The Project Gutenberg EBook of Die Weltrtsel, by Ernst Haeckel

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Title: Die Weltrtsel
       Gemeinverstndliche Studien ber Monistische Philosophie

Author: Ernst Haeckel

Release Date: May 19, 2019 [EBook #59547]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELTRTSEL ***




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              =Die Weltrtsel=

       *       *       *       *       *

          Gemeinverstndliche Studien
          ber Monistische Philosophie

                      von

               =Ernst Haeckel=

       *       *       *       *       *

                 Neu bearbeitete
                =Taschenausgabe=

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                    Leipzig
            =Alfred Krner Verlag=
                     1909




    Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig




Vorwort zur ersten Auflage.

(1899).


Die vorliegenden Studien ber =monistische Philosophie= sind fr die
denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildeten aller Stnde
bestimmt. Zu den hervorragenden Merkmalen des 19. Jahrhunderts, an
dessen Ende wir stehen, gehrt das lebendige Wachstum des Strebens
nach =Erkenntnis der Wahrheit= in weitesten Kreisen. Dasselbe erklrt
sich einerseits durch die ungeheuren Fortschritte der wirklichen
Naturerkenntnis in diesem merkwrdigsten Abschnitte der menschlichen
Geschichte, andererseits durch den offenkundigen Widerspruch, in
den dieselbe zur gelehrten Tradition der =Offenbarung= geraten
ist, und endlich durch die entsprechende Ausbreitung und Verstrkung
des vernnftigen Bedrfnisses nach Verstndnis der unzhligen neu
entdeckten Tatsachen, nach klarer Erkenntnis ihrer Ursachen.

Den gewaltigen Fortschritten der empirischen Kenntnisse in unserem
=Jahrhundert der Naturwissenschaft= entspricht keineswegs eine
gleiche Klrung ihres theoretischen Verstndnisses und jene hhere
Erkenntnis des kausalen Zusammenhanges aller einzelnen Erscheinungen,
die wir mit einem Worte =Philosophie= nennen. Vielmehr sehen wir, da
die abstrakte und grtenteils metaphysische Wissenschaft, welche auf
unseren Universitten seit Jahrhunderten als Philosophie gelehrt
wird, weit davon entfernt ist, jene neu erworbenen Schtze der
Erfahrungswissenschaft in sich aufzunehmen. Und mit gleichem Bedauern
mssen wir auf der anderen Seite zugestehen, da die meisten Vertreter
der sogenannten exakten Naturwissenschaft sich mit der speziellen
Pflege ihres engeren Gebietes der Beobachtung und des Versuchs
begngen und die tiefere Erkenntnis des allgemeinen Zusammenhanges
der beobachteten Erscheinungen -- d. h. eben Philosophie! -- fr
berflssig halten. Whrend diese reinen Empiriker den Wald vor
Bumen nicht sehen, begngen sich jene Metaphysiker mit dem bloen
Begriffe des Waldes, ohne seine Bume zu sehen. Der Begriff der
=Naturphilosophie=, in welchem ganz naturgem jene beiden Wege
der Wahrheitsforschung, die empirische und die spekulative Methode,
zusammenlaufen, wird sogar noch heute in weiten Kreisen beider
Richtungen mit Abscheu zurckgewiesen.

Dieser unnatrliche und verderbliche Gegensatz zwischen
Naturwissenschaft und Philosophie, zwischen den Ergebnissen der
Erfahrung und des Denkens, wird unstreitig in weiten gebildeten Kreisen
immer lebhafter und schmerzlicher empfunden. Das bezeugt schon der
wachsende Umfang der ungeheuren populren naturphilosophischen
Literatur, die im Laufe des letzten halben Jahrhunderts entstanden
ist. Das bezeugt auch die erfreuliche Tatsache, da trotz jener
gegenseitigen Abneigung der beobachtenden Naturforscher und der
denkenden Philosophen dennoch hervorragende Mnner der Wissenschaft aus
beiden Lagern sich gegenseitig die Hand zum Bunde reichen und vereinigt
nach der Lsung jener hchsten Aufgabe der Forschung streben, die wir
kurz mit einem Worte als =Die Weltrtsel= bezeichnen.

Die Untersuchungen ber diese Weltrtsel, welche ich in der
vorliegenden Schrift gebe, knnen vernnftigerweise nicht den Anspruch
erheben, eine vollstndige =Lsung= derselben zu bringen; vielmehr
sollen sie nur eine kritische =Beleuchtung= derselben fr weitere
gebildete Kreise geben und die Frage zu beantworten suchen, wie weit
wir uns gegenwrtig deren Lsung genhert haben. =Welche Stufe in der
Erkenntnis der Wahrheit haben wir am Ende des 19. Jahrhunderts wirklich
erreicht?= Und welche Fortschritte nach diesem unendlich entfernten
Ziele haben wir im Laufe desselben wirklich gemacht?

Die Antwort auf diese groen Fragen, die ich hier gebe, kann naturgem
nur =subjektiv= und nur teilweise richtig sein; denn meine Kenntnisse
der wirklichen Natur und meine Vernunft zur Beurteilung ihres
objektiven Wesens sind beschrnkt, ebenso wie diejenigen aller anderen
Menschen. Das Einzige, was ich fr dieselben voll in Anspruch nehme,
und was auch meine entschiedensten Gegner anerkennen mssen, ist, da
meine monistische Philosophie von Anfang bis zu Ende =ehrlich= ist,
d. h. der vollstndige Ausdruck der berzeugung, welche ich durch
vieljhriges eifriges Forschen in der Natur und durch unablssiges
Nachdenken ber den wahren Grund ihrer Erscheinungen erworben habe.
Diese naturphilosophische Gedankenarbeit erstreckt sich jetzt ber
ein volles halbes Jahrhundert, und ich darf jetzt, in meinem 66.
Lebensjahre, wohl annehmen, da sie =reif= im menschlichen Sinne ist;
ich bin auch vllig gewi, da diese =reife Frucht= vom Baume der
Erkenntnis fr die kurze Spanne des Daseins, die mir noch beschieden
ist, keine bedeutende Vervollkommnung und keine prinzipiellen
Vernderungen erfahren wird.

Alle wesentlichen und entscheidenden Anschauungen meiner monistischen
und genetischen Philosophie habe ich schon vor 33 Jahren in meiner
=Generellen Morphologie der Organismen= niedergelegt, einem
weitschweifig und schwerfllig geschriebenen Werke, welches nur
sehr wenig Leser gefunden hat. Es war der erste Versuch, die
neubegrndete Entwickelungslehre fr das ganze Gebiet der organischen
Formenwissenschaft durchzufhren. Um wenigstens einen Teil der neuen,
darin enthaltenen Gedanken zur Geltung zu bringen und um zugleich einen
weiteren Kreis von Gebildeten fr die grten Erkenntnisfortschritte
unseres Jahrhunderts zu interessieren, verffentlichte ich zwei Jahre
spter (1868) meine =Natrliche Schpfungsgeschichte=. Da dieses
leichter geschrzte Werk trotz seiner groen Mngel in neun starken
Auflagen und zwlf verschiedenen bersetzungen erschien, hat es nicht
wenig zur Verbreitung der monistischen Weltanschauung beigetragen.
Dasselbe gilt auch wohl von der weniger gelesenen =Anthropogenie=,
in welcher ich (1874) die schwierige Aufgabe zu lsen versuchte, die
wichtigsten Tatsachen der menschlichen Entwickelungsgeschichte einem
greren Kreise von Gebildeten zugnglich und verstndlich zu machen;
die vierte, umgearbeitete Auflage derselben erschien 1891. Einige
bedeutende und besonders wertvolle Fortschritte, welche neuerdings
dieser wichtigste Teil der Anthropologie gemacht hat, habe ich in
dem Vortrage beleuchtet, den ich 1898 ber unsere gegenwrtige
Kenntnis vom =Ursprung des Menschen= auf dem vierten internationalen
Zoologenkongre in Cambridge gehalten habe (siebente Auflage 1899).
Mehrere einzelne Fragen unserer modernen Naturphilosophie, die ein
besonderes Interesse bieten, habe ich behandelt in meinen Gesammelten
populren Vortrgen aus dem Gebiete der =Entwickelungslehre= (1878).
Endlich habe ich die allgemeinsten Grundstze meiner monistischen
Philosophie und ihre besondere Beziehung zu den herrschenden
Glaubenslehren kurz zusammengefat in dem Glaubensbekenntnis eines
Naturforschers: =Der Monismus als Band zwischen Religion und
Wissenschaft= (1892, achte Auflage 1899).

Die vorliegende Schrift ber die =Weltrtsel= ist die weitere
Ausfhrung, Begrndung und Ergnzung der berzeugungen, welche ich in
den vorstehend angefhrten Schriften bereits ein Menschenalter hindurch
vertreten habe. Ich gedenke damit meine Studien auf dem Gebiete der
monistischen Weltanschauung abzuschlieen.

Der alte, viele Jahre hindurch gehegte Plan, ein ganzes =System
der monistischen Philosophie= auf Grund der Entwickelungslehre
auszubauen, wird nicht mehr zur Ausfhrung gelangen. Meine Krfte
reichen dazu nicht mehr aus, und mancherlei Mahnungen des herannahenden
Alters drngen zum Abschlu. Auch bin ich ganz und gar ein Kind des
=neunzehnten Jahrhunderts= und will mit dessen Ende einen Strich unter
meine Lebensarbeit machen.

Die unermeliche Ausdehnung, welche das menschliche Wissen infolge
fortgeschrittener Arbeitsteilung in unserem Jahrhundert erlangt hat,
lt es schon heute unmglich erscheinen, alle Zweige desselben mit
gleicher Grndlichkeit zu umfassen und ihren inneren Zusammenhang
einheitlich darzustellen. Selbst ein Genius ersten Ranges, der
alle Gebiete der Wissenschaft gleichmig beherrschte, und der die
knstlerische Gabe ihrer einheitlichen Darstellung in vollem Mae
bese, wrde doch nicht imstande sein, im Raume eines migen Bandes
ein umfassendes allgemeines Bild des ganzen Kosmos auszufhren.
Mir selbst, dessen Kenntnisse in den verschiedenen Gebieten sehr
ungleich und lckenhaft sind, konnte hier nur die Aufgabe zufallen,
den allgemeinen Plan eines solchen Weltbildes zu entwerfen und die
durchgehende =Einheit= seiner Teile nachzuweisen, trotz sehr ungleicher
Ausfhrung derselben. Das vorliegende Buch ber die Weltrtsel trgt
daher auch nur den Charakter eines Skizzenbuches, in welchem
=Studien= von sehr ungleichem Werte zu einem Ganzen zusammengefgt
sind. Da die Niederschrift derselben zum Teil schon in frheren Jahren,
zum anderen Teil aber erst in der letzten Zeit erfolgte, ist die
Behandlung leider oft ungleichmig; auch sind mehrfache Wiederholungen
nicht zu vermeiden gewesen; ich bitte dieselben zu entschuldigen.

Indem ich hiermit von meinen Lesern mich verabschiede, spreche ich die
Hoffnung aus, da ich durch meine ehrliche und gewissenhafte Arbeit
-- trotz ihrer mir wohl bewuten Mngel -- ein kleines Scherflein zur
Lsung der Weltrtsel beigetragen habe, und da ich im Kampfe der
Weltanschauungen manchem ehrlichen und nach reiner Vernunfterkenntnis
ringenden Leser denjenigen Weg gezeigt habe, der nach meiner festen
berzeugung allein zur Wahrheit fhrt, den Weg der =empirischen
Naturforschung= und der darauf gegrndeten =monistischen Philosophie=.

    =Jena=, 2. April 1899.

                                                 _Ernst Haeckel._




Vorwort zur Taschenausgabe.


Auf Anregung des Verlegers der Weltrtsel, Herrn =Alfred Krner=, und
auf Wunsch vieler Leser dieses Buches, habe ich mich entschlossen, eine
neue und bequeme =Taschenausgabe= davon zu veranstalten. Es kam dabei
besonders in Betracht, den Inhalt einem greren Kreise durch leichtere
Darstellung und geflligere Form zugnglich zu machen, berflssige
Zugaben zu entfernen und Wiederholungen auszuschalten, sowie viele
Fremdwrter und verwickelte Ausfhrungen durch leichter verstndliche
zu ersetzen. Ferner sind viele Stze entfernt worden, welche teils
ferner liegende, teils zweifelhafte Fragen behandelten; das Buch
hat dadurch an Klarheit und Sicherheit, wie auch an einheitlicher
Durchfhrung gewonnen.

Der Raumersparnis halber sind auch alle Literaturhinweise und
=Anmerkungen= weggefallen, welche in der ersten groen Ausgabe
enthalten sind, sowie das =Nachwort= zu der spter erschienenen
Volksausgabe (Das Glaubensbekenntnis der reinen Vernunft). Diejenigen
Leser, welche diese weiteren Zustze und Erluterungen kennen zu lernen
wnschen, finden sie in der krzlich erschienenen zehnten Auflage
der =groen Ausgabe=, und teilweise in der neu durchgesehenen und
verbesserten Auflage der =Volksausgabe= (240. Tausend).

Mge auch diese neue =Taschenausgabe= dazu dienen, das Licht der
Aufklrung in immer weitere Kreise zu tragen und viele denkende Leser
anregen, sich selbstttig an der Lsung der groen Weltrtsel zu
beteiligen.

    =Jena=, 29. September 1908.

                                                _Ernst Haeckel._




Inhalt


          ~I~. Anthropologischer Teil
                     =Der Mensch=

   1. Stellung der Weltrtsel                   1
   2. Unser Krperbau                          14
   3. Unser Leben                              24
   4. Unsere Keimesgeschichte                  32
   5. Unsere Stammesgeschichte                 42

          ~II~. Psychologischer Teil
                     =Die Seele=

   6.  Das Wesen der Seele                     54
   7.  Stufenleiter der Seele                  68
   8.  Keimesgeschichte der Seele              80
   9.  Stammesgeschichte der Seele             90
  10. Bewutsein der Seele                    101
  11. Unsterblichkeit der Seele               113

          ~III~.  Kosmologischer Teil
                     =Die Welt=

  12. Das Substanzgesetz                      127
  13. Entwickelungsgeschichte der Welt        140
  14. Einheit der Natur                       154
  15. Gott und Welt                           168

          ~IV~.   Theologischer Teil
                     =Der Gott=

  16. Wissen und Glauben                      180
  17. Wissenschaft und Christentum            191
  18. Unsere monistische Religion             206
  19. Unsere monistische Sittenlehre          217
  20. Lsung der Weltrtsel                   229




=Erstes Kapitel.=

_Stellung der Weltrtsel._


  Allgemeines Kulturbild des neunzehnten Jahrhunderts. Der Kampf der
  Weltanschauungen. Monismus und Dualismus.


Am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts bietet sich dem denkenden
Beobachter eines der merkwrdigsten Schauspiele dar. Alle Gebildeten
sind darber einig, da dieses groartige Jahrhundert in vieler
Beziehung alle seine Vorgnger unendlich berflgelt und Aufgaben
gelst hat, die in seinem Anfange unlsbar erschienen. Die
berraschenden theoretischen Fortschritte in der Naturerkenntnis und
ihre fruchtbare praktische Verwertung in Technik, Industrie, Verkehr
usw. haben unserem modernen Kulturleben ein vllig neues Geprge
gegeben. Dagegen haben wir auf wichtigen Gebieten des geistigen
Lebens und der Gesellschafts-Beziehungen wenige oder gar keine
Fortschritte gegen frhere Jahrhunderte aufzuweisen, vielfach sogar
leider bedenkliche Rckschritte. Aus diesem offenkundigen Zwiespalt
entspringt nicht nur ein unbehagliches Gefhl innerer Zerrissenheit
und Unwahrheit, sondern auch die Gefahr schwerer Katastrophen auf
politischem und sozialem Gebiete. Es ist daher nicht nur das gute
Recht, sondern auch die heilige Pflicht jedes ehrlichen und von
Menschenliebe beseelten Forschers, nach bestem Wissen zur Aufhebung
jenes Zwiespaltes und zur Vermeidung der daraus entspringenden Gefahren
beizutragen. Dies kann aber nach unserer berzeugung nur durch mutiges
Streben nach =Erkenntnis der Wahrheit= geschehen und durch Gewinnung
einer klaren, fest gegrndeten, =naturgemen Weltanschauung=.

_Fortschritte der Naturerkenntnis._ Wenn wir uns den unvollkommenen
Zustand der Naturerkenntnis im Anfang des 19. Jahrhunderts
vergegenwrtigen und ihn mit der glnzenden Hhe an dessen Schlusse
vergleichen, so mu jedem Sachkundigen der Fortschritt erstaunlich
gro erscheinen. Jeder einzelne Zweig der Naturwissenschaft darf
sich rhmen, da er innerhalb dieses Jahrhunderts Gewinne von
grter Tragweite erzielt habe. In der mikroskopischen Kenntnis des
Kleinsten wie in der teleskopischen Erforschung des Grten haben
wir unschtzbare Einsichten gewonnen, die noch vor hundert Jahren
undenkbar erschienen. Verbesserte Untersuchungsmethoden haben uns
im Reiche der einzelligen Lebewesen eine unsichtbare Welt voll
unendlichen Formenreichtums offenbart, sowie in der winzigen kleinen
Zelle den gemeinsamen Elementar-Organismus kennen gelehrt, aus dessen
sozialen Zellverbnden, den Geweben, der Krper aller vielzelligen
Pflanzen und Tiere ebenso wie der des Menschen zusammengesetzt
ist. Diese anatomischen Kenntnisse sind von grter Tragweite; sie
werden ergnzt durch den embryologischen Nachweis, da jeder hhere
vielzellige Organismus sich aus einer einzigen einfachen Zelle
entwickelt, der befruchteten Eizelle. Die bedeutungsvolle, hierauf
gegrndete =Zellentheorie= hat uns erst das wahre Verstndnis fr
die geheimnisvollen Lebenserscheinungen erffnet, zu deren Erklrung
man frher eine bernatrliche Lebenskraft oder ein unsterbliches
Seelenwesen annahm. Auch das eigentliche Wesen der Krankheit ist dem
Arzte erst durch die damit verknpfte Zellularpathologie klar und
verstndlich geworden.

Nicht minder gewaltig sind aber die Entdeckungen des 19. Jahrhunderts
im Bereiche der anorganischen Natur. Die Physik hat in allen Teilen
ihres Gebietes die erstaunlichsten Fortschritte gemacht; und was
wichtiger ist, sie hat die =Einheit der Naturkrfte= im ganzen
Universum nachgewiesen. Die mechanische Wrmetheorie hat gezeigt, wie
eng dieselben zusammenhngen und wie jede unter bestimmten Bedingungen
sich direkt in die andere verwandeln kann. Die Spektralanalyse hat
uns gelehrt, da dieselben Stoffe, welche unseren Erdkrper und
seine lebendigen Bewohner aufbauen, auch die Masse der brigen
Planeten, der Sonne und der entferntesten Fixsterne zusammensetzen.
Die Astrophysik hat unsere Weltanschauung im groartigsten Mastabe
erweitert, indem sie uns im unendlichen Weltraum Millionen von
kreisenden Weltkrpern nachgewiesen hat, grer als unsere Erde, und
gleich dieser in bestndiger Umbildung begriffen, in einem ewigen
Wechsel von Werden und Vergehen. Die Chemie hat uns mit einer
Menge von neuen, frher unbekannten Stoffen bekannt gemacht, die
alle aus Verbindungen von wenigen unzerlegbaren Elementen (ungefhr
achtzig) bestehen. Sie hat gezeigt, da eines von diesen Elementen,
der Kohlenstoff, der wunderbare Krper ist, welcher die Bildung der
unendlich mannigfaltigen organischen Verbindungen bewirkt und somit die
chemische Basis des Lebens darstellt. Alle einzelnen Fortschritte
der Physik und Chemie stehen jedoch an theoretischer Bedeutung der
Erkenntnis des gewaltigen Gesetzes nach, welches alle in einem
gemeinsamen Brennpunkt vereinigt, des =Substanzgesetzes=. Indem dieses
=kosmologische Grundgesetz= die ewige Erhaltung der Kraft und des
Stoffes, die allgemeine Konstanz der Energie und der Materie im ganzen
Weltall nachweist, ist es der sichere Leitstern geworden, der unsere
monistische Philosophie durch das gewaltige Labyrinth der Weltrtsel zu
deren Lsung fhrt.

       *       *       *       *       *

Da es unsere Aufgabe sein wird, in den folgenden Kapiteln eine
allgemeine bersicht ber den jetzigen Stand unserer Naturerkenntnis
und ber ihre Fortschritte in unserem Jahrhundert zu gewinnen, wollen
wir hier nicht weiter auf eine Musterung der einzelnen Gebiete
eingehen. Nur einen grten Fortschritt wollen wir noch hervorheben,
der dem Substanzgesetz ebenbrtig ist und der es ergnzt: die
Begrndung der =Entwickelungslehre=. Zwar haben einzelne denkende
Forscher schon seit Jahrtausenden von =Entwickelung= der Dinge
gesprochen; da aber dieser Begriff das =Universum= beherrscht, und
da die Welt selbst weiter nichts ist als eine ewige Entwickelung der
Substanz, dieser gewaltige Gedanke ist ein Kind des 19. Jahrhunderts.
Erst in seiner zweiten Hlfte gelangte er zu voller Klarheit und zu
allgemeiner Anwendung. Das unsterbliche Verdienst, diesen hchsten
philosophischen Begriff empirisch begrndet und zu umfassender Geltung
gebracht zu haben, gebhrt dem groen englischen Naturforscher =Charles
Darwin=; er legte 1859 den festen Grund fr jene Abstammungslehre,
welche der geniale franzsische Naturphilosoph =Jean Lamarck= schon
1809 in ihren Hauptzgen erkannt, und deren Grundgedanken unser grter
deutscher Dichter und Denker, =Wolfgang Goethe=, schon 1790 prophetisch
erfat hatte. Damit wurde uns zugleich der Schlssel zur Frage aller
Fragen geschenkt, zu dem groen Weltrtsel von der Stellung des
Menschen in der Natur und von seiner natrlichen Entstehung. Wenn wir
heute imstande sind, die Herrschaft des =Entwickelungsgesetzes= im
Gesamtgebiete der Natur klar zu erkennen und sie in Verbindung mit dem
=Substanzgesetze= zur einheitlichen Erklrung aller Naturerscheinungen
zu benutzen, so verdanken wir dies in erster Linie jenen drei genialen,
weitblickenden Naturphilosophen, drei Sternen erster Gre unter allen
anderen groen Mnnern des neunzehnten Jahrhunderts.

Diesen erstaunlichen Fortschritten unserer =theoretischen=
Naturerkenntnis entspricht deren mannigfaltige =praktische= Anwendung
auf allen Gebieten des menschlichen Kulturlebens. Wenn wir heute
im Zeitalter des Verkehrs stehen, wenn der internationale Handel
und das Reisen eine frher nicht geahnte Bedeutung erlangt haben,
wenn wir mittels Telegraph und Telephon die Schranken von Raum und
Zeit berwunden haben, so verdanken wir das in erster Linie den
Fortschritten der technischen Physik, besonders in der Anwendung der
Dampfkraft und der Elektrizitt. Wenn wir durch die Photographie das
Sonnenlicht zwingen, uns in einem Augenblick naturgetreue Bilder
von jedem beliebigen Gegenstande zu verschaffen, wenn wir in der
Landwirtschaft und in den verschiedensten Gewerben erstaunliche
praktische Fortschritte gemacht haben, wenn wir in der Medizin durch
Chloroform und Morphium, durch antiseptische und Serumtherapie die
Leiden der Menschheit unendlich gemildert haben, so verdanken wir dies
der angewandten Chemie. Durch diese und andere Erfindungen der Technik
haben wir alle frheren Jahrhunderte weit berflgelt.

_Fortschritte der sozialen Einrichtungen._ So drfen wir heute mit
gerechtem Stolze auf die gewaltigen Fortschritte des 19. Jahrhunderts
in der Naturerkenntnis und deren praktische Verwertung zurckblicken.
Leider bietet sich uns ein ganz anderes und wenig erfreuliches
Bild, wenn wir andere, nicht minder wichtige Gebiete des modernen
Kulturlebens ins Auge fassen. Zu unserem Bedauern mssen wir da den
Satz von =Alfred Wallace= unterschreiben: Verglichen mit unseren
erstaunlichen Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften und
ihrer praktischen Anwendung, bleibt unser System der Regierung, der
administrativen Justiz, der Nationalerziehung und unsere ganze soziale
und moralische Organisation in einem =Zustande der Barbarei=. Um uns
von der Wahrheit dieser schweren Vorwrfe zu berzeugen, brauchen wir
nur einen unbefangenen Blick in unser ffentliches Leben zu werfen,
oder in den Spiegel zu blicken, den uns tglich unsere Zeitung, als das
Organ der ffentlichen Meinung, vorhlt.

_Unsere Rechtspflege._ Beginnen wir unsere Rundschau mit der Justiz,
dem ~Fundamentum regnorum~. Niemand wird behaupten knnen,
da deren heutiger Zustand mit unserer fortgeschrittenen Erkenntnis
des Menschen und der Welt in Einklang sei. Keine Woche vergeht, in
der wir nicht von richterlichen Urteilen lesen, welche dem gesunden
Menschenverstand widersprechen; viele Entscheidungen unserer hheren
und niederen Gerichtshfe erscheinen geradezu unbegreiflich. Wir
sehen ganz davon ab, da in vielen modernen Staaten -- trotz der auf
Papier gedruckten Verfassung -- noch tatschlich der Absolutismus
herrscht und da manche Mnner des Rechts nicht nach ehrlicher
berzeugung urteilen, sondern entsprechend dem hheren Wunsche von
magebender Stelle. Wir nehmen vielmehr an, da die meisten Richter
und Staatsanwlte nach bestem Gewissen urteilen und nur menschlich
irren. Dann erklren sich wohl die meisten Irrtmer durch mangelhafte
Vorbildung und durch die veraltete Gesetzgebung. Freilich herrscht
vielfach die Ansicht, da gerade die Juristen die hchste Bildung
besitzen; gerade sie werden bei der Besetzung der verschiedensten
mter vorgezogen. Allein diese vielgerhmte juristische Bildung
ist grtenteils eine rein =formale=, keine reale. Den menschlichen
Organismus und seine wichtigste Funktion, die Seele, lernen unsere
Juristen nur oberflchlich kennen; das beweisen z. B. die wunderlichen
Ansichten ber Willensfreiheit, Verantwortung usw., denen wir tglich
begegnen. Den meisten Studierenden der Jurisprudenz fllt es gar nicht
ein, sich um =Anthropologie, Psychologie= und =Entwickelungsgeschichte=
zu bekmmern, die ersten Vorbedingungen fr richtige Beurteilung des
Menschenwesens. Freilich bleibt dazu auch keine Zeit; diese wird
leider nur zu sehr durch das grndliche Studium von Bier und Wein in
Anspruch genommen, sowie das veredelnde Mensurenwesen; der Rest
der kostbaren Studienzeit aber ist notwendig, um die Hunderte von
Paragraphen der Gesetzbcher zu erlernen, deren Kenntnis den Juristen
zu allen mglichen Stellungen im heutigen Kulturstaate befhigt.

_Unsere Staatsordnung._ Das leidige Gebiet der Politik wollen wir hier
nur ganz flchtig streifen. Die unerfreulichen Zustnde des modernen
Staatslebens sind ja allbekannt und jedermann tglich fhlbar. Zum
groen Teile erklren sich deren Mngel daraus, da die meisten
Staatsbeamten eben Juristen sind, Mnner von hoher formaler Bildung,
aber ohne jene grndliche Kenntnis der Menschennatur, die nur durch
vergleichende Anthropologie und Psychologie erworben werden kann.
Bau und Leben des sozialen Krpers, d. h. des =Staates=, lernen
wir nur dann richtig verstehen, wenn wir naturwissenschaftliche
Kenntnis vom Bau und Leben der =Personen= besitzen, welche den Staat
zusammensetzen, und der =Zellen=, welche jene Personen zusammensetzen.
Wenn unsere Staatslenker und Volksvertreter diese =unschtzbaren
biologischen= und =anthropologischen Vorkenntnisse= besen, so
wrde unmglich in den Zeitungen tglich jene entsetzliche Flle
von soziologischen Irrtmern und von politischer Kannegieerei
zu lesen sein, welche unsere Parlamentsberichte und auch viele
Regierungserlasse nicht gerade erfreulich auszeichnen. Am meisten
zu beklagen ist es, da der moderne =Kulturstaat= sich der
kulturfeindlichen =Kirche= in die Arme wirft, und da der bornierte
Egoismus der Parteien, die Verblendung der kurzsichtigen Parteifhrer
die Hierarchie untersttzt. Dadurch entstehen so traurige Bilder, wie
sie uns am Schlusse des 19. Jahrhunderts der Deutsche Reichstag vor
Augen fhrte: die Geschicke des gebildeten deutschen Volkes in der Hand
des ultramontanen Zentrums, unter der Leitung des rmischen Papismus,
der sein rgster und gefhrlichster Feind ist. Statt Recht und Vernunft
regiert Aberglaube und Verdummung. Unsere Staatsordnung kann nur dann
besser werden, wenn sie sich von den Fesseln der Kirche befreit und
wenn sie durch allgemeine =naturwissenschaftliche Bildung= die Welt- und
Menschenkenntnis der Staatsbrger auf eine hhere Stufe hebt. Dabei
kommt es gar nicht auf die besondere =Staatsform= an. Ob Monarchie oder
Republik, ob aristokratische oder demokratische Verfassung, das sind
untergeordnete Fragen gegenber der groen Hauptfrage: Soll der moderne
Kulturstaat geistlich oder weltlich sein? Soll er =theokratisch=,
durch unvernnftige Glaubensstze und klerikale Willkr, oder soll
er =nomokratisch=, durch vernnftige Gesetze und brgerliches Recht
geleitet werden?

_Unsere Schule._ Ebenso wie unsere Rechtspflege und Staatsordnung
entspricht auch unsere Jugenderziehung durchaus nicht den
Anforderungen, welche die wissenschaftlichen Fortschritte des 19.
Jahrhunderts an die moderne Bildung stellen. Die =Naturwissenschaft=,
die alle anderen Wissenschaften so weit berflgelt und welche, bei
Licht betrachtet, auch alle sogenannten Geisteswissenschaften in sich
aufgenommen hat, wird in unseren Schulen immer noch als Aschenbrdel
in die Ecke gestellt. Unseren meisten Lehrern erscheint immer noch als
Hauptaufgabe jene tote Gelehrsamkeit, die aus den Klosterschulen des
Mittelalters bernommen ist; im Vordergrunde steht der grammatikalische
Sport und die zeitraubende grndliche Kenntnis der klassischen
Sprachen, sowie der uerlichen Vlkergeschichte. Die Sittenlehre, der
wichtigste Gegenstand der praktischen Philosophie, wird vernachlssigt
und an ihre Stelle die kirchliche Konfession gesetzt. Der Glaube soll
dem Wissen vorangehen; nicht jener wissenschaftliche Glaube, welcher
uns zu einer monistischen Religion fhrt, sondern jener unvernnftige
Aberglaube, der die Grundlage eines verunstalteten Christentums
bildet. Whrend die groartigen Erkenntnisse der modernen Kosmologie
und Anthropologie, der heutigen Biologie und Entwickelungslehre auf
unseren hheren Schulen gar keine oder nur ganz ungengende Verwertung
finden, wird das Gedchtnis mit einer Unmasse von philologischen und
historischen Tatsachen berladen, die weder fr die Geistesbildung,
noch fr das praktische Leben von Nutzen sind. Auch die veralteten
Einrichtungen und Fakulttsverhltnisse der Universitten entsprechen
der heutigen Entwickelungsstufe der natrlichen Weltanschauung
ebensowenig wie der Unterricht in den Gymnasien und in den niederen
Schulen.

_Unsere Kirche._ Im schrfsten Gegensatze zu der modernen Bildung
und zu deren Grundlage, der vorgeschrittenen Naturerkenntnis, steht
unstreitig die Kirche. Wir wollen hier garnicht vom ultramontanen
Papismus sprechen, oder von den orthodoxen evangelischen Richtungen,
welche diesem in bezug auf krassesten Aberglauben und Unkenntnis
der Wirklichkeit nichts nachgeben. Vielmehr versetzen wir uns in
die Predigt eines liberalen protestantischen Pfarrers, der gute
Durchschnittsbildung besitzt und der Vernunft neben dem Glauben ihr
gutes Recht einrumt. Da hren wir neben vortrefflichen Sittenlehren,
die mit unserer monistischen Ethik (im 19. Kapitel) vollkommen
harmonieren, Vorstellungen ber das Wesen von Gott und Welt, von
Mensch und Leben, welche allen Erkenntnissen der Naturforschung direkt
widersprechen. Es ist kein Wunder, wenn Techniker und Chemiker,
rzte und Philosophen, die grndlich ber die Natur beobachtet und
nachgedacht haben, solchen Predigten kein Gehr schenken wollen.
Es fehlt eben unseren Theologen und Philologen, ebenso wie unseren
Politikern und Juristen, an jener =unentbehrlichen Naturerkenntnis=,
auf welche sich die monistische Entwickelungslehre grndet.

_Konflikt zwischen Vernunft und Dogma._ Aus diesen bedauerlichen
Gegenstzen ergeben sich fr unser modernes Kulturleben schwere
Konflikte, deren Gefahr dringend zur Beseitigung auffordert. Unsere
heutige Bildung verlangt ihr gutes Recht auf allen Gebieten des
ffentlichen und privaten Lebens; sie wnscht die Menschheit mittels
der =Vernunft= auf jene hhere Stufe der Erkenntnis und damit zugleich
auf jenen besseren Weg zum Glck erhoben zu sehen, welche wir unserer
hoch entwickelten Naturwissenschaft verdanken. Dagegen struben sich
mit aller Macht diejenigen einflureichen Kreise, welche unsere
Geistesbildung in den berwundenen Anschauungen des Mittelalters
zurckhalten wollen; sie verharren im Banne der traditionellen =Dogmen=
und verlangen, da die Vernunft sich unter diese hhere Offenbarung
beuge. Das ist der Fall in weiten Kreisen der Theologie und Philologie,
der Soziologie und Jurisprudenz. Diese Rckstndigkeit beruht zum
grten Teile gewi nicht auf eigenntzigem Streben, sondern teils auf
Unkenntnis der realen Tatsachen, teils auf der bequemen Gewohnheit der
Tradition. Die gefhrlichste Feindin der Vernunft und Wissenschaft ist
nicht die Bosheit, sondern die Unwissenheit und vielleicht noch mehr
die Trgheit. Gegen diese beiden Mchte kmpfen die Gtter selbst dann
noch vergebens, wenn sie die erstere glcklich berwunden haben.

_Anthropismus._ Eine der mchtigsten Sttzen gewhrt jener
rckstndigen Weltanschauung der =Anthropismus= oder die
=Vermenschlichung=. Unter diesem Begriffe verstehe ich jenen
mchtigen und weit verbreiteten Komplex von irrtmlichen Vorstellungen,
welcher den menschlichen Organismus in Gegensatz zu der ganzen brigen
Natur stellt, ihn als vorbedachtes Endziel der organischen Schpfung
und als ein von dieser verschiedenes, gotthnliches Wesen auffat. Bei
genauerer Kritik dieses einflureichen Vorstellungskreises ergibt sich,
da er eigentlich aus drei verschiedenen Dogmen besteht, die wir als
den =anthropozentrischen, anthropomorphischen= und =anthropolatrischen=
Irrtum unterscheiden. ~I~. Das =anthropozentrische Dogma= ruht
auf der Vorstellung, da der Mensch der vorbedachte Mittelpunkt und
Endzweck alles Erdenlebens -- oder in weiterer Fassung der ganzen
Welt -- sei. Da dieser Irrtum dem menschlichen Eigendnkel uerst
erwnscht, und da er mit den Schpfungsmythen und mit den Dogmen
der =mosaischen, christlichen= und =mohammedanischen= Religion
innig verwachsen ist, beherrscht er auch heute noch den grten
Teil der Kulturwelt. -- ~II~. Das =anthropomorphische Dogma=
knpft ebenfalls an die Schpfungssagen der drei genannten, sowie
vieler anderen Religionen an. Es vergleicht die Weltschpfung und
Weltregierung Gottes mit den Kunstschpfungen eines sinnreichen
Technikers und mit der Staatsregierung eines weisen Herrschers. Gott
der Herr als Schpfer, Erhalter und Regierer der Welt wird dabei
in seinem Denken und Handeln durchaus menschenhnlich vorgestellt.
Daraus folgt dann wieder umgekehrt, da der Mensch gotthnlich
ist. Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Die ltere naive
Mythologie verleiht ihren Gttern Menschengestalt, Fleisch und Blut.
Weniger materialistisch sind die Vorstellungen der neueren mystischen
Theosophie, welche den persnlichen Gott als unsichtbares Wesen
verehrt und ihn doch gleichzeitig nach Menschenart denken, sprechen und
handeln lt. -- ~III~. Das =anthropolatrische Dogma= ergibt sich
aus dieser Vergleichung der menschlichen und gttlichen Seelenttigkeit
von selbst; es fhrt zu der gttlichen =Verehrung= des menschlichen
Organismus, zum anthropistischen Grenwahn. Daraus folgt wieder
der hochgeschtzte Glaube an die persnliche Unsterblichkeit der
Seele, sowie das dualistische Dogma von der Doppelnatur des Menschen,
dessen unsterbliche Seele den sterblichen Krper nur zeitweise
bewohnt. Diese drei anthropistischen Dogmen, mannigfach ausgebildet und
der wechselnden Glaubensform der verschiedenen Religionen angepat,
wurden zur Quelle der gefhrlichsten Irrtmer. Die =anthropistische
Weltanschauung=, die daraus entsprang, steht in unvershnlichem
Gegensatz zu unserer monistischen Naturerkenntnis; sie wird zunchst
schon durch deren kosmologische Perspektive widerlegt.

_Kosmologische Perspektive._ Die Unhaltbarkeit dieser drei
anthropistischen Dogmen, wie auch vieler anderer Anschauungen der
dualistischen Philosophie und der orthodoxen Religion, offenbart sich,
sobald wir sie aus der =kosmologischen Perspektive= unseres Monismus
kritisch betrachten. Wir verstehen darunter jene umfassende =Anschauung
des Weltganzen=, welche uns der hchste Standpunkt der monistischen
Naturerkenntnis gewhrt. Da berzeugen wir uns von der Wahrheit der
folgenden wichtigen =kosmologischen Lehrstze=:

1. Das Weltall (Universum oder Kosmos) ist ewig, unendlich und
unbegrenzt. 2. Die Substanz desselben mit ihren beiden Attributen
(Materie und Energie) erfllt den unendlichen Raum und befindet sich
in ewiger Bewegung. 3. Diese Bewegung verluft in der unendlichen
Zeit als eine einheitliche Entwickelung, mit periodischem Wechsel von
Werden und Vergehen, von Fortbildung und Rckbildung. 4. Die unzhligen
Weltkrper, welche im raumerfllenden ther verteilt sind, unterliegen
smtlich dem Substanzgesetz. 5. Unsere Sonne ist einer von diesen
unzhligen vergnglichen Weltkrpern, und unsere Erde ist einer von den
zahlreichen vergnglichen Planeten, welche diese umkreisen. 6. Unsere
Erde hat einen langen Abkhlungsproze durchgemacht, ehe auf derselben
tropfbar flssiges Wasser und damit die erste Vorbedingung organischen
Lebens entstehen konnte. 7. Der darauf folgende biogenetische Proze,
die langsame Entwickelung und Umbildung zahlloser organischer Formen,
hat viele Millionen Jahre (weit ber hundert!) in Anspruch genommen.
8. Unter den verschiedenen Tierstmmen, welche sich im spteren
Verlaufe des biogenetischen Prozesses auf unserer Erde entwickelten,
hat der Stamm der Wirbeltiere im Wettlaufe der Entwickelung neuerdings
alle anderen weit berflgelt. 9. Als der bedeutendste Zweig des
Wirbeltierstammes hat sich erst spt (whrend der Triasperiode) aus
Amphibien die Klasse der Sugetiere entwickelt. 10. Der vollkommenste
und hchst entwickelte Zweig dieser Klasse ist die Ordnung der
Herrentiere oder Primaten, die erst im Beginne der Tertirzeit durch
Umbildung aus niedersten Zottentieren entstanden ist. 11. Das jngste
und vollkommenste stchen des Primatenzweiges ist der Mensch, der erst
in spterer Tertirzeit aus einer Reihe von Menschenaffen hervorging.
12. Demnach ist die sogenannte Weltgeschichte eine verschwindend
kurze Episode in dem langen Verlaufe der organischen Erdgeschichte,
ebenso wie diese selbst ein kleines Stck von der Geschichte unseres
Planetensystems; und wie unsere Mutter Erde ein vergngliches
Sonnenstubchen im unendlichen Weltall, so ist der einzelne Mensch eine
vorbergehende Erscheinung in der vergnglichen organischen Natur.

Nichts scheint mir geeigneter als diese groartige =kosmologische
Perspektive=, um von vornherein den richtigen Mastab und den
weitsichtigen Standpunkt festzusetzen, welchen wir zur Lsung der
Weltrtsel einhalten mssen. Denn dadurch wird nicht nur die magebende
Stellung des Menschen in der Natur klar bezeichnet, sondern auch
der herrschende =anthropistische Grenwahn= widerlegt, die Anmaung,
mit welcher der Mensch sich dem unendlichen Universum gegenberstellt
und als wichtigsten Teil des Weltalls verherrlicht. Diese grenzenlose
Selbstberhebung des eiteln Menschen hat ihn dazu verfhrt, sich
als Ebenbild Gottes zu betrachten, fr seine vergngliche Person
ein ewiges Leben in Anspruch zu nehmen und sich einzubilden, da
er unbeschrnkte Freiheit des Willens besitzt. Der lcherliche
Csarenwahn des Caligula ist eine spezielle Form dieser hochmtigen
Selbstvergtterung des Menschen. Erst wenn wir diesen unhaltbaren
Grenwahn aufgeben und die naturgeme kosmologische Perspektive
einnehmen, knnen wir zur Lsung der Weltrtsel gelangen.

_Zahl der Weltrtsel._ Der ungebildete Kulturmensch ist noch ebenso wie
der rohe Naturmensch auf Schritt und Tritt von unzhligen Weltrtseln
umgeben. Je weiter die Kultur fortschreitet und die Wissenschaft sich
entwickelt, desto mehr wird ihre Zahl beschrnkt. Die =monistische
Philosophie= wird schlielich nur ein einziges, allumfassendes
Weltrtsel anerkennen, das =Substanzproblem=. In der berhmten
Rede, welche =Emil du Bois-Reymond= 1880 in der Leibniz-Sitzung der
Berliner Akademie der Wissenschaften hielt, unterscheidet er =sieben
Weltrtsel=; er fhrt dieselben in nachstehender Reihenfolge auf:
~I~. das Wesen von Materie und Kraft, ~II~. der Ursprung der
Bewegung, ~III~. die erste Entstehung des Lebens, ~IV~. die
(anscheinend absichtsvoll) zweckmige Einrichtung der Natur, ~V~.
das Entstehen der einfachen Sinnesempfindung und des Bewutseins,
~VI~. das vernnftige Denken und der Ursprung der damit eng
verbundenen Sprache, ~VII~. die Frage nach der Willensfreiheit.
Von diesen sieben Weltrtseln erklrt der Rhetor der Berliner Akademie
=drei= fr ganz transzendent und unlsbar (das erste, zweite und
fnfte); =drei= andere hlt er zwar fr schwierig, aber fr lsbar
(das dritte, vierte und sechste); bezglich des siebenten und letzten
Weltrtsels, welches praktisch das wichtigste ist, nmlich der
Willensfreiheit, verhlt er sich unentschieden.

Nach meiner Ansicht werden die drei transzendenten Rtsel (~I, II,
V~) durch unsere Auffassung der =Substanz= erledigt (Kapitel 12);
die drei anderen, schwierigen, aber lsbaren Probleme (~III, IV,
VI~) sind durch unsere moderne =Entwickelungslehre= endgltig gelst;
das siebente und letzte Weltrtsel, die Willensfreiheit, ist gar kein
Objekt kritischer wissenschaftlicher Erklrung, da sie als reines
=Dogma= auf bloer Tuschung beruht und in Wirklichkeit gar nicht
existiert.

_Lsung der Weltrtsel._ Die Mittel und Wege zur Lsung der Weltrtsel
sind diejenigen der reinen wissenschaftlichen Erkenntnis berhaupt:
=Erfahrung= und =Schlufolgerung=. Die wissenschaftliche Erfahrung
erwerben wir uns durch Beobachtung und Experiment, wobei in erster
Linie unsere Sinnesorgane, in zweiter die inneren Sinnesherde
unserer Grohirnrinde ttig sind. Die mikroskopischen Elementarorgane
der ersteren sind die Sinneszellen, die der letzteren Gruppen von
Ganglienzellen. Die Erfahrungen, welche wir von der Auenwelt durch
diese unschtzbarsten Organe unseres Geisteslebens erhalten haben,
werden dann durch andere Gehirnteile in Vorstellungen umgesetzt und
diese wiederum durch Assoziation zu Schlssen verknpft. Die Bildung
dieser Schlufolgerungen erfolgt auf zwei verschiedenen Wegen, die
nach meiner berzeugung gleich wertvoll und unentbehrlich sind:
=Induktion und Deduktion=. Die weiteren verwickelten Gehirnoperationen,
die Bildung von zusammenhngenden Kettenschlssen, die Abstraktion
und Begriffsbildung, die Ergnzung des erkennenden Verstandes durch
die plastische Phantasie, schlielich das Bewutsein, das Denken
und Philosophieren, sind ebenso Funktionen der Ganglienzellen der
Grohirnrinde wie die vorhergehenden einfacheren Seelenttigkeiten.
Alle zusammen vereinigen wir in dem hchsten Begriffe der =Vernunft=.

_Vernunft, Gemt und Offenbarung._ Durch die Vernunft allein knnen
wir zur wahren Naturerkenntnis und zur Lsung der Weltrtsel
gelangen. Indessen hat die Vernunft ihren hohen Wert erst durch die
fortschreitende Kultur und Geistesbildung, durch die Entwickelung
der =Wissenschaft= erhalten. Der ungebildete Mensch und der rohe
Naturmensch sind ebensowenig (oder ebensosehr) vernnftig wie die
nchstverwandten Sugetiere (Affen, Hunde, Elefanten usw.). Nun ist
noch heute in weiten Kreisen die Ansicht verbreitet, da es auer
der Vernunft noch zwei weitere (ja sogar wichtigere!) Erkenntniswege
gebe: Gemt und Offenbarung. Diesem gefhrlichen Irrtum mssen wir
entschieden entgegentreten. =Das Gemt hat mit der Erkenntnis der
Wahrheit garnichts zu tun.= Was wir Gemt nennen und hochschtzen,
ist eine verwickelte Ttigkeit des Gehirns, welche sich aus Gefhlen
der Lust und Unlust, aus Vorstellungen der Zuneigung und Abneigung,
aus Strebungen des Begehrens und Fliehens zusammensetzt. Dabei
knnen die verschiedensten anderen Ttigkeiten des Organismus
mitspielen, Bedrfnisse der Sinne und der Muskeln, des Magens und
der Geschlechtsorgane usw. Die Erkenntnis der Wahrheit frdern
alle diese Gemtszustnde und Gemtsbewegungen in keiner Weise; im
Gegenteil stren sie oft die allein dazu befhigte Vernunft. Noch
kein Weltrtsel ist durch die Gehirnfunktion des Gemts gelst
oder auch nur gefrdert worden. Dasselbe gilt aber auch von der
sogenannten =Offenbarung= und den angeblichen, dadurch erreichten
=Glaubenswahrheiten=; diese beruhen smtlich auf bewuter oder
unbewuter Tuschung (vergl. das 16. Kapitel).

_Philosophie und Naturwissenschaft._ Als einen der erfreulichsten
Fortschritte zur Lsung der Weltrtsel mssen wir es begren,
da in neuerer Zeit immer mehr die beiden einzigen dazu fhrenden
Wege: =Erfahrung und Denken= (oder =Empirie und Spekulation=) als
gleichberechtigte und sich gegenseitig ergnzende Erkenntnismethoden
anerkannt worden sind. Die Philosophen haben allmhlich eingesehen,
da die reine Spekulation zur wahren Erkenntnis nicht ausreicht. Und
ebenso haben sich anderseits die Naturforscher berzeugt, da die
bloe Erfahrung fr die Bildung einer realen Weltanschauung ungengend
ist. Die zwei groen Erkenntniswege, die sinnliche Erfahrung und das
vernnftige Denken, sind =zwei verschiedene Gehirnfunktionen=; die
erstere wird durch die Sinnesorgane und die zentralen Sinnesherde,
die letztere durch die dazwischen liegenden Denkherde, die groen
Assozionszentren der Grohirnrinde vermittelt. (Vergl. Kapitel 7
und 10.) Erst durch die vereinigte Ttigkeit beider entsteht wahre
Erkenntnis. Allerdings gibt es auch heute noch Philosophen, welche
die Welt blo aus ihrem Kopfe konstruieren wollen, und welche die
empirische Naturerkenntnis schon deshalb verschmhen, weil sie die
wirkliche Welt nicht kennen. Anderseits behaupten auch heute noch
manche Naturforscher, da die einzige Aufgabe der Wissenschaft
das tatschliche Wissen, die objektive Erforschung der einzelnen
Naturerscheinungen sei; das Zeitalter der Philosophie sei vorber,
und an ihre Stelle sei die Naturwissenschaft getreten (=Virchow= 1893).
Diese einseitige berschtzung der Empirie ist ein ebenso gefhrlicher
Irrtum wie jene entgegengesetzte der Spekulation. Beide Erkenntniswege
sind sich gegenseitig unentbehrlich. Die grten Triumphe der
modernen Naturforschung, die Zellentheorie und die Wrmetheorie, die
Entwickelungstheorie und das Substanzgesetz, sind =philosophische
Taten=, aber nicht Ergebnisse der reinen =Spekulation=, sondern der
vorausgegangenen, ausgedehntesten und grndlichsten =Empirie=.

_Dualismus und Monismus._ Alle verschiedenen Richtungen der Philosophie
lassen sich, vom heutigen Standpunkte der Naturwissenschaft beurteilt,
in zwei entgegengesetzte Reihen bringen, einerseits die =dualistische=
oder zwiespltige, anderseits die =monistische= oder einheitliche
Weltanschauung. Der =Dualismus= (im weitesten Sinne!) zerlegt das
Universum in zwei ganz verschiedene Substanzen, die materielle Welt und
den immateriellen Gott, der ihr als Schpfer, Erhalter und Regierer
gegenbersteht. Der =Monismus= hingegen (ebenfalls im weitesten Sinne
begriffen!) erkennt im Universum nur eine einzige Substanz, die Gott
und Natur zugleich ist; Krper und Geist (oder Materie und Energie)
sind fr sie untrennbar verbunden. Der auerweltliche persnliche
Gott des Dualismus fhrt zum =Theismus=, der innerweltliche Gott des
Monismus zum =Pantheismus=.

_Materialismus und Spiritualismus._ Sehr hufig werden auch heute
noch die verschiedenen Begriffe =Monismus= und =Materialismus= und
ebenso die wesentlich verschiedenen Richtungen des theoretischen und
des praktischen Materialismus verwechselt. Da diese und hnliche
Begriffsverwirrungen zahlreiche Irrtmer veranlassen, wollen wir zur
Vermeidung aller Miverstndnisse nur kurz noch folgendes bemerken:
~I~. Unser =reiner Monismus= ist weder mit jenem =Materialismus=
identisch, welcher den Geist leugnet und die Welt in eine Summe von
toten Atomen auflst, noch mit dem theoretischen =Spiritualismus=
(neuerdings als =Energetik= bezeichnet), welcher die Materie leugnet
und die Welt nur als eine rumlich geordnete Gruppe von bloen
Empfindungen und Vorstellungen (oder von Energien oder immateriellen
Naturkrften) betrachtet. ~II~. Vielmehr sind wir mit =Goethe= der
festen berzeugung, da die Materie nie ohne Geist, der Geist nie
ohne Materie existiert und wirksam sein kann. Wir halten fest an
der monistischen Auffassung von =Spinoza=: =Die Materie=, als die
unendlich ausgedehnte Substanz, und der =Geist= (oder die Energie), als
die empfindende oder denkende Substanz, sind die beiden =Attribute=
oder Grundeigenschaften des allumfassenden gttlichen Weltwesens, der
universalen =Substanz=. (Vergl. Kapitel 12.)




=Zweites Kapitel.=

_Unser Krperbau._

  Monistische Studien ber menschliche und vergleichende Anatomie.
  bereinstimmung in der grberen und feineren Organisation des Menschen
  und der Sugetiere.


Alle biologischen Untersuchungen, alle Forschungen ber die Gestaltung
und Lebensttigkeit der Organismen haben zunchst den sichtbaren Krper
ins Auge zu fassen, an welchem uns die betreffenden morphologischen und
physiologischen Erscheinungen entgegentreten. Dieser Grundsatz gilt
ebenso fr den =Menschen= wie fr alle anderen belebten Naturkrper.
Dabei darf sich die Untersuchung nicht mit der Betrachtung der ueren
Gestalt begngen, sondern sie mu in das Innere derselben eindringen
und ihre Zusammensetzung aus den grberen und feineren Bestandteilen
erforschen. Die Wissenschaft, welche diese grundlegende Untersuchung im
weitesten Umfange auszufhren hat, ist die =Anatomie=.

_Menschliche Anatomie._ Die erste Anregung zur Erkenntnis des
menschlichen Krperbaues ging naturgem von der Heilkunde aus. Da
diese bei den ltesten Kulturvlkern gewhnlich von den Priestern
ausgebt wurde, drfen wir annehmen, da diese hchsten Vertreter der
damaligen Bildung schon im zweiten Jahrtausend vor Christo und frher
ber ein gewisses Ma von anatomischen Kenntnissen verfgten. Aber
genauere Erfahrungen, gewonnen durch die Zergliederung von Sugetieren
und von diesen bertragen auf den Menschen, finden wir erst bei den
Griechen, von denen =Hippokrates= lange als vorzglichste Autoritt
galt. Nach ihm erscheint nur noch ein bedeutender Anatom im Altertum,
der Arzt =Claudius Galenus=. Alle diese lteren Anatomen erwarben
ihre Kenntnisse zum grten Teile nicht durch die Untersuchung des
menschlichen Krpers selbst -- die damals noch streng verboten war! --,
sondern durch diejenige der menschenhnlichsten Sugetiere, besonders
der =Affen=; sie waren also alle eigentlich schon =vergleichende=
Anatomen.

Das Emporblhen des =Christentums= und der damit verknpften
mystischen Weltanschauung bereitete der Anatomie, wie allen anderen
Naturwissenschaften, den Niedergang. Die rmischen =Ppste= waren
vor allem bestrebt, die Menschheit in =Unwissenheit= und in blindem
Aberglauben zu erhalten; sie hielten die Kenntnis des menschlichen
Organismus mit Recht fr ein gefhrliches Mittel der Aufklrung
ber unser wahres Wesen. Whrend des langen Zeitraums von dreizehn
Jahrhunderten blieben die Schriften des =Galenus= fast die einzige
Quelle fr die menschliche Anatomie, ebenso wie diejenigen des
=Aristoteles= fr die gesamte Naturgeschichte. Erst als im sechzehnten
Jahrhundert n. Chr. durch die =Reformation= die geistige Weltherrschaft
des Papismus gebrochen und durch das neue Weltsystem des =Kopernikus=
die eng damit verknpfte geozentrische Weltanschauung zerstrt wurde,
begann auch fr die Erkenntnis des menschlichen Krpers eine neue
Periode des Aufschwungs. Die groen Anatomen =Vesalius=, =Eustachius=
und =Fallopius= frderten durch eigene grndliche Untersuchungen die
genaue Kenntnis unseres Krperbaues so sehr, da ihren zahlreichen
Nachfolgern bezglich der grberen Verhltnisse hauptschlich nur
Einzelheiten festzustellen brigblieben. Der ebenso khne wie
geistreiche =Andreas Vesalius= ging bahnbrechend allen voran; er
vollendete schon in seinem 28. Lebensjahre das groe, einheitlich
durchgefhrte Werk ~De humani corporis fabrica~ (1543) und gab
der ganzen menschlichen Anatomie eine neue, selbstndige Richtung und
sichere Grundlage.

_Vergleichende Anatomie._ Die Verdienste, welche das neunzehnte
Jahrhundert sich um die Erkenntnis des menschlichen Krperbaues
erworben hat, bestehen vor allem in dem Ausbau von zwei neuen, beraus
wichtigen Forschungsrichtungen, der =vergleichenden Anatomie= und
der =Gewebelehre= oder der mikroskopischen Anatomie. Die erstere
war allerdings schon von Anfang an mit der menschlichen Anatomie
eng verknpft gewesen; denn diese wurde solange durch die erstere
ersetzt, als die Sektion menschlicher Leichen fr ein todeswrdiges
Verbrechen galt -- und das war selbst noch im 15. Jahrhundert der
Fall! Aber die zahlreichen Anatomen der folgenden drei Jahrhunderte
beschrnkten sich grtenteils auf die genaue Untersuchung des
menschlichen Organismus. Diejenige hochentwickelte Disziplin, die wir
heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erst im Jahre 1803 geboren,
als der groe franzsische Zoologe =George Cuvier= seine grundlegenden
~Leons sur l'Anatomie compare~ herausgab und darin zum ersten
Male bestimmte Gesetze ber den Krperbau des Menschen und der Tiere
festzustellen suchte. Whrend seine Vorlufer -- unter ihnen auch
=Goethe= 1790 -- hauptschlich nur das Knochengerst des Menschen mit
demjenigen der brigen Sugetiere eingehend verglichen hatten, umfate
=Cuviers= weiter Blick die Gesamtheit der tierischen Organisation;
er unterschied in derselben vier groe, voneinander unabhngige
Hauptformen oder =Typen=: Wirbeltiere, Gliedertiere, Weichtiere und
Strahltiere. Fr die Frage aller Fragen war dieser Fortschritt
insofern epochemachend, als damit klar die Zugehrigkeit des Menschen
zum Typus der =Wirbeltiere= -- sowie seine Grundverschiedenheit von
allen anderen Typen -- ausgesprochen war. Allerdings hatte schon der
scharfblickende Linn in seinem ersten ~Systema naturae~ (1735)
dem Menschen definitiv seinen Platz in der Klasse der =Sugetiere=
angewiesen; er vereinigte sogar in der Ordnung der =Herrentiere= die
drei Gruppen der Halbaffen, Affen und Menschen. Aber es fehlte diesem
khnen systematischen Griffe noch jene tiefere empirische Begrndung
durch die vergleichende Anatomie, die erst =Cuvier= herbeifhrte.
Diese fand ihre weitere Ausfhrung durch die groen vergleichenden
Anatomen des 19. Jahrhunderts, durch =Friedrich Meckel=, =Johannes
Mller=, =Richard Owen=, =Thomas Huxley= und =Carl Gegenbaur=. Indem
dieser letztere in seinen Grundzgen der vergleichenden Anatomie (1870)
zum ersten Male die durch =Darwin= neu begrndete Abstammungslehre
auf jene Wissenschaft anwandte, erhob er sie zum ersten Range unter
den biologischen Disziplinen. Seine Vergleichende Anatomie der
Wirbeltiere (1898) legte den unerschtterlichen Grund fest, auf
welchem sich unsere berzeugung von der Wirbeltiernatur des Menschen
nach allen Richtungen hin klar beweisen lt.

=Gewebelehre= (~Histologie~) und =Zellenlehre= (~Cytologie~). In
ganz anderer Richtung als die vergleichende entwickelte sich im Laufe
des 19. Jahrhunderts die =mikroskopische Anatomie=. Schon im Anfange
desselben (1802) unternahm ein franzsischer Arzt, =Bichat=, den
Versuch, mittels des Mikroskops die Organe des menschlichen Krpers in
ihre einzelnen feineren Bestandteile zu zerlegen und die Beziehungen
dieser verschiedenen =Gewebe= festzustellen. Aber dieser erste Versuch
fhrte nicht weit, da ihm das gemeinsame Element fr die zahlreichen,
verschiedenen Gewebe unbekannt blieb. Dies wurde erst 1838 fr die
Pflanzen in der =Zelle= von =Matthias Schleiden= entdeckt und gleich
darauf auch fr die Tiere von =Theodor Schwann= nachgewiesen. =Albert
Klliker= und =Rudolf Virchow= fhrten dann im sechsten Dezennium
des 19. Jahrhunderts die =Zellentheorie= und die darauf gegrndete
Gewebelehre fr den gesunden und kranken Organismus des Menschen im
einzelnen durch; sie wiesen nach, da auch im Menschen, wie in allen
anderen Tieren, alle Gewebe sich aus den gleichen mikroskopischen
Formbestandteilen, den einfachen =Zellen=, zusammensetzen, und da
diese Elementar-Organismen die wahren, selbstttigen Staatsbrger
sind, die, zu Milliarden vereinigt, unseren Krper, den Zellenstaat,
aufbauen. Alle diese Zellen entstehen durch oft wiederholte Teilung
aus einer einzigen, einfachen Zelle, aus der =Stammzelle= oder
befruchteten Eizelle (~Cytula~). Die allgemeine Struktur und
Zusammensetzung der Gewebe ist beim Menschen dieselbe wie bei den
brigen Wirbeltieren. Unter diesen zeichnen sich die Sugetiere, die
jngste und hchst entwickelte Klasse, durch gewisse besondere, spt
erworbene Eigentmlichkeiten aus. So ist z. B. die mikroskopische
Bildung der Haare, der Hautdrsen, der Milchdrsen, der Blutzellen bei
den Sugetieren ganz eigentmlich und verschieden von derjenigen der
brigen Wirbeltiere; der =Mensch= ist auch in allen diesen feinsten
histologischen Beziehungen ein =echtes Sugetier=.

_Wirbeltiernatur des Menschen._ Unser gesamter Krperbau zeigt
sowohl in der grberen als in der feineren Zusammensetzung den
charakteristischen Typus der =Wirbeltiere= (~Vertebrata~). Diese
hchst entwickelte Hauptgruppe des Tierreichs wurde in ihrer
natrlichen Einheit zuerst 1801 von dem groen =Lamarck= erkannt; er
fate unter diesem Begriffe die vier hheren Tierklassen von =Linn=
zusammen: Sugetiere, Vgel, Amphibien und Fische. Die beiden niederen
Klassen: Insekten und Wrmer, stellte er jenen als =Wirbellose=
(~Invertebrata~) gegenber. =Cuvier= besttigte (1812) die
Einheit des Vertebratentypus und begrndete sie fester durch seine
vergleichende Anatomie. In der Tat stimmen alle Wirbeltiere, von den
Fischen aufwrts bis zum Menschen, in allen wesentlichen Hauptmerkmalen
berein; sie besitzen alle ein festes inneres Skelett, Knorpel- und
Knochengerst, und dieses besteht berall aus einer Wirbelsule und
einem Schdel; die verwickelte Zusammensetzung des letzteren ist zwar
im einzelnen sehr mannigfaltig, aber im allgemeinen stets auf dieselbe
Urform zurckzufhren. Ferner liegt bei allen Wirbeltieren auf der
Rckenseite dieses Achsenskeletts das Seelenorgan, das zentrale
Nervensystem, in Gestalt eines Rckenmarks und eines Gehirns. Auch von
diesem wichtigen =Gehirn= gilt dasselbe wie von der es umschlieenden
Knochenkapsel, dem =Schdel=; im einzelnen ist seine Ausbildung und
Gre hchst mannigfaltig abgestuft; im groen und ganzen bleibt die
charakteristische Zusammensetzung dieselbe.

Die gleiche Erscheinung zeigt sich auch, wenn wir die brigen Organe
unseres Krpers mit denen der anderen Wirbeltiere vergleichen:
berall bleibt infolge von =Vererbung= die ursprngliche Anlage und
die relative Lagerung der Organe dieselbe, obgleich die Gre und
Ausbildung der einzelnen Teile hchst mannigfaltig sich sondert,
entsprechend der =Anpassung= an sehr verschiedene Lebensbedingungen.
So sehen wir, da berall das Blut in zwei Hauptrhren kreist, von
denen die eine (Aorta) ber dem Darm, die andere (Prinzipalvene) unter
dem Darm verluft, und da durch Erweiterung der letzteren an einer
ganz bestimmten Stelle das =Herz= entsteht; dieses Ventralherz
ist fr alle Wirbeltiere ebenso charakteristisch wie umgekehrt das
Rckengef oder Dorsalherz fr die Gliedertiere und Weichtiere.
Nicht minder eigentmlich ist bei allen Vertebraten die frhzeitige
Scheidung des Darmrohres in einen zur Atmung dienenden =Kopfdarm= (oder
Kiemendarm) und einen die Verdauung bewirkenden =Rumpfdarm= mit der
Leber (daher Leberdarm); ferner die Gliederung des Muskelsystems, die
besondere Bildung der Harn- und Geschlechtsorgane usw. In allen diesen
anatomischen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Wirbeltier=.

_Tetrapodennatur des Menschen._ Mit der Bezeichnung =Vierfler=
(~Tetrapoda~) hatte schon =Aristoteles= alle jene hheren,
blutfhrenden Tiere belegt, welche sich durch den Besitz von zwei
Beinpaaren auszeichnen. Spter wurde dieser Begriff erweitert, nachdem
=Cuvier= gezeigt hatte, da auch die zweibeinigen Vgel und Menschen
eigentlich Vierfler sind; er wies nach, da das innere Knochengerst
der vier Beine bei allen hheren landbewohnenden Wirbeltieren, von den
Amphibien aufwrts bis zum Menschen, ursprnglich in gleicher Weise aus
einer bestimmten Zahl von Gliedern zusammengesetzt ist. Auch die Arme
des Menschen, die Flgel der Fledermuse und Vgel zeigen denselben
typischen Skelettbau wie die Vorderbeine der laufenden, eigentlich
vierfigen Tiere.

Diese =anatomische Einheit= des verwickelten Knochengerstes in den
vier Gliedmaen aller Tetrapoden ist =sehr wichtig=. Um sich wirklich
davon zu berzeugen, braucht man blo das Skelett eines Salamanders
oder Frosches mit demjenigen eines Affen oder Menschen aufmerksam zu
vergleichen. Da sieht man sofort, da vorn der Schultergrtel und
hinten der Beckengrtel aus denselben Hauptstcken zusammengesetzt
ist wie bei den brigen Vierflern. berall sehen wir, da das erste
Glied des eigentlichen Beines nur einen einzigen starken Rhrenknochen
enthlt (vorn den Oberarm, hinten den Oberschenkel); dagegen wird das
zweite Glied ursprnglich stets durch zwei Knochen gesttzt (vorn
Ellbogen und Speiche, hinten Wadenbein und Schienbein). Vergleichen wir
dann weiter den verwickelten Bau des eigentlichen Fues, so berrascht
uns die Wahrnehmung, da die zahlreichen, denselben zusammensetzenden,
kleinen Knochen ebenfalls berall hnlich angeordnet und gesondert
sind; vorn entsprechen sich in allen Klassen der Tetrapoden die drei
Knochengruppen des Vorderfues (oder der Hand): ~I~. Handwurzel,
~II~. Mittelhand und ~III~. fnf Finger; ebenso hinten die drei
Knochengruppen des Hinterfues: ~I~. Fuwurzel, ~II~. Mittelfu
und ~III~. fnf Zehen. Sehr schwierig war die Aufgabe, alte diese
zahlreichen kleinen Knochen, die im einzelnen hchst mannigfaltig
gestaltet und umgebildet, teilweise oft verschmolzen oder verschwunden
sind, auf eine und dieselbe Urform zurckzufhren, sowie die
Gleichwertigkeit der einzelnen Teile berall festzustellen. Diese
wichtige Aufgabe wurde erst vollstndig von =Carl Gegenbaur= gelst.
Er zeigte in seinen Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie
der Wirbeltiere (1864), wie diese charakteristische fnfzehige
Beinform der landbewohnenden Vierfler ursprnglich (erst in der
Steinkohlenperiode) aus der vielstrahligen Flosse (Brustflosse
oder Bauchflosse) der lteren, wasserbewohnenden Fische entstanden
ist. In gleicher Weise leitete er in seinen Untersuchungen ber das
Kopfskelett der Wirbeltiere (1872) den jngeren Schdel der Tetrapoden
aus der lteren Schdelform der Fische ab.

Besonders bemerkenswert ist noch, da die ursprngliche, zuerst bei
den alten Amphibien der Steinkohlenzeit entstandene =Fnfzahl der
Zehen= an allen vier Fen sich infolge strenger =Vererbung= noch beim
Menschen bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Selbstverstndlich
ist dementsprechend auch die typische Bildung der Gelenke und Bnder,
der Muskeln und Nerven der zwei Beinpaare, in der Hauptsache dieselbe
geblieben wie bei den brigen Vierflern; auch in diesen =wichtigen
Beziehungen ist der Mensch ein echter Tetrapode=.

_Sugetiernatur des Menschen._ Die Sugetiere (~Mammalia~) bilden
die jngste und hchst entwickelte Klasse der Wirbeltiere. Sie sind
zwar ebenso wie die Vgel und Reptilien aus der lteren Klasse der
=Amphibien= abzuleiten; sie unterscheiden sich aber von allen diesen
anderen Tetrapoden durch eine Anzahl von sehr auffallenden anatomischen
Merkmalen. uerlich tritt vor allem die =Haarbedeckung= der Haut
hervor, sowie der Besitz von zweierlei Hautdrsen: Schweidrsen
und Talgdrsen. Aus einer lokalen Umbildung dieser Drsen an der
Bauchhaut entstand dasjenige Organ, welches fr die Klasse besonders
charakteristisch ist und ihr den Namen gegeben hat, das =Gesuge=.
Dieses wichtige Werkzeug der Brutpflege ist zusammengesetzt aus
den =Milchdrsen= (~Mammae~) und den Mammar-Taschen (Falten
der Bauchhaut); durch ihre Fortbildung entstanden die Zitzen oder
=Milchwarzen= aus denen das junge Sugetier die Milch seiner Mutter
saugt. Im inneren Krperbau ist besonders bemerkenswert der Besitz
eines vollstndigen =Zwerchfells=, einer muskulsen Scheidewand, welche
bei allen Sugetieren die Brusthhle von der Bauchhhle gnzlich
abschliet; bei allen brigen Wirbeltieren fehlt diese Trennung.
Durch eine Anzahl von merkwrdigen Umbildungen zeichnet sich auch der
=Schdel= der Mammalien aus, besonders der Bau des Kieferapparates
(Oberkiefer, Unterkiefer und Gehrknochen). Aber auch das Gehirn,
das Geruchsorgan, das Herz, die Lungen, die inneren und ueren
Geschlechtsorgane, die Nieren und andere Krperteile zeigen bei den
Sugetieren besondere Eigentmlichkeiten im grberen und feineren Bau;
diese alle vereinigt weisen unzweideutig auf eine frhzeitige Trennung
derselben von den lteren Stammgruppen der Reptilien und Amphibien hin,
welche =sptestens in der Trias-Periode= stattgefunden hat. In allen
diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Sugetier=.

_Plazentaliennatur des Menschen._ Die zahlreichen Ordnungen, welche
die moderne systematische Zoologie in der Klasse der Sugetiere
unterscheidet, werden schon seit 1816 in drei natrliche Hauptgruppen
geordnet, welchen man den Wert von Unterklassen zuspricht: ~I~.
=Gabeltiere= (~Monotrema~), ~II~. =Beuteltiere= (~Marsupialia~)
und ~III~. =Zottentiere= (~Placentalia~). Diese drei Unterklassen
unterscheiden sich nicht nur in wichtigen Verhltnissen des Krperbaues
und der Entwickelung, sondern entsprechen auch drei verschiedenen
=historischen Bildungsstufen= der Klasse, wie wir spter sehen werden.
Auf die lteste Gruppe, die =Monotremen= der Triasperiode, sind in
der Jurazeit die =Marsupialien= gefolgt, und auf diese erst in der
Kreideperiode die =Plazentalien=. Zu dieser jngsten Unterklasse
gehrt auch der Mensch; denn er zeigt in seiner Organisation alle
die Eigentmlichkeiten, durch welche sich smtliche Zottentiere von
den Beuteltieren und den noch lteren Gabeltieren unterscheiden.
In erster Linie gehrt dahin das eigentmliche Organ, welches der
Plazentaliengruppe ihren Namen gegeben hat, der =Mutterkuchen=
(~Placenta~). Dasselbe dient dem jungen, im Mutterleibe noch
eingeschlossenen Sugetier-Embryo lngere Zeit zur Ernhrung; es
besteht in blutfhrenden =Zotten=, welche von der Zottenhaut der
Keimhlle auswachsen und in entsprechende Grbchen der Schleimhaut
des mtterlichen Fruchtbehlters eindringen; hier wird die zarte
Haut zwischen beiden Gebilden so sehr verdnnt, da unmittelbar die
ernhrenden Stoffe aus dem mtterlichen Blute durch dieselbe hindurch
in das kindliche Blut bertreten knnen. Diese vortreffliche, erst
spt entstandene Ernhrungsart des Keimes ermglicht demselben einen
lngeren Aufenthalt und eine weitere Ausbildung in der schtzenden
Gebrmutter; sie fehlt noch den beiden lteren Unterklassen der
Beuteltiere und Gabeltiere. Aber auch durch andere anatomische
Merkmale, insbesondere die hhere Ausbildung des Gehirns und den
Verlust der Beutelknochen, erheben sich die Zottentiere ber die
letzteren. In allen diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein
echtes Zottentier=.

_Primatennatur des Menschen._ Die formenreiche Subklasse der
Placentaltiere wird neuerdings in eine groe Zahl von =Ordnungen=
geteilt. Als ihre wichtigsten Vertreter in der Gegenwart fhren wir
hier nur die Nagetiere, Huftiere, Raubtiere und Herrentiere an. Zur
Legion der =Herrentiere= (~Primates~) gehren die drei Ordnungen
der Halbaffen, der echten Affen und der Menschen. Alle Angehrigen
dieser drei Ordnungen stimmen in vielen wichtigen Eigentmlichkeiten
berein und unterscheiden sich dadurch von den brigen Ordnungen
der Zottentiere. Besonders zeichnen sie sich durch lange Beine aus,
welche ursprnglich der kletternden Lebensweise auf Bumen angepat
sind. Hnde und Fe sind fnfzehig und die langen Finger vortrefflich
zum Greifen und zum Umfassen der Baumzweige geeignet; sie tragen
entweder teilweise oder smtlich Ngel (keine Krallen). Das Gebi ist
vollstndig, aus allen vier Zahngruppen zusammengesetzt (Schneidezhne,
Eckzhne, Lckenzhne, Backenzhne). Auch durch wichtige
Eigentmlichkeiten im besonderen Bau des Schdels und des Gehirns
unterscheiden sich die Herrentiere von den brigen Zottentieren, und
zwar um so aufflliger, je hher sie ausgebildet, je spter sie in der
Erdgeschichte aufgetreten sind. In allen diesen wichtigen anatomischen
Beziehungen stimmt unser menschlicher Organismus mit demjenigen der
brigen =Primaten= berein: =der Mensch ist ein echtes Herrentier.=

_Affennatur des Menschen._ Eine unbefangene grndliche Vergleichung
des Krperbaues der Primaten lt zunchst in dieser hchst
entwickelten Sugetierlegion zwei Ordnungen unterscheiden: =Halbaffen=
(~Prosimiae~) und =Affen= (~Simiae~). Die ersteren erscheinen
in jeder Beziehung als die niedere und ltere, die letzteren als
die hhere und jngere Ordnung. Die Gebrmutter der Halbaffen ist
noch doppelt oder zweihrnig, wie bei allen brigen Sugetieren;
bei den Affen dagegen sind rechter und linker Fruchtbehlter vllig
verschmolzen; sie bilden einen =birnfrmigen Uterus=, wie ihn auerdem
nur der Mensch besitzt. Wie bei diesem, so ist auch bei den Affen am
Schdel die Augenhhle von der Schlfengrube durch eine kncherne
Scheidewand vollstndig getrennt; bei den Halbaffen ist diese noch
gar nicht oder nur unvollstndig ausgebildet. Endlich ist bei den
Halbaffen das groe Gehirn noch glatt oder nur schwach gefurcht und
verhltnismig klein; bei den Affen ist es viel grer, und besonders
der graue Hirnmantel, das Organ der hheren Seelenttigkeiten, ist viel
besser entwickelt; an seiner Oberflche sind die charakteristischen
Windungen und Furchen um so mehr ausgeprgt, je mehr er sich dem
Menschen nhert. In diesen und anderen wichtigen Beziehungen, besonders
auch in der Bildung des Gesichts und der Hnde, zeigt der =Mensch alle
anatomischen Merkmale der echten Affen=.

_Katarrhinennatur des Menschen._ Die formenreiche Ordnung der Affen
wurde schon 1812 von =Goffroy= in zwei natrliche Unterordnungen
geteilt, die noch heute allgemein in der systematischen Zoologie
angenommen sind: Westaffen und Ostaffen; erstere bewohnen
ausschlielich die westliche, letztere die stliche Erdhlfte. Die
amerikanischen =Westaffen= heien =Plattnasen= (~Platyrrhinae~),
weil ihre Nase plattgedrckt, die Nasenlcher seitlich gerichtet und
deren Scheidewand breit ist. Dagegen sind die =Ostaffen=, welche
die Alte Welt bewohnen, smtlich =Schmalnasen= (~Catarrhinae~);
ihre Nasenlcher sind wie beim Menschen nach unten gerichtet, da
ihre Scheidewand schmal ist. Ein weiterer Unterschied beider Gruppen
besteht darin, da das Trommelfell bei den Westaffen oberflchlich,
dagegen bei den Ostaffen tiefer, im Innern des Felsenbeins liegt;
hier hat sich ein langer und enger kncherner Gehrgang entwickelt,
whrend dieser bei den Westaffen noch kurz und weit ist oder selbst
ganz fehlt. Endlich zeigt sich ein sehr wichtiger und durchgreifender
Gegensatz beider Gruppen darin, da alle Katarrhinen die Gebibildung
des Menschen besitzen, nmlich 20 Milchzhne und 32 bleibende Zhne
(in jeder Kieferhlfte 2 Schneidezhne, 1 Eckzahn, 2 Lckenzhne und
3 Mahlzhne). Die Platyrrhinen dagegen zeigen in jeder Kieferhlfte
einen Lckenzahn mehr, also im ganzen 36 Zhne. Da diese anatomischen
Unterschiede beider Affengruppen ganz allgemein und durchgreifend sind,
und da sie mit der geographischen Verbreitung in den beiden getrennten
Hemisphren der Erde zusammenstimmen, ergibt sich daraus die
Berechtigung ihrer scharfen systematischen Trennung; weiterhin knpft
sich daran die phylogenetische Folgerung, da seit sehr langer
Zeit sich beide Unterordnungen in der westlichen und stlichen
Hemisphre getrennt von einander entwickelt haben. Das ist fr die
Stammesgeschichte unsere Geschlechts beraus wichtig; denn der Mensch
teilt alle Merkmale der =echten Katarrhinen=; er hat sich aus lteren
ausgestorbenen Affen dieser Unterordnung in der Alten Welt entwickelt.

