichsozialen und grodeutschen Parteifhrern,
sich dem Terror zu fgen, das Haus auflsen und Neuwahlen sofort
ausschreiben zu wollen. Der Bundeskanzler bot gleich seine Demission an,
aber seine Kollegen und die Parteigren beschworen ihn, sie in diesem
kritischen Augenblick nicht zu verlassen und so willigte er denn ein,
die Zgel der Regierung noch bis zu den Wahlen in seinen Hnden zu
behalten.

Als dem erregten Volke Mitteilung von der Auflsung der
Nationalversammlung gemacht wurde, lste sich die Spannung in ungeheuren
Jubel auf und in der kommenden Nacht wurden die Weinvorrte Wiens ganz
erheblich gelichtet.

Sogar der Franzose Henry Dufresne, der der denkwrdigen Sitzung auf der
Galerie beigewohnt hatte, trank sich allein in seinem Atelier einen
ordentlichen Rausch an. Am nchsten Morgen aber war er wieder frisch und
munter, entwarf eine geniale Skizze, die das Titelbild des
Warenhausromanes von Zola bilden sollte und schwenkte Lotte, die
vormittags schneebedeckt mit kalten roten Backen zu ihm kam, in seinen
Armen durch die Luft.

Lotte war in ausgelassener Laune wie er, denn ihr Papa hatte nach der
Lektre der Morgenbltter sehr ernst gesagt:

Mein Kind, ich sehe schwere Konflikte fr dich kommen! Wenn nicht alles
trgt, so wird Leo Strakosch bald die Mglichkeit haben, nach Wien
zurckzukehren und dann wirst du dich entscheiden mssen: Entweder er,
den du so sehr geliebt hast und der mir ein willkommener Sohn wre oder
dieser mysterise Franzose, den wir noch immer nicht kennen gelernt
haben!

Als Lotte darauf lchelnd erwidert hatte, sie wrde am liebsten beide,
Leo und den Franzosen nehmen, da war Hofrat Spineder ernstlich bse
geworden und hatte sie fr frivol und unmoralisch erklrt. Sie mute
ihre ganze Verfhrungskunst aufwenden, um ihn zu besnftigen.

Und nun sa sie auf dem Scho ihres Geliebten und kte Henry Dufresne
und Leo Strakosch in einer Person mit Feuereifer ab.

                   *       *       *       *       *

Leo, der fast nie Gelegenheit fand, mit irgend jemandem auer mit Lotte
und seiner Aufwartefrau zu sprechen, hatte in der letzten Zeit zwei
Bekanntschaften gemacht, die ihm wichtig dnkten. Die eine bestand in
der Person des Nationalrates Wenzel Krtzl, die andere war der Inhaber
des groen Modehauses in der Krntnerstrae, Herr Habietnik.

Mit Krtzl war Leo auf folgende Weise bekannt geworden: Als er einmal
spt nachts aus dem Kaffeehaus, in dem er die Zeitungen und
Zeitschriften zu lesen pflegte, nach Hause gekommen war, fand er auf dem
letzten Treppenabsatz einen stockbesoffenen Mann liegen, der jmmerlich
weinte und sich vergeblich bemhte, aufzustehen. Leo half ihm in die
Wohnung, die unterhalb seines Ateliers gelegen war und erfuhr bei dieser
Gelegenheit, da er den ehrsamen Nationalrat Wenzel Krtzl vor sich
hatte, seines Zeichens im Nebenberuf Huserschieber. Nicht nur, da dies
auf dem Trschild vermerkt stand, Herr Krtzl schrie auch, whrend er
hin- und hertaumelte, immerzu:

Wann aner sagt, da i b'soffen bin, so is er a jdischer Gauner! I bin
a g'whlter Nationalrat, an Abgeordneter und hab' fufzich Huser zum
verkaufen, die was frher denen Saujuden g'hrt ham!

Leo hatte dann im Laufe der Zeit Gelegenheit, zu erfahren, da Herr
Krtzl nicht nur einer der wtendsten Antisemiten sei, sondern auch ein
notorischer Trunkenbold, der sich gewhnlich schon am Bfett des
Parlaments seinen Frhstcksrausch kaufte. Nebenbei hatte er eine
gewisse Beredsamkeit und geno infolge seiner derben Ausdrucksweise viel
Popularitt unter seinen Whlern. Er war Witwer und beherbergte von Zeit
zu Zeit eine angebliche Wirtschafterin bei sich, mitunter solche, die
knapp das straffreie Alter von vierzehn Jahren besaen.

Die Bekanntschaft des Herrn Habietnik hatte Leo auf wesentlich
brgerlichere Art gemacht. Leo pflegte seinen Bedarf an Krawatten und
Wschestcken in dem Modehaus zu decken, das trotz seiner Verloderung
noch immer die besten Waren fhrte, und bei solcher Gelegenheit war er
einmal mit Herrn Habietnik ins Gesprch gekommen. Herr Habietnik war
entzckt, einen Franzosen von Distinktion zu bedienen, der sich tadellos
trug und genau wute, da zu einem blauen Cheviotanzug eine perlengraue
Seidenkrawatte am besten pate, es kam zu einem angeregten Gesprch, im
Verlaufe dessen Leo erkannte, wie sehr der intelligente Kaufmann unter
den herrschenden Verhltnissen litt, und von da an trafen sich die
beiden fters in dem Laden, schlielich vereinbarten sie sogar hie und
da eine Zusammenkunft im Graben-Caf.

Nach der Auflsung der Nationalversammlung beeilte sich Leo, mit Herrn
Habietnik wieder in Fhlung zu kommen, und im Laufe der Unterhaltung
fragte er ihn um seine Meinung ber die knftige Entwicklung.

Herr Habietnik schttelte sorgenvoll das Haupt:

Also die Sozis arbeiten wieder mit Volldampf und werden die Stimmen,
die sie das letztemal verloren hatten, zurckgewinnen. Die
Christlichsozialen und Grodeutschen haben den Kopf verloren, sind mit
ihrem Programm noch nicht herausgekommen, aber schlielich wird jeder,
der nicht Sozialdemokrat ist, doch fr eine der beiden Parteien stimmen
mssen.

So da also vielleicht gar das Judengesetz in Kraft bleiben wird?

Kann sein, wenn die Sozialisten nicht die Zweidrittelmehrheit, die zu
jeder Verfassungsnderung notwendig ist, bekommen. Denn ich frchte, da
die Christlichsozialen und Grodeutschen doch nicht den Mut haben
werden, das Ausnahmsgesetz gegen die Juden aufzuheben. Das heit,
eigentlich mte ich sagen, ich hoffe, denn wenn die Juden wieder
kommen, so wird man mir am Ende gar das Geschft wieder nehmen----.