_Anthropomorphengruppe._ Die zahlreichen Formen der Ostaffen,
welche noch heute in Asien und Afrika leben, werden schon seit
langer Zeit in zwei natrliche Sektionen geteilt: die geschwnzten
=Hundsaffen= (~Cynopitheca~) und die schwanzlosen =Menschenaffen=
(~Anthropomorpha~). Diese letzteren stehen dem Menschen viel nher
als die ersteren, nicht nur in dem Mangel des Schwanzes und in der
allgemeinen Gestaltung des Krpers (besonders des Kopfes), sondern auch
durch besondere Merkmale, die an sich unbedeutend, aber wegen ihrer
Bestndigkeit wichtig sind. Das Kreuzbein ist bei den Menschenaffen,
wie beim Menschen, aus fnf verschmolzenen Wirbeln zusammengesetzt,
dagegen bei den Hundsaffen nur aus drei (seltener vier) Kreuzwirbeln.
Im Gebi der =Cynopitheken= sind die Lckenzhne lnger als breit,
in demjenigen der =Anthropomorphen= breiter als lang; und der erste
Mahlzahn zeigt bei den ersteren vier, bei den letzteren dagegen fnf
Hcker. Ferner ist im Unterkiefer jederseits bei den Menschenaffen, wie
beim Menschen, der uere Schneidezahn breiter als der innere, bei den
Hundsaffen umgekehrt schmler. Endlich ist von besonderer Bedeutung
die wichtige Tatsache, da die Menschenaffen mit dem Menschen auch die
eigentmlichen feineren Bildungsverhltnisse seiner scheibenfrmigen
~Placenta~, der ~Docidua reflexa~ und des Bauchstiels teilen
(vergl. Kap. 4). brigens ergibt schon die oberflchliche Vergleichung
der Krperform der heute noch lebenden Menschenaffen, da sowohl
die asiatischen Vertreter dieser Gruppe (Orang und Gibbon), als
die afrikanischen Vertreter (Gorilla und Schimpanse) dem Menschen
im gesamten Krperbau nher stehen als smtliche Hundsaffen. Unter
diesen letzteren stehen namentlich die hundskpfigen =Papstaffen=
(~Papiomorpha~), die Paviane und Meerkatzen, auf einer sehr tiefen
Bildungsstufe. Der anatomische Unterschied zwischen diesen rohen
Papstaffen und den hchst entwickelten Menschenaffen ist in jeder
Beziehung grer als derjenige zwischen den letzteren und dem Menschen.

Die vergleichende Anatomie ergibt somit fr den unbefangenen und
kritischen Forscher die bedeutungsvolle Tatsache, da der Krperbau des
Menschen und der Menschenaffen nicht nur im hchsten Grade hnlich,
sondern in allen wesentlichen Beziehungen derselbe ist. Dieselben
200 Knochen, in der gleichen Anordnung und Zusammensetzung, bilden
unser inneres Knochengerst; dieselben 300 Muskeln bewirken unsere
Bewegungen; dieselben Haare bedecken unsere Haut; dieselben Gruppen
von Seelenzellen setzen den kunstvollen Wunderbau unseres Gehirns
zusammen; dasselbe vierkammerige Herz ist das zentrale Pumpwerk unseres
Blutkreislaufs; dieselben 32 Zhne setzen in der gleichen Anordnung
unser Gebi zusammen; dieselben Speicheldrsen, Leber- und Darmdrsen
vermitteln unsere Verdauung; dieselben Organe der Fortpflanzung
ermglichen die Erhaltung unseres Geschlechts.

Allerdings finden wir bei genauer Vergleichung gewisse Unterschiede in
der =Gre= und =Gestalt= der meisten Organe zwischen dem Menschen und
Menschenaffen; allein dieselben oder hnliche Unterschiede entdecken
wir auch bei der sorgfltigen Vergleichung der hheren und niederen
Menschenrassen, ja sogar bei der exakten Vergleichung aller einzelnen
Individuen unserer eigenen Rasse. Wir finden nicht zwei Personen,
welche ganz genau dieselbe Gre und Form der Nase, der Ohren, der
Augen usw. haben. Man braucht blo aufmerksam in einer greren
Gesellschaft diese einzelnen Teile der menschlichen =Gesichtsbildung=
bei zahlreichen Personen zu vergleichen, um sich von der erstaunlichen
Mannigfaltigkeit in deren spezieller Gestaltung zu berzeugen. Oft sind
ja bekanntlich selbst Geschwister von so verschiedener Krperbildung,
da ihre Abstammung von einem und demselben Elternpaare kaum glaublich
erscheint. Alle diese =individuellen= Unterschiede beeintrchtigen aber
nicht das Gewicht der =fundamentalen Gleichheit im Krperbau=; denn
sie sind nur bedingt durch geringe Verschiedenheiten im Wachstum der
einzelnen Teile.




=Drittes Kapitel.=

_Unser Leben._

  Monistische Studien ber menschliche und vergleichende Physiologie.
  bereinstimmung in allen Lebensfunktionen des Menschen und der
  Sugetiere.


Unsere Kenntnis vom menschlichen Leben hat sich erst innerhalb des 19.
Jahrhunderts zum Range einer selbstndigen, wirklichen =Wissenschaft=
erhoben. Diese Lehre von den Lebensttigkeiten, die =Physiologie=,
hat sich zwar frhzeitig der Heilkunde als eine wnschenswerte, ja
notwendige Vorbedingung fr erfolgreiche rztliche Ttigkeit fhlbar
gemacht, in engem Zusammenhang mit der Anatomie, der Lehre vom
Krperbau. Aber sie konnte erst viel spter und langsamer als letztere
grndlich erforscht werden, da sie auf viel grere Schwierigkeiten
stie.

Der Begriff des Lebens, im Gegensatz zum Tode, ist natrlich schon
sehr frhzeitig Gegenstand des Nachdenkens gewesen. Man beobachtete
am lebenden Menschen wie an den lebendigen Tieren eine Anzahl von
eigentmlichen Vernderungen, vorzugsweise =Bewegungen=, welche den
toten Naturkrpern fehlten: selbstndige Ortsbewegung, Herzklopfen,
Atemzge, Sprache usw. Allein die Unterscheidung solcher organischen
Bewegungen von hnlichen Erscheinungen bei anorganischen Naturkrpern
war nicht leicht und oft verfehlt; das flieende Wasser, die
flackernde Flamme, der wehende Wind, der strzende Fels zeigten dem
Menschen ganz hnliche Vernderungen, und es war sehr natrlich, da
der naive Naturmensch auch diesen toten Krpern ein selbstndiges
Leben zuschrieb. Von den bewirkenden Ursachen konnte man sich bei den
letzteren ebensowenig befriedigende Rechenschaft geben als bei den
ersteren.

_Menschliche Physiologie._ Die ltesten wissenschaftlichen
Betrachtungen ber das Wesen der menschlichen Lebensttigkeiten treffen
wir (ebenso wie diejenigen ber den Krperbau des Menschen) bei den
griechischen Naturphilosophen und rzten im sechsten und fnften
Jahrhundert v. Chr. Die reichste Sammlung von bezglichen, damals
bekannten Tatsachen finden wir in der Naturgeschichte des =Aristoteles=.

Der Ruhm, die vorhandenen Kenntnisse einheitlich zusammengefat und
den ersten Versuch zu einem System der Physiologie gemacht zu haben,
gebhrt dem groen griechischen Arzte =Galenus=, den wir auch als den
ersten groen Anatomen des Altertums kennen gelernt haben. Bei seinen
Untersuchungen ber die =Organe= des menschlichen Krpers stellte
er sich bestndig auch die Frage nach ihren Lebensttigkeiten oder
=Funktionen=, und auch hierbei verfuhr er vergleichend und untersuchte
vor allem die menschenhnlichsten Tiere, die =Affen=. Die Erfahrungen,
die er hier gewonnen, bertrug er direkt auf den Menschen. Er erkannte
auch bereits den hohen Wert des physiologischen =Experimentes=: bei
Vivisektion von Affen, Hunden und Schweinen stellte er verschiedene
interessante Versuche an. Die =Vivisektionen= sind neuerdings nicht
nur von unwissenden und beschrnkten Leuten, sondern auch von
wissensfeindlichen Theologen und von gefhlsseligen Gemtsmenschen
vielfach auf das heftigste angegriffen worden; sie gehren aber zu
den =unentbehrlichen Methoden= der Lebensforschung und haben uns
unschtzbare Aufschlsse ber die wichtigsten Fragen gegeben.

Ebenso wie fr die Anatomie des Menschen, so blieb auch fr seine
Physiologie das System des =Galenus= whrend des langen Zeitraums
von dreizehn Jahrhunderten die unantastbare Quelle aller Kenntnisse.
Der kulturfeindliche Einflu des Christentums bereitete auch auf
diesem, wie auf allen anderen Gebieten, der Naturerkenntnis die
unberwindlichsten Hindernisse. Vom dritten bis zum sechzehnten
Jahrhundert trat kein einziger Forscher auf, der gewagt htte,
selbstndig wieder die Lebensttigkeiten der Menschen zu untersuchen
und ber das System von =Galenus= hinauszugehen. Erst im 16.
Jahrhundert wurden dazu mehrere bescheidene Versuche von angesehenen
rzten und Anatomen gemacht. Aber erst im Jahre 1628 verffentlichte
der englische Arzt =Harvey= seine groe Entdeckung des =Blutkreislaufs=
und wies nach, da das Herz ein Pumpwerk ist, welches durch
regelmige, unbewute Zusammenziehung seiner Muskeln die Blutwelle
unablssig durch das kommunizierende Rhrensystem der Adern oder
Blutgefe treibt. Nicht minder wichtig waren =Harveys= Untersuchungen
ber die Zeugung der Tiere, infolge deren er den berhmten Satz
aufstellte: Alles Lebendige entwickelt sich aus einem Ei (~omne
vivum ex ovo~).

Die mchtige Anregung zu physiologischen Beobachtungen und Versuchen,
welche =Harvey= gegeben hatte, fhrte im 16. und 17. Jahrhundert
zu einer groen Anzahl von Entdeckungen. Diese fate der Gelehrte
=Albrecht Haller= um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Male
zusammen; in seinem groen Werke ~Elementa physiologiae~ begrndete
er den selbstndigen Wert dieser Wissenschaft und nicht nur in ihrer
Beziehung zur praktischen Medizin. Indem aber =Haller= fr die
Nerventtigkeit eine besondere Empfindungskraft oder Sensibilitt
und ebenso fr die Muskelbewegung eine besondere Reizbarkeit oder
Irritabilitt als Ursache annahm, lieferte er mchtige Sttzen fr die
irrtmliche Lehre von einer eigentmlichen =Lebenskraft=.

_Lebenskraft (Vitalismus)._ ber ein volles Jahrhundert hindurch,
von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, blieb in
der Medizin, und speziell in der Physiologie, die alte Anschauung
herrschend, da zwar ein Teil der Lebenserscheinungen auf physikalische
und chemische Vorgnge zurckzufhren sei, da aber ein anderer Teil
derselben durch eine besondere, davon unabhngige =Lebenskraft=
(~Vis vitalis~) bewirkt werde. So verschiedenartig auch die
besonderen Vorstellungen vom Wesen derselben und besonders von ihrem
Zusammenhang mit der Seele sich ausbildeten, so stimmten doch alle
darin berein, da die Lebenskraft von den physikalisch-chemischen
Krften der gewhnlichen Materie unabhngig und wesentlich
verschieden sei; als eine selbstndige, der anorganischen Natur
fehlende =Urkraft= sollte sie die ersteren in ihren Dienst nehmen.
Nicht allein die Seelenttigkeit selbst, die Sensibilitt der Nerven
und die Irritabilitt der Muskeln, sondern auch die Vorgnge der
Sinnesttigkeit, der Fortpflanzung und Entwickelung erschienen
allgemein so wunderbar und in ihren Ursachen so rtselhaft, da
es unmglich sei, sie auf einfache physikalische und chemische
Naturprozesse zurckzufhren.

_Der Mechanismus des Lebens (Monistische Physiologie)._ Schon in
der ersten Hlfte des 17. Jahrhunderts hatte der berhmte Philosoph
=Descartes=, fuend auf =Harveys= Entdeckung des Blutkreislaufs, den
Gedanken ausgesprochen, da der Krper des Menschen ebenso wie der
Tiere eine komplizierte =Maschine= sei, und da ihre Bewegungen nach
denselben mechanischen Gesetzen erfolgen wie bei den knstlichen, vom
Menschen fr einen bestimmten Zweck gebauten Maschinen. Allerdings
nahm =Descartes= trotzdem fr den Menschen allein eine vollkommene
Selbstndigkeit der immateriellen Seele an und erklrte sogar deren
subjektive Empfindung, das Denken, fr das einzige in der Welt, von
dem wir unmittelbar ganz sichere Kenntnis besitzen (~Cogito, ergo
sum~!). Allein dieser Dualismus hinderte ihn nicht, im einzelnen die
Erkenntnis der mechanischen Lebensttigkeiten vielseitig zu frdern. Im
Anschlu daran fhrte =Borelli= (1660) die Bewegungen des Tierkrpers
auf rein physikalische Gesetze zurck, und gleichzeitig versuchte
=Sylvius=, die Vorgnge bei der Verdauung und Atmung als rein chemische
Prozesse zu erklren. Allein diese vernnftigen Anstze zu einer
naturgemen, mechanischen Erklrung der Lebenserscheinungen vermochten
keine allgemeine Anwendung und Geltung zu erringen; und im Laufe des
18. Jahrhunderts traten sie ganz zurck, je mehr sich der Vitalismus
entwickelte. Eine endgltige Widerlegung des letzteren und Rckkehr
zur ersteren wurde erst vorbereitet, als im vierten Dezennium des 19.
Jahrhunderts die neue =vergleichende= Physiologie sich zu fruchtbarer
Geltung erhob.

_Vergleichende Physiologie._ Wie unsere Kenntnisse vom Krperbau
des Menschen, so wurden auch diejenigen von seiner Lebensttigkeit
ursprnglich grtenteils nicht durch direkte Beobachtung
am menschlichen Organismus selbst gewonnen, sondern an den
nchstverwandten hheren Wirbeltieren, vor allem den =Sugetieren=.
Aber die eigentliche vergleichende Physiologie, welche das ganze
Gebiet der Lebenserscheinungen von den niedersten Tieren bis zum
Menschen hinauf im Zusammenhang erfat, ist erst eine Errungenschaft
des 19. Jahrhunderts; ihr groer Schpfer war =Johannes Mller= in
Berlin (1801-1858). Ursprnglich ausgehend von der Anatomie und
Physiologie des Menschen, zog derselbe bald alle Hauptgruppen der
hheren und niederen Tiere in den Kreis seiner Vergleichung. Indem
er zugleich die Bildung der ausgestorbenen Tiere mit den lebenden,
den gesunden Organismus des Menschen mit dem kranken verglich, indem
er wahrhaft philosophisch alle Erscheinungen des organischen Lebens
zusammenzufassen strebte, erhob er sich zu einer bis dahin unerreichten
Hhe der biologischen Erkenntnis.

Allerdings war =Mller= ursprnglich, gleich allen Physiologen seiner
Zeit, Vitalist. Allein die herrschende Lehre von der Lebenskraft nahm
bei ihm eine neue Form an und verwandelte sich allmhlich in ihr
prinzipielles Gegenteil. Denn auf allen Gebieten der Physiologie war
=Mller= bestrebt, die Lebenserscheinungen mechanisch zu erklren;
seine reformierte Lebenskraft steht nicht ber den physikalischen
und chemischen Gesetzen der brigen Natur, sondern sie ist streng
an dieselben =gebunden=; sie ist schlielich weiter nichts als das
=Leben= selbst, d. h. die Summe aller Bewegungserscheinungen, die
wir am lebendigen Organismus wahrnehmen. berall war er bestrebt,
dieselben mechanisch zu erklren, in dem Sinnes- und Seelenleben wie in
der Ttigkeit der Muskeln, in den Vorgngen des Blutkreislaufs, der
Atmung und Verdauung wie in den Erscheinungen der Fortpflanzung und
Entwickelung. Die grten Fortschritte fhrte hier =Mller= dadurch
herbei, da er berall von den einfachsten Lebenserscheinungen der
niederen Tiere ausging und Schritt fr Schritt ihre allmhliche
Ausbildung zu den hheren, bis zum hchsten, zum Menschen, hinauf
verfolgte. Hier bewhrte sich seine Methode der =kritischen
Vergleichung= ebenso in der Physiologie, wie in der Anatomie.

_Zellularphysiologie._ Unter den zahlreichen Schlern von =Johannes
Mller=, welche teils schon bei seinen Lebzeiten, teils nach seinem
Tode die verschiedenen Zweige der Biologie mchtig frderten, war einer
der glcklichsten =Theodor Schwann=. Als 1838 der geniale Botaniker
=Schleiden= in Jena die =Zelle= als das gemeinsame Elementarorgan der
Pflanzen erkannt und alle verschiedenen Gewebe des Pflanzenkrpers
als zusammengesetzt aus Zellen nachgewiesen hatte, erkannte =Johannes
Mller= sofort die auerordentliche Tragweite dieser bedeutungsvollen
Entdeckung; er versuchte selbst, in verschiedenen Geweben des
Tierkrpers die gleiche Zusammensetzung nachzuweisen, und
veranlate sodann seinen Schler =Schwann=, diesen Nachweis auf alle
tierischen Gewebe auszudehnen. Diese schwierige Aufgabe lste der
letztere glcklich in seinen Mikroskopischen Untersuchungen ber
die bereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Tiere und
Pflanzen (1839). Damit war der Grundstein fr die =Zellentheorie=
gelegt, deren Bedeutung ebenso fr die Physiologie wie fr die Anatomie
seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen und sich immer allgemeiner bewhrt
hat. Da auch die Lebensttigkeit aller Organismen auf diejenige ihrer
Gewebeteile, der mikroskopischen Zellen, zurckgefhrt werden msse,
fhrten namentlich zwei andere Schler von =Johannes Mller= aus,
der scharfsinnige Physiologe =Ernst Brcke= in Wien und der berhmte
Histologe =Albert Klliker= in Wrzburg. Der erstere bezeichnete die
Zellen richtig als =Elementar-Organismen= und zeigte, da sie ebenso
im Krper des Menschen wie aller anderen Tiere die selbstndig ttigen
Faktoren des Lebens sind. =Klliker= erwarb sich besondere Verdienste
nicht nur um die Ausbildung der gesamten Gewebelehre, sondern auch
durch den Nachweis, da das Ei der Tiere, sowie die daraus entstehenden
Furchungskugeln einfache Zellen sind.

So allgemein aber auch die hohe Bedeutung der Zellentheorie fr
alle biologischen Aufgaben erkannt wurde, so wurde doch die
darauf gegrndete =Zellular-Physiologie= erst in neuester Zeit
selbstndig ausgebaut. Hier hat namentlich =Max Verworn= sich ein
doppeltes Verdienst erworben. In seinen Psychophysiologischen
Protisten-Studien (1889) hat derselbe auf Grund sinnreicher
experimenteller Untersuchungen gezeigt, da die von mir (1866)
aufgestellte =Theorie der Zellseele= durch das genaue Studium der
einzelligen Protozoen vollkommen gerechtfertigt wird, und da die
psychischen Vorgnge im Protistenreiche die Brcke bilden, welche die
chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben
der hchsten Tiere verbindet. Weiter ausgefhrt und gesttzt auf
die moderne Entwickelungslehre hat =Verworn= diese Ansichten in
seiner Allgemeinen Physiologie. Dieses ausgezeichnete Werk geht
zum ersten Male wieder auf den umfassenden Standpunkt von =Johannes
Mller= zurck, im Gegensatze zu den einseitigen und beschrnkten
Methoden jener modernen Physiologen, welche glauben, ausschlielich
durch physikalische und chemische Experimente das Wesen der
Lebenserscheinungen ergrnden zu knnen. =Verworn= zeigte, da nur
durch die =vergleichende= Methode =Mllers= und durch das Vertiefen in
die Physiologie der =Zelle= jener hhere Standpunkt gewonnen werden
kann, der uns einen einheitlichen berblick ber das wundervolle
Gesamtgebiet der Lebenserscheinungen gewhrt; nur dadurch gelangen
wir zu der berzeugung, da auch die smtlichen Lebensttigkeiten des
Menschen denselben Gesetzen der Physik und Chemie unterliegen, wie
diejenigen aller anderen Tiere.

_Zellularpathologie._ Die grundlegende Bedeutung der Zellentheorie
fr alle Zweige der Biologie bewhrte sich in der zweiten Hlfte des
19. Jahrhunderts nicht allein in den groartigen Fortschritten der
gesamten Morphologie und Physiologie, sondern auch besonders in der
totalen Reform derjenigen biologischen Wissenschaft, welche vermge
ihrer Beziehungen zur praktischen Heilkunst von jeher die grte
Bedeutung in Anspruch nahm, der =Pathologie= oder Krankheitslehre.
Da die Krankheiten des Menschen wie aller brigen Lebewesen
=Natur=erscheinungen sind und also gleich den brigen Lebensfunktionen
nur naturwissenschaftlich erforscht werden knnen, war ja schon vielen
lteren rzten zur festen berzeugung geworden. Auch hatten schon im
17. Jahrhundert einzelne medizinische Schulen den Versuch gemacht, die
Ursachen der Krankheiten auf bestimmte physikalische oder chemische
Vernderungen zurckzufhren. Allein der damalige niedere Zustand
der Naturwissenschaften verhinderte einen bleibenden Erfolg dieser
berechtigten Bestrebungen. Daher blieben mehrere ltere Theorien, die
das Wesen der Krankheit in bernatrlichen oder mystischen Ursachen
suchten, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in fast allgemeiner Geltung.

Erst um diese Zeit hatte =Rudolf Virchow=, ebenfalls ein Schler
von =Johannes Mller=, den glcklichen Gedanken, die Zellentheorie
vom gesunden auch auf den kranken Organismus zu bertragen; er
suchte in den feinen Vernderungen der kranken Zellen und der aus
ihnen zusammengesetzten Gewebe die wahre Ursache jener grberen
Vernderungen, welche als bestimmte Krankheitsbilder den lebenden
Organismus mit Gefahr und Tod bedrohen. Besonders whrend der sieben
Jahre seiner Lehrttigkeit in Wrzburg (1849-1856) fhrte =Virchow=
diese groe Aufgabe mit so glnzendem Erfolge durch, da seine
=Zellularpathologie= mit einem Schlage die ganze Pathologie und
die von ihr gesttzte praktische Medizin in neue, hchst fruchtbare
Bahnen lenkte. Fr unsere Aufgabe ist diese Reform der Medizin
deshalb so bedeutungsvoll, weil sie uns zu einer monistischen, rein
wissenschaftlichen Beurteilung der Krankheit fhrt. Auch der kranke
Mensch, ebenso wie der gesunde, unterliegt denselben ewigen ehernen
Gesetzen, wie die ganze brige organische Welt.

_Physiologie der Sugetiere._ Unter den zahlreichen Tierklassen,
welche die neuere Zoologie unterscheidet, nehmen die =Sugetiere=
nicht allein in morphologischer, sondern auch in physiologischer
Beziehung eine ganz besondere Stellung ein. Da nun auch der Mensch
seinem ganzen Krperbau nach zur Klasse der Sugetiere gehrt, mu
er auch den besonderen Charakter seiner Lebensttigkeiten mit den
brigen Sugetieren teilen. Der Blutkreislauf und die Atmung vollziehen
sich beim Menschen genau nach denselben Gesetzen und in derselben
eigentmlichen Form, welche auch allen anderen Sugetieren zukommt;
sie ist bedingt durch den besonderen, feineren Bau ihres Herzens und
ihrer Lungen. Nur bei den Sugetieren wird alles Arterienblut aus der
linken Herzkammer durch den linken Aortenbogen in den Krper gefhrt,
whrend dies bei den Vgeln durch den rechten und bei den Reptilien
durch beide Aortenbogen bewirkt wird. Das Blut der Sugetiere zeichnet
sich vor demjenigen aller anderen Wirbeltiere dadurch aus, da aus
ihren roten Blutzellen der Kern verschwunden ist. Die Atembewegungen
werden nur in dieser Tierklasse vorzugsweise durch das =Zwerchfell=
vermittelt, weil dasselbe nur hier eine vollstndige Scheidewand
zwischen Brusthhle und Bauchhhle bildet. Ganz besonders wichtig aber
ist fr diese hchst entwickelte Tierklasse die Produktion der Milch
in den Brustdrsen (~Mammae~) und die besondere Form der Brutpflege,
welche die Ernhrung des Jungen durch die Milch der Mutter mit sich
bringt. Da dieses Sugegeschft auch andere Lebensttigkeiten in der
eingreifendsten Weise beeinflut, da die Mutterliebe der Sugetiere
aus dieser innigen Form der Brutpflege ihren Ursprung genommen hat,
erinnert uns der Name der Klasse mit Recht an ihre hohe Bedeutung. In
Millionen von Bildern, zum groen Teil von Knstlern ersten Ranges,
wird =die Madonna= mit dem Christuskinde verherrlicht als das reinste
und erhabenste Urbild der Mutterliebe; desselben Instinktes, dessen
extremste Form die bertriebene Zrtlichkeit der Affenmutter darstellt.

_Physiologie der Affen._ Da unter allen Sugetieren die Affen
im gesamten Krperbau dem Menschen am nchsten stehen, lt
sich von vornherein erwarten, da dasselbe auch von ihren
Lebensttigkeiten gilt; und das ist in Wahrheit der Fall. Wie sehr
die Lebensgewohnheiten, die Bewegungen, die Sinnesfunktionen, das
Seelenleben, die Brutpflege der Affen sich denjenigen des Menschen
nhern, wei jedermann. Aber die wissenschaftliche Physiologie weist
dieselbe bedeutungsvolle bereinstimmung auch fr andere, weniger
bekannte Erscheinungen nach, besonders die Herzttigkeit, die
Drsenabsonderung und das Geschlechtsleben. In letzterer Beziehung
ist besonders merkwrdig, da die geschlechtsreifen Weibchen bei
vielen Affenarten einen regelmigen Blutabgang aus dem Fruchtbehlter
erleiden, entsprechend der Menstruation (oder Monatsregel) des
menschlichen Weibes. Auch die Milchabsonderung aus der Brustdrse und
das Sugegeschft geschieht bei den weiblichen Affen genau ebenso wie
bei den Frauen.

Besonders interessant ist endlich die Tatsache, da die =Lautsprache
der Affen=, physiologisch verglichen, als Vorstufe zu der artikulierten
menschlichen Sprache erscheint. Unter den heute noch lebenden
Menschenaffen gibt es eine indische Art, welche musikalisch ist: der
~Hylobates syndactylus~ auf Sumatra singt in vollkommen reinen und
klangvollen, halben Tnen eine ganze Oktave. Fr den unbefangenen
Sprachforscher kann es heute keinem Zweifel mehr unterliegen, da
unsere hochentwickelte Begriffssprache sich langsam und stufenweise aus
der unvollkommenen Lautsprache unserer Affenahnen entwickelt hat.




=Viertes Kapitel.=

_Unsere Keimesgeschichte._

  Monistische Studien ber menschliche und vergleichende Ontogenie.
  bereinstimmung in der Keimbildung und Entwickelung des Menschen und
  der Wirbeltiere.


In noch hherem Mae als die vergleichende Anatomie und Physiologie
ist die =vergleichende Ontogenie=, =die Entwickelungsgeschichte des
Einzeltieres= oder Individuums, ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts.
Wie entsteht der Mensch im Mutterleibe? Wie entstehen die Tiere aus den
Eiern? Wie entsteht die Pflanze aus dem Samenkorn? Diese inhaltsschwere
Frage hat auch schon seit Jahrtausenden den denkenden Menschengeist
beschftigt; aber erst sehr spt, 1828, zeigte uns der Embryologe
=Baer= die rechten Mittel und Wege, um tiefer in die Kenntnis der
geheimnisvollen Tatsachen der Keimesgeschichte einzudringen; und erst
1859 lieferte uns =Darwin= durch seine Reform der Deszendenztheorie den
Schlssel, mit dessen Hlfe wir zur Erkenntnis ihrer Ursachen gelangen
knnen. Da ich diese hochinteressanten, aber schwierig zu verstehenden
Verhltnisse in meiner =Keimesgeschichte des Menschen= (im ersten Teile
der Anthropogenie) einer ausfhrlichen, populr-wissenschaftlichen
Darstellung unterzogen habe, beschrnke ich mich hier auf eine kurze
Zusammenfassung und Deutung der wichtigsten Erscheinungen. Wir wollen
dabei zunchst einen historischen Rckblick auf die ltere =Ontogenie=
werfen.

_Prformationslehre._ =ltere Keimesgeschichte.= (Vergl. den 2.
Vortrag meiner Anthropogenie.) Wie fr die vergleichende Anatomie,
so sind auch fr die Entwickelungsgeschichte die klassischen Werke des
=Aristoteles=, des vielseitigen Vaters der Naturgeschichte, die
lteste uns bekannte wissenschaftliche Quelle (im 4. Jahrhundert v.
Chr.). Nicht allein in seiner groen Tiergeschichte, sondern auch in
einer besonderen kleinen Schrift: Fnf Bcher von der Zeugung und
Entwickelung der Tiere erzhlt uns der groe Philosoph eine Menge
von interessanten Tatsachen und stellt Betrachtungen ber deren
Bedeutung an; viele davon sind erst in unserer Zeit wieder zur Geltung
gekommen und eigentlich erst wieder neu entdeckt worden. Natrlich
sind aber daneben auch viele Fabeln und Irrtmer zu finden, und von
der verborgenen Entstehung des Menschenkeimes war noch nichts Nheres
bekannt. Auch in dem langen folgenden Zeitraume von zwei Jahrtausenden
machte die schlummernde Wissenschaft keine weiteren Fortschritte.
Erst im Anfange des 17. Jahrhunderts fing man wieder an, sich damit
zu beschftigen; der italienische Anatom =Fabricius ab Aquapendente=
verffentlichte 1600 die ltesten Abbildungen und Beschreibungen von
Embryonen des Menschen und einiger hheren Tiere; und der berhmte
=Marcello Malpighi= in Bologna, gleich bahnbrechend in der Zoologie wie
in der Botanik, gab 1687 die erste zusammenhngende Darstellung von der
Entstehung des Hhnchens im bebrteten Ei.

Alle diese lteren Beobachter waren von der Vorstellung beherrscht,
da im Ei der Tiere, hnlich wie im Samen der hheren Pflanzen, der
ganze Krper mit allen seinen Teilen bereits fertig vorhanden sei, nur
in einem so feinen und so durchsichtigen Zustande, da man sie nicht
erkennen knne; die ganze Entwickelung sei demnach nichts weiter, als
Wachstum oder =Auswickelung= (~Evolutio~) der eingewickelten Teile.
Diese falsche Lehre, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts fast
allgemein in Geltung blieb, nennen wir am besten die Vorbildungslehre
oder =Prformationstheorie=.

=Einschachtelungslehre.= In engem Zusammenhange mit der
Prformationslehre entstand im 17. Jahrhundert eine weitere Theorie,
welche die denkenden Biologen lebhaft beschftigte: die sonderbare
Einschachtelungslehre. Da man annahm, da im Ei bereits die Anlage
des ganzen Organismus mit allen seinen Teilen vorhanden sei, mute
auch der Eierstock des jungen Keimes mit den Eiern der folgenden
Generation darin vorgebildet sein, und in diesen wiederum die Eier
der nchstfolgenden, usw. ~in infinitum~! Daraufhin berechnete der
berhmte Physiologe =Haller=, da der liebe Gott vor 6000 Jahren --
am sechsten Tage seines Schpfungswerkes -- die Keime von 200 000
Millionen Menschen gleichzeitig erschaffen und sie im Eierstock der
ehrwrdigen Urmutter Eva kunstgerecht eingeschachtelt habe. Kein
Geringerer als der hochangesehene Philosoph =Leibniz= schlo sich
diesen Ausfhrungen an und verwertete sie fr seine Monadenlehre;
und da dieser zufolge sich Seele und Leib in ewig unzertrennlicher
Gemeinschaft befinden, bertrug er sie auch auf die Seele; -- die
Seelen der Menschen haben in deren Voreltern bis auf Adam, also seit
dem Anfang der Dinge(!!), immer in der Form organisierter Krper
existiert.

_Epigenesislehre._ Im November 1759 verteidigte in Halle ein
junger, 26jhriger Mediziner, =Kaspar Friedrich Wolff=, seine
Doktordissertation unter dem Titel: ~Theoria generationis~.
Gesttzt auf eine Reihe der mhsamsten und sorgfltigsten Beobachtungen
wies er nach, da die ganze herrschende Prformationstheorie falsch
sei. Im bebrteten Hhnerei ist anfangs noch keine Spur vom spteren
Vogelkrper und seinen Teilen vorhanden; vielmehr finden wir statt
dessen oben auf der bekannten gelben Dotterkugel eine kleine,
kreisrunde, weie Scheibe. Diese dnne =Keimscheibe= wird lnglich
rund und zerfllt dann in vier bereinanderliegende Schichten, die
Anlagen der vier wichtigsten Organsysteme: zuerst die oberste, das
Nervensystem, darunter die Fleischmasse (Muskelsystem), dann das
Gefsystem mit dem Herzen und zuletzt der Darmkanal. Also, sagt
Wolff richtig, besteht die Keimbildung nicht in einer Auswickelung
vorgebildeter Organe, sondern in einer =Kette von Neubildungen=,
einer wahren ~Epigenesis~; ein Teil entsteht nach dem andern,
und alle erscheinen zuerst in einer einfachen Form, welche von der
spter ausgebildeten ganz verschieden ist; diese entsteht erst durch
eine Reihe der merkwrdigsten Umbildungen. Obgleich nun diese groe
Entdeckung sich unmittelbar durch Nachuntersuchung der beobachteten
Tatsachen htte besttigen lassen, und obgleich die darauf gegrndete
=Theorie der Generation= eigentlich gar keine Theorie, sondern eine
nackte Tatsache war, fand sie dennoch ein halbes Jahrhundert hindurch
nicht die mindeste Anerkennung. Besonders hinderlich war die mchtige
Autoritt von =Haller=, der sie hartnckig bekmpfte mit dem Dogma:
Es gibt kein Werden! Kein Teil im Tierkrper ist vor dem anderen
gemacht worden, und alle sind zugleich erschaffen. =Wolff=, der nach
Petersburg gehen mute, war schon lange tot, als die vergessenen, von
ihm beobachteten Tatsachen von =Lorenz Oken= in Jena (1806) aufs neue
entdeckt und richtig gedeutet wurden.

_Keimbltterlehre._ Nachdem durch =Oken= die =Epigenesistheorie=
von =Wolff= besttigt worden war, warfen sich in Deutschland
mehrere junge Naturforscher mit groem Eifer auf die genauere
Untersuchung der Keimesgeschichte. Der bedeutendste war =Karl Ernst
Baer=; sein berhmtes Hauptwerk erschien 1828 unter dem Titel:
Entwickelungsgeschichte der Tiere, Beobachtung und Reflexion. Nicht
allein sind darin die Vorgnge der Keimbildung ausgezeichnet klar
und vollstndig beschrieben, sondern auch zahlreiche geistvolle
Spekulationen daran geknpft. Die zwei blattfrmigen Schichten, welche
in der runden Keimscheibe der hheren Wirbeltiere zuerst auftreten,
zerfallen nach =Baer= zunchst in je zwei =Bltter=, und diese vier
Keimbltter verwandeln sich in vier =Rhren=. Durch sehr verwickelte
Prozesse der Epigenesis entstehen daraus die spteren Organe, und zwar
bei dem Menschen und bei allen Wirbeltieren in wesentlich gleicher
Weise. Unter den vielen einzelnen Entdeckungen von =Baer= war eine der
wichtigsten das menschliche Ei. Bis dahin hatte man beim Menschen,
wie bei allen anderen Sugetieren, fr Eier kleine Blschen gehalten,
die sich zahlreich im Eierstock finden. Erst =Baer= zeigte (1827),
da die wahren Eier in diesen Blschen, den Graafschen Follikeln,
eingeschlossen und viel kleiner sind, Kgelchen von nur 0,2 mm
Durchmesser, unter gnstigen Verhltnissen eben als Pnktchen mit
bloem Auge zu sehen. Auch entdeckte er zuerst, da aus dieser kleinen
Eizelle der Sugetiere sich zunchst eine charakteristische Keimblase
entwickelt, eine =Hohlkugel= mit flssigem Inhalt, deren Wand die dnne
Keimhaut bildet.

_Eizelle und Samenzelle._ Zehn Jahre, nachdem =Baer= der Embryologie
durch seine Keimbltterlehre eine feste Grundlage gegeben, entstand
fr dieselbe eine neue wichtige Aufgabe durch die Begrndung der
=Zellentheorie= (1838). Wie verhalten sich das Ei der Tiere und die
daraus entstehenden Keimbltter zu den Geweben und Zellen, welche den
entwickelten Tierkrper zusammensetzen? Die richtige Beantwortung
dieser inhaltschweren Frage gelang um die Mitte des 19. Jahrhunderts
zwei Schlern von =Johannes Mller=: =Robert Remak= und =Albert
Klliker=. Sie wiesen nach, da das Ei ursprnglich nichts anderes ist
als eine einfache =Zelle=, und da auch die zahlreichen Keimkrper oder
Furchungskugeln, welche durch wiederholte Teilung daraus entstehen,
einfache Zellen sind. Aus diesen Furchungzellen bauen sich
zunchst die Keimbltter auf, und weiterhin durch Arbeitsteilung oder
Differenzierung derselben die verschiedenen Organe. =Klliker= erwarb
sich das groe Verdienst, auch die schleimartige Samenflssigkeit der
mnnlichen Tiere als Anhufung von mikroskopischen kleinen Zellen
nachzuweisen. Die beweglichen stecknadelfrmigen Samentierchen
(~Spermatozoen~) sind nichts anderes als eigentmliche
=Geielzellen=, wie ich (1866) zuerst an den Samenfden der Schwmme
nachgewiesen habe. Damit war fr =beide= wichtige Zeugungsstoffe der
Tiere, das mnnliche Sperma und das weibliche Ei, bewiesen, da auch
sie der Zellentheorie sich fgen.

_Gastratheorie._ Alle lteren Untersuchungen ber Keimbildung betrafen
den Menschen und die hheren =Wirbeltiere=, vor allem aber den
Vogelkeim: denn das Hhnerei ist das grte und bequemste Objekt dafr
und steht jederzeit in beliebiger Menge zur Verfgung; man kann in
der Brutmaschine sehr bequem das Ei ausbrten und dabei stndlich die
ganze Reihe der Umbildungen, von der einfachen Eizelle bis zum fertigen
Vogelkrper innerhalb dreier Wochen beobachten. Auch =Baer= hatte nur
fr die verschiedenen Klassen der Wirbeltiere die bereinstimmung in
der charakteristischen Bildung der Keimbltter und in der Entstehung
der einzelnen Organe aus derselben nachweisen knnen. Dagegen in den
zahlreichen Klassen der =Wirbellosen= -- also der groen Mehrzahl
der Tiere -- schien die Keimung in wesentlich verschiedener Weise
abzulaufen, und den meisten schienen wirkliche Keimbltter ganz zu
fehlen. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden solche auch bei
einzelnen Wirbellosen nachgewiesen, so von =Klliker= 1844 bei den
Cephalopoden und von =Huxley= 1849 bei den Medusen. Besonders wichtig
wurde sodann die Entdeckung von =Kowalevsky= (1866), da das niederste
Wirbeltier, der Lanzelot oder ~Amphioxus~, sich genau in derselben,
und zwar in einer sehr ursprnglichen Weise entwickelt wie ein
wirbelloses, anscheinend ganz entferntes Manteltier, die =Seescheide=
oder ~Ascidia~. Auch bei verschiedenen Wrmern, Sterntieren und
Gliedertieren wies Kowalevsky eine hnliche Bildung der Keimbltter
nach. Ich selbst war damals (seit 1866) mit der Entwickelungsgeschichte
der Spongien, Korallen, Medusen und Siphonophoren beschftigt, und da
ich auch bei diesen niedersten Klassen der vielzelligen Tiere berall
dieselbe Bildung von zwei primren Keimblttern fand, gelangte ich zu
der berzeugung, da dieser bedeutungsvolle Keimungsvorgang im ganzen
Tierreiche derselbe ist.

Besonders wichtig erschien mir dabei der Umstand, da bei den
Schwammtieren und bei den niederen Nesseltieren (Polypen, Medusen)
der Krper lange Zeit hindurch oder selbst zeitlebens nur aus zwei
einfachen Zellenschichten besteht. Schon =Huxley= hatte sie bei
den Medusen mit den beiden primren Keimblttern der Wirbeltiere
verglichen. Gesttzt auf diese Beobachtungen und Vergleichungen,
stellte ich dann 1872 in meiner Biologie der Kalkschwmme die
=Gastratheorie= auf, deren wesentlichste Lehrstze folgende sind:
~I~. Das ganze Tierreich zerfllt in zwei wesentlich verschiedene
Hauptgruppen: die einzelligen =Urtiere= (~Protozoa~) und die
vielzelligen =Gewebtiere= (~Metazoa~); der ganze Organismus
der =Protozoen= bleibt zeitlebens eine einfache Zelle (seltener
ein lockerer Zellverein ohne Gewebebildung, ein ~Coenobium~).
~II~. Dagegen ist der Organismus der =Metazoen= nur im ersten
Beginn einzellig, spter aus vielen Zellen zusammengesetzt, welche
=Gewebe= bilden. ~III~. Nur bei den Metazoen entstehen wirkliche
=Keimbltter=, und aus diesen =Gewebe=, die den Protozoen noch ganz
fehlen. ~IV~. Bei allen Metazoen entstehen zunchst nur =zwei=
primre Keimbltter, die berall dieselbe wesentliche Bedeutung haben:
aus dem ueren =Hautblatt= entwickelt sich die uere Hautdecke und
das Nervensystem, aus dem inneren =Darmblatt= hingegen der Darmkanal
und alle brigen Organe. ~V~. Die Keimform, welche berall zunchst
aus dem befruchteten Ei hervorgeht, und welche allein aus diesen
beiden primren Keimblttern besteht, ist die =Darmlarve= oder der
Becherkeim (~Gastrula~); ihr becherfrmiger, zweischichtiger Krper
umschliet ursprnglich eine einfache verdauende Hhle, den =Urdarm=,
und dessen einfache ffnung ist der =Urmund=. Dies sind die ltesten
Organe des vielzelligen Tierkrpers, und die beiden Zellenschichten
seiner Wand sind seine ltesten Gewebe; alle anderen Organe und Gewebe
sind erst spter (sekundr) daraus hervorgegangen. ~VI~. Aus dieser
Gleichartigkeit oder =Homologie der Gastrula= in smtlichen Stmmen und
Klassen der Gewebtiere zog ich nach dem Biogenetischen Grundgesetze den
Schlu, da =alle Metazoen ursprnglich von einer gemeinsamen Stammform
abstammen, Gastra=, und da diese uralte, lngst ausgestorbene
Stammform im wesentlichen die Krperform und Zusammensetzung der
heutigen, durch =Vererbung= erhaltenen Gastrula besa. ~VII~. Dieser
phylogenetische Schlu aus der Vergleichung der ontogenetischen
Tatsachen wird auch dadurch gerechtfertigt, da noch heute einzelne
=Gastraden= existieren, sowie lteste Formen anderer Tierstmme,
deren Organisation sich nur sehr wenig ber diese letzteren erhebt.
~VIII~. Bei der weiteren Entwickelung der verschiedenen Gewebtiere
aus der Gastrula sind zwei verschiedene Hauptgruppen zu unterscheiden:
Die lteren =Niedertiere= (~Coelenteria~) bilden noch keine
Leibeshhle und besitzen weder Blut noch After; das ist der Fall bei
den Gastraden, Spongien, Nesseltieren und Plattentieren. Die jngeren
=Obertiere= (~Coelomaria~) hingegen besitzen eine echte Leibeshhle
und meistens auch Blut und After; dahin gehren die =Wurmtiere=
(~Vermalia~) und die hheren typischen Tierstmme, welche sich aus
diesen entwickelt haben, die Sterntiere, Weichtiere, Gliedertiere,
Manteltiere und Wirbeltiere.

_Eizelle und Samenzelle des Menschen._ Das Ei des Menschen ist,
wie das aller anderen Gewebtiere, eine einfache Zelle, und diese
kleine kugelige Eizelle (von nur 0,2 mm Durchmesser) hat dieselbe
charakteristische Beschaffenheit wie die aller anderen, lebendig
gebrenden Sugetiere. Dasselbe gilt von den beweglichen =Spermien=
oder Samenfden des Mannes, den winzig kleinen, fadenfrmigen
Geielzellen, welche sich zu Millionen in jedem Trpfchen des
schleimartigen =mnnlichen Samens= (~Sperma~) finden; sie wurden
frher wegen ihrer lebhaften Bewegung fr besondere =Samentierchen=
(~Spermatozoa~) gehalten. Auch die Entstehung dieser beiden wichtigen
Geschlechtszellen in der =Geschlechtsdrse= ist dieselbe beim
Menschen und den brigen Sugetieren; sowohl die Eier im Eierstock
des Weibes, als die Samenfden im Hoden oder Samenstock des Mannes
entstehen berall auf dieselbe Weise, aus der Zellenschicht, welche die
Leibeshhle auskleidet.

_Empfngnis oder Befruchtung._ Der wichtigste Augenblick im Leben
eines jeden Menschen, wie jedes anderen Gewebtieres, ist der Moment,
in welchem seine individuelle Existenz beginnt; es ist der Augenblick,
in welchem die Geschlechtszellen der beiden Eltern zusammentreffen und
zur Bildung einer einzigen, einfachen Zelle verschmelzen. Diese neue
Zelle, die befruchtete Eizelle, ist die individuelle =Stammzelle=
(~Cytula~), aus deren wiederholter Teilung die Zellen der Keimbltter
und die Gastrula hervorgehen. Erst mit der Bildung dieser Stammzelle,
also mit dem Vorgange der =Befruchtung= selbst, beginnt die =Existenz
der Person,= des selbstndigen Einzelwesens. Diese ontogenetische
Tatsache ist =beraus wichtig=, denn aus ihr allein schon lassen sich
die weitestreichenden Schlsse ableiten. Zunchst folgt daraus die
klare Erkenntnis, da der Mensch, gleich allen anderen Gewebtieren,
alle persnlichen Eigenschaften, krperliche und geistige, von
seinen beiden Eltern durch =Vererbung= erhalten hat; und weiterhin
die inhaltschwere berzeugung, da die neue, so entstandene Person
unmglich Anspruch haben kann, =unsterblich= zu sein.

Die feineren Vorgnge bei der Empfngnis und der geschlechtlichen
Zeugung berhaupt sind daher von allerhchster Wichtigkeit; sie sind
uns in ihren Einzelheiten erst seit 1875 bekannt geworden. Das einzige
wesentliche Ereignis bei der Befruchtung ist die Verschmelzung der
beiden Geschlechtszellen und ihrer Kerne. Von den Millionen mnnlicher
Geielzellen, welche die weibliche Eizelle umschwrmen, dringt nur
eine einzige in deren Plasmakrper ein. Die Kerne beider Zellen, der
Spermakern und der Eikern, verschmelzen miteinander. So entsteht eine
neue Zelle, welche die erblichen Eigenschaften beider Eltern in sich
vereinigt; der Spermakern bertrgt die vterlichen, der Eikern die
mtterlichen Charakterzge auf die =Stammzelle=, aus der sich nun das
Kind entwickelt; das gilt ebenso von den krperlichen wie von den
geistigen Eigenschaften.

_Keimanlage des Menschen._ Die Bildung der Keimbltter durch
wiederholte Teilung der Stammzelle, die Entstehung der Gastrula
und der weiterhin aus ihr hervorgehenden Keimformen geschieht beim
Menschen genau so wie bei den brigen hheren Sugetieren, unter
denselben eigentmlichen Besonderheiten, welche diese Gruppe vor
den niederen Wirbeltieren auszeichnen. Die bedeutungsvolle Keimform
der =Chordula= oder Chordalarve, die zunchst aus der Gastrula
entsteht, zeigt bei allen Wirbeltieren im wesentlichen die gleiche
Bildung: ein einfacher gerader Achsenstab, die Chorda, geht der
Lnge nach durch die Hauptachse des lnglich-runden, schildfrmigen
Krpers (des Keimschildes); oberhalb der Chorda entwickelt sich aus
dem ueren Keimblatt das Rckenmark, unterhalb das Darmrohr. Dann
erst erscheinen zu beiden Seiten, rechts und links vom Achsenstab,
die Ketten der Urwirbel, die Anlagen der Muskelplatten, mit denen
die Gliederung des Wirbeltierkrpers beginnt. Vorn am Darm treten
beiderseits die Kiemenspalten auf, die ffnungen des Schlundes, durch
welche ursprnglich bei unseren Fischahnen das vom Munde aufgenommene
Atemwasser an den Seiten des Kopfes nach auen trat. In zher
=Vererbung= treten diese =Kiemenspalten=, die nur bei den fischartigen,
im Wasser lebenden Vorfahren von Bedeutung waren, auch heute noch beim
Menschen wie bei allen brigen Wirbeltieren auf; sie verschwinden
spter. Selbst nachdem schon am Kopfe die fnf Hirnblasen, seitlich die
Anfnge der Augen und Ohren sichtbar geworden, nachdem am Rumpfe die
Anlagen der beiden Beinpaare in Form rundlicher platter Knospen aus
dem fischartigen Menschenkeim hervorgesprot sind, ist dessen Bildung
derjenigen anderer Wirbeltiere noch so hnlich, da man sie nicht
unterscheiden kann.

_hnlichkeit der Wirbeltierkeime._ Die wesentliche bereinstimmung in
der ueren Krperform und dem inneren Bau, welche die Embryonen des
Menschen und der brigen Wirbeltiere in dieser frheren Bildungsperiode
zeigen, ist eine =embryologische Tatsache ersten Ranges=; aus ihr
lassen sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze die wichtigsten
Schlsse ableiten. Denn es gibt dafr keine andere Erklrung als
die Annahme einer =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform. Wenn
wir sehen, da in einem bestimmten Stadium die Keime des Menschen
und des Affen, des Hundes und des Kaninchens, des Schweines und des
Schafes zwar als hhere Wirbeltiere erkennbar, aber sonst nicht zu
unterscheiden sind, so kann diese Tatsache nur durch gemeinsame
Abstammung erklrt werden. Diese Erklrung erscheint um so sicherer,
wenn wir die spter eintretende Sonderung oder Divergenz jener
Keimformen verfolgen. Je nher sich zwei Tierformen in der gesamten
Krperbildung stehen, desto lnger bleiben sich auch ihre Embryonen
hnlich, und desto enger hngen sie auch im Stammbaum der betreffenden
Gruppe zusammen, desto nher sind sie stammverwandt. Daher erscheinen
die Embryonen des Menschen und der Menschenaffen auch spter noch
hchst hnlich, auf einer hoch entwickelten Bildungsstufe, auf welcher
ihre Unterschiede von den Embryonen anderer Sugetiere sofort erkennbar
sind.

_Die Keimhllen des Menschen._ Die hohe Bedeutung der eben besprochenen
hnlichkeit tritt nicht nur bei Vergleichung der Wirbeltier-Embryonen
selbst hervor, sondern auch bei derjenigen ihrer Keimhllen. Es
zeichnen sich nmlich alle Wirbeltiere der drei hheren Klassen,
Reptilien, Vgel und Sugetiere, vor den niederen Klassen durch die
Bildung eigentmlicher Embryonalhllen aus, des ~Amnion~ (Wasserhaut)
und des ~Serolemma~ (serse Haut). In diesen mit Wasser gefllten
Scken liegt der Embryo eingeschlossen und ist dadurch gegen Druck und
Sto geschtzt. Diese zweckmige Schutzeinrichtung ist wahrscheinlich
erst entstanden, als die ltesten Reptilien (Proreptilien), die
gemeinsamen Stammformen aller =Amniontiere=, vollstndig an das
Landleben sich anpaten. Bei ihren direkten Vorfahren, den Amphibien,
=fehlt= diese Hllenbildung noch ebenso wie bei den Fischen; sie war
bei diesen Wasserbewohnern berflssig. Mit der Erwerbung dieser
Schutzhllen stehen bei allen Amnioten noch zwei andere Vernderungen
in engem Zusammenhang, erstens der gnzliche Verlust der Kiemen
(whrend die Kiemenbogen und die Spalten dazwischen als rudimentre
Organe sich forterben), und zweitens die Bildung der =Allantois=.
Dieser blasenfrmige, mit Wasser gefllte Sack wchst bei dem Embryo
aller Amniontiere aus dem Enddarm hervor und ist nichts anderes als
die vergrerte Harnblase der Amphibien-Ahnen. Aus ihrem innersten
und untersten Teile bildet sich spter die bleibende Harnblase der
Amnioten, whrend der grere uere Teil rckgebildet wird. Gewhnlich
spielt dieser eine Zeitlang eine wichtige Rolle als Atmungsorgan des
Embryo, indem sich mchtige Blutgefe auf seiner Wand ausbreiten.
Sowohl die Entstehung der Keimhllen, als auch der Allantois geschieht
beim Menschen genau ebenso wie bei allen anderen Amnioten und durch
dieselben verwickelten Prozesse des Wachstums; =der Mensch ist ein
echtes Amniontier.=

_Die Placenta des Menschen._ Die Ernhrung des menschlichen
Keimes im Mutterleibe geschieht durch ein eigentmliches, uerst
blutreiches Organ, die sogenannte ~Placenta~, den =Aderkuchen= oder
Blutgefkuchen. Sie wird nach erfolgter Geburt des Kindes abgelst und
als sogenannte Nachgeburt ausgestoen. Die Placenta besteht aus zwei
wesentlich verschiedenen Teilen, dem =Fruchtkuchen= oder der kindlichen
Placenta und dem =Mutterkuchen= oder dem mtterlichen Gefkuchen.
Dieser letztere enthlt reich entwickelte Blutrume, welche ihr Blut
durch die Gefe der Gebrmutter zugefhrt erhalten. Der Fruchtkuchen
dagegen wird aus zahlreichen verstelten Zotten gebildet, welche von
der Auenflche der kindlichen Allantois hervorwachsen und ihr Blut
von deren Nabelgefen beziehen. Die hohlen, blutgefllten Zotten
des Fruchtkuchens wachsen in die Blutrume des Mutterkuchens hinein,
und die zarte Scheidewand zwischen beiden wird so sehr verdnnt, da
durch sie hindurch ein unmittelbarer Stoffaustausch der ernhrenden
Blutflssigkeit erfolgen kann.

In den einzelnen Gruppen der Zottentiere ist die Ausbildung des
Mutterkuchens wesentlich verschieden. Hchst wichtig ist nun die
erst 1890 von =Emil Selenka= entdeckte Tatsache, da gerade die
=Menschenaffen=, besonders der Orang (~Satyrus~), mit dem Menschen
gewisse Eigentmlichkeiten, die sich sonst nirgends finden, gemeinsam
haben (Siehe den 23. Vortrag meiner Anthropogenie). Also besttigt
sich auch hier wieder der =Pithecometrasatz= von =Huxley=: Die
Unterschiede zwischen dem Menschen und den Menschenaffen sind geringer
als diejenigen zwischen den letzteren und den niederen Affen. Die
angeblichen Beweise =gegen= die nahe Blutsverwandtschaft des Menschen
und der Affen ergaben sich bei genauer Untersuchung der tatschlichen
Verhltnisse auch hier wieder umgekehrt als wichtige Grnde =zugunsten=
derselben.

Jeder Naturforscher, der mit offenen Augen in diese dunkeln, aber
hchst interessanten Labyrinthgnge unserer Keimesgeschichte eindringt,
und der imstande ist, sie kritisch mit derjenigen der brigen
Sugetiere zu vergleichen, wird in denselben die bedeutungsvollsten
Lichttrger fr das Verstndnis unserer Stammesgeschichte
finden. Denn die verschiedenen Stufen der Keimbildung werfen als
Vererbungs-Phnomene ein helles Licht auf die entsprechenden Stufen
unserer Ahnenreihe, gem dem Biogenetischen Grundgesetze. (Kap. 5.)
Aber auch die Anpassungserscheinungen, die Bildung der vergnglichen
Embryonalorgane -- der charakteristischen Keimhllen, und vor allem
der Placenta -- geben uns ganz bestimmte Aufschlsse ber unsere nahe
=Stammverwandtschaft mit den Primaten=.




=Fnftes Kapitel.=

_Unsere Stammesgeschichte._

  Monistische Studien ber Ursprung und Abstammung des Menschen von den
  Wirbeltieren, zunchst von den Herrentieren.


Der jngste unter den groen Zweigen am lebendigen Baume der Biologie
ist diejenige Naturwissenschaft, welche wir =Stammesgeschichte= oder
=Phylogenie= nennen. Sie hat sich noch weit spter und unter viel
greren Schwierigkeiten entwickelt als ihre natrliche Schwester, die
Keimesgeschichte oder Ontogenie. Diese hatte zur Aufgabe die Erkenntnis
der geheimnisvollen Vorgnge, durch welche sich die organischen
=Individuen=, die Einzelwesen der Tiere und Pflanzen, aus dem Ei
entwickeln. Die Stammesgeschichte hingegen hat die viel dunklere und
schwierigere Frage zu beantworten: Wie sind die organischen =Spezies=
entstanden, die einzelnen Arten der Tiere und Pflanzen?

Die =Ontogenie= konnte zur Lsung ihrer nahe liegenden Aufgabe
zunchst unmittelbar den empirischen Weg der =Beobachtung= betreten;
sie brauchte nur Tag fr Tag und Stunde fr Stunde die sichtbaren
Umbildungen zu verfolgen, welche der organische Keim innerhalb kurzer
Zeit whrend der Entwickelung aus dem Ei erfhrt. Viel schwieriger
war von vornherein die Aufgabe der =Phylogenie=; denn die langsamen
Prozesse der allmhlichen Umbildung, welche die Entstehung der Tier- und
Pflanzenarten bewirken, vollziehen sich unmerklich im Verlaufe
von Jahrtausenden und Jahrmillionen; ihre unmittelbare Beobachtung
ist nur in sehr engen Grenzen mglich, und der weitaus grte Teil
dieser historischen Vorgnge kann nur indirekt erschlossen werden:
durch vergleichende Benutzung von empirischen Urkunden, die sehr
verschiedenen Gebieten angehren, der Palontologie, Ontogenie
und Morphologie. Dazu kam noch das gewaltige Hindernis, welches
der natrlichen Stammesgeschichte durch die enge Verknpfung der
Schpfungsgeschichte mit bernatrlichen Mythen und religisen Dogmen
bereitet wurde; es ist daher begreiflich, da die wissenschaftliche
Existenz der wahren Stammesgeschichte erst unter vielen Mhen und
schweren Kmpfen errungen und gesichert werden mute.

_Mythische Schpfungsgeschichte._ Alle ernstlichen Versuche, welche
bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts zur Beantwortung des Problems
von der Entstehung der Organismen unternommen wurden, blieben in dem
mythologischen Labyrinthe der bernatrlichen Schpfungssagen stecken.
Einzelne Bemhungen hervorragender Denker, sich von diesem zu befreien
und zu einer natrlichen Auffassung zu gelangen, blieben erfolglos.
Die mannigfaltigsten Schpfungsmythen entwickelten sich bei allen
lteren Kulturvlkern im Zusammenhang mit der Religion, und whrend des
Mittelalters war es naturgem das zur Herrschaft gelangte Christentum,
welches die Beantwortung der Schpfungsfrage fr sich in Anspruch nahm.
Da die Bibel als die unerschtterliche Grundlage des christlichen
Religionsgebudes galt, wurde die ganze Schpfungsgeschichte dem
ersten Buche Moses entnommen. Auf dieses sttzte sich auch noch der
groe schwedische Naturforscher =Carl Linn=, als er 1735 in seinem
grundlegenden ~Systema Naturae~ den ersten Versuch zu einer
systematischen Ordnung, Benennung und Klassifikation der unzhligen
verschiedenen Naturkrper unternahm. Als bestes, praktisches
Hilfsmittel derselben fhrte er die bekannte doppelte Namengebung ein;
jeder einzelnen Art von Tieren und Pflanzen gab er einen besonderen
Artnamen und stellte diesem einen allgemeinen Gattungsnamen voran.
In einer =Gattung= (~Genus~) wurden die nchstverwandten =Arten=
(~Species~) zusammengestellt.

Hchst verhngnisvoll wurde fr die Wissenschaft das theoretische
=Dogma=, welches schon von =Linn= selbst mit seinem praktischen
Speziesbegriffe verknpft wurde. Die erste Frage, welche sich dem
denkenden Systematiker aufdrngen mute, war natrlich die Frage nach
dem eigentlichen Wesen des Spezies-=Begriffes=, nach Inhalt und Umfang
desselben. Und gerade diese Grundfrage beantwortete sein Schpfer in
naivster Weise, in Anlehnung an den allgemein gltigen Mosaischen
Schpfungsmythus: Es gibt so viel verschiedene Arten, als im Anfange
vom unendlichen Wesen verschiedene Formen erschaffen worden sind.
Mit diesem Dogma war jede natrliche Erklrung der Artentstehung
abgeschnitten. =Linn= kannte nur die gegenwrtig existierende Tier- und
Pflanzenwelt; er hatte keine Ahnung von den viel zahlreicheren
ausgestorbenen Arten, welche in den frheren Perioden der Erdgeschichte
unseren Erdball in wechselnder Gestaltung bevlkert haben.

Erst im Anfange des 19. Jahrhunderts wurden diese fossilen Tiere durch
=Cuvier= nher bekannt. Er gab in seinem berhmten Werke ber die
fossilen Knochen der vierfigen Wirbeltiere (1812) die erste genaue
Beschreibung und richtige Deutung zahlreicher Versteinerungen. Zugleich
wies er nach, da in den verschiedenen Perioden der Erdgeschichte eine
Reihe von ganz verschiedenen Tierbevlkerungen aufeinander gefolgt
war. Da nun =Cuvier= hartnckig an =Linns= Lehre von der absoluten
Bestndigkeit der Spezies festhielt, glaubte er ihre Entstehung nur
durch die Annahme erklren zu knnen, da eine Reihe von groen
Katastrophen und von wiederholten Neuschpfungen in der Erdgeschichte
auf einander gefolgt sei; im Beginne jeder groen Erdrevolution sollten
alle lebenden Geschpfe vernichtet und am Ende derselben eine neue
Bevlkerung erschaffen worden sein. Obgleich diese Katastrophentheorie
von =Cuvier= zu den absurdesten Folgerungen fhrte und auf den nackten
Wunderglauben hinauslief, gewann sie doch bald allgemeine Geltung und
blieb bis auf =Darwin= (1859) herrschend.

_Transformismus._ =Goethe.= Da die herrschenden Vorstellungen
von der absoluten Bestndigkeit und bernatrlichen Schpfung der
organischen Arten tiefer denkende Forscher nicht befriedigen konnten,
ist leicht einzusehen. Daher finden wir denn schon in der zweiten
Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts einzelne hervorragende Geister
mit Versuchen beschftigt, zu einer naturgemen Lsung des groen
Schpfungsproblems zu gelangen. Allen voran war unser grter Dichter
und Denker =Wolfgang Goethe= durch seine vieljhrigen und eifrigen
morphologischen Studien schon am Ende des 18. Jahrhunderts zu der
klaren Einsicht in den inneren Zusammenhang aller organischen Formen
und zu der festen berzeugung eines gemeinsamen natrlichen Ursprungs
gelangt. In seiner berhmten Metamorphose der Pflanzen (1790)
leitete er alle verschiedenen Formen der Gewchse von einer Urpflanze
ab, und alle verschiedenen Organe derselben von einem Urorgane, dem
Blatt. In seiner Wirbeltheorie des Schdels versuchte er zu zeigen,
da die Schdel aller verschiedenen Wirbeltiere -- mit Inbegriff des
Menschen! -- in gleicher Weise aus bestimmt geordneten Knochengruppen
zusammengesetzt seien, und da diese letzteren nichts anderes seien als
umgebildete Wirbel. Grade seine eingehenden Studien ber vergleichende
Knochenlehre hatten =Goethe= zu der festen berzeugung von der Einheit
der Organisation gefhrt; er hatte erkannt, da das Knochengerst
des Menschen nach demselben Typus zusammengesetzt sei wie das aller
brigen Wirbeltiere -- geformt nach einem Urbilde, das nur in seinen
sehr bestndigen Teilen mehr oder weniger hin- und herweicht und
sich noch tglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet --. Diese
Umbildung oder Transformation lt =Goethe= durch die bestndige
Wechselwirkung von zwei gestaltenden Bildungskrften geschehen, einer
inneren Zentripetalkraft des Organismus, dem Spezifikationstrieb,
und einer ueren Zentrifugalkraft, dem Variationstrieb oder der Idee
der Metamorphose; erstere entspricht dem, was wir heute =Vererbung=,
letztere dem, was wir =Anpassung= nennen. Wie tief =Goethe= durch
diese naturphilosophischen Studien ber Bildung und Umbildung
organischer Naturen in deren Wesen eingedrungen war, und inwiefern
er demnach als der bedeutendste Vorlufer von =Darwin= und =Lamarck=
betrachtet werden kann, ist aus den interessanten Stellen seiner
Werke zu ersehen, welche ich im vierten Vortrage meiner Natrlichen
Schpfungsgeschichte zusammengestellt habe. In meinem Vortrage ber
Die Naturanschauung von =Darwin=, =Goethe= und =Lamarck= (Eisenach
1882) habe ich dies nher begrndet. Doch kamen diese naturgemen
Entwickelungsideen von =Goethe= ebenso wie hnliche Vorstellungen von
=Kant=, =Oken=, =Treviranus= und anderen Naturphilosophen im Beginne
des 19. Jahrhunderts nicht ber gewisse allgemeine berzeugungen
hinaus. Es fehlte ihnen noch der groe Hebel, dessen die natrliche
Schpfungsgeschichte zu ihrer Begrndung durch die Kritik des
=Speziesdogma= bedurfte, und diese verdanken wir erst =Lamarck=.

_Deszendenztheorie oder Abstammungslehre._ =Lamarck= (1809). Den
ersten eingehenden Versuch zu einer wissenschaftlichen Begrndung des
Transformismus unternahm im Beginne des 19. Jahrhunderts der groe
franzsische Naturphilosoph =Jean Lamarck=, der bedeutendste Gegner
seines Kollegen =Cuvier= in Paris. Schon 1802 hatte derselbe in seinen
Betrachtungen ber die lebenden Naturkrper die bahnbrechenden Ideen
ber die Unbestndigkeit und Umbildung der Arten ausgesprochen, die
er dann 1809 in den zwei Bnden seines tiefsinnigsten Werkes, der
~Philosophie zoologique~, eingehend begrndete. Hier fhrte =Lamarck=
zum ersten Male -- gegenber dem herrschenden Spezies-Dogma -- den
richtigen Gedanken aus, da die organische =Art= oder =Spezies= eine
=knstliche Abstraktion= sei, ein Begriff von relativem Werte, ebenso
wie die bergeordneten Begriffe der Gattung, Familie, Ordnung und
Klasse. Er behauptete ferner, da alle Arten vernderlich und im Laufe
sehr langer Zeitrume aus lteren Arten durch Umbildung entstanden
seien. Die gemeinsamen Stammformen, von denen dieselben abstammen,
waren ursprnglich ganz einfache und niedere Organismen; die ersten
und ltesten entstanden durch Urzeugung. Whrend durch =Vererbung= der
Typus sich bestndig erhlt, werden anderseits durch =Anpassung=, durch
Gewohnheit und bung der Organe, die Arten allmhlich umgebildet. Auch
unser menschlicher Organismus ist auf dieselbe natrliche Weise durch
Umbildung aus einer Reihe von affenartigen Sugetieren entstanden. Fr
all diese Vorgnge, wie berhaupt fr alle Erscheinungen in der Natur
und im Geistesleben, nimmt =Lamarck= ausschlielich =mechanische=,
physikalische und chemische Vorgnge als wahre, bewirkende Ursachen an.
Sein Werk enthlt die Elemente fr ein rein monistisches Natursystem
auf Grund der Entwickelungslehre.

Man htte erwarten sollen, da dieser groartige Versuch, die
Abstammungslehre oder Deszendenztheorie wissenschaftlich zu begrnden,
alsbald den herrschenden Mythus von der Speziesschpfung erschttert
und einer natrlichen Entwickelungslehre Bahn gebrochen htte. Indessen
vermochte =Lamarck= gegenber der konservativen Autoritt seines
groen Gegners =Cuvier= ebensowenig durchzudringen, wie zwanzig Jahre
spter sein Kollege und Gesinnungsgenosse =Goffroy St. Hilaire=. Die
berhmten Kmpfe, welcher dieser Naturphilosoph 1830 im Schoe der
Pariser Akademie mit =Cuvier= zu bestehen hatte, endigten mit einem
vollstndigen Siege des letzteren. Die mchtige Entfaltung, welche zu
jener Zeit das empirische Studium der Biologie fand, die Flle von
interessanten Entdeckungen auf dem Gebiete der vergleichenden Anatomie
und Physiologie, die Begrndung der Zellentheorie und die Fortschritte
der Ontogenie gaben den Zoologen und Botanikern einen solchen
berflu von dankbarem Arbeitsmaterial, da darber die schwierige
und dunkle Frage nach der Entstehung der Arten ganz vergessen wurde.
Man beruhigte sich bei dem althergebrachten Schpfungs-Dogma. Selbst
nachdem der groe englische Naturforscher =Charles Lyell= 1830 in
seinen Prinzipien der Geologie die abenteuerliche Katastrophentheorie
von =Cuvier= widerlegt und fr die anorganische Natur unseres Planeten
einen natrlichen und kontinuierlichen Entwickelungsgang nachgewiesen
hatte, fand sein einfaches Kontinuittsprinzip keine Anwendung auf
die organische Natur. Die Anfnge der natrlichen Phylogenie, welche
in =Lamarcks= Werke verborgen lagen, wurden ebenso vergessen, wie die
Keime zu ihrer natrlichen Ontogenie, welche 50 Jahre frher (1759)
=Caspar Friedrich Wolff= in seiner Theorie der Generation gegeben
hatte. Hier wie dort verflo ein volles halbes Jahrhundert, ehe die
bedeutendsten Ideen ber natrliche Entwickelung die gebhrende
Anerkennung fanden. Erst nachdem =Darwin= 1859 die Lsung des
Schpfungsproblems von einer ganz anderen Seite angefat und den
reichen, inzwischen angesammelten Schatz von empirischen Kenntnissen
glcklich dazu verwertet hatte, fing man an, sich auf =Lamarck=, als
seinen bedeutendsten Vorgnger, wieder zu besinnen.

_Selektionstheorie._ =Darwin= (1859). Der beispiellose Erfolg von
=Charles Darwin= ist allbekannt. Kein anderer von den zahlreichen
groen Geisteshelden unserer Zeit hat mit einem einzigen klassischen
Werke einen so gewaltigen, so tiefgehenden und so umfassenden
Erfolg erzielt, wie =Darwin= 1859 mit seinem berhmten Hauptwerk:
ber die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch
natrliche Zchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im
Kampfe ums Dasein. Gewi hat die Reform der vergleichenden Anatomie
und Physiologie durch =Johannes Mller= der ganzen Biologie eine
neue, fruchtbare Epoche erffnet, gewi waren die Begrndung der
Zellentheorie durch =Schleiden= und =Schwann=, die Reform der Ontogenie
durch =Baer=, die Begrndung des Substanzgesetzes durch =Robert Mayer=
und =Helmholtz= wissenschaftliche Grotaten ersten Ranges; aber keine
von ihnen hat nach Tiefe und Ausdehnung eine so gewaltige, unser ganzes
menschliches Wissen umgestaltende Wirkung ausgebt, wie =Darwins=
Theorie von der natrlichen Entstehung der Arten. Denn damit war ja das
mystische =Schpfungsproblem= gelst, und mit ihm die inhaltsschwere
Frage aller Fragen, das Problem vom wahren Wesen und von der
Entstehung des Menschen selbst.

Vergleichen wir die beiden groen Begrnder des Transformismus, so
finden wir bei =Lamarck= berwiegende Neigung zur =Deduktion= und
zum Entwurfe eines vollstndigen Naturbildes, bei =Darwin= hingegen
vorherrschende Anwendung der =Induktion= und das vorsichtige Bemhen,
die einzelnen Teile der Deszendenztheorie durch Beobachtung und
Experiment mglichst sicher zu begrnden. Whrend der franzsische
Naturphilosoph den damaligen Kreis des empirischen Wissens weit
berschritt und eigentlich das Programm der zuknftigen Forschung
entwarf, hatte der englische Experimentator umgekehrt den groen
Vorteil, das einigende Erklrungsprinzip fr eine Masse von empirischen
Kenntnissen zu begrnden, die bis dahin unverstanden sich angehuft
hatten. So erklrt es sich, da der Erfolg von =Darwin= ebenso
berwltigend, wie derjenige von =Lamarck= verschwindend war. =Darwin=
hatte aber nicht allein das groe Verdienst, die allgemeinen Ergebnisse
der verschiedenen biologischen Forschungskreise in dem gemeinsamen
Brennpunkte des Deszendenzprinzips zu sammeln und dadurch einheitlich
zu erklren, sondern er entdeckte auch in dem =Selektionsprinzip=
jenen wichtigen Faktor der Umbildung, welcher =Lamarck= noch gefehlt
hatte. Indem =Darwin= als praktischer Tierzchter die Erfahrungen
der knstlichen Zuchtwahl auf die Organismen im freien Naturzustande
anwendete und in dem =Kampf ums Dasein= das auslesende Prinzip
der natrlichen Zuchtwahl entdeckte, schuf er seine bedeutungsvolle
Selektionstheorie, den eigentlichen =Darwinismus=.

_Stammesgeschichte (Phylogenie)_ (1866). Unter den zahlreichen und
wichtigen Aufgaben, welche =Darwin= der modernen Biologie stellte,
erschien als eine der nchsten die Reform des zoologischen und
botanischen =Systems=. Wenn die unzhligen Tier- und Pflanzenarten nicht
durch bernatrliche Wunder erschaffen, sondern durch natrliche
Umbildung entwickelt waren, so ergab sich das =natrliche System=
derselben als ihr =Stammbaum=. Den ersten Versuch, das System in
diesem Sinne umzugestalten, unternahm ich selbst (1866) in meiner
=Generellen Morphologie der Organismen=. Bis dahin hatte man unter
=Entwickelungsgeschichte= sowohl in der Zoologie als in der Botanik
ausschlielich diejenige der organischen =Individuen= verstanden.
Ich begrndete dagegen die Ansicht, da dieser =Keimesgeschichte=
(~Ontogenie~) als zweiter, gleichberechtigter und eng verbundener
Zweig die =Stammesgeschichte= (~Phylogenie~) gegenberstehe. Beide
Zweige der Entwickelungsgeschichte stehen nach meiner Auffassung im
engsten kausalen Zusammenhang; dieser beruht auf der Wechselwirkung
der Vererbungs- und Anpassungsgesetze; er fand seinen przisen und
umfassenden Ausdruck in meinem allgemein gltigen =Biogenetischen
Grundgesetz=.

_Natrliche Schpfungsgeschichte_ (1868). Da die neuen, in der
Generellen Morphologie niedergelegten Anschauungen trotz ihrer
streng wissenschaftlichen Fassung bei den sachkundigen Fachgenossen
sehr wenig Beachtung und noch weniger Beifall fanden, versuchte ich,
den wichtigsten Teil derselben in einem kleineren, mehr populr
gehaltenen Werke einem greren, gebildeten Leserkreise zugnglich zu
machen. Dies geschah 1868 in der Natrlichen Schpfungsgeschichte
(Gemeinverstndliche wissenschaftliche Vortrge ber die
Entwickelungslehre im allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und
Lamarck im besonderen). Wenn der gehoffte Erfolg der Generellen
Morphologie weit unter meiner berechtigten Erwartung blieb, so ging
umgekehrt derjenige der Natrlichen Schpfungsgeschichte weit ber
dieselbe hinaus. Trotz seiner groen Mngel hat dieses Buch doch viel
dazu beigetragen, die Grundgedanken unserer modernen Entwickelungslehre
in weiteren Kreisen zu verbreiten. Allerdings konnte ich meinen
Hauptzweck, die phylogenetische Umbildung des natrlichen Systems,
dort nur in allgemeinen Umrissen andeuten. Indessen habe ich die
ausfhrliche, dort vermite Begrndung des phylogenetischen Systems
spter in einem greren Werke nachgeholt, in der =Systematischen
Phylogenie= (Entwurf eines natrlichen Systems der Organismen auf
Grund ihrer Stammesgeschichte). Der erste Band derselben (1894)
behandelt die Protisten und Pflanzen, der zweite (1896) die wirbellosen
Tiere, der dritte (1895) die Wirbeltiere. Die =Stammbume= der
kleineren und greren Gruppen sind hier so weit ausgefhrt, als es
mir meine Kenntnis der drei groen Stammesurkunden gestattete, der
Palontologie, Ontogenie und Morphologie.

_Biogenetisches Grundgesetz._ Den engen, urschlichen Zusammenhang,
welcher nach meiner berzeugung zwischen beiden Zweigen der organischen
Entwickelungsgeschichte besteht, hatte ich schon in der Generellen
Morphologie als einen der wichtigsten Begriffe des Transformismus
hervorgehoben und einen przisen Ausdruck dafr in mehreren Thesen
von dem Kausalnexus der biontischen und der phyletischen Entwickelung
gegeben: =Die Ontogenesis ist eine kurze und schnelle Rekapitulation
der Phylogenesis=, bedingt durch die physiologischen Funktionen der
Vererbung (Fortpflanzung) und Anpassung (Ernhrung). Schon =Darwin=
hatte (1859) die groe Bedeutung seiner Theorie fr die Erklrung der
Embryologie betont, und =Fritz Mller= hatte dieselbe (1864) an dem
Beispiele einer einzelnen Tierklasse, der Krebstiere, erlutert, in
der geistvollen kleinen Schrift: =Fr Darwin= (1864). Ich selbst
habe dann die allgemeine Geltung und die fundamentale Bedeutung jenes
Biogenetischen Grundgesetzes in einer Reihe von Arbeiten nachzuweisen
versucht, insbesondere in der Biologie der Kalkschwmme (1872) und in
den Studien zur Gastratheorie (1873-1884). Die dort aufgestellte
Lehre von der Homologie der Keimbltter, sowie von den Verhltnissen
der _Palingenie_ (=Auszugsgeschichte=) und der _Zenogenie_
(=Strungsgeschichte=) ist seitdem durch zahlreiche Arbeiten anderer
Zoologen besttigt worden; durch sie ist es mglich geworden, die
natrlichen Gesetze der Einheit in der mannigfaltigen Keimesgeschichte
der Tiere nachzuweisen; fr ihre Stammesgeschichte ergibt sich daraus
die gemeinsame Ableitung von einer einfachsten ursprnglichen Stammform.

_Anthropogenie_ (1874). Der weitschauende Begrnder der
Abstammungslehre, =Lamarck=, hatte schon 1809 richtig erkannt, da sie
allgemeine Geltung besitze, und da also auch der =Mensch=, als das
hchst entwickelte Sugetier, von demselben Stamme abzuleiten sei,
wie alle anderen Sugetiere, und diese weiter hinauf von demselben
lteren Zweige des Stammbaums, wie die brigen Wirbeltiere. Er hatte
auch schon auf die Vorgnge hingewiesen, durch welche die =Abstammung
des Menschen vom Affen=, als dem nchstverwandten Sugetiere,
wissenschaftlich erklrt werden knne. =Darwin=, der naturgem zu
derselben berzeugung gelangt war, ging in seinem Hauptwerk (1859)
ber diese anstigste Folgerung seiner Lehre absichtlich hinweg
und hat dieselbe erst spter (1871) in seinem Werke ber Die
Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl geistreich
ausgefhrt. Inzwischen hatte aber schon sein Freund =Huxley= (1863)
jenen wichtigsten Folgeschlu der Abstammungslehre sehr scharfsinnig
errtert in seiner berhmten kleinen Schrift ber die Zeugnisse fr
die Stellung des Menschen in der Natur. An der Hand der vergleichenden
Anatomie und Ontogenie und gesttzt auf die Tatsachen der Palontologie
zeigte =Huxley=, da die Abstammung des Menschen vom Affen eine
notwendige Konsequenz des Darwinismus sei, und da eine andere
wissenschaftliche Erklrung von der Entstehung des Menschengeschlechts
berhaupt nicht gegeben werden knne.

Als weitere Folgerung dieser wichtigen Erkenntnis ergab sich die
schwierige Aufgabe, nicht nur die nchstverwandten Sugetier-=Ahnen
des Menschen= in der Tertirzeit zu erforschen, sondern auch die lange
Reihe der lteren tierischen Vorfahren, welche in frheren Zeitrumen
der Erdgeschichte gelebt und whrend ungezhlter Jahrmillionen sich
entwickelt hatten. Die hypothetische Lsung dieser groen historischen
Aufgabe hatte ich schon 1866 in der Generellen Morphologie versucht;
weiter ausgefhrt habe ich dieselbe 1874 in meiner =Anthropogenie=
(~I~. Teil: Keimesgeschichte; ~II~. Teil: Stammesgeschichte). Die
fnfte umgearbeitete Auflage dieses Buches (1903) enthlt diejenige
Darstellung der Entwickelungsgeschichte des Menschen, welche bei dem
gegenwrtigen Zustande unserer Urkundenkenntnis sich dem fernen Ziele
der Wahrheit nach meiner persnlichen Auffassung am meisten nhert;
ich war dabei stets bemht, alle drei empirischen Urkunden, die
=Palontologie=, =Ontogenie= und =Morphologie= (oder vergleichende
Anatomie), mglichst gleichmig und im Zusammenhange zu benutzen.
Sicher werden die hier gegebenen Deszendenz-Hypothesen im einzelnen
durch sptere phylogenetische Forschungen vielfach ergnzt und
berichtigt werden; aber eben so sicher steht fr mich die berzeugung,
da der dort entworfene Stufengang der menschlichen Stammesgeschichte
im groen und ganzen der Wahrheit entspricht. Denn die =historische
Reihenfolge der Wirbeltierversteinerungen= entspricht vollstndig
der morphologischen Entwickelungsreihe, welche uns die vergleichende
Anatomie und Ontogenie enthllt: auf die silurischen Fische folgen die
devonischen Lurchfische, die karbonischen Amphibien, die permischen
Reptilien und die mesozoischen Sugetiere; von diesen erscheinen
wiederum zunchst in der Trias die niedersten Formen, die Gabeltiere
(~Monotremen~), dann im Jura die Beuteltiere (~Marsupialien~) und
darauf in der Kreide die ltesten Zottentiere (~Plazentalien~). Von
diesen letzteren treten wieder zunchst in der ltesten Tertirzeit
die niedersten Primatenahnen auf, die Halbaffen, darauf die echten
Affen, und zwar von den ~Catarrhinen~ zuerst die Hundsaffen
(~Cynopitheken~), spter die Menschenaffen (~Anthropomorphen~);
aus einem Zweige dieser letzteren ist whrend der Plioznzeit der
sprachlose =Affenmensch= entstanden (~Pithecanthropus alalus~), und
aus diesem endlich der sprechende Mensch.

Viel schwieriger und unsicherer als diese Kette unserer
=Wirbeltier-Ahnen= ist diejenige der vorhergehenden wirbellosen Ahnen
zu erforschen; denn von ihren weichen skelettlosen Krpern kennen
wir keine versteinerten berreste; die Palontologie kann uns hier
keinerlei Zeugnis liefern. Um so wichtiger werden hier die Urkunden
der vergleichenden Anatomie und Ontogenie. Da der menschliche Keim
denselben ~Chordula~-Zustand durchluft wie der Embryo aller anderen
Wirbeltiere, da er sich ebenso aus zwei Keimblttern einer ~Gastrula~
entwickelt, schlieen wir nach dem Biogenetischen Grundgesetze auf
die frhere Existenz entsprechender Ahnenformen (~Vermalien~,
~Gastraeaden~). Vor allem wichtig aber ist die fundamentale Tatsache,
da auch der Keim des Menschen, gleich demjenigen aller anderen
Tiere, sich ursprnglich aus einer einfachen Zelle entwickelt; denn
diese =Stammzelle= (~Cytula~) -- die befruchtete Eizelle -- weist
zweifellos auf eine entsprechende einzellige Stammform hin, ein uraltes
=Protozoon=.

Fr unsere =monistische Philosophie= ist es brigens zunchst ziemlich
gleichgltig, wie sich im einzelnen die Stufenreihe unserer Vorfahren
noch sicherer feststellen lassen wird. Fr sie bleibt als =sichere
historische Tatsache= die folgenschwere Erkenntnis bestehen, da der
=Mensch zunchst vom Affen abstammt=, weiterhin von einer langen Reihe
niederer Wirbeltiere. Die logische Begrndung dieses Satzes habe ich
schon 1866 im siebenten Buche der Generellen =Morphologie= betont
(S. 427): Der Satz, da der Mensch sich aus niederen Wirbeltieren,
und zwar zunchst aus echten Affen, entwickelt hat, ist ein spezieller
Deduktionsschlu, der sich aus dem generellen Induktionsgesetze der
Deszendenztheorie mit absoluter Notwendigkeit ergibt.

Von grter Bedeutung fr die definitive Feststellung und
Anerkennung dieses fundamentalen Satzes sind die =palontologischen
Entdeckungen= der letzten Dezennien geworden; insbesondere haben uns
die berraschenden Funde von zahlreichen ausgestorbenen Sugetieren
der Tertirzeit in den Stand gesetzt, die Stammesgeschichte dieser
wichtigsten Tierklasse, von den niedersten, eierlegenden Monotremen
bis zum Menschen hinauf, in ihren Grundzgen klarzulegen. Die vier
Hauptgruppen der =Zottentiere=, die formenreichen Legionen der
Raubtiere, Nagetiere, Huftiere und Herrentiere, erscheinen durch
tiefe Klfte getrennt, wenn wir nur die heute noch lebenden Epigonen
als Vertreter derselben ins Auge fassen. Diese Klfte werden aber
vollkommen ausgefllt und die scharfen Unterschiede der vier Legionen
gnzlich verwischt, wenn wir ihre tertiren, ausgestorbenen Vorfahren
vergleichen, und wenn wir bis in die eozne Geschichtsdmmerung der
ltesten Tertirzeit hinabsteigen. Da finden wir die groe Unterklasse
der Zottentiere, die heute mehr als 2500 Arten umfat, nur durch
eine geringe Zahl von kleinen und unbedeutenden Urzottentieren
vertreten; und in diesen ~Prochoriaten~ erscheinen die Charaktere
jener vier divergenten Legionen so gemischt und verwischt, da wir
sie vernnftigerweise nur als =gemeinsame Vorfahren= derselben
deuten knnen. Sie besitzen alle im wesentlichen dieselbe Bildung
des Knochengerstes und dasselbe =typische Gebi= der ursprnglichen
Plazentalien mit 44 Zhnen; sie zeichnen sich alle durch die geringe
Gre und die unvollkommene Bildung ihres Gehirns aus; sie haben alle
kurze Beine und fnfzehige Fe, die mit der flachen Sohle auftreten.
Bei manchen dieser ltesten Zottentiere der Eoznzeit war es anfangs
zweifelhaft, ob man sie zu den Raubtieren oder Nagetieren, zu den
Huftieren oder Herrentieren stellen sollte; so sehr nhern sich hier
unten diese vier groen, spter so sehr verschiedenen Legionen der
Plazentalien. Unzweifelhaft folgt daraus ihr gemeinsamer Ursprung aus
einer einzigen Stammgruppe. Diese Urzottentiere lebten schon in der
vorhergehenden Kreideperiode und sind wahrscheinlich aus einer Gruppe
von insektenfressenden =Beuteltieren= hervorgegangen.

Die wichtigsten von allen neueren palontologischen Entdeckungen,
welche die Stammesgeschichte der Zottentiere aufgeklrt haben,
betreffen unseren eigenen Stamm, die Legion der Herrentiere
(~Primates~). Frher waren versteinerte Reste derselben uerst
selten. Noch =Cuvier=, der groe Grnder der Palontologie, behauptete
bis zu seinem Tode (1832), da es keine Versteinerungen von Primaten
gbe; zwar hatte er selbst schon den Schdel eines eoznen Halbaffen
(~Adapis~) beschrieben, ihn aber irrtmlich fr ein Huftier gehalten.
In den letzten Dezennien sind aber gut erhaltene, versteinerte
Skelette von Halbaffen und Affen in ziemlicher Zahl entdeckt worden;
darunter befinden sich alle die wichtigen Zwischenglieder, welche eine
zusammenhngende Ahnenkette von den ltesten Halbaffen bis zum Menschen
hinauf darstellen.

Der berhmteste und interessanteste von diesen fossilen Funden ist
=der versteinerte Affenmensch von Java=, welchen der hollndische
Militrarzt =Eugen Dubois= 1891 entdeckt hat, der vielbesprochene
~Pithecanthropus erectus~. Er ist in der Tat das vielgesuchte
~Missing link~, das angeblich fehlende Glied in der
Primatenkette, welche sich ununterbrochen vom niedersten Affen bis zum
hchst entwickelten Menschen hinaufzieht. Ich habe die hohe Bedeutung,
welche dieser merkwrdige Fund besitzt, ausfhrlich errtert in dem
Vortrage ber unsere gegenwrtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen,
welchen ich am 26. August 1898 auf dem vierten internationalen
Zoologenkongre in Cambridge gehalten habe. Der Palontologe, welcher
die Bedingungen fr Bildung und Erhaltung von Versteinerungen kennt,
wird die Entdeckung des Pithecanthropus als einen besonders glcklichen
Zufall betrachten. Denn als Baumbewohner kommen die Affen nach
ihrem Tode (wenn sie nicht zufllig ins Wasser fallen) nur selten
unter Verhltnisse, welche die Erhaltung und Versteinerung ihres
Knochengerstes gestatten. Durch den Fund dieses fossilen Affenmenschen
von Java ist also auch von seiten der =Palontologie= die Abstammung
des Menschen vom Affen ebenso klar und sicher bewiesen, wie es frher
schon durch die Urkunden der =vergleichenden Anatomie und Ontogenie=
geschehen war; wir besitzen jetzt in der Tat alle wesentlichen Urkunden
unserer Stammesgeschichte.

=Zusatz= (1908). Die dreiig Hauptstufen, die sich gegenwrtig in der
Stammeskette unserer tierischen Vorfahren unterscheiden und auf sechs
Strecken verteilen lassen, habe ich bersichtlich zusammengestellt in
meiner Festschrift ber: Unsere Ahnenreihe (~Prognotaxis hominis~).
Jena 1908.




=Sechstes Kapitel.=

_Das Wesen der Seele._

  Monistische Studien ber den Begriff der Psyche. Aufgaben und Methoden
  der wissenschaftlichen Psychologie. Psychologische Metamorphosen.


Die Lebensttigkeiten, welche man allgemein unter dem Begriffe des
=Seelenlebens= oder der psychischen Funktionen zusammenfat, sind
unter allen uns bekannten Erscheinungen einerseits die wichtigsten und
interessantesten, andererseits die verwickeltsten und rtselhaftesten.
Da die Naturerkenntnis selbst ein Teil des Seelenlebens ist, und da
mithin auch die Anthropologie, ebenso wie die Kosmologie, eine richtige
Erkenntnis der =Psyche= zur Voraussetzung hat, so kann man die
=Psychologie=, die wirklich wissenschaftliche Seelenlehre, auch als
das Fundament und als die Voraussetzung aller anderen Wissenschaften
ansehen; von der anderen Seite betrachtet, ist sie wieder ein Teil der
Philosophie, oder der Physiologie, oder der Anthropologie.

Die groe Schwierigkeit ihrer naturgemen Begrndung liegt nun
aber darin, da die Psychologie wiederum die genaue Kenntnis des
menschlichen Organismus voraussetzt und vor allem des =Gehirns=, als
des wichtigsten =Organs= des Seelenlebens. Die groe Mehrzahl der
sogenannten Psychologen besitzt jedoch von diesen anatomischen
Grundlagen der Psyche nur sehr unvollstndige oder gar keine Kenntnis,
und so erklrt sich die bedauerliche Tatsache, da in keiner anderen
Wissenschaft so widersprechende und unhaltbare Vorstellungen ber
ihren eigenen Begriff und ihre wesentliche Aufgabe herrschen, wie in
der Psychologie. Diese Verwirrung ist in den letzten Dezennien um so
fhlbarer hervorgetreten, je mehr die groartigen Fortschritte der
Anatomie und Physiologie unsere Kenntnis vom Bau und von den Funktionen
des wichtigsten Seelenorgans erweitert haben.

_Methoden der Seelenforschung._ Nach meiner berzeugung ist das, was
man die =Seele= nennt, in Wahrheit eine =Naturerscheinung=; ich
betrachte daher die Psychologie als einen Zweig der Naturwissenschaft
-- und zwar der =Physiologie=. Demzufolge mu ich von vornherein
betonen, da wir fr dieselbe keine anderen Forschungswege zulassen
knnen als in allen brigen Naturwissenschaften; d. h. in erster
Linie die =Beobachtung= und das =Experiment=, in zweiter Linie die
=Entwickelungsgeschichte= und in dritter Linie die theoretische
=Spekulation=, welche durch induktive und deduktive Schlsse mglichst
dem unbekannten =Wesen= der Erscheinung sich zu nhern sucht. Mit
Bezug auf seine prinzipielle Beurteilung aber mssen wir zunchst
gerade hier den Gegensatz der dualistischen und der monistischen
Ansicht scharf ins Auge fassen.

_Dualistische Psychologie._ Die allgemein herrschende Auffassung des
Seelenlebens, welche wir bekmpfen, betrachtet Seele und Leib als
zwei verschiedene =Wesen=. Diese beiden Wesen knnen unabhngig
voneinander existieren und sind nicht notwendig aneinander gebunden.
Der organische =Leib= ist ein sterbliches =materielles= Wesen,
chemisch zusammengesetzt aus lebendigem Plasma und den von diesem
erzeugten Verbindungen. Die =Seele= hingegen ist ein unsterbliches,
=immaterielles= Wesen, ein spirituelles Agens, dessen rtselhafte
Ttigkeit uns vllig unbekannt ist. Diese bliche Auffassung ist
als solche rein spiritualistisch und ihr prinzipielles Gegenteil im
gewissen Sinne materialistisch. Sie ist zugleich transzendent und
=supranaturalistisch=; denn sie behauptet die Existenz von Krften,
welche ohne materielle Basis existieren und wirksam sind; sie fut auf
der Annahme, da auer und ber der Natur noch eine geistige Welt
existiert, eine immaterielle Welt, von der wir durch Erfahrung nichts
wissen und unserer Natur nach nichts wissen knnen.

Diese hypothetische =Geisteswelt=, die von der materiellen Krperwelt
ganz unabhngig sein soll, und auf deren Annahme das ganze knstliche
Gebude der dualistischen Weltanschauung ruht, ist lediglich ein
Produkt der dichtenden Phantasie; und dasselbe gilt von dem mystischen,
eng mit ihr verknpften Glauben an die Unsterblichkeit der Seele,
dessen wissenschaftliche Unhaltbarkeit wir nachher noch besonders
dartun mssen (im 11. Kapitel). Wenn die in diesem Sagenkreise
herrschenden Glaubensvorstellungen wirklich begrndet wren, so mten
die betreffenden Erscheinungen =nicht dem Substanzgesetze= unterworfen
sein; diese einzige Ausnahme von dem hchsten kosmologischen
Grundgesetze mte aber erst sehr spt im Laufe der organischen
Erdgeschichte eingetreten sein, da sie nur die Seele des Menschen und
der hheren Tiere betrifft. Auch das Dogma des freien Willens, ein
anderes wesentliches Stck der dualistischen Psychologie, ist mit dem
Substanzgesetze ganz unvereinbar.

_Monistische Psychologie._ Unsere natrliche Auffassung
des Seelenlebens erblickt dagegen in ihm eine Summe von
Lebenserscheinungen, welche gleich allen anderen an ein bestimmtes
materielles Substrat gebunden sind. Wir wollen diese materielle Basis
aller psychischen Ttigkeit, ohne welche dieselbe nicht denkbar ist,
vorlufig als =Psychoplasma= bezeichnen, und zwar deshalb, weil sie
durch die chemische Analyse berall als ein Krper nachgewiesen ist,
welcher zur Gruppe der =Plasmakrper= gehrt, d. h. jener eiweiartigen
Kohlenstoff-Verbindungen, welche smtlichen Lebensvorgngen zugrunde
liegen. Bei den hheren Tieren, welche ein Nervensystem und
Sinnesorgane besitzen, ist aus dem =Psychoplasma= durch Differenzierung
das =Neuroplasma=, die Nervensubstanz, entstanden. Unsere Auffassung
ist in =diesem= Sinne =materialistisch=. Sie ist aber zugleich
=empiristisch= und =naturalistisch=; denn unsere wissenschaftliche
Erfahrung hat uns noch keine Krfte kennen gelehrt, welche der
materiellen Grundlage entbehren, und keine geistige Welt, welche
auer der Natur und ber der Natur stnde.

Gleich allen anderen Naturerscheinungen sind auch diejenigen des
Seelenlebens dem alles beherrschenden =Substanzgesetze= unterworfen;
es gibt auch in diesem Gebiete keine Ausnahme von diesem hchsten
kosmologischen Grundgesetze. Die Erscheinungen des niederen
Seelenlebens bei den einzelligen Protisten und bei den Pflanzen --
aber ebenso auch bei den niederen Tieren --, ihre Reizbarkeit,
ihre Reflexbewegungen, ihre Empfindlichkeit und ihr Streben nach
Selbsterhaltung beruhen auf physiologischen Vorgngen im =Plasma=
ihrer Zellen, auf physikalischen und chemischen Vernderungen, welche
teils auf =Vererbung=, teils auf =Anpassung= zurckzufhren sind.
Aber ganz dasselbe mssen wir auch fr die hheren Seelenttigkeiten
der hheren Tiere und des Menschen behaupten, fr die Bildung der
Vorstellungen und Begriffe, fr die wunderbaren Phnomene der Vernunft
und des Bewutseins; denn diese haben sich phylogenetisch aus jenen
entwickelt, und nur der hhere Grad der Zentralisation, durch innige
und mannigfaltige Verbindung der einzelnen Funktionen, erhebt sie zu
dieser erstaunlichen Hhe.

_Begriffe der Psychologie._ In jeder Wissenschaft gilt mit Recht als
erste Aufgabe die klare =Begriffsbestimmung= des Gegenstandes, den
sie zu erforschen hat. In keiner Wissenschaft aber ist die Lsung
dieser ersten Aufgabe so schwierig als in der Seelenlehre, und diese
Tatsache ist um so merkwrdiger, als die =Logik=, die Lehre von der
Begriffsbildung, selbst nur ein Teil der Psychologie ist. Wenn wir
alles vergleichen, was ber die Grundbegriffe der Seelenkunde von
den angesehensten Philosophen und Naturforschern aller Zeiten gesagt
worden ist, so ersticken wir in einem Chaos der widersprechendsten
Ansichten. Was ist denn eigentlich die =Seele=? Wie verhlt sie sich
zum =Geist=? Welche Bedeutung hat eigentlich das =Bewutsein=?
Wie unterscheiden sich =Empfindung= und =Gefhl=? Was ist
der =Instinkt=? Wie verhlt sich der =freie Wille=? Was ist
=Vorstellung=? Welcher Unterschied besteht zwischen =Verstand= und
=Vernunft=? Und was ist eigentlich =Gemt=? Welche Beziehung besteht
zwischen allen diesen Seelenerscheinungen und dem =Krper=? Die
Antworten auf diese und viele andere, sich daran anschlieenden Fragen
lauten so verschieden als mglich; nicht allein gehen die Ansichten
der angesehensten Autoritten darber weit auseinander, sondern auch
eine und dieselbe =wissenschaftliche= Autoritt hat oft im Laufe ihrer
eigenen psychologischen Entwickelung ihre Ansichten vllig verndert.
Sicher hat diese =psychologische= Metamorphose vieler Denker (die
wir noch am Schlusse dieses 6. Kapitels beleuchten wollen) nicht wenig
zu der =kolossalen Konfusion der Begriffe= beigetragen, welche in der
Seelenlehre mehr als in jedem anderen Gebiete der Erkenntnis herrscht.

_Objektive und subjektive Psychologie._ Die ganz eigentmliche Natur
vieler Seelenerscheinungen, und vor allem des Bewutseins bedingt
gewisse Abnderungen und Modifikationen unserer naturwissenschaftlichen
Untersuchungsmethoden. Besonders wichtig ist hier der Umstand, da
zu der gewhnlichen, =objektiven=, =uern= Beobachtung noch die
=introspektive Methode= treten mu, die =subjektive=, =innere=
Beobachtung, welche die Spiegelung unseres Ich im Bewutsein bedingt.
Von dieser unmittelbaren Gewiheit des Ich gingen die meisten
Psychologen aus: ~Cogito, ergo sum!~ =Ich denke, also bin ich.=
Wir werden daher zunchst auf diesen Erkenntnisweg und dann erst auf
die anderen, ihn ergnzenden Methoden einen Blick werfen.

_Introspektive Psychologie (Selbstbeobachtung der Seele)._ Der weitaus
grte Teil aller derjenigen Kenntnisse, welche seit Jahrtausenden in
unzhligen Schriften ber das menschliche Seelenleben niedergelegt
sind, beruht auf introspektiver Seelenforschung, d. h. auf
=Selbstbeobachtung=, und auf Schlssen, welche wir aus der Assozion
und Kritik dieser subjektiven, inneren Erfahrungen ziehen. Fr einen
wichtigen Teil der Seelenlehre ist dieser introspektive Weg berhaupt
der einzig mgliche, vor allem fr die Erforschung des =Bewutseins=;
diese Gehirnfunktion nimmt daher eine ganz eigentmliche Stellung ein
und ist mehr als jede andere die Quelle unzhliger philosophischer
Irrtmer geworden (vergl. Kap. 10). Es ist aber ganz ungengend und
fhrt zu ganz unvollkommenen und falschen Vorstellungen, wenn man
diese Selbstbeobachtung unseres Geistes als die wichtigste oder
berhaupt als die einzige Quelle seiner Erkenntnis betrachtet, wie
es von zahlreichen und angesehenen Philosophen geschehen ist. Denn
ein groer Teil der wichtigsten Erscheinungen im Seelenleben, vor
allem die =Sinnesfunktionen= (Sehen, Hren, Riechen usw.), ferner
die =Sprache=, kann nur auf demselben Wege erforscht werden wie jede
andere Lebensttigkeit des Organismus, nmlich erstens durch grndliche
anatomische Untersuchung ihrer =Organe=, und zweitens durch exakte
physiologische Analyse der davon abhngigen =Funktionen=. Um diese
uere Beobachtung der Seelenttigkeit auszufhren und dadurch die
Ergebnisse der inneren Beobachtung zu ergnzen, bedarf es aber
grndlicher Kenntnisse in Anatomie und Histologie, Ontogenie und
Physiologie des Menschen. Von diesen unentbehrlichen Grundlagen der
Anthropologie haben nun die meisten sogenannten =Psychologen= gar
keine oder nur hchst unvollkommene Kenntnis; sie sind daher nicht
imstande, auch nur von ihrer eigenen Seele eine gengende Vorstellung
zu erwerben. Dazu kommt noch der schlimme Umstand, da die eigene
Seele dieser Psychologen gewhnlich die einseitig ausgebildete (wenn
auch in ihrem spekulativen Sport sehr hoch entwickelte!) Psyche eines
=Kulturmenschen= hchster Rasse darstellt, also das letzte =Endglied=
einer langen phyletischen Entwickelungsreihe, deren zahlreiche ltere
und niedere Vorlufer fr ihr richtiges Verstndnis unentbehrlich sind.
So erklrt es sich, da der grte Teil der gewaltigen psychologischen
Literatur heute wertlose Makulatur ist. Die introspektive Methode ist
gewi hchst wertvoll und unentbehrlich, sie bedarf aber durchaus der
Mitwirkung und Ergnzung durch die brigen Methoden.

_Exakte Psychologie._ Je reicher im Laufe des 19. Jahrhunderts sich
die verschiedenen Zweige des menschlichen Erkenntnisbaumes entwickelt,
je mehr sich die verschiedenen Methoden der einzelnen Wissenschaften
vervollkommnet haben, desto mehr ist das Bestreben gewachsen, dieselben
=exakt= zu gestalten, d. h. die Erscheinungen mglichst =genau=
empirisch zu untersuchen und die daraus abzuleitenden Gesetze tunlichst
scharf, womglich =mathematisch= zu formulieren. Letzteres ist aber
nur bei einem kleinen Teile des menschlichen Wissens erreichbar,
vorzglich in jenen Wissenschaften, bei denen es sich in der Hauptsache
um mebare Grenbestimmungen handelt: in erster Linie der Mathematik,
sodann der Astronomie, der Mechanik, berhaupt einem groen Teile der
Physik und Chemie. Diese Wissenschaften werden daher auch als =exakte
Disziplinen= im engeren Sinne bezeichnet. Dagegen ist es nicht richtig
und fhrt nur irre, wenn man oft =alle= Naturwissenschaften als
exakte betrachtet und anderen, namentlich den historischen und den
Geisteswissenschaften gegenberstellt. Denn ebensowenig als diese
letzteren kann auch der grere Teil der Naturwissenschaft wirklich
exakt behandelt werden; ganz besonders gilt dies von der Biologie
und in dieser wieder von der Psychologie. Da diese letztere nur ein
Teil der Physiologie ist, mu sie im allgemeinen deren fundamentale
Erkenntniswege teilen. Sie mu die tatschlichen Erscheinungen des
Seelenlebens mglichst genau =empirisch= ergrnden, durch Beobachtung
und durch Experiment; und sie mu dann die Gesetze der Psyche aus
diesen durch induktive und deduktive Schlsse ableiten und mglichst
scharf formulieren. Allein ihre =mathematische= Formulierung ist aus
leicht begreiflichen Grnden nur sehr selten mglich; sie ist mit
groem Erfolge nur bei einem Teile der Sinnesphysiologie ausgefhrt;
fr den weitaus grten Teil der Gehirnphysiologie ist sie dagegen
nicht anwendbar.

_Psychophysik._ Ein kleiner Teil der Psychologie, welcher der
erstrebten exakten Untersuchung zugnglich erscheint, ist seit
Jahren mit groer Sorgfalt studiert und zum Range einer besonderen
Disziplin erhoben worden unter der Bezeichnung =Psychophysik=. Die
Begrnder derselben, die Physiologen =Theodor Fechner= und =Ernst
Heinrich Weber=, untersuchten zunchst genau die Abhngigkeit der
Empfindungen von den ueren, auf die Sinnesorgane wirkenden Reizen
und besonders das quantitative Verhltnis zwischen Reizstrke
und Empfindungsintensitt. Sie fanden, da zur Erregung einer
Empfindung eine bestimmte minimale Reizstrke erforderlich ist
(die Reizschwelle), und da ein gegebener Reiz immer um einen
gewissen Betrag (die Unterschiedsschwelle) gendert werden mu,
ehe die Empfindung sich merklich verndert. Fr die wichtigsten
Sinnesempfindungen (Gesicht, Gehr, Druckempfindung) gilt das Gesetz,
da ihre nderung derjenigen der Reizstrke proportional ist. Aus
diesem empirischen Weberschen Gesetz leitete =Fechner= sein
psycho-physisches Grundgesetz ab, wonach die Empfindungsintensitten
in arithmetischer Progression wachsen sollen, hingegen die Reizstrken
in geometrischer Progression. Indessen haben sptere Forscher gezeigt,
da dieses Fechnersche Gesetz exakt nur fr mittlere Intensitten gilt,
also nicht die allgemeine Bedeutung hat, die man ihm frher zuschrieb.

_Vergleichende Psychologie._ Die auffllige hnlichkeit, welche
im Seelenleben des Menschen und der hheren Tiere -- besonders
der nchstverwandten Sugetiere -- besteht, ist eine altbekannte
Tatsache. Die meisten Naturvlker machen noch heute zwischen beiden
psychischen Erscheinungsreihen keinen wesentlichen Unterschied,
wie schon die allgemein verbreiteten Tierfabeln, die alten Sagen
und die Vorstellungen von der Seelenwanderung beweisen. Auch die
meisten Philosophen des klassischen Altertums waren davon berzeugt
und entdeckten zwischen der menschlichen und tierischen Psyche
keine wesentlichen Unterschiede. Selbst =Plato=, der zuerst den
fundamentalen Unterschied von Leib und Seele behauptete, lie in
seiner Seelenwanderung eine und dieselbe Seele (oder Idee) durch
verschiedene Tier- und Menschenleiber hindurchwandern. Erst das
Christentum, das den Unsterblichkeitsglauben auf das engste mit dem
Gottesglauben verknpfte, fhrte die prinzipielle Scheidung zwischen
der unsterblichen Menschenseele und der sterblichen Tierseele durch. In
der dualistischen Philosophie gelangte sie vor allem durch den Einflu
von =Descartes= (1643) zur Geltung; er behauptete, da nur der Mensch
eine wahre Seele und somit Empfindung und freien Willen besitze, da
hingegen die Tiere Automaten, Maschinen ohne Willen und Empfindung
seien. Seitdem wurde von den meisten Psychologen -- namentlich auch
von =Kant= -- das Seelenleben der Tiere ganz vernachlssigt und das
psychologische Studium auf den Menschen beschrnkt; die menschliche,
meistens rein introspektive Psychologie entbehrte der befruchtenden
Vergleichung und blieb daher auf demselben niederen Standpunkt stehen,
welchen die menschliche Morphologie einnahm, ehe sie =Cuvier= durch die
Begrndung der vergleichenden Anatomie zur Hhe einer philosophischen
Naturwissenschaft erhob.

_Tierpsychologie._ Das wissenschaftliche Interesse fr das Seelenleben
der Tiere wurde erst in der zweiten Hlfte des 18. Jahrhunderts neu
belebt, im Zusammenhang mit den Fortschritten der systematischen
Zoologie und Physiologie. Besonders anregend wirkte die Schrift von
=Reimarus=: Allgemeine Betrachtungen ber die Triebe der Thiere
(Hamburg 1760). Eine tiefere wissenschaftliche Erforschung wurde
erst mglich durch =Johannes Mllers= Reform der Physiologie. Dieser
geistvolle Biologe, das ganze Gebiet der organischen Natur, Morphologie
und Physiologie, gleichmig umfassend, fhrte zuerst die =exakten
Methoden= der Beobachtung und des Versuchs im gesamten Gebiete der
Physiologie durch und verknpfte sie zugleich in genialer Weise mit den
=vergleichenden Methoden=; er wendete sie ebenso auf das Seelenleben
im weitesten Sinne an (auf Sprache, Sinne, Gehirnttigkeit) wie auf
alle brigen Lebenserscheinungen. Das sechste Buch seines Handbuchs
der Physiologie des Menschen (1840) handelt speziell Vom Seelenleben
und enthlt auf 80 Seiten eine Flle der wichtigsten psychologischen
Betrachtungen.

_Vlkerpsychologie._ Fr die fruchtbare Ausbildung der vergleichenden
Seelenlehre ist es hchst wichtig, die kritische Vergleichung nicht
auf Tier und Mensch im allgemeinen zu beschrnken, sondern auch die
mannigfaltigen =Abstufungen= in ihrem Seelenleben nebeneinander zu
stellen. Erst dadurch gelangen wir zur klaren Erkenntnis der langen
=Stufenleiter= psychischer Entwickelung, welche ununterbrochen von
den niedersten, einzelligen Lebensformen bis zu den Sugetieren und
an deren Spitze bis zum Menschen hinauf fhrt. Auch innerhalb des
Menschengeschlechts selbst sind jene Abstufungen sehr betrchtlich
und die Verzweigungen des Seelenstammbaums hchst mannigfaltig.
Der psychische Unterschied zwischen dem rohesten Naturmenschen der
niedersten Stufe und dem vollkommensten Kulturmenschen der hchsten
Stufe ist kolossal, viel grer, als gemeinhin angenommen wird. In
der richtigen Erkenntnis dieser Tatsache hat besonders in der zweiten
Hlfte des 19. Jahrhunderts die =Anthropologie der Naturvlker=
(=Waitz=) einen lebhaften Aufschwung genommen und die vergleichende
Ethnographie eine hohe Bedeutung fr die Psychologie gewonnen. Leider
ist nur das massenhaft gesammelte Rohmaterial dieser Wissenschaft noch
nicht gengend kritisch durchgearbeitet.

_Ontogenetische Psychologie._ Am meisten vernachlssigt und am
wenigsten angewendet unter allen Methoden der Seelenforschung war bis
auf die letzte Zeit die =Entwickelungsgeschichte der Seele=; und doch
ist gerade dieser selten betretene Pfad derjenige, der uns am krzesten
und sichersten durch den dunklen Urwald der psychologischen Vorurteile,
Dogmen und Irrtmer zu der klaren Einsicht in viele der wichtigsten
Seelenfragen fhrt. Wie in jedem anderen Gebiete der organischen
Entwickelungsgeschichte, so stelle ich auch hier zunchst die beiden
Hauptzweige derselben gegenber, die ich zuerst 1866 unterschieden
habe: die Keimesgeschichte (~Ontogenie~) und die Stammesgeschichte
(~Phylogenie~). Die =Keimesgeschichte der Seele= untersucht die
allmhliche und stufenweise Entwickelung der Seele in der einzelnen
Person und strebt nach Erkenntnis der Gesetze, welche sie urschlich
bedingen. Fr einen wichtigen Abschnitt des menschlichen Seelenlebens
ist hier schon seit Jahrtausenden sehr viel geschehen; denn die
rationelle =Pdagogik= mute sich ja schon frhzeitig die Aufgabe
stellen, theoretisch die stufenweise Entwickelung und Bildungsfhigkeit
der kindlichen Seele kennen zu lernen, deren harmonische Ausbildung
und Leitung sie praktisch durchzufhren hatte. Allein die meisten
Pdagogen waren idealistische und dualistische Philosophen und
gingen daher an ihre Aufgabe von vornherein mit den althergebrachten
Vorurteilen der spiritualistischen Psychologie. Erst seit wenigen
Dezennien ist dieser dogmatischen Richtung gegenber auch in der
Schule die naturwissenschaftliche Methode zu grerer Geltung gelangt;
man bemht sich jetzt mehr, auch in der Beurteilung der Kindesseele
die Grundstze der Entwickelungslehre zur Anwendung zu bringen. Das
individuelle Rohmaterial der kindlichen Seele ist ja bereits durch
=Vererbung= von Eltern und Voreltern von vornherein gegeben; die
Erziehung hat die schne Aufgabe, dasselbe durch intellektuelle
Belehrung und moralische Erziehung, also durch =Anpassung=, zur reichen
Blte zu entwickeln. Fr die Kenntnis unserer frhesten psychischen
Entwickelung hat erst =Wilhelm Preyer= (1882) den Grund gelegt in
seiner interessanten Schrift Die Seele des Kindes, Beobachtungen ber
die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren. Fr
die Erkenntnis der spteren Stufen und Metamorphosen der individuellen
Psyche bleibt noch sehr viel zu tun; die richtige, kritische Anwendung
des Biogenetischen Grundgesetzes beginnt auch hier sich als klarer
Leitstern des wissenschaftlichen Verstndnisses zu bewhren. (Vergl.
=Hermann Kroell=, Der Aufbau der menschlichen Seele, 1900.)

_Phylogenetische Psychologie._ Eine neue, fruchtbare Periode hherer
Entwickelung begann fr die Psychologie, wie fr alle anderen
biologischen Wissenschaften, als =Charles Darwin= die Grundstze der
Entwickelungslehre auf sie anwendete. Das siebente Kapitel seines
epochemachenden Werkes ber die Entstehung der Arten (1859) ist dem
=Instinkt= gewidmet; es enthlt den wertvollen Nachweis, da die
Instinkte der Tiere, gleich allen anderen Lebensttigkeiten, den
allgemeinen Gesetzen der historischen Entwickelung unterliegen. Die
speziellen Instinkte der einzelnen Tierarten werden durch =Anpassung=
umgebildet, und diese erworbenen Abnderungen werden durch
=Vererbung= auf die Nachkommen bertragen; bei ihrer Erhaltung und
Ausbildung spielt die natrliche =Selektion= durch den Kampf ums
Dasein ebenso eine zchtende Rolle wie bei der Transformation jeder
anderen physiologischen Ttigkeit. Spter hat =Darwin= in mehreren
Werken diese fundamentale Ansicht weiter ausgefhrt und gezeigt, da
dieselben Gesetze geistiger Entwickelung durch die ganze organische
Welt hindurch walten, beim Menschen ebenso wie bei den Tieren und bei
diesen ebenso wie bei den Pflanzen. =Die Einheit der organischen Welt=,
die sich aus ihrem gemeinsamen Ursprung erklrt, gilt also auch
fr das gesamte Gebiet des Seelenlebens, vom einfachsten, einzelligen
Organismus bis hinauf zum Menschen.

Die weitere Ausfhrung von =Darwins= Psychologie und ihre besondere
Anwendung auf alle einzelnen Gebiete des Seelenlebens verdanken wir
einem ausgezeichneten englischen Naturforscher, =George Romanes=.
Leider wurde er durch seinen allzu frhen Tod an der Vollendung
des groen Werkes gehindert, welches alle Teile der vergleichenden
Seelenkunde gleichmig im Sinne der monistischen Entwickelungslehre
ausbauen sollte. Die beiden Teile dieses Werkes, welche erschienen
sind, gehren zu den wertvollsten Erzeugnissen der gesamten
psychologischen Literatur. Denn getreu den Prinzipien unserer modernen
monistischen Naturforschung sind darin erstens die wichtigsten
=Tatsachen= zusammengefat und geordnet, welche seit Jahrtausenden
durch Beobachtung und Experiment auf dem Gebiete der vergleichenden
Seelenlehre empirisch festgestellt wurden; zweitens sind dieselbe mit
=objektiver Kritik= geprft und zweckmig gruppiert; und drittens
ergeben sich daraus diejenigen =Vernunftschlsse= ber die wichtigsten
allgemeinen Fragen der Psychologie, welche allein mit den Grundstzen
unserer modernen monistischen Weltanschauung vereinbar sind. Der erste
Band von =Romanes=' Werk (Leipzig 1885) fhrt den Titel: Die geistige
Entwickelung im Tierreich und stellt die ganze lange Stufenreihe der
psychischen Entwickelung im Tierreiche von den einfachsten Empfindungen
und Instinkten der niedersten Tiere bis zu den vollkommensten
Erscheinungen des Bewutseins und der Vernunft bei den hchststehenden
Tieren im natrlichen Zusammenhang dar. Es sind darin auch viele
Mitteilungen aus hinterlassenen Manuskripten ber den Instinkt von
Darwin mitgeteilt, und zugleich ist eine vollstndige Sammlung von
allem, was er auf dem Gebiete der Psychologie geschrieben hat, gegeben.

Der zweite Teil von =Romanes=' Werk behandelt die geistige
Entwickelung beim Menschen und den Ursprung der menschlichen
Befhigung (Leipzig 1893). Der scharfsinnige Psychologe fhrt
darin den berzeugenden Beweis, =da die psychologische Schranke
zwischen Tier und Mensch berwunden ist=; das begriffliche Denken
und Abstraktionsvermgen des Menschen hat sich allmhlich aus
den nicht begrifflichen Vorstufen des Denkens und Vorstellens
bei den nchstverwandten Sugetieren entwickelt. Die hchsten
Geistesttigkeiten des Menschen, =Vernunft=, =Sprache und Bewutsein=,
sind aus den niederen Vorstufen derselben in der Reihe der
=Primatenahnen= (Affen und Halbaffen) hervorgegangen. Der Mensch
besitzt keine einzige Geistesttigkeit, welche ihm ausschlielich
eigentmlich ist; sein ganzes Seelenleben ist von demjenigen der
nchstverwandten Sugetiere nur dem =Grade=, nicht der =Art= nach, nur
quantitativ, nicht qualitativ verschieden.

_Psychologische Metamorphosen._ Nicht unerwhnt soll eine merkwrdige
Erscheinung bleiben, die uns manche bedeutende Naturforscher und
Philosophen wahrzunehmen Gelegenheit gaben. Sie besteht in einem
eigentmlichen philosophischen Prinzipienwechsel, in der Vertauschung
des ursprnglichen =monistischen= Standpunktes mit einem spteren
=dualistischen=. Das interessanteste Beispiel solcher Verwandlung
liefert =Immanuel Kant=. Als kritischer Philosoph war er zur
berzeugung gelangt, da die drei =Gromchte des Mystizismus=: Gott,
Freiheit und Unsterblichkeit -- als Dogmen der =reinen= Vernunft
-- unhaltbar erscheinen. Der =dogmatische Kant= dagegen fand spter,
da diese drei Hauptgespenster Postulate der =praktischen= Vernunft
und als solche unentbehrlich seien. Je mehr neuerdings die angesehene
Schule der =Neokantianer= den Rckgang auf =Kant= als einzige Rettung
aus dem entsetzlichen Wirrwarr der modernen Metaphysik predigt, desto
klarer offenbart sich der unleugbare und unheilvolle Widerspruch der
beiden Grundanschauungen, zwischen denen =Kant= hin und her schwankte.

In Deutschland gilt gegenwrtig als einer der bedeutendsten Psychologen
=Wilhelm Wundt= in Leipzig; er besitzt vor den meisten anderen
Philosophen den unschtzbaren Vorzug einer grndlichen =zoologischen=,
=anatomischen= und =physiologischen= Bildung. Frher Assistent
und Schler von =Helmholtz=, hatte sich =Wundt= frhzeitig daran
gewhnt, die Grundgesetze der Physik und Chemie im gesamten Gebiete
der Physiologie geltend zu machen, also auch (im Sinne von =Johannes
Mller=) in der Psychologie, als einem Teilgebiete der letzteren. Von
diesen Gesichtspunkten geleitet, verffentlichte =Wundt= 1863 wertvolle
Vorlesungen ber die Menschen- und Tierseele. Er liefert darin, wie
er selbst in der Vorrede sagt, den =Nachweis=, da der Schauplatz der
wichtigsten Seelenvorgnge in der =unbewuten Seele= liegt, und er
erffnet uns einen Einblick in jenen =Mechanismus=, der im unbewuten
Hintergrund der Seele die Anregungen verarbeitet, die aus den ueren
Eindrcken stammen. Was mir aber besonders wichtig und wertvoll an
=Wundts= Werk erscheint, ist, da er hier zum ersten Male das =Gesetz
der Erhaltung der Kraft auf das psychische Gebiet ausdehnt= und dabei
eine Reihe von Tatsachen der Elektrophysiologie zur Beweisfhrung
benutzt (a. a. O. S. ~VIII~).

Dreiig Jahre spter verffentlichte =Wundt= (1892) eine zweite,
wesentlich verkrzte und gnzlich umgearbeitete Auflage seiner
Vorlesungen ber die Menschen- und Tierseele. Die wichtigsten
Prinzipien der ersten Auflage sind in dieser zweiten vllig
aufgegeben, und der =monistische= Standpunkt der ersteren ist mit
einem rein =dualistischen= vertauscht. =Wundt= selbst sagt in der
Vorrede zur zweiten Auflage, da er sich erst allmhlich von den
fundamentalen Irrtmern der ersten befreit habe, und da er diese
Arbeit schon seit Jahren als eine =Jugendsnde= betrachten lernte;
sie lastete auf ihm als eine Art =Schuld=, der er, so gut es gehen
mochte, ledig zu werden wnschte. In der Tat sind die wichtigsten
Grundanschauungen der Seelenlehre in den beiden Auflagen von =Wundts=
weit verbreiteten Vorlesungen vllig entgegengesetzte; in der ersten
Auflage rein monistisch und materialistisch, in der zweiten Auflage
rein dualistisch und spiritualistisch. Dort wird die =Psychologie=
als =Naturwissenschaft= behandelt, nach denselben Grundstzen wie die
gesamte Physiologie, von der sie nur ein Teil ist; dreiig Jahre spter
ist fr ihn die Seelenlehre eine reine =Geisteswissenschaft= geworden,
deren Prinzipien und Objekte von denjenigen der Naturwissenschaft
vllig verschieden sind. Den schrfsten Ausdruck findet diese
Bekehrung in seinem Prinzip des =psychophysischen Parallelismus=,
wonach zwar einem jeden psychischen Geschehen irgendwelche physische
Vorgnge entsprechen, beide aber vllig unabhngig voneinander
sind und =nicht in natrlichem Kausalzusammenhang stehen=. Dieser
vollkommene =Dualismus= von Leib und Seele, von Natur und Geist
hat begreiflicherweise den lebhaften Beifall der herrschenden
Schulphilosophie gefunden und wird von ihr als ein bedeutungsvoller
Fortschritt gepriesen, um so mehr, als er von einem angesehenen
Naturforscher bekannt wird, der frher die entgegengesetzten
Anschauungen unseres modernen =Monismus= vertrat. Da ich selbst auf
diesem letzteren, beschrnkten Standpunkt seit mehr als fnfzig
Jahren stehe und mich trotz aller bestgemeinten Anstrengungen nicht von
ihm habe losmachen knnen, mu ich natrlich die Jugendsnden des
jungen Physiologen =Wundt= fr die richtige Naturerkenntnis halten und
sie gegen die entgegengesetzten Grundanschauungen des alten Philosophen
=Wundt= energisch verteidigen.

Ein interessantes Beispiel hnlicher tiefgehender Wandlung bieten zwei
der berhmtesten Naturforscher, R. =Virchow= und E. =Du Bois-Reymond=;
die Metamorphose ihrer psychologischen Grundanschauungen darf um so
weniger bersehen werden, als beide Berliner Biologen mehr als 40 Jahre
hindurch an der grten Universitt Deutschlands eine hchst bedeutende
Rolle gespielt und sowohl direkt wie indirekt einen tiefgreifenden
Einflu auf das moderne Geistesleben gebt haben. =Rudolf Virchow=, der
verdienstvolle Begrnder der Zellularpathologie, war in der besten Zeit
seiner wissenschaftlichen Ttigkeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts
(und besonders whrend seines Wrzburger Aufenthalts, von 1849 1856)
reiner =Monist=; er galt damals als einer der hervorragendsten
Vertreter jenes neu erwachenden =Materialismus=, der im Jahre
1855 besonders durch zwei berhmte, fast gleichzeitig erschienene
Werke eingefhrt wurde: =Ludwig Bchners= Kraft und Stoff, und =Carl
Vogts= Khlerglaube und Wissenschaft. Seine allgemeinen biologischen
Anschauungen von den Lebensvorgngen im Menschen -- smtlich als
mechanische Naturerscheinungen aufgefat! -- legte damals =Virchow=
in einer Reihe ausgezeichneter Artikel in den ersten Bnden des von
ihm herausgegebenen Archivs fr pathologische Anatomie nieder. Wohl
die bedeutendste unter diesen Abhandlungen und diejenige, in der er
seine damalige =monistische Weltanschauung= am klarsten zusammenfate,
ist die Rede ber Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen
Medizin (1849). Es geschah gewi mit Bedacht und mit der berzeugung
ihres philosophischen Wertes, da =Virchow= 1856 dieses medizinische
Glaubensbekenntnis an die Spitze seiner Gesammelten Abhandlungen zur
wissenschaftlichen Medizin stellte. Er vertritt darin ebenso klar als
bestimmt die fundamentalen Prinzipien unseres heutigen Monismus, wie
ich sie hier mit bezug auf die Lsung der Weltrtsel darstelle; er
verteidigt die alleinige Berechtigung der Erfahrungswissenschaft, deren
einzige zuverlssige Quellen Sinnesttigkeit und Gehirnfunktion sind;
er bekmpft ebenso entschieden den anthropologischen Dualismus, jede
sogenannte Offenbarung und jede Transzendenz mit ihren zwei Wegen:
Glauben und Anthropomorphismus. Vor allem betont er den monistischen
Charakter der Anthropologie, den untrennbaren Zusammenhang von Geist
und Krper, von Kraft und Materie; am Schlusse seines Vorworts spricht
er (S. 4) den Satz aus: Ich habe die berzeugung, da ich mich
niemals in der Lage befinden werde, den Satz von der =Einheit des
menschlichen Wesens= und seine Konsequenzen zu verleugnen. Leider war
diese berzeugung ein schwerer Irrtum; denn 28 Jahre spter vertrat
Virchow ganz entgegengesetzte prinzipielle Anschauungen; es geschah
dies in jener vielbesprochenen Rede ber Die Freiheit der Wissenschaft
im modernen Staate, die er 1877 auf der Naturforscherversammlung
in Mnchen hielt, und deren Angriffe ich in meiner Schrift Freie
Wissenschaft und freie Lehre (1878) zurckgewiesen habe.

hnliche Widersprche in bezug auf die wichtigsten philosophischen
Grundstze wie =Virchow= hat auch =Emil Du Bois-Reymond= gezeigt und
damit den lauten Beifall der dualistischen Schulen und vor allem der
~Ecclesia militans~ errungen. Je mehr dieser berhmte Rhetor der
Berliner Akademie im allgemeinen die Grundstze unseres Monismus
vertrat, je mehr er selbst zur Widerlegung des Vitalismus und der
transzendenten Lebensauffassung beigetragen hatte, desto lauter war
das Triumphgeschrei der Gegner, als er 1872 in seiner wirkungsvollen
=Ignorabimus-Rede= das Bewutsein als ein unlsbares Weltrtsel
hingestellt und als eine bernatrliche Erscheinung den anderen
Gehirnfunktionen gegenbergestellt hatte.

Der totale philosophische Prinzipienwechsel, der uns in den
psychologischen Metamorphosen dieser und anderer berhmter Denker
entgegentritt, ist sehr merkwrdig. In ihrer Jugend umfassen diese
khnen und talentvollen Naturforscher das ganze Gebiet ihrer
biologischen Forschung mit weitem Blick und streben eifrig nach
einem einheitlichen, natrlichen Erkenntnisgrunde; in ihrem Alter
haben sie eingesehen, da dieser nicht vollkommen erreichbar ist,
und deshalb geben sie ihn lieber ganz auf. Zur Entschuldigung dieser
psychologischen Metamorphose knnen sie natrlich anfhren, da sie
in der Jugend die Schwierigkeiten der groen Aufgabe bersehen und
die wahren Ziele verkannt htten; erst mit der reiferen Einsicht
des Alters und der Sammlung vieler Erfahrungen htten sie sich von
ihren Irrtmern berzeugt und den wahren Weg zur Quelle der Wahrheit
gefunden. Man kann aber auch umgekehrt behaupten, da die groen
Mnner der Wissenschaft in jngeren Jahren unbefangener und mutiger
an ihre schwierige Aufgabe herantreten, da ihr Blick freier und ihre
Urteilskraft reiner ist; die Erfahrungen spterer Jahre fhren vielfach
nicht nur zur Bereicherung, sondern auch zur Trbung der Einsicht, und
mit dem Greisenalter tritt allmhliche Rckbildung ebenso im Gehirn wie
in anderen Organen ein. Jedenfalls ist diese Metamorphose an sich eine
lehrreiche psychologische Tatsache; denn sie beweist mit vielen anderen
Formen des Gesinnungswechsels, da die hchsten Seelenfunktionen
ebenso wesentlichen individuellen Vernderungen im Laufe des Lebens
unterliegen wie alle anderen Lebensttigkeiten.




=Siebentes Kapitel.=

_Stufenleiter der Seele._

  Monistische Studien ber vergleichende Psychologie. Psychologische
  Stufenleiter. Instinkt und Vernunft.


Die groartigen Fortschritte, welche die Psychologie in der zweiten
Hlfte des 19. Jahrhunderts mit Hilfe der Entwickelungslehre
gemacht hat, gipfeln in der Anerkennung der =psychologischen
Einheit der organischen Welt.= Die vergleichende Seelenlehre, im
Vereine mit der Ontogenie und Phylogenie der Psyche, hat uns zu der
berzeugung gefhrt, da das organische Leben in allen Abstufungen,
vom einfachsten, einzelligen Protisten bis zum Menschen hinauf,
aus denselben elementaren Naturkrften sich entwickelt, aus den
Funktionen der Empfindung und Bewegung. Die Hauptaufgabe der
wissenschaftlichen Psychologie wird daher knftig nicht, wie bisher,
die ausschlielich subjektive und introspektive Zergliederung der
hchstentwickelten Philosophenseele sein, sondern die objektive und
vergleichende Untersuchung der langen Stufenleiter, auf welcher sich
der menschliche Geist allmhlich aus einer langen Reihe von niederen
tierischen Zustnden entwickelt hat. Die schne Aufgabe, die einzelnen
Stufen dieser psychologischen Kette zu unterscheiden und ihren
ununterbrochenen phylogenetischen Zusammenhang nachzuweisen, ist erst
in den letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts ernstlich in Angriff
genommen worden.

_Materielle Basis der Psyche._ Alle Erscheinungen des Seelenlebens ohne
Ausnahme sind verknpft mit materiellen Vorgngen in der lebendigen
Substanz des Krpers, im =Plasma= oder =Protoplasma=. Wir haben
jenen Teil des letzteren, der als der Trger der Psyche erscheint,
als =Psychoplasma= bezeichnet; wir erblicken darin kein besonderes
Wesen, sondern wir betrachten die =Psyche als Kollektivbegriff
fr die gesamten psychischen Funktionen des Plasma.= Seele ist in
diesem Sinne ebenso eine physiologische Abstraktion wie der Begriff
Stoffwechsel oder Zeugung. Beim Menschen und den hheren Tieren
ist das Psychoplasma, zufolge der vorgeschrittenen Arbeitsteilung der
Organe und Gewebe, ein differenzierter Bestandteil des Nervensystems,
das =Neuroplasma= der Ganglienzellen und ihrer leitenden
Auslufer, der Nervenfasern. Bei den niederen Tieren dagegen, die
noch keine gesonderten Nerven und Sinnesorgane besitzen, ist das
Psychoplasma noch nicht zur selbstndigen Differenzierung gelangt,
ebensowenig bei den Pflanzen. Bei den einzelligen Protisten ist
das Psychoplasma identisch mit dem ganzen lebendigen =Protoplasma=
desselben. In allen Fllen, ebenso auf dieser niedersten wie auf
jener hchsten =Stufe= der psychologischen Entwickelungsreihe, ist
eine gewisse =chemische= Zusammensetzung des Psychoplasma und eine
gewisse =physikalische= Beschaffenheit desselben unentbehrlich,
wenn die Seele arbeiten soll. Das gilt ebenso von der elementaren
Seelenttigkeit der plasmatischen Empfindung und Bewegung bei den
Protozoen, wie von den zusammengesetzten Funktionen der Sinnesorgane
und des Gehirns bei den hheren Tieren und dem Menschen. Die Arbeit
des Psychoplasma, die wir Seele nennen, ist stets mit Stoffwechsel
verknpft.

_Stufenleiter der Empfindungen._ Alle lebendigen Naturkrper ohne
Ausnahme sind empfindlich; sie unterscheiden die Zustnde der
umgebenden Auenwelt und reagieren darauf durch gewisse Vernderungen
in ihrem Innern. Licht und Wrme, Schwerkraft und Elektrizitt,
mechanische Prozesse und chemische Vorgnge in der Umgebung wirken als
=Reize= auf das empfindliche =Psychoplasma= und rufen Vernderungen
in seiner molekularen Zusammensetzung hervor. Als Hauptstufen seiner
=Empfindlichkeit= unterscheiden wir folgende fnf Grade:

~I~. Auf den untersten Stufen der Organisation ist das ganze
=Psychoplasma= als solches empfindlich und reagiert auf die
einwirkenden Reize, so bei den niederen Protisten, bei vielen
Pflanzen und einem Teile der unvollkommensten Tiere. ~II~. Auf der
zweiten Stufe beginnen sich an der Oberflche des Krpers einfachste
=Sinneswerkzeuge= zu entwickeln, in Form von Plasmahaaren und
Pigmentflecken, als Vorlufer von Tastorganen und Augen; so bei einem
Teile der hheren Protisten, aber auch bei vielen niederen Tieren
und Pflanzen. ~III~. Auf der dritten Stufe haben sich aus diesen
einfachen Grundlagen durch =Differenzierung spezifische Sinnesorgane=
entwickelt, mit eigentmlicher Anpassung: die chemischen Werkzeuge des
Geruchs und Geschmacks, die physikalischen Organe des Tastsinnes und
Wrmesinnes, des Gehrs und Gesichts. Die spezifische Energie dieser
hheren Sinnesorgane ist keine ursprngliche Eigenschaft, sondern durch
funktionelle Anpassung und progressive Vererbung erworben. ~IV~.
Auf der vierten Stufe tritt die =Zentralisation des Nervensystems=
und damit zugleich diejenige der Empfindung ein, durch Assozion
der frheren isolierten oder lokalisierten Empfindungen entstehen
Vorstellungen, die zunchst noch unbewut bleiben, so bei vielen
niederen und hheren Tieren. ~V~. Auf der fnften Stufe bildet sich
im Zentralteil des Nervensystems eine besondere Sammelstelle fr die
empfangenen Eindrcke und die aus ihnen zusammengesetzten Erlebnisse
aus. Ihre Funktion kennen wir bei uns selbst als bewute Empfindung;
hnliche Organe besitzen alle hheren Wirbeltiere und unter den
Wirbellosen sind sie besonders bei den Gliedertieren bekannt.

_Stufenleiter der Bewegungen._ Alle lebendigen Naturkrper ohne
Ausnahme sind =spontan= beweglich, im Gegensatze zu den starren und
unbeweglichen Anorganen (Krystallen), d. h. es finden im lebendigen
=Psychoplasma= Lagevernderungen der Teilchen aus inneren Ursachen
statt, welche in dessen chemischer Konstitution selbst begrndet sind.
Diese aktiven vitalen Bewegungen sind zum Teil direkt durch Beobachtung
wahrzunehmen, zum anderen Teil aber nur indirekt aus ihren Wirkungen zu
erschlieen. Wir unterscheiden fnf Abstufungen derselben.

~I~. Auf der untersten Stufe des organischen Lebens nehmen wir nur
jene =Wachstums=bewegungen wahr, welche allen Organismen gemeinsam
zukommen. Sie geschehen gewhnlich so langsam, da man sie nicht
unmittelbar beobachten, sondern nur indirekt aus ihrem Resultate
erschlieen kann, aus der Vernderung in Gre und Gestalt des
wachsenden Krpers. ~II~. Viele Protisten, namentlich einzellige
Algen aus den Gruppen der Diatomeen und Desmidiaceen, bewegen sich
kriechend oder schwimmend durch =Sekretion= fort, durch einseitige
Ausscheidung einer schleimigen Masse. ~III~. Andere, im Wasser
schwebende Organismen, z. B. viele Radiolarien, Siphonophoren,
Ktenophoren u. a., steigen auf und nieder, indem sie ihr =spezifisches
Gewicht= verndern, bald durch Osmose, bald durch Absonderung
oder Ausstoung von Luft. ~IV~. Viele Pflanzen, besonders die
empfindlichen Sinnpflanzen (Mimosen) und andere Papilionaceen, fhren
Bewegungen von Blttern oder anderen Teilen mittels =Turgorwechsels=
aus, d. h. es verndert sich die Spannung des Protoplasmas und damit
auch dessen Druck auf die umschlieende elastische Zellenwand.
~V~. Die wichtigsten von allen organischen Bewegungen sind die
=Kontraktionserscheinungen=, d. h. Gestaltsvernderungen der
Krperoberflche, welche mit gegenseitigen Lageverschiebungen ihrer
Teilchen verbunden sind; sie verlaufen stets in zwei verschiedenen
Zustnden oder Phasen der Bewegung: der =Kontraktionsphase=
(Zusammenziehung) und der =Expansionsphase= (Ausdehnung). Als vier
verschiedene Formen der Plasmakontraktion werden unterschieden
~Va~: die =amboiden= Bewegungen (bei Rhizopoden, Blutzellen,
Pigmentzellen usw.); ~Vb~: die hnlichen =Plasmastrmungen= im
Innern von abgeschlossenen Zellen; ~Vc~: die =Flimmerbewegung=
(Geielbewegung und Wimperbewegung) bei Infusorien, Samenzellen,
Flimmerepithelzellen, und endlich ~Vd~: die Muskelbewegung (bei den
meisten Tieren).

_Reflexe._ Die elementare Seelenttigkeit, welche durch die Verknpfung
von Empfindung und Bewegung entsteht, nennen wir =Reflex=. Die Bewegung
-- gleichviel welcher Art -- erscheint hier als die unmittelbare
Folge des =Reizes=, welcher die Empfindung hervorgerufen hat; man
hat sie daher auch im einfachsten Falle (bei Protisten) kurz als
=Reizbewegung= bezeichnet. Alles lebende Plasma besitzt Reizbarkeit
(Irritabilitt). Jede physikalische oder chemische Vernderung der
umgebenden Auenwelt kann unter Umstnden auf das Psychoplasma als Reiz
wirken und eine Bewegung hervorrufen oder auslsen. Wir werden spter
sehen, wie der wichtige physikalische Begriff der =Auslsung= die
einfachsten organischen Reflextaten unmittelbar anschliet an hnliche
mechanische Bewegungsvorgnge in der anorganischen Natur (z. B. bei der
Explosion von Pulver durch einen Funken, von Dynamit durch einen Sto).

_Einfache und zusammengesetzte Reflexe._ Der wichtige Unterschied,
den wir in morphologischer und physiologischer Hinsicht zwischen
den einzelligen Organismen (~Protisten~) und den vielzelligen
(~Histonen~) machen, gilt auch fr deren elementare Seelenttigkeit,
fr die Reflextat. Bei den =einzelligen Protisten= luft der ganze
Proze des Reflexes innerhalb des Protoplasma einer einzigen Zelle
ab; die =Zellseele= derselben erscheint noch als eine einheitliche
Funktion des Psychoplasma, deren einzelne Phasen sich erst mit der
Differenzierung besonderer Organe zu sondern beginnen. Schon bei
=Zellvereinen= beginnt die zweite Stufe der Seelenttigkeit, der
=zusammengesetzte Reflex=. Die zahlreichen sozialen Zellen, welche
diese Zellvereine zusammensetzen, stehen immer in mehr oder weniger
enger Verbindung, oft direkt durch fadenfrmige Plasmabrcken. Ein
Reiz, welcher eine oder mehrere Zellen des Verbandes trifft, wird
durch die Verbindungsbrcken den brigen mitgeteilt und kann alle
zu gemeinsamer Kontraktion veranlassen. Dieser Zusammenhang besteht
auch in den Geweben der vielzelligen Pflanzen und Tiere. Whrend man
frher irrtmlich annahm, da die Zellen der Pflanzengewebe ganz
isoliert nebeneinander stehen, sind jetzt berall feine Plasmafden
nachgewiesen, welche die dicken Zellmembranen durchsetzen und ihre
lebendigen Plasmakrper in materiellem und psychologischem Zusammenhang
erhalten. So erklrt es sich, da die Erschtterung der empfindlichen
Wurzel von ~Mimosa~, welche der Tritt des Wanderers auf den Boden
verursacht, sofort den Reiz auf alle Zellen des Pflanzenstockes
bertrgt und ihre zarten Fiederbltter zum Zusammenlegen, die
Blattstiele zum Herabsinken veranlat.

_Reflex und Bewutsein._ Auf die Frage, inwieweit dem Organismus
seine Reaktionen auf die Reize der Umwelt bewut werden, kann eine
allgemeine Antwort nicht gegeben werden. Vom Bewutsein wissen wir
eigentlich nur insofern, als es die unmittelbare Erfahrung unseres
eigenen Erlebens ist. Vergleichende Betrachtung der Reflexe selbst
und besonders auch ihrer anatomischen Grundlagen berechtigen uns
aber zu der Annahme, da diejenigen Tiere, die einen hnlichen
Assozionsapparat in ihren Reflexbogen eingeschaltet haben wie wir, auch
in hnlicher Weise erleben, also ein dem unseren analoges Bewutwerden
ihrer psychischen Funktionen besitzen. Als solche Tiere kommen die
uns stammesgeschichtlich nahe stehenden Wirbeltiere und von den
Wirbellosen vielleicht die sozialen Gliedertiere und die Kopffer
(~Cephalopoden~) in Betracht.

_Stufenleiter der Vorstellungen._ Der Schauplatz klaren Bewutseins
sind beim Menschen vor allem die Vorstellungen. Doch ist das Bewutsein
kein wesentliches Merkmal der Vorstellungen; wir nehmen solche vielmehr
bei allen Organismen an, ohne da wir ihnen ein dem unseren hnliches
klar bewutes Erleben zuschreiben. Im allgemeinen erscheint die
Vorstellung als das =innere Bild= des ueren Objektes, welches durch
die Empfindung bermittelt ist.

~I~. =Zellulare Vorstellung.= Auf den niedersten Stufen begegnet
uns die Vorstellung als eine allgemeine physiologische Funktion des
Psychoplasma; schon bei den einfachsten einzelligen Protisten knnen
Empfindungen bleibende Spuren im Psychoplasma hinterlassen, und diese
knnen vom Gedchtnis reproduziert werden. Bei mehr als viertausend
Radiolarienarten, welche ich beschrieben habe, ist jede einzelne
Spezies durch eine besondere erbliche Skelettform ausgezeichnet.
Die Produktion dieses spezifischen, oft hchst verwickelt gebauten
Skeletts durch eine hchst einfach gestaltete (meist kugelige) Zelle
ist nur dann erklrlich, wenn wir dem bauenden Plasma die Fhigkeit
der Vorstellung zuschreiben, und zwar der besonderen Reproduktion
des plastischen Distanzgefhls, wie ich in meiner Psychologie der
Radiolarien gezeigt habe (1887, S. 121).

~II~. =Histonale Vorstellung.= Schon bei den Znobien oder
Zellvereinen der geselligen Protisten, noch mehr aber in den Geweben
der Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien, Polypen)
begegnen wir der zweiten Stufe der Vorstellung, welche auf dem
gemeinsamen Seelenleben zahlreicher, eng verbundener Zellen beruht.
Da einmalige Reize nicht blo eine vorbergehende Bewegung eines
Organes (z. B. eines Pflanzenblattes, eines Polypenarmes) auslsen,
sondern einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der von diesem
spter reproduziert werden kann, so mssen wir zur Erklrung dieser
Erscheinung eine Histonal-Vorstellung annehmen, gebunden an das
Psychoplasma der assoziierten Gewebezellen.

~III~. =Unbewute Vorstellung der Ganglienzellen.= Die dritte, hhere
Stufe der Vorstellung ist die hufigste Form dieser Seelenttigkeit
im Tierreich; sie erscheint als eine Lokalisation des Vorstellens
auf bestimmte Seelenzellen oder Gruppen von Nervenzellen. Mit der
aufsteigenden Entwickelung des Zentralnervensystems im Tierreich,
seiner zunehmenden Differenzierung und Integration erhebt sich auch die
Ausbildung dieser Vorstellungen zu immer hheren Stufen.

~IV~. =Bewute Vorstellung der Gehirnzellen.= Erst auf den
hchsten Entwickelungsstufen der tierischen Organisation entwickelt
sich das Bewutsein als eine besondere Funktion eines bestimmten
Zentralorgans des Nervensystems. Indem die Vorstellungen bewute
werden, und indem besondere Gehirnteile sich zur =Assozion= der
bewuten Vorstellungen reich entfalten, wird der Organismus zu jenen
hchsten psychischen Funktionen befhigt, welche wir als =Denken=
und berlegen, als Verstand und =Vernunft= bezeichnen. Obgleich die
Absteckung der phyletischen Grenze zwischen den lteren, unbewuten
und den jngeren, bewuten Vorstellungen hchst schwierig ist,
knnen wir doch mit Wahrscheinlichkeit annehmen, da die letzteren
aus den ersteren =polyphyletisch= entstanden sind. Denn wir drfen
bewutes und vernnftiges Denken nicht nur bei den hchsten Formen des
Wirbeltierstammes annehmen (Mensch, Sugetiere, ein Teil der niederen
Vertebraten), sondern auch bei den hchstentwickelten Vertretern
anderer Tierstmme (Ameisen und andere Insekten, Spinnen und hhere
Krebse unter den Gliedertieren, Cephalopoden unter den Weichtieren).

_Stufenleiter des Gedchtnisses._ Eng verknpft mit der Stufenleiter
in der Entwickelung der Vorstellungen ist diejenige des Gedchtnisses;
diese hchst wichtige Funktion des Psychoplasma -- die Bedingung
aller fortschreitenden Seelenentwickelung -- ist ja im wesentlichen
=Reproduktion von Vorstellungen=. Die Eindrcke im Plasma, welche der
Reiz als Empfindung bewirkt hatte, und welche bleibend zu Vorstellungen
geworden waren, werden neu belebt; sie gehen aus dem =potentiellen=
in den =aktuellen= Zustand ber. Entsprechend den vier Stufen der
Vorstellung knnen wir auch beim Gedchtnis vier Hauptstufen der
aufsteigenden Entwickelung unterscheiden.

~I~. _Zellulargedchtnis._ Mit Recht hatte der Physiologe =Ewald
Hering= in einer gedankenreichen Abhandlung das Gedchtnis als eine
allgemeine Funktion der organisierten Materie bezeichnet und die
hohe Bedeutung dieser Seelenttigkeit hervorgehoben, der wir fast
alles verdanken, was wir sind und haben (1870). Ich habe spter
(1876) diesen Gedanken weiter ausgefhrt und in seiner fruchtbaren
Anwendung auf die Entwickelungslehre zu begrnden versucht, in
meiner Abhandlung ber Die Perigenesis der Plastidule oder die
Wellenzeugung der Lebensteilchen; ein Versuch zur mechanischen
Erklrung der elementaren Entwickelungsvorgnge. Ich habe dort das
unbewute Gedchtnis als eine allgemeine, hchst wichtige Funktion
aller =Plastidule= nachzuweisen gesucht, d. h. jener hypothetischen
Molekle oder Moleklgruppen, welche von =Naegeli= als =Micellen=,
von anderen als =Bioplasten= usw. bezeichnet worden sind. Nur die
=lebendigen= Plastidule, als die individuellen Molekeln des aktiven
Plasma, sind reproduktiv und besitzen somit Gedchtnis; das ist der
Hauptunterschied der organischen Natur von der anorganischen. Man kann
sagen: =Die Erblichkeit ist das Gedchtnis der Plastidule=, hingegen
die Variabilitt ist die Fassungskraft der Plastidule. Das elementare
Gedchtnis der einzelligen Protisten setzt sich zusammen aus dem
molekularen Gedchtnis der Plastidule oder Micellen, aus welchen ihr
lebendiger Zellenleib sich aufbaut. Fr die erstaunlichen Leistungen
des unbewuten Gedchtnisses bei diesen einzelligen Protisten ist
wohl keine Tatsache lehrreicher als die unendlich mannigfaltige und
regelmige Bildung ihrer Schutzapparate, der Schalen und Skelette;
besonders die Diatomeen unter den Protophyten, die Radiolarien unter
den Protozoen liefern dafr eine Flle von interessanten Beispielen.
In vielen tausend Arten dieser Protisten vererbt sich die spezifische
Skelettform =relativ konstant=. (Vergl. die wichtige Schrift von
=Richard Semon=, 1904: Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel
des organischen Geschehens).

~II~. _Histonalgedchtnis._ Ebenso interessante Beweise fr die
zweite Stufe der Erinnerung, fr das unbewute Gedchtnis der =Gewebe=,
liefert die Vererbung der einzelnen Organe und Gewebe im Krper der
Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien usw.). Diese
zweite Stufe erscheint als =Reproduktion der Histonalvorstellungen=,
jener Assozion von Zellularvorstellungen, die schon mit der Bildung von
Znobien bei den sozialen Protisten beginnt.

~III~. Gleicherweise ist die dritte Stufe, das =unbewute
Gedchtnis= derjenigen Tiere, die bereits ein Nervensystem besitzen,
als Reproduktion der entsprechenden unbewuten Vorstellungen zu
betrachten, welche in gewissen Ganglienzellen aufgespeichert sind.
Bei den meisten niederen Tieren ist wohl alles Gedchtnis unbewut.
Aber auch beim Menschen und den hheren Tieren, denen wir Bewutsein
zuschreiben mssen, sind die tglichen Funktionen des unbewuten
Gedchtnisses ungleich hufiger und mannigfaltiger als diejenigen des
bewuten; davon berzeugt uns leicht eine unbefangene Prfung von
tausend unbewuten Ttigkeiten, die wir aus Gewohnheit, ohne daran zu
denken, beim Gehen, Sprechen, Schreiben, Essen usw., tglich vollziehen.

~IV~. Das =bewute Gedchtnis=, welches durch bestimmte Gehirnzellen
beim Menschen und den hheren Tieren vermittelt wird, erscheint daher
nur als eine spt entstandene =innere Spiegelung=, als die hchste
Blte derselben psychischen Vorstellungs-Reproduktionen, welche bei
unseren niederen tierischen Vorfahren sich als unbewute Vorgnge in
den Ganglienzellen abspielten.

_Assozion der Vorstellungen._ Die =Verkettung= der Vorstellungen,
welche man gewhnlich als Assoziation der Ideen (oder krzer Assozion)
bezeichnet, durchluft ebenfalls eine lange Stufenleiter von den
niedersten bis zu den hchsten Stufen. Die Erzeugnisse dieser
Ideenassozion sind uerst mannigfaltig; trotzdem aber fhrt eine
sehr lange, ununterbrochene Stufenleiter allmhlicher Entwickelung
von den einfachsten Assozionen der niedersten Protisten bis zu
den vollkommensten Ideenverkettungen des Kulturmenschen hinauf.
Alles hhere Seelenleben wird um so vollkommener, je mehr sich die
normale Assozion unendlich zahlreicher Vorstellungen ausdehnt, und
je naturgemer dieselben durch die kritische Vernunft geordnet
werden. Im =Traume=, wo diese Kritik fehlt, erfolgt oft die Assozion
der reproduzierten Vorstellungen in der konfusesten Form. Aber auch
im Schaffen der =Phantasie=, welche durch mannigfaltige Verkettung
vorhandener Vorstellungen ganz neue Gruppen derselben produziert,
ebenso in den Halluzinationen usw. werden dieselben oft ganz
naturwidrig geordnet und erscheinen daher bei nchterner Betrachtung
=unvernnftig=. Ganz besonders gilt dies von den bernatrlichen
=Gestalten des Glaubens=, dem Geisterspuk des Spiritismus und
Okkultismus. Aber gerade diese =abnormen Assozionen= des Glaubens
und der angeblichen Offenbarung werden vielfach als die wertvollsten
Geistesgter des Menschen hochgeschtzt.