Unsinn, erklrte Leo energisch. Was Sie haben, kann man Ihnen nicht
mehr nehmen! Vielleicht, da man es Ihnen abkaufen oder da der frhere
Firmeninhaber sich mit Ihnen zu einer Teilhaberschaft bequemen wrde.
Die Hauptsache ist aber doch wohl, da Sie die Jagerhtln und die
Lodenrcke wieder hinausschmeien und Ihre Auslagen so arrangieren
knnen, wie sie einst waren.

Begeisterung glomm in den Augen Habietniks auf und mit warmem, ehrlichem
Ton erwiderte er:

Jawohl! Das ist die Hauptsache! Wenn ich daran denke, da hier wieder
einmal Leben und Luxus herrschen knnte, wie einst -- nein, das ist ein
zu schner Traum, um wahr zu sein.

Hren Sie, Herr Habietnik, sagte Leo, indem er seine Hand auf den Arm
des Kaufmannes legte, Sie sind der Mann, um den Traum wahr zu machen!
Noch trennen uns Wochen von den Neuwahlen. Das gengt, um eine
brgerliche Partei, bestehend aus den fortgeschrittenen Elementen, den
angesehenen Kaufleuten, den Gelehrten, Rechtsanwlten, Knstlern und
Fabrikanten zu bilden, mit der offenen und ungeschminkten Parole:
Aufhebung des Ausnahmegesetzes gegen die Juden! Nehmen Sie das heute
noch in Angriff, bilden Sie ein zwlfgliedriges Komitee, in dem drei
Kaufleute, drei Industrielle, drei Festangestellte und drei Leute mit
freiem, akademischem Beruf sitzen, lassen Sie, da Sie noch keine Zeitung
zur Verfgung haben, zehntausend Plakate drucken, grnden Sie dann
Bezirkskomitees, betreiben Sie Propaganda von Strae zu Strae, von Haus
zu Haus und der Erfolg kann nicht ausbleiben. Ich bin ein Fremder, kenne
die Verhltnisse nicht so genau wie Sie, aber dafr bin ich objektiver
und ich wei ganz sicher, da ein erheblicher Teil der Bevlkerung die
neue Partei strmisch begren wird.

Herr Habietnik war Feuer und Flamme. Am selben Abend noch trommelte er
ein halbes Hundert Kaufleute aus der Inneren Stadt, Fabrikanten,
Rechtsanwlte zusammen, und um ein Uhr morgens war das Komitee
konstituiert, dem ein gemeinsam gezeichnetes Millionenkapital zur
Verfgung stand.

Die neue Partei hie Partei der ttigen Brger Oesterreichs, stellte
sich auf ein absolut brgerlich-freisinniges Programm und begann mit
einer lebhaften und temperamentvollen Agitation. Da der Franzose
Dufresne die Flugzettel und Aufrufe verfate, das wute niemand als Herr
Habietnik.

Der Erfolg bertraf die khnsten Erwartungen. Frher war die Bevlkerung
jedem Versuch, eine demokratische Brgerpartei zu grnden, mit grtem
Mitrauen entgegengetreten, weil sich in solcher Partei immer wieder die
Juden vordrngten. Diesmal war das eine rein christliche Angelegenheit,
die Namen der Parteifhrer brgten dafr, da es sich nicht um eine von
auswrtigen Juden angezettelte Verschwrung handelte, und alle die
Leute, die durch das Judengesetz geschdigt worden waren, drngten sich
in die Komiteelokale, um Mitglieder der neuen Partei zu werden. In
hellen Scharen kamen die Kaufleute, die Juweliere, die Stckmeister der
groen Schneider, die brotlos gewordenen Chauffeure, sie brachten ihre
Frauen mit, immer grer wurde der Ansturm, trotz des Zeter- und
Mordiogeschreies der christlichsozialen Bltter. Die Arbeiter-Zeitung
verhielt sich zurckhaltend und durchaus nicht aggressiv. Man sagte sich
dort, da zweifellos die Partei der ttigen Brger den Sozialdemokraten
Tausende von Stimmen entziehen wrde, andererseits aber dorthin alle
jene Stimmen strmen wrden, die sonst sich der Wahl enthielten oder
doch wieder den Christlichsozialen oder Grodeutschen zuliefen. Also
beschrnkte sie sich darauf, hier und dort gegen das Programm der
Brgerlichen zu polemisieren, im geheimen aber wurden in zweifelhaften
Bezirken sogar Vereinbarungen geschlossen.

Und der Tag der Wahlen, die auf den 3. April festgesetzt worden waren,
rckte nher und nher, die ganze Welt begann sich fr sie zu
interessieren, die fremden Brsen nahmen eine abwartende Haltung ein und
lieen die Krone auf ihrem Tiefstand ruhen, und Wiens bemchtigte sich
zunehmende Aufregung, die wiederholt zu Exzessen und bsartigen Tumulten
fhrte. Denn alle Parteien arbeiteten mit jedem verfgbaren Mittel: die
antisemitischen schrien Verrat! und erzhlten Schauergeschichten von
der Verschwrung des internationalen Judentums; die Sozialdemokraten
hetzten gegen die Bauern, die die arbeitende Stadtbevlkerung
ausplndern und gegen die christliche Demagogie, die sich nur selbst
durch die Ausweisung der Juden hatte bereichern wollen; die neue
Brgerpartei aber fhrte immer wieder auf riesengroen Plakaten Ziffern
auf, die bewiesen, wie furchtbar die Verelendung Wiens seit der
Ausweisung der Juden, wie Wien tatschlich zu einem Riesendorf geworden,
wie jeder Schwung und Zug ins Groe geschwunden. Und immer wieder
versicherte sie in allen Variationen und Tonarten:

Das Ausnahmsgesetz gegen die Juden mu aufgehoben werden, aber
gleichzeitig wird es Sache einer klugen, gewissenhaften Regierung sein,
alle jene Elemente, die nicht schon vor dem Weltkrieg in Wien sehaft
waren, fern zu halten, es sei denn, sie knnen vor einem zustndigen,
aus Brgern und Arbeitern zusammengesetzten Gerichtshof nachweisen, da
sie willens und fhig sind, in Oesterreich nutzbringende, produktive,
werterzeugende, dem Gesamtwohl notwendige Arbeit zu leisten.

Beim Bundeskanzler fanden tglich bis in die Nacht whrende Sitzungen
statt, in denen beraten wurde, wie man am besten der neuen Partei und
dem wieder erstarkten Sozialismus entgegenarbeiten knnte. Schwertfeger
hatte die richtige Empfindung gehabt. Es mute ein neuer, mchtiger
Geldkredit aufgebracht werden, die Krone mute steigen, die Bevlkerung
erfahren, da das Christentum der ganzen Welt mit ihr solidarisch sei --
dann wrde die Regierung den Sieg erringen. Und der Finanzminister
Professor Trumm hatte sich gleich nach der Auflsung des Hauses auf die
Beine gemacht und war nach Berlin, Paris und London gefahren, um zu
betteln und zu beschwren. Vergebens! Die groen christlichen
Vereinigungen im Ausland, die franzsischen Antisemiten, die
hollndischen Christen -- sie alle hatten Worte des Mitempfindens und
der Sympathie, erkundigten sich lebhaft nach dem Schicksal der vielen
Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die
Taschen fest zu. Die grte Enttuschung bildete das Verhalten des
amerikanischen Billionrs Mister Huxtable, auf den man am sichersten
gerechnet hatte. Er lie alle Telegramme und Bittschriften
unbeantwortet, und zehn Tage vor den Wahlen kam ein Kabeltelegramm des
Vertrauensmannes der sterreichischen Regierung in Newyork, das
folgenden niederschmetternden Wortlaut hatte:

Huxtable unnahbar. Hat sich heimlich mit einer jungen Jdin aus Chicago
vermhlt. Beabsichtigt, den der sterreichischen Regierung vor drei
Jahren eingerumten Kredit der jdischen Grobank Kuhn und Loeb um ein
Viertel zu verkaufen.

Schwertfeger begann in Dsterkeit zu erstarren, die antisemitischen
Huptlinge verloren vollends den Kopf. Brgermeister Laberl aber tat
etwas, was die ungeheuerste Sensation erregte. Drei Tage vor den Wahlen
trat er aus dem christlichsozialen Brgerklub aus und der Partei der
ttigen Brger bei. Und seinem Beispiel folgte mehr als die Hlfte der
Gemeinderte.

An diesem Tage wehte ein warmer Wind die letzten Schneemassen von den
Abhngen der Wiener Berge fort und oben im Atelier in der Billrothstrae
hielten sich zwei junge Menschenkinder hei und sehnsuchtsvoll umfangen.
Und er flsterte:

Oh, wrst du schon mein!

Und sie erwiderte traumverloren:

Wenn du dir schon den Knebelbart abnehmen knntest; er kitzelt so arg!

                   *       *       *       *       *

Die Wahlen vollzogen sich unter einer Beteiligung, wie sie kaum jemals
auf der Welt erlebt worden. Greise, Kranke, Lahme kamen zu den Urnen,
und nachmittags, als die Wahllokale geschlossen wurden, wute man, da
in Wien 99 Prozent der Wahlberechtigten ihre Brgerpflicht getan. Dann
begann im ganzen Lande die Zhlung der Stimmen, die bis in die frhen
Morgenstunden whrte, und vormittags verkndeten Extra-Ausgaben der
Arbeiter-Zeitung und der Weltpresse das staunenswerte Resultat.

Den Christlichsozialen und Grodeutschen waren nur die Landbewohner treu
geblieben, Wien hatte fast ausschlielich die Kandidaten der Sozialisten
und der Brgervereinigung gewhlt, ebenso die kleinen Stdte und das
sterreichische Industriegebiet. Und so setzte sich denn das neue
Parlament folgendermaen zusammen: Siebzig Sozialdemokraten,
sechsunddreiig Mitglieder der Vereinigung der ttigen Brger, dreiig
Christlichsoziale und vierundzwanzig Grodeutsche. Das ergab 106 Stimmen
fr die Aufhebung des Ausnahmsgesetzes gegen die Juden, vierundfnfzig
fr die Aufrechterhaltung. Und damit schien der schne Traum Leos, der
freisinnigen Brger und Sozialdemokraten zerstrt, denn es fehlte ihnen
genau eine Stimme zur Zweidrittelmajoritt, ohne die eine Aenderung der
Verfassung nicht vorgenommen werden konnte. Trotz ihrer vernichtenden
Niederlage, trotz der Tatsache, da die Regierung sofort demissionieren
und einer sozialistisch-demokratischen weichen mute, jubelten die
Antisemiten, sie veranstalteten Kundgebungen unter der Parole Die Juden
bleiben drauen!

Eine einzige Angst beherrschte die besiegten Sieger: Die Mehrheit hatte
verkndet, da sie schon in der zweiten Sitzung des neugewhlten Hauses,
die in acht Tagen stattzufinden hatte, den Dringlichkeitsantrag auf
Aufhebung des Judengesetzes und Wiederherstellung der Freizgigkeit fr
jedermann stellen wrde. Wie nun, wenn ein Christlichsozialer oder
grodeutscher Nationalrat der Sitzung fernbleiben wrde? An ein
beabsichtigtes Fernbleiben war nicht zu denken, aber schlielich konnte
einer der Abgeordneten vom Lande krank werden oder einen Unfall erleiden
und dieser eine wrde den Gegnern die Zweidrittelmajoritt sichern. Die
unterlegenen Parteien lieen daher fr smtliche gewhlte Nationalrte
aus ihrem Lager am Tage vor dem Zusammentritt des Hauses Extrazge mit
je einem begleitenden Arzt bereitstellen. Auf diese Weise glaubten sie
sich vor jedem verhngnisvollen Zwischenfall sicher. Fr Wien selbst
waren Vorsichtsmaregeln nicht notwendig, denn in Wien war einzig und
allein der Huseragent Herr Wenzel Krtzl von den Weinbauern und Wirten
des neunzehnten Bezirkes, denen es in dem judenreinen Wien sehr gut
ging, gewhlt worden. Seiner war man in jeder Beziehung sicher und er
erfreute sich einer vorzglichen Gesundheit.

Dieser Herr Krtzl bildete nun die einzige und letzte Hoffnung Leos,
whrend Lotte unter der schweren Enttuschung fast zusammenbrach. Sie
weinte den ganzen Tag, kaum da sie noch die Energie aufbrachte, tglich
zu Leo zu eilen, der sich vergebens bemhte, ihr Mut und Hoffnung
einzuflen. Hofrat Spineder, der selbst durch den Fortbestand des
Judengesetzes schwer gekrnkt und enttuscht wurde, kannte sich in
seiner Tochter nicht mehr aus und begann ernstlich an ihrem Verstand zu
zweifeln. Sorgenvoll besprach er ihr merkwrdiges Verhalten mit seiner
Gattin.