_Instinkte._ Die veraltete Psychologie des Mittelalters, die allerdings
auch heute noch viele Anhnger besitzt, betrachtete das Seelenleben
des Menschen und der Tiere als gnzlich verschiedene Erscheinungen;
sie leitete das erstere von der =Vernunft=, das letztere von dem
=Instinkt= ab. Der traditionellen Schpfungsgeschichte entsprechend
nahm man an, da jeder Tierart bei ihrer Schpfung eine bestimmte,
unbewute Seelenqualitt vom Schpfer eingepflanzt sei, und da
dieser =Naturtrieb= (~Instinctus~) einer jeden ~Species~ ebenso
unvernderlich sei wie deren krperliche Organisation. Nachdem schon
=Lamarck= (1809) bei Begrndung seiner Deszendenztheorie diesen Irrtum
als unhaltbar erwiesen, wurde er durch =Darwin= (1859) vollstndig
widerlegt; er bewies an der Hand seiner Selektionstheorie folgende
wichtige Lehrstze: ~I~. Die Instinkte der Spezies sind individuell
verschieden und ebenso der Abnderung durch =Anpassung= unterworfen
wie die morphologischen Merkmale der Krperbildung. ~II~. Diese
Variationen (groenteils durch vernderte Gewohnheiten entstanden)
werden durch =Vererbung= teilweise auf die Nachkommen bertragen und im
Laufe der Generationen gehuft und befestigt. ~III~. =Die Selektion=
(ebenso die knstliche wie die natrliche) trifft unter diesen
erblichen Abnderungen der Seelenttigkeit eine Auswahl, sie erhlt
die zweckmigsten und entfernt die weniger passenden Modifikationen.
~IV~. Die dadurch bedingte =Divergenz= des psychischen Charakters
fhrt so im Laufe der Generationsfolgen ebenso zur Entstehung neuer
Instinkte, wie die Divergenz des morphologischen Charakters zur
Entstehung neuer Spezies. Dies gilt fr smtliche Protisten und
Pflanzen ebenso wie fr smtliche Tiere und Menschen. Die Instinkte
treten aber bei letzteren um so mehr zurck, je mehr sich auf ihre
Kosten die =Vernunft= entwickelt.

_Stufenleiter der Vernunft._ In jenen oberflchlichen, mit dem
Seelenleben der Tiere unbekannten psychologischen Betrachtungen, welche
nur im Menschen eine wahre Seele anerkennen, wird auch ihm allein
als hchstes Gut die =Vernunft= und das Bewutsein zugeschrieben.
Auch dieser Irrtum ist durch die vergleichende Psychologie der letzten
Jahrzehnte grndlich widerlegt. Die hheren Wirbeltiere besitzen
ebensogut Vernunft wie der Mensch selbst, und innerhalb der Tierreihe
zeigt sich ebenso eine lange Stufenleiter in der allmhlichen
Entwickelung der Vernunft wie innerhalb der Menschenreihe. Der
Unterschied zwischen der Vernunft eines =Goethe=, =Kant=, =Lamarck=,
=Darwin= und derjenigen des niedersten Naturmenschen, eines Wedda,
Akka, Australnegers und Patagoniers, ist viel grer als die Differenz
zwischen der Vernunft dieser letzteren und der vernnftigsten
Sugetiere, der Menschenaffen, Hunde, Elefanten usw.

_Sprache._ Der hhere Grad von Entwickelung der Begriffe, von Verstand
und Vernunft, welcher den Menschen so hoch ber die Tiere erhebt,
ist eng verknpft mit der Ausbildung seiner Sprache. Aber auch hier,
wie dort, ist eine lange Stufenleiter der Entwickelung nachweisbar,
welche ununterbrochen von den niedersten zu den hchsten Bildungsstufen
hinauffhrt. Sprache ist ebensowenig als Vernunft ein ausschlieliches
Eigentum des Menschen. Vielmehr ist Sprache im weiteren Sinne ein
gemeinsamer Vorzug aller hheren =sozialen Tiere=, mindestens aller
Gliedertiere und Wirbeltiere, welche in Gesellschaften und Herden
vereinigt leben; sie ist ihnen notwendig zur Verstndigung, zur
Mitteilung ihrer Vorstellungen. Diese kann nun entweder durch Berhrung
oder durch Zeichengebung geschehen, oder durch Tne, welche bestimmte
Begriffe bezeichnen. Auch der Gesang der Singvgel und der singenden
Menschenaffen (~Hylobates~) gehrt zur Lautsprache, ebenso wie das
Bellen der Hunde und das Wiehern der Pferde; ferner das Zirpen der
Grillen und das Geschrei der Zikaden. Aber nur beim Menschen hat
sich jene =artikulierte Begriffssprache= entwickelt, welche seine
Vernunft zu so viel hheren Leistungen befhigt. Die =vergleichende
Sprachforschung= hat gelehrt, wie die zahlreichen hochentwickelten
Sprachen der verschiedenen Vlker sich aus wenigen einfachen Ursprachen
langsam und allmhlich entwickelt haben. =Romanes= (1893) hat
berzeugend dargetan, da die Sprache des Menschen nur dem =Grade= der
Entwickelung nach, nicht dem Wesen und der =Art= nach von derjenigen
der hheren Tiere verschieden ist.

_Stufenleiter der Gemtsbewegungen_ oder Affekte. Die wichtige Gruppe
von Seelenttigkeiten, welche wir unter dem Begriffe =Gemt=
zusammenfassen, spielt eine groe Rolle ebenso in der theoretischen
wie in der praktischen Vernunftlehre. Fr unsere Betrachtungsweise
sind sie deshalb besonders wichtig, weil hier der direkte Zusammenhang
der Gehirnfunktion mit anderen physiologischen Funktionen (Herzschlag,
Sinnesttigkeit, Muskelbewegung) unmittelbar einleuchtet; dadurch wird
hier besonders das Widernatrliche und Unhaltbare jener Philosophie
klar, welche die Psychologie prinzipiell von der Physiologie trennen
will. Alle die zahlreichen uerungen des Gemtslebens, welche wir beim
Menschen finden, kommen auch bei den hheren Tieren vor (besonders
bei den Menschenaffen und Hunden); so verschiedenartig sie auch
entwickelt sind, so lassen sich doch alle wieder auf die beiden
=Elementarfunktionen der Psyche= zurckfhren, auf Empfindung und
Bewegung, und auf deren Verbindung im Reflex und in der Vorstellung.
Zum Gebiete der Empfindung im weiteren Sinne gehrt das =Gefhl von
Lust und Unlust=, welches das Gemt bestimmt, und ebenso gehrt auf der
anderen Seite zum Gebiete der Bewegung die entsprechende =Zuneigung und
Abneigung= (Liebe und Ha߫), das Streben nach Erlangen der Lust und
nach Vermeiden der Unlust. Anziehung und Abstoung erscheinen hier
zugleich als die Urquelle des Willens. =Die Leidenschaften=, welche
eine so groe Rolle im hheren Seelenleben des Menschen spielen, sind
nur Steigerungen der Gemtsbewegungen und Affekte. Da auch diese
den Menschen und Tieren gemeinsam sind, hat =Romanes= einleuchtend
gezeigt. Auf der tiefsten Stufe des organischen Lebens schon finden
wir bei allen Protisten jene elementaren Gefhle von Lust und Unlust,
welche sich in ihren sogenannten =Tropismen= uern, in dem =Streben=
nach Licht oder Dunkelheit, nach Wrme oder Klte, in dem verschiedenen
Verhalten gegen positive und negative Elektrizitt. Auf der hchsten
Stufe des Seelenlebens dagegen treffen wir beim Kulturmenschen jene
feinsten Gefhlstne und Abstufungen von Entzcken und Abscheu, von
Liebe und Ha, welche die Triebfedern der Kulturgeschichte und die
unerschpfliche Fundgrube der Poesie sind. Und doch verbindet eine
zusammenhngende Kette von allen denkbaren bergangsstufen jene
primitivsten Urzustnde des Gemts im =Psychoplasma= der einzelligen
Protisten mit diesen hchsten Entwickelungsformen der Leidenschaften
beim Menschen, welche sich in den Ganglienzellen der Grohirnrinde
abspielen.

_Stufenleiter des Willens._ Der Begriff des =Willens= unterliegt
gleich anderen psychologischen Grundbegriffen den verschiedensten
Deutungen und Definitionen. Bald wird der Wille im weitesten Sinne
als =kosmologisches= Attribut betrachtet: die =Welt= als Wille
und Vorstellung (=Schopenhauer=), bald im engsten Sinne als ein
=anthropologisches= Attribut, als eine ausschlieliche Eigenschaft
des Menschen; letzteres gilt z. B. fr =Descartes=, fr welchen die
Tiere willenlose und empfindungslose Maschinen sind. Im gewhnlichen
Sprachgebrauch wird der Wille von der Erscheinung der willkrlichen
Bewegung abgeleitet und somit als eine Seelenttigkeit der meisten
Tiere betrachtet. Wenn wir den Willen im Lichte der vergleichenden
Physiologie und Entwickelungsgeschichte untersuchen, so kommen wir
-- ebenso wie bei der Empfindung -- zur berzeugung, da er eine
allgemeine Eigenschaft des lebenden =Psychoplasma= ist.

_Willensfreiheit._ Das Problem von der Freiheit des menschlichen
Willens ist unter allen Weltrtseln dasjenige, welches den denkenden
Menschen von jeher am meisten beschftigt hat, und zwar deshalb,
weil sich hier mit dem hohen philosophischen Interesse der Frage
zugleich die wichtigsten Folgerungen fr die praktische Philosophie
verknpfen, fr die Moral, die Erziehung, die Rechtspflege usw. E.
=Du Bois-Reymond=, welcher dasselbe als das siebente und letzte unter
seinen sieben Weltrtseln behandelt, sagt daher von dem Problem
der Willensfreiheit mit Recht: Jeden berhrend, scheinbar jedem
zugnglich, innig verflochten mit den Grundbedingungen der menschlichen
Gesellschaft, auf das tiefste eingreifend in die religisen
berzeugungen, hat diese Frage in der Geistes- und Kulturgeschichte eine
Rolle von unermelicher Wichtigkeit gespielt, und in ihrer Behandlung
spiegeln sich die Entwickelungsstadien des Menschengeistes deutlich ab.
-- Vielleicht gibt es keinen Gegenstand menschlichen Nachdenkens, ber
welchen lngere Reihen nie mehr aufgeschlagener Folianten im Staube
der Bibliotheken modern. -- Diese Wichtigkeit der Frage tritt auch
darin klar zutage, da =Kant= die berzeugung von der Willensfreiheit
unmittelbar neben diejenige von der Unsterblichkeit der Seele und
neben den Glauben an Gott stellte. Er bezeichnete diese drei groen
Fragen als die drei unentbehrlichen =Postulate der praktischen
Vernunft=, nachdem er vorher in der =Kritik der reinen Vernunft=
klar dargelegt hatte, da ihre Annahme vllig unbegrndet ist.

Das Merkwrdigste in dem groartigen und hchst verworrenen Streite
ber die Willensfreiheit ist vielleicht die Tatsache, da dieselbe
theoretisch nicht nur von hchst kritischen Philosophen, sondern auch
von den extremsten Gegenstzen verneint und trotzdem von den meisten
Menschen als selbstverstndlich noch heute bejaht wird. Hervorragende
Lehrer der christlichen Kirche, wie der Kirchenvater =Augustin= und
der Reformator =Calvin=, leugnen die Willensfreiheit ebenso bestimmt
wie die bekanntesten Fhrer des reinen Materialismus, =Holbach= im
18. und =Bchner= im 19. Jahrhundert. Die christlichen Theologen
verneinen sie, weil sie mit ihrem festen Glauben an die Allmacht Gottes
und die Prdestination unvereinbar ist; Gott, der Allmchtige und
Allwissende, sah und wollte alles von Ewigkeit voraus; also bestimmte
er auch das Handeln der Menschen. Wenn der Mensch nach freiem Willen
handelte, anders, als es Gott vorausbestimmt hatte, so wre Gott
nicht allmchtig und allwissend gewesen. In demselben Sinne war auch
=Leibniz= unbedingter =Determinist=. Die monistischen Naturforscher
des 18. Jahrhunderts, allen voran =Laplace=, verteidigten den
Determinismus wieder auf Grund ihrer einheitlichen mechanischen
Weltanschauung.

Der gewaltige Kampf zwischen den =Deterministen= und =Indeterministen=,
zwischen den Gegnern und den Anhngern der Willensfreiheit, ist
heute, nach mehr als zwei Jahrtausenden, endgltig zugunsten der
ersteren entschieden. Der menschliche Wille ist ebensowenig frei
als derjenige der hheren Tiere, von welchem er sich nur dem Grade,
nicht der Art nach unterscheidet. Whrend noch im 18. Jahrhundert
das alte Dogma von der Willensfreiheit wesentlich mit allgemeinen,
philosophischen und kosmologischen Grnden bestritten wurde, hat uns
dagegen das 19. Jahrhundert ganz andere Waffen zu dessen definitiver
Widerlegung geschenkt, die gewaltigen Waffen, welche wir dem Arsenal
der =vergleichenden Physiologie und Entwickelungsgeschichte= verdanken.
Wir wissen jetzt, da jeder Willensakt ebenso durch die Organisation
des wollenden Individuums bestimmt und ebenso von den jeweiligen
Bedingungen der umgebenden Auenwelt abhngig ist wie jede andere
Seelenttigkeit. Der Charakter des Strebens ist von vornherein durch
die =Vererbung= von Eltern und Voreltern bedingt; der Entschlu zum
jedesmaligen Handeln wird durch die =Anpassung= an die momentanen
Umstnde gegeben, wobei das strkste Motiv den Ausschlag gibt,
entsprechend den Gesetzen, welche die Statik der Gemtsbewegungen
bestimmen. Die =Ontogenie= lehrt uns die individuelle Entwickelung des
Willens beim Kinde verstehen, die =Phylogenie= aber die historische
Ausbildung des Willens innerhalb der Reihe unserer Wirbeltier-Ahnen.




=Achtes Kapitel.=

_Keimesgeschichte der Seele._

  Monistische Studien ber ontogenetische Psychologie. Entwickelung
  des Seelenlebens im individuellen Leben der Person.


Unsere menschliche Seele -- gleichviel, wie man ihr Wesen auffat
-- unterliegt im Laufe unseres individuellen Lebens einer stetigen
Entwickelung. Diese =ontogenetische Tatsache= ist fr unsere
monistische Psychologie von fundamentaler Bedeutung, obwohl
die meisten Psychologen von Fach ihr teils nur geringe, teils
gar keine Bercksichtigung schenken. Wie nun die individuelle
Entwickelungsgeschichte der wahre Lichttrger fr alle Untersuchungen
ber organische Krper ist, so wird sie auch ber die wichtigsten
Geheimnisse des Seelenlebens uns erst das wahre Licht anznden.

Obgleich nun diese Keimesgeschichte der Menschenseele uerst wichtig
und interessant ist, hat sie doch bisher nur in sehr beschrnktem
Umfange die verdiente Bercksichtigung gefunden. Es waren bisher fast
ausschlielich die =Pdagogen=, welche sich mit einem Teile derselben
beschftigten; durch ihren praktischen Beruf darauf angewiesen, die
Ausbildung der Seelenttigkeit beim Kinde zu leiten und zu berwachen,
muten sie auch theoretisches Interesse an den dabei beobachteten
psychogenetischen Tatsachen finden. Indessen standen die Pdagogen in
der Neuzeit wie im Altertum grtenteils im Banne der herrschenden
dualistischen Psychologie; dagegen waren sie mit den wichtigsten
Tatsachen der vergleichenden Psychologie, sowie mit der Organisation
und Funktion des Gehirns meistens nicht bekannt. Auerdem aber betrafen
ihre Beobachtungen grtenteils erst die Kinder in schulpflichtigem
Alter oder in den unmittelbar vorhergehenden Lebensjahren. Die
merkwrdigen Erscheinungen, welche die individuelle Psychogenie des
Kindes gerade in den ersten Lebensjahren darbietet, und welche alle
denkenden Eltern freudig bewundern, wurden fast niemals Gegenstand
eingehender wissenschaftlicher Studien. Hier hat erst =Wilhelm Preyer=
(1881) Bahn gebrochen, in seiner Schrift ber Die Seele des Kindes;
Beobachtungen ber die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten
Lebensjahren. Indessen mssen wir, um volle Klarheit zu gewinnen,
noch weiter zurckgehen, bis auf die erste Entstehung der Seele im
befruchteten Ei.

_Entstehung der individuellen Seele._ Der Ursprung und die erste
Entstehung des menschlichen =Individuums= galt noch im Anfange des 19.
Jahrhunderts fr ein vollkommenes Geheimnis. Allerdings hatte =Caspar
Friedrich Wolff= schon 1759 in seiner ~Theoria generationis~ das
wahre Wesen der embryonalen Entwickelung aufgedeckt und an der sicheren
Hand kritischer Beobachtung gezeigt, da bei der Entwickelung des
Keimes aus dem einfachen Ei eine wahre =Epigenesis=, d. h. eine Reihe
der merkwrdigsten Neubildungsprozesse stattfinde. Allein die damalige
Physiologie lehnte diese =empirischen=, unmittelbar mikroskopisch zu
demonstrierenden Erkenntnisse rundweg ab und hielt an dem hergebrachten
Dogma der embryonalen =Prformation= fest. Nach diesem nahm man an,
da im Ei der Organismus mit allen seinen Teilen vorgebildet oder
prformiert sei; die Entwickelung des Keimes bestehe eigentlich nur
in einer Auswickelung der eingewickelten Teile (~Evolutio~). Als
notwendiger Folgeschlu dieses Irrtums ergab sich daraus weiterhin
die oben erwhnte Einschachtelungstheorie (S. 33). Diesem Dogma der
=Ovulisten=schule stand gegenber eine andere, ebenso irrtmliche
Ansicht, die der =Animalkulisten=; diese glaubten, da der
eigentliche Keim nicht in der weiblichen Eizelle der Mutter, sondern
in der mnnlichen Spermazelle des Vaters liege, und da in diesem
Samentierchen die Einschachtelung der Generationsreihen zu suchen sei.

=Leibniz= bertrug diese Einschachtelungslehre ganz folgerichtig
auch auf die menschliche =Seele=; er leugnete fr sie eine wahre
Entwickelung (Epigenesis) ebenso wie fr den Krper und sagte in seiner
Theodicee: So sollte ich meinen, da die Seelen, welche eines Tages
menschliche Seelen sein werden, im Samen, wie jene von anderen Spezies,
dagewesen sind; da sie in den Voreltern bis auf Adam, also seit dem
Anfang der Dinge, immer in der Form organisierter Krper existiert
haben. hnliche Vorstellungen erhielten sich sowohl in der Biologie
wie in der Philosophie noch bis in das dritte Dezennium des 19.
Jahrhunderts, wo ihnen die Reform der Keimesgeschichte durch =Baer= den
Todessto versetzte.

_Mythologie des Seelenursprungs._ Die nheren Aufschlsse, welche wir
durch die vergleichende Ethnologie neuerdings ber die mannigfaltigen
Mythenbildungen der lteren Kulturvlker sowohl als der heutigen
Naturvlker gewonnen haben, sind auch fr die Psychogenie von groem
Interesse. Betreffs ihres wissenschaftlichen oder poetischen Gehaltes
knnen die Mythen ber den Seelenursprung etwa folgendermaen in
fnf Gruppen geordnet werden: ~I~. Mythus der =Seelenwanderung=:
die Seele lebte frher im Krper eines anderen Tieres und ist erst
aus diesem in den menschlichen Krper bergetreten; die gyptischen
Priester z. B. behaupteten, da die menschliche Seele nach dem Tode
des Leibes durch alle Tiergattungen hindurchwandere, nach 3000 Jahren
aber wieder in einen Menschenleib zurckkehre. ~II~. Mythus der
=Seeleneinpflanzung=: die Seele existierte selbstndig an einem anderen
Orte, in einer Seelen-Vorratskammer (etwa in einer Art von =Keimschlaf=
oder latentem Leben); sie wird von einem Vogel (bisweilen als Adler,
oft als Klapperstorch gedacht) geholt und in den menschlichen Krper
eingesetzt. ~III~. Mythus der =Seelenschpfung=: der gttliche
Schpfer, als persnlicher Gott-Vater gedacht, erschafft die
Seelen, hlt sie vorrtig -- bald in einem Seelenteich, bald an einem
Seelenbaum; der Schpfer nimmt dieselben heraus und setzt sie (whrend
des Zeugungsaktes) dem menschlichen Keime ein. ~IV~. Mythus der
=Seeleneinschachtelung= (von =Leibniz=, vorher erwhnt). ~V~. Mythus
der =Seelenteilung= (von =Rudolf Wagner=, 1855); im Zeugungsakte
spaltet sich ein Teil von beiden (immateriellen!) Seelen ab, die den
Krper der beiden kopulierenden Eltern bewohnen; der mtterliche
Seelenkeim lebt in der Eizelle, der vterliche in dem beweglichen
Samentierchen; indem diese beiden Keimzellen verschmelzen, wachsen
auch die beiden sie begleitenden Seelen zur Bildung einer neuen
immateriellen Seele zusammen.

_Physiologie des Seelenursprungs._ Obwohl die angefhrten
Dichtungen ber die Entstehung der einzelnen Menschenseele heute
noch sehr weite Verbreitung und Anerkennung besitzen, ist dennoch
ihr rein mythologischer Charakter jetzt sicher nachgewiesen. Die
bewunderungswrdigen Untersuchungen, welche im Laufe der letzten
Dezennien ber die feineren Vorgnge bei der Befruchtung und Keimung
des Eies ausgefhrt worden sind, haben ergeben, da diese mysterisen
Erscheinungen smtlich in das Gebiet der =Zellenphysiologie=
gehren. Sowohl die weibliche Keimanlage, das Ei, als der mnnliche
Befruchtungskrper, das Spermium oder Samentierchen, sind
=einfache Zellen=. Diese lebendigen Zellen besitzen eine Summe von
physiologischen Eigenschaften, welche wir unter dem Begriff der
=Zellseele= zusammenfassen, ebenso wie bei den permanent einzelligen
Protisten (vergl. S. 92). Beiderlei Geschlechtszellen besitzen das
Vermgen der Bewegung und Empfindung. Die jugendliche Eizelle oder
das Urei bewegt sich nach Art einer =Ambe=; die sehr kleinen
Samenkrperchen oder Spermien, von welchen Millionen in jedem Tropfen
des schleimartigen, mnnlichen Samens sich finden, sind Geielzellen
und bewegen sich mittels ihrer schwingenden Geiel ebenso lebhaft
schwimmend im Sperma umher wie die gewhnlichen =Geielinfusorien=
(~=Flagellaten=~).

Wenn nun die beiderlei Zellen bei der Begattung zusammentreffen,
oder wenn sie durch knstliche Befruchtung (z. B. bei Fischen) in
Berhrung gebracht werden, ziehen sie sich gegenseitig an und legen
sich fest aneinander. Die Ursache dieser zellularen Attraktion ist
eine chemische, dem Geruche oder Geschmacke verwandte Sinnesttigkeit
des Plasma, die wir als =erotischen Chemotropismus= bezeichnen. Man
kann sie auch geradezu (sowohl im Sinne der Chemie als im Sinne der
Romanliebe) Zellenwahlverwandtschaft oder sexuelle =Zellenliebe=
nennen. Zahlreiche Geielzellen des Sperma schwimmen auf die ruhige
Eizelle lebhaft hin und versuchen in deren Krper einzudringen. Es
gelingt aber normalerweise nur einem einzigen glcklichen Bewerber,
das ersehnte Ziel wirklich zu erreichen. Sobald sich dieses bevorzugte
Samentierchen mit seinem Kopfe (d. h. dem Zellenkern) in den
Leib der Eizelle eingebohrt hat, wird von der Eizelle eine dnne
Schleimschicht abgesondert, welche das Eindringen anderer mnnlicher
Zellen verhindert. Nur wenn man durch niedere Temperatur die
Eizelle in Kltestarre versetzt oder sie durch narkotische Mittel
(Chloroform, Morphium, Nikotin) betubt, unterbleibt die Bildung dieser
Schutzhlle; dann tritt =berfruchtung oder Polyspermie= ein, und
zahlreiche Samenfden bohren sich in den Leib der bewutlosen Zelle
ein. Diese merkwrdige Tatsache bezeugt ebenso einen niederen Grad
von spezifischer, sinnlicher, lebhafter Empfindung in den beiderlei
Geschlechtszellen wie die wichtigen Vorgnge, die gleich darauf sich
in ihrem Innern abspielen. Die beiderlei Zellenkerne, der weibliche
Eikern und der mnnliche Spermakern, ziehen sich gegenseitig an, nhern
sich und verschmelzen bei der Berhrung vollstndig miteinander. So ist
denn aus der befruchteten Eizelle jene wichtige neue Zelle entstanden,
welche wir =Stamm=zelle nennen, und aus deren wiederholter Teilung der
ganze vielzellige Organismus hervorgeht.

Die psychologischen Erkenntnisse, welche sich aus diesen merkwrdigen
=Tatsachen= der Befruchtung ergeben, sind beraus wichtig und bisher
nicht entfernt in ihrer allgemeinen Bedeutung gewrdigt. Wir fassen
die wesentlichsten Folgerungen in folgenden fnf Stzen zusammen:
~I~. Jedes menschliche Individuum ist, wie jedes andere hhere
Tier, im Beginne seiner Existenz eine einfache Zelle. ~II~. Diese
Stammzelle entsteht berall auf dieselbe Weise, durch Verschmelzung
oder Kopulation von zwei getrennten Zellen verschiedenen Ursprungs,
der weiblichen Eizelle und der mnnlichen Spermazelle. ~III~. Beide
Geschlechtszellen besitzen eine verschiedene Zellseele, d. h.
beide sind durch eine besondere Form von Empfindung und von Bewegung
ausgezeichnet. ~IV~. In dem Momente der Befruchtung oder Empfngnis
verschmelzen nicht nur die Plasmakrper der beiden Geschlechtszellen
und ihre Kerne, sondern auch ihre Seelen; d. h. die in ihnen
enthaltenen psychischen Anlagen (oder Spannkrfte) vereinigen sich
zum Seelenkeim der neugebildeten Stammzelle. ~V~. Daher besitzt
jede Person leibliche und geistige Eigenschaften von beiden Eltern; der
Kern der Eizelle bertrgt einen Teil der mtterlichen, der Kern der
Spermazelle einen Teil der vterlichen Eigenschaften.

Durch diese empirisch erkannten Erscheinungen der Empfngnis oder
Konzeption wird ferner die hchst wichtige Tatsache festgestellt, da
jeder Mensch, wie jedes andere Tier, einen =Beginn der individuellen
Existenz= hat; die vllige Kopulation der beiden sexuellen Zellkerne
bezeichnet haarscharf den Augenblick, in welchem nicht nur der Krper
der neuen =Stammzelle= entsteht, sondern auch ihre Seele. Durch diese
Tatsache allein schon wird der alte Mythus von der =Unsterblichkeit
der Seele= widerlegt, auf den wir spter zurckkommen. Ferner wird
dadurch der noch sehr verbreitete Aberglaube widerlegt, da der
Mensch seine individuelle Existenz der Gnade des liebenden Gottes
verdankt. Die Ursache derselben beruht vielmehr einzig und allein
auf dem =Eros= seiner beiden Eltern, auf jenem mchtigen, allen
vielzelligen Tieren und Pflanzen gemeinsamen Geschlechtstriebe, welcher
zu deren Begattung fhrt. Das Wesentliche bei diesem physiologischen
Prozesse ist aber nicht, wie man frher annahm, die Umarmung oder
die damit verknpften Liebesspiele, sondern einzig und allein die
Einfhrung des mnnlichen Sperma in die weiblichen Geschlechtskanle.
Nur dadurch wird es bei den landbewohnenden Tieren mglich, da der
befruchtende Samen mit der abgelsten Eizelle zusammenkommt (was beim
Menschen gewhnlich innerhalb des Uterus geschieht). Bei niederen,
wasserbewohnenden Tieren (z. B. Fischen, Muscheln, Medusen) werden
beiderlei reife Geschlechtsprodukte einfach in das Wasser entleert,
und hier bleibt ihr Zusammentreffen dem Zufall berlassen; dann
fehlt eine eigentliche Begattung, und damit fallen zugleich jene
zusammengesetzten psychischen Funktionen des Liebeslebens hinweg, die
bei hheren Tieren eine so groe Rolle spielen. Daher fehlen auch allen
niederen, nicht kopulierenden Tieren jene interessanten Organe, die
=Darwin= als sekundre Sexualcharaktere bezeichnet hat, die Produkte
der geschlechtlichen Zuchtwahl: der Bart des Mannes, das Geweih des
Hirsches, das prachtvolle Gefieder der Paradiesvgel und vieler
Hhnervgel, sowie viele andere Auszeichnungen der Mnnchen, welche den
Weibchen fehlen. (Vergl. =Wilhelm Blsche=, Liebesleben der Natur, 3
Bnde, 1901.)

_Vererbung der Seele._ Unter den angefhrten Folgeschlssen der
=Konzeptionsphysiologie= ist fr die Psychologie ganz besonders
wichtig die =Vererbung der Seelenqualitten von beiden Eltern.= Da
jedes Kind besondere Eigentmlichkeiten des Charakters, Temperament,
Talent, Sinnesschrfe, Willensenergie von =beiden= Eltern erbt, ist
allgemein bekannt. Ebenso bekannt ist die Tatsache, da auch psychische
Eigenschaften von beiderlei Groeltern durch Vererbung bertragen
werden; ja, hufig stimmt in einzelnen Beziehungen der Mensch mehr
mit den Groeltern als mit den Eltern berein. Alle die merkwrdigen
=Gesetze der Vererbung= besitzen ebenso allgemeine Gltigkeit fr die
besonderen Erscheinungen der Seelenttigkeit wie der Krperbildung; ja,
sie treten uns hufig an der ersteren noch viel auffallender und klarer
entgegen, als an der letzteren.

Nun ist ja an sich das groe Gebiet der =Vererbung=, fr dessen
ungeheuere Bedeutung uns erst =Darwin= das wissenschaftliche
Verstndnis erffnet hat, reich an dunkeln Rtseln und physiologischen
Schwierigkeiten; wir drfen nicht beanspruchen, da uns schon jetzt
alle Seiten desselben klar vor Augen liegen. Aber so viel haben
wir doch schon sicher gewonnen, da wir die =Vererbung als eine
physiologische Funktion= des Organismus betrachten, die mit der
Ttigkeit seiner Fortpflanzung unmittelbar verknpft ist; und wie
alle anderen Lebensttigkeiten mssen wir auch diese schlielich
auf physikalische und chemische Prozesse, auf =Mechanik des Plasma=
zurckfhren. Nun kennen wir aber jetzt den Vorgang der Befruchtung
selbst genau; wir wissen, da dabei ebenso der Spermakern die
vterlichen, wie der Eikern die mtterlichen Eigenschaften auf die
neugebildete Stammzelle bertrgt. Die Vermischung beider Zellkerne
ist das eigentliche Hauptmoment der Vererbung; durch sie werden ebenso
die individuellen Eigenschaften der Seele wie des Leibes auf das
neugebildete Individuum bertragen. Diesen ontogenetischen Tatsachen
steht die dualistische und mystische Psychologie der noch heute
herrschenden Schulen ratlos gegenber, whrend sie sich durch unsere
monistische Psychogenie in einfachster Weise erklren.

_Seelenmischung (Psychische Amphigonie)._ Die physiologische Tatsache,
auf welche es fr die richtige Beurteilung der individuellen
Psychogenie vor allem ankommt, ist die =Kontinuitt der Psyche= in der
Generationsreihe. Wenn im Moment der Empfngnis auch tatschlich ein
neues Individuum entsteht, so ist dasselbe doch weder hinsichtlich
seiner geistigen noch leiblichen Qualitt eine unabhngige Neubildung,
sondern lediglich das Produkt aus der Verschmelzung der beiden
elterlichen Faktoren. Die Zellseelen beider Geschlechtszellen
verschmelzen im Befruchtungsakte ebenso vollstndig zur Bildung einer
neuen =Zellseele=, wie die beiden Zellkerne, welche die materiellen
Trger dieser psychischen Spannkrfte sind, zu einem neuen =Zellkern=
sich verbinden. Da wir nun sehen, da die Individuen einer und
derselben Art stets gewisse, wenn auch geringfgige Unterschiede
zeigen, so mssen wir annehmen, da solche auch schon in der chemischen
Beschaffenheit der kopulierenden Keimzellen selbst vorhanden sind.

_Psychologischer Atavismus._ Wenn bei der Seelenmischung im Augenblicke
der Empfngnis zunchst auch nur die besonderen Eigenschaften der
beiden Elternseelen mittels Verschmelzung der beiden erotischen
Zellkerne erblich bertragen werden, so kann damit doch zugleich
der erbliche psychische Einflu lterer, oft weit zurckliegender
Generationen mit fortgepflanzt werden. Denn auch die Gesetze der
=latenten Vererbung= oder des =Atavismus= gelten ebenso fr die
Psyche wie fr die anatomische Organisation. Gerade in feineren Zgen
des Seelenlebens, im Besitze bestimmter knstlerischer Talente oder
Neigungen, in der Energie des Charakters, in der Leidenschaft des
Temperamentes gleichen oft hervorragende Menschen mehr ihren Groeltern
als den Eltern; nicht selten tritt auch ein aufflliger Charakterzug
hervor, den weder diese noch jene besaen, der aber in einem lteren
Gliede der Ahnenreihe vor langer Zeit sich offenbart hatte. Auch in
diesen merkwrdigen Atavismen gelten dieselben Vererbungsgesetze
fr die Psyche wie fr die Physiognomie, fr die individuelle
Qualitt der Sinnesorgane, wie fr die der Muskeln, des Skeletts
und anderer Krperteile. Am aufflligsten knnen wir dieselben in
regierenden Dynastien und in alten Adelsgeschlechtern verfolgen, deren
hervorragende Ttigkeit im Staatsleben zur genaueren historischen
Darstellung der Individuen in der Generationskette Veranlassung gegeben
hat, so z. B. bei den Hohenzollern, Hohenstaufen, Oraniern, Bourbonen
usw., und nicht minder bei den rmischen Zsaren.

_Das Biogenetische Grundgesetz in der Psychologie_ (1866). Der
=Kausalzusammenhang= der =biontischen= (individuellen) und der
=phyletischen= (historischen) Entwickelung, den ich schon in der
Generellen Morphologie als oberstes Gesetz an die Spitze aller
biogenetischen Untersuchungen gestellt hatte, besitzt ebenso allgemeine
Geltung fr die =Psychologie= wie fr die =Morphologie=. Wie bei allen
anderen Organismen, so ist auch beim Menschen =die Keimesgeschichte
ein Auszug der Stammesgeschichte=. Diese gedrngte und abgekrzte
Rekapitulation ist um so vollstndiger, je mehr durch bestndige
Vererbung die ursprngliche =Auszugsentwickelung= (~Palingenesis~)
beibehalten wird; hingegen wird sie um so unvollstndiger, je mehr
durch wechselnde Anpassung die sptere =Strungsentwickelung=
(~Cenogenesis~) eingefhrt wird (Anthropogenie, 1. Vortrag).

Indem wir dieses Grundgesetz auf die Entwickelungsgeschichte der Seele
anwenden, mssen wir ganz besonderen Nachdruck darauf legen, da
stets =beide= Seiten desselben kritisch im Auge zu behalten sind.
Denn beim Menschen wie bei allen hheren Tieren und Pflanzen haben im
Laufe der phyletischen Jahrmillionen so betrchtliche Strungen oder
=Zenogenesen= sich ausgebildet, da dadurch das ursprngliche reine
Bild der =Palingenese= oder des Geschichtsauszuges stark getrbt
und verndert erscheint. Whrend einerseits durch die Gesetze der
gleichzeitigen und gleichrtlichen Vererbung die =palingenetische=
Rekapitulation erhalten bleibt, wird sie andererseits durch die Gesetze
der abgekrzten und vereinfachten Vererbung wesentlich =zenogenetisch=
verndert. Zunchst ist das deutlich erkennbar in der Keimesgeschichte
der Seelenorgane, des Nervensystems, der Muskeln und Sinnesorgane. In
ganz gleicher Weise gilt dasselbe aber auch von der Seelenttigkeit,
die untrennbar an die normale Ausbildung dieser Organe gebunden ist.
Ihre Keimesgeschichte ist beim Menschen, wie bei allen anderen lebendig
gebrenden Tieren, schon deshalb stark zenogenetisch abgendert,
weil die volle Ausbildung des Keimes hier lngere Zeit innerhalb
des mtterlichen Krpers stattfindet. Wir mssen daher als zwei
Hauptperioden der individuellen Psychogenie unterscheiden: ~I~. die
embryonale und ~II~. die post-embryonale Entwickelungsgeschichte der
Seele.

_Embryonale Psychogenie._ Der menschliche Keim oder Embryo entwickelt
sich normalerweise im Mutterleibe whrend des Zeitraumes von neun
Monaten. Whrend dieser Zeit ist er vollkommen von der Auenwelt
abgeschlossen und nicht allein durch die dicke Muskelwand des
mtterlichen Fruchtbehlters (~Uterus~) geschtzt, sondern auch durch
die besonderen Fruchthllen (~Amnion~ und ~Serolemma~) welche allen
drei hheren Wirbeltierklassen gemeinsam zukommen, den Reptilien,
Vgeln und Sugetieren. Es sind das Schutzeinrichtungen, welche von den
ltesten Reptilien, den gemeinsamen Stammformen aller Amnioten, erst
in der Permperiode (gegen Ende des palozoischen Zeitalters) erworben
wurden, als diese hheren Wirbeltiere sich an das bestndige Landleben
und die Luftatmung gewhnten. Ihre vorhergehenden Ahnen, die Amphibien
der Steinkohlenperiode, lebten und atmeten noch im Wasser, wie ihre
lteren Vorfahren, die Fische.

Bei diesen lteren und niederen wasserbewohnenden Wirbeltieren besa
die Keimesgeschichte noch in viel hherem Grade den palingenetischen
Charakter, wie es auch noch bei den meisten Fischen und Amphibien der
Gegenwart der Fall ist. Die bekannten Kaulquappen, die Larven der
Salamander und Frsche, bewahren noch heute in der ersten Zeit ihres
freien Wasserlebens den Krperbau ihrer Fischahnen; sie gleichen ihnen
auch in der Lebensweise, in der Kiemenatmung, in der Funktion ihrer
Sinnesorgane und ihrer anderen Seelenorgane. Erst wenn die interessante
Metamorphose der schwimmenden Kaulquappen eintritt, und wenn sie sich
an das Landleben gewhnen, verwandelt sich ihr fischhnlicher Krper in
das vierfige, kriechende Amphibium; an die Stelle der Kiemenatmung
im Wasser tritt die ausschlieliche Luftatmung durch Lungen, und
mit der vernderten Lebensweise erlangt auch der Seelenapparat,
Nervensystem und Sinnesorgane, einen hheren Grad der Ausbildung. Die
schwimmende Kaulquappe besitzt nicht nur die Organisation, sondern auch
die Lebensweise und Seelenttigkeit des Fisches und erlangt erst durch
ihre Verwandlung diejenige des Frosches.

Beim Menschen wie bei allen anderen Amniontieren ist das nicht der
Fall; ihr Embryo ist schon durch den Einschlu in die schtzenden
Eihllen dem direkten Einflusse der Auenwelt ganz entzogen und jeder
Wechselwirkung mit derselben entwhnt. Auerdem aber bietet die
besondere =Brutpflege= der Amniontiere ihrem Keime viel gnstigere
Bedingungen fr zenogenetische Abkrzung der palingenetischen
Entwickelung. Vor allem gehrt dahin die vortreffliche Ernhrung des
Keims; sie geschieht bei den Reptilien, Vgeln und Monotremen (den
eierlegenden Sugetieren) durch den groen gelben Nahrungsdotter,
welcher dem Ei beigegeben ist, bei den brigen Sugetieren hingegen
(den lebendig gebrenden Beuteltieren und Zottentieren) durch das
Blut der Mutter, welches durch die Blutgefe des Dottersackes und
der Allantois dem Keime zugefhrt wird. Bei den hchstentwickelten
=Zottentieren= (~Placentalia~) hat diese zweckmige Ernhrungsform
durch Ausbildung des Mutterkuchens (~Placenta~) den hchsten Grad
der Vollkommenheit erreicht; daher ist der Embryo schon vor der
Geburt hier vollkommen ausgebildet. Seine Seele aber befindet sich
whrend dieser ganzen Zeit im Zustande des =Keimschlafes=, einem
Ruhezustande, welchen =Preyer= mit Recht dem Winterschlafe der Tiere
verglichen hat. Einen gleichen, lange dauernden Schlaf finden wir auch
im Puppenzustande jener Insekten, welche eine vollkommene Verwandlung
durchmachen (Schmetterlinge, Immen, Fliegen, Kfer usw.). Hier ist der
=Puppenschlaf=, whrend dessen die wichtigsten Umbildungen der Organe
und Gewebe vor sich gehen, um so interessanter, als der vorhergehende
Zustand der frei lebenden Larve (Raupe, Engerling oder Made) ein sehr
entwickeltes Seelenleben besitzt, und als dieses bedeutend unter
derjenigen Stufe steht, welche spter (nach dem Puppenschlaf) das
vollendete, geflgelte und geschlechtsreife Insekt zeigt.

_Postembryonale Psychogenie._ Die Seelenttigkeit des Menschen
durchluft whrend seines individuellen Lebens, ebenso wie bei den
meisten hheren Tieren, eine Reihe von Entwickelungsstufen; als die
wichtigsten derselben knnen wir wohl folgende fnf Hauptabschnitte
unterscheiden: 1. die Seele des Neugeborenen bis zum Erwachen
des Selbstbewutseins und zum Erlernen der Sprache, 2. die Seele
des Knaben und des Mdchens bis zur Pubertt (zum Erwachen des
Geschlechtstriebes), 3. die Seele des Jnglings und der Jungfrau bis
zum Eintritt der sexuellen Verbindung (die Periode der Ideale), 4.
die Seele des erwachsenen Mannes und der reifen Frau (Periode der
vollen Reife und der Familiengrndung), 5. die Seele des Greises und
der Greisin (Periode der Rckbildung). Das Seelenleben des Menschen
durchluft also dieselben Entwickelungsstufen der aufsteigenden
Fortbildung, der vollen Reife und der absteigenden Rckbildung wie jede
andere Lebensttigkeit des Organismus.




=Neuntes Kapitel.=

_Stammesgeschichte der Seele._

  Monistische Studien ber phylogenetische Psychologie. Entwickelung
  des Seelenlebens in der tierischen Ahnenreihe des Menschen.


Die Deszendenztheorie in Verbindung mit der Anthropologie hat uns
berzeugt, da unser menschlicher Organismus aus einer langen Reihe
tierischer Vorfahren durch allmhliche Umbildung im Laufe vieler
Jahrmillionen langsam und stufenweise sich entwickelt hat. Da wir nun
das Seelenleben des Menschen von seinen brigen Lebensttigkeiten nicht
trennen knnen, vielmehr zu der berzeugung von der einheitlichen
Entwickelung unseres ganzen Krpers und Geistes gelangt sind, so ergibt
sich auch fr die moderne =monistische Psychologie= die Aufgabe,
die historische Entwickelung der Menschenseele aus der Tierseele
stufenweise zu verfolgen. Die Lsung dieser Aufgabe versucht unsere
Stammesgeschichte der Seele oder die =Phylogenie der Psyche=.
Obgleich diese neue Wissenschaft noch kaum ernstlich in Angriff
genommen ist, obgleich selbst ihre Existenzberechtigung von den meisten
Fachpsychologen bestritten wird, mssen wir fr sie dennoch die
allerhchste Wichtigkeit und das grte Interesse in Anspruch nehmen.
Denn nach unserer festen berzeugung ist die =phyletische= Psychologie
vor allem berufen, uns das groe Weltrtsel vom Wesen und der
Entstehung unserer Seele zu lsen.

_Methoden der poetischen Psychogenie._ Die Mittel und Wege, welche
zu dem weit entfernten, im Nebel der Zukunft fr viele noch kaum
erkennbaren Ziele der =phylogenetischen Psychologie= hinfhren sollen,
sind von denjenigen anderer stammesgeschichtlicher Forschungen
nicht verschieden. Vor allem ist auch hier die vergleichende
Anatomie, Physiologie und Ontogenie von hchstem Werte. Aber auch
die Palontologie liefert uns eine Anzahl von sicheren Sttzpunkten;
denn die Reihenfolge, in welcher die versteinerten berreste der
Wirbeltierklassen nacheinander in den Perioden der organischen
Erdgeschichte auftreten, offenbart uns teilweise, zugleich mit
deren phyletischem Zusammenhang, auch die stufenweise Ausbildung
ihrer Seelenttigkeit. Freilich sind wir hier, wie berall bei
phylogenetischen Untersuchungen, zur Bildung zahlreicher Hypothesen
gezwungen, um die Lcken der empirischen Stammesurkunden auszufllen;
aber dennoch werfen die letzteren ein so helles und bedeutungsvolles
Licht auf die wichtigsten Abstufungen der geschichtlichen Entwickelung,
da wir eine befriedigende Einsicht in deren allgemeinen Verlauf
gewinnen knnen.

_Hauptstufen der phyletischen Psychogenie._ Die vergleichende
Psychologie des Menschen und der hheren Tiere lt uns zunchst in
den hchsten Gruppen der Sugetiere, bei den =Herrentieren=, die
wichtigsten Fortschritte erkennen, durch welche die Menschenseele
aus der Psyche der Menschenaffen hervorgegangen ist. Die Phylogenie
der =Sugetiere= und weiterhin der niederen Wirbeltiere zeigt uns
die lange Reihe der lteren Vorfahren der Primaten, welche innerhalb
dieses Stammes seit der Silurzeit sich entwickelt haben. Alle diese
Wirbeltiere stimmen berein in der Struktur und Entwickelung ihres
charakteristischen Seelenorgans, des =Markrohrs=. Da dieses sich aus
einem dorsalen =Scheitelhirn= wirbelloser Vorfahren hervorgebildet
hat, scheint die vergleichende Anatomie der Wurmtiere oder =Vermalien=
zu lehren. Weiter zurckgehend erfahren wir durch die vergleichende
Ontogenie, da dieses einfache Seelenorgan aus der Zellenschicht des
ueren Keimblattes, aus dem Ektoderm von =Platodarien= entstanden
ist; bei diesen ltesten Plattentieren, die noch kein gesondertes
Nervensystem besaen, wirkt die uere Hautdecke als universales
Sinnes- und Seelenorgan. Durch die vergleichende Keimesgeschichte
berzeugen wir uns endlich, da diese einfachsten Metazoen durch
Gastrulation aus =Blastaden= entstanden sind, aus =Hohlkugeln=, deren
Wand eine einfache Zellenschicht bildete, das =Blastoderm=. Zugleich
lernen wir durch dieselbe mit Hilfe des Biogenetischen Grundgesetzes
verstehen, wie diese vielzelligen Gebilde einfachster Art ursprnglich
aus einzelligen Urtieren hervorgegangen sind.

~I.~ _Zellseele (Zytopsyche);_ =erste Hauptstufe der phyletischen
Psychogenesis.= Die ltesten Vorfahren des Menschen, wie aller brigen
Tiere, waren einzellige =Protisten=. Diese Fundamental-Hypothese der
Phylogenie ergibt sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze aus der
embryologischen =Tatsache=, da jeder Mensch, wie jedes andere Tier,
im Beginne seiner individuellen Existenz eine einfache Zelle ist, die
=Stammzelle=. Wie diese schon von Anfang an =beseelt= war, so auch
jene entsprechende =einzellige Stammform=, welche in der ltesten
Ahnenreihe des Menschen durch eine Kette von verschiedenen Protisten
vertreten war.

ber die Seelenttigkeit dieser einzelligen Organismen unterrichtet
uns die vergleichende Physiologie der heute noch lebenden Protisten;
sowohl genaue Beobachtung als sinnreiches Experiment haben uns hier
ein neues Gebiet voll hchst interessanter Erscheinungen erffnet.
Die beste Darstellung derselben hat 1889 =Max Verworn= gegeben, in
seinen gedankenreichen, auf eigene originelle Versuche gesttzten
=Psychophysiologischen Protistenstudien=. Auch die wenigen lteren
Beobachtungen ber das Seelenleben der Protisten sind darin
zusammengestellt. =Verworn= gelangte zu der festen berzeugung,
da bei allen Protisten die unbewuten Vorgnge der Empfindung und
Bewegung noch mit den molekularen Lebensprozessen im Plasma selbst
zusammenfallen, und da ihre letzten Ursachen in den Eigenschaften der
=Plasmamolekle= (der Plastidule) zu suchen sind. Die psychischen
Vorgnge im Protistenreich sind daher die Brcke, welche die chemischen
Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der hchsten
Tiere verbindet; sie reprsentieren den Keim der hchsten psychischen
Erscheinungen bei den Metazoen und dem Menschen.

Die sorgfltigen Beobachtungen und zahlreichen Experimente von
=Verworn=, im Verein mit denjenigen von =Wilhelm Engelmann=, =Wilhelm
Preyer=, =Richard Hertwig= und anderen neueren Protistenforschern,
liefern die bndigen Beweise fr meine monistische =Theorie der
Zellseele= (1866). Gesttzt auf eigene langjhrige Untersuchungen
von verschiedenen Protisten, besonders von Rhizopoden und Infusorien,
hatte ich den Satz aufgestellt, da jede lebendige Zelle psychische
Eigenschaften besitzt, und da also auch das Seelenleben der
vielzelligen Tiere und Pflanzen nichts anderes ist als das Resultat
der psychischen Funktionen der ihren Leib zusammensetzenden Zellen.
Bei den niederen Gruppen (z. B. Algen und Spongien) sind =alle=
Zellen des Krpers gleichmig (oder mit geringen Unterschieden)
daran beteiligt; in den hheren Gruppen dagegen, entsprechend den
Gesetzen der Arbeitsteilung, nur ein auserlesener Teil derselben,
die Seelenzellen. Die bedeutungsvollen Konsequenzen dieser
=Zellular-Psychologie= hatte ich teils 1876 in meiner Schrift ber
die Perigenesis der Plastidule errtert, teils 1877 in meiner
Mnchner Rede ber die heutige Entwickelungslehre im Verhltnis zur
Gesamtwissenschaft. Eine mehr populre Darstellung enthalten meine
beiden Wiener Vortrge (1878) ber Ursprung und Entwickelung der
Sinneswerkzeuge und ber Zellseelen und Seelenzellen.

Die einfache =Zellseele= zeigt brigens schon innerhalb des
Protistenreiches eine lange Reihe von Entwickelungsstufen, von
ganz einfachen, primitiven bis zu sehr vollkommenen und hohen
Seelenzustnden. Bei den ltesten und einfachsten Protisten ist
das Vermgen der Empfindung und Bewegung gleichmig auf das ganze
Plasma des homogenen Krperchens verteilt; bei den hheren Formen
dagegen sondern sich als physiologische Organe derselben besondere
Zellwerkzeuge oder =Organelle=. Derartige motorische Zellteile sind
die Pseudopodien der Rhizopoden, die Flimmerhaare, Geieln und Wimpern
der Infusorien. Als ein inneres Zentralorgan des Zellenlebens wird der
Zellkern betrachtet, welcher den ltesten und niedersten Protisten
noch fehlt. In physiologisch-chemischer Beziehung ist besonders
hervorzuheben, da die ursprnglichsten und ltesten Protisten
=Plasmodomen= waren, mit pflanzlichem Stoffwechsel, also =Protophyten=
oder Urpflanzen; aus ihnen entstanden sekundr, durch Metasitismus, die
ersten =Plasmophagen= mit tierischem Stoffwechsel, also =Protozoen=
oder Urtiere. Dieser =Metasitismus=, die Umkehrung des Stoffwechsels,
bedeutete einen wichtigen psychologischen Fortschritt; denn damit
begann die Entwickelung jener charakteristischen Vorzge der Tierseele,
welche der Pflanzenseele noch fehlen.

~II~. _Zellvereinsseele_ oder Znobial-Seele (~Coenopsyche~);
=zweite Hauptstufe der phyletischen Psychogenesis.= Die individuelle
Entwickelung beginnt beim Menschen wie bei allen anderen vielzelligen
Tieren mit der wiederholten Teilung einer einfachen Zelle. Die
=Stammzelle= (~Cytula~) zerfllt dadurch in einen maulbeerhnlichen
Zellhaufen, den Maulbeerkeim (~Morula~). Indem sich im Inneren dieses
soliden Krpers Flssigkeit ansammelt, verwandelt er sich in ein
kugeliges Blschen; alle Zellen treten an dessen Oberflche und ordnen
sich in eine einfache Zellenschicht, die =Keimhaut= (~Blastoderma~).
Die so entstandene =Hohlkugel= ist der bedeutungsvolle Zustand der
=Keimblase= (~Blastula~).

Die =Bewegungen=, die wir unmittelbar bei der Bildung der Blastula
beobachten knnen, sind ohne entsprechende =Empfindungen= nicht zu
denken. Die =Bewegungen= zerfallen in zwei Gruppen: 1. die inneren
Bewegungen, welche berall in wesentlich gleicher Weise beim Vorgange
der gewhnlichen (indirekten) Zellteilung sich wiederholen (Bildung
der Kernspindel, Mitose, Karyokinese usw.); 2. die ueren Bewegungen,
welche in der gesetzmigen Lagevernderung der geselligen Zellen
und ihrer Gruppierung bei Bildung des Blastoderms zutage treten.
Wir fassen diese Bewegungen als ererbte auf, weil sie berall in
prinzipiell gleicher Weise von den Ahnen bernommen worden sind. Die
=Empfindungen= knnen ebenfalls in zwei Gruppen unterschieden werden:
1. die Empfindungen der einzelnen Zellen, welche sich in der Behauptung
ihrer individuellen Selbstndigkeit und ihrem Verhalten gegen die
Nachbarzellen uern (mit denen sie in Berhrung und teilweise durch
Plasmabrcken in direkter Verbindung stehen); 2. die einheitliche
Empfindung des ganzen Zellvereins oder =Znobiums=, welche in der
individuellen Gestaltung der =Blastula= als =Hohlkugel= zutage tritt.

Das kausale Verstndnis der =Blastula=bildung liefert uns das
=Biogenetische Grundgesetz=, indem es die unmittelbar zu beobachtenden
Erscheinungen derselben durch die =Vererbung= erklrt und auf
entsprechende historische Vorgnge zurckfhrt, welche sich
ursprnglich bei der Entstehung der ltesten Protisten-Znobien, der
=Blastaden=, vollzogen haben. Die physiologische und psychologische
Einsicht in diese wichtigen Prozesse der ltesten =Zellen-Assozion=
gewinnen wir aber durch Beobachtung und Experiment an den heute noch
lebenden Znobien. Solche bestndige =Zellvereine= der Gegenwart sind
z. B. die bekannten Kugeltierchen (~Volvocina~). Ihre schwimmende
Ortsbewegung wird durch schwingende Geieln vermittelt, die von den
einzelnen Zellen an der Oberflche der Flimmerkugel ausgehen.
In allen diesen Znobien knnen wir bereits neben einander zwei
verschiedene Stufen der psychischen Ttigkeit unterscheiden: ~I~. die
=Zellseele= der einzelnen Zellindividuen (als Elementar-Organismen)
und ~II~. die =Znobialseele= des ganzen Zellvereins.

~III~. _Gewebeseele (Histopsyche);_ =dritte Hauptstufe der
phyletischen Psychogenesis.= Bei allen vielzelligen und gewebebildenden
Pflanzen (~Metaphyten~) und ebenso bei den niedersten, nervenlosen
Klassen der =Gewebetiere= (~Metazoen~) haben wir zunchst zwei
verschiedene Formen der Seelenttigkeit zu unterscheiden, nmlich
~A~. die Psyche der einzelnen =Zellen=, welche die Gewebe
zusammensetzen, und ~B~. die Psyche der =Gewebe= selbst oder des
Zellenstaates, welcher von diesen gebildet wird. Diese =Gewebeseele=
ist berall die hhere psychologische Funktion, welche den
zusammengesetzten vielzelligen Organismus als einheitliches Lebewesen
oder =physiologisches Individuum=, als wirklichen Zellenstaat
erscheinen lt. Sie beherrscht alle die einzelnen Zellseelen der
sozialen Zellen, welche als abhngige Staatsbrger den einheitlichen
Zellenstaat konstituieren.

~III. A.~ _Die Pflanzenseele (Phytopsyche)_ ist fr uns der Inbegriff
der gesamten psychischen Ttigkeit der gewebebildenden, =vielzelligen
Pflanzen= (~Metaphyten~); sie ist Gegenstand der verschiedensten
Beurteilung bis auf den heutigen Tag geblieben. Frher fand man
gewhnlich einen Hauptunterschied zwischen Pflanzen und Tieren darin,
da man den letzteren allgemein eine Seele zuschrieb, den ersteren
dagegen nicht. Indessen fhrte unbefangene Vergleichung der Reizbarkeit
und der Bewegungen bei verschiedenen hheren Pflanzen und niederen
Tieren schon im Anfange des 19. Jahrhunderts einzelne Forscher zu
der berzeugung, da beide gleichmig beseelt sein mten. Spter
traten namentlich =Fechner=, =Leitgeb= u. a., neuerdings besonders
=Franc=, lebhaft fr die Annahme einer =Pflanzenseele= ein.
Tieferes Verstndnis derselben wurde erst erworben, nachdem durch die
=Zellentheorie= (1838) die gleiche Elementarstruktur in Pflanzen und
Tieren nachgewiesen, und besonders seitdem durch die =Plasmatheorie=
von =Max Schultze= (1859) das gleiche Verhalten des aktiven, lebendigen
Protoplasma in beiden erkannt worden war. Die neuere vergleichende
Physiologie zeigte sodann, da das physiologische Verhalten gegen
verschiedene Reize (Licht, Elektrizitt, Wrme, Schwere, Reibung,
chemische Einflsse usw.) in den =empfindlichen= Krperteilen
vieler Pflanzen und Tiere ganz hnlich ist, und da auch die
=Reflexbewegungen=, die jene Reize hervorrufen, ganz hnlichen Verlauf
haben. Wenn man daher diese Ttigkeiten bei niederen, nervenlosen
Metazoen (Schwmmen, Polypen) einer besonderen Seele zuschrieb,
so war man berechtigt, diese auch bei den Metaphyten anzunehmen,
besonders bei den sehr empfindlichen Sinnpflanzen (~Mimosa~), den
Fliegenfallen (~Dionaea~, ~Drosera~) und den zahlreichen rankenden
Kletter- und Schlingpflanzen.

~III. B.~ _Die Seele nervenloser Metazoen._ Von ganz besonderem
Interesse fr die vergleichende Physiologie im allgemeinen und fr die
Phylogenie der Tierseele im besonderen ist die Seelenttigkeit jener
=niederen Metazoen=, welche zwar Gewebe und oft bereits differenzierte
Organe besitzen, aber weder Nerven noch spezifische Sinnesorgane. Dahin
gehren vier verschiedene Gruppen von ltesten =Zlenterien= oder
Niedertieren, nmlich: 1. die =Gastraden=, 2. die =Platodarien=, 3.
die =Spongien= und 4. die =Hydropolypen=, die niedersten Formen der
Nesseltiere.

_Die Gastraden oder Urdarmtiere_ bilden jene kleine Gruppe von
niedersten Zlenterien, welche als die gemeinsame Stammgruppe aller
Metazoen von hchster Wichtigkeit ist. Der Krper dieser kleinen,
schwimmenden Tierchen erscheint als ein kleines (meist eifrmiges)
Blschen, welche eine einfache Hhle mit einer ffnung enthlt
(Urdarm und Urmund). Die Wand der verdauenden Hhle wird aus zwei
einfachen Zellenschichten oder Epithelien gebildet, von denen die
innere (Darmblatt) die Ttigkeiten der Ernhrung, und die uere
(Hautblatt) die Funktionen der Bewegung und Empfindung vermittelt. Die
gleichartigen sensiblen Zellen dieses Hautblattes tragen zarte Geieln,
lange Flimmerhaare, deren Schwingungen die willkrliche Schwimmbewegung
bewirken. Die wenigen noch lebenden Formen der Gastraden sind deshalb
so interessant, weil sie zeitlebens auf derselben Bildungsstufe stehen
bleiben, welche die Keime aller brigen Metazoen (von den Spongien bis
zum Menschen hinauf) im Beginne ihrer Keimesentwickelung durchlaufen.
Wie ich in meiner =Gastratheorie= (1872) gezeigt habe, entsteht bei
smtlichen Gewebetieren zunchst aus der vorher betrachteten =Blastula=
eine hchst charakteristische Keimform, die =Gastrula=. Die Keimhaut
(~Blastoderma~), welche die Wand der Hohlkugel darstellt, bildet
an einer Seite eine grubenfrmige Vertiefung, und diese wird bald zu
einer so tiefen Einstlpung, da der innere Hohlraum der Keimblase
verschwindet. Die eingestlpte (innere) Hlfte der Keimhaut legt sich
an die uere (nicht eingestlpte) Hlfte innen an; letztere bildet das
=Hautblatt= oder uere Keimblatt (~Ektoderm~), erstere dagegen das
=Darmblatt= oder innere Keimblatt (~Entoderm~). Der neu entstandene
Hohlraum des becherfrmigen Krpers ist die verdauende Magenhhle,
der =Urdarm=, seine ffnung der =Urmund=. Das Hautblatt oder Ektoderm
ist bei allen Metazoen das ursprngliche =Seelenorgan=; denn aus
ihm entwickeln sich bei smtlichen Nerventieren nicht nur die uere
Hautdecke und die Sinnesorgane, sondern auch das Nervensystem. Bei den
Gastraden, welche letzteres noch nicht besitzen, sind alle Zellen,
welche die einfache Epithelschicht des Ektoderm zusammensetzen,
gleichmig Organe der Empfindung und Bewegung; die Gewebeseele zeigt
sich hier in einfachster Form.

_Die Spongien oder Schwammtiere_ stellen einen selbstndigen Stamm
des Tierreichs dar, der sich von allen anderen Metazoen durch seine
eigentmliche Organisation unterscheidet; die zahlreichen Arten
desselben sitzen meistens auf dem Meeresboden angewachsen. Die
einfachste Form der Schwmme, ~Olynthus~, ist eigentlich nichts
weiter als eine ~Gastraea~, deren Krperwand siebfrmig von feinen
Poren durchbrochen ist, zum Eintritt des ernhrenden Wasserstromes.
Bei den meisten Spongien (auch beim bekanntesten, dem Badeschwamm)
bildet der knollenfrmige Krper einen Stock, welcher aus Tausenden
oder Millionen solcher Gastraden (Geielkammern) zusammengesetzt
und von einem ernhrenden Kanalsystem durchzogen ist. Empfindung und
Bewegung sind bei den Schwammtieren nur in uerst geringem Grade
entwickelt; Nerven, Sinnesorgane und Muskeln fehlen. Es war daher sehr
natrlich, da man diese festsitzenden, unfrmigen und unempfindlichen
Tiere frher allgemein als Gewchse betrachtete. Ihr Seelenleben (fr
welches keine besonderen Organe differenziert sind) steht tief unter
demjenigen der Mimosen und anderer empfindlicher Pflanzen.

_Die Seele der Nesseltiere_ (~Cnidaria~) ist fr die vergleichende
und phylogenetische Psychologie von hervorragender Bedeutung. Denn
in diesem formenreichen Stamm der Zlenterien vollzieht sich vor
unseren Augen die historische Entstehung der =Nervenseele= aus der
=Gewebeseele=. Es gehren zu diesem Stamme die vielgestaltigen Klassen
der festsitzenden Polypen und Korallen, der schwimmenden Medusen
und Siphonophoren. Als gemeinsame hypothetische Stammform aller
Nesseltiere lt sich mit voller Sicherheit ein einfachster =Polyp=
erkennen, welcher dem gemeinen, heute noch lebenden Swasserpolypen
(~Hydra~) im wesentlichen gleich gebaut war. Nun besitzen aber diese
Hydra und ebenso die festsitzenden, nahe verwandten Hydropolypen
noch keine gesonderten Nerven und hheren Sinnesorgane, obgleich
sie sehr empfindlich sind. Dagegen die frei schwimmenden =Medusen=,
welche sich aus letzteren entwickeln (und noch heute mit ihnen durch
Generationswechsel verknpft sind), besitzen bereits ein selbstndiges
Nervensystem und gesonderte Sinnesorgane. Wir knnen also hier
den historischen Ursprung der =Nervenseele= aus der Gewebeseele
unmittelbar ontogenetisch beobachten und phylogenetisch verstehen
lernen. Sehr interessant ist fr die Psychologie auch die Klasse
der =Staatsquallen= (~Siphonophorae~). An diesen prchtigen,
freischwimmenden Tierstcken, welche von Hydromedusen abstammen, knnen
wir eine =Doppelseele= beobachten: die Einzelseele (=Personalseele=)
der zahlreichen Personen, die ihn zusammensetzen, und die gemeinsame,
einheitlich ttige Psyche des ganzen Stockes (=Kormalseele=).

~IV~. _Die Nervenseele (Neuropsyche)_; =vierte Hauptstufe= der
=phyletischen Psychogenesis=. Das Seelenleben aller hheren Tiere wird,
ebenso wie beim Menschen, durch einen mehr oder minder komplizierten
=Seelenapparat= vermittelt, und dieser besteht immer aus drei
Hauptbestandteilen: die =Sinnesorgane= bewirken die verschiedenen
Empfindungen, die =Muskeln= dagegen die Bewegungen; die =Nerven=
stellen die Verbindung zwischen ersteren und letzteren durch ein
besonderes Zentralorgan her: =Gehirn= oder ~Ganglion~ (Nervenknoten).
Die Einrichtung und Ttigkeit dieses Seelenapparates pflegt man mit
einem elektrischen Telegraphensystem zu vergleichen; die Nerven
sind die Leitungsdrhte, das Gehirn die Zentralstation, die Muskeln
und Sensillen die untergeordneten Lokalstationen. Die motorischen
Nervenfasern leiten die Willensbefehle oder Impulse zentrifugal
von diesem Nervenzentrum zu den Muskeln und bewirken durch deren
Kontraktion Bewegungen; die sensiblen Nervenfasern dagegen leiten die
verschiedenen Empfindungen zentripetal von den peripheren Sinnesorganen
zum Gehirn und statten Bericht ab von den empfangenen Eindrcken
der Auenwelt. Die Ganglienzellen oder Seelenzellen, welche das
nervse Zentralorgan zusammensetzen, sind die vollkommensten von allen
organischen Elementarteilen; denn sie vermitteln nicht nur den Verkehr
zwischen den Muskeln und Sinnesorganen, sondern auch die hchsten von
allen Leistungen der Tierseele, die Bildung von Vorstellungen und
Gedanken, an der Spitze von allem das Bewutsein.

Die groen Fortschritte der Anatomie und Physiologie, der Histologie
und Ontogenie haben in der Neuzeit unsere tiefere Kenntnis des
Seelenapparates mit einer Flle der interessantesten Entdeckungen
bereichert. Wenn die spekulative Philosophie auch nur die wichtigsten
von diesen bedeutungsvollen Erwerbungen der empirischen Biologie
in sich aufgenommen htte, mte sie heute schon eine ganz andere
Physiognomie zeigen, als es leider der Fall ist.

Jeder der hheren Tierstmme besitzt sein eigentmliches Seelenorgan;
in jedem ist das Zentralnervensystem durch seine besondere Gestalt,
Lage und Zusammensetzung ausgezeichnet. Unter den strahlig gebauten
=Nesseltieren= (~Cnidaria~) zeigen die Medusen einen Nervenring am
Schirmrande, meistens mit vier oder acht Ganglien ausgestattet. Bei
den fnfstrahligen =Sterntieren= (~Echinoderma~) ist der Mund von
einem Nervenring umgeben, von welchem fnf Nervenstmme ausstrahlen.
Die zweiseitig-symmetrischen =Plattentiere= (~Platodes~) und
=Wurmtiere= (~Vermalia~) besitzen ein Scheitelhirn oder Akroganglion,
zusammengesetzt aus ein paar dorsalen, oberhalb des Mundes gelegenen
Ganglien; von diesen oberen Schlundknoten gehen zwei seitliche
Nervenstmme an die Haut und die Muskeln. Bei einem Teile der Vermalien
und bei den =Weichtieren= (~Mollusca~) treten dazu noch ein paar
ventrale untere Schlundknoten, welche sich mit den ersteren durch
einen den Schlund umfassenden Ring verbinden. Dieser Schlundring
kehrt auch bei den =Gliedertieren= (~Articulata~) wieder, setzt
sich aber hier auf der Bauchseite des langgestreckten Krpers in ein
Bauchmark fort, einen strickleiterfrmigen Doppelstrang, welcher in
jedem Gliede zu einem Doppelganglion anschwillt. Ganz entgegengesetzte
Bildung des Seelenorgans zeigen die =Wirbeltiere= (~Vertebrata~);
hier findet sich allgemein auf der Rckenseite des innerlich
gegliederten Krpers ein Rckenmark entwickelt; aus einer Anschwellung
seines vorderen Teiles entsteht spter das charakteristische
blasenfrmige Gehirn.

Obgleich nun so die Seelenorgane der hheren Tierstmme in Lage, Form
und Zusammensetzung sehr charakteristische Verschiedenheiten zeigen,
ist doch die vergleichende Anatomie imstande gewesen, fr die meisten
einen gemeinsamen Ursprung nachzuweisen, aus dem =Scheitelhirn= der
=Platoden= und =Vermalien=; und allen gemeinsam ist die Entstehung aus
der uersten Zellenschicht des Keimes, aus dem =Hautsinnesblatt=
(~Ektoderm~). Ebenso finden wir in allen Formen der nervsen
Zentralorgane dieselbe wesentliche Struktur wieder, die Zusammensetzung
aus Ganglienzellen oder =Seelenzellen= (den eigentlichen aktiven
Elementarorganen der =Psyche=) und aus =Nervenfasern=, welche den
Zusammenhang und die Leitung der Aktion vermitteln.

_Seelenorgan der Wirbeltiere._ Die erste Tatsache, welche uns in der
vergleichenden Psychologie der Wirbeltiere entgegentritt, und welche
der empirische Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Seelenlehre
des Menschen sein sollte, ist der charakteristische Bau ihres
Zentralnervensystems. Wie dieses zentrale Seelenorgan in jedem der
hheren Tierstmme eine besondere, diesem eigentmliche Lage, Gestalt
und Zusammensetzung zeigt, so ist es auch bei den Wirbeltieren der
Fall. berall finden wir hier ein =Rckenmark= vor, einen starken
zylindrischen Nervenstrang, welcher in der Mittellinie des Rckens
verluft, oberhalb der Wirbelsule (oder der sie vertretenden Chorda).
berall gehen von diesem Rckenmark zahlreiche Nervenstmme in
regelmiger, segmentaler Verteilung ab, je ein Paar an jedem Segment
oder Wirbelgliede. berall entsteht dieses Medullarrohr im Embryo
auf gleiche Weise: in der Mittellinie der Rckenhaut bildet sich eine
feine Furche oder Rinne; die beiden parallelen Rnder dieser Markrinne
oder =Medullarrinne= erheben sich, krmmen sich gegen einander und
verwachsen in der Mittellinie zu einem Rohre.

Das lange dorsale, so entstandene, zylindrische Nervenrohr oder
Medullarrohr ist durchaus fr die =Wirbeltiere= charakteristisch,
in der frheren Embryonalanlage berall dasselbe und die gemeinsame
Grundlage aller der verschiedenen Formen des Seelenorgans, die sich
spter daraus entwickeln. Nur eine einzige Gruppe von wirbellosen
Tieren zeigt eine hnliche Bildung; das sind die seltsamen
meerbewohnenden =Manteltiere= (~Tunicata~). Sie gleichen den
Wirbeltieren auch im Besitze von anderen charakteristischen Organen
(Chorda, Kiemendarm usw.). Wir nehmen daher an, da die ungegliederten
Manteltiere und die innerlich gegliederten Wirbeltiere aus einer
gemeinsamen lteren Stammgruppe von Wurmtieren hervorgegangen sind
(~Prochordonia~).

_Phyletische Bildungsstufen des Medullarrohrs._ Die lange
Stammesgeschichte unserer Wirbeltierseele beginnt mit der Bildung des
einfachsten Medullarrohrs bei den ltesten Schdellosen; sie fhrt uns
durch einen Zeitraum von vielen Millionen Jahren langsam und allmhlich
bis zu jenem komplizierten Wunderbau des menschlichen Gehirns hinauf,
welcher diese hchst entwickelte Primatenform zu einer Ausnahmestellung
in der Natur zu berechtigen scheint. Da eine klare Vorstellung von
diesem langsamen und stetigen Gange unserer phyletischen Psychogenie
die erste Vorbedingung einer wirklich =naturgemen Psychologie= ist,
erscheint es zweckmig, jenen gewaltigen Zeitraum in eine Anzahl
von Stufen oder Hauptabschnitten einzuteilen; in jedem derselben
hat sich gleichmig mit der Struktur des Nervenzentrums auch seine
Funktion, die Psyche, vervollkommnet. Ich unterscheide acht solche
=Perioden in der Phylogenie des Medullarrohrs= und in der stufenweisen
Vervollkommnung seines vordersten Teiles, des Gehirns; sie sind
charakterisiert durch acht verschiedene Hauptgruppen der Wirbeltiere;
nmlich ~I~. die Schdellosen (~Acrania~), ~II~. die Rundmuler
(~Cyclostoma~), ~III~. die Fische (~Pisces~), ~IV~. die Lurche
(~Amphibia~), ~V~. die implacentalen Sugetiere (~Monotrema~ und
~Marsupialia~), ~VI~. die lteren plazentalen Sugetiere, besonders
die Halbaffen (~Prosimiae~), ~VII~. die jngeren Herrentiere, die
echten Affen (~Simiae~), ~VIII~. die Menschenaffen und der Mensch
(~Anthropomorpha~).

_Seelengeschichte der Sugetiere._ Der wichtigste Folgeschlu,
welcher sich aus dem monophyletischen Ursprung der Sugetiere ergibt,
ist die notwendige Ableitung der =Menschenseele= aus einer langen
Entwickelungsreihe von anderen =Mammalienseelen=. Eine gewaltige
anatomische und physiologische Kraft trennt den Gehirnbau und das davon
abhngige Seelenleben der hchsten und der niedersten Sugetiere,
und dennoch wird diese tiefe Kluft durch eine lange Reihe von
vermittelnden Zwischenstufen vollstndig ausgefllt. Die allgemeinsten
Ergebnisse der wichtigen, neuerdings hier tief eingedrungenen
Forschungen sind folgende:

~I~. Das Gehirn der Sugetiere entwickelt sich zwar in gleicher
Weise, wie das der anderen Wirbeltiere, aus drei hintereinander
gelegenen Blasen, die durch zweifache Einschnrung der anfangs
einfachen Hirnblase entstehen; es unterscheidet sich von demjenigen
der brigen Vertebraten durch gewisse Eigentmlichkeiten, welche
allen Gliedern der Klasse gemeinsam sind, vor allem die berwiegende
Ausbildung der ersten und dritten Blase, des Grohirns und Kleinhirns,
whrend die zweite Blase, das Mittelhirn, ganz zurcktritt. ~II~.
Trotzdem schliet sich die Hirnbildung der niedersten und ltesten
Mammalien noch eng an diejenige ihrer palozoischen Vorfahren an,
der Amphibien in der Steinkohlenperiode. ~III~. Erst whrend der
Tertirzeit erfolgt die typische volle Ausbildung des Grohirns, welche
die jngeren Sugetiere so auffallend vor den lteren auszeichnet.
~IV~. Die besondere (quantitative und qualitative) Ausbildung des
Grohirns, welche den Menschen so hoch erhebt, und welche ihn zu seinen
vorzglichen psychischen Leistungen befhigt, findet sich auerdem
nur bei einem Teile der hchstentwickelten Sugetiere der jngeren
Tertirzeit, vor allen bei den Menschenaffen. ~V~. Die Unterschiede,
welche im Gehirnbau und Seelenleben des Menschen und der Menschenaffen
existieren, sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen
diesen letzteren und den niederen Primaten (den ltesten Affen und
den Halbaffen). ~VI~. Demnach mu die historische stufenweise
Entwickelung der Menschenseele aus einer langen Kette von hheren und
niederen Sugetierseelen als eine fundamentale, durch die vergleichende
Anatomie und Ontogenie wissenschaftlich bewiesene =Tatsache= gelten.




=Zehntes Kapitel.=

_Bewutsein._

  Monistische Studien ber bewutes und unbewutes Seelenleben.
  Entwickelungsgeschichte und Theorie des Bewutseins.


Unter allen uerungen des Seelenlebens gibt es keine, die so wunderbar
erscheint und so verschieden beurteilt wird wie das =Bewutsein=. Nicht
allein ber das eigentliche Wesen dieser Seelenttigkeit und ber
ihr Verhltnis zum Krper, sondern auch ber ihre Verbreitung in der
organischen Welt, ber ihre Entstehung und Entwickelung stehen sich
noch heute, wie seit Jahrtausenden, die widersprechendsten Ansichten
gegenber. Mehr als jede andere psychische Funktion hat das Bewutsein
zu der irrtmlichen Vorstellung eines immateriellen Seelenwesens und
im Anschlu daran zu dem Aberglauben der persnlichen Unsterblichkeit
Veranlassung gegeben; viele der schwersten Irrtmer, die unser modernes
Kulturleben noch heute beherrschen, sind darauf zurckzufhren. Ich
habe daher schon frher das Bewutsein als das =psychologische
Zentralmysterium= bezeichnet; es ist die feste Zitadelle aller
mystischen und dualistischen Irrtmer, an deren gewaltigen Wllen alle
Angriffe der bestgersteten Vernunft zu scheitern drohen. Schon diese
Tatsache allein rechtfertigt es, da wir hier dem Bewutsein eine
besondere kritische Betrachtung von unserem monistischen Standpunkte
aus widmen. Wir werden sehen, da das Bewutsein nicht mehr und nicht
minder wie jede andere Seelenttigkeit eine =Naturerscheinung= ist, und
da es gleich allen anderen Naturerscheinungen dem =Substanzgesetz=
unterworfen ist.

_Begriff des Bewutseins._ Schon ber den elementaren Begriff dieser
Seelenttigkeit, ber seinen Inhalt und Umfang, gehen die Ansichten
der angesehensten Philosophen und Naturforscher weit auseinander.
Vielleicht am besten bezeichnet man den Inhalt des Bewutseins als
=innere Anschauung= und vergleicht diese einer =Spiegelung=. Als
zwei Hauptbezirke desselben unterscheidet man hufig das objektive
und subjektive Bewutsein, das Weltbewutsein und Selbstbewutsein.
Bei weitem der grte Teil aller bewuten Seelenttigkeit betrifft,
wie schon =Schopenhauer= hervorhob, das Bewutsein der Auenwelt,
der =anderen Dinge=; dieses =Weltbewutsein= umfat alle mglichen
Erscheinungen der Auenwelt, welche berhaupt unserer Erkenntnis
zugnglich sind. Viel beschrnkter ist unser =Selbstbewutsein=, die
innere Spiegelung unserer eigenen gesamten Seelenttigkeit, aller
Vorstellungen, Empfindungen und Strebungen oder Willensttigkeiten.