Was soll das alles heien? Hat Leo vergessen, verbringt halbe Tage mit
einem neuen Verlobten, diesem Franzosen, den ich zu hassen beginne, ohne
ihn zu kennen, lt sich von ihm beschenken, erklrt pltzlich, da sie
am liebsten beide, den Leo und den Dufresne, nehmen wrde, und nun, da
Leo nicht zurckkommen kann, sitzt sie da und weint sich die Augen aus
dem Kopf. Ich glaube, das Mdel ist bergeschnappt!

Frau Spineder seufzte tief.

Mein Lieber, ich kenne selbst mein Kind nicht mehr und habe keine
Ahnung, was in seinem Herzen vorgeht. Jedenfalls mssen wir, wenn sich
zeigt, da das Judengesetz bestehen bleibt, darauf dringen, diesen Herrn
Dufresne kennen zu lernen.

Hofrat Spineder nickte.

Jawohl! Und sollte sich Lotte abermals weigern oder die Sache
hinauszuschieben versuchen, so schicken wir sie zu Tante Minna nach
Klagenfurt!

Leo berlegte Tag und Nacht und hatte schlielich einen festen Plan
gefat, einen Plan, der entscheiden sollte, ob er weiterhin mit offenem
Visier in Wien bleiben konnte oder zurck nach Paris mute. Fiel das
Gesetz nicht, so wurde seine Rckreise zwingende Notwendigkeit, da sein
Freund Henry Dufresne, dessen Namen er fhrte, jetzt selbst aus
Sdfrankreich wieder nach Paris bersiedeln wollte und von da an die
Gefahr einer Aufdeckung seines verwegenen Spiels vorlag.

                   *       *       *       *       *

Am Tage der Erffnung der Nationalversammlung, also einen Tag vor der
ersten entscheidenden Sitzung, besorgte Leo Strakosch, mit einem
Handkoffer bewaffnet, allerlei Einkufe. Bei Sacher kaufte er fr einen
phantastischen Preis, fr den man einmal ein ganzes Ringstraenhaus
bekommen htte, eine Straburger Gnseleberpastete in der Terrine, im
Hotel Imperial lie er sich drei Flaschen eines kstlichen weien
Burgunders, drei Flaschen des schwersten und kostbarsten Bordeauxweines
geben, auerdem eine Flasche uralten franzsischen Kognaks. Abends
lauerte er dann vor dem Haustor dem Herrn Krtzl auf, der sich gerade
nach der feierlichen Erffnungssitzung des Hauses ins Wirtshaus begeben
wollte, gratulierte ihm herzlich zu seiner Wiederwahl und sagte:

Lieber Herr Nationalrat, ich mchte morgen auch der historischen Tagung
des Hauses beiwohnen. Um elf ist der Beginn der Sitzung, also werde ich
auf zehn Uhr mein Auto bestellen und Sie, wenn es Ihnen recht ist,
mitnehmen.

Herr Krtzl fhlte sich durch die Liebenswrdigkeit des vornehmen und,
wie es schien, sehr reichen jungen Franzosen hchst geschmeichelt, er
nahm die Einladung dankend an und fgte hinzu:

Bin Ihnen sogar sehr verbunden, wenn Sie um zehn Uhr zu mir kommen,
weil i' dann net riskier', zu verschlafen. Meine Wirtschafterin, das
dumme Luder, vergit am End' noch, mich zu wecken, und i' hab' an so
schweren Schlaf, da i die Weckuhr net hr'. Ds wr' aber a schne
G'schicht', wann i morgen verschlafen tt. Nachher htten mir in
vierundzwanzig Stunden die Saujuden, die verfluchten, wieder in Wien!

Henry Dufresne nahm die bernommene Pflicht, Oesterreich vor den Juden
zu schtzen, sehr ernst, denn er lutete schon um halb zehn Uhr bei
Herrn Krtzl an. Ein schlumpiges, zwar ungewaschenes, aber noch
geschminktes junges Ding ffnete ihm und lie den ihr wohlbekannten
hbschen Franzosen, der eine mchtige Schachtel trug, ohneweiters ein,
ein wenig enttuscht, da er ihr und ihren reichlichen Blen nicht die
geringste Aufmerksamkeit schenkte, sondern sich damit begngte, ihr eine
Banknote zu geben und sie zu bitten, gleich die Morgenbltter aus der
Trafik zu holen.

Leo packte im Vorzimmer umstndlich die Schachtel aus, dann, als das
Mdchen gegangen war, um seinen Auftrag auszufhren, begab er sich rasch
in die Kche, rckte den Stundenzeiger der Kuckucksuhr um eine volle
Stunde zurck, schlich sich auf den Zehenspitzen in das Wohnzimmer,
bearbeitete dort die groe Pendeluhr in gleicher Weise und ffnete
schlielich, ohne anzuklopfen, leise die Tre zum Schlafzimmer des Herrn
Nationalrates. Richtig lag dieser mit offenem Maul sgend und
schnarchend in seinem Bett und auf dem Nachtkstchen erblickte Leo
sofort die goldene Taschenuhr, die eben auf ein viertel vor zehn wies.
Blitzschnell war auch sie auf ein viertel vor neun gestellt und dann
machte sich der Franzose an die unerquickliche Arbeit, Herrn Krtzl, das
Wiener Postament der christlichsozialen Partei, zu wecken. Es dauerte
geraume Zeit, bevor Krtzl endlich die verquollenen Aeuglein aufschlug
und die Situation begriff.

Jessas, der Herr Dufresne, is' schon so spt? Und dann, mit einem
Blick auf die Taschenuhr, brummend: Noch net amal Neun is'! Da htt' i'
noch a ganze Stund' schlafen knnen!

Jawohl, sagte Leo lachend, wenn ich nicht eine bessere Unterhaltung
fr Sie und mich wte. Stellen Sie sich nur vor, wie ich gestern nacht
nach Hause komme, finde ich ein Postpaket aus Paris vor mit den besten
Weinen, die Frankreich besitzt. Na, und weil ich mich wirklich ber
Ihren Sieg von ganzem Herzen freue, denke ich, da wir, bevor wir ins
Parlament fahren, noch eine kleine Siegesfeier unter uns veranstalten
knnen. Sie sind ja Kenner, Herr Nationalrat, und werden sehr bald
zugeben, einen solchen Wein, wie ich ihn Ihnen kredenze, im Leben noch
nicht genossen zu haben.

Wie elektrisiert sprang Herr Krtzl aus dem Bett, zog sich notdrftig an
und streichelte dann bewundernd die eine der sechs Weinflaschen nach der
anderen, die mit allen Zeichen des ehrwrdigen Alters vor ihm standen.
Weibrot war vorhanden, die Straburger Pastete entlockte Herrn Krtzl
ein rlpsendes Grunzen, das sich in einen Jubelhymnus verwandelte, als
das erste Glas des goldgelben Burgunders durch seine Kehle rann.

A so a Weinerl! Wann man den immer htt', dann tt' man an anderer
Mensch wer'n! Ka Wunder, wenn die Franzosen so an Schick zum Leben
haben, wo 's so an Wein bei ihnen gibt!

Das zweite Glas wurde auf den Sieg des Herrn Krtzl geleert, das dritte
auf Nieder mit den Juden, das vierte auf Hoch die schne, judenreine
Stadt Wien. Dann wurde einer Flasche des blutroten Bordeaux der Hals
gebrochen, und als sie zur Neige ging und Leo die dritte Flasche
entkorkte, trug ihm Krtzl die Bruderschaft an. Bei der vierten Flasche
machte er den Franzosen mit den Geheimnissen seines Sexuallebens bekannt
und erklrte, da Frauenzimmer ber vierzehn eigentlich alte Weiber
seien. Die sechste Flasche wurde von Leo, ohne da Krtzl, dem sich die
Welt vor den Augen zu drehen begann, es merkte, zur Hlfte mit Kognak
gemischt, und nun hie es -- Schlu machen, weil der Herr Nationalrat
sonst berhaupt nicht mehr die Treppen hinuntergebracht htte werden
knnen und die richtiggehende Uhr auf zwlf ging, also die Gefahr
bestand, da jeden Augenblick die Parteigenossen Krtzls nach ihm
fahnden wrden. Da Leo bei solcher Zecherei selbst vollstndig nchtern
geblieben war, verdankte er lediglich dem Umstand, da er den Inhalt
seines Glases regelmig unter den Tisch auf den schnen Perserteppich
gegossen hatte.

Mit ungeheurer Anstrengung beendigte Leo die Toilettierung des
Nationalrates, dann trug er ihn fast die vielen Treppen hinunter und
befrderte ihn mit Hilfe des Chauffeurs in das Innere des geschlossenen
Automobils. Grinsend hatte der Chauffeur dem Franzosen, den er oft zu
fhren pflegte, zugenickt. Leo stieg ein, setzte sich neben Krtzl, der
schon als halbe Weinleiche in der Ecke lag, und in migem Tempo ging es
vorwrts.

Am Tage vorher hatte Leo mit dem Chauffeur eine wichtige Unterredung
gehabt, die mit der Frage begann:

Wollen Sie hundert franzsische Francs verdienen?

Der Chauffeur hatte ungeheure Augen gemacht, war blutrot geworden und
erwiderte keuchend:

Herr, fr hundert Francs fhr' ich Sie auf den Mond!

Aber der Franzose erwies sich als wesentlich bescheidener. Er erklrte,
da es sich um eine Wette handle und er nichts weiter zu tun habe, als
vor dem Haus in der Billrothstrae zu warten, bis er, Monsieur Dufresne,
mit einem voraussichtlich schwergeladenen Herrn einsteigen werde.
Daraufhin habe das Auto stadtwrts bis zur Volksoper zu fahren, wo er
aussteigen werde. Nunmehr msse die Fahrt weiter bis zur groen
Irrenanstalt am Steinhof, die weit auerhalb im Sdwesten der Stadt
liegt, gehen. Dort msse der Chauffeur so lange stehen bleiben, bis sein
betrunkener Gast sich melde. Und dann folgten weitere ausfhrliche
Instruktionen fr den intelligenten, lustigen Chauffeur.

Alles wickelte sich programmig ab. Bevor noch das Auto bei der
Volksoper angelangt war, schlief Herr Krtzl, nachdem er sich heftig
bergeben hatte, den Schlaf des gerechten Sufers und Leo konnte
ungestrt ausspringen. Whrend Leo nach dem Parlament eilte, setzte der
Chauffeur die fast halbstndige Fahrt nach Steinhof fort, wo er auf
offener Strae seelenruhig stehen blieb und eine der guten Zigaretten
Leos nach der anderen rauchte. So wurde es schlielich nahezu zwei Uhr,
als endlich Herr Krtzl mit schmerzendem Schdel erwachte. Minuten
vergingen, bevor er die Situation begriff und sich endlich klar darber
war, da er sich in total verunreinigtem Zustande allein in einem
Automobil befand. Schlielich, nach weiteren Minuten, erkannte er sogar,
da er sich durchaus nicht vor dem Parlament, sondern in der
unmittelbaren Nhe der Irrenanstalt am Steinhof aufhielt. Er sah
verwirrt auf seine Uhr. Da sie zurckgerichtet war, wies sie auf eins.
Entsetzt ri Krtzl den Wagenschlag auf, schimpfend und tobend drang er
auf den Chauffeur ein, der gleichmtig erklrte, er habe als Fahrtziel
Steinhof verstanden und der andere Herr sei unterwegs ausgestiegen. Mit
den Fusten fuhr sich Krtzl in die Haare, er weinte, schrie, bekam fast
einen Tobsuchtsanfall, nannte den Chauffeur einen Staatsverbrecher,
sprach von einer furchtbaren Verschwrung und Rache und flehte
schlielich den Wagenlenker, der auch grob zu werden begann, an, er mge
mit Windeseile nach dem Parlament fahren.

Tausend Meter etwa fuhr dann auch das Auto, dann blieb es weit und breit
von jeder Behausung entfernt stehen, und achselzuckend erklrte der
Chauffeur, da etwas am Motor in Unordnung sei und er nicht weiter
knne.

Im Galopp rannte der nchtern gewordene Krtzl die tausend Meter nach
der Irrenanstalt zurck. Dort benahm er sich dem Pfrtner gegenber so
aufgeregt, da dieser ihn fr einen entsprungenen Insassen hielt und
Wrter herbeirief. Es verging eine weitere halbe Stunde, bevor Krtzl zu
einem Fernsprecher gefhrt wurde, er bekam natrlich keine Verbindung
mit dem Parlament, da dort alle Nummern besetzt waren, und als er
endlich die Verbindung hatte und der Parteisekretr zur Stelle gebracht
war, schrie ihm dieser in die Ohren, da er ein besoffenes Schwein sei;
ein von den Juden gekaufter Gauner und bereits alles vorbei wre.