_Bewutsein und Seelenleben._ Viele und angesehene Denker, namentlich
unter den Physiologen (z. B. =Wundt= und =Ziehen=), halten die Begriffe
des Bewutseins und der psychischen Funktionen fr identisch: =alle
Seelenttigkeit ist bewute=; das Gebiet der Psychologie reicht nur
so weit als dasjenige des Bewutseins. Nach unserer Ansicht erweitert
diese Definition die Bedeutung des letzteren in ungebhrlicher Weise
und gibt Veranlassung zu zahlreichen Irrtmern und Miverstndnissen.
Wir teilen vielmehr die Ansicht anderer Philosophen (z. B. =Romanes=
und =Fritz Schultze=), da auch die unbewuten Vorstellungen,
Empfindungen und Strebungen zum Seelenleben gehren; in der Tat
ist sogar das Gebiet dieser unbewuten psychischen Aktionen (der
Reflexttigkeit usw.) viel ausgedehnter als dasjenige der bewuten.
Beide Gebiete stehen brigens im engsten Zusammenhang und sind durch
keine scharfe Grenze getrennt; jederzeit kann uns eine unbewute
Vorstellung pltzlich bewut werden; wird unsere Aufmerksamkeit darauf
durch ein anderes Objekt gefesselt, so kann sie ebenso rasch wieder
unserem Bewutsein vllig entschwinden.

_Bewutsein des Menschen._ Die einzige Quelle unserer Erkenntnis des
Bewutseins ist dieses selbst, und hierin liegt in erster Linie die
auerordentliche Schwierigkeit seiner wissenschaftlichen Untersuchung
und Deutung. =Subjekt= und =Objekt= fallen hier in eins zusammen; das
erkennende Subjekt spiegelt sich in seinem eigenen inneren Wesen,
welches Objekt der Erkenntnis sein soll. Auf das Bewutsein anderer
Wesen knnen wir also niemals mit voller objektiver Sicherheit
schlieen, sondern immer nur durch Vergleichung seiner uerungen
mit unseren eigenen. Soweit diese Vergleichung sich nur auf =normale
Menschen= erstreckt, knnen wir allerdings auf deren Bewutsein
gewisse Schlsse ziehen, deren Richtigkeit niemand bezweifelt. Aber
schon bei =abnormen= Persnlichkeiten (bei genialen und exzentrischen,
stumpfsinnigen und geisteskranken Menschen) sind diese Analogieschlsse
entweder unsicher oder falsch. In noch hherem Grade gilt das, wenn
wir das Bewutsein des Menschen mit demjenigen der Tiere in Vergleich
stellen. Da ergeben sich alsbald so groe tatschliche Schwierigkeiten,
da die Ansichten der hervorragendsten Physiologen und Philosophen
himmelweit auseinander gehen. Wir wollen hier nur die wichtigsten
Anschauungen darber kurz einander gegenberstellen.

~I~. _Anthropistische Theorie des Bewutseins:_ =es ist dem Menschen
eigentmlich.= Die weitverbreitete Anschauung, da Bewutsein und
Denken ausschlieliches Eigentum des Menschen seien, und da auch
ihm allein eine unsterbliche Seele zukomme, ist auf =Descartes=
zurckzufhren (1643). Dieser geistreiche franzsische Philosoph und
Mathematiker errichtete eine vollkommene Scheidewand zwischen der
Seelenttigkeit des Menschen und der Tiere. Die Seele des Menschen,
als denkendes, immaterielles Wesen, ist nach ihm vom Krper, als
ausgedehntem, materiellem Wesen, vollstndig getrennt. Trotzdem soll
sie an einem Punkte des Gehirns (an der Zirbeldrse!) mit dem Krper
verbunden sein, um hier Einwirkungen der Auenwelt aufzunehmen und
ihrerseits auf den Krper auszuben. Die =Tiere= dagegen, als nicht
denkende Wesen, sollen keine Seele besitzen und reine =Automaten=
sein, kunstvoll gebaute Maschinen, deren Empfinden, Vorstellen
und Wollen rein mechanisch zustande kommt und nach physikalischen
Gesetzen verluft. Fr die Psychologie des =Menschen= vertrat demnach
=Descartes= den =Dualismus=, fr diejenige der =Tiere= den =Monismus=.
Dieser offenkundige Widerspruch bei einem so klaren und scharfsinnigen
Denker mu hchst auffallend erscheinen; zu Erklrung desselben darf
man wohl mit Recht annehmen, da er seine wahre berzeugung verschwieg
und deren Erkenntnis den selbstndigen Denkern berlie. Als Zgling
der Jesuiten war =Descartes= schon frhzeitig dazu erzogen, wider
bessere Einsicht die Wahrheit zu verleugnen; vielleicht frchtete er
auch die Macht der Kirche und ihre Scheiterhaufen. Ohnehin hatte ihm
seine skeptische Forderung, da jedes reine Erkenntnisstreben vom
Zweifel am berlieferten Dogma ausgehen msse, fanatische Anklagen
wegen Skeptizismus und Atheismus zugezogen. Die mchtige Wirkung,
welche =Descartes= auf die nachfolgende Philosophie ausbte, war
sehr merkwrdig und seiner doppelten Buchfhrung entsprechend.
Die =Materialisten= des 17. und 18. Jahrhunderts beriefen sich
fr ihre monistische Psychologie auf die kartesianische Theorie
von der Tierseele und ihrer mechanischen Maschinenttigkeit. Die
=Spiritualisten= umgekehrt behaupteten, da ihr Dogma von der
Unsterblichkeit der Seele und ihrer Unabhngigkeit vom Krper durch
die kartesianische Theorie der Menschenseele unwiderleglich begrndet
sei. Diese Ansicht ist auch heute noch im Lager der Theologen und der
dualistischen Metaphysiker die herrschende. Die naturwissenschaftliche
Anschauung des 19. Jahrhunderts hat sie mit Hlfe der empirischen
Fortschritte im Gebiete der physiologischen, pathologischen und
vergleichenden Psychologie vllig berwunden.

~II~. _Neurologische Theorie des Bewutseins:_ es =kommt nur dem
Menschen und jenen hheren Tieren= zu, welche ein zentralisiertes
Nervensystem und Sinnesorgane besitzen. Die berzeugung, da ein
groer Teil der Tiere -- zum mindesten die hheren Sugetiere --
ebenso eine denkende Seele und also auch Bewutsein besitzt, wie der
Mensch, beherrscht die Kreise der modernen Zoologie, Physiologie und
monistischen Psychologie. Die groartigen Fortschritte der Neuzeit
in mehreren Gebieten der Biologie haben uns bereinstimmend zu der
Anerkennung dieser bedeutungsvollen Erkenntnis gefhrt. Wir beschrnken
uns bei ihrer Wrdigung zunchst auf die hheren =Wirbeltiere=
und vor allem die Sugetiere. Da die intelligentesten Vertreter
dieser hchst entwickelten Wirbeltiere -- allen voran die Affen und
Hunde -- in ihrer gesamten Seelenttigkeit sich dem Menschen hchst
hnlich verhalten, ist seit Jahrtausenden bekannt und bewundert.
Ihre Vorstellungs- und Sinnesttigkeit, ihr Empfinden und Begehren
ist dem Menschen so hnlich, da wir keine Beweise dafr anzufhren
brauchen. Aber auch die hhere Assoziationsttigkeit ihres Gehirns,
die Bildung von Urteilen und deren Verbindung zu Schlssen, das
Denken und das Bewutsein im engeren Sinne, sind bei ihnen hnlich
entwickelt wie beim Menschen -- nur dem Grade, nicht der Art nach
davon verschieden. berdies lehrt uns die vergleichende Anatomie und
Histologie, da die verwickelte Zusammensetzung des Gehirns (sowohl
die feinere als die grbere Struktur) bei diesen hheren =Sugetieren=
im wesentlichen dieselbe wie beim Menschen ist. Dasselbe zeigt uns die
vergleichende Ontogenie bezglich der Entstehung dieser Seelenorgane.
Die vergleichende Physiologie lehrt, da die verschiedenen Zustnde des
Bewutseins sich bei diesen hchst entwickelten Plazentaltieren ganz
hnlich wie beim Menschen verhalten, und das Experiment beweist, da
sie auch auf uere Eingriffe ebenso reagieren. Man kann hhere Tiere
durch Alkohol, Chloroform, ther usw. ebenso betuben, durch geeignete
Behandlung ebenso hypnotisieren usw. wie den Menschen. Dagegen ist es
nicht mglich, die =Grenze= scharf zu bestimmen, wo auf den niederen
Stufen des Tierlebens das Bewutsein zuerst als solches erkennbar wird.
Die einen Zoologen setzen dieselbe sehr hoch oben an, die anderen
sehr tief unten. =Darwin=, der die verschiedenen Abstufungen des
Bewutseins, der Intelligenz und des Gemts bei den hheren Tieren sehr
genau unterscheidet und durch zunehmende Entwickelung erklrt, weist
zugleich darauf hin, wie schwer oder eigentlich wie unmglich es ist,
die ersten Anfnge dieser hchsten Seelenttigkeiten bei den niederen
Tieren zu bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, da
diejenigen Tiere ein unserem eigenen hnliches bewutes Erleben haben,
die ein Nervensystem von annhernd so feiner Struktur, histologischer
Differenzierung und Zentralisation besitzen.

~III~. _Animalische Theorie des Bewutseins:_ =es findet sich
bei allen Tieren und nur bei diesen.= Hiernach wrde ein scharfer
Unterschied im Seelenleben der Tiere und Pflanzen bestehen; ein solcher
wurde schon von vielen alten Autoren angenommen und von =Linn= scharf
formuliert in seinem grundlegenden ~Systema naturae~ (1735);
die beiden groen Reiche der organischen Natur unterscheiden sich
nach ihm dadurch, da die Tiere Empfindung und Bewutsein haben,
die Pflanzen nicht. Spter hat besonders =Schopenhauer= diesen
Unterschied scharf betont: Das Bewutsein ist uns schlechthin nur
als Eigenschaft =animaler= Wesen bekannt. Auch nachdem es sich durch
die ganze Tierreihe, bis zum Menschen und seiner Vernunft, gesteigert
hat, bleibt die Bewutlosigkeit der Pflanze, von der es ausging, noch
immer die Grundlage. Die untersten Tiere haben blo eine Dmmerung
desselben. Die Unhaltbarkeit dieser Ansicht wurde schon um die Mitte
des neunzehnten Jahrhunderts klar, als man das Seelenleben der niederen
Tierstmme, besonders der Schwmme und Nesseltiere, nher kennen
lernte: echte Tiere, die ebenso wenig Spuren von klarem Bewutsein
besitzen, wie die meisten Pflanzen. Noch mehr wurde der Unterschied
zwischen beiden Reichen verwischt, als man die einzelligen Lebensformen
derselben genauer untersuchte. Die =Urtiere= und die =Urpflanzen=
zeigen keine psychologischen Unterschiede, auch nicht in Beziehung auf
ihr fragliches Bewutsein.

~IV~. _Biologische Theorie des Bewutseins:_ =es ist allen Organismen
gemeinsam=, es findet sich bei allen Tieren und Pflanzen, whrend es
den anorganischen Naturkrpern (Krystallen usw.) fehlt. Diese Annahme
wird gewhnlich mit der Ansicht verknpft, da alle Organismen (im
Gegensatze zu den Anorganen) beseelt sind; die drei Begriffe: Leben,
Seele und Bewutsein, flieen dann gewhnlich zusammen. Eine andere
Modifikation dieser Anschauung ist, da diese drei Grunderscheinungen
des organischen Lebens zwar unzertrennbar verknpft sind, da aber das
Bewutsein nur ein =Teil= der psychischen Ttigkeit ist, wie diese
selbst ein =Teil= der Lebensttigkeit. Da die Pflanzen in demselben
Sinne wie die Tiere eine Seele besitzen, hat namentlich =Fechner=
sich zu zeigen bemht, und manche schreiben der Pflanzenseele ein
Bewutsein von hnlicher Art zu wie der Tierseele. In der Tat sind
ja bei sehr empfindlichen =Sinnpflanzen= (~Mimosa~, ~Drosera~,
~Dionaea~) die auffallenden Reizbewegungen der Bltter, bei manchen
anderen (Klee und Sauerklee, besonders aber ~Hedysarum~) die
autonomen Bewegungen, bei schlafenden Pflanzen (auch vorzugsweise
~Papilionaceen~) die Schlafbewegungen usw. auffallend hnlich
denjenigen vieler niederen Tiere; wer den letzteren Bewutsein
zuschreibt, darf es ganz gewi auch den ersteren nicht absprechen.

~V~. _Zellulare Theorie des Bewutseins:_ =es ist eine
Lebenseigenschaft jeder Zelle.= Die Anwendung der Zellentheorie auf
alle Zweige der Biologie verlangt auch ihre Verknpfung mit der
Psychologie. Mit demselben Rechte, mit dem man in der Anatomie und
Physiologie die lebendige Zelle als den Elementarorganismus
behandelt und das ganze Verstndnis des hheren, vielzelligen
Tier- und Pflanzenkrpers daraus ableitet, mit demselben Rechte kann
man auch die =Zellseele= als das psychologische Element betrachten
und die zusammengesetzte Seelenttigkeit der hheren Organismen als
das Resultat aus dem vereinigten Seelenleben der Zellen, die sie
zusammensetzen. Ich habe die Grundzge dieser =Zellular-Psychologie=
schon 1866 in meiner Generellen Morphologie entworfen und sie spter
weiter ausgefhrt in meinem Aufsatz ber Zellseelen und Seelenzellen.
Zum tieferen Eindringen in diese Elementarpsychologie wurde ich
durch meine langjhrige Beschftigung mit den einzelligen Lebensformen
gefhrt. Viele von diesen kleinen (meist mikroskopischen) Protisten
zeigen hnliche uerungen von Empfindung und Willen, hnliche
Instinkte und Bewegungen wie hhere Tiere; besonders gilt das von den
sehr empfindlichen und lebhaft beweglichen Infusorien. Sowohl in dem
Verhalten dieser reizbaren Zellinge gegenber der Auenwelt, wie in
vielen anderen Lebensuerungen derselben, z. B. in dem wunderbaren
Gehusebau der Rhizopoden, (Thalamophoren und Radiolarien) knnte man
deutliche Spuren bewuter Seelenttigkeit zu erkennen glauben. Wenn man
nun die biologische Theorie des Bewutseins akzeptiert (Nr. ~IV~),
und wenn man jede psychische Funktion mit einem Bewutseinsanteil
ausstattet, dann wird man auch jeder selbstndigen Protistenzelle
Bewutsein zuschreiben mssen. Die materielle Grundlage desselben wre
dann entweder das ganze =Plasma= der Zelle, oder deren Kern, oder
ein Teil desselben. Definitiv widerlegen lt sich diese Annahme,
die ich frher vertrat, nicht. Ich mu aber jetzt =Max Verworn=
zustimmen, welcher in seinen ausgezeichneten Psychophysiologischen
Protistenstudien annimmt, da wohl smtlichen Protisten ein
entwickeltes Ichbewutsein fehlt, und da ihre Empfindungen und
Bewegungen durchweg den Charakter des =Unbewuten= tragen.

~VI~. _Atomistische Theorie des Bewutseins:_ =es ist eine
Elementareigenschaft aller Atome.= Unter allen verschiedenen
Anschauungen ber die Verbreitung des Bewutseins geht diese
aromatische Hypothese am weitesten. Sie ist wohl hauptschlich der
Schwierigkeit entsprungen, welche manche Philosophen und Biologen bei
der Frage nach der ersten Entstehung des =Bewutseins= empfinden.
Diese Erscheinung trgt ja einen so eigenartigen Charakter, da
ihre Ableitung aus anderen psychischen Funktionen hchst bedenklich
erscheint; man glaubte daher dieses Hindernis am leichtesten
dadurch zu berwinden, da man sie als eine Elementareigenschaft
aller Materie annahm, gleich der Massenanziehung oder der
chemischen Wahlverwandtschaft. Es wrde danach so viele Formen des
Elementarbewutseins geben, als es chemische Elemente gibt; jedes
Atom Wasserstoff wrde sein hydrogenes Bewutsein haben, jedes Atom
Kohlenstoff sein karbonisches Bewutsein usw.

Ich halte diese Hypothese fr unbegrndet und beharre in der
berzeugung, da das Bewutsein an einen hohen Grad von Differenzierung
und Zentralisation des Nervensystems gebunden ist, wie beim Menschen
und einem Teile der hheren Wirbeltiere.

_Monistische und dualistische Theorie des Bewutseins._ Soweit
auch die verschiedenen Ansichten ber die Natur und die Entstehung
des Bewutseins auseinander gehen, so lassen sich doch alle
schlielich -- bei klarer und konsequenter logischer Behandlung
-- auf zwei entgegengesetzte Grundanschauungen zurckfhren, auf
die =transzendente= (bernatrliche, =dualistische=) und die
=physiologische= (natrliche, =monistische=). Ich selbst habe von jeher
diese letztere Auffassung, und zwar auf Grund der =Entwickelungslehre=,
vertreten, und sie wird gegenwrtig von einer groen Anzahl
hervorragender Naturforscher geteilt.

_Transzendenz des Bewutseins._ In dem berhmten Vortrag ber
die Grenzen des Naturerkennens, welchen =E. Du Bois-Reymond=
am 14. August 1872 auf der Naturforscherversammlung in Leipzig
hielt, stellte derselbe zwei verschiedene =unbedingte Grenzen=
unseres Naturerkennens auf, welche der menschliche Geist auch bei
vorgeschrittenster Naturerkenntnis niemals berschreiten werde --
=niemals=, wie das oft zitierte Schluwort des Vortrags emphatisch
betont: ~Ignorabimus~! Das eine absolut unlsbare Weltrtsel
ist der Zusammenhang von Materie und Kraft und das eigentliche
Wesen dieser fundamentalen Naturerscheinungen; wir werden dieses
=Substanzproblem= im zwlften Kapitel eingehend behandeln. Das
zweite unbersteigliche Hindernis der Philosophie soll das Problem
des =Bewutseins= bilden, die Frage: wie unsere Geistesttigkeit aus
materiellen Bedingungen, bezglich Bewegungen zu erklren ist, wie die
(der Materie und Kraft zugrunde liegende) Substanz unter bestimmten
Bedingungen empfindet, begehrt und denkt.

Wenn man diese vielbesprochene Ignorabimusrede unbefangen auf
ihren Kern untersucht, so mu man darin das entschiedene Programm
des =methaphysischen Dualismus= finden; die Welt ist =doppelt=
unbegreiflich: einmal die materielle Welt, in welcher Materie
und Kraft ihr Wesen treiben, und gegenber, ganz getrennt, die
immaterielle Welt des Geistes, in welcher Denken und Bewutsein
nicht aus materiellen Bedingungen erklrbar sind, wie bei der
ersteren. Es war ganz naturgem, da der herrschende Dualismus und
Mystizismus diese Anerkennung der zwei verschiedenen Welten mit
Begierde ergriff, um damit die Doppelnatur des Menschen und die
Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Der Jubel der Spiritualisten
darber war um so heller und berechtigter, als =E. Du Bois-Reymond=
bis dahin als ein bedeutender prinzipieller Vertreter des
wissenschaftlichen Materialismus gegolten hatte; und das war und blieb
er auch (trotz seiner schnen Reden!), ebenso wie alle anderen
sachkundigen, klaren und =konsequent denkenden= Naturforscher der
Gegenwart.

Allerdings hat der Verfasser der Ignorabimusrede am Schlusse derselben
kurz auf die Frage hingewiesen, ob nicht jene beiden gegenberstehenden
Weltrtsel, das allgemeine Substanzproblem und das besondere
Bewutseinsproblem, zusammenfallen. Er sagt: Freilich ist diese
Vorstellung die einfachste und der vorzuziehen, wonach die Welt doppelt
unbegreiflich erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, da wir
auch in diesem Punkte nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere
Reden darber bleibt mig. -- Dieser letzteren Ansicht bin ich von
Anfang an entschieden entgegengetreten und habe mich zu zeigen bemht,
da jene beiden groen Fragen nicht zwei verschiedene Weltrtsel sind.
=Das neurologische Problem des Bewutseins ist nur ein besonderer Fall
von dem allumfassenden kosmologischen Problem, der Substanzfrage.=
(Monismus, 1892, S. 23.)

_Physiologie des Bewutseins._ Die eigenartige Naturerscheinung
des Bewutseins ist nicht, wie =Du Bois-Reymond= und mit ihm die
dualistische Philosophie behauptet, ein vllig und durchaus
transzendentes Problem; sondern sie ist, wie ich schon seit 1866
behauptet habe, ein =physiologisches Problem=, und als solches auf
die Erscheinungen im Gebiete der Physik und Chemie zurckzufhren.
Ich habe es spter noch bestimmter als ein =neurologisches Problem=
bezeichnet, auf der Annahme fuend, da ein dem menschlichen analoges
Bewutsein nur bei den hheren Tieren mit stark zentralisiertem
Nervensystem zu suchen ist. Mit voller Sicherheit lt sich das fr
die hheren Wirbeltiere behaupten, und vor allem fr die plazentalen
Sugetiere, aus deren Stamm das Menschengeschlecht selbst entsprossen
ist. Das Bewutsein der hchstentwickelten Affen, Hunde, Elephanten
usw. ist von demjenigen des Menschen nur dem Grade, nicht der Art nach
verschieden, und die graduellen Unterschiede im Bewutsein dieser
vernnftigsten Zottentiere und der niedersten Menschenrassen (Weddas,
Australneger usw.) sind geringer als die entsprechenden Unterschiede
zwischen diesen letzteren und den hchst entwickelten Vernunftmenschen
(=Spinoza=, =Goethe=, =Lamarck=, =Darwin= usw.). Das Bewutsein ist
mithin nur =ein Teil der hheren Seelenttigkeit=, und als solche
abhngig von der normalen Struktur des betreffenden Seelenorgans, des
=Gehirns=.

Physiologische Beobachtung und Experiment haben seit zwanzig Jahren
den sicheren Beweis gefhrt, da derjenige engere Bezirk des
Sugetiergehirns, den man in diesem Sinne als =Organ= des Bewutseins
bezeichnet, ein Teil des =Grohirns= ist, und zwar der spt
entstandene graue Mantel oder die Grohirnrinde. Aber auch die
=morphologische= Begrndung dieser physiologischen Erkenntnis ist den
bewunderungswrdigen Fortschritten der =mikroskopischen Gehirnanatomie=
gelungen, welche wir den vervollkommneten Forschungsmethoden der
neuesten Zeit verdanken.

Wohl die wichtigste von diesen Erkenntnissen ist die Entdeckung
der =Denkorgane= durch =Paul Flechsig= in Leipzig; er wies 1894
nach, da in der grauen Rindenzone des Hirnmantels vier Gebiete
der zentralen Sinnesorgane oder vier innere Empfindungssphren
liegen, die Krperfhlsphre im Scheitellappen, die Riechsphre im
Stirnlappen, die Sehsphre im Hinterhauptslappen, die Hrsphre im
Schlfenlappen. Zwischen diesen vier =Sinnesherden= liegen die vier
groen =Denkherde= oder Assozionszentren, die realen =Organe des
Geisteslebens=; sie sind jene hchsten Werkzeuge der Seelenttigkeit,
welche das =Denken= und das =Bewutsein= vermitteln: vorn das Stirnhirn
oder das frontale Assozionszentrum, hinten oben das Scheitelhirn
oder parietale Assozionszentrum, hinten unten das Prinzipalhirn oder
das groe occipito-temporale Assozionszentrum (das wichtigste von
allen!) und endlich tief unten, im Innern versteckt, das Inselhirn
oder die Reilsche Insel, das insulare Assozionszentrum. Diese vier
Denkherde, durch eigentmliche und hchst verwickelte Nervenstruktur
vor den zwischenliegenden Sinnesherden ausgezeichnet, sind die wahren
=Denkorgane=, die einzigen Organe unseres Bewutseins. In neuester
Zeit hat =Flechsig= nachgewiesen, da in einem Teile derselben sich
beim Menschen noch ganz besonders verwickelte Strukturen finden, welche
den brigen Sugetieren fehlen, und welche die berlegenheit des
menschlichen Bewutseins erklren.

_Pathologie des Bewutseins._ Die bedeutungsvolle Erkenntnis der
modernen Physiologie, da das Grohirn beim Menschen und den hheren
Sugetieren das Organ des Geisteslebens und des Bewutseins ist, wird
einleuchtend besttigt durch die Pathologie, durch die Kenntnis seiner
=Erkrankungen=. Wenn die betreffenden Teile der Grohirnrinde durch
Krankheit zerstrt werden, erlischt ihre Funktion, und zwar lt sich
hier die =Lokalisation= der Gehirnfunktionen sogar partiell nachweisen;
wenn einzelne Stellen jenes Gebietes erkranken, verschwindet auch der
Teil des Denkens und des Bewutseins, welcher an die betreffende Stelle
gebunden ist. Dasselbe Ergebnis liefert das pathologische Experiment;
Zerstrung einer solchen bekannten Stelle (z. B. im Sprachzentrum)
vernichtet deren Funktion (die Sprache). brigens gengt ja der
Hinweis auf die bekanntesten alltglichen Erscheinungen im Gebiete des
Bewutseins, um die vllige Abhngigkeit desselben von den =chemischen=
Vernderungen der Gehirnsubstanz zu beweisen. Viele Genumittel
(Kaffee, Tee) regen unser Denkvermgen an; andere (Wein, Bier) stimmen
unser Gemt heiter; Moschus und Kampher als ~Excitantia~ beleben
das erlschende Bewutsein; ther und Chloroform betuben dasselbe
usw. Wie wre das alles mglich, wenn das Bewutsein ein immaterielles
Wesen, unabhngig von jenen anatomisch nachgewiesenen Organen wre? Und
worin besteht das Bewutsein der unsterblichen Seele, wenn sie nicht
mehr jene Organe besitzt.

Alle diese und andere bekannte Tatsachen beweisen, da das Bewutsein
beim Menschen (genau ebenso wie bei den nchstverwandten Sugetieren)
=vernderlich= ist, und da seine Ttigkeit jederzeit abgendert werden
kann durch innere Ursachen (Stoffwechsel, Blutkreislauf) und uere
Ursachen (Verletzung des Gehirns, Reizung usw.). Sehr lehrreich sind
auch die merkwrdigen Zustnde des alternierenden oder =doppelten
Bewutseins=; derselbe Mensch zeigt an verschiedenen Tagen, unter
vernderten Umstnden, ein ganz verschiedenes Bewutsein; er wei heute
nicht mehr, was er gestern getan hat, gestern konnte er sagen: Ich bin
ich; -- heute mu er sagen: Ich bin ein anderer. Solche Intermissionen
des Bewutseins knnen nicht blo Tage, sondern Monate und Jahre
dauern; sie knnen selbst bleibend werden.

_Ontogenie des Bewutseins._ Wie jedermann wei, ist das neugeborene
Kind noch ganz ohne Bewutsein, und wie =Preyer= gezeigt hat,
entwickelt sich dasselbe erst spt, nachdem das kleine Kind zu sprechen
angefangen hat; es spricht von sich lange Zeit in der dritten Person.
Erst in dem bedeutungsvollen Momente, in welchem es zum ersten Male
Ich sagt, in welchem das =Ichgefhl= klar wird, beginnt sein
Selbstbewutsein zu keimen und damit auch der Gegensatz zur Auenwelt.
Die schnellen und tiefgreifenden Fortschritte der Erkenntnis, welche
das Kind durch den Unterricht der Eltern und der Schule in den ersten
zehn Lebensjahren macht, und spter langsamer im zweiten Dezennium
bis zur vollendeten geistigen Reife, sind eng verknpft mit unzhligen
Fortschritten im Wachstum und in der Entwickelung des =Bewutseins=
und mit derjenigen seines Organs, des =Gehirns=. Aber auch, wenn der
Schler das Zeugnis der Reife erlangt hat, ist in Wahrheit sein
Bewutsein noch lange nicht reif, und jetzt beginnt erst recht, in
vielseitiger Berhrung mit der Auenwelt, das =Weltbewutsein=
sich zu entwickeln. Jetzt erst reift im dritten Dezennium jene volle
Ausbildung des vernnftigen Denkens und damit des Bewutseins, welche
dann bei normaler Entwickelung in den folgenden drei Jahrzehnten ihre
reifen Frchte trgt. Gewhnlich mit Beginn des siebenten Dezennium
(bald frher, bald spter) beginnt dann jene langsame und allmhliche
Rckbildung der hheren Geistesttigkeit, welche das Greisenalter
charakterisiert. Gedchtnis, Rezeptionsfhigkeit und Interesse an
speziellen Objekten nehmen mehr und mehr ab; dagegen bleibt die
Produktionsfhigkeit, das gereifte Bewutsein und das philosophische
Interesse an allgemeinen Beziehungen oft noch lange erhalten. Die
individuelle Entwickelung des Bewutseins in frher Jugend beweist
die allgemeine Geltung des =Biogenetischen Grundgesetzes=; aber auch
in spteren Jahren ist dieselbe noch vielfach erkennbar. Jedenfalls
berzeugt uns die Ontogenese des Bewutseins aufs klarste von der
Tatsache, da dasselbe kein immaterielles Wesen, sondern eine
physiologische Funktion des Gehirns ist, und da es also auch keine
Ausnahme vom Substanzgesetze bildet.

_Phylogenie des Bewutseins._ Die Tatsache, da das Bewutsein, gleich
allen anderen Seelenttigkeiten, an die normale Ausbildung bestimmter
Organe gebunden ist, und da es sich beim Kinde, in Zusammenhang mit
diesen Gehirnorganen, allmhlich entwickelt, lt schon von vornherein
schlieen, da es auch innerhalb der Tierreihe sich stufenweise
historisch entwickelt hat. So sicher wir aber auch eine solche
natrliche =Stammesgeschichte des Bewutseins= im Prinzip behaupten
mssen, so wenig sind wir doch leider imstande, tiefer in dieselbe
einzudringen und spezielle Hypothesen darber aufzustellen. Indessen
liefert uns die Palontologie doch einige interessante Anhaltspunkte,
die nicht ohne Bedeutung sind. Auffallend ist z. B. die bedeutende,
quantitative und qualitative Entwickelung des Gehirns der plazentalen
Sugetiere innerhalb der =Tertirzeit=. An vielen fossilen Schdeln
derselben ist die innere Schdelhhle genau bekannt und liefert uns
sichere Aufschlsse ber die Gre und teilweise auch ber den Bau des
davon umschlossenen Gehirns. Da zeigt sich denn innerhalb einer und
derselben Legion (z. B. der Huftiere, der Raubtiere, der Herrentiere)
ein gewaltiger Fortschritt von den lteren eoznen und oligoznen zu
den jngeren mioznen und plioznen Vertretern desselben Stammes; bei
den letzteren ist das Gehirn (im Verhltnis zur Krpergre) 6-8 mal so
gro als bei den ersteren.

Auch jene hchste Entwickelungsstufe des Bewutseins, welche nur der
=Kulturmensch= erreicht, hat sich erst allmhlich und stufenweise --
eben durch den Fortschritt der Kultur selbst -- aus niederen Zustnden
entwickelt, wie wir sie noch heute bei primitiven Naturvlkern
antreffen. Das zeigt uns schon die Vergleichung ihrer =Sprachen=,
welche mit derjenigen der =Begriffe= eng verknpft ist. Je hher sich
beim denkenden Kulturmenschen die Begriffsbildung entwickelt, je
mehr er fhig wird, aus zahlreichen verschiedenen Einzelheiten die
gemeinsamen Merkmale zusammenzufassen und unter allgemeine Begriffe zu
bringen, desto klarer und tiefer wird damit sein Bewutsein.




=Elftes Kapitel.=

_Unsterblichkeit der Seele._

  Monistische Studien ber Fanatismus und Athanismus. Kosmische und
  persnliche Unsterblichkeit. Seelen-Substanz.


Indem wir uns von der genetischen Betrachtung der Seele zu der groen
Frage ihrer Unsterblichkeit wenden, betreten wir jenes hchste Gebiet
des Aberglaubens, welches gewissermaen die unzerstrbare Zitadelle
aller mystischen und dualistischen Vorstellungskreise bildet. Denn
bei dieser Kardinalfrage knpft sich an die rein philosophischen
Vorstellungen mehr als bei jedem anderen Problem das egoistische
Interesse der menschlichen Person, welche um jeden Preis ihre
individuelle Fortdauer ber den Tod hinaus garantiert haben will.
Dieses hhere Gemtsbedrfnis ist so mchtig, da es alle logischen
Schlsse der kritischen Vernunft ber den Haufen wirft. Bewut oder
unbewut werden bei den meisten Menschen alle brigen allgemeinen
Ansichten, also auch die ganze Weltanschauung, von dem Dogma der
persnlichen Unsterblichkeit beeinflut, und an diesen theoretischen
Irrtum knpfen sich praktische Folgerungen von weitestreichender
Wirkung. Es wird daher unsere Aufgabe sein, alle Seiten dieses
wichtigen Dogmas kritisch zu prfen und seine Unhaltbarkeit gegenber
den empirischen Erkenntnissen der modernen Biologie nachzuweisen.

_Athanismus und Thanatismus._ Um einen kurzen und bequemen Ausdruck
fr die beiden entgegengesetzten Grundanschauungen ber die
Unsterblichkeitsfrage zu haben, bezeichnen wir den Glauben an die
persnliche Unsterblichkeit des Menschen als =Athanismus=. Dagegen
nennen wir =Thanatismus= die berzeugung, da mit dem Tode des
Menschen nicht nur alle brigen physiologischen Lebensttigkeiten
erlschen, sondern auch die =Seele= verschwindet, d. h. jene Summe
von Gehirnfunktionen, welche der psychische Dualismus als ein eigenes
Wesen, unabhngig von den brigen Lebensuerungen des lebendigen
Krpers, betrachtet.

Indem wir hier das physiologische Problem des =Todes= berhren,
betonen wir nochmals den =individuellen= Charakter dieser organischen
Naturerscheinung. Wir verstehen unter Tod ausschlielich das definitive
Aufhren der Lebensttigkeit des organischen =Individuums=, gleichviel
welcher Kategorie oder welcher Stufenfolge der Individualitt das
betreffende Einzelwesen angehrt. Der Mensch ist tot, wenn seine Person
stirbt, gleichviel, ob er gar keine Nachkommenschaft hinterlassen
hat, oder ob er Kinder erzeugt hat, deren Nachkommen sich durch viele
Generationen fruchtbar fortpflanzen. Man sagt ja in gewissem Sinne,
da der Geist groer Mnner (z. B. in einer Dynastie hervorragender
Herrscher, in einer Familie talentvoller Knstler) durch Generationen
fortlebt; und ebenso sagt man, da die Seele ausgezeichneter Frauen
oft in den Kindern und Kindeskindern sich forterhlt. Allein in diesen
Fllen handelt es sich stets um verwickelte Vorgnge der =Vererbung=,
bei welchen eine abgelste mikroskopische Zelle (die Spermazelle des
Vaters, die Eizelle der Mutter) gewisse Eigenschaften der Substanz
auf die Nachkommen bertrgt. Die einzelnen =Personen=, welche jene
Geschlechtszellen zu Tausenden produzieren, bleiben trotzdem sterblich,
und mit ihrem Tode erlischt ihre individuelle Seelenttigkeit ebenso
wie jede andere physiologische Funktion.

_Kosmische und persnliche Unsterblichkeit._ Wenn man den Begriff der
Unsterblichkeit ganz allgemein auffat und auf die Gesamtheit der
erkennbaren Natur ausdehnt, so gewinnt er wissenschaftliche Bedeutung;
er erscheint dann der monistischen Philosophie nicht nur annehmbar,
sondern selbstverstndlich. Denn die These von der Unzerstrbarkeit
und ewigen Dauer alles Seienden fllt dann zusammen mit unserem
hchsten Naturgesetze, dem =Substanzgesetz= (12. Kapitel). Wir werden
diese kosmische Unsterblichkeit spter, bei Begrndung der Lehre von
der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, ausfhrlich errtern; jetzt
wenden wir uns sogleich zur Kritik jenes Unsterblichkeitsglaubens,
der gewhnlich allein unter diesem Begriffe verstanden wird, der
Immortalitt der =persnlichen Seele=. Wir untersuchen zunchst
die Verbreitung und Entstehung dieser mystischen und dualistischen
Vorstellung und betonen dabei besonders die weite Verbreitung ihres
Gegenteils, des =monistischen=, empirisch begrndeten =Thanatismus=.
Ich unterscheide hier als zwei wesentlich verschiedene Erscheinungen
desselben den =primren= und den =sekundren= Thanatismus; bei ersterem
ist der Mangel des Unsterblichkeitsdogmas ein ursprnglicher (bei
primitiven Naturvlkern); der sekundre Thanatismus dagegen ist das
spte Erzeugnis vernunftgemer Naturerkenntnis bei hoch entwickelten
Kulturvlkern.

_Primrer Thanatismus (Ursprnglicher Mangel der
Unsterblichkeitsidee)._ In vielen philosophischen und besonders
theologischen Schriften lesen wir noch heute die Behauptung, da der
Glaube an die persnliche Unsterblichkeit der menschlichen Seele allen
Menschen ursprnglich gemeinsam sei. Das ist falsch. Dieses Dogma ist
weder eine ursprngliche Vorstellung der menschlichen Vernunft, noch
hat es jemals allgemeine Verbreitung gehabt. In dieser Beziehung ist
vor allem wichtig die sichere, erst neuerdings durch die vergleichende
Ethnologie festgestellte Tatsache, da mehrere Naturvlker der ltesten
und primitivsten Stufe ebensowenig von einer Unsterblichkeit als von
einem Gotte irgend eine Vorstellung haben. Das gilt namentlich von den
Weddas auf Ceylon, jenen primitiven Pygmen, die wir auf Grund der
ausgezeichneten Forschungen der Herren =Sarasin= fr einen berrest der
ltesten indischen Urmenschen halten; ferner von mehreren ltesten
Stmmen der nchstverwandten Dravidas, von den indischen Seelongs
und einigen Stmmen der Australneger. Ebenso kennen mehrere der
primitivsten Urvlker der amerikanischen Rasse, im inneren Brasilien,
am oberen Amazonenstrom usw., weder Gtter noch Unsterblichkeit.

_Sekundrer Thanatismus (Erworbener Mangel der Unsterblichkeitsidee)._
Im Gegensatze zu dem primren Thanatismus, der sicher bei den ltesten
Urmenschen ursprnglich bestand und noch heute besteht, ist der
sekundre Mangel des Unsterblichkeitsglaubens erst spt entstanden; er
ist erst die reife Frucht eingehenden Nachdenkens ber Leben und Tod,
also ein Produkt echter und unabhngiger philosophischer Reflexion.
Als solcher tritt er uns schon im sechsten Jahrhundert v. Chr. bei
einem Teile der ionischen Naturphilosophen entgegen, spter bei den
Grndern der alten materialistischen Philosophie, bei =Demokritos= und
=Empedokles=, aber auch bei =Simonides= und =Epikur=, bei =Seneca=
und =Plinius=, am meisten durchgebildet bei =Lucretius Carus=. Als
dann nach dem Untergange des klassischen Altertums das Christentum
sich ausbreitete, gewann mit ihm der Athanismus, als einer seiner
wichtigsten Glaubensartikel, die hchste Bedeutung.

Whrend der langen Geistesnacht des christlichen Mittelalters
wagte begreiflicherweise nur selten ein khner Freidenker, seine
abweichende berzeugung zu uern; die Beispiele von =Galilei=, von
=Giordano Bruno= und anderen unabhngigen Philosophen, welche von den
Nachfolgern Christi der Tortur und dem Scheiterhaufen berliefert
wurden, schreckten gengend jedes freie Bekenntnis ab. Dieses wurde
erst wieder mglich, nachdem die Reformation und die Renaissance
die Allmacht des Papismus gebrochen hatten. Die Geschichte der
neueren Philosophie zeigt die mannigfaltigen Wege, auf denen die
gereifte menschliche Vernunft dem Aberglauben der Unsterblichkeit
zu entrinnen versuchte. Immerhin verlieh ihm die enge Verknpfung
mit dem christlichen Dogma auch in den freieren protestantischen
Kreisen solche Macht, da selbst die meisten berzeugten Freidenker
ihre Meinung still fr sich behielten. Nur selten wagten einzelne
hervorragende Mnner, ihre berzeugung von der Unmglichkeit der
Seelenfortdauer nach dem Tode frei zu bekennen. Besonders geschah dies
in der zweiten Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich von
=Voltaire=, =Danton=, =Mirabeau= u. a., ferner von den Hauptvertretern
des damaligen Materialismus, =Holbach=, =Lamettrie= u. a. Dieselbe
berzeugung vertrat auch der geistreiche Freund der letzteren, der
grte der Hohenzollernfrsten, der Philosoph von Sanssouci.
Was wrde =Friedrich der Groe=, dieser =gekrnte Thanatist und
Atheist=, sagen, wenn er heute seine monistischen berzeugungen mit
den mittelalterlich-dualistischen Kundgebungen seiner Nachfolger
vergleichen knnte!

Unter den =denkenden rzten= ist die berzeugung, da mit dem Tode
des Menschen auch die Existenz seiner Seele aufhre, wohl seit
Jahrhunderten sehr verbreitet gewesen; aber auch sie hteten sich
meistens wohl, dieselbe auszusprechen. Auch blieb immerhin noch im
18. Jahrhundert die empirische Kenntnis des Gehirns so unvollkommen,
da die Seele als ein rtselhafter Bewohner desselben ihre freie
Existenz fortfristen konnte. Endgltig beseitigt wurde sie erst
durch die Fortschritte der Biologie in der zweiten Hlfte des
19. Jahrhunderts. Die Begrndung der Deszendenztheorie und der
Zellentheorie, die berraschenden Entdeckungen der Ontogenie und
der Experimentalphysiologie, vor allem aber die bewundernswrdigen
Fortschritte der mikroskopischen Gehirnanatomie entzogen dem Athanismus
allmhlich jeden Boden, so da jetzt nur selten ein sachkundiger und
ehrlicher Biologe noch fr die Unsterblichkeit der Seele eintritt. Die
monistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts (=Strau=, =Feuerbach=,
=Bchner=, =Rau=, =Spencer= usw.) sind smtlich =Thanatisten=.

_Athanismus und Religion._ Die weiteste Verbreitung und die hchste
Bedeutung hat das Dogma der persnlichen Unsterblichkeit erst durch
seine innige Verbindung mit den Glaubenslehren des =Christentums=
gefunden; und diese hat auch zu der irrtmlichen, heute noch sehr
verbreiteten Ansicht gefhrt, da jenes Dogma berhaupt einen
wesentlichen Grundbestandteil jeder geluterten =Religion= bilde. Das
ist durchaus nicht der Fall! Der Glaube an die Unsterblichkeit der
Seele fehlt vollstndig den meisten hher entwickelten orientalischen
Religionen; er fehlt dem =Buddhismus=, der noch heute ber 30 Prozent
der gesamten menschlichen Bevlkerung der Erde beherrscht; er fehlt
ebenso der alten Volksreligion der Chinesen wie der reformierten,
spter an deren Stelle getretenen Religion des =Confucius=; und,
was das Wichtigste ist, er fehlt der lteren und reineren jdischen
Religion; weder in den fnf Bchern =Moses=' noch in jenen lteren
Schriften des Alten Testamentes, welche vor dem babylonischen Exil
geschrieben wurden, ist die Lehre von der individuellen Fortdauer nach
dem Tode zu finden.

_Entstehung des Unsterblichkeitsglaubens._ Die mystische Vorstellung,
da die Seele des Menschen nach seinem Tode fortdauere und unsterblich
weiterlebe, fehlte dem ltesten, schon mit Sprache begabten
=Urmenschen= gewi ebenso wie seinen Vorfahren und wie seinen modernen,
wenig entwickelten Nachkommen, den Weddas von Ceylon, den Seelongs
von Indien und anderen primitiven Naturvlkern. Erst bei zunehmender
Vernunft, bei eingehenderem Nachdenken ber Leben und Tod, ber Schlaf
und Traum, entwickelten sich bei verschiedenen lteren Menschenrassen
-- unabhngig voneinander -- mystische Vorstellungen ber die
dualistische Zusammensetzung unseres Organismus. Sehr verschiedene
Motive werden bei diesem Vorgange zusammengewirkt haben: Ahnenkultus,
Verwandtenliebe, Lebenslust und Wunsch der Lebensverlngerung, Hoffnung
auf bessere Lebensverhltnisse im Jenseits, Hoffnung auf Belohnung
der guten und Bestrafung der schlechten Taten usw. Die vergleichende
Physiologie hat uns neuerdings eine groe Anzahl von sehr verschiedenen
derartigen Glaubensdichtungen kennen gelehrt; groenteils hngen
sie eng zusammen mit den ltesten Formen des Gottesglaubens und
der Religion berhaupt. In den meisten modernen Religionen ist der
=Athanismus= eng verknpft mit dem =Theismus=. Die Vorstellung, welche
sich die meisten Glubigen von ihrer persnlichen unsterblichen Seele
bilden, ist ebenso materialistisch, wie das individuelle Bild von ihrem
persnlichen lieben Gott.

_Christlicher Unsterblichkeitsglaube._ Wie allgemein bekannt, hat
das Dogma von der Unsterblichkeit der Seele in der christlichen
Religion schon lange diejenige feste Form angenommen, welche sich in
dem Glaubensartikel ausspricht: Ich glaube an die Auferstehung des
Fleisches und ein ewiges Leben. Wie am Osterfest Christus selbst
von den Toten auferstanden ist und nun in Ewigkeit als Gottes
Sohn, sitzend zur rechten Hand Gottes, gedacht wird, versinnlichen
uns unzhlige Bilder und Legenden. In gleicher Weise wird auch der
Mensch am jngsten Tage auferstehen und seinen Lohn fr die Fhrung
seines einstigen Erdenlebens empfangen. Dieser ganze christliche
Vorstellungskreis ist durch und durch =materialistisch= und
anthropistisch; er erhebt sich nicht viel ber die entsprechenden rohen
Vorstellungen vieler niederer Naturvlker. Da die Auferstehung des
Fleisches unmglich ist, wei eigentlich jeder, der einige Kenntnisse
in Anatomie und Physiologie besitzt. Die materielle Auferstehung
Christi, welche von Millionen glubiger Christen an jedem Osterfeste
gefeiert wird, ist ebenso ein reiner Mythus wie die Auferweckung von
den Toten, welche er mehrfach ausgefhrt haben soll. Fr die reine
Vernunft sind diese mystischen Glaubensartikel ebenso unannehmbar wie
die damit verknpfte Hypothese eines ewigen Lebens.

_Metaphysischer Unsterblichkeitsglaube._ Gegenber dem
materialistischen Athanismus, welcher in der christlichen und
mohammedanischen Kirche herrschend ist, vertritt scheinbar eine reinere
und hhere Glaubensform der =metaphysische Athanismus=, wie ihn die
meisten dualistischen und spiritualistischen Philosophen lehren. Als
der bedeutendste Begrnder desselben ist Plato zu betrachten; er lehrte
schon im vierten Jahrhundert vor Chr. jenen vollkommenen Dualismus
zwischen Leib und Seele, welcher dann in der christlichen Glaubenslehre
zu einem der theoretisch wichtigsten und praktisch wirkungsvollsten
Artikel wurde. Der Leib ist sterblich, materiell (physisch); die Seele
ist unsterblich, immateriell (metaphysisch). Beide sind nur whrend des
individuellen Lebens vorbergehend verbunden. Da =Plato= ein ewiges
Leben der selbstndigen Seele sowohl vor als nach dieser zeitweiligen
Verbindung annimmt, ist er auch Anhnger der =Seelenwanderung=; die
Seelen existierten als solche, als ewige Ideen, schon bevor sie in
den menschlichen Krper eintraten. Nachdem sie denselben verlassen,
suchen sie sich als Wohnort einen anderen Krper aus, der ihrer
Beschaffenheit am meisten angemessen ist; die Seelen von grausamen
Tyrannen schlpfen in den Krper von Wlfen und Geiern, diejenigen von
tugendhaften Arbeitern in den Leib von Bienen und Ameisen usw. Die
kindlichen und naiven Anschauungen dieser platonischen Seelenlehre
liegen auf der Hand; bei weiterem Eindringen erscheinen sie vllig
unvereinbar mit unseren festgegrndeten physiologischen Erkenntnissen.
Wir erwhnen sie hier nur, weil sie trotz ihrer Absurditt den grten
kulturhistorischen Einflu erlangten. Denn einerseits knpfte an die
platonische Seelenlehre die Mystik der Neuplatoniker an, welche in das
Christentum Eingang gewann; andererseits wurde sie spter zu einem
Hauptpfeiler der spiritualistischen und idealistischen Philosophie.
Die platonische =Idee= verwandelte sich spter in den Begriff der
=Seelensubstanz=, die allerdings ebenso unfabar und metaphysisch ist,
aber doch oft einen physikalischen Anschein gewann.

_Seelensubstanz._ Die Auffassung der Seele als =Substanz= ist bei
vielen Psychologen sehr unklar; bald wird dieselbe in abstraktem
und idealistischem Sinne als ein immaterielles Wesen von ganz
eigentmlicher Art betrachtet, bald in konkretem und realistischem
Sinne, bald als ein unklares Mittelding zwischen beiden. Halten wir an
dem monistischen Substanzbegriffe fest, wie wir ihn (im 12. Kapitel)
als einfachste Grundlage unserer gesamten Weltanschauung entwickeln,
so ist in demselben =Energie= und =Materie= untrennbar verbunden.
Dann mssen wir an der Seelensubstanz die eigentliche, uns allein
bekannte =psychische Energie= unterscheiden (Empfinden, Vorstellen,
Wollen) und die =psychische Materie=, durch welche allein dieselbe zur
Wirkung gelangen kann, also das lebendige =Plasma=. Bei den hheren
Tieren bildet dann der Seelenstoff einen Teil des Nervensystems, bei
den niederen, nervenlosen Tieren und den Pflanzen einen Teil ihres
vielzelligen Plasmakrpers, bei den einzelligen Protisten einen Teil
ihres plasmatischen Zellenkrpers. Somit kommen wir wieder auf die
=Seelenorgane= und gelangen zu der naturgemen Erkenntnis, da diese
materiellen Organe fr die Seelenttigkeit unentbehrlich sind; die
Seele selbst aber ist =aktuell=, ist die Summe ihrer physiologischen
Funktionen.

Anders gestaltet sich der Begriff der spezifischen Seelensubstanz
bei vielen dualistischen Philosophen und Theologen. Die unsterbliche
Seele soll dann zwar materiell sein, aber doch unsichtbar und
ganz verschieden von dem sichtbaren Krper, in welchem sie wohnt.
Die =Unsichtbarkeit= der Seele wird dabei als ein sehr wesentliches
Attribut derselben betrachtet. Einige vergleichen dabei die Seele
mit dem ther und betrachten sie gleich diesem als einen uerst
feinen und leichten, hchst beweglichen Stoff oder ein imponderables
Agens, welches berall zwischen den wgbaren Teilchen des lebendigen
Organismus schwebt. Andere hingegen vergleichen die Seele mit dem
wehenden Winde und schreiben ihr also einen gasfrmigen Zustand zu;
und dieser Vergleich ist ja auch derjenige, welcher zuerst bei den
Naturvlkern zu der spter so allgemein gewordenen dualistischen
Auffassung fhrte. Wenn der Mensch starb, blieb der Krper als Leiche
zurck; die unsterbliche Seele aber entfloh aus ihm mit dem letzten
Atemzuge.

_therseele._ Die Vergleichung der menschlichen Seele mit dem
physikalischen ther als qualitativ hnlichem Gebilde hat in
neuerer Zeit eine konkretere Gestalt gewonnen durch die groartigen
Fortschritte der Optik und der Elektrizitt (besonders in den letzten
Dezennien). Diese haben uns mit der Energie des thers bekannt gemacht
und damit zugleich gewisse Schlsse auf die materielle Natur dieses
raumerfllenden Wesens gestattet. Da ich diese wichtigen Verhltnisse
spter (im 12. Kapitel) besprechen werde, will ich nur kurz darauf
hinweisen, da dadurch die Annahme einer =therseele= vollkommen
unhaltbar geworden ist. Eine solche =therische Seele=, d. h. eine
Seelensubstanz, welche dem physikalischen ther hnlich ist und
gleich ihm zwischen den wgbaren Teilchen des lebendigen Plasma oder
den Gehirnmolekeln schwebt, kann unmglich individuelles Seelenleben
hervorbringen. Weder die mystischen Anschauungen, welche darber um
die Mitte unseres Jahrhunderts lebhaft diskutiert wurden, noch die
Versuche des modernen =Neovitalismus=, die mystische Lebenskraft mit
dem physikalischen ther in Beziehung zu setzen, sind heute mehr der
Widerlegung bedrftig.

_Luftseele._ Viel allgemeiner verbreitet und auch heute noch in
hohem Ansehen steht jene Anschauung, welche der Seelensubstanz eine
=gasfrmige= Beschaffenheit zuschreibt. Uralt ist die Vergleichung
des menschlichen Atemzuges mit dem wehenden Windhauche; beide wurden
ursprnglich fr identisch gehalten und mit demselben Namen belegt.
=Anemos= und =Psyche= der Griechen, =Anima= und =Spiritus= der
Rmer sind ursprnglich Bezeichnungen fr den Lufthauch des Windes;
sie wurden von diesem auf den Atemhauch des Menschen bertragen.
Spter wurde dann dieser lebendige Odem mit der Lebenskraft
identifiziert und zuletzt als das Wesen der Seele selbst angesehen
oder in engerem Sinne als deren hchste uerung, der Geist. Davon
leitete dann weiterhin wieder die Phantasie die mystische Vorstellung
der individuellen Geister ab, der =Gespenster= (~Spirits~);
auch diese werden ja heute noch meistens als luftfrmige Wesen --
aber begabt mit den physiologischen Funktionen des Organismus! --
vorgestellt; in manchen berhmten Spiritistenkreisen werden dieselben
freilich trotzdem photographiert!

_Flssige und feste Seele._ Der Experimentalphysik ist es in den
letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts gelungen, alle gasfrmigen
Krper in den tropfbar-flssigen -- und die meisten auch in den
festen -- Aggregatzustand berzufhren. Es bedarf dazu weiter nichts
als geeigneter Apparate, welche unter sehr hohem Druck und bei sehr
niedriger Temperatur die Gase sehr stark komprimieren. Nicht allein die
luftfrmigen Elemente, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, sondern
auch zusammengesetzte Gase (Kohlensure) und Gasgemenge (atmosphrische
Luft) sind so aus dem luftfrmigen in den flssigen Zustand versetzt
worden. Dadurch sind aber jene =unsichtbaren= Krper fr jedermann
=sichtbar= und in gewissem Sinne handgreiflich geworden. Mit dieser
nderung der Dichtigkeit ist der mystische Nimbus verschwunden, welcher
frher das Wesen der Gase in der gemeinen Anschauung verschleierte,
als unsichtbare Krper, die doch sichtbare Wirkungen ausben. Wenn nun
die Seelensubstanz wirklich, wie viele Gebildete noch heute glauben,
gasfrmig wre, so mte man auch imstande sein, sie durch Anwendung
von hohem Druck und sehr niederer Temperatur in den flssigen Zustand
berzufhren. Man knnte dann die Seele, welche im Momente des Todes
ausgehaucht wird, auffangen, unter sehr hohem Druck bei niederer
Temperatur kondensieren und in einer Glasflasche als =unsterbliche
Flssigkeit= aufbewahren (~Fluidum animae immortale~). Durch weitere
Abkhlung und Kondensation mte es dann auch gelingen, die flssige
Seele in den festen Zustand berzufhren (Seelenschnee). Bis jetzt
ist das Experiment noch nicht gelungen.

_Unsterblichkeit der Tierseele._ Wenn der Athanismus wahr wre,
wenn wirklich die Seele des Menschen in alle Ewigkeit fortlebte,
so mte man ganz dasselbe auch fr die Seele der hheren Tiere
behaupten, mindestens fr diejenige der ihm am nchsten stehenden
Sugetiere (Affen, Hunde usw.). Denn der Mensch zeichnet sich vor
diesen letzteren nicht durch eine besondere neue =Art= oder eine
eigentmliche, nur ihm zukommende Funktion der Psyche aus, sondern
lediglich durch einen hheren =Grad= der psychischen Ttigkeit, durch
eine vollkommenere Stufe ihrer Entwickelung. Besonders ist bei vielen
Menschen das =Bewutsein= hher entwickelt als bei den meisten Tieren,
die Fhigkeit der Ideenassoziation, des Denkens und der Vernunft.
Indessen ist dieser Unterschied bei weitem nicht so gro, als man
gewhnlich annimmt; und er ist in jeder Beziehung viel geringer als der
entsprechende Unterschied zwischen den hheren und niederen Tierseelen
oder selbst als der Unterschied zwischen den hchsten und tiefsten
Stufen der Menschenseele. Wenn man also der letzteren persnliche
Unsterblichkeit zuschreibt, so mu man sie auch den hheren Tieren
zugestehen. Diese berzeugung von der individuellen Unsterblichkeit der
Tiere ist denn auch ganz naturgem bei vielen Vlkern alter und neuer
Zeit zu finden.

_Beweise fr den Athanismus._ Die Grnde, welche man seit zweitausend
Jahren fr die Unsterblichkeit der Seele anfhrt, und welche auch
heute noch dafr geltend gemacht werden, entspringen zum grten Teile
nicht dem Streben nach Erkenntnis der Wahrheit, sondern vielmehr dem
sogenannten Bedrfnis des Gemtes, d. h. dem Phantasieleben und der
Dichtung. Um mit =Kant= zu reden, ist die Unsterblichkeit der Seele
ein unbegrndetes Dogma fr die =reine= Vernunft, ein bloes Postulat
fr die =praktische= Vernunft. Diese letztere und die mit ihr
zusammenhngenden Bedrfnisse des Gemtes, der moralischen Erziehung
usw. mssen wir aber ganz aus dem Spiele lassen, wenn wir ehrlich und
unbefangen zur reinen Erkenntnis der =Wahrheit= gelangen wollen; denn
diese ist einzig und allein durch empirisch begrndete und logisch
klare Schlsse der reinen Vernunft mglich. Es gilt also hier vom
=Athanismus= dasselbe, wie vom =Theismus=; beide sind nur Gegenstnde
der mystischen Dichtung, des transzendenten Glaubens, nicht der
vernnftig schlieenden Wissenschaft.

Wollten wir alle die einzelnen Grnde analysieren, welche fr den
Unsterblichkeitsglauben geltend gemacht worden sind, so wrde sich
ergeben, da nicht ein einziger derselben wirklich =wissenschaftlich=
ist; kein einziger vertrgt sich mit den klaren Erkenntnissen, welche
wir durch die physiologische Psychologie und die Entwickelungstheorie
in den letzten Dezennien gewonnen haben. Der =theologische= Beweis,
da ein persnlicher Schpfer dem Menschen eine unsterbliche Seele
eingehaucht habe, ist reiner Mythus. Der =kosmologische= Beweis, da
die sittliche Weltordnung die ewige Fortdauer der menschlichen Seele
erfordere, ist unbegrndetes Dogma. Der =teleologische= Beweis, da
die hhere Bestimmung des Menschen eine volle Ausbildung seiner
mangelhaften irdischen Seele im Jenseits erfordere, beruht auf einem
falschen Anthropismus. Der =moralische= Beweis, da die Mngel und die
unbefriedigten Wnsche des irdischen Daseins durch eine ausgleichende
Gerechtigkeit im Jenseits befriedigt werden mssen, ist ein frommer
Wunsch, weiter nichts. Der =ethnologische= Beweis, da der Glaube an
die Unsterblichkeit ebenso wie an Gott eine angeborene, allen Menschen
gemeinsame Wahrheit sei, ist tatschlicher Irrtum. Der =ontologische=
Beweis, da die Seele als ein einfaches, immaterielles und unteilbares
Wesen unmglich mit dem Tode verschwinden knne, beruht auf einer
ganz falschen Auffassung der psychischen Erscheinungen; sie ist ein
spiritualistischer Irrtum. Alle diese und andere hnliche Beweise
fr den Athanismus sind hinfllig geworden; sie sind durch die
wissenschaftliche Kritik jetzt =definitiv widerlegt=.

_Beweise gegen den Athanismus._ Gegenber den angefhrten, smtlich
unhaltbaren Grnden =fr= die Unsterblichkeit der Seele ist es bei der
hohen Bedeutung dieser Frage wohl zweckmig, die wohlbegrndeten,
wissenschaftlichen Beweise =gegen= dieselbe hier kurz zusammenzufassen.
Der =physiologische= Beweis lehrt uns, da die menschliche Seele
ebenso wie die der hheren Tiere kein selbstndiges, immaterielles
Wesen ist, sondern der Kollektivbegriff fr eine Summe von
Gehirnfunktionen; diese sind ebenso wie alle anderen Lebensttigkeiten
durch physikalische und chemische Prozesse bedingt, also auch dem
Substanzgesetz unterworfen. Der =histologische= Beweis grndet sich
auf den hchst verwickelten mikroskopischen Bau des Gehirns und lehrt
uns in den Ganglienzellen desselben die wahren Elementarorgane
der Seele kennen. Der =experimentelle= Beweis berzeugt uns, da
die einzelnen Seelenttigkeiten an einzelne Bezirke des Gehirns
gebunden und ohne deren normale Beschaffenheit unmglich sind; werden
diese Bezirke zerstrt, so erlischt damit auch deren Funktion;
insbesondere gilt dies von den Denkorganen, den einzigen zentralen
Werkzeugen des Geisteslebens. Der =pathologische= Beweis ergnzt
den physiologischen; wenn bestimmte Gehirnbezirke (Sprachzentrum,
Sehsphre, Hrsphre) durch Krankheit zerstrt werden, so verschwindet
auch deren Arbeit (Sprechen, Sehen, Hren); die Natur selbst fhrt hier
das entscheidende physiologische Experiment aus. Der =ontogenetische=
Beweis fhrt uns unmittelbar die Tatsachen der individuellen
Entwickelung der Seele vor Augen; wir sehen, wie die Kindesseele ihre
einzelnen Fhigkeiten nach und nach entwickelt; der Jngling bildet
sich zur vollen Blte, der Mann zur reifen Frucht aus; im Greisenalter
findet allmhliche Rckbildung der Seele statt, entsprechend der
senilen Degeneration des Gehirns. Der =phylogenetische= Beweis
sttzt sich auf die Palontologie, die vergleichende Anatomie und
Physiologie des Gehirns; in ihrer gegenseitigen Ergnzung begrnden
diese Wissenschaften die Gewiheit, da das Gehirn des Menschen (und
also auch dessen Funktion, die Seele) sich stufenweise und allmhlich
aus demjenigen der Sugetiere und weiterhin der niederen Wirbeltiere
entwickelt hat.

_Athanistische Illusionen._ Die vorhergehenden Untersuchungen, die
durch viele andere Ergebnisse der modernen Wissenschaft ergnzt werden
knnten, haben das alte Dogma von der Unsterblichkeit der Seele
als vllig unhaltbar nachgewiesen; dasselbe kann im 20. Jahrhundert
nicht mehr Gegenstand ernster wissenschaftlicher Forschung, sondern
nur noch des transzendenten =Glaubens= sein. Die Kritik der reinen
Vernunft weist aber nach, da dieser hochgeschtzte Glaube, bei
Licht betrachtet, der reine =Aberglaube= ist, ebenso wie der oft
damit verknpfte Glaube an den persnlichen Gott. Nun halten aber
noch heute Millionen von Glubigen -- nicht nur aus den niederen,
ungebildeten Volksmassen, sondern aus den hheren und hchsten
Bildungskreisen -- diesen Aberglauben fr ihr teuerstes Besitztum,
fr ihren kostbarsten Schatz. Es wird daher ntig sein, in den
damit verknpften Vorstellungskreis noch etwas tiefer einzugehen
und seinen wirklichen Wert einer kritischen Prfung zu unterziehen.
Da ergibt sich denn fr den objektiven Kritiker die Einsicht, da
jener Wert zum grten Teile auf Einbildung beruht, auf Mangel an
klarem Urteil und an folgerichtigem Denken. Der definitive Verzicht
auf diese =athanistischen Illusionen= wrde nach meiner festen und
ehrlichen berzeugung fr die Menschheit nicht nur keinen schmerzlichen
=Verlust=, sondern einen unschtzbaren positiven Gewinn bedeuten.

Das menschliche =Gemtsbedrfnis= hlt den Unsterblichkeitsglauben
besonders aus zwei Grnden fest, erstens in der Hoffnung auf ein
besseres zuknftiges Leben im Jenseits, und zweitens in der Hoffnung
auf Wiedersehen der teuren Lieben und Freunde, welche uns der Tod
hier entrissen hat. Die erste Hoffnung entspricht einem natrlichen
Vergeltungsgefhl, das zwar subjektiv berechtigt, aber objektiv ohne
jeden Anhalt ist. Wir erheben Ansprche auf Entschdigung fr die
zahllosen Mngel und traurigen Erfahrungen dieses irdischen Daseins,
ohne irgend eine reale Aussicht oder Garantie dafr zu besitzen. Wir
verlangen eine unbegrenzte Dauer eines ewigen Lebens, in welchem
wir nur Lust und Freude, keine Unlust und keinen Schmerz erfahren
wollen. Die Vorstellungen der meisten Menschen ber dieses selige
Leben im Jenseits sind hchst seltsam und um so sonderbarer, als
darin die immaterielle Seele sich an hchst materiellen Genssen
erfreut. Die Phantasie jeder glubigen Person gestaltet sich diese
fortdauernde Herrlichkeit entsprechend ihren persnlichen Wnschen.
Der amerikanische Indianer, dessen Athanismus =Schiller= in seiner
nadowessischen Totenklage so anschaulich schildert, hofft in seinem
Paradiese die herrlichsten Jagdgrnde zu finden, mit unermelich vielen
Bffeln und Bren; der Eskimo erwartet dort sonnenbestrahlte Eisflchen
mit einer unerschpflichen Flle von Eisbren, Robben und anderen
Polartieren; der sanfte Singhalese gestaltet sich sein jenseitiges
Paradies entsprechend dem wunderbaren Inselparadiese Ceylon mit seinen
herrlichen Grten und Wldern; nur setzt er voraus, da jederzeit
unbegrenzte Mengen von Reis und Curry, von Kokosnssen und anderen
Frchten bereit stehen; der mohammedanische Araber ist berzeugt, da
in seinem Paradiese blumenreiche, schattige Grten sich ausdehnen,
durchrauscht von khlen Quellen und bevlkert mit den schnsten
Mdchen; der katholische Fischer in Sizilien erwartet dort tglich
einen berflu der kstlichsten Fische und der feinsten Makkaroni,
und ewigen Abla fr alle Snden, die er auch im ewigen Leben noch
tglich zu begehen hofft; der evangelische Nordeuroper hofft auf
einen unermelichen gothischen Dom, in welchem ewige Lobgesnge auf
den Herrn der Heerscharen ertnen. Kurz, jeder Glubige erwartet
von seinem ewigen Leben in Wahrheit eine direkte Fortsetzung seines
individuellen Erdendaseins, nur in einer bedeutend vermehrten und
verbesserten Auflage.

Besonders mu hier noch die durchaus =materialistische= Grundanschauung
des =christlichen Athanismus= betont werden, die mit dem absurden
Dogma von der Auferstehung des Fleisches eng zusammenhngt. Wie uns
Tausende von lgemlden berhmter Meister versinnlichen, gehen die
auferstandenen Leiber mit ihren wiedergeborenen Seelen droben
im Himmel gerade so spazieren, wie hier im Jammerthal der Erde; sie
schauen Gott mit ihren Augen, sie hren seine Stimme mit ihren Ohren,
sie singen Lieder zu seinen Ehren mit ihrem Kehlkopf usw. Kurz, die
modernen Bewohner des christlichen Paradieses sind ebenso Doppelwesen
von Leib und Seele, ebenso mit allen Organen des irdischen Leibes
ausgestattet, wie unsere Altvordern in Odins Saal zu Walhalla,
wie die unsterblichen Trken und Araber in Mohammeds lieblichen
Paradiesgrten, wie die altgriechischen Halbgtter und Helden an Zeus'
Tafel im Olymp, im Genusse von Nektar und Ambrosia.

Mag man sich dieses ewige Leben im Paradiese aber noch so herrlich
ausmalen, so mu dasselbe auf die Dauer unendlich langweilig werden.
Und nun gar: =Ewig=! Ohne Unterbrechung, ohne Weiterentwickelung
diese ewige individuelle Existenz fortfhren! Der tiefsinnige Mythus
vom =Ewigen Juden=, das vergebliche Ruhesuchen des unseligen
Ahasverus sollte uns ber den Wert eines solchen ewigen Lebens
aufklren! Das beste, was wir uns nach einem tchtigen, nach unserm
besten Gewissen gut angewandten Leben wnschen knnen, ist der ewige
Friede des Grabes: =Herr, schenke ihnen die ewige Ruhe!=

Jeder vernnftige Gebildete, der die =geologische Zeitrechnung= kennt,
und der ber die lange Reihe der Jahrmillionen in der organischen
Erdgeschichte nachgedacht hat, mu bei unbefangenem Urteil zugeben, da
der banale Gedanke des ewigen Lebens auch fr den besten Menschen
kein herrlicher =Trost,= sondern eine furchtbare =Drohung= ist. Nur
Mangel an klarem Urteil und folgerichtigem Denken kann dies bestreiten.

Den besten und den am meisten berechtigten Grund fr den Athanismus
gibt die Hoffnung, im ewigen Leben die teueren Angehrigen und
Freunde wieder zu sehen, von denen uns hier auf Erden ein grausames
Schicksal frh getrennt hat. Aber auch dieses vermeintliche Glck
erweist sich bei nherer Betrachtung als Illusion; und jedenfalls
wrde es stark durch die Aussicht getrbt, dort auch allen den weniger
angenehmen Bekannten und den widerwrtigen Feinden zu begegnen, die
hier unser Dasein getrbt haben.

Unlsbare Schwierigkeiten bereitet auch den glubigen Athanisten die
Frage, in welchem =Stadium ihrer individuellen Entwickelung= die
abgeschiedene Seele ihr ewiges Leben fortfhren soll? Sollen die
Neugeborenen erst im Himmel ihre Seele entwickeln, unter demselben
harten Kampf ums Dasein, der den Menschen hier auf der Erde erzieht?
Soll der talentvolle Jngling, der dem Massenmorde des Krieges zum
Opfer fllt, erst in Walhalla seine reichen, ungenutzten Geistesgaben
entwickeln? Soll der altersschwache, kindisch gewordene Greis, der
als reifer Mann die Welt mit dem Ruhm seiner Taten erfllte, ewig als
rckgebildeter Geist fortleben? Oder soll er sich gar in ein frheres
Bltestadium zurck entwickeln? Wenn aber die unsterblichen Seelen
im Olymp als =vollkommene= Wesen verjngt fortleben sollen, dann ist
auch der Reiz und das Interesse der =Persnlichkeit= fr sie ganz
verschwunden.

Ebenso unhaltbar erscheint uns heute im Lichte der reinen Vernunft der
anthropistische Mythus vom =jngsten Gericht=, von der Scheidung
aller Menschenseelen in zwei groe Haufen, von denen der eine zu den
=ewigen= Freuden des Paradieses, der andere zu den =ewigen= Qualen der
Hlle bestimmt ist -- und das von einem persnlichen Gott, welcher
der Vater der Liebe ist! Hat doch dieser liebende Allvater selbst
die Bedingungen der Vererbung und Anpassung geschaffen, unter denen
sich einerseits die bevorzugten Glcklichen =notwendig= zu straflosen
Seligen, andererseits die unglcklichen Armen und Elenden ebenso
=notwendig= zu strafwrdigen Verdammten entwickeln muten.

Eine kritische Vergleichung der unzhligen bunten Phantasiegebilde,
welche der Unsterblichkeitsglaube der verschiedenen Vlker und
Religionen seit Jahrtausenden erzeugt hat, gewhrt das merkwrdigste
Bild; eine hochinteressante, auf ausgedehnte Quellenstudien
gegrndete Darstellung derselben hat =Adalbert Svoboda= gegeben in
seinen ausgezeichneten Werken: Seelenwahn (1886) und Gestalten
des Glaubens (1897). Wie absurd uns auch die meisten dieser Mythen
erscheinen mgen, wie unvereinbar sie smtlich mit der vorgeschrittenen
Naturerkenntnis der Gegenwart sind, so spielen sie dennoch auch heute
eine hchst wichtige Rolle und ben trotzdem als Postulate der
praktischen Vernunft den grten Einflu auf die Lebensanschauungen
der Individuen und die Geschicke der Vlker.

Die idealistische und spiritualistische Philosophie der Gegenwart wird
nun freilich zugeben, da diese herrschenden materialistischen Formen
des Unsterblichkeitsglaubens unhaltbar seien, und sie wird behaupten,
da an ihre Stelle die geluterte Vorstellung von einem immateriellen
Seelenwesen, von einer platonischen Idee oder einer transzendenten
Seelensubstanz treten msse. Allein mit diesen unfabaren Vorstellungen
kann die realistische Naturanschauung der Gegenwart absolut nichts
anfangen; sie befriedigen weder das Kausalittsbedrfnis unseres
Verstandes, noch die Wnsche unseres Gemtes. Fassen wir alles
zusammen, was vorgeschrittene Anthropologie, Psychologie und Kosmologie
der Gegenwart ber den Athanismus ergrndet haben, so mssen wir zu
dem bestimmten Schlusse kommen: Der Glaube an die Unsterblichkeit
der menschlichen Seele ist ein Dogma, welches den sichersten
Erfahrungsstzen der modernen Naturwissenschaft vllig widerspricht.




=Zwlftes Kapitel.=

_Das Substanzgesetz._

  Monistische Studien ber das kosmologische Grundgesetz. Erhaltung der
  Materie und der Energie. Einheit und Trinitt der Substanz.


Als das oberste und allumfassende Naturgesetz betrachte ich das
=Substanzgesetz=, das wahre und einzige =kosmologische Grundgesetz=;
seine Entdeckung und Feststellung ist die grte Geistestat des 19.
Jahrhunderts, insofern alle anderen erkannten Naturgesetze sich
ihm unterordnen. Unter dem Begriffe =Substanzgesetz= fasse ich
zwei hchste allgemeine Gesetze verschiedenen Ursprungs und Alters
zusammen, das ltere =chemische= Gesetz von der Erhaltung des Stoffes
und das jngere =physikalische= Gesetz von der Erhaltung der Kraft.
Da diese beiden Grundgesetze der exakten Naturwissenschaft im Wesen
unzertrennlich sind, wird vielen Lesern wohl selbstverstndlich
erscheinen und ist von den meisten Naturforschern der Gegenwart
anerkannt. Indessen wird diese fundamentale berzeugung doch von
anderer Seite noch heute vielfach bestritten und mu jedenfalls erst
bewiesen werden. Wir mssen daher zunchst einen kurzen Blick auf beide
Gesetze gesondert werfen.

_Gesetz von der Erhaltung des Stoffes_ (oder der Konstanz der
Materie, =Lavoisier=, 1789). =Die Summe des Stoffes, welcher den
Weltraum erfllt, ist unvernderlich.= Wenn ein Krper zu verschwinden
scheint, wechselt er nur seine Form; wenn die Kohle verbrennt,
verwandelt sie sich durch Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft
in gasfrmige Kohlensure; wenn ein Zuckerstck sich im Wasser
lst, geht seine feste Form in die tropfbar flssige ber. Ebenso
wechselt die Materie nur ihre Form, wenn ein neuer Naturkrper zu
entstehen scheint; wenn es regnet, wird der Wasserdampf der Luft in
Tropfenform niedergeschlagen; wenn das Eisen rostet, verbindet sich
die oberflchliche Schicht des Metalles mit Wasser und dem Sauerstoff
der Luft und bildet so Rost. Nirgends in der Natur sehen wir, da
neue Materie entsteht oder geschaffen wird; nirgends finden wir,
da vorhandene Materie verschwindet oder in Nichts zerfllt. Dieser
Erfahrungssatz gilt heute als erster und unerschtterlicher Grundsatz
der Chemie und kann jederzeit mittels der Wage unmittelbar bewiesen
werden. Es war aber das unsterbliche Verdienst des groen franzsischen
Chemikers =Lavoisier=, diesen Beweis durch die Wage zuerst gefhrt zu
haben. Heute sind alle Naturforscher, welche sich jahrelang mit dem
denkenden Studium der Naturerscheinungen beschftigt haben, so fest
von der absoluten Konstanz der Materie berzeugt, da sie sich das
Gegenteil gar nicht mehr vorstellen knnen.

_Gesetz von der Erhaltung der Kraft_ (oder der Konstanz der Energie,
=Robert Mayer=, 1842.) =Die Summe der Kraft oder Energie, welche im
Weltraum alle Erscheinungen bewirkt, ist unvernderlich.= Wenn die
Lokomotive den Eisenbahnzug fortfhrt, verwandelt sich die Spannkraft
des erhitzten Wasserdampfes in die lebendige Kraft der mechanischen
Bewegung; wenn wir die Pfeife der Lokomotive hren, werden die
Schallschwingungen der bewegten Luft durch unser Trommelfell und die
Kette der Gehrknochen zum Labyrinth unseres inneren Ohres fortgeleitet
und von da durch den Hrnerv zu den akustischen Ganglienzellen,
welche die Hrsphre im Schlfenlappen unserer Grohirnrinde bilden.
Die ganze wunderbare Gestaltenflle, welche unseren Erdball belebt,
ist in letzter Instanz umgewandeltes Sonnenlicht. Allbekannt ist, wie
gegenwrtig die bewunderungswrdigen Fortschritte der Technik dazu
gefhrt haben, die verschiedenen Naturkrfte ineinander zu verwandeln:
Wrme wird in Massenbewegung, diese wieder in Licht oder Schall,
diese wiederum in Elektrizitt bergefhrt oder umgekehrt. Die genaue
=Messung= der Kraftmenge, welche bei dieser Verwandlung ttig ist, hat
ergeben, da auch sie konstant bleibt. Der groen Entdeckung dieser
fundamentalen Tatsache hatte sich schon 1837 =Friedrich Mohr= in Bonn
sehr genhert; sie erfolgte 1842 durch den geistreichen schwbischen
Arzt =Robert Mayer= in Heilbronn; unabhngig von ihm kam =Hermann
Helmholtz= auf die Erkenntnis desselben Prinzips; er wies fnf Jahre
spter seine allgemeine Anwendbarkeit und Fruchtbarkeit auf allen
Gebieten der =Physik= nach. Wir wrden heute sagen mssen, da es
auch das gesamte Gebiet der =Physiologie= -- d. h. der organischen
Physik! -- beherrsche, wenn dagegen nicht entschiedener Widerspruch
von seiten der vitalistischen Biologen, sowie der dualistischen und
spiritualistischen Philosophen erhoben wrde. Diese erblicken in den
eigentmlichen Geisteskrften des Menschen eine Gruppe von freien,
dem Energiegesetz nicht unterworfenen Krafterscheinungen; besonders
gesttzt wird diese dualistische Auffassung durch das Dogma von der
Willensfreiheit. Wir haben schon bei deren Besprechung gesehen, da
ihre Annahme unhaltbar ist. In neuester Zeit hat die Physik den Begriff
der =Kraft= und der =Energie= getrennt; fr unsere vorliegende
allgemeine Betrachtung ist diese Unterscheidung gleichgltig.