Das Judengesetz ist gefallen! Mit diesen Worten lutete er dem
unglcklichen Nationalrat in die Ohren, der daraufhin in eine lange,
wohlttige Ohnmacht fiel.

                   *       *       *       *       *

Als Leo das Parlamentsgebude betrat, hatte der neugewhlte Prsident
eben die schon am Tage vorher an Stelle des zurckgetretenen Kabinetts
gewhlten Minister begrt und mitgeteilt, da zwei Dringlichkeitsantrge
eingebracht worden seien, dahingehend, den Paragraph 11
der Bundesverfassung, der den Juden und Judenabkmmlingen
den Aufenthalt in Oesterreich untersagt, zu streichen.

Ein sozialdemokratischer Nationalrat erhob sich und stellte den Antrag,
ber die gestellten Dringlichkeitsantrge sofort zu verhandeln. Trotz
des tosenden Lrmens der Christlichsozialen und Grodeutschen pflichtete
die Mehrheit bei, worauf der Prsident dem Fhrer der Sozialdemokraten,
Doktor Wolters, als erstem Proredner das Wort erteilte.

Wolters wies darauf hin, da er und seine Parteikollegen schon vor fast
drei Jahren gegen das Gesetz gewesen seien, das einen Faustschlag gegen
die Menschenrechte, einen Rckfall in das finstere Mittelalter
bedeutete. Damals sei die Opposition niedergeschrieen, beschimpft und
aus dem Saal gedrngt worden, heute aber habe das verfhrte und
berauschte Volk sie in solcher Zahl zurckgefhrt, da nunmehr die Macht
in ihren und den Hnden anderer freisinniger Mnner liege. Wolters
entwickelte dann die Ereignisse der letzten Jahre, wies den furchtbaren
Zusammenbruch Oesterreichs nach, fhrte schlagende Ziffern an und schlo
mit den Worten:

Das khne, allzukhne Werk des Mannes, der sich gttliche Macht anmate
und nun nicht einmal mehr einen Sitz in diesem Hause bekommen konnte,
ist zusammengebrochen, und drauen warten hunderttausend Arbeitslose und
mit ihnen alle ttigen, zur Verzweiflung getriebenen Krfte, da das
neue Haus einer neuen Zukunft die Tore ffne und unseren jdischen
Mitbrgern die Mglichkeit gebe, wieder an unserer Seite nicht gegen
uns, sondern mit uns ihre Intelligenz, ihre Emsigkeit und schpferische
Arbeitskraft im Interesse des schwergeprften und fast ruinierten Landes
zu bettigen.

Nachdem der Beifallssturm, an dem sich auch die Galerie beteiligte,
verklungen war, ergriff der zweite Pro-Redner, Herr Habietnik, der von
den Geschftsleuten der Inneren Stadt sein Mandat bekommen hatte, das
Wort. In launiger, oft durch schallende Heiterkeit unterbrochener Rede
schilderte er das verarmte, verdorfte Wien von heute, gab die
Erfahrungen im eigenen Betriebe zum besten und sagte:

Posemukel ist eine Grostadt im Vergleiche zu Wien von heute. Wien ist
ein ungeheures Dorf mit anderthalb Millionen Einwohnern geworden, und
wenn wir die Juden nicht wieder hereinlassen, so werden wir es demnchst
erleben, da statt vornehmer Geschfte in der Krntnerstrae
Jahrmarktsbuden stehen und auf dem Stephansplatz Viehmrkte werden
abgehalten werden. Die Wiener sind in ihrem Tiefinnersten in
Verzweiflung ber diese Rckentwicklung, die sie nicht aufhalten knnen
und nicht zuletzt haben die Wiener Frauen und Mdchen, indem sie die
christlichsoziale Partei im Stich lieen, gezeigt, da sie wieder ein
blhendes, lustiges Wien voll Luxus, auch wenn es mitunter einen
orientalischen Anstrich hat, haben wollen.

Die weiteren Ausfhrungen Habietniks gingen in einer seltsamen Unruhe
verloren, die sich ber das Haus verbreitete. Was war geschehen? Nun,
man hatte endlich auf der rechten Seite des Hauses entdeckt, da der
Nationalrat Krtzl nicht anwesend war, und eine Katastrophenstimmung
bemchtigte sich der Christlichsozialen und Grodeutschen. Sie hrten
nicht einmal ihren eigenen Kontra-Redner an, die Diener wurden mit
Automobilen ausgeschickt, um Krtzl aus seinem Bureau in der Inneren
Stadt oder aus der Wohnung in der Billrothstrae zu holen.

Noch wre vielleicht die Situation zu retten gewesen, wenn man die
Geistesgegenwart gehabt hatte, den Kontra-Redner zu veranlassen,
stundenlang bis zum Eintreffen Krtzls zu sprechen. Aber man hatte total
den Kopf verloren, der christlichsoziale Redner, Herr Wurm, krzte, als
er die Unruhe bemerkte und seine Genossen verschwinden sah, seine Rede
sogar ab, und schon war ein brgerlicher Antrag auf Schlu der Debatte
und Abkrzung der weiteren Redezeiten auf fnf Minuten mit der
erforderlichen Zweidrittelmehrheit angenommen.

Vergebens schrieen die berrumpelten Antisemiten Zeter und Mordio, der
sozialistische Prsident waltete mit eiserner Energie seines Amtes,
entzog jedem der wenigen schon vorgemerkten Redner nach fnf Minuten das
Wort und unter enormer Spannung und allgemeiner Aufregung strmten die
Abgeordneten wieder in den Saal, um bei der kommenden namentlichen
Abstimmung anwesend zu sein.

Herr Krtzl war noch immer nicht da, die Diener konnten nur berichten,
da er in seinem Bureau berhaupt nicht gewesen und sein Wohnhaus in
Begleitung eines anderen Herrn vormittags, ersichtlich angeheitert,
verlassen habe.

Ein Grodeutscher machte den letzten Rettungsversuch. Er erbat und
erhielt das Wort, um zur Geschftsordnung zu sprechen und sagte:

Der Nationalrat Herr Krtzl ist nicht anwesend und wir haben Anzeichen
dafr, da er mit Gewalt ferne gehalten wird, ja wir haben begrndeten
Anla zur Befrchtung, da er das Opfer eines Verbrechens geworden ist.
Unter solchen Umstnden kann unmglich ber ein Gesetz abgestimmt
werden, das ber das Schicksal des Landes entscheiden wird. Wenn auf
Seite der neuen Mehrheit dieses Hauses auch nur ein Funken
Anstandsgefhl herrscht, so wird sie mit mir darin bereinstimmen, da
wir uns zunchst auf zwei Stunden vertagen. Bis dahin werden wir wohl
Klarheit darber haben, ob unser hochverehrter Kollege, Herr Nationalrat
Krtzl, berhaupt noch unter den Lebenden weilt.

Totenstille entstand nach diesen Worten, die nicht zurckzuweisen waren.

Sollte Krtzl wirklich mit Gewalt verhindert worden sein, an der Sitzung
teilzunehmen, so mute man wohl oder bel warten.

In diesem hchst kritischen Augenblick schlich sich ein Herr mit
Knebelbart unbeobachtet in den Sitzungssaal, winkte Herrn Habietnik zu
sich heran und flsterte vor Aufregung keuchend mit ihm, worauf sich
Herr Habietnik zum Worte meldete.

Ich kann dem Hohen Haus auf Ehr' und Gewissen versichern, da Herr
Krtzl nicht ermordet und auf keinerlei gewaltsame Weise verhindert
wurde, dieser so beraus wichtigen Sitzung beizuwohnen. Herr Krtzl
befindet sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen
Kanonenrausch, von dem ihn der Chauffeur nicht erwecken kann,
ausschlft. Der sehr ehrenwerte Herr Krtzl, diese einzige Wiener Zierde
der christlichsozialen Partei, hat nmlich schon am frhen Morgen in
Gesellschaft eines lustigen Kumpanen, seines Wohnungsnachbars, eine
kleine Siegesfeier begangen und entschieden mehr getrunken, als er
vertrgt. Sein Nachbar, der mir diese Mitteilung macht und den ich
persnlich als zuverlssigen Ehrenmann kenne, fuhr dann mit Krtzl in
einem Autotaxi hieher, mute aber vorzeitig aussteigen, weil er den
Gestank im Wagen nicht aushielt. Herr Krtzl gehrt nmlich zu jener
alten Garde, die sich lieber bergibt als stirbt. Wo sich in diesem
Augenblick die springlebendige Leiche des Herrn Krtzl befindet, wei
ich nicht, aber das geht uns auch nichts an und man wird unmglich
verlangen, da wir uns vertagen, bis Herr Krtzl nchtern geworden ist.

Tosende Heiterkeit erfllte das Haus und es wurde nunmehr nach der
Anordnung des Prsidenten zur Abstimmung geschritten. Hundertundsechs
Nationalrte stimmten fr die Eliminierung des Ausnahmsgesetzes,
dreiundfnfzig dagegen -- das Gesetz war gefallen! Und die
hunderttausend Menschen, die sich auf der Strae vor dem Parlament
angesammelt hatten, riefen diesmal nicht Heil!, sondern Hurra! Sie
waren nicht so begeistert wie vor drei Jahren, sondern ein wenig
beschmt, hatten aber wieder ihren Humor gefunden und schon begannen
Witze in der Luft zu schwirren.

Leo hatte nur die Abstimmung abgewartet, dann strzte er aus dem
Parlamentsgebude, warf sich in ein Autotaxi und fuhr nach der Linken
Wienzeile zur Arbeiter-Zeitung. Dort lie er sich in dringender
Angelegenheit beim Chefredakteur melden, mit dem er eine halbstndige
Unterredung ohne Zeugen hatte. Als er sich verabschiedete, schttelte
ihm der Redakteur krftig beide Hnde und sagte lachend:

Sie haben Auerordentliches geleistet und ich freue mich mit Ihnen von
ganzem Herzen! Ihre Frechheit bewundere ich einfach! Man kann da
wirklich nicht umhin, von--

Jdischer Frechheit zu sprechen, ergnzte Leo vergngt und eilte die
Treppen hinab.

                   *       *       *       *       *

Kaum waren die Extra-Ausgaben der Zeitungen erschienen, die das Ende der
Judenverbannung verkndeten, als auch schon eine zweite Extraausgabe der
Arbeiter-Zeitung ausgerufen wurde:

    =Die Krone steigt!=

Zrich. Auf der hiesigen Brse wurden die drahtlich und telephonisch
einlangenden Nachrichten von der entscheidenden Sitzung der Wiener
Nationalversammlung mit fieberhaftem Interesse verfolgt. Kaum war das
Fallen des Antijudengesetzes zur Gewiheit geworden, als auch schon
umfangreiche Kronenankufe, darunter solche von amerikanischen und
englischen Finanzgruppen, erfolgten. Die sterreichische gestempelte
Krone ging sprunghaft auf das Doppelte, zum Brsenschlu sogar auf das
Dreifache hinauf.

Um sechs Uhr abends erschien eine dritte Extra-Ausgabe, die in ganz Wien
Aufsehen und mit Galgenhumor gemischte Heiterkeit hervorrief. Die
Nachricht lautete:

    =Ankunft des ersten Juden in Wien.=

Wie wir mitteilen knnen, ist soeben der erste Jude aus dem Exil nach
Wien zurckgekehrt. Es ist dies der junge, aber bereits weltberhmte
Maler und Radierer Leo Strakosch, der die ganze Zeit von Heimweh erfllt
in Paris verbracht und sich vorgestern von dort an die sterreichisch-mhrische
Grenze nach Lundenburg begeben hatte. Als er telephonisch
von der Nichtigkeitserklrung des Ausweisungsgesetzes erfuhr,
begab er sich sofort per Automobil nach seiner Vaterstadt Wien.
Er hlt sich derzeit im Hause seines zuknftigen Schwiegervaters, des
Hofrates Spineder, in der Kobenzlgasse auf, wo er nach jahrelanger
bitterer Trennung die in Treue und Liebe seiner harrende Braut umarmt.

Diese Extra-Ausgabe bildete einen wohlwollend-boshaften Scherz des
Chefredakteurs der Arbeiter-Zeitung. Gleich nach ihr erschien aber
eine Extraausgabe der Weltpresse mit zwei sensationellen Nachrichten.
In der einen wurde angekndigt, da sich der ehemalige Bundeskanzler
Doktor Schwertfeger in Verzweiflung ber das Scheitern seines so gro
und ehrlich gedachten Werkes durch einen Revolverschu entleibt habe.
Anknpfend daran machte die Weltpresse die Mitteilung, da sie, dem
Willen der berwltigenden Mehrheit der Bevlkerung Wiens folgend, vom
heutigen Tage an als das Organ der neuen Partei der ttigen Brger
erscheinen werde.