_Einheit des Substanzgesetzes._ Von grter Wichtigkeit fr unsere
monistische Weltanschauung ist die feste berzeugung, da die beiden
groen kosmologischen Grundlehren, das chemische Grundgesetz von
der Erhaltung des Stoffes und das physikalische Grundgesetz von der
Erhaltung der Kraft, untrennbar zusammengehren; beide Theorien sind
ebenso innig verknpft, wie ihre beiden Objekte, =Stoff= und =Kraft=
(oder Materie und Energie). Vielen monistisch denkenden Naturforschern
und Philosophen wird diese =fundamentale Einheit= beider Gesetze
selbstverstndlich erscheinen, da ja beide nur zwei verschiedene Seiten
eines und demselben Objektes, des =Kosmos=, betreffen; indessen
ist diese naturgeme berzeugung weit entfernt, sich allgemeiner
Anerkennung zu erfreuen. Sie wird vielmehr energisch bekmpft von
der gesamten dualistischen Philosophie, von der vitalistischen
Biologie, der parallelistischen Psychologie; ja sogar von vielen
(inkonsequenten!) Monisten, welche im Bewutsein oder in der hheren
Geistesttigkeit des Menschen, oder auch in anderen Erscheinungen des
freien Geisteslebens einen Gegenbeweis zu finden glauben.

Ich betone daher ganz besonders die fundamentale Bedeutung des
=einheitlichen= Substanzgesetzes als Ausdruck des untrennbaren
Zusammenhanges jener beiden begrifflich getrennten Gesetze. Da
dieselben ursprnglich nicht zusammengefat und nicht in dieser
Einheit erkannt wurden, ergibt sich ja schon aus der Tatsache ihrer
verschiedenen Entdeckungszeit. Die Einheit beider Grundgesetze,
welche noch heute vielfach bestritten wird, drcken viele berzeugte
Naturforscher in der Benennung aus: Gesetz von der Erhaltung der
Kraft und des Stoffes. Um einen krzeren und bequemeren Ausdruck fr
diesen fundamentalen, aus neun Worten zusammengesetzten Begriff zu
haben, habe ich schon vor lngerer Zeit vorgeschlagen, dasselbe das
=Substanzgesetz= oder das kosmologische Grundgesetz zu nennen
(Monismus, 1892, S. 14, 39).

_Substanzbegriff._ Der erste Denker, der den reinen =monistischen=
Substanzbegriff in die Wissenschaft einfhrte und seine fundamentale
Bedeutung erkannte, war der groe Philosoph =Baruch Spinoza=; sein
Hauptwerk erschien kurz nach seinem frhzeitigen Tode, 1677. In seiner
groartigen pantheistischen Weltanschauung fllt der Begriff der Welt
(Universum, Kosmos) zusammen mit dem allumfassenden Begriff =Gott=;
sie ist gleichzeitig der reinste und vernnftigste =Monismus=, und der
geklrteste und abstrakteste =Monotheismus=. Diese =Universalsubstanz=
oder dieses gttliche Weltwesen zeigt uns zwei verschiedene Seiten
seines wahren Wesens, zwei fundamentale =Attribute=: die =Materie=
(den unendlichen =ausgedehnten= Substanzstoff) und den =Geist= (die
allumfassende =denkende= Substanzenergie). Alle Wandelungen, die spter
der Substanzbegriff gemacht hat, kommen bei konsequenter Analyse auf
diesen hchsten Grundbegriff von =Spinoza= zurck, den ich mit =Goethe=
fr einen der erhabensten und wahrsten Gedanken aller Zeiten halte.
Alle einzelnen Objekte der Welt, die unserer Erkenntnis zugnglich
sind, alle individuellen Formen des Daseins, sind nur besondere
vergngliche Formen der Substanz, =Akzidenzen= oder =Moden=. Diese
=Modi= sind krperliche Dinge, materielle Krper, wenn wir sie unter
dem Attribut der =Ausdehnung= (der Raumerfllung) betrachten, dagegen
Krfte oder Ideen, wenn wir sie unter dem Attribut des =Denkens= (der
Energie) betrachten. Auf diese Grundvorstellung von =Spinoza= kommt
auch unser =Monismus= jetzt zurck; auch fr uns sind =Materie= (der
raumerfllende Stoff) und =Energie= (die bewegende Kraft) nur zwei
untrennbare Attribute des einheitlichen Weltwesens, der einen Substanz.

_Der kinetische Substanzbegriff._ (Urprinzip der Schwingung oder
Vibration.) Unter den verschiedenen Formen, welche der fundamentale
Substanzbegriff in der neueren Physik, in Verbindung mit der
herrschenden Atomistik, angenommen hat, berwog bisher die Annahme,
da allen Erscheinungen eine schwingende Bewegung der kleinsten
Massenteilchen zugrunde liege, eine =Vibration der Atome=. Die Atome
selbst sind dem gewhnlichen kinetischen Substanzbegriff zufolge
tote diskrete Krperteilchen, welche im leeren Raum schwingen und
in die Ferne wirken. Der eigentliche Begrnder und angesehenste
Vertreter dieser kinetischen Substanztheorie ist der groe Mathematiker
=Newton=, der berhmte Entdecker des =Gravitationsgesetzes=. In seinem
Hauptwerke ~Principia philosophiae naturalis mathematica~ (1687)
wies er nach, da im ganzen Weltall ein und dasselbe Grundgesetz der
=Massenanziehung=, dieselbe unvernderliche Gravitationskonstante
herrscht; die Anziehung von je zwei Massenteilchen steht im geraden
Verhltnis ihrer Massen und im umgekehrten Verhltnis des Quadrats
ihrer Entfernungen. Diese allgemeine =Schwerkraft= bewirkt ebenso
die Bewegung des fallenden Apfels und die Flutwelle des Meeres, wie
den Umlauf der Planeten um die Sonne und die kosmischen Bewegungen
aller Weltkrper. Das unsterbliche Verdienst von =Newton= war,
dieses Gravitationsgesetz endgltig festzustellen und dafr eine
unanfechtbare mathematische Formel zu finden. Aber diese =tote
mathematische Formel=, auf welche die meisten Naturforscher hier, wie
in vielen anderen Fllen, das grte Gewicht legen, gibt uns nur die
=quantitative= Beweisfhrung fr die Theorie, sie gewhrt uns nicht
die mindeste Einsicht in das =qualitative= Wesen der Erscheinungen.
Die unvermittelte =Fernwirkung=, welche =Newton= aus seinem
Gravitationsgesetz ableitete und welche zu einem der wichtigsten und
gefhrlichsten Dogmen der spteren Physik wurde, gibt uns nicht den
mindesten Aufschlu ber die eigentlichen Ursachen der Massenanziehung;
vielmehr versperrt sie uns den Weg zu deren Erkenntnis.

_Der trinitre Substanzbegriff._ Die tiefer liegenden Ursachen der
Massenanziehung werden klar, und zugleich werden manche Einwnde gegen
unsere monistische Substanztheorie hinfllig, wenn wir den beiden
Substanzattributen von Spinoza noch ein drittes, davon untrennbares
Attribut hinzufgen, die unbewute =Empfindung= (~Psychoma~). Die
wahren inneren Ursachen der mechanischen Bewegungen, welche die
dualistische Metaphysik als immaterielle Krfte, als Geisteskrfte
oder psychische Energieformen den materiellen Energieformen der
Physik gegenberstellt, sind gleich den letzteren untrennbar
an die raumerfllende Materie gebunden. Gewhnlich wird ja von
der neueren monistischen Philosophie die Empfindung selbst als
eine Form der Energie aufgefat; das geschieht sowohl von deren
materialistischer Richtung (Stoff und Kraft von =Bchner=),
als von der spiritualistischen, ihr entgegengesetzten Richtung
(Energetik als berwindung des Materialismus von =Ostwald=). Die
Einseitigkeit beider Richtungen wird vermieden, und zugleich werden
manche irrefhrende Miverstndnisse beseitigt, wenn wir den bisher
vorherrschenden Begriff der Energie in zwei gleichwertige Attribute
zerlegen, in aktive Energie -- =Mechanik= (Wille im Sinne von
Schopenhauer) und in passive Energie -- =Psychoma= (unbewute
Empfindung im weitesten Sinne). Ich habe diese Theorie von der
=Dreieinigkeit der Substanz= (oder Trinitt des Kosmos) im 19.
Kapitel meiner =Lebenswunder= nher erlutert. (Ergnzungsband zu
den Weltrtseln, 1904; -- Volksausgabe 1906, S. 184-188.) Dabei habe
ich mich besonders auf die gleichgerichteten Ansichten von mehreren
unserer hervorragendsten modernen Naturphilosophen bezogen, =Carl
Naegeli= (1877), =Albrecht Rau= (1896) und =Ernst Mach= (1901). Die
drei fundamentalen Attribute der Substanz: ~A~. =Raumerfllung= oder
Ausdehnung, Stoff, (= =Materie=), ~B~. =Bewegung= oder Mechanik,
Kraft (= =Energie=), und ~C~. =Empfindung= oder Weltseele, Geist (=
=Psychom=) sind demnach ganz allgemeine Grundeigenschaften aller Krper.

_Gesetz von der Erhaltung der Empfindung._ Wenn diese Trinitrtheorie
der Substanz richtig ist, dann mu auch das groe Konstanzgesetz,
die Lehre von der =Erhaltung= der unzerstrbaren Substanz, ebenso
auf die Empfindung, wie auf Stoff und Kraft Anwendung finden. Die
niedersten und einfachsten Psychomformen (Massenanziehung in der
Physik, Wahlverwandtschaft in der Chemie) sind dann nur stufenweise
verschieden von den niederen und hheren Formen des organischen
Seelenlebens, von der Sinnesttigkeit der niederen Organismen, von der
Geistesttigkeit des Menschen (Denken). Jede Psychomform kann in die
andere bergefhrt werden. =Die Summe der Empfindung im unendlichen
Weltraum ist unvernderlich.=

_Der dualistische Substanzbegriff._ Die beiden Substanztheorien, die
wir vorstehend einander gegenbergestellt haben, sind im Prinzip
=monistisch=; beide betrachten Stoff und Kraft als untrennbar,
die ganze Welt als =einheitliche= Substanz. Ganz anders verhlt es
sich mit den =dualistischen= Substanztheorien, welche noch heute
in der idealistischen und spiritualistischen Philosophie herrschend
sind; diese werden auch von der einflureichen Theologie gesttzt,
soweit sich dieselbe berhaupt auf solche metaphysische Spekulationen
einlt. Hiernach sind zwei ganz verschiedene Hauptbestandteile der
Substanz zu unterscheiden, =materielle= und =immaterielle=. Die
=materielle Substanz= bildet die =Krperwelt=, deren Erforschung
Objekt der Physik und Chemie ist; hier allein gilt das Gesetz von
der Erhaltung der Materie und Energie (soweit man nicht berhaupt
an deren Erschaffung aus Nichts und andere Wunder glaubt!). Die
=immaterielle Substanz= hingegen bildet die =Geisterwelt=, in welcher
jenes Gesetz nicht gilt; hier gelten die Gesetze der Physik und Chemie
entweder gar nicht, oder sie sind der Lebenskraft unterworfen, oder
dem freien Willen, oder der gttlichen Allmacht, oder anderen
solchen Gespenstern, von denen die kritische Wissenschaft nichts
wei. Eigentlich bedrfen diese prinzipiellen Irrtmer heute keiner
Widerlegung mehr; denn die Erfahrung hat uns bis auf den heutigen Tag
keine einzige =immaterielle Substanz= kennen gelehrt, keine einzige
Kraft, welche nicht an den Stoff gebunden ist.

_Masse oder Krperstoff_ (=Ponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses
=wgbaren= Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der
=Chemie=. Allbekannt sind die erstaunlichen theoretischen Fortschritte,
welche diese Wissenschaft im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts
gemacht hat, und der ungeheuere Einflu, welchen sie auf alle Seiten
des praktischen Kulturlebens gewonnen hat. Wir begngen uns daher mit
wenigen Bemerkungen ber die wichtigsten prinzipiellen Fragen von der
Natur der Masse. Der analytischen Chemie ist es bekanntlich gelungen,
alle die unzhligen verschiedenen Naturkrper durch Zerlegung auf
eine geringe Anzahl von Urstoffen oder =Elementen= zurckzufhren,
d. h. auf einfache Krper, welche nicht weiter zerlegt werden knnen.
Die Zahl dieser Elemente betrgt ungefhr achtzig. Nur der kleinere
Teil derselben (eigentlich nur vierzehn) ist allgemein auf der Erde
verbreitet und von hoher Bedeutung; die grere Hlfte besteht aus
seltenen und weniger wichtigen Elementen (meistens Metallen). Die
=gruppenweise Verwandtschaft= dieser Elemente und die merkwrdigen
Beziehungen ihrer Atomgewichte, welche =Lothar Meyer= und =Mendelejeff=
in ihrem =Periodischen System der Elemente= nachgewiesen haben,
machen es sehr wahrscheinlich, da dieselben keine =absoluten Spezies
der Masse=, keine ewig unvernderlichen Gren sind. Man hat nach
jenem System die 80 Elemente auf acht Hauptgruppen verteilt und
innerhalb derselben nach der Gre ihrer Atomgewichte geordnet, so
da die chemisch hnlichen Elemente Familienreihen bilden. Die
gruppenweisen Beziehungen im natrlichen System der Elemente erinnern
einerseits an hnliche Verhltnisse der mannigfach zusammengesetzten
Kohlenstoff-Verbindungen, andererseits an die Beziehungen paralleler
Gruppen, wie sie im natrlichen System der Tier- und Pflanzenarten sich
zeigen. Wie nun bei diesen die Verwandtschaft der hnlichen Gestalten
auf Abstammung von gemeinsamen einfachen Stammformen beruht, so ist es
sehr wahrscheinlich, da auch dasselbe fr die Familien und Ordnungen
der Elemente gilt. Wir drfen daher annehmen, da die jetzigen
empirischen Elemente keine wirklich einfachen und unvernderlichen
=Spezies der Masse= sind, sondern ursprnglich zusammengesetzt aus
gleichartigen einfachen Uratomen in verschiedener Zahl und Lagerung.
Neuerdings soll es tatschlich gelungen sein, ein Element in ein
anderes zu verwandeln, so z. B. Radium in Helium. Der alte Traum der
Alchymisten scheint dadurch teilweise in Erfllung zu gehen.

_Atome und Elemente._ Die moderne =Atomlehre=, wie sie heute der
Chemie als unentbehrliches Hilfsmittel erscheint, ist wohl zu
unterscheiden von dem alten philosophischen =Atomismus=, wie er schon
vor mehr als zweitausend Jahren von hervorragenden monistischen
Philosophen des Altertums gelehrt wurde, von =Leukippos=, =Demokritos=
und =Lukretius=; spter fand derselbe eine weitere und mannigfach
verschiedene Ausbildung durch =Descartes=, =Hobbes=, =Leibniz= und
andere hervorragende Philosophen. Eine bestimmte annehmbare Fassung
und =empirische Begrndung= fand aber der =moderne Atomismus= erst
1808 durch den englischen Chemiker =Dalton=, welcher das Gesetz der
einfachen und multiplen Proportionen bei der Bildung chemischer
Verbindungen aufstellte. Er bestimmte zuerst die =Atomgewichte der
einzelnen Elemente= und schuf damit die unerschtterliche =exakte
Basis=, auf welcher die neueren chemischen Theorien ruhen; diese sind
smtlich =atomistisch=, insofern sie die Elemente aus gleichartigen,
kleinsten, diskreten Teilchen zusammengesetzt annehmen, die nicht
weiter zerlegt werden knnen. Jedoch haben die gewaltigen Fortschritte
der neueren Physik (besonders der Elektrik) dazu gefhrt, die Atome
wieder in viel kleinere (hypothetische!) Bestandteile theoretisch zu
zerlegen, die =Elektronen= (Ionentheorie). Dabei bleibt die Frage nach
dem eigentlichen =Wesen= der Atome, ihrer Gestalt, Gre, Beseelung
usw. ganz auer Spiele; denn diese Qualitten sind hypothetisch;
empirisch dagegen ist der =Chemismus= der Atome oder ihre chemische
Affinitt, d. h. die konstante Proportion, in der sie sich mit den
Atomen anderer Elemente verbinden (Monismus, 1892, S. 17, 41).

_Wahlverwandtschaft der Elemente._ Das verschiedene Verhalten der
einzelnen Elemente gegeneinander, das die Chemie als Affinitt oder
Verwandtschaft bezeichnet, ist eine der wichtigsten Eigenschaften
der Masse und uert sich in den verschiedenen Mengenverhltnissen
oder Proportionen, in denen ihre Verbindung stattfindet, und in der
Intensitt, mit der dieselbe erfolgt. Alle Grade der Zuneigung, von
der vollkommenen Gleichgltigkeit bis zur heftigsten Leidenschaft,
finden sich in dem chemischen Verhalten der verschiedenen Elemente
gegeneinander ebenso wieder, wie sie in der Psychologie des Menschen
und namentlich in der Zuneigung der beiden Geschlechter die grte
Rolle spielen. =Goethe= hat bekanntlich in seinem klassischen Roman
=Die Wahlverwandtschaften= die Verhltnisse der Liebespaare in eine
Reihe gestellt mit der gleichnamigen Erscheinung bei Bildung chemischer
Verbindungen. Die unwiderstehliche Leidenschaft, welche Eduard zu der
sympathischen Ottilie, Paris zu Helena hinzieht und alle Hindernisse
der Vernunft und Moral berwindet, ist dieselbe mchtige unbewute
Attraktionskraft, welche bei der Befruchtung der Tier- und Pflanzeneier
den lebendigen Samenfaden zum Eindringen in die Eizelle (aber auch
zur Apfelsure!) antreibt; dieselbe heftige Bewegung, durch welche
zwei Atome Wasserstoff und ein Atom Sauerstoff sich zur Bildung von
einem Molekl Wasser vereinigen. Diese prinzipielle =Einheit der
Wahlverwandtschaft in der ganzen Natur=, vom einfachsten chemischen
Proze bis zu dem verwickeltsten Liebesroman hinauf, hat schon der
griechische Naturphilosoph =Empedokles= im fnften Jahrhundert v. Chr.
erkannt, in seiner Lehre vom =Lieben und Hassen der Elemente=. Sie
findet ihre empirische Besttigung durch die interessanten Fortschritte
der =Zellularpsychologie=, deren hohe Bedeutung wir erst im letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts gewrdigt haben. Wir grnden darauf
unsere berzeugung, da auch schon den =Atomen= die einfachste Form
der Empfindung und des Willens innewohnt -- oder besser gesagt: der
=Fhlung= (~Aesthesis~) und der =Strebung= (~Tropesis~) --, also
eine universale =Seele= von primitivster Art, das Elementarpsychom.
Dasselbe gilt aber auch von den Moleklen oder Massenteilchen, welche
aus zwei oder mehreren Atomen sich zusammensetzen. Aus der weiteren
Verbindung verschiedener solcher Molekle entstehen dann die einfachen
und weiterhin die zusammengesetzten chemischen Verbindungen, in deren
Aktion sich dasselbe Spiel in verwickelterer Form wiederholt.

_ther_ (=Imponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses =unwgbaren=
Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der =Physik=.
Nachdem man schon lange die Existenz eines uerst feinen, den
Raum auerhalb der Masse erfllenden Mediums angenommen und diesen
ther zur Erklrung verschiedener Erscheinungen (vor allem des
=Lichtes=) verwendet hatte, ist uns die nhere Bekanntschaft mit
diesem wunderbaren Stoffe erst in der zweiten Hlfte des neunzehnten
Jahrhunderts gelungen, und zwar im Zusammenhang mit den erstaunlichen
empirischen Entdeckungen auf dem Gebiete der =Elektrizitt=, mit ihrer
experimentellen Erkenntnis, ihrem theoretischen Verstndnis und ihrer
praktischen Verwertung. Vor allem sind hier bahnbrechend geworden die
berhmten Untersuchungen von =Heinrich Hertz= in Bonn (1888); der
frhzeitige Tod dieses genialen jungen Physikers, der das Grte zu
erreichen versprach, ist nicht genug zu beklagen; er gehrt ebenso wie
der allzu frhe Tod von =Spinoza=, von =Raffael=, von =Schubert= und
vielen anderen genialen Jnglingen zu jenen =brutalen Tatsachen= der
menschlichen Geschichte, welche fr sich allein schon den unhaltbaren
Mythus von einer weisen Vorsehung und von einem alliebenden Vater im
Himmel grndlich widerlegen.

_Die Existenz des thers_ oder Weltthers, als realer Materie, kann
seit 1888 als =Tatsache= angesehen werden. Man kann allerdings auch
heute noch vielfach lesen, da der ther eine bloe Hypothese sei;
diese irrtmliche Behauptung wird nicht nur von unkundigen Philosophen
und populren Schriftstellern wiederholt, sondern auch von einzelnen
vorsichtigen exakten Physikern. Mit demselben Rechte mte man aber
auch die Existenz der ponderablen Materie, der Masse, leugnen. Freilich
gibt es heute noch Metaphysiker, die auch dieses Kunststck zustande
bringen, und deren hchste Weisheit darin besteht, die Realitt der
Auenwelt zu leugnen oder doch zu bezweifeln; nach ihnen existiert
eigentlich nur ein einziges reales Wesen, nmlich ihre eigene teure
Person, oder vielmehr deren unsterbliche Seele.

_Wesen des thers._ Wenn nun auch heute von fast allen Physikern die
reale Existenz des thers als eine positive Tatsache betrachtet wird,
und wenn uns auch viele Wirkungen dieser wunderbaren Materie durch
unzhlige Erfahrungen, besonders optisch und elektrische Versuche,
genau bekannt sind, so ist es doch bisher nicht gelungen, Klarheit und
Sicherheit ber ihr eigentliches =Wesen= zu gewinnen. Vielmehr gehen
auch heute noch die Ansichten der hervorragendsten Physiker, die sie
speziell studiert haben, sehr weit auseinander; ja sie widersprechen
sich sogar in den wichtigsten Punkten. Es steht daher jedem frei, sich
bei der Wahl zwischen den widersprechenden Hypothesen seine eigene
Meinung zu bilden, entsprechend dem Grade seiner Sachkenntnis und
Urteilskraft (die ja beide immer unvollkommen bleiben!). Die Meinung,
die ich persnlich (als bloer =Dilettant= auf diesem Gebiete!) mir
durch reifliches Nachdenken gebildet habe, fasse ich in folgenden acht
Stzen zusammen:

~I~. Der ther erfllt als eine =kontinuierliche Materie= den ganzen
Weltraum, soweit dieser nicht von der Masse (oder der ponderablen
Materie) eingenommen ist; er fllt auch alle Zwischenrume zwischen
den Atomen der letzteren vollstndig aus. ~II~. Der ther besitzt
wahrscheinlich noch =keinen Chemismus= und ist noch nicht aus Atomen
zusammengesetzt wie die Masse; (wenn man annimmt, derselbe sei
aus uerst kleinen, gleichartigen Atomen zusammengesetzt [z. B.
unteilbaren therkugeln von gleicher Gren], so mu man weiterhin auch
annehmen, da zwischen denselben noch etwas anderes existiert, entweder
der leere Raum oder ein drittes, ganz unbekanntes Medium, ein
vllig hypothetischer =Interther=; bei der Frage nach dessen Wesen
wrde sich dann dieselbe Schwierigkeit, wie beim ther erheben [~in
infinitum!~].)' ~III~. Da die Annahme des leeren Raumes und der
unvermittelten Fernwirkung beim jetzigen Stande unseres Naturkennens
kaum mehr mglich ist (wenigstens zu keiner klaren Vorstellung fhrt),
so nehme ich eine eigentmliche =Struktur des thers= an, die nicht
atomistisch ist, wie diejenige der ponderablen Masse, und die man
vorlufig (ohne weitere Bestimmung) als =therische= oder =dynamische=
Struktur bezeichnen kann. ~IV~. Der =Aggregatzustand= des thers ist,
dieser Hypothese zufolge, ebenfalls eigentmlich und von demjenigen
der Masse verschieden; er ist weder gasfrmig, noch fest; die beste
Vorstellung gewinnt man vielleicht durch den Vergleich mit einer
uerst feinen elastischen und leichten Gallerte. ~V~. Der ther ist
=imponderable Materie= in dem Sinne, da wir kein Mittel besitzen, sein
Gewicht experimentell zu bestimmen; wenn er wirklich Gewicht besitzt,
was sehr wahrscheinlich ist, so ist dasselbe uerst gering und fr
unsere feinsten Wagen unwgbar. ~VI~. Der therische Aggregatzustand
kann wahrscheinlich unter bestimmten Bedingungen durch fortschreitende
Verdichtung in den gasfrmigen Zustand der Masse bergehen, ebenso wie
dieser letztere durch Abkhlung in den flssigen und weiterhin in den
festen bergeht. ~VII~. Diese =Aggregatzustnde der Materie= ordnen
sich demnach (was fr die monistische =Kosmogenie= sehr wichtig ist) in
eine genetische, kontinuierliche Reihe; wir unterscheiden fnf Stufen
derselben: 1. der therische, 2. der gasfrmige, 3. der flssige, 4.
der festflssige (im lebenden Plasma), 5. der feste Zustand. ~VIII~.
Der ther ist ebenso unendlich und unermelich wie der Raum selbst; er
befindet sich ewig in ununterbrochener Bewegung.

_ther und Masse._ Die gewaltige Hauptfrage nach dem Wesen des
thers, wie sie =Hertz= mit Recht nennt, schliet auch diejenige
seiner Beziehungen zur Masse ein; denn beide Hauptbestandteile
der Materie befinden sich nicht nur berall in innigster uerer
Berhrung, sondern auch in ewiger dynamischer =Wechselwirkung=. Man
kann die allgemeinsten Naturerscheinungen, welche die Physik als
Naturkrfte oder als Funktionen der Materie unterscheidet, in
zwei Gruppen teilen, von denen die eine =vorzugsweise= (aber nicht
ausschlielich) Funktion des =thers=, die andere ebenso Funktion
der Masse ist. Die Erscheinungen des Lichtes, der strahlenden Wrme,
der Elektrizitt und des Magnetismus werden berwiegend durch den
imponderablen ther vermittelt; dagegen die Erscheinungen der Schwere,
der Trgheit, der Wasserwrme und des Chemismus durch die ponderable
=Masse=. Diese Unterscheidung bedeutet aber keine absolute Trennung
der beiden entgegengesetzten Energiegruppen; vielmehr bleiben beide
trotzdem vereinigt, behalten ihren Zusammenhang und stehen berall in
bestndiger Wechselwirkung. Wie bekannt, sind optische und elektrische
Vorgnge des thers eng verknpft mit mechanischen und chemischen
Vernderungen der Masse; die strahlende Wrme des ersteren geht direkt
ber in die Massenwrme oder mechanische Wrme der letzteren; die
Gravitation kann nicht wirken, ohne da der ther die Massenanziehung
der getrennten Atome vermittelt, da wir keine Fernwirkung annehmen
knnen. Die Verwandlung einer Energieform in die andere, wie sie das
Gesetz von der Erhaltung der Kraft nachweist, besttigt zugleich die
bestndige Wechselwirkung zwischen den beiden Hauptteilen der Substanz,
zwischen =ther= und =Masse=.

_Kraft und Energie._ Das groe Grundgesetz der Natur, welches wir
als Substanzgesetz an die Spitze aller physikalischen Betrachtungen
stellen, wurde ursprnglich von =Robert Mayer=, der es aufstellte
(1842), und von =Helmholtz=, der es ausfhrte (1847), als das Gesetz
von der =Erhaltung der Kraft= bezeichnet. Schon zehn Jahre frher
hatte ein anderer deutscher Naturforscher, =Friedrich Mohr= in Bonn,
die wesentlichen Grundgedanken desselben klar entwickelt (1837).
Spter wurde der alte Begriff der =Kraft= durch die moderne Physik von
demjenigen der =Energie= getrennt, der ursprnglich gleichbedeutend
war. Demnach wird jetzt dasselbe Gesetz gewhnlich als das Gesetz
von der =Konstanz der Energie= bezeichnet. Fr die allgemeine
Betrachtung desselben, mit der ich mich hier begngen mu, und fr das
groe Prinzip von der Erhaltung der Substanz kommt dieser feinere
Unterschied nicht in Betracht. Der Leser, der sich dafr interessiert,
findet eine sehr klare Auseinandersetzung darber z. B. in dem
ausgezeichneten Aufsatz des englischen Physikers =Tyndall= ber das
Grundgesetz der Natur (Braunschweig 1898). Dort ist auch eingehend die
universale Bedeutung dieses kosmologischen Grundgesetzes erlutert,
sowie seine Anwendung auf die wichtigsten Probleme sehr verschiedener
Gebiete. Wir begngen uns hier mit der wichtigen Tatsache, da
gegenwrtig das Energieprinzip und die damit verknpfte berzeugung
von der Einheit der Naturkrfte, von ihrem gemeinsamen Ursprung, durch
alle kompetenten Physiker anerkannt und als der wichtigste Fortschritt
der Physik im 19. Jahrhundert gewrdigt wird. Wir wissen jetzt, da
Wrme ebensogut eine Form der =Bewegung= ist, wie Schall, Elektrizitt
ebenso wie Licht, Chemismus ebenso wie Magnetismus. Wir knnen durch
geeignete Vorrichtungen eine dieser Krfte in die andere verwandeln,
und berzeugen uns dabei durch genaueste Messung, da von ihrer
Gesamtsumme niemals das kleinste Teilchen verloren geht.

_Spannkraft und Triebkraft_ (=potentielle und aktuelle Energie=).
Die Gesamtsumme der Kraft oder Energie im Weltall bleibt bestndig,
gleichviel, welche Vernderungen uns erscheinen; sie ist ewig und
unendlich, wie die Materie, an die sie untrennbar gebunden ist. Das
ganze Spiel der Natur beruht auf dem Wechsel von scheinbarer Ruhe und
Bewegung; die ruhenden Krper besitzen aber ebenso eine unverlierbare
Gre von Kraft, wie die bewegten. Bei der Bewegung selbst verwandelt
sich die Spannkraft der ersteren in die Triebkraft der letzteren.
Indem das Prinzip der Erhaltung der Kraft sowohl die Abstoung als
die Anziehung in Betracht zieht, behauptet es, da der mechanische
Wert der Spannkrfte und der lebendigen Krfte in der materiellen Welt
eine konstante Quantitt ist. Kurz gesagt, zerfllt der Kraftbesitz
des Universums in zwei Teile, die nach einem bestimmten Wertverhltnis
ineinander verwandelt werden knnen. Die Verminderung des einen bringt
die Vergrerung des anderen mit sich; der Gesamtwert seines Besitzes
bleibt jedoch unverndert. =Die Spannkraft= oder die =potentielle
Energie= und die =lebendige Kraft= oder die aktuelle Energie (=
Triebkraft) werden bestndig ineinander umgewandelt, ohne da die
unendliche Gesamtsumme der Kraft im unendlichen Weltall jemals den
geringsten Verlust erleidet.

_Einheit der Naturkrfte._ Nachdem die moderne Physik das
Substanzgesetz zunchst fr die einfacheren Beziehungen der
anorganischen Krper festgestellt hatte, wies die Physiologie dessen
allgemeine Geltung auch im Gesamtbereiche der organischen Natur
nach. Sie zeigte, da alle Lebensttigkeiten der Organismen ebenso
auf einem bestndigen =Kraftwechsel= und einem damit verknpften
Stoffwechsel beruhen wie die einfachsten Vorgnge in der sogenannten
leblosen Natur. Nicht nur das Wachstum und die Ernhrung der
Pflanzen und Tiere, sondern auch die Funktionen ihrer Empfindung und
Bewegung, ihrer Sinnesttigkeit und ihres Seelenlebens beruhen auf der
Verwandlung von Spannkraft in lebendige Kraft und umgekehrt. Dieses
hchste Gesetz beherrscht auch diejenigen vollkommensten Leistungen
des Nervensystems, welche man bei den hheren Tieren und beim Menschen
als das =Geistesleben= bezeichnet. Somit gilt dasselbe auch fr die
gesamte Psychologie. Wir kennen nur =einerlei Art= von Naturkrften in
allen Naturerscheinungen.

_Allmacht des Substanzgesetzes._ Unsere feste monistische berzeugung,
da das kosmologische Grundgesetz allgemeine Geltung fr die =gesamte
Natur= besitzt, nimmt die hchste Bedeutung in Anspruch. Denn dadurch
wird nicht nur =positiv= die prinzipielle Einheit des Kosmos und der
kausale Zusammenhang aller uns erkennbaren Erscheinungen bewiesen,
sondern es wird dadurch zugleich =negativ= der hchste intellektuelle
Fortschritt erzielt, der definitive Sturz der =drei Zentraldogmen
der Metaphysik=: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Indem das
Substanzgesetz berall mechanische Ursachen in den Erscheinungen
nachweist, verknpft es sich mit dem =allgemeinen Kausalgesetz=.




=Dreizehntes Kapitel.=

_Entwickelungsgeschichte der Welt._

  Monistische Studien ber die ewige Entwickelung des Universum.
  Schpfung, Anfang und Ende der Welt. Entropie.


Unter allen Weltrtseln das grte, umfassendste und schwerste ist
dasjenige von der Entstehung und Entwickelung der Welt, kurz gewhnlich
die =Schpfungsfrage= genannt. Auch zur Lsung dieses schwierigsten
Weltrtsels hat das 19. Jahrhundert mehr beigetragen als alle frheren,
ja sie ist ihm sogar bis zu einem gewissen Grade gelungen. Wenigstens
sind wir zu der klaren Einsicht gelangt, da alle verschiedenen
einzelnen Schpfungsfragen untrennbar verknpft sind, da sie alle
nur ein einziges, allumfassendes =kosmisches Universalproblem=
bilden, und den Schlssel zur Lsung dieser Weltfrage gibt uns
das eine Zauberwort: =Entwickelung=! Die groen Fragen von der
Schpfung des Menschen, von der Schpfung der Tiere und Pflanzen, von
der Schpfung der Erde und der Sonne usw., sie alle sind nur Teile
jener Universalfrage: Wie ist die ganze Welt entstanden? Ist sie auf
bernatrlichem Wege =erschaffen=, oder hat sie sich auf natrlichem
Wege =entwickelt=? Welcher Art sind die Ursachen und die Wege dieser
Entwickelung? Gelingt es uns, eine sichere Antwort auf diese Fragen
fr eines jener =Teil=-Probleme zu finden, so haben wir nach unserer
einheitlichen Naturauffassung damit zugleich ein erhellendes Licht auf
deren Beantwortung fr das =ganze= Weltproblem geworfen.

_Schpfung (~Creatio~)._ Die herrschende Ansicht ber die Entstehung
der Welt war in frheren Jahrhunderten fast berall, wo denkende
Menschen wohnten, der =Glaube an die Schpfung=. In Tausenden von
interessanten, mehr oder weniger fabelhaften Sagen und Dichtungen,
=Kosmogonien= und =Schpfungsmythen= hat dieser Schpfungsglaube seinen
mannigfaltigen Ausdruck gefunden. Frei davon blieben nur wenige groe
Philosophen und besonders jene bewunderungswrdigen freien Denker
des klassischen Altertums, die zuerst den Gedanken der natrlichen
=Entwickelung= erfaten. Im Gegensatz zu diesem letzteren trugen alle
jene Schpfungsmythen den Charakter des =bernatrlichen=, Wunderbaren
oder Transzendenten. Unfhig, das Wesen der Welt selbst zu erkennen
und ihre Entstehung durch natrliche Ursachen zu erklren, mute
die unentwickelte Vernunft selbstverstndlich zum =Wunder= greifen.
In den meisten Schpfungssagen verknpfte sich mit dem Wunder die
Vermenschlichung (der =Anthropismus=). Wie der Mensch mit Absicht
und durch Kunst seine Werke schafft, so sollte der bildende Gott
planmig die Welt erschaffen haben; die Vorstellung dieses Schpfers
war meistens ganz menschenhnlich (anthropomorph). Der allmchtige
Schpfer Himmels und der Erden, wie er im ersten Buch Moses und in
unserem heute noch gltigen Katechismus schafft, ist ebenso ganz
menschlich gedacht wie der moderne Schpfer von =Agassiz= und =Reinke=.

_Schpfung des Weltalls und der Einzeldinge_ (=Kreation der Substanz
und der Akzidenzen=). Bei tieferem Eingehen in den Wunderbegriff der
=Kreation= knnen wir als zwei wesentlich verschiedene Akte die totale
Schpfung des Weltalls und die partielle Schpfung der einzelnen
Dinge unterscheiden, entsprechend dem Begriffe =Spinozas= von der
=Substanz= (dem ~Universum~) und den =Akzidenzen= (oder ~Modi~,
den einzelnen Erscheinungsformen der Substanz). Diese Unterscheidung
ist prinzipiell wichtig; denn es hat viele und angesehene Philosophen
gegeben (und es gibt noch heute solche), welche die erstere annehmen,
die letztere dagegen verwerfen.

_Schpfung der Substanz_ (=Kosmologischer Kreatismus=). Nach dieser
Schpfungslehre hat Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen.
Man stellt sich vor, da der ewige Gott (als vernnftiges, aber
immaterielles Wesen!) fr sich allein von Ewigkeit her (im leeren
Raum) ohne Welt existierte, bis er dann einmal auf den Gedanken kam,
die Welt zu schaffen. Viele Anhnger dieses Glaubens beschrnken
die Schpfungsttigkeit Gottes aufs uerste, auf einen einzigen Akt;
sie nehmen an, da der auerweltliche Gott (dessen brige Ttigkeit
rtselhaft bleibt!) in einem Augenblick die Substanz erschaffen, ihr
die Fhigkeit zur weitergehenden Entwickelung beigelegt und sich dann
nie weiter um sie bekmmert habe. Diese weit verbreitete Ansicht ist
namentlich im englischen =Deismus= vielfach ausgebildet worden; sie
nhert sich unserer monistischen Entwickelungslehre und gibt sie nur
in dem einen Momente preis, in welchem Gott auf den Schpfungsgedanken
kam. Andere Anhnger des kosmologischen Kreatismus nehmen dagegen
an, da Gott der Herr die Substanz nicht nur einmal erschaffen
habe, sondern als bewuter Erhalter und Regierer der Welt in deren
Geschichte fortwirke. Viele Variationen dieses Glaubens nhern sich
bald dem =Pantheismus=, bald dem konsequenten =Theismus=. Alle diese
und hnliche Formen des Schpfungsglaubens sind unvereinbar mit dem
Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffs; dieses kennt keinen
Anfang der Welt.

_Schpfung der Einzeldinge_ (=Ontologischer Kreatismus=). Nach dieser
individuellen, noch jetzt herrschenden Schpfungslehre hat Gott
der Herr nicht nur die Welt im Ganzen (aus Nichts) geschaffen,
sondern auch alle einzelnen Dinge. In der christlichen Kulturwelt
besitzt noch heute die uralte semitische, aus dem ersten Buch Moses
herbergenommene Schpfungssage die weiteste Geltung; selbst unter
den modernen Naturforschern findet sie noch hier und da glubige
Anhnger. Ich habe meine kritische Auffassung derselben im ersten
Kapitel meiner Natrlichen Schpfungsgeschichte eingehend dargelegt.
Als interessante Modifikationen dieses ontologischen Kreatismus
drften folgende Theorien zu unterscheiden sein: ~I~. =Dualistische
Kreation=: Gott hat sich auf =zwei Schpfungsakte= beschrnkt; zuerst
schuf er die anorganische Welt, die tote Substanz, fr die allein
das Gesetz der Energie gilt, blind und ziellos wirkend im Mechanismus
der Weltkrper und der Gebirgsbildung; spter erwarb Gott Intelligenz
und teilte diese den Dominanten mit, den zielstrebigen, intelligenten
Krften, welche die Entwickelung der Organismen bewirken und leiten
(Reinke). ~II~. =Trialistische Kreation=: Gott hat die Welt in
=drei Hauptakten= geschaffen: ~A~. Schpfung des Himmels (d. h. der
auerirdischen Welt); ~B~. Schpfung der Erde (als Mittelpunkt der
Welt) und ihrer Organismen; ~C~. Schpfung des Menschen (als Ebenbild
Gottes): dieses Dogma ist noch heute weit verbreitet unter christlichen
Theologen und anderen Gebildeten; es wird in vielen Schulen als
Wahrheit gelehrt. ~III~. =Hexamerale Kreation=: die Schpfung in
sechs Tagen (nach =Moses=). Obgleich nur wenige Gebildete heute noch
wirklich an diesen mosaischen Mythus glauben, wird er dennoch unseren
Kindern schon in der frhesten Jugend mit dem Bibelunterricht fest
eingeprgt. Die vielfachen, namentlich in England gemachten Versuche,
denselben mit der modernen Entwickelungslehre in Einklang zu bringen,
sind vllig fehlgeschlagen. Fr die Naturwissenschaft gewann derselbe
dadurch groe Bedeutung, da =Linn= bei Begrndung seines Natursystems
(1735) ihn annahm und zur Begriffsbestimmung der organischen (von
ihm fr bestndig gehaltenen) =Spezies= benutzte: Es gibt so viele
verschiedene Arten von Tieren und Pflanzen, als im Anfang verschiedene
Formen von dem unendlichen Wesen erschaffen worden sind. Dieses Dogma
wurde ziemlich allgemein bis auf =Darwin= (1859) festgehalten, obgleich
=Lamarck= schon 1809 seine Unhaltbarkeit dargelegt hatte. ~IV~.
=Periodische Kreation=: im Anfang jeder Periode der Erdgeschichte
wurde die ganze Tier- und Pflanzenbevlkerung neu geschaffen und am
Ende derselben durch eine allgemeine Katastrophe vernichtet; es gibt
so viele General-Schpfungsakte, als getrennte geologische Perioden
aufeinander folgten (die Katastrophentheorie von =Cuvier=, 1818,
und von =Louis Agassiz=, 1858). Die Palontologie, welche in ihren
unvollkommenen Anfngen diese Lehre von den wiederholten Neuschpfungen
der organischen Welt zu sttzen schien, hat dieselbe spter vollstndig
widerlegt. ~V~. =Individuelle Kreation=: jeder einzelne Mensch --
ebenso wie jedes einzelne Tier und jedes Pflanzenindividuum -- ist
nicht durch einen natrlichen Fortpflanzungsakt entstanden, sondern
durch die Gnade Gottes geschaffen (der alle Dinge kennt und die
Haare auf unserem Haupte gezhlt hat). Man liest diese christliche
Schpfungsansicht noch heute oft in den Zeitungen, besonders bei
Geburtsanzeigen (Gestern schenkte uns der gndige Gott einen gesunden
Knaben usw.). Auch die individuellen Talente und Vorzge unserer
Kinder werden oft als besondere Gaben Gottes dankbar anerkannt (die
erblichen Fehler gewhnlich nicht!).

_Entwickelung (~Genesis~, ~Evolutio~)._ Die Unhaltbarkeit der
Schpfungssagen und des damit verknpften Wunderglaubens mute sich
schon frhzeitig denkenden Menschen aufdrngen; wir finden daher
schon vor mehr als zweitausend Jahren zahlreiche Versuche, dieselben
durch eine vernnftige Theorie zu ersetzen und die Entstehung der
Welt mittels natrlicher Ursachen zu erklren. Allen voran stehen
hierin wieder die groen Denker der ionischen Naturphilosophie,
ferner Demokritos, Heraklitos, Empedokles, Aristoteles, Lukretius
und andere Philosophen des Altertums. Die ersten unvollkommenen
Versuche, welche sie unternahmen, berraschen uns zum Teil durch
strahlende Lichtblicke des Geistes, die als Vorlufer moderner Ideen
erscheinen. Indessen fehlte dem klassischen Altertum jener sichere
Boden der naturphilosophischen Spekulation, der erst durch unzhlige
Beobachtungen und Versuche der Neuzeit gewonnen wurde. Whrend des
Mittelalters -- und besonders whrend der Gewaltherrschaft des
Papismus -- ruhte die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiete
ganz. Die Tortur und die Scheiterhaufen der Inquisition sorgten
dafr, da der unbedingte Glaube an die hebrische Mythologie des
Moses als definitive Antwort auf alle Schpfungsfragen galt. Selbst
diejenigen Erscheinungen, die unmittelbar zur Beobachtung der
Entwickelungs-=Tatsachen= aufforderten, die Keimesgeschichte der
Tiere und Pflanzen, die Embryologie des Menschen, blieben unbeachtet
oder erregten nur hie und da das Interesse einzelner wibegieriger
Beobachter; aber ihre Entdeckungen wurden ignoriert und vergessen.
Auerdem wurde der wahren Erkenntnis der natrlichen Entwickelung
ihr Weg von vornherein durch die herrschende =Prformationslehre=
versperrt, durch das Dogma, da die charakteristische Form und Struktur
jeder Tier- und Pflanzenart schon im Keime vorgebildet sei (vergl.
S. 33).

_Entwickelungslehre_ (=Evolutismus=, =Evolutionismus=). Die
Wissenschaft, die wir heute Entwickelungslehre (im weitesten Sinne)
nennen, ist sowohl im ganzen als in ihren einzelnen Teilen ein Kind des
19. Jahrhunderts; sie gehrt zu seinen wichtigsten und glnzendsten
Erzeugnissen. Tatschlich ist dieser Begriff, der noch im 18.
Jahrhundert fast unbekannt war, heute bereits ein fester Grundstein
unserer ganzen Weltanschauung geworden. Ich habe die Grundzge
derselben in frheren Schriften ausfhrlich behandelt, am eingehendsten
in der Generellen Morphologie (1866), sodann mehr populr in der
Natrlichen Schpfungsgeschichte (1868, elfte Auflage 1908) und mit
besonderer Beziehung auf den Menschen in der Anthropogenie (1874,
fnfte Auflage 1903). Ich beschrnke mich daher hier auf eine kurze
bersicht der wichtigsten Fortschritte, welche die Entwickelungslehre
im Laufe des 19. Jahrhunderts gemacht hat; sie zerfllt nach ihren
Objekten in vier Hauptteile: die natrliche Entstehung 1. des Kosmos,
2. der Erde, 3. der irdischen Organismen und 4. des Menschen.

~I~. _Monistische Kosmogenie._ Den ersten Versuch, die
Verfassung und den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebudes
nach =Newton=schen Grundstzen -- d. h. durch mathematische und
physikalische Gesetze -- in einfachster Weise zu erklren, unternahm
=Immanuel Kant= in seinem berhmten Jugendwerke, der Allgemeinen
Naturgeschichte und Theorie des Himmels (1755). Leider blieb dieses
groartige und khne Werk 90 Jahre hindurch fast unbekannt; es wurde
erst 1845 durch =Alexander von Humboldt= wieder hervorgezogen,
im ersten Bande seines Kosmos. Inzwischen war aber der groe
franzsische Mathematiker =Pierre Laplace= selbstndig auf hnliche
Theorien wie =Kant= gekommen und fhrte sie mit mathematischer
Begrndung weiter aus in seiner ~Exposition du systme du monde~
(1796). Sein Hauptwerk ~Mcanique cleste~ erschien im Jahre
1799. Die bereinstimmenden Grundzge der Kosmogenie von =Kant=
und =Laplace= beruhen bekanntlich auf einer mechanischen Erklrung
der Planetenbewegungen und der daraus abgeleiteten Annahme, da
alle Weltkrper ursprnglich aus rotierenden Nebelbllen durch
Verdichtung entstanden sind. Diese =Nebularhypothese= ist zwar spter
vielfach verbessert und ergnzt worden, sie gilt aber noch heute
als der beste von allen Versuchen, die Entstehung des Weltgebudes
einheitlich und mechanisch zu erklren (vergl. =Wilhelm Blsche=,
Entwickelungsgeschichte der Natur. ~I~. Bd. 1894). In spterer Zeit
hat sie eine bedeutungsvolle Ergnzung und zugleich Verstrkung
durch die Annahme gewonnen, da dieser =kosmogonische Proze= nicht
nur einmal stattgefunden, sondern sich periodisch wiederholt hat.
Whrend in gewissen Teilen des unendlichen Weltraums aus rotierenden
Nebelbllen neue Weltkrper entstehen und sich entwickeln, werden in
anderen Teilen desselben umgekehrt alte, erkaltete und abgestorbene
Weltkrper durch Zusammensto wieder zerstubt und in diffuse
Nebelmassen aufgelst.

_Anfang und Ende der Welt._ Fast alle lteren und neueren Kosmogenien
und so auch die meisten, die sich an =Kant= und =Laplace= anschlossen,
gingen von der herrschenden Ansicht aus, da die Welt einen =Anfang=
gehabt habe. So htte sich im Anfang nach einer vielverbreiteten
Form der Nebularhypothese ursprnglich ein ungeheurer Nebelball
aus uerst dnner und leichter Materie gebildet, und in einem
bestimmten Zeitpunkte (vor undenklich langer Zeit) habe in diesem
eine Rotationsbewegung angefangen. Ist der erste Anfang dieser
kosmogenen Bewegung erst einmal gegeben, so lassen sich dann nach
jenen mechanischen Prinzipien die weiteren Vorgnge in der Bildung der
Weltkrper, der Sonderung der Planetensysteme usw. sicher ableiten
und mathematisch begrnden. Dieser erste =Ursprung der Bewegung=
ist das zweite Weltrtsel von =Du Bois-Reymond=; er erklrt es fr
=transzendent=. Auch viele andere Naturforscher und Philosophen kommen
um diese Schwierigkeit nicht herum und resignieren mit dem Gestndnis,
da man hier einen ersten bernatrlichen Ansto߫, also ein Wunder,
annehmen msse.

Nach unserer Ansicht wird dieses zweite Weltrtsel durch die Annahme
gelst, da die =Bewegung= ebenso eine immanente und =ursprngliche=
Eigenschaft der Substanz ist wie die =Empfindung= (Kap. 12). Die
Berechtigung zu dieser monistischen Annahme finden wir erstens im
Substanzgesetz und zweitens in den groen Fortschritten, welche die
Astronomie und Physik in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts
gemacht haben. Durch die =Spektralanalyse= von =Bunsen= und =Kirchhoff=
(1860) haben wir nicht nur erfahren, da die Millionen Weltkrper,
welche den unendlichen Weltraum erfllen, aus denselben Materien
bestehen wie unsere Sonne und Erde, sondern auch, da sie sich in
verschiedenen Zustnden der Entwickelung befinden; wir haben sogar
mit ihrer Hilfe Kenntnisse ber die Bewegungen und Entfernungen der
Fixsterne gewonnen, welche durch das Fernrohr allein nicht erkannt
werden konnten. Ferner ist das =Teleskop= selbst sehr bedeutend
verbessert worden und hat uns mit Hilfe der =Photographie= eine Flle
von astronomischen Entdeckungen geschenkt, welche im Beginne des 19.
Jahrhunderts noch nicht geahnt werden konnten. Insbesondere hat die
bessere Kenntnis der Kometen und Sternschnuppen, der Sternhaufen und
Nebelflecke, uns die groe Bedeutung der kleinen Weltkrper kennen
gelehrt, welche zu Milliarden zwischen den greren Sternen im Weltraum
verteilt sind.

Wir wissen jetzt auch, da die =Bahnen= der Millionen von Weltkrpern
=vernderlich= und zum Teil unregelmig sind, whrend man frher die
Planetensysteme als bestndig betrachtete und die rotierenden Blle
in ewiger Gleichmigkeit ihre Kreise beschreiben lie. Wichtige
Aufschlsse verdankt die Astrophysik auch den gewaltigen Fortschritten
in anderen Gebieten der Physik, vor allem in der Optik und Elektrik,
sowie in der dadurch gefrderten thertheorie. Endlich erweist sich
auch hier wieder als grter Fortschritt unserer Naturerkenntnis das
=universale Substanzgesetz=. Wir wissen jetzt, da es ebenso berall
in den fernsten Weltrumen unbedingte Geltung hat wie in unserem
Planetensystem, ebenso in dem kleinsten Teilchen unserer Erde wie in
der kleinsten Zelle unseres menschlichen Krpers. Wir sind aber auch
zu der wichtigen Annahme berechtigt und logisch gezwungen, da die
Erhaltung der Materie und der Energie zu allen Zeiten ebenso allgemein
bestanden hat, wie sie heute ohne Ausnahme besteht. =In alle Ewigkeit
war, ist und bleibt das unendliche Universum dem Substanzgesetz
unterworfen.=

Aus diesen gewaltigen Fortschritten der Astronomie und Physik, die
sich gegenseitig erlutern und ergnzen, ergibt sich eine Reihe von
beraus wichtigen Schlssen ber die Zusammensetzung und Entwickelung
des Kosmos, ber die Beharrung und Umbildung der Substanz. Wir
fassen dieselben kurz in folgenden Thesen zusammen: ~I~. Der
=Weltraum= ist unendlich gro und unbegrenzt; er ist nirgends leer,
sondern allenthalben mit Substanz erfllt. ~II~. Die =Weltzeit=
ist ebenfalls unendlich und unbegrenzt; sie hat keinen Anfang und
kein Ende, sie ist Ewigkeit. ~III~. Die =Substanz= befindet sich
berall und jeder Zeit in ununterbrochener Bewegung und Vernderung;
nirgends herrscht vollkommene Ruhe und Starre; dabei bleibt aber die
unendliche Quantitt der Materie ebenso unverndert wie diejenige
der ewig wechselnden Energie. ~IV~. Die Universalbewegung der
Substanz im Weltraum ist ein ewiger Kreislauf mit =periodisch= sich
wiederholenden Entwickelungszustnden. ~V~. Diese Phasen bestehen in
einem periodischen Wechsel der Temperatur und der dadurch bedingten
Dichtigkeitsverhltnisse (=Aggregatzustnde=). ~VI~. Whrend in einem
Teile des Weltraums durch fortschreitende Verdichtung neue Weltkrper
entstehen, erfolgt gleichzeitig in anderen Teilen der entgegengesetzte
Proze, die Zerstrung von Weltkrpern, die aufeinander stoen.
~VII~. Die ungeheuren Wrmequantitten, welche durch diese
mechanischen Prozesse bei den Zusammensten der rotierenden Weltkrper
erzeugt werden, stellen die neuen lebendigen Krfte dar, welche
die Bewegung der dabei gebildeten kosmischen Staubmassen und die
=Neubildung= rotierender Blle bewirken: das ewige Spiel beginnt wieder
von neuem. Auch unsere Mutter Erde, die vor Millionen von Jahrtausenden
aus einem Teile des rotierenden Sonnensystems entstanden ist, wird nach
Verflu weiterer Millionen erstarren und, nachdem ihre Bahn immer
kleiner geworden, in die Sonne strzen.

Besonders wichtig fr die klare Einsicht in den universalen
kosmischen Entwickelunsproze sind diese modernen Vorstellungen ber
periodisch wechselnden Untergang und Neubildung der Weltkrper.
Unsere Mutter =Erde= schrumpft dabei auf den Wert eines winzigen
Sonnenstubchens zusammen, wie deren ungezhlte Millionen im
unendlichen Weltenraum umherjagen. Unser eigenes =Menschenwesen=,
welches in seinem anthropistischen Grenwahn sich als Ebenbild
Gottes verherrlicht, sinkt zur Bedeutung eines plazentalen
Sugetieres hinab, welches nicht mehr Wert fr das ganze Universum
besitzt als die Ameise und die Eintagsfliege, als das mikroskopische
Infusorium und der winzigste Bazillus. Auch wir Menschen sind nur
vorbergehende Entwickelungszustnde der ewigen Substanz, individuelle
Erscheinungsformen der Materie und Energie, deren Nichtigkeit wir
begreifen, wenn wir sie dem unendlichen Raum und der ewigen Zeit
gegenberstellen.

_Raum und Zeit._ Seitdem =Kant= die Begriffe von Raum und Zeit als
bloe Formen der Anschauung erklrt hat -- den Raum als Form der
ueren, die Zeit als Form der inneren Anschauung -- hat sich ber
diese wichtigen Probleme der Erkenntnis ein Streit erhoben, der
auch heute noch fortdauert. Bei einem groen Teile der modernen
Metaphysiker hat sich die Ansicht befestigt, da dieser kritischen
Tat als Ausgangspunkt einer rein idealistischen Erkenntnistheorie
die grte Bedeutung beizulegen sei, und da damit die natrliche
Ansicht des gesunden Menschenverstandes von der =Realitt des Raumes
und der Zeit= widerlegt sei. Diese einseitige Auffassung jener beiden
Grundbegriffe ist die Quelle der grten Irrtmer geworden; sie
bersieht, da =Kant= mit jenem Satze nur die eine Seite des Problems,
die =subjektive=, streifte, daneben aber die andere, die =objektive=,
als gleichberechtigt anerkannte; er sagte: Raum und Zeit haben
=empirische Realitt=, aber =transzendentale Idealitt=. Mit diesem
Satze =Kants= kann sich unser moderner Monismus wohl einverstanden
erklren, nicht aber mit jener einseitigen Geltendmachung der
subjektiven Seite des Problems; denn diese fhrt in ihrer Konsequenz zu
jenem absurden Idealismus, der in =Berkeleys= Satze gipfelt: Krper
sind nur Vorstellungen, ihr Dasein besteht im Wahrgenommenwerden.
Dieser Satz sollte heien: Krper sind fr mein persnliches
Bewutsein nur Vorstellungen; ihr Dasein ist ebenso real wie dasjenige
meiner Denkorgane, nmlich der Ganglienzellen des Grohirns, welche
die Eindrcke der Krper auf meine Sinnesorgane aufnehmen und durch
Assozion derselben jene Vorstellung bilden. Ebenso gut, wie ich die
Realitt von Raum und Zeit bezweifle, oder gar leugne, kann ich
auch diejenige meines eigenen Bewutseins leugnen; im Fieberdelirium,
in Halluzinationen, im Traum, im Doppelbewutsein halte ich
Vorstellungen fr wahr, welche nicht real, sondern Einbildungen
sind; ich halte sogar meine eigene Person fr eine andere (S. 111);
das berhmte ~Cogito ergo sum~ gilt hier nicht mehr. Dagegen ist
die =Realitt von Raum und Zeit= jetzt endgltig bewiesen durch die
Erweiterung unserer Weltanschauung, welche wir dem Substanzgesetz und
der monistischen Kosmogenie verdanken. Nachdem wir die unhaltbare
Vorstellung vom leeren Raum glcklich abgestreift haben, bleibt uns
als das unendliche, =raumerfllende= Medium die =Materie=, und zwar
in ihren beiden Formen: =ther= und =Masse=. Und ebenso betrachten wir
auf der anderen Seite als das =zeiterfllende= Geschehen die ewige
Bewegung oder genetische =Energie=, welche sich in der ununterbrochenen
=Entwickelung= der Substanz uert.

_~Universum perpetuum mobile~._ Da jeder bewegte Krper seine
Bewegung so lange fortsetzt, als ihn nicht uere Umstnde daran
hindern, kam der Mensch schon vor Jahrtausenden auf den Gedanken,
Apparate zu bauen, die sich, einmal in Bewegung gesetzt, immerfort
in derselben Weise weiter bewegen. Man bersah dabei, da jede
Bewegung auf uere Hindernisse stt und allmhlich aufhrt, wenn
nicht ein neuer Ansto von auen erfolgt, wenn nicht eine neue Kraft
zugefhrt wird, die jene Hindernisse berwindet. So wrde z. B. ein
schwingendes Pendel in Ewigkeit mit derselben Geschwindigkeit sich
hin und her bewegen, wenn nicht der Widerstand der Luft und die
Reibung im Aufhngungspunkte die mechanische lebendige Kraft seiner
Bewegung allmhlich aufhben und in Wrme verwandelten. Wir mssen ihm
durch einen neuen Ansto (oder bei der Pendeluhr durch Aufziehen des
Gewichtes) neue mechanische Kraft zufhren. Daher ist die Konstruktion
einer Maschine, welche ohne uere Hilfe einen Arbeitsberschu
erzeugt, durch den sie sich selbst immerfort im Gang erhlt, unmglich.
Alle Versuche, ein solches ~Perpetuum mobile~ zu bauen, muten
fehlschlagen; die Erkenntnis des Substanzgesetzes bewies sodann auch
theoretisch die Unmglichkeit desselben.

Anders verhlt es sich aber, wenn wir den =Kosmos= als Ganzes ins Auge
fassen, das unendliche Weltall, welches nach unserer Anschauung in
ewiger Bewegung begriffen ist. Damit ist aber zugleich gesagt, da das
ganze =Universum= selbst ein allumfassendes ~Perpetuum mobile~ ist.
Diese unendliche und ewige Maschine des Weltalls erhlt sich selbst
in ewiger und ununterbrochener Bewegung, wobei die unendlich groe
=Summe= der aktuellen und potentiellen Energie ewig dieselbe bleibt.
Nach unserer Auffassung ist also die Vorstellung des ~Perpetuum
mobile~ fr den =ganzen= Kosmos ebenso wahr und fundamental bedeutend
wie sie fr die isolierte Aktion eines =Teiles= desselben unmglich
ist. Damit werden auch die Schlufolgerungen abgelehnt, die aus der
Lehre von der =Entropie= gezogen worden sind.

_Entropie des Weltalls._ Der scharfsinnige Begrnder der =mechanischen
Wrmetheorie= (1850), =Clausius=, fate den wichtigsten Inhalt dieser
bedeutungsvollen Lehre in zwei Hauptstzen zusammen. Der erste
Hauptsatz lautet: =Die Energie des Weltalls ist konstant=; er bildet
die eine Hlfte unseres Substanzgesetzes, das Energieprinzip (S.
28). Der zweite Hauptsatz behauptet: =Die Entropie des Weltalls
strebt einem Maximum zu.= Nach der Ansicht von =Clausius= zerfllt
die Gesamtenergie des Weltalls in zwei Teile, von denen der eine
(als Wrme von hherer Temperatur, als mechanische, elektrische,
chemische Energie usw.) noch teilweise in Arbeit umsetzbar ist,
der andere dagegen nicht; diese letztere, die bereits in Wrme
verwandelte und in klteren Krpern angesammelte Energie, ist fr
weitere Arbeitsleistung unwiederbringlich verloren. Diesen gleichsam
verbrauchten Energieteil, der nicht mehr in mechanische Arbeit
umgesetzt werden kann, nennt =Clausius Entropie= (d. h. die nach
innen gewendete Kraft); er wchst bestndig auf Kosten des ersten
Teiles. Da nun tagtglich immer mehr mechanische Energie des Weltalls
in Wrme bergeht und diese nicht in die erstere zurckverwandelt
werden kann, mu die gesamte Quantitt der arbeitsfhigen Energie immer
mehr zerstreut und herabgesetzt werden. Alle Temperaturunterschiede
mten zuletzt verschwinden und die vllig gebundene Wrme gleichmig
in einem einzigen trgen Klumpen von starrer Materie verbreitet sein;
alles organische Leben und alle organische Bewegung wrde aufgehrt
haben, wenn dieses =Maximum der Entropie= erreicht wre; das wahre
Ende der Welt wre da. (Vergl. =Felix Auerbach=, Die Weltherrin und
ihr Schatten, 1902.)

Wenn diese Anwendung der Lehre von der Entropie richtig wre, so
mte dem angenommenen =Ende= der Welt auch ein ursprnglicher
=Anfang= derselben entsprechen; beide Vorstellungen sind nach unserer
monistischen und konsequenten Auffassung des ewigen kosmogenetischen
Prozesses gleich unhaltbar. Es gibt einen Anfang der Welt ebensowenig
als ein Ende derselben. Wie das Universum unendlich ist, so bleibt es
auch ewig in Bewegung; ununterbrochen findet eine Verwandlung der
lebendigen Kraft in Spannkraft statt und umgekehrt; und die Summe
dieser aktuellen und potentiellen Energie bleibt immer dieselbe.

Die Verteidiger der Entropie behaupten dieselbe mit Recht, sobald
sie Prozesse ins Auge fassen, die in einem geschlossenen System
ablaufen. Im groen =Ganzen= des Weltalls, worauf wir den Begriff
eines geschlossenen Systems nicht anwenden knnen, herrschen
aber jedenfalls Verhltnisse, die eine Umkehrung des energetischen
Ablaufs mglich machen. So werden z. B. beim Zusammenstoe von zwei
Weltkrpern, die mit ungeheurer Geschwindigkeit aufeinander treffen,
kolossale Wrmemengen frei, whrend die zerstubten Massen in den
Weltraum hinausgeschleudert und zerstreut werden. Das ewige Spiel der
rotierenden Massen mit Verdichtung der Teile, Ballung neuer kleiner
Meteoriten, Vereinigung derselben zu greren usw. beginnt dann von
neuem.

=Herbert Spencer= hat in seinen Grundprinzipien berzeugend
dargelegt, da selbst fr ein =geschlossenes= Universum der Schlu
unerlaubt wre, es msse, einmal in Ruhe, auch unendliche Zeit in Ruhe
bleiben. Man knne sagen, der jetzige Zustand habe mit dem Ende einer
frheren Entwickelung begonnen, und das Ende der gegenwrtigen sei
zugleich der Anfang einer neuen; in dem Augenblick, wo das Maximum
der Entropie erreicht sei, setze gerade eine langsame Entwickelung im
entgegengesetzten Sinne ein, und so wrde sich das Leben des Universums
unaufhrlich fortsetzen. Wie =Poincar= (Die moderne Physik, 1908)
bemerkt, stimmt diese Auffassung mit der vieler Physiker berein,
welche z. B. nach der kinetischen Gastheorie annehmen, da man bei
gengend langer Beobachtung die verschiedenen Zustnde wiederkehren
sehen kann, wenn eine Gasmasse eine Reihe von Vernderungen
durchgemacht hat.

~II~. _Monistische Geogenie._ Die Entwickelungsgeschichte der Erde,
auf die wir jetzt noch einen flchtigen Blick werfen, bildet nur einen
winzig kleinen Teil von derjenigen des Kosmos. Sie ist zwar auch gleich
dieser seit mehreren Jahrtausenden Gegenstand der philosophischen
Spekulation und noch mehr der mythologischen Dichtung gewesen; aber
ihre wirklich wissenschaftliche Erkenntnis ist viel jnger und stammt
zum weitaus grten Teile aus dem 19. Jahrhundert. Im Prinzip war die
Natur der Erde, als eines Planeten, der um die Sonne kreist, schon
durch das Weltsystem des =Kopernikus= (1543) bestimmt; durch =Galilei=,
=Kepler= und andere groe Astronomen war ihr Abstand von der Sonne, ihr
Bewegungsgesetz usw. mathematisch festgestellt. Auch war bereits durch
die Kosmogenie von =Kant= und =Laplace= der Weg gezeigt, auf welchem
sich die Erde aus der Mutter Sonne entwickelt hatte. Aber die sptere
Geschichte unseres Planeten, die Umbildung seiner Oberflche, die
Entstehung der Kontinente und Meere, der Gebirge und Wsten war noch zu
Ende des 18. und in den ersten beiden Dezennien des 19. Jahrhunderts
nur wenig Gegenstand ernster wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen;
meistens begngte man sich mit ziemlich unsicheren Vermutungen oder
mit der Annahme der traditionellen Schpfungssagen; insbesondere
war es auch hier wieder der berlieferte Glaube an die mosaische
Schpfungsgeschichte, welcher der selbstndigen Forschung von
vornherein den Weg zur wahren Erkenntnis verlegte.

Erst im Jahre 1822 erschien ein bedeutendes Werk, welches zur
wissenschaftlichen Erforschung der Erdgeschichte diejenige Methode
einschlug, die sich bald als die weitaus fruchtbarste erwies, die
=ontologische Methode= oder das =Prinzip des Aktualismus=. Sie besteht
darin, da wir die Erscheinungen der =Gegenwart= genau studieren
und benutzen, um dadurch die hnlichen geschichtlichen Vorgnge der
=Vergangenheit= zu erklren. Nachdem zuerst =Karl Hoff= (Gotha) in
seiner Geschichte der durch berlieferung nachgewiesenen natrlichen
Vernderungen der Erdoberflche diese ontologische Methode (1822)
begrndet hatte, wurde sie bald (1830) von dem groen englischen
Geologen =Charles Lyell= in seinen Prinzipien der Geologie auf die
ganze Geschichte der Erde erfolgreich angewendet. In neuester Zeit
hat =Johannes Walther= in seiner gedankenreichen Geschichte der Erde
und des Lebens (1908) eine lichtvolle populre Darstellung derselben
gegeben.

Als zwei Hauptabschnitte der Erdgeschichte mssen wir vor allem
die =anorganische und organische Geogenie= unterscheiden; die
letztere beginnt mit dem ersten Auftreten lebender Wesen auf
unserem Erdball. Die =anorganische Geschichte= der Erde, der ltere
Abschnitt, verlief in derselben Weise wie diejenige der brigen
Planeten unseres Sonnensystems; sie alle lsten sich vom quator des
rotierenden Sonnenkrpers als Nebelringe ab, welche sich allmhlich zu
selbstndigen Weltkrpern verdichteten. Aus dem gasfrmigen Nebelball
wurde durch Abkhlung der glutflssige Erdball, und weiterhin entstand
an dessen Oberflche durch fortschreitende Wrmeausstrahlung die
dnne feste Rinde, welche wir bewohnen. Erst nachdem die Temperatur
an der Oberflche bis zu einem gewissen Grade gesunken war, konnte
sich aus der umgebenden Dampfhlle das erste tropfbar-flssige
Wasser niederschlagen, und damit war die wichtigste Vorbedingung
fr die Entstehung des organischen Lebens gegeben. Viele Millionen
Jahre sind verflossen, seitdem dieser bedeutungsvolle Vorgang, die
erste Wasserbildung, eintrat und damit die Einleitung zum dritten
Hauptabschnitt der Kosmogenie, zur =Biogenie=.

~III~. _Monistische Biogenie._ Der dritte Hauptabschnitt der
Weltentwickelung beginnt mit der ersten Entstehung der Organismen auf
unserem Erdball und dauert seitdem ununterbrochen bis zur Gegenwart
fort. Die groen Weltrtsel, welche dieser interessanteste Teil der
Erdgeschichte uns vorlegt, galten noch im Anfange des 19. Jahrhunderts
allgemein fr unlsbar oder doch fr so schwierig, da ihre Lsung in
weitester Ferne zu liegen schien; am Ende desselben durften wir mit
berechtigtem Stolze sagen, da sie durch die moderne =Biologie= und
ihren =Transformismus im Prinzip= gelst sind. Zuerst stellte (1809)
=Jean Lamarck= die Lehre fest, da alle die unzhligen Formen des
Tier- und Pflanzenreiches durch allmhliche Umbildung aus gemeinsamen
einfachsten Stammformen hervorgegangen sind, und da die allmhliche
Vernderung der Gestalten durch =Anpassung=, in Wechselwirkung mit
=Vererbung=, diese langsame Transmutation bewirkt hat. Fnfzig
Jahre spter fhrte =Charles Darwin= die einzelnen Teile dieser
Deszendenztheorie, gesttzt auf die groartigen, inzwischen erfolgten
Fortschritte der Biologie, weiter aus und fllte zugleich durch seine
neue Selektionstheorie die bedenklichste Lcke der ersteren aus.
Er zeigte, wie die natrliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein der
unbewute Schpfer ist, welcher die zweckmige Organisation der
Lebensformen ohne vorbedachten Zweck und Schpfungsplan hervorbringt.
Dadurch ist =Darwin= der Kopernikus der organischen Welt geworden.

~IV~. _Monistische Anthropogenie._ Als vierter und letzter
Hauptabschnitt der Weltentwickelung kann fr uns Menschen derjenige
jngste Zeitraum gelten, innerhalb dessen sich unser eigenes
Geschlecht entwickelt hat. Schon =Lamarck= (1809) hatte klar
erkannt, da diese Entwickelung vernnftigerweise nur auf =einem=
natrlichen Wege denkbar sei, durch =Abstammung vom Affen=, als von
dem nchstverwandten Sugetiere. =Huxley= zeigte sodann (1863) in
seiner berhmten Abhandlung ber die Stellung des Menschen in der
Natur, da diese bedeutungsvolle Annahme ein notwendiger Folgeschlu
der Deszendenztheorie und durch anatomische, embryologische und
palontologische Tatsachen wohlbegrndet sei; er erklrte diese
Frage aller Fragen im Prinzip fr gelst. =Darwin= behandelte sie
in geistreicher Weise von verschiedenen Seiten in seinem Werke ber
die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl
(1871). Ich selbst hatte schon in meiner Generellen Morphologie (1866)
diesem wichtigsten Spezialproblem der Abstammungslehre ein besonderes
Kapitel gewidmet. 1874 verffentlichte ich meine =Anthropogenie=,
als ersten Versuch, die Abstammung des Menschen durch seine ganze
Ahnenreihe bis zur ltesten archigonen Monerenform hinauf zu verfolgen;
ich sttzte mich dabei gleichmig auf die drei groen Urkunden der
Stammesgeschichte, auf die vergleichende Anatomie, Ontogenie und
Palontologie (Fnfte umgearbeitete Auflage 1903). Wie weit wir
seitdem durch zahlreiche wichtige Fortschritte der anthropogenetischen
Forschung gekommen sind, habe ich in dem Vortrag gezeigt, den ich 1898
auf dem internationalen Zoologenkongresse in Cambridge ber unsere
gegenwrtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen gehalten habe. Die
ausfhrlichste Darstellung derselben, unter Benutzung der neuesten
Fortschritte der Anthropogenie, habe ich in meiner letzten Abhandlung
gegeben: =Unsere Ahnenreihe= (~Progonotaxis hominis~), Festschrift
zur 350jhrigen Jubelfeier der Universitt Jena, am 30. Juli 1908.




=Vierzehntes Kapitel.=

_Einheit der Natur._

  Monistische Studien ber die materielle und energetische Einheit des
  Kosmos. -- Mechanismus und Vitalismus. -- Ziel, Zweck und Zufall.


Durch das Substanzgesetz ist zunchst die fundamentale Tatsache
erwiesen, da jede Naturkraft mittelbar oder unmittelbar in jede
andere umgewandelt werden kann. Mechanische und chemische Energie,
Schall und Wrme, Licht und Elektrizitt knnen ineinander bergefhrt
werden und erweisen sich nur als verschiedene Erscheinungsformen
einer und derselben Urkraft, der =Energie=. Daraus ergibt sich der
bedeutungsvolle Satz von der =Einheit aller Naturkrfte= oder, wie wir
auch sagen knnen, dem =Monismus der Energie=. Im gesamten Gebiete
der Physik und Chemie ist dieser Fundamentalsatz jetzt allgemein
anerkannt, soweit er die anorganischen Naturkrper betrifft.

Anders verhlt sich scheinbar die organische Welt, das bunte und
formenreiche Gebiet des Lebens. Zwar liegt es auch hier auf der
Hand, da ein =groer Teil= der Lebenserscheinungen unmittelbar auf
mechanische und chemische Energie, auf elektrische und Lichtwirkungen
zurckzufhren ist. Fr einen anderen Teil aber wird das auch heute
noch bestritten, so vor allem fr das Weltrtsel des =Seelenlebens=,
insbesondere des Bewutseins. Hier ist es nun das hohe Verdienst der
modernen =Entwickelungslehre=, die Brcke zwischen den beiden, scheinbar
getrennten Gebieten geschlagen zu haben. Wir sind jetzt zu der klaren
berzeugung gelangt, da auch alle Erscheinungen des =organischen=
Lebens ebenso dem universalen Substanzgesetz unterworfen sind wie die
=anorganischen= Phnomene im unendlichen Kosmos.

_Die Einheit der Natur,_ die hieraus folgt, die berwindung des
frheren Dualismus, ist sicher eines der wertvollsten Ergebnisse
unserer modernen Entwickelungslehre. Ich habe diesen =Monismus des
Kosmos=, die prinzipielle Einheit der organischen und anorganischen
Natur schon 1866 sehr eingehend zu begrnden versucht, indem ich die
bereinstimmung der beiden groen Naturreiche in Beziehung auf Stoffe,
Formen und Krfte einer eingehenden kritischen Prfung und Vergleichung
unterzog (Generelle Morphologie, 5. Kap.). Einen kurzen Auszug
ihrer Ergebnisse enthlt der fnfzehnte Vortrag meiner Natrlichen
Schpfungsgeschichte. Whrend die hier entwickelten Anschauungen von
der groen Mehrzahl der Naturforscher gegenwrtig angenommen sind,
ist doch neuerdings von mehreren Seiten der Versuch gemacht worden,
sie zu bekmpfen und den alten Gegensatz von zwei ganz verschiedenen
Naturgebieten aufrecht zu erhalten. In der Hauptsache handelt es sich
auch hier wieder um den uralten Gegensatz der =mechanischen= und der
=teleologischen= Weltanschauung. Bevor wir auf denselben eingehen,
wollen wir kurz auf zwei andere Theorien hinweisen, welche nach meiner
berzeugung fr die Entscheidung dieser wichtigen Probleme sehr
wertvoll sind, die Kohlenstofftheorie und die Urzeugungslehre.