                   *       *       *       *       *

Leo war von der Redaktion der Arbeiter-Zeitung aus tatschlich direkt
nach Grinzing gefahren. Lotte, die ebenso wie ihre Eltern von dem
Verlauf der Parlamentssitzung bereits unterrichtet war, erwartete ihren
Brutigam am offenen Fenster im Parterregescho. Und als das Auto
vorgefahren war und Leo sie erblickte, erschien ihm der Weg durch den
Hausflur zu weitlufig, mit einem Satz schwang er sich auf das
Fensterbrett und schon hielten die beiden jungen Leute einander lachend
und weinend umschlungen. Da Leo aber trotz seiner turnerischen
Gewandtheit bei seinem abgekrzten Eintrittsverfahren eine
Fensterscheibe eingeschlagen hatte, was ein hrbares Klirren und
Schmettern verursachte, kamen der Hofrat und seine Gattin aus dem
nebengelegenen Wohnzimmer bestrzt herbei und blieben angesichts ihrer
Tochter, die von einem fremden, knebelbrtigen Herrn unaufhrlich
abgekt wurde, berrascht stehen. Bis der Hofrat so energisch zu husten
begann, da Lotte es vernahm und sich blutrot aus den Armen des
Geliebten befreite, um ihn ihren Eltern vorzustellen:

Papa, Mama, dies ist mein Brutigam, Henry Dufresne...!

_Recte_ Leo Strakosch, lautete die Ergnzung und Leo warf sich auch
schon dem Hofrat und dann seiner zuknftigen Schwiegermutter in die
Arme.

Nachdem sich die erste Freude und Verwirrung gelegt, tat Herr Spineder
das, was ein Hofrat in solcher Situation zu tun hatte. Er sagte:

Nun, Kinder, erzhlt mir einmal alles ordentlich der Reihe nach.

Frau Spineder aber tat das, was jede andere ordentliche Hausfrau an
ihrer Stelle getan htte. Sie weinte, erklrte vor Aufregung nicht
stehen und gehen zu knnen und lief nach der Kche, um fr ein
ordentliches Souper zu sorgen.

Die Unterhaltung zwischen dem Hofrat, Lotte und Leo spielte sich
indessen im Badezimmer ab, wo Leo sich zuerst mit einer Papierschere den
Knebelbart abschnitt, um sich dann zu rasieren und gleichzeitig zu
erzhlen. Und das war sehr gut so, denn gerade als er rasiert und wieder
ein schner, glatter junger Mann war, ereignete sich ganz Unerwartetes.

Ein Automobil mit Herrn Habietnik, einem sozialdemokratischen
Nationalrat und einem bekehrten Gemeinderat fuhr vor und die Herren
teilten Leo mit, da er unbedingt mit ihnen zum Rathause fahren msse,
um sich der dort versammelten Menschenmenge zu zeigen und eine Ansprache
des Brgermeisters zu erdulden.

Struben ntzte nichts, Leo mute mit, aber Lotte, die die Garantie
dafr bernahm, da sie rechtzeitig zum Abendessen zurck sein wrden,
fuhr mit ihm.

Bis zum Schottentor verlief die Fahrt ganz glatt, dann stellte sich ein
Hindernis ein. Die Menschenmassen standen hier so dicht
aneinandergedrngt, da das Auto nicht vorwrts kam. Worauf sich der
Gemeinderat hinausbeugte und in bester Absicht, wenn auch mit wenig
Zartgefhl den Leuten zuschrie:

Lat's uns durch! Der Herr Leo Strakosch, der erste Jud, der wieder in
Wien ist, mu zum Rathaus!

Diese Worte waren das Signal zu einem strmischen Jubelschrei, und das
Auto konnte zwar nicht durch, sondern mute hier mit Lotte warten, aber
Leo sa auch schon auf den Schultern zweier handfester Mnner und wurde
unter dem Jauchzen und Johlen und Hurra-Geschrei der Massen zum Rathaus
getragen.

Das schne Rathaus war wieder illuminiert, sah wieder wie eine brennende
Fackel aus und mhsam nur konnten sich die Mnner mit Leo auf den
Schultern Bahn machen. Fanfarenklnge, Trompetentne, der Brgermeister
von Wien, Herr Karl Maria Laberl, betrat den Balkon, streckte segnend
seine Arme aus und hielt eine zndende Ansprache, die mit den Worten
begann:

Mein lieber Jude!----

    =Ende.=


Corona-Druck (G. Davis & Co.), Wien IX.




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  von einem halben Jahr gegeben.
  von einem halben Jahr gegeben.

  ist..
  ist.

  vereinigten sich hier und machte ihn absolut unerbittlich.
  vereinigten sich hier und machten ihn absolut unerbittlich.

  Meine Herren und Damen, ich wei, da die Bevlkerung schwer enttuscht
  Meine Herren und Damen, ich wei, da die Bevlkerung schwer enttuscht

  wollen.
  wollen.

  Dazu ist allerdings zu bemerken, da der Bruder des Hofrates die
  Dazu ist allerdings zu bemerken, da der Bruder des Hofrates die

  zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehssigen, hren. Weit du, ich
  zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehssigen, hren. Weit du, ich

  furchtbares Gelchter entstanden, so da ich aufgewacht bin! Glauben 's
  furchtbares Gelchter entstanden, so da ich aufgewacht bin! Glauben S'

  nicht, Herr Mauler, da der Traum was zu bedeuten hat?
  nicht, Herr Mauler, da der Traum was zu bedeuten hat?

  ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!
  ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!

  Wien, da Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment in
  Wien, da Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment im

  Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hren sie nur, wie sie
  Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hren Sie nur, wie sie

  Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert und hielten die
  Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die

  Christlichsoziale und vierundzwanzig Grodeutsche. Das ergab 160 Stimmen
  Christlichsoziale und vierundzwanzig Grodeutsche. Das ergab 106 Stimmen

  erfreut sich einer vorzglichen Gesundheit.
  erfreute sich einer vorzglichen Gesundheit.

  befinde sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen
  befindet sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen

  Diese Worten waren das Signal zu einem strmischen Jubelschrei, und das
  Diese Worte waren das Signal zu einem strmischen Jubelschrei, und das

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Die Stadt ohne Juden, by Hugo Bettauer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STADT OHNE JUDEN ***

***** This file should be named 35569-8.txt or 35569-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/3/5/5/6/35569/

Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. Cover
image cleaned up by Sharon Joiner


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