_Kohlenstofftheorie._ Die physiologische Chemie hat im Laufe der
letzten Dezennien durch unzhlige Analysen folgende fnf Tatsachen
festgestellt: ~I~. In den organischen Naturkrpern kommen keine
anderen Elemente vor als in den anorganischen. ~II~. Diejenigen
Verbindungen der Elemente, welche dem Organismus eigentmlich sind,
und welche ihre Lebenserscheinungen bewirken, sind zusammengesetzte
Plasmakrper, aus der Gruppe der Albuminate oder Eiweiverbindungen.
~III~. Das organische Leben selbst ist ein chemisch-physikalischer
Proze, der auf dem Stoffwechsel dieser Albuminate beruht. ~IV~.
Dasjenige Element, welches allein imstande ist, diese zusammengesetzten
Eiweikrper in Verbindung mit anderen Elementen (Sauerstoff,
Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel) aufzubauen, ist der Kohlenstoff.
~V~. Diese plasmatischen Kohlenstoff-Verbindungen zeichnen sich
vor den meisten anderen chemischen Verbindungen durch ihre sehr
komplizierte Molekularstruktur aus, durch ihre Unbestndigkeit und
ihren gequollenen Aggregatzustand. Auf Grund dieser fnf fundamentalen
Tatsachen stellte ich im Jahre 1866 folgende =Theorie= auf: Lediglich
die eigentmlichen, chemisch-physikalischen Eigenschaften des
Kohlenstoffes -- und namentlich der festflssige Aggregatzustand und
die leichte Zersetzbarkeit der hchst zusammengesetzten, eiweiartigen
Kohlenstoff-Verbindungen -- sind die mechanischen Ursachen jener
eigentmlichen Bewegungs-Erscheinungen, durch welche sich die
Organismen von den Anorganen unterscheiden, und die man im engeren
Sinne das Leben nennt. Obwohl diese Kohlenstofftheorie von mehreren
Biologen heftig angegriffen worden ist, hat doch bisher keiner eine
bessere monistische Theorie an deren Stelle gesetzt. Heute, wo wir die
physiologischen Verhltnisse des Zellenlebens, die Chemie und Physik
des lebendigen Plasma viel besser und grndlicher kennen als um die
Mitte des 19. Jahrhunderts, lt sich unsere Theorie eingehender und
sicherer begrnden, als es damals mglich war.

_Achigonie oder Urzeugung._ Der alte Begriff der =Urzeugung=
(~Generatio spontanea~ oder ~aequivoca~) wird heute noch in
sehr verschiedenem Sinne verwendet; gerade die Unklarheit ber
diesen =Begriff= und die widersprechende Anwendung desselben auf
ganz verschiedene, alte und neue Hypothesen sind schuld daran,
da dieses wichtige Problem zu den bestrittensten und konfusesten
Fragen der ganzen Naturwissenschaft bis auf den heutigen Tag gehrt.
Ich beschrnke den Begriff der Urzeugung auf die erste Entstehung
von lebendem Plasma aus anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen
und unterscheide als zwei Hauptperioden in diesem =Beginn der
Biogenesis=: ~I~. die Entstehung von einfachsten Plasmakrpern
in einer anorganischen Bildungsflssigkeit, und ~II~. die
Individualisierung von primitivsten Organismen aus jenen
Plasmaverbindungen, in Form von =Moneren=. Ich habe diese wichtigen,
aber auch sehr schwierigen Probleme im 15. Kapitel meiner Natrlichen
Schpfungsgeschichte so eingehend behandelt, da ich hier darauf
verweisen kann. Eine sehr ausfhrliche und streng wissenschaftliche
Errterung derselben habe ich bereits 1866 in der Generellen
Morphologie gegeben (Bd. ~I~, S. 167-190); spter hat =Naegeli= in
seiner Mechanisch-physiologischen Theorie der Abstammungslehre (1884)
die Hypothese der Urzeugung ganz in demselben Sinne sehr eingehend
behandelt und als eine =unentbehrliche Annahme= der natrlichen
Entwickelungstheorie bezeichnet. Ich stimme vollkommen seinem Satze bei:
Die Urzeugung leugnen heit das Wunder verknden. Eine kritische
Auseinandersetzung der verschiedenartigen Hypothesen, welche neuerdings
ber Urzeugung aufgestellt worden sind, enthlt das 15. Kapitel
(Lebensursprung) meines Buches ber die Lebenswunder (Volksausgabe
1906).

_Teleologie und Mechanik._ Sowohl die Hypothese der Urzeugung als die
eng damit verknpfte Kohlenstofftheorie besitzen die grte Bedeutung
fr die Entscheidung des alten Kampfes zwischen der =teleologischen=
(=dualistischen=) und der =mechanischen= (=monistischen=) Beurteilung
der Erscheinungen. Seit =Darwin= uns vor fnfzig Jahren durch seine
=Selektionstheorie= den Schlssel zur monistischen Erklrung der
Organisation in die Hand gab, sind wir in den Stand gesetzt, die bunte
Mannigfaltigkeit der zweckmigen Einrichtungen in der lebendigen
Krperwelt ebenso auf natrliche mechanische Ursachen zurckzufhren,
wie dies vorher nur in der anorganischen Natur mglich war. Die
bernatrlichen zweckttigen Ursachen, zu welchen man frher seine
Zuflucht hatte nehmen mssen, sind dadurch berflssig geworden.

_Werkursachen_ (~Causae efficientes~) und _Endursachen_ (~Causae
finales~). Den tiefen Gegensatz zwischen den bewirkenden Ursachen
(oder Werkursachen) und den zweckttigen Ursachen (oder Endursachen)
hat mit Bezug auf die Erklrung der Gesamtnatur kein neuerer Philosoph
schrfer hervorgehoben, als =Immanuel Kant=. In seinem berhmten
Jugendwerke, der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels,
hatte er 1755 den khnen Versuch unternommen, die Verfassung und
den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebudes nach =Newton=schen
Grundstzen abzuhandeln. Er sttzte sich dabei ganz auf die
mechanischen Bewegungserscheinungen der Gravitation; sie wurde spter
von =Laplace= weiter ausgebildet und mathematisch begrndet. Als dieser
von Napoleon ~I~. gefragt wurde, welche Stelle in seinem System Gott,
der Schpfer und Erhalter des Weltalls, einnehme, antwortete er klar
und ehrlich: Sire, ich bedarf dieser Hypothese nicht. Damit war der
=atheistische Charakter= dieser =mechanischen Kosmogenie=, den sie mit
allen anorganischen Wissenschaften teilt, offen anerkannt. Dies mu um
so mehr hervorgehoben werden, als die =Kant-Laplace=sche Theorie noch
heute in fast allgemeiner Geltung steht. Wenn man den =Atheismus=
noch heute in weiten Kreisen als einen schweren Vorwurf betrachtet, so
trifft dieser die gesamte moderne Naturwissenschaft, insofern sie die
=anorganische= Welt unbedingt mechanisch erklrt.

Der Mechanismus =allein= gibt uns eine =wirkliche Erklrung= der
Naturerscheinungen, indem er dieselben auf reale Werkursachen
zurckfhrt, auf Bewegungen, welche durch die materielle Konstitution
der betreffenden Naturkrper selbst bedingt sind. =Kant= selbst betont,
da es ohne diesen Mechanismus der Natur keine Naturwissenschaft
geben kann, und da die =Befugnis= der menschlichen Vernunft zur
mechanischen Erklrung =aller= Erscheinungen unbeschrnkt sei. Als
er aber spter in seiner Kritik der ideologischen Urteilskraft die
Erklrung der verwickelten Erscheinungen in der =organischen= Natur
besprach, behauptete er, da dafr jene mechanischen Ursachen nicht
ausreichend seien; hier msse man zweckmig wirkende Endursachen
zu Hilfe nehmen. Zwar sei auch hier die Befugnis unserer Vernunft
zur mechanischen Erklrung anzuerkennen, aber ihr =Vermgen= sei
begrenzt. Allerdings gestand er ihr teilweise dieses Vermgen zu, aber
fr den grten Teil der Lebenserscheinungen (und besonders fr die
Seelenttigkeit des Menschen) hielt er die Annahme von Endursachen
unentbehrlich. Der merkwrdige  79 der Kritik der Urteilskraft trgt
die charakteristische berschrift: Von der notwendigen Unterordnung
des Prinzips des Mechanismus unter das teleologische in Erklrung eines
Dinges als Naturzweck. Die zweckmigen Einrichtungen im Krperbau
der organischen Wesen schienen =Kant= ohne Annahme bernatrlicher
Endursachen (d. h. also einer planmig wirkenden Schpferkraft)
so unerklrlich, da er sagte: Es ist ganz gewi, da wir die
organisierten Wesen und deren innere Mglichkeit nach blo mechanischen
Prinzipien der Natur nicht einmal zureichend kennen, viel weniger uns
erklren knnen, und zwar so gewi, da man dreist sagen kann: Es ist
fr Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen oder
zu hoffen, da noch etwa dereinst ein Newton aufstehen knne, der auch
nur die Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht
geordnet hat, begreiflich machen werde, sondern man mu diese Einsicht
dem Menschen schlechterdings absprechen. Siebzig Jahre spter ist
dieser unmgliche =Newton= der organischen Natur in =Darwin= wirklich
erschienen und hat die groe Aufgabe gelst, die =Kant= fr unlsbar
erklrt hatte.

_Der Zweck in der anorganischen Natur_ (=Anorganische Teleologie=).
Seitdem =Newton= (1682) das Gravitationsgesetz aufgestellt, und
seitdem =Kant= (1755) die Verfassung und den =mechanischen=
Ursprung des ganzen Weltgeldes nach =Newton=schen Grundstzen
festgestellt -- seitdem endlich =Laplace= (1796) dieses =Grundgesetz
des Weltmechanismus= mathematisch begrndet hatte, sind die smtlichen
anorganischen Naturwissenschaften rein =mechanisch= und damit zugleich
rein =atheistisch= geworden. In der Astronomie und Kosmogenie, in der
Geologie und Meteorologie, in der anorganischen Physik und Chemie gilt
seitdem die absolute Herrschaft mechanischer Gesetze auf mathematischer
Grundlage als unbedingt feststehend. Seitdem ist aber auch der
=Zweckbegriff= aus diesem ganzen groen Gebiete =verschwunden=. Jetzt
ist diese monistische Betrachtung nach harten Kmpfen zu allgemeiner
Geltung gelangt, und kein Naturforscher fragt mehr im Ernste nach
dem Zweck irgendeiner Erscheinung in diesem ganzen unermelichen
Gebiete. Oder sollte wirklich noch heute im Ernste ein Astronom nach
dem Zwecke der Planetenbewegungen oder ein Mineraloge nach dem Zwecke
der einzelnen Kristallformen fragen? Oder sollte ein Physiker ber den
Zweck der elektrischen Krfte oder ein Chemiker ber den Zweck der
Atomgewichte grbeln? Wir drfen getrost antworten: =Nein=! Sicher
nicht in dem Sinne, da der liebe Gott oder eine zielstrebige
Naturkraft diese Grundgesetze des Weltmechanismus einmal pltzlich aus
nichts zu einem bestimmten Zweck erschaffen hat, und da er sie nach
seinem vernnftigen Willen tagtglich wirken lt. Diese anthropomorphe
Vorstellung von einem zweckttigen Weltbaumeister und Weltherrscher
ist hier vllig berwunden; an seine Stelle sind die ewigen, ehernen,
groen Naturgesetze getreten.

_Der Zweck in der organischen Natur_ (=Biologische Teleologie=). Eine
ganz andere Bedeutung und Geltung als in der anorganischen besitzt der
=Zweckbegriff= noch heute in der organischen Natur. Im Krperbau und
in der Lebensttigkeit aller Organismen tritt uns die Zweckttigkeit
unleugbar entgegen. Jede Pflanze und jedes Tier erscheinen in der
Zusammensetzung aus einzelnen Teilen ebenso fr einen bestimmten
Lebenszweck eingerichtet wie die knstlichen, vom Menschen erfundenen
und konstruierten Maschinen; und solange ihr Leben fortdauert, ist
auch die Funktion der einzelnen Organe ebenso auf bestimmte Zwecke
gerichtet wie die Arbeit in den einzelnen Teilen der Maschine. Es
war daher ganz naturgem, da die ltere naive Naturbetrachtung fr
die Entstehung und die Lebensttigkeit der organischen Wesen einen
Schpfer in Anspruch nahm, der mit Weisheit und Verstand alle Dinge
geordnet hatte, und der jedes Tier und jede Pflanze ihrem besonderen
Lebenszweck entsprechend organisiert hatte. Gewhnlich wurde dieser
allmchtige Schpfer Himmels und der Erden durchaus anthropomorph
gedacht; er schuf jegliches Wesen nach seiner Art. Solange dabei dem
Menschen der Schpfer noch in menschlicher Gestalt erschien, denkend
mit seinem Gehirn, sehend mit seinen Augen, formend mit seinen Hnden,
konnte man sich von diesem gttlichen Maschinenbauer und von seiner
knstlerischen Arbeit in der groen Schpfungswerksttte noch eine
anschauliche Vorstellung machen. Viel schwieriger wurde dies, als sich
der Gottesbegriff luterte und man in dem unsichtbaren Gott einen
immateriellen Schpfer ohne Organe erblickte. Noch unbegreiflicher
endlich wurden diese anthropistischen Vorstellungen, als die
Physiologie an die Stelle des bewut bauenden Gottes die unbewut
schaffende =Lebenskraft= setzte -- eine unbekannte, zweckmig ttige
Naturkraft, welche von den bekannten physikalischen und chemischen
Krften verschieden war und diese nur zeitweise -- auf Lebenszeit --
in Dienst nahm. Dieser =Vitalismus= blieb noch bis um die Mitte des
19. Jahrhunderts herrschend; er fand seine tatschliche Widerlegung
erst durch den groen Physiologen =Johannes Mller=. Zwar war auch
dieser geistreiche Biologe im Glauben an die Lebenskraft aufgewachsen
und hielt sie fr die Erklrung der letzten Lebensursachen fr
unentbehrlich, aber er fhrte zugleich in seinem klassischen, noch
heute unbertroffenen Lehrbuch der Physiologie (1833) den Beweis, da
eigentlich nichts mit ihr anzufangen ist. =Mller= selbst zeigte in
einer langen Reihe von ausgezeichneten Beobachtungen und scharfsinnigen
Experimenten, da die meisten Lebensttigkeiten im Organismus des
Menschen ebenso wie der brigen Tiere nach physikalischen und
chemischen Gesetzen geschehen, da viele von ihnen sogar mathematisch
bestimmbar sind. Das gilt ebensowohl von den Funktionen der Muskeln
und Nerven, der niederen und hheren Sinnesorgane, wie von den
Vorgngen bei der Ernhrung und dem Stoffwechsel, der Verdauung und
dem Blutkreislauf. Rtselhaft und ohne die Annahme einer Lebenskraft
nicht erklrbar blieben eigentlich nur zwei Gebiete, das der hheren
Seelenttigkeit (Geistesleben) und das der Fortpflanzung (Zeugung).
Aber auch auf diesen Gebieten wurden unmittelbar nach =Mllers= Tode so
bedeutende Entdeckungen und Fortschritte gemacht, da das unheimliche
Gespenst der Lebenskraft auch aus diesen letzten Schlupfwinkeln
verschwand. Es war ein merkwrdiger chronologischer Zufall, da
=Johannes Mller= 1858 in demselben Jahre starb, in welchem =Charles
Darwin= die ersten Mitteilungen ber seine epochemachende Theorie
verffentlichte. Die =Selektionstheorie= des letzteren beantwortete
das groe Rtsel, vor welchem der erstere stehen geblieben war: die
Frage von der Entstehung zweckmiger Einrichtungen durch rein
mechanische Ursachen, ohne vorbedachten Plan.

_Der Zweck in der Selektionstheorie_ (=Darwin= 1859). Das unsterbliche
philosophische Verdienst =Darwins= bleibt, wie wir schon oft
betont haben, ein doppeltes: erstens die Reform der lteren, 1809
von =Lamarck= begrndeten =Deszendenztheorie=, ihre Begrndung
durch das gewaltige, im Laufe dieses halben Jahrhunderts
angesammelte Tatsachenmaterial -- und zweitens die Aufstellung der
=Selektionstheorie=, jener Zuchtwahllehre, welche uns erst eigentlich
die wahren bewirkenden Ursachen der allmhlichen Artumbildung enthllt.
=Darwin= zeigte zuerst, wie der unerbittliche =Kampf ums Dasein=
der unbewut wirkende Regulator ist, welcher die Wechselwirkung der
Vererbung und Anpassung bei der allmhlichen Transformation der Spezies
leitet; er ist der groe =zchtende Gott=, welcher ohne Absicht neue
Formen ebenso durch natrliche Auslese bewirkt, wie der zchtende
Mensch neue Formen mit Absicht durch knstliche Auslese hervorbringt.
Damit wurde das groe philosophische Rtsel gelst: Wie knnen
zweckmige Einrichtungen rein mechanisch entstehen, ohne zweckttige
Ursachen? Neuerdings hat sich daraus das Prinzip der =teleologischen
Mechanik= zu immer grerer Geltung entwickelt und hat auch die
feinsten und verborgensten Einrichtungen der organischen Wesen uns
durch die funktionelle Selbstgestaltung der zweckmigen Struktur
mechanisch erklrt. Damit ist aber der transzendente Zweckbegriff
unserer teleologischen Schulphilosophie beseitigt, das grte Hindernis
einer vernnftigen und einheitlichen Naturauffassung.

_Neovitalismus._ In neuerer Zeit ist das alte Gespenst der mystischen
Lebenskraft, das grndlich gettet schien, wieder aufgelebt;
verschiedene Biologen haben versucht, dasselbe unter neuem Namen zur
Geltung zu bringen. Die konsequenteste Darstellung desselben hat der
Kieler Botaniker =Johannes Reinke= in zwei Bchern gegeben: Die Welt
als Tat (1899) und Einleitung in die theoretische Biologie (1901).
Er nennt sie Umrisse einer Weltansicht auf naturwissenschaftlicher
Grundlage; tatschlich ist aber diese Grundlage der christliche
Kirchenglaube. Indem er von den Offenbarungen der Bibel ausgeht
und =Moses= als hchste wissenschaftliche Autoritt betrachtet,
verteidigt er zugleich den Wunderglauben und den =Theismus=, die
Mosaische =Schpfungsgeschichte= und die Konstanz der Arten; er
nennt die Lebenskrfte, im Gegensatze zu den physikalischen
Krften, Richtkrfte, Oberkrfte oder =Dominanten=. =Reinke= wendet
vergeblich alle Mittel auf, um die herrschenden Glaubenslehren der
christlichen Kirche mit den direkt widersprechenden Erfahrungsstzen
der Entwickelungslehre in Einklang zu bringen. Diesen Widerspruch wird
auch der neue sogenannte Keplerbund nicht lsen, den er 1908 zur
Bekmpfung und Vernichtung des 1905 gegrndeten Monistenbundes ins
Leben gerufen hat. Das Widersinnige und Unhaltbare dieses Neovitalismus
(der in den mystischen Kreisen der Spiritisten und Okkultisten,
Theosophen und Metaphysiker viel Anklang findet), habe ich im 2. und 3.
Kapitel meiner Lebenswunder eingehend nachgewiesen.

_Unzweckmigkeitslehre_ (=Dysteleologie=). Unter diesem Begriffe
habe ich schon im Jahre 1866 die Wissenschaft von den beraus
interessanten und wichtigen biologischen Tatsachen begrndet, welche
in handgreiflichster Weise die hergebrachte teleologische Auffassung
von der zweckmigen Einrichtung der lebendigen Naturkrper direkt
widerlegen. Diese Wissenschaft von den rudimentren, abortiven,
verkmmerten, fehlgeschlagenen, atrophischen oder kataplastischen
Individuen sttzt sich auf eine unermeliche Flle der merkwrdigsten
Erscheinungen, welche zwar den Zoologen und Botanikern lngst bekannt
waren, aber erst durch Darwin urschlich erklrt und in ihrer hohen
philosophischen Bedeutung vollstndig gewrdigt worden sind.

Alle hheren Tiere und Pflanzen, berhaupt alle diejenigen Organismen,
deren Krper nicht ganz einfach gebaut, sondern aus mehreren,
zweckmig zusammenwirkenden Organen zusammengesetzt ist, lassen bei
aufmerksamer Untersuchung eine Anzahl von nutzlosen oder unwirksamen,
ja zum Teil sogar gefhrlichen und schdlichen Einrichtungen erkennen.
In den Blten der meisten Pflanzen finden sich neben den wirksamen
Geschlechtsblttern, welche die Fortpflanzung vermitteln, einzelne
nutzlose Blattorgane ohne Bedeutung (verkmmerte oder fehlgeschlagene
Staubfden, Fruchtbltter, Kronen-, Kelchbltter usw.). In den
beiden groen und formenreichen Klassen der fliegenden Tiere, Vgel
und Insekten, gibt es neben den gewhnlichen, ihre Flgel tglich
gebrauchenden Arten eine Anzahl von Formen, deren Flgel verkmmert
sind, und die nicht fliegen knnen. Fast in allen Klassen der hheren
Tiere, die ihre Augen zum Sehen gebrauchen, existieren einzelne
Arten, welche im Dunkeln leben und nicht sehen; trotzdem besitzen
auch diese meistens noch Augen; nur sind sie verkmmert, zum Sehen
nicht mehr tauglich. An unserem eigenen menschlichen Krper besitzen
wir solche nutzlose Rudimente in den Muskeln unseres Ohres, in der
Nickhaut unseres Auges, in der Brustwarze und Milchdrse des Mannes
und in anderen Krperteilen; ja der gefrchtete Wurmfortsatz unseres
Blinddarmes ist nicht nur unntz, sondern sogar gefhrlich, und
alljhrlich geht eine Anzahl Menschen durch seine Entzndung zugrunde.

Die =Erklrung= dieser und vieler anderer zweckloser Einrichtungen
im Krperbau der Tiere und Pflanzen vermag weder der alte noch der
neue =Vitalismus= zu geben; dagegen finden wir sie sehr einfach durch
die =Deszendenztheorie=. Sie zeigt, da diese rudimentren Organe
=verkmmert= sind, und zwar durch Nichtgebrauch. Ebenso, wie die
Muskeln, die Nerven, die Sinnesorgane durch bung und hufigeren
Gebrauch gestrkt werden, ebenso erleiden sie umgekehrt durch
Unttigkeit und unterlassenen Gebrauch mehr oder weniger Rckbildung.
Aber obgleich so durch bung und Anpassung die hhere Entwickelung
der Organe gefrdert wird, so verschwinden sie doch keineswegs sofort
spurlos durch Nichtbung; vielmehr werden sie durch die Macht der
Vererbung noch whrend vieler Generationen erhalten und verschwinden
erst allmhlich nach lngerer Zeit. Der blinde Kampf ums Dasein
zwischen den Organen bedingt ebenso ihren historischen Untergang,
wie er ursprnglich ihre Entstehung und Ausbildung verursachte. Ein
immanenter Zweck spielt dabei berhaupt keine Rolle.

_Unvollkommenheit der Natur._ Wie das Menschenleben so bleibt auch das
Tier- und Pflanzenleben immer und berall unvollkommen. Diese Tatsache
ergibt sich einfach aus der Erkenntnis, da die ganze Natur in einem
bestndigen Flusse der =Entwickelung=, der Vernderung und Umbildung
begriffen ist. Diese Entwickelung erscheint uns im groen und ganzen
-- wenigstens soweit wir die Stammesgeschichte der organischen Natur
auf unserem Planeten bersehen knnen -- als eine fortschreitende
Umbildung, als ein historischer Fortschritt vom Einfachen zum
Zusammengesetzten, vom Niederen zum Hheren, vom Unvollkommenen zum
Vollkommneren. Ich habe schon in der Generellen Morphologie (1866) den
Nachweis gefhrt, da dieser historische =Fortschritt= -- oder die
allmhliche =Vervollkommnung= -- die =notwendige Wirkung der Selektion=
ist, nicht aber die Folge eines vorbedachten Zweckes. Das ergibt sich
auch daraus, da kein Organismus ganz vollkommen ist; selbst wenn er
in einem gegebenen Augenblicke den Umstnden vollkommen angepat wre,
wrde dieser Zustand nicht lange dauern; denn die Existenzbedingungen
der Auenwelt sind selbst einem bestndigen Wechsel unterworfen und
bedingen damit eine ununterbrochene Anpassung der Organismen.

_Sittliche Weltordnung._ In der Philosophie der Geschichte, in
den allgemeinen Betrachtungen, welche die Geschichtschreiber ber
die Schicksale der Vlker und ber den verschlungenen Gang der
Staatenentwickelung anstellen, herrscht noch heute die Annahme einer
sittlichen Weltordnung. Die Historiker suchen in dem bunten Wechsel
der Vlkergeschicke einen leitenden Zweck, eine ideale Absicht,
welche diese oder jene Rasse, diesen oder jenen Staat zu besonderem
Gedeihen auserlesen und zur Herrschaft ber die anderen bestimmt
hat. Diese teleologische und dualistische Geschichtsbetrachtung ist
neuerdings um so schrfer in prinzipiellen Gegensatz zu unserer
monistischen Weltanschauung getreten, je sicherer sich diese letztere
im gesamten Gebiete der anorganischen Natur als die allem berechtigte
herausgestellt hat. In der gesamten Astronomie und Geologie, in dem
weiten Gebiete der Physik und Chemie spricht heute niemand mehr von
einer sittlichen Weltordnung, ebensowenig als von einem persnlichen
Gotte, dessen Hand mit Weisheit und Verstand alle Dinge geordnet hat.
Dieser ist aber auch in dem gesamten Gebiete der Biologie nicht zu
finden, in der ganzen Verfassung und Geschichte der organischen Natur.
=Darwin= hat uns in seiner Selektionstheorie nicht nur gezeigt, wie
die zweckmigen Einrichtungen im Leben und im Krperbau der Tiere und
Pflanzen ohne vorbedachten Zweck mechanisch entstanden sind, sondern er
hat uns auch in seinem =Kampf ums Dasein= die gewaltige Naturmacht
erkennen gelehrt, welche den ganzen Entwickelungsgang der organischen
Welt seit vielen Jahrmillionen ununterbrochen beherrscht und regelt.
Man knnte freilich sagen: Der Kampf ums Dasein ist das berleben
des Passendsten oder der Sieg des Besten; das kann man aber nur,
wenn man das Strkere stets als das beste (in moralischem Sinne!)
betrachtet; und berdies zeigt uns die ganze Geschichte der organischen
Welt, da neben dem berwiegenden Fortschritt zum Vollkommenen
jederzeit auch einzelne Rckschritte zu niederen Zustnden vorkommen.

Verhlt es sich nun in der Vlkergeschichte, die der Mensch in seinem
anthropozentrischen Grenwahn die Weltgeschichte zu nennen liebt,
etwa anders? Ist da berall und jederzeit ein hchstes moralisches
Prinzip oder ein weiser Weltregent zu entdecken, der die Geschicke
der Vlker leitet? Die unbefangene Antwort kann heute, bei dem
vorgeschrittenen Zustande unserer Naturgeschichte und Vlkergeschichte,
nur lauten: =Nein!= Die Geschicke der Zweige des Menschengeschlechts,
die als Rassen und Nationen seit Jahrtausenden um ihre Existenz und
ihre Fortbildung gerungen haben, unterliegen genau denselben ewigen,
ehernen, groen Gesetzen wie die Geschichte der ganzen organischen
Welt, die seit vielen Jahrmillionen die Erde bevlkert.

Die Geologen unterscheiden in der organischen Erdgeschichte, soweit
sie uns durch die Denkmler der Versteinerungskunde bekannt ist, drei
groe Perioden: das primre, sekundre und tertire Zeitalter. Ihre
Zeitdauer ist schwer abzuschtzen, betrgt aber (zusammengenommen)
jedenfalls mehr als hundert Millionen Jahre. Die Geschichte des
Wirbeltierstammes, aus dem unser eigenes Geschlecht entsprossen ist,
liegt innerhalb dieses langen Zeitraumes klar vor unseren Augen; drei
verschiedene Entwickelungsstufen der Vertebraten waren in jenen drei
groen Perioden nacheinander entwickelt; in der primren Periode
die =Fische=, in der sekundren die =Reptilien=, in der tertiren
die =Sugetiere=. Von diesen drei Hauptgruppen der Wirbeltiere
nehmen die Fische den niedersten, die Reptilien einen mittleren, die
Sugetiere den hchsten Rang der Vollkommenheit ein. Bei tieferem
Eingehen in die Geschichte der drei Klassen finden wir, da auch
die einzelnen Ordnungen und Familien derselben innerhalb der drei
Zeitrume sich fortschreitend zu hherer Vollkommenheit entwickelten.
Kann man nun diesen fortschreitenden Entwickelungsgang als Ausflu
einer bewuten zweckmigen Zielstrebigkeit oder einer sittlichen
Weltordnung bezeichnen? Durchaus nicht! Denn die Selektionstheorie
lehrt uns, da der organische =Fortschritt=, ebenso wie die organische
Differenzierung, eine =notwendige Folge= des Kampfes ums Dasein ist.
Tausende von bewunderungswrdigen Arten des Tier- und Pflanzenreiches
sind im Laufe jener hundert Millionen Jahre zugrunde gegangen, weil sie
anderen, strkeren, Platz machen muten, und diese Sieger im Kampfe
ums Dasein waren nicht immer die edleren oder im moralischen Sinne
vollkommneren Formen.

Genau dasselbe gilt von der =Vlkergeschichte=. Die bewunderungswrdige
Kultur des klassischen Altertums ist zugrunde gegangen, weil das
Christentum dem ringenden Menschengeiste damals durch den Glauben an
einen liebenden Gott und die Hoffnung auf ein besseres jenseitiges
Leben einen gewaltigen neuen Aufschwung verlieh. Der Papismus wurde
zwar bald zur schamlosen Karikatur des reinen Christentums und zertrat
schonungslos die Schtze der Erkenntnis, welche die hellenische
Philosophie schon erworben hatte; aber er gewann die Weltherrschaft
durch die Unwissenheit der blindglubigen =Massen=. Erst die
Renaissance zerri die Ketten dieser Geistesknechtschaft und verhalf
wieder den Ansprchen der Vernunft zu ihrem Rechte. Aber auch in dieser
neuen, wie in jenen frheren Perioden der Kulturgeschichte, wogt ewig
der groe Kampf ums Dasein hin und her, ohne jede moralische Ordnung.

_Vorsehung._ So wenig bei unbefangener und kritischer Betrachtung
eine moralische Weltordnung im Gange der Vlkergeschichte
nachzuweisen ist, ebensowenig knnen wir eine weise Vorsehung im
Schicksal der einzelnen Menschen anerkennen. Dieses wie jener wird
mit eiserner Notwendigkeit durch die mechanische Kausalitt bestimmt,
welche jede Erscheinung aus einer oder mehreren vorhergehenden Ursachen
ableitet. Schon die alten Hellenen erkannten als hchstes Weltprinzip
das blinde =Fatum= (die Anangke), das Gtter und Menschen beherrscht.
An ihre Stelle trat im Christentum die bewute Vorsehung eines Gottes,
welcher nicht blind, sondern sehend ist, und welcher die Weltregierung
als patriarchalischer Herrscher fhrt. Der anthropomorphe Charakter
dieser Vorstellung liegt auf der Hand. Der Glaube an einen liebenden
Vater, der die Geschicke von 1500 Millionen Menschen auf unserem
Planeten unablssig lenkt und dabei die millionenfach sich kreuzenden
Gebete und frommen Wnsche derselben jederzeit bercksichtigt, ist
vollkommen unhaltbar: das ergibt sich sofort, wenn die Vernunft beim
Nachdenken darber die farbige Brille des Glaubens ablegt.

Bei dem ungeheuren Aufschwung des Verkehrs im 19. Jahrhundert hat
notwendig die Zahl der Verbrechen und Unglcksflle in einem frher
nicht geahnten Mae zugenommen; das erfahren wir tagtglich durch
die Zeitungen. In jedem Jahre gehen Tausende von Menschen zugrunde
durch Schiffbrche, Tausende durch Eisenbahnunglcke, Tausende durch
Bergwerkskatastrophen usw. Viele Tausende tten sich alle Jahre
gegenseitig im Kriege, und die Zurstung fr diesen Massenmord
nimmt bei den hchstentwickelten, die christliche Liebe bekennenden
Kulturnationen den weitaus grten Teil des Nationalvermgens in
Anspruch. Und unter jenen Hunderttausenden, die alljhrlich als
Opfer der modernen Zivilisation fallen, befinden sich berwiegend
tchtige, tatkrftige, arbeitsame Menschen. Dabei redet man noch von
sittlicher Weltordnung! Es soll durchaus nicht bestritten werden, da
der heute noch herrschende und in den Schulen gelehrte Glaube an eine
sittliche Weltordnung -- ebenso wie an eine liebevolle Vorsehung
-- einen hohen =Idealwert= besitzt. Er trstet die Leidenden, strkt
die Schwachen, erhebt im Unglck; er befriedigt unser zweifelndes
Gemt und versetzt uns in eine Idealwelt des Jenseits, in welcher
die Mngel des irdischen Daseins im Diesseits berwunden sind. So
lange der Mensch kindlich und unerfahren genug bleibt, mag er sich mit
diesen Gebilden der Dichtung begngen. Allein das fortgeschrittene
Kulturleben der Gegenwart reit ihn gewaltsam aus jener schnen
Idealwelt heraus und stellt ihn vor Aufgaben, zu deren Lsung ihn nur
die vernnftige Erkenntnis der =Wirklichkeit= befhigt. Unzweifelhaft
wird die frhzeitige Anpassung an diese =Realwelt=, zweckmig in den
Unterricht eingefhrt und auf die moderne Entwickelungslehre gesttzt,
den hher gebildeten Menschen der Zukunft nicht allein vernnftiger und
vorurteilsfreier, sondern auch besser und glcklicher machen.

_Ziel, Zweck und Zufall._ Wenn uns unbefangene Prfung der
Weltentwickelung lehrt, da dabei weder ein bestimmtes Ziel noch ein
besonderer Zweck (im Sinne der menschlichen Vernunft!) nachzuweisen
ist, so scheint nichts brig zu bleiben, als alles dem =blinden
Zufall= zu berlassen. Dieser Vorwurf ist in der Tat ebenso
dem =Transformismus= von =Lamarck= und =Darwin=, wie frher der
=Kosmogenie= von =Kant= und =Laplace= entgegengehalten worden; viele
dualistische Philosophen legen gerade hierauf besonderes Gewicht. Es
verlohnt sich daher wohl der Mhe, hier noch einen flchtigen Blick
darauf zu werfen.

Die eine Gruppe der Philosophen behauptet nach ihrer =teleologischen=
Auffassung: die ganze Welt ist ein geordneter Kosmos, in dem alle
Erscheinungen Ziel und Zweck haben; es gibt =keinen Zufall!= Die
andere Gruppe dagegen meint gem ihrer =mechanistischen= Auffassung:
Die Entwickelung der ganzen Welt ist ein einheitlich mechanischer
Proze, in dem wir nirgends Ziel und Zweck entdecken knnen; was
wir im organischen Leben so nennen, ist eine besondere Folge der
biologischen Verhltnisse; weder in der Entwickelung der Weltkrper,
noch in derjenigen unserer organischen Erdrinde ist ein leitender Zweck
nachzuweisen; hier ist =alles Zufall!= Beide Parteien haben recht, je
nach der Definition des Zufalls. Das allgemeine =Kausalgesetz=, in
Verbindung mit dem Substanzgesetz, berzeugt uns, da jede Erscheinung
ihre mechanische Ursache hat; in diesem Sinne gibt es keinen Zufall.
Wohl aber knnen und mssen wir diesen unentbehrlichen Begriff
beibehalten, um damit das =Zusammentreffen= von zwei Erscheinungen
zu bezeichnen, die nicht unter sich kausal verknpft sind, von denen
aber natrlich jede ihre Ursache hat, unabhngig von der anderen. Wie
jedermann wei, spielt der Zufall in diesem monistischen Sinne die
grte Rolle im Leben des Menschen wie in demjenigen aller anderen
Naturkrper. Die wichtigsten Entscheidungen im bunten Wechsel unserer
persnlichen Schicksale werden oft durch zufllige Begegnung mit
anderen Personen bestimmt. Das hindert aber nicht, da wir in jedem
einzelnen =Zufall= wie in der Entwickelung des Weltganzen die
universale Herrschaft des umfassendsten Naturgesetzes anerkennen, des
=Substanzgesetzes=.




=Fnfzehntes Kapitel.=

_Gott und Welt._

  Monistische Studien ber Theismus und Pantheismus. Der anthropistische
  Monotheismus der drei groen Mediterran-Religionen. Extramundaner und
  intramundaner Gott.


Als letzten und hchsten Urgrund aller Erscheinungen betrachtet
die Menschheit seit Jahrtausenden eine bewirkende Ursache unter
dem Begriffe =Gott= (~Deus~, ~Theos~). Wie alle anderen
allgemeinen Begriffe, so ist auch dieser hchste Grundbegriff im
Laufe der Vernunftentwickelung den bedeutendsten Umbildungen und den
mannigfaltigsten Abartungen unterworfen gewesen. Ja man kann sagen, da
kein anderer Begriff so sehr umgestaltet und abgendert worden ist;
denn kein anderer berhrt in gleich hohem Mae sowohl die hchsten
Aufgaben des erkennenden Verstandes und der vernnftigen Wissenschaft
als auch zugleich die tiefsten Interessen des glubigen Gemtes und der
dichtenden Phantasie.

Eine vergleichende Kritik der zahlreichen verschiedenen Hauptformen
der Gottesvorstellung ist zwar hchst interessant und lehrreich, wrde
uns hier aber viel zu weit fhren; wir mssen uns damit begngen, nur
auf die wichtigsten Gestaltungen der Gottesidee und auf ihre Beziehung
zu unserer heutigen, durch die reine Naturerkenntnis bedingten
Weltanschauung einen flchtigen Blick zu werfen.

Wenn wir von allen feineren Abtnungen und bunten Gewandungen des
Gottesbildes absehen, knnen wir fglich -- mit Beschrnkung auf den
tiefsten Inhalt desselben -- alle verschiedenen Vorstellungen darber
in zwei entgegengesetzte Hauptgruppen ordnen, in die =theistische= und
die =pantheistische= Gruppe. Die letztere ist eng verknpft mit der
=monistischen= oder rationellen, die erstere mit der =dualistischen=
oder mystischen Weltanschauung.

~I~. _Theismus: Gott und Welt sind zwei verschiedene Wesen._ Gott
steht der Welt gegenber als deren Schpfer, Erhalter und Regierer.
Dabei wird Gott stets mehr oder weniger menschenhnlich gedacht, als
ein Organismus, welcher dem Menschen hnlich (wenn auch in hchst
vollkommener Form) denkt und handelt. Dieser =anthropomorphe Gott=,
den die verschiedenen Naturvlker offenbar unabhngig voneinander
mehrmals erdacht haben, unterliegt in ihrer Phantasie bereits den
mannigfaltigsten Abstufungen, vom Fetischismus aufwrts bis zu den
geluterten monotheistischen Religionen der Gegenwart. Als wichtigste
Unterarten der theistischen Begriffsbildung unterscheiden wir
Polytheismus, Triplotheismus, Amphitheismus und Monotheismus.

_Polytheismus_ (Vielgtterei). Die Welt ist von vielen verschiedenen
Gttern bevlkert, welche mehr oder weniger selbstndig in deren
Getriebe eingreifen. Der =Fetischismus= findet dergleichen
untergeordnete Gtter in den verschiedensten leblosen Naturkrpern, in
den Steinen, im Wasser, in der Luft, in menschlichen Kunstprodukten
einfachster Art. Der =Dmonismus= erblickt Gtter in lebendigen
Organismen, in Bumen, Tieren und Menschen. Diese Vielgtterei nimmt
schon in den niedersten Religionsformen der rohen Naturvlker sehr
mannigfaltige Formen an. Sie erscheint auf der hchsten Stufe gelutert
im =hellenischen Polytheismus=, in jenen herrlichen Gttersagen des
alten Griechenlands, welche noch heute unserer modernen Kunst die
schnsten Vorbilder fr Poesie und Bildnerei liefern. Auf viel tieferer
Stufe steht der =katholische Polytheismus=, in dem zahlreiche Heilige
als untergeordnete Gottheiten angebetet und um gtige Vermittelung beim
obersten Gott oder bei der Jungfrau Maria ersucht werden.

_Triplotheismus_ (Dreigtterei, Trinittslehre). Die Lehre von der
=Dreieinigkeit Gottes=, welche heute noch im Glaubensbekenntnis der
christlichen Kulturvlker die grundlegenden drei Glaubensartikel
bildet, gipfelt bekanntlich in der Vorstellung, da der =Eine Gott=
des Christentums eigentlich in Wahrheit aus =drei Personen= von
verschiedenem Wesen sich zusammensetzt: ~I~. =Gott der Vater= ist der
allmchtige Schpfer Himmels und der Erde (dieser unhaltbare Mythus
ist durch die wissenschaftliche Kosmogenie, Astronomie und Geologie
lngst widerlegt). =II=. =Jesus Christus= ist der eingeborene Sohn
Gottes des Vaters (und zugleich der dritten Person, des Heiligen
Geistes!!), erzeugt durch unbefleckte Empfngnis der Jungfrau Maria.
~III~. Der =Heilige Geist=, ein mystisches Wesen, ber dessen
unbegreifliches Verhltnis zum Sohne und zum Vater sich viele
christliche Theologen seit 1900 Jahren den Kopf ganz umsonst zerbrochen
haben. Die Evangelien, die doch die einzigen lauteren Quellen dieses
=christlichen Triplotheismus= sind, lassen uns ber die eigentlichen
Beziehungen dieser drei Personen zu einander vllig im Dunkeln und
geben auf die Frage nach ihrer rtselhaften Einheit keine irgendwie
befriedigende Antwort. Dagegen mssen wir besonders darauf hinweisen,
welche Verwirrung diese unklare und mystische Trinittslehre in den
Kpfen unserer Kinder schon beim ersten Schulunterricht notwendig
anrichten mu. Montag morgens in der ersten Unterrichtsstunde
(Religion) lernen sie: Dreimal eins ist eins! -- und gleich darauf
in der zweiten Stunde (Rechnen): Dreimal eins ist drei! Ich erinnere
mich selbst sehr wohl noch der Bedenken, welche dieser auffllige
Widerspruch in mir selbst beim ersten Unterricht erregte. -- brigens
ist die =Dreieinigkeit= im Christentum keineswegs originell, sondern
gleich den meisten anderen Lehren desselben aus lteren Religionen
bernommen. Aus dem Sonnendienste der chaldischen Magier entwickelt
sich die Trinitt der =Ilu=, der geheimnisvollen Urquelle der Welt;
ihre drei Offenbarungen waren =Anu=, das ursprngliche Chaos, =Bel=,
der Ordner der Welt, und =Ao=, das himmlische Licht, die alles
erleuchtende Weisheit. -- In der Brahmanenreligion wird die =Trimurti=
als Gotteseinheit ebenfalls aus drei Personen zusammengesetzt, aus
=Brahma= (dem Schpfer), =Wischnu= (dem Erhalter) und =Schiwa= (dem
Zerstrer).

_Amphitheismus_ (Zweigtterei). Die Welt wird von zwei verschiedenen
Gttern regiert, einem guten und einem bsen Wesen, =Gott= und
=Teufel=. Beide Weltregenten befinden sich in einem bestndigen Kampfe,
wie Kaiser und Gegenkaiser, Papst und Gegenpapst. Das Ergebnis dieses
Kampfes ist jederzeit der gegenwrtige Zustand der Welt. Der liebe
=Gott=, als das gute Wesen, ist der Urquell des Guten und Schnen, der
Lust und Freude. Die Welt wrde vollkommen sein, wenn sein Wirken nicht
bestndig durchkreuzt wrde von dem bsen Wesen, dem =Teufel=; dieser
schlimme Satanas ist die Ursache alles Bsen und Hlichen, der Unlust
und des Schmerzes.

Dieser =Amphitheismus= ist unter allen verschiedenen Formen des
Gtterglaubens insofern der vernnftigste, als sich seine Theorie am
ersten mit einer wissenschaftlichen Welterklrung vertrgt. Wir finden
ihn daher schon mehrere Jahrtausende vor Christus bei verschiedenen
Kulturvlkern des Altertums ausgebildet. Im alten Indien kmpft
=Wischnu=, der Erhalter, mit =Schiwa=, dem Zerstrer. Im alten
gypten steht dem guten =Osiris= der bse =Typhon= gegenber. In der
Zendreligion der alten Perser, von Zoroaster 2000 Jahre vor Christus
gegrndet, herrscht bestndiger Kampf zwischen =Ormudz=, dem guten Gott
des Lichtes, und =Ahriman=, dem bsen Gott der Finsternis.

Keine geringere Rolle spielt der Teufel als Gegner des guten Gottes in
der Mythologie des Christentums als der Versucher und Verfhrer, der
Frst der Hlle und Herr der Finsternis. Als persnlicher =Satanas= war
er auch noch im Anfange des 19. Jahrhunderts ein wesentliches Element
im Glauben der meisten Christen; erst gegen die Mitte desselben wurde
er mit zunehmender Aufklrung allmhlich abgesetzt, oder er mute sich
mit jener Rolle begngen, welche ihm =Goethe= in der grten aller
dramatischen Dichtungen, im Faust, als =Mephistopheles= zuteilt.
Gegenwrtig gilt in den besseren gebildeten Kreisen der Glaube an den
persnlichen Teufel als ein berwundener Aberglaube des Mittelalters,
whrend gleichzeitig der Glaube an Gott (d. h. den persnlichen,
guten und lieben Gott) als ein unentbehrlicher Bestandteil der Religion
festgehalten wird. Und doch ist der erstere Glaube ebenso voll
berechtigt (vielmehr ebenso haltlos!) wie der letztere! Jedenfalls
erklrt sich die vielbeklagte Unvollkommenheit des Erdenlebens viel
einfacher und natrlicher durch diesen Kampf des guten und bsen Gottes
als durch irgend welche andere Form des Gottesglaubens.

_Monotheismus_ (Eingtterei). Die Lehre von der Einheit Gottes kann
in vieler Beziehung als die einfachste und natrlichste Form der
Gottesverehrung gelten. Nach der allgemeinen Meinung ist sie die
weitest verbreitete Grundlage der Religion und beherrscht namentlich
den Kirchenglauben der Kulturvlker. Tatschlich ist dies jedoch
nicht der Fall; denn der angebliche =Monotheismus= erweist sich bei
nherer Betrachtung meistens als eine der vorher angefhrten Formen
des Theismus, indem neben dem obersten Hauptgotte noch einer oder
mehrere Nebengtter angebetet werden. Auch sind die meisten Religionen,
welche einen rein monotheistischen Ausgangspunkt haben, im Laufe der
Zeit mehr oder minder polytheistisch geworden. Allerdings behauptet die
moderne Statistik, da unter den 1500 Millionen Menschen, welche unsere
Erde bevlkern, die groe Mehrzahl =Monotheisten= seien; =angeblich=
sollen davon =ungefhr= 600 Millionen Brahma-Buddhisten sein, 500
Millionen (sogenannte!) Christen, 200 Millionen Heiden (verschiedenster
Sorte), 180 Millionen Mohammedaner, 10 Millionen Israeliten und 10
Millionen ganz religionslos. Allein die groe Mehrzahl der angeblichen
Monotheisten hat ganz unklare Gottesvorstellungen oder glaubt neben
dem einen Hauptgott auch noch an viele Nebengtter, als da sind:
Engel, Teufel, Dmonen usw. Die verschiedenen Formen, in denen sich
der Monotheismus =polyphyletisch= entwickelt hat, knnen wir in zwei
Hauptgruppen bringen: naturalistische und anthropistische Eingtterei.

_Naturalistischer Monotheismus._ Diese alte Form der Religion erblickt
die Verkrperung Gottes in einer erhabenen, alles beherrschenden
Naturerscheinung. Als solche imponierte schon vor vielen Jahrtausenden
den Menschen vor allem die =Sonne=, die leuchtende und erwrmende
Gottheit, von deren Einflu sichtlich alles organische Leben
unmittelbar abhngig ist. Der =Sonnenkultus= oder Solarismus kann fr
den modernen Naturforscher wohl unter allen theistischen Glaubensformen
als die wrdigste erscheinen. Denn unsere moderne Astrophysik und
Geogenie hat uns berzeugt, da die Erde ein abgelster Teil der Sonne
ist und spter wieder in ihren Scho zurckkehren wird. Die moderne
Physiologie lehrt uns, da der erste Urquell des organischen Lebens auf
der Erde die Plasmabildung ist und da diese Synthese von einfachen
anorganischen Verbindungen, von Wasser, Kohlensure und Ammoniak nur
unter dem Einflusse des =Sonnenlichtes= erfolgt. Auf die primre
Entwickelung der =Pflanzen= ist erst nachtrglich, sekundr, diejenige
der =Tiere= gefolgt, die sich direkt oder indirekt von ihnen nhren;
und die Entstehung des Menschengeschlechtes selbst ist wiederum nur ein
spterer Vorgang in der Stammesgeschichte des Tierreichs. Auch unser
gesamtes krperliches und geistiges Menschenleben ist ebenso wie alles
andere organische Leben im letzten Grunde auf die strahlende, Licht
und Wrme spendende Sonne zurckzufhren. Unbefangen und vernnftig
betrachtet, erscheint daher der =Sonnenkultus= als =naturalistischer
Monotheismus= besser begrndet als der anthropistische Gottesdienst
der Christen und anderer Kulturvlker, welche Gott in Menschengestalt
sich vorstellen. Tatschlich haben auch schon vor Jahrtausenden die
Sonnenanbeter sich auf eine hhere intellektuelle und moralische
Bildungsstufe erhoben als die meisten anderen Theisten. Als ich
im November 1881 in Bombay war, betrachtete ich mit der grten
Teilnahme die erhebenden Andachtsbungen der frommen Parsi, welche
beim Aufgang und Untergang der Sonne, am Meeresstrande stehend oder
auf ausgebreitetem Teppich kniend, dem kommenden und scheidenden
Tagesgestirn ihre Verehrung bezeugten (Indische Reisebriefe, ~IV~.
Aufl., S. 56).

_Anthropistischer Monotheismus._ Die Vermenschlichung Gottes,
die Vorstellung, da das hchste Wesen dem Menschen gleich
empfindet, denkt und handelt (wenn auch in erhabenster Form),
spielt als =anthropomorpher Monotheismus= die grte Rolle in der
Kulturgeschichte. Vor allen anderen treten hier in den Vordergrund
die drei groen Religionen der mediterranen Menschenart, die ltere
mosaische, die mittlere christliche und die jngere mohammedanische.
Diese =drei groen Mittelmeer-Religionen=, alle drei an der gesegneten
Ostkste des interessantesten aller Meere entstanden, alle drei in
hnlicher Weise von einem phantasiereichen Schwrmer semitischer
Rasse gestiftet, hngen nicht nur uerlich durch diesen gemeinsamen
Ursprung innig zusammen, sondern auch durch zahlreiche gemeinsame Zge
ihrer inneren Glaubensvorstellungen. Wie das Christentum einen groen
Teil seiner Mythologie aus dem lteren Judentum direkt bernommen
hat, so hat der jngere Islam wiederum von diesen beiden Religionen
viele Erbschaften beibehalten. Alle drei Mediterran-Religionen waren
ursprnglich rein =monotheistisch=; alle drei sind spterhin den
mannigfaltigsten =polytheistischen= Umbildungen unterlegen, je weiter
sie sich zunchst an den vielteiligen Ksten des mannigfach bevlkerten
Mittelmeers und sodann in den brigen Erdteilen ausbreiteten.

_Der Mosaismus._ Der jdische Monotheismus, wie ihn =Moses= (1600
vor Chr.) begrndete, gilt gewhnlich als diejenige Glaubensform des
Altertums, welche die hchste Bedeutung fr die weitere ethische und
religise Entwickelung der Menschheit besitzt. Unzweifelhaft ist
ihr dieser hohe historische Wert schon deshalb zuzugestehen, weil
die beiden anderen weltbeherrschenden Mediterran-Religionen aus ihr
hervorgegangen sind; Christus steht ebenso auf den Schultern von Moses,
wie spter Mohammed auf den Schultern von beiden. Ebenso ruht das
Neue Testament, welches in der kurzen Zeitspanne von 1900 Jahren das
Glaubens-Fundament der hchstentwickelten Kulturvlker gebildet hat,
auf der Basis des Alten Testaments. Beide zusammengenommen haben als
=Bibel= einen Einflu und eine Verbreitung gewonnen wie kein anderes
Buch in der Welt. Wenn wir aber diese merkwrdige Geschichtsquelle
unbefangen und vorurteilslos prfen, so stellen sich viele wichtige
Beziehungen ganz anders dar, als gelehrt wird. Auch hier hat die tiefer
eindringende moderne Kritik und Kulturgeschichte wichtige Aufschlsse
geliefert, welche die geltende Tradition in ihren Fundamenten
erschttern.

Der Monotheismus, wie ihn Moses im Jehovahdienste zu begrnden suchte,
und wie ihn spter mit groem Erfolge die =Propheten= ausbildeten,
hatte ursprnglich harte und lange Kmpfe mit dem herrschenden lteren
Polytheismus zu bestehen. Ursprnglich war =Jehovah= oder Japheh aus
jenem Himmelsgotte abgeleitet, der als Moloch oder Baal eine der
meistverehrten orientalischen Gottheiten war. Die vielbesprochenen
Forschungen der modernen Assyriologen ber =Bibel und Babel=
(Delitzsch u. a.) haben gelehrt, da der monotheistische Japhehglaube
schon lange vor Moses in Babylon heimisch war. Daneben aber blieben
andere Gtter vielfach in hohem Ansehen, und der Kampf mit der
Abgtterei bestand im jdischen Volke immer fort. Trotzdem blieb im
Prinzipe Jehovah der alleinige Gott, der im ersten der zehn Gebote
Mosis ausdrcklich sagt: Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht
andere Gtter haben neben mir.

_Das Christentum._ Der christliche Monotheismus teilte das Schicksal
seiner Mutter, des Mosaismus, und blieb wahre Eingtterei meistens nur
theoretisch im Prinzip, whrend er praktisch in die mannigfaltigsten
Formen des Polytheismus sich verwandelte. Eigentlich war ja schon in
der Trinittslehre selbst, die doch als ein unentbehrliches Fundament
der christlichen Religion gilt, der Monotheismus logischerweise
aufgegeben. Die =drei Personen=, die als Vater, Sohn und Heiliger
Geist unterschieden werden, sind und bleiben ebenso drei verschiedene
=Individuen= (und zwar anthropomorphe Personen!) wie die drei indischen
Gottheiten der Trimurti (Brahma, Wischnu, Schiwa). Dazu kommt noch,
da in den weiterverbreiteten Abarten des Christianismus als vierte
Gottheit die Jungfrau Maria, als unbefleckte Mutter Christi, eine
groe Rolle spielt; in weiten katholischen Kreisen gilt sie sogar als
viel wichtiger und einflureicher als die drei mnnlichen Personen der
Himmelsregierung. Der =Madonnenkultus= hat hier tatschlich eine solche
Bedeutung gewonnen, da man ihn als einen =weiblichen Monotheismus=
der gewhnlichen mnnlichen Form der Eingtterei gegenberstellen
kann. Die hehre Himmelsknigin erscheint hier so sehr im Vordergrund
aller Vorstellungen (wie es auch unzhlige Madonnenbilder und Sagen
bezeugen), da die drei mnnlichen Personen dagegen ganz zurcktreten.

Nun hat sich aber auerdem schon frhzeitig in der Phantasie der
glubigen Christen eine zahlreiche Gesellschaft von =Heiligen= aller
Art zu dieser obersten Himmelsregierung gesellt, und musikalische
Engel sorgen dafr, da es im ewigen Leben an Konzertgenssen nicht
fehlt. Die rmischen Ppste -- die grten Charlatans, die jemals eine
Religion hervorgebracht hat! -- sind bestndig beflissen, durch neue
Heiligsprechungen die Zahl dieser anthropomorphen Himmelstrabanten
zu vermehren. Den reichsten und interessantesten Zuwachs hat aber
diese seltsame Paradiesgesellschaft am 13. Juli 1870 dadurch
bekommen, da das vatikanische Konzil die Ppste als Stellvertreter
Christi fr =unfehlbar= erklrt und sie damit selbst zum Range von
=Gttern= erhoben hat. Nimmt man dazu noch den von ihnen anerkannten
persnlichen Teufel und die bsen Engel, welche seinen Hofstaat
bilden, so gewhrt uns der =Papismus=, die heute noch meistverbreitete
Form des modernen Christentums, ein so buntes Bild des reichsten
anthropistischen =Polytheismus=, da der hellenische Olymp im
Vergleiche dazu klein und drftig erscheint.

_Der Islam_ (oder der =mohammedanische Monotheismus=) ist die jngste
Form der Eingtterei. Als der junge Mohammed (geb. 570) frhzeitig
den polytheistischen Gtzendienst seiner arabischen Stammesgenossen
verachten und das Christentum der Nestorianer kennen lernte, eignete
er sich zwar ihre Grundlehren im allgemeinen an; er konnte sich aber
nicht entschlieen, in Christus etwas anderes zu erblicken als einen
Propheten, gleich Moses. Im Dogma der Dreieinigkeit fand er das, was
bei unbefangenem Nachdenken jeder vorurteilsfreie Mensch darin finden
mu, einen widersinnigen Glaubenssatz, der weder mit den Grundstzen
unserer Vernunft vereinbar noch fr unsere religise Erhebung von
irgend welchem Werte ist. Die Anbetung der unbefleckten Jungfrau Maria
als der Mutter Gottes betrachtete er ebenso als eitle Gtzendienerei
wie die Verehrung von Bildern und Bildsulen. Je lnger er darber
nachdachte, und je mehr er nach einer reineren Gottesvorstellung
hinstrebte, desto klarer wurde ihm die Gewiheit seines Hauptsatzes:
Gott ist der alleinige Gott; es gibt keine anderen Gtter neben ihm.

Allerdings konnte auch Mohammed sich von dem Anthropomorphismus der
Gottesvorstellung nicht frei machen. Auch sein alleiniger Gott blieb
ein idealisierter, allmchtiger Mensch, ebenso wie der strenge,
strafende Gott des Moses, ebenso wie der milde, liebende Gott des
Christus. Aber trotzdem kann man der mohammedanischen Religion den
Vorzug lassen, da sie auch im Verlaufe ihrer historischen Entwickelung
und unvermeidlichen Abartung den ursprnglichen reinen Charakter
strenger bewahrte als die mosaische und die christliche Religion.
Das zeigt sich auch heute noch uerlich in den Gebetsformen und
Predigtweisen ihres Kultus, wie in der Architektur und Ausschmckung
ihrer Gotteshuser. Als ich 1873 zum ersten Male den Orient besuchte
und die herrlichen Moscheen in Kairo und Smyrna, in Brussa und
Konstantinopel bewunderte, erfllten mich mit wahrer Andacht die
einfache und geschmackvolle Dekoration des Innern, der erhabene
und zugleich prchtige architektonische Schmuck des uern. Wie
edel und erhaben erscheinen diese Moscheen im Vergleiche zu der
Mehrzahl der katholischen Kirchen, welche innen mit bunten Bildern
und goldenem Flitterkram berladen, auen durch bermige Flle
von Menschen- und Tierfiguren verunstaltet sind! Nicht minder schn
erscheinen die stillen Gebete und die einfachen Andachtsbungen des
Koran im Vergleiche mit dem lauten, unverstandenen Wortgeplapper der
katholischen Messen und der lrmenden Musik ihrer theatralischen
Prozessionen.

_Mixotheismus_ (Mischgtterei). Unter diesem Begriffe kann man fglich
alle diejenigen Formen des Gtterglaubens zusammenfassen, welche
=Mischungen= von religisen Vorstellungen verschiedener und zum
Teil direkt widersprechender Art enthalten. Theoretisch ist diese
weitestverbreitete Religionsform bisher nirgends anerkannt. Praktisch
aber ist sie die wichtigste und merkwrdigste von allen. Denn die groe
Mehrzahl der Menschen, die sich berhaupt religise Vorstellungen
bildeten, waren von jeher und sind noch heute =Mixotheisten=; ihre
Gottesvorstellung ist bunt gemischt aus den frhzeitig in der Kindheit
eingeprgten Glaubensstzen ihrer speziellen Konfession und aus
vielen verschiedenen Eindrcken, welche spter bei der Berhrung mit
anderen Glaubensformen empfangen werden, und welche die ersteren
modifizieren. Bei vielen Gebildeten kommen dazu noch der umgestaltende
Einflu philosophischer Studien im reiferen Alter und vor allem die
unbefangene Beschftigung mit den Erscheinungen der Natur, welche die
Nichtigkeit der theistischen Glaubensbilder dartun. Der Kampf dieser
widersprechenden Vorstellungen, welcher fr feiner empfindende Gemter
uerst schmerzlich ist und oft das ganze Leben hindurch unentschieden
bleibt, offenbart klar die ungeheure Macht der =Vererbung= alter
Glaubensstze einerseits und der frhzeitigen =Anpassung= an
irrtmliche Lehren andererseits. Die besondere Konfession, in welche
das Kind von frhester Jugend an durch die Eltern eingezwngt wurde,
bleibt meistens in der Hauptsache magebend, falls nicht spter
durch den strkeren Einflu eines anderen Glaubensbekenntnisses
eine Konversion eintritt. Aber auch bei diesem bertritt von einer
Glaubensform zur anderen ist oft der neue Name, ebenso wie der alte
aufgegebene, nur eine uere Etikette, unter welcher bei nherer
Untersuchung die allerverschiedensten berzeugungen und Irrtmer sich
bunt gemischt verstecken. Die groe Mehrzahl der sogenannten Christen
sind nicht Monotheisten (wie sie glauben), sondern Amphitheisten,
Triplotheisten oder Polytheisten. Dasselbe gilt aber auch von den
Bekennern des Islam und des Mosaismus, wie von anderen monotheistischen
Religionen. berall gesellen sich zu der ursprnglichen Vorstellung des
alleinigen oder dreieinigen Gottes spter erworbene Glaubensbilder
von untergeordneten Gottheiten: Engeln, Teufeln, Heiligen und anderen
Dmonen, eine bunte Mischung der verschiedensten theistischen Gestalten.

_Wesen des Theismus._ Alle hier angefhrten Formen des Theismus
im eigentlichen Sinne haben gemeinsam die Vorstellung Gottes als
des =Auerweltlichen= oder =bernatrlichen=. Immer steht Gott als
selbstndiges Wesen der Welt oder der Natur gegenber, meistens
als Schpfer, Erhalter und Regierer der Welt. In den allermeisten
Religionen kommt dazu noch der Charakter des =Persnlichen= und
bestimmter noch die Vorstellung, da Gott als Person dem Menschen
hnlich ist. In seinen Gttern malet sich der Mensch. Dieser
=Anthropomorphismus Gottes=, die Vorstellung eines Wesens, welches
gleich dem Menschen denkt, empfindet und handelt, ist bei der groen
Mehrzahl der Gottesglubigen magebend, bald in mehr roher und
naiver, bald in mehr feiner und abstrakter Form. Allerdings wird
die fortgeschrittenste Form der Theosophie behaupten, da Gott als
hchstes Wesen von absoluter Vollkommenheit und daher gnzlich von dem
unvollkommenen Wesen des Menschen verschieden sei. Allein bei genauerer
Untersuchung bleibt immer das Gemeinsame beider ihre Seelen-oder
Geistesttigkeit.

_Der persnliche Anthropismus Gottes_ ist bei der groen Mehrzahl der
Glubigen zu einer so gelufigen Vorstellung geworden, da sie keinen
Ansto an der menschlichen Personifikation Gottes in Bildern und
Statuen nehmen, und an den mannigfaltigen Dichtungen der Phantasie, in
welchen Gott menschliche Gestalt annimmt. In vielen Mythen erscheint
die Person Gottes auch in Gestalt anderer Sugetiere (Affen, Lwen,
Stiere usw.), seltener in Gestalt von Vgeln (Adler, Tauben, Schwne)
oder in Form von anderen Wirbeltieren (Schlangen, Krokodile, Drachen).

In den hheren und abstrakteren Religionsformen wird diese krperliche
Erscheinung aufgegeben und Gott nur als =reiner Geist= ohne Krper
verehrt. Gott ist ein Geist, und wer ihn anbetet, soll ihn im Geist
und in der Wahrheit anbeten. Trotzdem bleibt aber die Seelenttigkeit
dieses reinen Geistes ganz dieselbe wie diejenige der anthropomorphen
Gottesperson. In Wirklichkeit wird auch dieser immaterielle Geist nicht
unkrperlich, sondern unsichtbar gedacht, gasfrmig.

~II~. _Pantheismus_ (All-Eins-Lehre): =Gott und Welt sind ein
einziges Wesen.= Der Begriff Gottes fllt mit demjenigen der =Natur=
oder der =Substanz= zusammen. Diese pantheistische Weltanschauung steht
im Prinzip smtlichen angefhrten und allen sonst noch mglichen Formen
des =Theismus= schroff gegenber, wenngleich man durch Entgegenkommen
von beiden Seiten die tiefe Kluft zwischen beiden zu berbrcken, sich
vielfach bemht hat. Immer bleibt zwischen beiden der fundamentale
Gegensatz bestehen, da im =Theismus= Gott als auerweltliches oder
=extramundanes= Wesen der Natur schaffend und erhaltend gegenbersteht
und =von auen= auf sie einwirkt, whrend im =Pantheismus= Gott als
innerweltliches oder =intramundanes= Wesen allenthalben die Natur
selbst ist und als denkende Substanz, als Kraft oder Energie
ttig ist. Diese letztere Ansicht allein ist vereinbar mit dem
=Substanzgesetze=. Daher ist notwendigerweise =der Pantheismus die
Weltanschauung unserer modernen Naturwissenschaft=.

Da der =Pantheismus= erst aus der geluterten Naturbetrachtung des
denkenden Kulturmenschen hervorgehen konnte, ist er begreiflicherweise
viel jnger als der =Theismus=, dessen roheste Formen sicher schon
vor mehr als zehntausend Jahren bei den primitiven Naturvlkern in
mannigfaltigen Variationen ausgebildet wurden. Wenn auch in den ersten
Anfngen der Philosophie bei den ltesten Kulturvlkern (in Indien und
gypten, in China und Japan) schon mehrere Jahrtausende vor Christus
Keime des Pantheismus in verschiedenen Religionsformen eingestreut
sich finden, so tritt doch eine bestimmte philosophische Fassung
desselben erst in dem =Hylozoismus der ionischen Naturphilosophen=
auf, in der ersten Hlfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. Alle groen
Denker dieser Blteperiode des hellenischen Geistes berragt der
gewaltige =Anaximander= von Milet, der die prinzipielle Einheit des
=unendlichen Weltganzen= tief und klar erfate. Nicht nur den groen
Gedanken der ursprnglichen =Einheit= des Kosmos, der =Entwickelung=
aller Erscheinungen aus der alles durchdringenden =Urmaterie=, hatte
=Anaximander= bereits ausgesprochen, sondern auch die khne Vorstellung
von zahllosen, in periodischem =Wechsel= entstehenden und vergehenden
Weltbildungen.

Auch viele von den folgenden groen Philosophen des klassischen
Altertums, vor allen =Demokritos=, =Heraklitos= und =Empedokles=,
hatten in gleichem oder hnlichem Sinne tief eindringend bereits
jene Einheit von Natur und Gott, von Krper und Geist erfat, welche
im Substanzgesetze unseres heutigen =Monismus= den bestimmtesten
Ausdruck gewonnen hat. Der groe rmische Dichter und Naturphilosoph
=Lucretius Carus= hat ihn in seinem berhmten Lehrgedichte ~De rerum
natura~ in hochpoetischer Form dargestellt. Allein dieser naturwahre
pantheistische Monismus wurde bald ganz zurckgedrngt durch den
mystischen Dualismus von =Plato= und besonders durch den gewaltigen
Einflu, den seine idealistische Philosophie durch die Verschmelzung
mit den christlichen Glaubenslehren gewann. Als sodann deren
mchtigster Anwalt, der rmische Papst, die geistige Weltherrschaft
gewann, wurde der Pantheismus gewaltsam unterdrckt; =Giordano Bruno=,
sein geistvollster Vertreter, wurde am 17. Februar 1600 auf dem Campo
Fiori in Rom von dem Stellvertreter Gottes lebendig verbrannt.

Erst in der zweiten Hlfte des 17. Jahrhunderts wurde durch den
groen =Baruch Spinoza= das System des Pantheismus in reinster Form
ausgebildet; er stellte fr die Gesamtheit der Dinge den reinen
=Substanzbegriff= auf, in welchem Gott und Welt untrennbar vereinigt
sind. Wir mssen die Klarheit, Sicherheit und Folgerichtigkeit des
monistischen Systems von =Spinoza= heute um so mehr bewundern, als
diesem gewaltigen Denker vor 250 Jahren noch alle die sicheren
empirischen Fundamente fehlten, die wir erst in der zweiten Hlfte
des 19. Jahrhunderts gewonnen haben. Das Verhltnis von =Spinoza= zum
spteren =Materialismus= im 18. und zu unserem heutigen =Monismus= im
19. Jahrhundert haben wir bereits im ersten Kapitel besprochen. Zur
weiteren Verbreitung desselben, besonders im deutschen Geistesleben,
haben vor allem die unsterblichen Werke unseres grten Dichters und
Denkers beigetragen, =Wolfgang Goethe=. Seine herrlichen Dichtungen
Gott und Welt, Prometheus, Faust usw. hllen die Grundgedanken
des Pantheismus in die vollkommenste und schnste dichterische Form.

Die Beziehungen unseres heutigen Monismus zu den frheren
philosophischen Systemen, sowie die wichtigsten Grundzge von deren
historischer Entwickelung, sind in dem Grundri der Geschichte der
Philosophie von =Friedrich berweg= eingehend dargestellt (10.
Auflage, bearbeitet von =Max Heinze=, Berlin 1906). Eine vortreffliche
klare bersicht derselben -- gewissermaen eine Stammesgeschichte der
Weltrtsel und der Versuche zu ihrer Lsung -- hat =Fritz Schultze=
(Dresden) in seinem =Stammbaum der Philosophie= gegeben; ein
Tabellarisch-Schematischer Grundri der Geschichte der Philosophie von
den Griechen bis zur Gegenwart (Leipzig, 2. Auflage, 1899).

_Atheismus_ (Die entgtterte Weltanschauung). Es =gibt keinen= Gott
und keine Gtter, falls man unter diesem Begriff persnliche, auerhalb
der Natur stehende Wesen versteht. Diese =gottlose Weltanschauung=
fllt im wesentlichen mit dem =Monismus= oder =Pantheismus= unserer
modernen Naturwissenschaft zusammen; sie gibt nur einen anderen
Ausdruck dafr, indem sie eine negative Seite desselben hervorhebt, die
Nichtexistenz einer auerweltlichen und bernatrlichen Gottheit. In
diesem Sinne sagt =Schopenhauer= ganz richtig: =Pantheismus= ist nur
ein hflicher Atheismus. Die Wahrheit des Pantheismus besteht in der
Aufhebung des dualistischen Gegensatzes zwischen Gott und Welt, in der
Erkenntnis, da die Welt aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst
da ist. Der Satz des Pantheismus: 'Gott und die Welt ist eins' ist
blo eine hfliche Wendung, dem Herrgott den Abschied zu geben.

Whrend des ganzen Mittelalters, unter der blutigen Tyrannei des
Papismus, wurde der =Atheismus= als die entsetzlichste Form der
Weltanschauung mit Feuer und Schwert verfolgt. Da der Gottlose im
Evangelium mit dem Bsen schlechtweg identifiziert und ihm im ewigen
Leben die Hllenstrafe der ewigen Verdammnis angedroht wird, ist es
begreiflich, da jeder gute Christ selbst den entfernten Verdacht
des Atheismus ngstlich mied. Leider besteht auch heute noch diese
Auffassung in weiten Kreisen fort. Dem =atheistischen= Naturforscher,
der seine Kraft und sein Leben der Erforschung der =Wahrheit= widmet,
traut man von vornherein alles Bse zu; der =theistische= Kirchgnger
dagegen, der die leeren Zeremonien des papistischen Kultus gedankenlos
mitmacht, gilt schon deswegen als guter Staatsbrger, auch wenn er sich
bei seinem =Glauben= gar nichts denkt und nebenher der verwerflichsten
Moral huldigt. Dieser Irrtum wird sich erst klren, wenn im 20.
Jahrhundert der herrschende Aberglaube mehr der vernnftigen
Naturerkenntnis weicht und der monistischen berzeugung der =Einheit
von Gott und Welt=.




=Sechzehntes Kapitel.=

_Wissen und Glauben._

  Monistische Studien ber Erkenntnis der Wahrheit. Sinnesttigkeit
  und Vernunftttigkeit. Glauben und Aberglauben Erfahrung und
  Offenbarung.


Alle Arbeit wahrer Wissenschaft geht auf Erkenntnis der =Wahrheit=.
Unser echtes und wertvolles Wissen ist realer Natur und besteht aus
Vorstellungen, welche wirklich existierenden Dingen entsprechen. Wir
sind zwar unfhig, das innerste Wesen dieser realen Welt -- das Ding
an sich -- zu erkennen; aber unbefangene und kritische Beobachtung und
Vergleichung berzeugt uns, da bei normaler Beschaffenheit des Gehirns
und der Sinnesorgane die Eindrcke der Auenwelt auf diese bei allen
vernnftigen Menschen dieselben sind, und da bei normaler Funktion
der Denkorgane bestimmte, berall gleiche Vorstellungen gebildet
werden; diese nennen wir wahr und sind dabei berzeugt, da ihr Inhalt
dem erkennbaren Teile der Dinge entspricht. Wir =wissen=, da diese
Tatsachen nicht eingebildet, sondern wirklich sind.

_Erkenntnisquellen._ Alle Erkenntnis der Wahrheit beruht auf zwei
verschiedenen, aber innig zusammenhngenden Gruppen von physiologischen
Funktionen des Menschen; erstens auf der =Empfindung= der Objekte
mittels der Sinnesttigkeit, und zweitens auf der Verbindung der so
gewonnenen Eindrcke durch Assozion zur =Vorstellung= im Subjekt. Die
Werkzeuge der Empfindung sind die =Sinnesorgane=; die Werkzeuge, welche
die Vorstellungen bilden und verknpfen, sind die =Denkorgane=. Diese
letzteren sind Teile des zentralen, die ersteren Teile des peripheren
=Nervensystems=, jenes wichtigsten und hchstentwickelten Organsystems
der hheren Tiere, dessen Funktion einzig und allein die gesamte
Seelenttigkeit ist.

_Sinnesorgane_ (~Sensilla~). Die Sinnesttigkeit des Menschen,
welche der =erste Ausgangspunkt aller Erkenntnis= ist, hat sich
langsam und allmhlich aus derjenigen der nchstverwandten Sugetiere,
der Primaten, entwickelt. Die Organe derselben sind in dieser
hchstentwickelten Tierklasse berall von wesentlich gleichem Bau,
und ihre Funktion erfolgt berall nach denselben physikalischen
und chemischen Gesetzen. Sie haben sich allenthalben in derselben
historischen Weise entwickelt. Wie bei allen anderen Tieren, so
sind auch bei den Sugetieren alle Sensillen ursprnglich Teile der
Hautdecke, und die empfindlichen Zellen der =Oberhaut= sind die
Ureltern aller der verschiedenen Sinnesorgane, welche durch Anpassung
an verschiedene Reize (Licht, Wrme, Schall, chemische Reize) ihre
spezifische Energie erlangt haben. Sowohl die Stbchenzellen der Retina
in unserem Auge und die Hrzellen in der Schnecke unseres Ohres, als
auch die Riechzellen in der Nase und die Schmeckzellen auf unserer
Zunge stammen ursprnglich von jenen einfachen indifferenten Zellen der
Oberhaut ab, welche die ganze Oberflche unseres Krpers berziehen.
Diese bedeutungsvolle Tatsache wird durch die unmittelbare Beobachtung
am Embryo des Menschen ebenso wie aller anderen Tiere direkt bewiesen.
Aus dieser ontogenetischen Tatsache folgt aber nach dem Biogenetischen
Grundgesetz mit Sicherheit der phylogenetische Schlu, da auch in der
langen Stammesgeschichte unserer Vorfahren die hheren Sinnesorgane mit
ihren speziellen Energien ursprnglich aus der Oberhaut niederer Tiere
entstanden sind, aus einer einfachen Zellenschicht, die noch keine
solchen gesonderten Sensillen enthielt.

_Spezifische Energie der Sensillen._ Von grter Bedeutung fr die
menschliche Erkenntnis ist die Tatsache, da verschiedene Nerven
unseres Krpers imstande sind, ganz verschiedene Qualitten der
Auenwelt und nur diese wahrzunehmen. Der Sehnerv des Auges vermittelt
nur Lichtempfindung, der Hrnerv des Ohres nur Schallempfindung, der
Riechnerv der Nase nur Geruchsempfindung usw. Gleichviel, welche Reize
das einzelne Sinneswerkzeug treffen und erregen, ihre Reaktion behlt
dieselbe Qualitt. Aus dieser =spezifischen Energie= der Sinnesnerven,
welche von =Johannes Mller= zuerst in ihrer weitreichenden
Bedeutung gewrdigt wurde, sind sehr irrtmliche Schlsse gezogen
worden, besonders zugunsten einer dualistischen und apriorischen
Erkenntnistheorie. Man behauptete, da das Gehirn oder die Seele nur
einen gewissen Zustand des erregten Nerven wahrnehme, und da daraus
nichts auf die Existenz und Beschaffenheit der erregenden Auenwelt
geschlossen werden knne. Die skeptische Philosophie zog daraus den
Schlu, da diese letztere selbst zweifelhaft sei, und der extreme
Idealismus bezweifelte nicht nur diese Realitt, sondern er negierte
sie einfach; er behauptete, da die Welt nur in unserer Vorstellung
existiere.

Diesen Irrtmern gegenber mssen wir daran erinnern, da die
spezifische Energie ursprnglich nicht eine anerschaffene
besondere Qualitt einzelner Nerven, sondern durch =Anpassung=
an die besondere Ttigkeit der Oberhautzellen entstanden ist, in
welchen sie enden. Nach den groen Gesetzen der Arbeitsteilung nahmen
die ursprnglich indifferenten =Hautsinneszellen= verschiedene
Aufgaben in Angriff, indem die einen den Reiz der Lichtstrahlen,
die anderen den Eindruck der Schallwellen, eine dritte Gruppe die
chemische Einwirkung riechender Substanzen usw. aufnahmen. Im
Laufe langer Zeitrume bewirkten diese ueren Sinnesreize eine
allmhliche Vernderung der physiologischen und weiterhin auch der
morphologischen Eigenschaften dieser Oberhautstellen, und damit
zugleich vernderten sich die sensiblen Nerven, welche die von ihnen
aufgenommenen Eindrcke zum Gehirn leiteten. Die Selektion verbesserte
Schritt fr Schritt die besonderen Umbildungen derselben, welche
sich als ntzlich erwiesen; sie schuf so zuletzt im Laufe vieler
Jahrmillionen jene bewunderungswrdigen Instrumente, welche als =Auge=
und =Ohr= unsere teuersten Gter darstellen. Ihre Einrichtung ist so
wunderbar zweckmig, da sie uns zu der irrtmlichen Annahme einer
Schpfung nach vorbedachtem Bauplan fhren knnte. Die besondere
Eigentmlichkeit jedes Sinnesorganes und seiner spezifischen Nerven hat
sich aber erst durch Gewohnheit und bung -- d. h. durch =Anpassung= --
allmhlich entwickelt und ist dann durch =Vererbung= von Generation zu
Generation bertragen worden.

_Grenzen der Sinneswahrnehmung._ Die kritische Vergleichung der
Sinnesttigkeit beim Menschen und bei den brigen Wirbeltieren ergibt
eine Anzahl beraus wichtiger Tatsachen. Ganz besonders gilt dies von
den beiden hchstentwickelten, den sthetischen Sinneswerkzeugen,
Auge und Ohr. Sie zeigen im Stamme der Wirbeltiere einen anderen und
verwinkelteren Bau als bei den brigen Tieren und entwickeln sich
auch im Embryo derselben auf eigentmliche Weise. Diese typische
Ontogenese und Struktur der Sensillen bei smtlichen Wirbeltieren
erklrt sich durch =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform.
Innerhalb des Stammes aber zeigt sich eine groe Mannigfaltigkeit der
Ausbildung im einzelnen, und diese ist bedingt durch die =Anpassung=
an die Lebensweise der einzelnen Arten, durch den gesteigerten oder
geminderten Gebrauch der einzelnen Teile.

Der Mensch erscheint nun in bezug auf die Ausbildung seiner Sinne
keineswegs als das vollkommenste und hchstentwickelte Wirbeltier. Das
Auge der Vgel ist viel schrfer und unterscheidet kleine Gegenstnde
auf weite Entfernung viel deutlicher als das menschliche Auge. Das
Gehr vieler Sugetiere, besonders der in Wsten lebenden Raubtiere,
Huftiere, Nagetiere usw., ist viel empfindlicher als das menschliche
und nimmt leise Gerusche auf viel weitere Entfernungen wahr; darauf
weist schon ihre groe und sehr bewegliche Ohrmuschel hin. Die
Singvgel offenbaren selbst in bezug auf musikalische Begabung eine
hhere Entwickelungsstufe als viele Menschen. Der Geruchssinn ist
bei den meisten Sugetieren, namentlich Raubtieren und Huftieren,
viel mehr ausgebildet als beim Menschen; wenn der Hund seine eigene
feine Sprnase mit der des Menschen vergleichen knnte, wrde er
mitleidig auf letztere herabsehen. Auch in bezug auf die niederen
Sinne, den Geschmackssinn, den Geschlechtssinn, den Tastsinn und den
Temperatursinn, behauptet der Mensch keineswegs in jeder Beziehung die
hchste Entwickelungsstufe.

Wir selbst knnen natrlich nur ber diejenigen Sinnesempfindungen
urteilen, die wir selbst besitzen. Nun weist uns aber die Anatomie
im Krper vieler Tiere noch andere als unsere bekannten Sinnesorgane
nach. So besitzen die Fische und andere niedere, im Wasser lebende
Wirbeltiere eigentmliche Sensillen in der Haut, welche mit besonderen
Sinnesorganen in Verbindung stehen. In den Seiten des Fischkrpers
verluft rechts und links ein langer Kanal, der vorn am Kopfe in
mehrere verzweigte Kanle bergeht. In diesen Schleimkanlen
liegen Nerven mit zahlreichen sten, deren Enden mit eigentmlichen
Nervenhgeln verbunden sind. Wahrscheinlich dient dieses ausgedehnte
Hautsinnesorgan zur Wahrnehmung von Unterschieden im Wasserdruck
oder in chemischen Eigenschaften des Wassers. Einige Gruppen sind noch
durch den Besitz anderer eigentmlicher Sensillen ausgezeichnet, deren
Bedeutung uns unbekannt ist.

Schon aus diesen Tatsachen ergibt sich, da unsere menschliche
Sinnesttigkeit beschrnkt ist, und zwar sowohl in quantitativer
als in qualitativer Hinsicht. Wir knnen also mit unseren Sinnen,
vor allem dem Auge und dem Tastsinn, immer nur einen Teil der
Eigenschaften erkennen, welche die Objekte der Auenwelt besitzen. Aber
auch diese partielle Wahrnehmung ist unvollstndig, insofern unsere
Sinneswerkzeuge unvollkommen sind und die Sinnesnerven als Dolmetscher
dem Gehirn nur die bersetzung der empfangenen Eindrcke mitteilen.

Diese anerkannte Unvollkommenheit unserer Sinnesttigkeit darf uns
aber nicht hindern, in ihren Werkzeugen, und vor allem im Auge, die
edelsten Organe zu erblicken; im Vereine mit den Denkorganen des
Gehirns sind sie das wertvollste Geschenk der Natur fr den Menschen.
In voller Wahrheit sagt =Albrecht Rau= (a. a. O.): =Alle Wissenschaft
ist in letzter Linie Sinneserkenntnis=; die Data der Sinne werden darin
nicht negiert, sondern interpretiert. Die Sinne sind unsere ersten und
besten Freunde; lange bevor sich der Verstand entwickelt, sagen die
Sinne dem Menschen, was er tun und lassen soll. Wer die =Sinnlichkeit=
berhaupt verneint, um ihren Gefahren zu entgehen, der handelt ebenso
unbesonnen und tricht als der, welcher seine Augen ausreit, weil
sie einmal auch schndliche Dinge sehen knnten; oder der, welcher
seine Hand abhaut, weil er frchtet, sie knnte einmal auch nach
fremdem Gute langen. Mit vollem Rechte nennt deshalb =Feuerbach= alle
Philosophen, alle Religionen, alle Institute, die dem Prinzipe der
=Sinnlichkeit= widersprechen, nicht nur irrtmliche, sondern sogar
=grundverderbliche=. Ohne Sinne keine Erkenntnis! ~Nihil est in
intellectu, quod non fuerit in sensu!~ (=Locke=.)

_Hypothese und Glaube._ Der Erkenntnistrieb des hochentwickelten
Kulturmenschen begngt sich nicht mit jener lckenhaften Kenntnis
der Auenwelt, welche er durch seine unvollkommenen Sinnesorgane
gewinnt. Er bemht sich vielmehr, die sinnlichen Eindrcke, welche
er durch dieselben gewonnen hat, in Erkenntniswerte umzusetzen; er
verwandelt sie in den Sinnesherden der Grohirnrinde in spezifische
Sinnesempfindungen und verbindet diese durch =Assozion= in
deren Denkherden zu Vorstellungen; durch weitere Verkettung der
Vorstellungsgruppen gelangt er endlich zu zusammenhngendem Wissen.
Aber dieses Wissen bleibt immer lckenhaft und unbefriedigend, wenn
nicht die =Phantasie= die ungengende Kombinationskraft des erkennenden
Verstandes ergnzt und durch Assozion von Gedchtnisbildern entfernt
liegende Erkenntnisse zu einem zusammenhngenden Ganzen verknpft.
Dabei entstehen neue allgemeine Vorstellungsgebilde, welche erst die
wahrgenommenen Tatsachen erklren und das Kausalittsbedrfnis der
Vernunft befriedigen.

Die Vorstellungen, welche die Lcken des Wissens ausfllen oder an
dessen Stelle treten, kann man im weiteren Sinne als =Glauben=
bezeichnen. So geschieht es fortwhrend im alltglichen Leben. Wenn wir
irgend eine Tatsache nicht sicher wissen, so sagen wir: Ich glaube sie.
In diesem Sinne sind wir auch in der Wissenschaft selbst zum Glauben
gezwungen; wir vermuten oder nehmen an, da ein bestimmtes Verhltnis
zwischen zwei Erscheinungen besteht, obwohl wir es nicht sicher kennen.
Wir bilden eine =Hypothese=. Indessen drfen in der Wissenschaft nur
solche Hypothesen zugelassen werden, die innerhalb des menschlichen
Erkenntnisvermgens liegen, und die nicht bekannten Tatsachen
widersprechen. Solche Hypothesen sind z. B. in der Physik die Lehre von
Schwingungen des thers, in der Chemie die Annahme der Atome und deren
Wahlverwandtschaft, in der Biologie die Lehre von der Molekularstruktur
des lebendigen Plasmas usw.

_Theorie und Glaube._ Die Erklrung einer greren Reihe von
zusammenhngenden Erscheinungen durch Annahme einer gemeinsamen Ursache
nennen wir =Theorie=. Auch bei der Theorie, wie bei der Hypothese,
ist der =Glaube= (in wissenschaftlichem Sinne!) unentbehrlich; denn
auch hier ergnzt die dichtende Phantasie die Lcke, welche der
Verstand in der Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge offen lt.
Die Theorie kann daher immer nur als eine Annherung an die Wahrheit
betrachtet werden; es mu zugestanden werden, da sie spter durch
eine andere, besser begrndete Theorie verdrngt werden kann. Trotz
dieser eingestandenen Unsicherheit bleibt die Theorie fr jede wahre
Wissenschaft unentbehrlich; denn sie =erklrt= erst die Tatsachen
durch Annahme von Ursachen. Wer auf die Theorie ganz verzichten
und reine Wissenschaft blo aus sicheren Tatsachen aufbauen will
(wie es oft von beschrnkten Kpfen in der modernen sogenannten
exakten Naturwissenschaft geschieht), der verzichtet damit auf die
Erkenntnis der Ursachen berhaupt und somit auf die Befriedigung des
Kausalittsbedrfnisses der Vernunft.

Die Gravitationstheorie in der Astronomie (=Newton=), die
Nebulartheorie in der Kosmogenie (=Kant= und =Laplace=), das
Energieprinzip in der Physik (=Mayer= und =Helmholtz=), die
Atomtheorie in der Chemie (=Dalton=), die Zellentheorie in der
Gewebelehre (=Schleiden= und =Schwann=), die Deszendenztheorie in
der Biologie (=Lamarck= und =Darwin=) sind gewaltige Theorien ersten
Ranges; sie erklren eine ganze Welt von groen Naturerscheinungen
durch Annahme =einer gemeinsamen Ursache= fr alle einzelnen Tatsachen
ihres Gebietes und durch den Nachweis, da alle Erscheinungen in
demselben zusammenhngen und durch feste, von dieser einen Ursache
ausgehende Gesetze geregelt werden. Dabei kann aber diese Ursache
selbst ihrem Wesen nach unbekannt oder nur eine provisorische
Hypothese sein. Die =Schwerkraft= in der Gravitationstheorie und
in der Kosmogenie, die =Energie= selbst in ihrem Verhltnis zur
Materie, das =Atom= in der Chemie, das lebendige =Plasma= in der
Zellenlehre, die =Vererbung= in der Abstammungslehre -- diese und
hnliche Grundbegriffe in anderen groen Theorien knnen von der
skeptischen Philosophie als bloe Hypothesen, als Erzeugnisse des
wissenschaftlichen =Glaubens= betrachtet werden, aber sie bleiben
uns als solche =unentbehrlich=, so lange, bis sie durch eine bessere
Hypothese ersetzt werden.

_Glaube und Aberglaube._ Ganz anderer Natur als diese Formen des
wissenschaftlichen Glaubens sind diejenigen Vorstellungen, welche in
den verschiedenen =Religionen= zur Erklrung der Erscheinungen benutzt
und schlechtweg als =Glaube= im engeren Sinne bezeichnet werden.
Da aber diese beiden Glaubensformen, der natrliche Glaube der
Wissenschaft und der bernatrliche Glaube der Religion, nicht selten
verwechselt werden und so Verwirrung entsteht, ist es zweckmig, ja
notwendig, ihren =prinzipiellen Gegensatz= scharf zu betonen. Der
religise Glaube ist stets =Wunderglaube= und steht als solcher mit
dem natrlichen Glauben der Vernunft in unvershnlichem Widerspruch. Im
Gegensatz zu letzterem behauptet er bernatrliche Vorgnge und kann
somit als =berglaube= oder =Oberglaube= bezeichnet werden, die
ursprngliche Form des Wortes =Aberglaube=. Der wesentliche Unterschied
dieses Aberglaubens von dem vernnftigen Glauben besteht eben darin,
da er bernatrliche Krfte und Erscheinungen annimmt, welche die
Wissenschaft nicht kennt und nicht zult, welche durch irrtmliche
Wahrnehmungen und falsche Phantasiedichtungen erzeugt sind; der
Aberglaube widerspricht mithin den klar erkannten Naturgesetzen und ist
als solcher =unvernnftig=.

_Aberglaube der Naturvlker._ Durch die moderne Ethnologie ist uns
eine erstaunliche Flle von mannigfaltigen Formen und Erzeugnissen
des Aberglaubens bekannt geworden, wie sie noch heute unter den rohen
Naturvlkern existieren. Vergleicht man dieselben untereinander und
mit den entsprechenden mythologischen Vorstellungen frherer Zeiten,
so ergibt sich eine vielfache Analogie, oft ein gemeinsamer Ursprung
und schlielich eine einfache Urquelle fr alle. Diese finden wir
in dem natrlichen =Kausalittsbedrfnisse der Vernunft=, in dem
Suchen nach Erklrung unbekannter Erscheinungen durch Auffinden ihrer
Ursachen. Besonders gilt das von solchen Bewegungserscheinungen, die
Gefahr drohen und Furcht erregen, wie Blitz und Donner, Erdbeben,
Mondfinsternis usw. Das Bedrfnis nach kausaler Erklrung solcher
Naturerscheinungen besteht schon bei den Naturvlkern der niedersten
Stufe und ist bereits von ihren Primatenahnen durch Vererbung
bertragen. Es besteht ebenso bei vielen anderen Wirbeltieren. Wenn ein
Hund den Vollmond anbellt oder eine tnende Glocke, deren Klppel er
sich bewegen sieht, oder eine Fahne, die im Winde weht, so uert er
dabei nicht nur Furcht, sondern auch den dunklen Drang nach Erkenntnis
der Ursache dieser unbekannten Erscheinung. Die rohen Religionsanfnge
der primitiven Naturvlker haben ihre Wurzeln teilweise in solchem
erblichen Aberglauben ihrer Primatenahnen, teilweise im Ahnenkultus,
in verschiedenen Gemtsbedrfnissen und in traditionell gewordenen
Gewohnheiten.

_Aberglaube der Kulturvlker._ Die religisen Glaubensvorstellungen
der modernen Kulturvlker, die ihnen als wertvollster geistiger Besitz
gelten, pflegen von ihnen hoch ber den rohen Aberglauben der
Naturvlker gestellt zu werden; man preist den groen Fortschritt,
welchen die aufklrende Kultur durch Beseitigung des letzteren
herbeigefhrt habe. Das ist ein groer Irrtum! Bei unbefangener
kritischer Prfung und Vergleichung zeigt sich, da beide nur durch
die besondere Gestalt des Glaubens und durch die uere Hlle
der Konfession voneinander verschieden sind. Im klaren Lichte der
=Vernunft= erscheint der destillierte Wunderglaube der freisinnigsten
Kirchenreligionen -- insofern er klar erkannten und festen
Naturgesetzen widerspricht -- genau so als unvernnftiger Aberglaube,
wie der rohe Gespensterglaube der primitiven Fetischreligionen, auf
welchen jene stolz herabsehen.

Werfen wir von diesem unbefangenen Standpunkte einen kritischen
Blick auf die gegenwrtig noch herrschenden Glaubensvorstellungen
der heutigen Kulturvlker, so finden wir sie allenthalben von
traditionellem Aberglauben durchdrungen. Der christliche Glaube an die
Schpfung, die Dreieinigkeit Gottes, an die unbefleckte Empfngnis
Mari, an die Erlsung, die Auferstehung und Himmelfahrt Christi usw.
ist ebenso =reine Dichtung= und kann ebensowenig mit der vernnftigen
Naturerkenntnis in Einklang gebracht werden, als die verschiedenen
Dogmen der mohammedanischen und mosaischen, der buddhistischen und
brahmanischen Religion. Jede von diesen Religionen ist fr den wahrhaft
=Glubigen= eine zweifellose Wahrheit, und jede von ihnen betrachtet
jede andere Glaubenslehre als Ketzerei und verderblichen Irrtum. Je
mehr eine bestimmte Konfession sich fr die allein seligmachende
hlt -- fr die =katholische= --, und je inniger diese berzeugung
als heiligste Herzenssache verteidigt wird, desto eifriger mu
sie naturgem alle anderen Konfessionen bekmpfen, und desto
fanatischer gestalten sich die frchterlichen Glaubenskriege, welche
die traurigsten Bltter im Buche der Kulturgeschichte bilden. Und
doch berzeugt uns die unparteiische =Kritik der reinen Vernunft=,
da alle diese verschiedenen Glaubensformen in gleichem Mae unwahr
und unvernnftig sind, Produkte der dichtenden Phantasie und der
unkritischen Tradition. Die vernnftige Wissenschaft mu sie samt und
sonders als Erzeugnisse des Aberglaubens verwerfen.

_Glaubensbekenntnis (Konfession)._ Der unermeliche Schaden, welchen
der unvernnftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der glubigen
Menschheit angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends aufflliger
als in dem unaufhrlichen Kampfe der Glaubensbekenntnisse. Unter
allen Kriegen, welche die Vlker mit Feuer und Schwert gegeneinander
gefhrt haben, sind die Religionskriege die blutigsten gewesen;
unter allen Formen der Zwietracht, welche das Glck der Familien
und der einzelnen Personen zerstrt haben, sind die religisen, dem
Glaubensunterschiede entsprungenen, noch heute die gehssigsten.
Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den
Christenbekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskmpfen des
Islam und der Reformation, durch die Inquisition und die Hexenprozesse
ihr Leben verloren haben. Oder man denke an die noch grere Zahl der
Unglcklichen, welche wegen Glaubensverschiedenheiten in Familienzwist
geraten, ihr Ansehen bei den glubigen Mitbrgern und ihre Stellung
im Staate verloren oder aus dem Vaterlande haben auswandern mssen.
Die verderblichste Wirkung bt das offizielle Glaubensbekenntnis dann,
wenn es mit den politischen Zwecken des Kulturstaates verknpft und
als konfessioneller Religionsunterricht in den Schulen zwangsweise
gelehrt wird. Die Vernunft der Kinder wird dadurch schon frhzeitig von
der Erkenntnis der Wahrheit abgelenkt und dem Aberglauben zugefhrt.
Jeder Menschenfreund sollte daher die =konfessionslose Schule=, als
eine der wertvollsten Institutionen des modernen Vernunftstaates, mit
allen Mitteln zu frdern suchen.

_Der Glaube unserer Vter._ Der hohe Wert, welcher trotzdem noch heute
in den weitesten Kreisen dem konfessionellen Religionsunterricht
beigelegt wird, ist nicht allein durch den Konfessionszwang des
rckstndigen Kulturstaates und dessen Abhngigkeit von klerikaler
Herrschaft bedingt, sondern auch durch das Gewicht von alten
Traditionen und von Gemtsbedrfnissen verschiedener Art. Unter
diesen ist besonders wirkungsvoll die andchtige Verehrung, welche in
weitesten Kreisen der =konfessionellen Tradition= gezollt wird, dem
heiligen Glauben unserer Vter. In Tausenden von Erzhlungen und
Gedichten wird das Festhalten an demselben als ein geistiger Schatz
und als eine heilige Pflicht gepriesen. Und doch gengt unbefangenes
Nachdenken ber die =Geschichte des Glaubens=, um uns von der vlligen
Ungereimtheit jener einflureichen Vorstellung zu berzeugen. Der
herrschende evangelische Kirchenglaube in der zweiten Hlfte des
aufgeklrten 19. Jahrhunderts ist wesentlich verschieden von dem in
der ersten Hlfte, und dieser wieder von dem des 18. Jahrhunderts. Der
letztere weicht sehr ab von dem Glauben unserer Vter im 17. und
noch mehr im 16. Jahrhundert. Die Reformation, welche die geknechtete
Vernunft von der Tyrannei des Papismus befreite, wird natrlich von
dieser als rgste Ketzerei verfolgt; aber auch der Glaube des Papismus
selbst hatte sich im Laufe eines Jahrtausends vllig verndert. Und
wie verschieden ist der Glaube der getauften Christen von dem ihrer
heidnischen Vter! Jeder selbstndig denkende Mensch bildet sich eben
seinen eigenen, mehr oder weniger persnlichen Glauben, und immer
ist dieser verschieden von dem seiner Vter; denn er ist abhngig
von dem gesamten Bildungszustande seiner Zeit. Je weiter wir in der
Kulturgeschichte zurckgehen, desto mehr erscheint uns der gepriesene
Glaube unserer Vter als unhaltbarer Aberglaube, dessen Formen sich
bestndig umbilden.

_Spiritismus._ Eine der merkwrdigsten Formen des Aberglaubens ist
diejenige, welche noch heutzutage in unserer modernen Kulturwelt
eine erstaunliche Rolle spielt, der Spiritismus und Okkultismus,
der moderne =Geisterglaube=. Es ist eine ebenso befremdende wie
betrbende Tatsache, da noch heute Millionen gebildeter Kulturmenschen
von diesem finsteren Aberglauben vllig beherrscht sind; ja sogar
einzelne berhmte Naturforscher haben sich von ihm nicht losmachen
knnen. Zahlreiche spiritistische Zeitschriften verbreiten diesen
Gespensterglauben in weitesten Kreisen, und unsere feinsten
Gesellschaftskreise schmen sich nicht, Geister erscheinen zu
lassen, welche klopfen, schreiben, Mitteilungen aus dem Jenseits
machen usw. Man beruft sich in den Kreisen der Spiritisten oft darauf,
da selbst angesehene Naturforscher diesem Aberglauben huldigen.
Die bedauerliche Tatsache, da selbst hervorragende Physiker und
Biologen sich dadurch haben irre fhren lassen, erklrt sich teils aus
ihrem berma an Phantasie und Kritikmangel, teils aus dem mchtigen
Einflu starrer Dogmen, welche religise Verziehung dem kindlichen
Gehirn in frhester Jugend schon einprgt. brigens ist gerade bei
den berhmten spiritistischen Vorstellungen in Leipzig, in welchen
die Physiker =Zllner=, =Fechner= und =Wilhelm Weber= durch den
schlauen Taschenspieler =Slade= irre gefhrt wurden, dessen Schwindel
nachtrglich klar zutage gekommen; er wurde als gemeiner Betrger
entlarvt und bestraft. Auch in allen anderen Fllen, in welchen die
angeblichen Wunder des Spiritismus grndlich untersucht werden
konnten, hat sich als Ursache eine grbere oder feinere Tuschung
herausgestellt; die sogenannten Medien (meist weiblichen Geschlechts)
sind teils als schlaue Schwindler entlarvt, teils als nervse Personen
von ungewhnlicher Reizbarkeit erkannt worden. Ihre angebliche
=Telepathie= (oder Fernwirkung des Gedankens ohne materielle
Vermittelung) existiert ebensowenig als die Stimmen der Geister, die
Seufzer der Gespenster usw. Die lebhaften Schilderungen, welche =Carl
du Prel= und andere Spiritisten von solchen Geistererscheinungen
geben, beruhen auf Ttigkeit der freien Phantasie, verbunden mit Mangel
an Kritik und an physiologischen Kenntnissen.

_Offenbarung._ Die meisten Religionen haben trotz ihrer mannigfaltigen
Verschiedenheit einen gemeinsamen Grundzug, der zugleich eine ihrer
mchtigsten Sttzen in weiten Kreisen bildet; sie behaupten, die Rtsel
des Daseins, deren Lsung auf natrlichem Wege durch die Vernunft
nicht mglich ist, auf bernatrlichem Wege durch Offenbarung geben
zu knnen; zugleich leiten sie daraus die Geltung der Dogmen oder
Glaubensstze ab, welche als gttliche Gesetze die Sittenlehre
ordnen und die Lebensfhrung bestimmen sollen. Derartige gttliche
Inspirationen bilden die Grundlage zahlreicher Mythen und Legenden,
deren anthropistischer Ursprung auf der Hand liegt. Zwar erscheint der
Gott, der sich offenbart, oft nicht direkt in menschlicher Gestalt,
sondern im Donner und Blitz, im Sturm und Erdbeben, im feurigen Busch
oder der drohenden Wolke. Aber die Offenbarung selbst, welche er dem
glubigen Menschenkinde gibt, wird in allen Fllen anthropistisch
gedacht, als Mitteilung von Vorstellungen oder Befehlen, welche genau
so formuliert und ausgesprochen werden, wie es normalerweise nur durch
die Grohirnrinde und durch den Kehlkopf des Menschen geschieht. In
den indischen und gyptischen Religionen, in der hellenischen und
rmischen Mythologie, im Talmud wie im Koran, im Alten wie im Neuen
Testament -- denken, sprechen und handeln die Gtter ganz wie die
Menschen, und die Offenbarungen, in denen sie uns die Geheimnisse
des Daseins enthllen, die dunkeln Weltrtsel lsen wollen, sind
=Dichtungen= der menschlichen Phantasie. Die =Wahrheit=, welche der
Glubige darin findet, ist menschliche Erfindung, und der kindliche
Glaube an diese unvernnftigen Offenbarungen ist Aberglaube.

Die =wahre Offenbarung=, d. h. die wahre Quelle vernnftiger
Erkenntnis, ist nur in der =Natur= zu finden. Der reiche Schatz
wahren Wissens, der den wertvollsten Teil der menschlichen Kultur
darstellt, ist einzig und allein den Erfahrungen entsprungen, welche
der forschende Verstand durch =Naturerkenntnis= gewonnen hat, und
den =Vernunft=schlssen, welche er durch richtige Assozion dieser
empirischen Vorstellungen gebildet hat. Jeder vernnftige Mensch
mit normalem Gehirn und normalen Sinnen schpft bei unbefangener
Betrachtung aus der Natur diese wahre Offenbarung und befreit sich
damit von dem Aberglauben, welchen ihm die Offenbarungen der Religion
aufgebrdet haben.




=Siebzehntes Kapitel.=

_Wissenschaft und Christentum._

  Monistische Studien ber den Kampf zwischen der wissenschaftlichen
  Erfahrung und der christlichen Offenbarung. Vier Perioden in der
  historischen Metamorphose der christlichen Religion. Vernunft und
  Dogma.


Zu den hervorragenden Charakterzgen des 19. Jahrhunderts gehrt
die wachsende Schrfe des Gegensatzes zwischen Wissenschaft
und Christentum. Das ist ganz natrlich und notwendig; denn in
demselben Mae, in welchem die siegreichen Fortschritte der modernen
=Naturerkenntnis= alle wissenschaftlichen Eroberungen frherer
Jahrhunderte berflgeln, ist zugleich die Unhaltbarkeit aller jener
mystischen Weltanschauungen offenbar geworden, welche die Vernunft
unter das Joch der sogenannten =Offenbarung= beugen wollten, und
dazu gehrt auch die christliche Religion. Je sicherer durch die
moderne Astronomie, Physik und Chemie die Alleinherrschaft unbeugsamer
Naturgesetze im Universum, durch die moderne Botanik, Zoologie und
Anthropologie die Gltigkeit derselben Gesetze im Gesamtbereiche der
organischen Natur nachgewiesen ist, desto heftiger strubt sich die
christliche Religion, im Vereine mit der dualistischen Metaphysik,
die Geltung dieser Naturgesetze im Bereiche des sogenannten
=Geisteslebens= anzuerkennen, d. h. in einem Teilgebiete der
Gehirnphysiologie.

Diesen offenkundigen und unvershnlichen Gegensatz zwischen der
modernen wissenschaftlichen und der berlebten christlichen
Weltanschauung hat niemand klarer, mutiger und unwiderleglicher
bewiesen, als der grte Theologe des 19. Jahrhunderts, =David
Friedrich Strau=. Sein letztes Bekenntnis: =Der alte und der neue
Glaube= 1872, (14. Auflage 1900) ist der allgemein gltige Ausdruck
der ehrlichen berzeugung aller derjenigen Gebildeten der Gegenwart,
welche den unvermeidlichen Konflikt zwischen den anerzogenen,
herrschenden Glaubenslehren des Christentums und den einleuchtenden,
vernunftgemen Offenbarungen der modernen Naturwissenschaft einsehen;
aller derjenigen, welche den Mut finden, das Recht der =Vernunft=
gegenber den Ansprchen des =Aberglaubens= zu wahren, und welche das
philosophische Bedrfnis nach einer einheitlichen Naturanschauung
empfinden. =Strau= hat als ehrlicher und mutiger Freidenker weit
besser, als ich es vermag, die wichtigsten Gegenstze zwischen altem
und neuem Glauben klargelegt. Die volle Unvershnlichkeit zwischen
beiden Gegenstzen, die Unvermeidlichkeit des Entscheidungskampfes
zwischen beiden -- auf Tod und Leben -- hat von philosophischer Seite
namentlich =Eduard Hartmann= nachgewiesen in seiner interessanten
Schrift ber die Selbstzersetzung des Christentums (1874).

Unter den zahlreichen Werken, die im Laufe des 19. Jahrhunderts
die wissenschaftliche Kritik des Christentums, seines Wesens und
seiner Lehre gefrdert haben, sind auerdem namentlich folgende
hervorzuheben: =David Strau=, Das Leben Jesu fr das deutsche Volk.
1864 (11. Auflage, Bonn 1890). =Ludwig Feuerbach=, Das Wesen des
Christentums. 1841 (4. Aufl. 1883). =Paul de Regla= (P. Desjardin),
Jesus von Nazareth, vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und
gesellschaftlichen Standpunkte dargestellt. Leipzig 1894. =S. E.
Verus=, Vergleichende bersicht der vier Evangelien. Leipzig 1897.

Wenn man die Werke von =Strau= und =Feuerbach=, sowie die Geschichte
der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft von =John William
Draper= (1875) gelesen hat, knnte es berflssig erscheinen, diesem
Gegenstande hier ein besonderes Kapitel zu widmen. Trotzdem wird es
ntzlich und notwendig sein, hier einen kritischen Blick auf den
historischen Verlauf dieses groen Kampfes zu werfen, und zwar deshalb,
weil die =Angriffe= der streitenden Kirche auf die Wissenschaft im
allgemeinen und auf die Entwickelungslehre im besonderen in neuester
Zeit besonders scharf und gefahrdrohend geworden sind. Auch ist leider
die geistige Erschlaffung, welche sich neuerdings geltend macht,
sowie die steigende Flut der Reaktion auf politischem, sozialem und
kirchlichem Gebiete nur zu sehr geeignet, jene Gefahren zu verschrfen.
Wollte jemand daran zweifeln, so braucht er nur die Verhandlungen der
christlichen Synoden und des Deutschen Reichstags in den letzten Jahren
zu lesen. Im Einklang damit stehen die Bemhungen vieler weltlicher
Regierungen, sich mit dem geistlichen Regimente, ihrem natrlichen
Todfeinde, auf mglichst guten Fu zu setzen, d. h. sich dessen
Joche zu unterwerfen; als gemeinsames Ziel schwebt dabei den beiden
Verbndeten die Unterdrckung des freien Gedankens und der freien
wissenschaftlichen Forschung vor, mit dem Zwecke, sich auf diese Weise
am leichtesten die =absolute Herrschaft= zu sichern.

Wir mssen ausdrcklich betonen, da es sich hier um notgedrungene
=Verteidigung= der Wissenschaft und der Vernunft gegen die scharfen
Angriffe der christlichen Kirche und ihrer gewaltigen Heerscharen
handelt, und nicht etwa um unberechtigte =Angriffe= der ersteren gegen
die letzteren. In erster Linie mu dabei unsere Abwehr gegen den
=Papismus= oder =Ultramontanismus= gerichtet sein; denn diese allein
seligmachende und fr alle bestimmte katholische Kirche ist nicht
allein weit grer und weit mchtiger als die anderen christlichen
Konfessionen, sondern sie besitzt vor allem den Vorzug einer
groartigen, zentralisierten Organisation und einer unbertroffenen
politischen Schlauheit. Man hrt allerdings oft von Naturforschern
und von anderen Mnnern der Wissenschaft die Ansicht uern, da der
katholische Aberglaube nicht schlimmer sei als die anderen Formen des
bernatrlichen Glaubens, und da diese trgerischen Gestalten des
Glaubens alle in gleichem Mae die natrlichen Feinde der Vernunft
und Wissenschaft seien. Im allgemeinen theoretischen Prinzip ist
diese Behauptung richtig, aber in bezug auf die praktischen Folgen
irrtmlich; denn die zielbewuten und rcksichtslosen Angriffe der
ultramontanen Kirche auf die Wissenschaft, gesttzt auf die Trgheit
und Dummheit der Volksmassen, sind vermge ihrer mchtigen Organisation
ungleich schwerer und gefhrlicher als diejenigen aller anderen
Religionen.

_Entwickelung des Christentums._ Um die ungeheure Bedeutung des
Christentums fr die ganze Kulturgeschichte, besonders aber
seinen prinzipiellen Gegensatz gegen Vernunft und Wissenschaft
richtig zu wrdigen, mssen wir einen flchtigen Blick auf die
wichtigsten Abschnitte seiner geschichtlichen Entwickelung werfen.
Wir unterscheiden in derselben vier Hauptperioden: ~I.~ das
=Urchristentum= (die drei ersten Jahrhunderte), ~II.~ den =Papismus=
(zwlf Jahrhunderte, vom vierten bis fnfzehnten), ~III.~ die
=Reformation= (drei Jahrhunderte, vom sechzehnten bis achtzehnten),
~IV.~ das moderne =Scheinchristentum= (im neunzehnten Jahrhundert).

~I.~ =Das Urchristentum= umfat die ersten drei Jahrhunderte.
Christus selbst, der edle, ganz von Menschenliebe erfllte Prophet und
Schwrmer, stand tief unter dem Niveau der klassischen Kulturbildung;
er kannte nur jdische Tradition; er hat selbst keine einzige Zeile
hinterlassen. Auch hatte er von dem hohen Zustande der Welterkenntnis,
zu dem griechische Philosophie und Naturforschung schon ein halbes
Jahrtausend frher sich erhoben hatten, keine Ahnung. Alles, was
wir von ihm und seinen ursprnglichen Lehren wissen, ist den
Hauptdokumenten des Neuen Testamentes entnommen -- den vier Evangelien
und den Episteln des Paulus. Was die vier kanonischen Evangelien
betrifft, so wissen wir, da sie ausgewhlt sind aus einem Haufen
von sich widersprechenden und geflschten Manuskripten aus dem 2.
Jahrhundert. Der gltige Kanon scheint vor dem Ende des 2. Jahrhunderts
festgesetzt zu sein, obwohl Zweifel und Meinungsverschiedenheiten
bis weit ins 4. Jahrhundert hineinreichen. Das Konzilium von Nica,
325, fgt nach dem hl. Hieronymus ein gewisses Buch in den Kanon ein,
was auf eine Ungewiheit bis zu diesem Datum schlieen lt. Neuere
Gelehrsamkeit setzt den Zeitpunkt der Abfassung der drei synoptischen
Evangelien (Matthus, Markus und Lukas -- die anerkanntermaen nach
und nicht von diesen Mnnern geschrieben worden sind) auf 65-100 n.
Chr. und das Evangelium von Johannes auf einige Zeit vor 125 fest.
Aber es kommt dabei in Betracht, da, wenn die biblischen Gelehrten
von diesen Daten sprechen (im einzelnen -- 65-70 fr Markus, 70-75
fr Matthus, 80-98 fr Lukas, 80-120 fr Johannes), sie nicht an
die Evangelien denken, wie wir sie heute haben. Bis zum Hl. Justinus
mindestens (und selbst er kann nicht als Zeuge des wirklichen
Evangeliums von Johannes angefhrt werden), das ist also bis zur Mitte
des 2. Jahrhunderts, finden wir nur Erwhnungen (oft sehr fragliche)
von Sagen angefhrt, die in den Evangelien zu finden sind. Mit andern
Worten, wir haben keinerlei authentischen Beweis fr die Echtheit
irgend einer der Evangelienerzhlungen, bis mehr als ein Jahrhundert
nach dem Tode Christi. Niemand, der wei, in welchem Grade Legenden
in der orientalischen Atmosphre anwachsen, kann Dokumenten solch
spten Datums nur den geringsten Glauben schenken. Selbst wenn das
frheste synoptische Evangelium 70 n. Chr. datiert wre (wir mssen
immer bedenken, da sich das nur auf die Aussagen Jesu bezieht), so
wre noch der weite Spielraum von vierzig Jahren fr die Mythenbildung
gegeben.

Die dreizehn Episteln des Apostels =Paulus=, von denen nur vier
Anspruch auf Echtheit machen knnen (Rmer, Korinther 2, Galater),
vermehren unsere Kenntnis ber die Begebenheiten im Leben Jesu nur
sehr wenig. So bleiben wir beschrnkt auf sehr krgliche und unsichere
Nachforschungen ber die Handlungen und die Persnlichkeit des
Grnders des Christentums. Der Glaube an die tief eingewurzelten und
beliebtesten Traditionen mu gnzlich verlassen werden. Die Geschichte
von der wunderbaren Geburt Christi wird verworfen; dieser Mythus wird
sowohl von den fhrenden christlichen Gelehrten Deutschlands als
auch Englands fr eine der sptesten und der wenigst glaubwrdigen
biblischen Geschichten erklrt, mit anderen Worten: fr eine spter
eingeschobene wertlose Flschung. Die Sagen von der Auferstehung und
von der Himmelfahrt Christi erfahren jetzt ein gleiches Schicksal. Das
Neue Testament wird zerstrt wie das Alte, und die schne Figur von
Jesus lst sich zusehends in ein Nebelbild auf.

Die unbefangenen und scharfsinnigen Forschungen der deutschen
Theologen (=Strau=, =Feuerbach=, =Baur= u. a.), denen sich
spter auch englische, franzsische und italienische Philosophen
anschlossen, hatten schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt,
da das Leben Jesu zum grten Teile ein Erzeugnis der religisen
=Dichtung=, hnlich der von Buddha ist, und da keine zuverlssigen
historischen Quellen darber existieren. Viel klarer ergibt sich das
aus den berraschenden kritischen Forschungen der vergleichenden
Religionsgeschichte im Beginne des 20. Jahrhunderts. Danach bleibt
weder von den einzelnen Wundergeschichten und Sagen, noch von dem
ganzen dogmatischen Lehrgebude des Christentums etwas Originelles
von Bedeutung mehr bestehen. Denn fast alles, was uns die Evangelien
davon erzhlen, ist aus lteren orientalischen Quellen zusammengetragen
und entstammt den babylonischen und assyrischen, den indischen und
hellenischen Sagenkreisen. Hervorragende Kritiker gehen noch weiter
und fhren mit groer Wahrscheinlichkeit den Beweis, da der Jesus
des Evangeliums berhaupt niemals gelebt hat, sondern ein reines
=Idealbild der Dichtung= ist. Vergl. die interessanten Schriften von
=Kalthoff= und =Promus= ber die Entstehung des Christentums (1904)
und von =Karl Vollers=: Die Weltreligionen in ihrem geschichtlichen
Zusammenhange (1907), ferner die sehr scharfe Kritik des englischen
Theologen =Saladin= (Stewart Ro): Jehovahs gesammelte Werke, eine
kritische Untersuchung des christlichen Religionsgebudes auf Grund der
Bibelforschung (Leipzig 1896).

~II.~ _Der Papismus,_ das =lateinische Christentum= oder
=Papsttum=. Der Papismus oder die rmisch-katholische Kirche, oft
auch =Ultramontanismus= oder nach ihrer Residenz =Vatikanismus=
genannt, ist unter allen Erscheinungen der menschlichen
Kulturgeschichte eine der groartigsten und merkwrdigsten, eine
welthistorische Gre ersten Ranges. Trotz aller Strme der Zeit
erfreut sie sich noch heute des mchtigsten Einflusses. Von den 500
Millionen Christen, welche die Erde gegenwrtig bewohnen, bekennt
die grere Hlfte, nmlich ber 250 Millionen, den rmischen, nur
75 Millionen den griechischen Katholizismus, und 120 Millionen sind
Protestanten. Whrend eines Zeitraumes von 1200 Jahren, vom vierten
bis zum sechzehnten Jahrhundert, hat der Papismus das geistige Leben
Europas fast vollkommen beherrscht; dagegen hat er den groen alten
Religionssystemen in Asien und Afrika nur sehr wenig Boden abgewonnen.
In Asien zhlt der Buddhismus heute noch ungefhr 503 Millionen, die
Brahmareligion 140 Millionen, der stetig vordringende Islam mehr als
120 Millionen Anhnger. Die Weltherrschaft des Papismus prgt vor allem
dem =Mittelalter= seinen finsteren Charakter auf; sie bedeutet den Tod
alles freien Geisteslebens, den Rckgang aller wahren Wissenschaft,
den Verfall aller reinen Sittlichkeit. Von der glnzenden Blte, zu
welcher sich das menschliche Geistesleben im klassischen Altertum
erhoben hatte, im ersten Jahrtausend vor Christus und in den ersten
Jahrhunderten nach demselben, sank dasselbe unter der Herrschaft des
Papsttums bald zu einem Niveau herab, das mit Bezug auf die =Erkenntnis
der Wahrheit= nur als =Barbarei= bezeichnet werden kann. Man rhmt wohl
am Mittelalter, da andere Seiten des Geisteslebens darin zu reicher
Entfaltung gekommen seien, Dichtkunst und bildende Kunst, scholastische
Gelehrsamkeit und patristische Philosophie. Aber diese Kulturttigkeit
befand sich im Dienste der herrschenden Kirche und wurde nicht zur
Hebung, sondern zur Unterdrckung der freien Geistesforschung verwandt.
Die ausschlieliche Vorbereitung fr ein unbekanntes ewiges Leben im
Jenseits, die Verachtung der Natur, die Abwendung von ihrem Studium,
welche im Prinzip der christlichen Religion innewohnt, wurde von der
rmischen Hierarchie zur heiligen Pflicht gemacht. Eine durchgreifende
Wandlung zum Besseren brachte erst im Beginn des 16. Jahrhunderts die
=Reformation=.

_Rckschritte der Kultur im Mittelalter._ Es wrde uns viel zu weit
fhren, wenn wir hier die jammervollen Rckschritte schildern wollten,
welche menschliche Kultur und Gesittung whrend zwlf Jahrhunderte
unter der geistigen Gewaltherrschaft des Papismus erlitten. Am
prgnantesten sind sie wohl durch einen einzigen Satz des grten
und geistreichsten =Hohenzollern=frsten illustriert; =Friedrich
der Groe= fate sein Urteil in dem Satze zusammen, man werde durch
das =Studium der Geschichte= zu der berzeugung gefhrt, da von
Konstantin dem Groen bis auf die Zeit der Reformation =die ganze Welt
wahnsinnig= gewesen sei. Eine vortreffliche kurze Schilderung dieser
Wahnsinnsperiode hat (1887) =L. Bchner= gegeben in seiner Schrift
ber religise und wissenschaftliche Weltanschauung.

Unter den historischen Tatsachen, welche am einleuchtendsten
die Verwerflichkeit der ultramontanen Geistestyrannei beweisen,
interessiert uns vor allem ihre energische und konsequente Bekmpfung
der wahren =Wissenschaft= als solcher. Diese war zwar schon von
Anfang an prinzipiell im Christentum dadurch bestimmt, da dasselbe
den Glauben ber die Vernunft stellte und die blinde Unterwerfung
der letzteren unter den ersteren forderte; nicht minder dadurch, da
es das ganze Erdenleben nur als eine Vorbereitung fr das erdichtete
Jenseits betrachtete, also auch der wissenschaftlichen Forschung
an sich jeden Wert absprach. Allein die planmige und erfolgreiche
Bekmpfung der letzteren begann doch erst im Anfange des vierten
Jahrhunderts, besonders seit dem berchtigten Konzil von Nica (325),
welchem Kaiser =Konstantin= prsidierte, -- =der Groe= genannt,
weil er das Christentum zur Staatsreligion erhob und Konstantinopel
grndete, dabei ein nichtswrdiger Charakter, ein falscher Heuchler
und vielfacher Mrder. Wie erfolgreich der Papismus in seinem Kampfe
gegen jedes selbstndige wissenschaftliche Denken und Forschen war,
beweist am besten der jammervolle Zustand der Naturerkenntnis und ihrer
Literatur im Mittelalter. Nicht nur wurden die reichen Geistesschtze,
welche das klassische Altertum hinterlassen hatte, zum grten Teile
vernichtet oder der Verbreitung entzogen, sondern Folterknechte
und Scheiterhaufen sorgten dafr, da jeder Ketzer, d. h. jeder
selbstndige Denker, seine vernnftigen Gedanken fr sich behielt. Tat
er das nicht, so mute er sich darauf gefat machen, lebendig verbrannt
zu werden, wie es dem groen monistischen Philosophen =Giordano Bruno=,
dem Reformator =Johann Hus= und mehr als hunderttausend anderen
Zeugen der Wahrheit geschah. Die Geschichte der Wissenschaften im
Mittelalter belehrt uns auf jeder Seite, da das selbstndige Denken
und die empirische wissenschaftliche Forschung unter dem Drucke des
allmchtigen Papismus durch zwlf traurige Jahrhunderte wirklich vllig
begraben blieben.

_Papismus und Christentum._ Alles das, was wir am wahren Christentum
im Sinne seines Stifters und seiner edelsten Nachfolger hochschtzen,
und was wir aus dem unausbleiblichen Untergange dieser Weltreligion
in unsere neue, monistische Religion hinber zu retten suchen
mssen, liegt auf seiner =ethischen= und =sozialen= Seite. Die
Prinzipien der wahren Humanitt, der goldenen Regel, der Toleranz,
der Menschenliebe im besten und hchsten Sinne des Wortes, alle diese
wahren Lichtseiten des Christentums sind zwar nicht von ihm zuerst
erfunden und aufgestellt, aber doch erfolgreich in jener kritischen
Periode zur Geltung gebracht worden, in der das klassische Altertum
seiner Auflsung entgegenging. Der Papismus aber hat es verstanden,
alle jene Tugenden in ihr direktes =Gegenteil= zu verkehren und dabei
doch die =alte Firma= als Aushngeschild zu bewahren. An die Stelle der
christlichen Liebe trat der fanatische Ha gegen alle Andersglubigen;
mit Feuer und Schwert wurden nicht allein die Heiden ausgerottet,
sondern auch jene christlichen Sekten, welche in besserer Erkenntnis
Einwendungen gegen die aufgezwungenen Lehrstze des ultramontanen
Aberglaubens zu erheben wagten. berall in Europa blhten die
Ketzergerichte und forderten unzhlige Opfer, deren Folterqualen ihren
frommen, von christlicher Bruderliebe erfllten Peinigern besonderes
Vergngen bereiteten. Die Papstmacht wtete auf ihrer Hhe durch
Jahrhunderte erbarmungslos gegen alles, was ihrer Herrschaft im Wege
stand. Unter dem berchtigten Groinquisitor Torquemada (1481-1498)
wurden in Spanien allein achttausend Ketzer lebendig verbrannt,
neunzigtausend mit Einziehung des Vermgens und den empfindlichsten
Kirchenbuen bestraft, whrend in den Niederlanden unter der Herrschaft
Karl des Fnften dem klerikalen Blutdurst mindestens fnfzigtausend
Menschen zum Opfer fielen. Und whrend das Geheul gemarterter Menschen
die Luft erfllte, strmten in Rom, dem die ganze christliche Welt
tributpflichtig war, die Reichtmer der halben Welt zusammen, und
wlzten sich die angeblichen Stellvertreter Gottes auf Erden und ihre
Helfershelfer in Lsten und Lastern jeder Art. Welche Vorteile, sagte
der frivole und syphilitische Papst =Leo= ~X~. ironisch, hat uns
doch diese =Fabel von Jesus Christus= gebracht! Dabei war der Zustand
der europischen Gesellschaft trotz Kirchenzucht und Gottesfurcht
von der allerschlimmsten Art. Feudalismus, Leibeigenschaft,
Gottesgnadentum und Mnchtum beherrschten das Land, und die armen
Heloten waren froh, wenn sie ihre elenden Htten im Machtbereiche der
Schlsser oder Klster ihrer geistlichen und weltlichen Unterdrcker
und Ausbeuter errichten durften. Heutzutage noch leiden wir unter den
Nachwehen und berbleibseln dieser traurigen Zustnde und Zeiten, in
welchen von Pflege der Wissenschaft und hherer Geistesbildung nur
ausnahmsweise und im Verborgenen die Rede sein konnte. Unwissenheit,
Armut und Aberglaube vereinigten sich mit der entsittlichenden Wirkung
des im elften Jahrhundert eingefhrten =Zlibats=, um die absolute
Papstmacht immer strker werden zu lassen (=Bchner= a. a. O.). Man
hat berechnet, da whrend dieser Glanzperiode des Papismus ber zehn
Millionen Menschen dem fanatischen Glaubensha der =christlichen
Liebe= zum Opfer fielen; und wie viel mehr Millionen betrugen die
geheimen Menschenopfer, welche das =Zlibat=, die =Ohrenbeichte=
und der =Gewissenszwang= erforderten, die gemeinschdlichsten und
fluchwrdigsten Institutionen des ppstlichen Absolutismus! Die
unglubigen Philosophen, welche Beweise =gegen= das Dasein Gottes
sammelten, haben einen der strksten Beweise dagegen bersehen, die
Tatsache, da die rmischen =Statthalter Christi= zwlf Jahrhunderte
hindurch ungestraft die greulichsten Verbrechen und Schandtaten =im
Namen Gottes= verben durften.

~III.~ _Die Reformation._ Die Geschichte der Kulturvlker, welche
wir die Weltgeschichte zu nennen belieben, lt deren dritten
Hauptabschnitt, die Neuzeit, mit der Reformation der christlichen
Kirche beginnen, ebenso wie den zweiten, das Mittelalter, mit der
Grndung des Christentums, und sie tut recht daran. Denn mit der
Reformation beginnt die =Wiedergeburt der gefesselten Vernunft=,
das Wiedererwachen der Wissenschaft, welche die eiserne Faust des
christlichen Papismus durch 1200 Jahre gewaltsam niedergehalten
hatte. Allerdings hatte die Verbreitung allgemeiner Bildung durch
die Buchdruckerkunst schon um die Mitte des fnfzehnten Jahrhunderts
begonnen, und gegen Ende desselben traten mehrere groe Ereignisse
ein, welche im Verein mit der =Renaissance= der Kunst auch
diejenige der Wissenschaft vorbereiteten, vor allem die Entdeckung
von Amerika (1492). Auch wurden in der ersten Hlfte des sechzehnten
Jahrhunderts mehrere hchst wichtige Fortschritte in der Erkenntnis
der Natur gemacht, welche die bestehende Weltanschauung in ihren
Grundfesten erschtterten; so die erste Umschiffung der Erde durch
=Magellan=, welche den empirischen Beweis fr ihre Kugelgestalt
lieferte (1522); die Grndung des neuen Weltsystems durch =Kopernikus=
(1543). Aber der 31. Oktober 1517, an welchem =Martin Luther=
seine 95 Thesen an die hlzerne Tr der Schlokirche zu Wittenberg
nagelte, bleibt daneben ein weltgeschichtlicher Tag; denn damit
wurde die eiserne Tr des Kerkers gesprengt, in dem der ppstliche
Absolutismus durch 1200 Jahre die gefesselte Vernunft eingeschlossen
gehalten hatte. Man hat die Verdienste des groen Reformators, der
auf der Wartburg die Bibel bersetzte, teils bertrieben, teils
unterschtzt; man hat auch mit Recht darauf hingewiesen, wie er
gleich den anderen Reformatoren noch vielfach im tiefsten Aberglauben
befangen blieb. So konnte sich =Luther= zeitlebens nicht von dem
starren Buchstabenglauben der Bibel befreien; er verteidigte eifrig
die Lehre von der Auferstehung, der Erbsnde und Prdestination,
der Rechtfertigung durch den Glauben usw. Die gewaltige Geistestat
des =Kopernikus= verwarf er als Narrheit, weil in der Bibel Josua
die Sonne stillstehen hie und nicht das Erdreich. Fr die groen
politischen Umwlzungen seiner Zeit, besonders die groartige und
vollberechtigte Bauernbewegung, hatte er kein Verstndnis. Schlimmer
noch war der fanatische Reformator =Calvin= in Genf, welcher (1553) den
geistreichen spanischen Arzt =Serveto= lebendig verbrennen lie, weil
er den unsinnigen Glauben an die Dreieinigkeit bekmpfte. berhaupt
traten die fanatischen Rechtglubigen der reformierten Kirche nur
zu oft in die blutbefleckten Futapfen ihrer papistischen Todfeinde,
wie sie es auch heute noch tun. Leider folgten auch ungeheure
Greueltaten der Reformation auf dem Fue: die Bartholomusnacht und
die Hugenottenverfolgung in Frankreich, blutige Ketzerjagden in
Italien, lange Brgerkriege in England, der Dreiigjhrige Krieg in
Deutschland. Aber trotz alledem bleibt dem sechzehnten und siebzehnten
Jahrhundert der Ruhm, dem denkenden Menschengeiste zuerst wieder
freie Bahn geschaffen und die Vernunft von dem erstickenden Drucke
der papistischen Herrschaft befreit zu haben. Erst dadurch wurde die
mchtige Entfaltung verschiedener Richtungen der kritischen Philosophie
und neuer Bahnen der Naturforschung mglich, welche dann dem folgenden
achtzehnten Jahrhundert den Ehrentitel des =Jahrhunderts der
Aufklrung= erwarb.

~IV.~ _Das Scheinchristentum des neunzehnten Jahrhunderts._ Als
vierten und letzten Hauptabschnitt in der Geschichte des Christentums
stellen wir das 19. Jahrhundert seinen Vorgngern gegenber. Wenn in
diesen letzteren bereits die =Aufklrung= nach allen Richtungen
hin die kritische Philosophie gefrdert, und wenn ihr das Aufblhen
der Naturwissenschaften die strksten empirischen Waffen in die
Hnde gegeben hatte, so erscheint uns doch der Fortschritt nach
beiden Richtungen hin in unserem 19. Jahrhundert ganz gewaltig;
es beginnt damit wiederum eine ganz neue Periode in der Geschichte
des Menschengeistes, charakterisiert durch die Entwickelung der
=monistischen Naturphilosophie=. Schon im Beginne desselben wurde der
Grund zu einer neuen Anthropologie gelegt (durch die vergleichende
Anatomie von =Cuvier=) und zu einer neuen Biologie (durch die
~Philosophie zoologique~ von =Lamarck=). Bald folgten diesen beiden
groen Franzosen zwei ebenbrtige Deutsche, =Baer= als Begrnder der
Entwickelungsgeschichte (1828) und =Johannes Mller= (1834) als der der
vergleichenden Morphologie und Physiologie. Ein Schler des letzteren,
=Theodor Schwann=, schuf 1838, im Verein mit =Matthias Schleiden=,
die grundlegende Zellentheorie. Schon vorher hatte =Lyell= (1830) die
Entwickelungsgeschichte der Erde auf natrliche Ursachen zurckgefhrt
und damit auch fr unseren Planeten die Geltung der mechanischen
Kosmogenie besttigt, welche =Kant= bereits 1755 mit khner Hand
entworfen hatte. Endlich wurde durch =Robert Mayer= und =Helmholtz=
(1842) das Energieprinzip festgestellt und damit die zweite, ergnzende
Hlfte des groen Substanzgesetzes gegeben, dessen erste Hlfte die
Konstanz der Materie, schon =Lavoisier= 1789 entdeckt hatte. Allen
diesen tiefen Einblicken in das innere Wesen der Natur setzte dann 1859
=Charles Darwin= die Krone auf durch seine neue Entwickelungslehre, das
grte naturphilosophische Ereignis des 19. Jahrhunderts.

Wie verhlt sich nun zu diesen gewaltigen Fortschritten der
Naturerkenntnis das =moderne Christentum=? Zunchst wurde naturgem
die tiefe Kluft zwischen seinen beiden Hauptrichtungen immer
grer, zwischen dem konservativen =Papismus= und dem progressiven
Protestantismus. Der ultramontane Klerus ( -- und im Verein mit
ihm die orthodoxe Evangelische Allianz -- ) muten naturgem
jenen mchtigen Eroberungen des freien Geistes den heftigsten
Widerstand entgegensetzen; sie verharrten unbeirrt auf ihrem strengen
Buchstabenglauben und verlangten die unbedingte Unterwerfung der
Vernunft unter das Dogma. Der liberale =Protestantismus= hingegen
verflchtigte sich immer mehr zu einem monistischen Pantheismus und
strebte nach Vershnung der beiden entgegengesetzten Prinzipien;
er suchte die unvermeidliche Anerkennung der empirisch bewiesenen
Naturgesetze und der daraus gefolgerten philosophischen Schlsse mit
einer geluterten Religionsform zu verbinden, in der freilich von der
eigentlichen Glaubenslehre fast nichts mehr brig blieb. Zwischen
beiden Extremen bewegten sich zahlreiche Kompromiversuche; darber
hinaus aber drang in immer weitere Kreise die berzeugung, da das
dogmatische Christentum berhaupt jeden Boden verloren habe, und da
man nur seinen wertvollen ethischen Inhalt in die neue, monistische
Religion des 20. Jahrhunderts hinberretten knne. Da jedoch
gleichzeitig die gegebenen ueren Formen der herrschenden christlichen
Religion fortbestanden, da sie sogar trotz der fortgeschrittenen
politischen Entwickelung mit den praktischen Bedrfnissen des Staates
immer enger verknpft wurden, entwickelte sich jene weitverbreitete
religise Weltanschauung der gebildeten Kreise, die wir nur als
=Scheinchristentum= bezeichnen knnen -- im Grunde eine religise
Lge bedenklichster Art. Die groen Gefahren, welche dieser tiefe
Konflikt zwischen der wahren berzeugung und dem falschen Bekenntnis
der modernen Scheinchristen mit sich bringt, hat u. a. trefflich
=Max Nordau= geschildert in seinem interessanten Werke: =Die
konventionellen Lgen der Kulturmenschheit.=

Inmitten dieser offenkundigen Unwahrhaftigkeit des herrschenden
Scheinchristentums ist es fr den Fortschritt der vernunftgemen
Naturerkenntnis sehr wertvoll, da dessen mchtigster und
entschiedenster Gegner, der =Papismus=, um die Mitte des 19.
Jahrhunderts die alte Maske angeblicher hherer Geistesbildung
abgeworfen und der selbstndigen =Wissenschaft= als solcher den
entscheidenden Kampf auf Tod und Leben angekndigt hat. Es geschah
dies in drei bedeutungsvollen Kriegserklrungen gegen die Vernunft, fr
deren Unzweideutigkeit und Entschiedenheit die moderne Wissenschaft
und Kultur dem rmischen Statthalter Christi nur dankbar sein
kann: ~I~. Im Dezember 1854 verkndete der Papst das Dogma von der
=unbefleckten Empfngnis Mari=. ~II~. Zehn Jahre spter, im Dezember
1864, sprach der heilige Vater in der berchtigten =Enzyklika=
das =absolute Verdammungsurteil ber die ganze moderne Zivilisation
und Geistesbildung= aus; in dem begleitenden =Syllabus= gab er
eine Aufzhlung und Verfluchung aller einzelnen Vernunftstze und
philosophischen Prinzipien, welche von unserer modernen Wissenschaft
als sonnenklare Wahrheit anerkannt sind. ~III~. Endlich setzte
sechs Jahre spter, am 13. Juli 1870, der streitbare Kirchenfrst im
Vatikan seinem Aberwitz die Krone auf, indem er fr sich und alle seine
Vorgnger in der Papstwrde die =Unfehlbarkeit= in Anspruch nahm.

_Unfehlbarkeit des Papstes._ Diese drei wichtigsten Akte des Papismus
im 19. Jahrhundert waren so offenkundige Faustschlge in das Antlitz
der Vernunft, da sie selbst innerhalb der orthodoxen katholischen
Kreise von Anfang an das hchste Bedenken erregten. Als man im
vatikanischen Konzil am 13. Juli 1870 zur Abstimmung ber das Dogma
von der =Unfehlbarkeit= schritt, erklrten sich nur drei Viertel der
Kirchenfrsten zugunsten desselben, nmlich 451 von 601 Abstimmenden;
dazu fehlten noch zahlreiche andere Bischfe, welche sich der
gefhrlichen Abstimmung enthalten wollten. Indessen zeigte sich bald,
da der kluge und menschenkundige Papst richtiger gerechnet hatte als
die zaghaften besonnenen Katholiken; denn in den leichtglubigen und
ungebildeten Massen fand auch dieses ungeheuerliche Dogma trotz aller
Bedenken blinde Annahme.

Die ganze =Geschichte des Papsttums=, wie sie von zuverlssigen
Quellen und handgreiflichen historischen Dokumenten unwiderleglich
festgenagelt ist, erscheint fr den unbefangenen Kenner als ein
gewissenloses Gewebe von Lug und Trug, als ein rcksichtsloses Streben
nach absoluter geistlicher Herrschaft und weltlicher Macht, als eine
frivole Verleugnung aller der hohen sittlichen Gebote, welche das
wahre Christentum predigt: Menschenliebe, und Duldung, Wahrheit und
Keuschheit, Armut und Entsagung. Wenn man die lange Reihe der Ppste
und der rmischen Kirchenfrsten, aus denen sie gewhlt wurden, nach
dem Mastabe der reinen christlichen Moral mustert, ergibt sich klar,
da die groe Mehrzahl derselben schamlose Gaukler und Betrger
waren, viele von ihnen nichtswrdige Verbrecher. Diese allbekannten
=historischen Tatsachen= hindern aber nicht, da noch heute Millionen
von gebildeten glubigen Katholiken an die Unfehlbarkeit dieses
heiligen Vaters glauben und durch Spenden von Peterspfennigen sein
Regiment sttzen; sie hindern nicht, da noch heute protestantische
Frsten nach Rom fahren und dem heiligen Vater (ihrem gefhrlichsten
Feinde!) ihre Verehrung bezeugen.

_Enzyklika und Syllabus._ Unter den angefhrten drei groen
Gewalttaten, durch welche der moderne Papismus in der zweiten Hlfte
des 19. Jahrhunderts seine absolute Herrschaft zu retten und zu
befestigen suchte, ist fr uns am interessantesten die Verkndigung
der =Enzyklika= und des =Syllabus= im Dezember 1864; denn in diesen
denkwrdigen Aktenstcken wird der Vernunft und Wissenschaft berhaupt
jede selbstndige Ttigkeit abgesprochen und ihre absolute Unterwerfung
unter den alleinseligmachenden Glauben, d. h. unter die Dekrete des
unfehlbaren Papstes, gefordert. Die ungeheure Erregung, welche diese
malose Frechheit in allen gebildeten und unabhngig denkenden Kreisen
hervorrief, entsprach dem ungeheuerlichen Inhalte der Enzyklika; eine
vortreffliche Errterung ihrer kulturellen und politischen Bedeutung
hat u. a. =Draper= in seiner Geschichte der Konflikte zwischen Religion
und Wissenschaft gegeben (1875).

_Unbefleckte Empfngnis der Jungfrau Maria._ Weniger einschneidend und
bedeutungsvoll als die Enzyklika und als das Dogma der Infallibilitt
des Papstes erscheint vielleicht das Dogma von der unbefleckten
Empfngnis. Indessen legt nicht nur die rmische Hierarchie auf diesen
Glaubenssatz das hchste Gewicht, sondern auch ein Teil der orthodoxen
Protestanten (z. B. die Evangelische Allianz). Der sogenannte
=Immakulateid=, d. h. die =eidliche= Versicherung des Glaubens an die
unbefleckte Empfngnis Mari, gilt noch heute Millionen von Christen
als heilige Pflicht. Viele Glubige verbinden damit einen doppelten
Begriff; sie behaupten, da die Mutter der Jungfrau Maria ebenso durch
den Heiligen Geist befruchtet worden sei wie diese selbst. Jedoch
soll ursprnglich das Dogma der unbefleckten Empfngnis nur bedeuten,
da Maria selbst eine Tochter des heiligen Geistes, und daher frei von
Erbsnde sei. Die vergleichende und kritische Theologie hat neuerdings
nachgewiesen, da auch dieser Mythus, gleich den meisten anderen
Legenden der christlichen Mythologie, keineswegs originell, sondern
aus lteren orientalischen Religionen, besonders dem =Buddhismus=,
bernommen ist. hnliche Sagen hatten schon mehrere Jahrhunderte vor
Christi Geburt eine weite Verbreitung in Indien, Persien, Kleinasien
und Griechenland. Wenn Knigstchter oder andere Jungfrauen aus
hheren Stnden, ohne legitim verheiratet zu sein, durch die Geburt
eines Kindes erfreut wurden, so wurde als der Vater dieses illegitimen
Sprlings meistens ein Gott oder Halbgott ausgegeben, in diesem
Falle der mysterise Heilige Geist.

Die Erzhlung der beiden Evangelisten Matthus und Lukas, da auch
Maria selbst vom heiligen Geiste befruchtet und demnach dieser
rtselhafte Gott der wahre Vater von Christus sei, wird gegenwrtig
von den meisten Theologen als eine spter entstandene Sage angesehen;
sie behaupten, da der jdische Zimmermann Joseph der wirkliche Vater
gewesen sei. Andere wieder erklren die uneheliche Geburt Christi
durch folgende Angabe eines apokryphen Evangeliums, auf welche sich
auch =Celsus= (178 n. Chr.) bezieht: =Josephus Pandera=, der rmische
Hauptmann einer kalabresischen Legion, welche in Juda stand, verfhrte
=Mirjam= von Bethlehem, ein hebrisches Mdchen, und wurde der =Vater
von Jesus=. Diese Legende fand besonders bei jenen Theologen Beifall,
welche die bernatrliche Erzeugung Christi (durch den heiligen Geist)
leugneten, aber als seinen natrlichen Vater nicht einen =Juden= (den
Zimmermann Joseph), sondern einen =Griechen= (den Hauptmann Pandera
oder Pantheras) anerkannt zu sehen wnschten. Historische Zeugnisse,
die wissenschaftliche Bedeutung beanspruchen, knnen weder fr die
Wahrheit der einen noch der anderen Sage gefunden werden.

Interessant ist brigens die verschiedene Auffassung und Beurteilung,
welche dieser angebliche Liebesroman der Mirjam von seiten der vier
groen christlichen Kulturnationen Europas erfahren hat. Nach den
strengeren Moralbegriffen der =germanischen= Rassen wird derselbe
schlechtweg verworfen; lieber glaubt der ehrliche Deutsche und der
prde Brite blind an die unmgliche Sage von der Erzeugung durch den
Heiligen Geist. Wie bekannt, entspricht diese strenge, sorgfltig
zur Schau getragene Prderie der feineren Gesellschaft (besonders in
England!) keineswegs dem wahren Zustande der sexuellen Sittlichkeit in
dem dortigen ~High life~. Die Enthllungen z. B., welche darber
vor einigen Jahren die Pall Mall Gazette brachte, erinnerten sehr an
die Zustnde von =Babylon= und an das Rom der Kaiserzeit.

Die =romanischen= Rassen, welche diese Prderie verlachen und die
sexuellen Verhltnisse leichtfertiger beurteilen, finden jenen =Roman
der Maria= recht anziehend, und der besondere Kultus, dessen gerade
in Frankreich und Italien Unsere liebe Frau sich erfreut, ist oft in
merkwrdiger Naivett mit jener Liebesgeschichte verknpft. So findet
z. B. =Paul de Regla= (~Dr.~ =Desjardin=), welcher (1894) Jesus von
Nazareth vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen
Standpunkte aus dargestellt hat, gerade in der =unehelichen Geburt
Christi= ein besonderes Anrecht auf den =Heiligenschein=, der seine
herrliche Gestalt umstrahlt!

Der Streit ber diese drei verschiedenen Mythen von der Vaterschaft
Christi, der noch zu Ende des 19. Jahrhunderts die Theologen lebhaft
erregte, hat gegenwrtig an Interesse sehr verloren. Denn die
berraschenden Fortschritte der vergleichenden Religionsgeschichte
haben das ganze orientalische Prachtgebude der =christlichen
Mythologie= in seinen Grundfesten erschttert. Das reine =Idealbild=
von Jesus Christus, dessen erhabene Zge der Glubige aus dem
Neuen Testament sich zusammensetzt, hat als wirklicher Mensch
(oder Gottmensch) in dieser Vollkommenheit niemals auf unserem
Planeten existiert. Der hohe ethische Wert des ursprnglichen reinen
Christentums, der veredelnde Einflu dieser Religion der Liebe auf
die Kulturgeschichte, ist ganz unabhngig von jenen mythologischen
Dogmen. Die angeblichen =Offenbarungen=, auf welche sich diese Mythen
sttzen, sind dagegen ( -- ebenso wie smtliche Wundergeschichten
des Alten und des Neuen Testaments -- ) Erzeugnisse der dichtenden
Phantasie; sie bleiben unvereinbar mit den sichersten Ergebnissen
unserer modernen =Naturerkenntnis=.




=Achtzehntes Kapitel.=

_Unsere monistische Religion._

  Monistische Studien ber die Religion der Vernunft und ihre Harmonie
  mit der Wissenschaft. Die drei Kultusideale des Wahren, Guten und
  Schnen.


Viele und sehr angesehene Naturforscher und Philosophen der Gegenwart,
welche unsere monistischen berzeugungen teilen, halten die Religion
berhaupt fr eine abgetane Sache. Sie meinen, da die klare Einsicht
in die Weltentwickelung, die wir den gewaltigen Erkenntnisfortschritten
des 19. Jahrhunderts verdanken, nicht blo das Kausalittsbedrfnis
unserer =Vernunft= vollkommen befriedige, sondern auch die hchsten
Gefhlsbedrfnisse unseres =Gemtes=. Diese Ansicht ist in gewissem
Sinne richtig, insofern bei einer vollkommen klaren und folgerichtigen
Auffassung des Monismus tatschlich die beiden Begriffe von Religion
und Wissenschaft zu einem mit einander verschmelzen. Indessen nur
wenige entschlossene Denker ringen sich zu dieser hchsten und reinsten
Auffassung von =Spinoza= und =Goethe= empor; vielmehr verharren die
meisten Gebildeten unserer Zeit bei der berzeugung, da die Religion
ein selbstndiges, von der Wissenschaft unabhngiges Gebiet unseres
Geisteslebens darstelle, nicht minder wertvoll und unentbehrlich als
die letztere.

Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, knnen wir eine Vershnung
zwischen jenen beiden groen, anscheinend getrennten Gebieten
in der Auffassung finden, welche ich 1892 in meinem Altenburger
Vortrage niedergelegt habe: Der Monismus als Band zwischen Religion
und Wissenschaft (14. Aufl. 1908). In dem Vorwort zu diesem
Glaubensbekenntnis eines Naturforschers habe ich mich ber dessen
doppelten Zweck mit folgenden Worten geuert: Erstens mchte ich
damit derjenigen =vernnftigen Weltanschauung= Ausdruck geben, welche
uns durch die neueren Fortschritte der einheitlichen Naturerkenntnis
mit logischer Notwendigkeit aufgedrungen wird; sie wohnt im Innersten
von fast allen unbefangenen und denkenden Naturforschern, wenn
auch nur wenige den Mut oder das Bedrfnis haben, sie offen zu
bekennen. Zweitens mchte ich dadurch ein =Band zwischen Religion und
Wissenschaft= knpfen und somit zur Ausgleichung des Gegensatzes
beitragen, welcher zwischen diesen beiden Gebieten der hchsten
menschlichen Geistesttigkeit unntigerweise aufrecht erhalten wird;
das ethische Bedrfnis unseres =Gemtes= wird durch den Monismus ebenso
befriedigt wie das logische Kausalittsbedrfnis unseres =Verstandes=.

Die starke Wirkung, welche dieser Altenburger Vortrag hatte, beweist,
da ich mit diesem monistischen Glaubensbekenntnis nicht nur das
vieler Naturforscher, sondern auch zahlreicher gebildeter Mnner
und Frauen aus verschiedenen Berufskreisen ausgesprochen hatte. Ich
durfte diesen unerwarteten Erfolg um so hher anschlagen, als jenes
Glaubensbekenntnis ursprnglich eine freie Gelegenheitsrede war, die
unvorbereitet am 9. Oktober 1892 in Altenburg whrend des Jubilums
der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes entstand. Natrlich
erfolgte auch bald die notwendige Gegenwirkung nach der anderen Seite;
ich wurde nicht nur von der ultramontanen Presse des =Papismus=
auf das Heftigste angegriffen, von den geschworenen Verteidigern
des Aberglaubens, sondern auch von liberalen Kriegsmnnern des
evangelischen Christentums, welche sowohl die wissenschaftliche
Wahrheit als auch den aufgeklrten Glauben zu vertreten behaupten. Nun
hat sich aber der groe Kampf zwischen der modernen Naturwissenschaft
und dem orthodoxen Christentum seitdem immer drohender gestaltet;
er ist fr die erstere um so gefhrlicher geworden, je mchtigere
Untersttzung das letztere durch die wachsende geistige und
politische Reaktion gefunden hat. Diese ist in manchen Lndern schon
so weit vorgeschritten, da die gesetzlich garantierte Denk- und
Gewissensfreiheit praktisch schwer gefhrdet wird. In der Tat hat
der groe weltgeschichtliche Geisteskampf, welchen =John Draper= in
seiner Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft
vortrefflich schildert, heute eine Schrfe und Bedeutung erlangt
wie nie zuvor; man bezeichnet ihn deshalb seit 1872 mit Recht als
=Kulturkampf=.

_Der Kulturkampf._ Die berhmte =Enzyklika= nebst =Syllabus=,
welche der streitbare Papst Pius ~IX.~ 1864 in alle Welt gesandt
hatte, erklrte in der Hauptsache der ganzen modernen Wissenschaft
den Krieg; sie forderte blinde Unterwerfung der Vernunft unter die
Dogmen des unfehlbaren Statthalters Christi. Das Ungeheuerliche und
Unerhrte dieses brutalen Attentates gegen die hchsten Gter der
Kulturmenschheit rttelte selbst viele trge und indolente Gemter
aus ihrem gewohnten Glaubensschlafe. Im Vereine mit der nachfolgenden
Verkndung der ppstlichen Unfehlbarkeit (1870) rief die Enzyklika
eine weitgehende Erregung hervor und eine energische Abwehr, welche
zu den besten Hoffnungen berechtigte. In dem neuen Deutschen Reiche,
das in den Kmpfen von 1866 und 1871 unter schweren Opfern seine
nationale Einheit errungen hatte, wurden die frechen Attentate des
Papismus besonders schwer empfunden; denn einerseits ist Deutschland
die Geburtssttte der Reformation und der modernen Geistesbefreiung;
andererseits aber besitzt es leider in seinen 20 Millionen Katholiken
ein mchtiges Heer von streitbaren Glubigen, welches an blindem
Gehorsam gegen die Befehle seines Oberhirten von keinem anderen
Kulturvolke bertroffen wird. =Christus= sagt zu =Petrus=: Weide meine
Schafe! Die Nachkommen auf dem Stuhle Petri haben das =Weiden= in
=Scheeren= bersetzt. Die hieraus entspringenden Gefahren erkannte
mit klarem Blick der gewaltige Staatsmann, der das politische
Weltrtsel der deutschen Nationalzerrissenheit gelst und uns durch
seine bewunderungswrdige Staatskunst zu dem ersehnten Ziele nationaler
Einheit und Macht gefhrt hatte. Frst Bismarck begann 1872 jenen
denkwrdigen, vom Vatikan aufgedrungenen =Kulturkampf=, der von dem
ausgezeichneten Kultusminister =Falk= durch die Maigesetzgebung
(1873) ebenso klug als energisch gefhrt wurde. Leider mute er schon
sechs Jahre spter aufgegeben werden. Obwohl unser grter Staatsmann
ein ausgezeichneter Menschenkenner und kluger Realpolitiker war, hatte
er doch die Macht von drei gewaltigen Hindernissen unterschtzt:
erstens die unbertroffene Schlauheit und gewissenlose Perfidie der
rmischen Kurie, zweitens die entsprechende Gedankenlosigkeit und
Leichtglubigkeit der ungebildeten katholischen Massen, auf welche
sich die erstere sttzte, und drittens die Macht der Trgheit, des
Fortbestehens des Unvernnftigen, blo weil es da ist. So mute denn
schon 1878, nachdem der klgere Papst Leo ~XIII.~ seine Regierung
angetreten hatte, der schwere Gang nach Canossa wiederholt werden.
Die neu gestrkte Macht des Vatikans nahm seitdem wieder mchtig
zu, einerseits durch die gewissenlosen Rnke und Schlangenwindungen
seiner aalglatten Jesuitenpolitik, andererseits durch die falsche
Kirchenpolitik der deutschen Reichsregierung und die merkwrdige
politische Unfhigkeit des deutschen Volkes. So muten wir denn am
Schlusse des 19. Jahrhunderts das beschmende Schauspiel erleben, da
das sogenannte Zentrum im Deutschen Reichstage Trumpf war, und da
die Geschicke unseres gedemtigten Vaterlandes von einer papistischen
Partei geleitet wurden, deren Kopfzahl noch nicht den dritten Teil der
ganzen Bevlkerung betrgt.

Als der deutsche Kulturkampf 1872 begann, wurde er =mit vollem Rechte=
von allen frei denkenden Mnnern als eine politische Erneuerung der
Reformation begrt, als ein energischer Versuch, die moderne Kultur
von dem Joche der papistischen Geistestyrannei zu befreien; die gesamte
liberale Presse feierte Frst Bismarck als politischen Luther, als
den gewaltigen Helden, der nicht nur die nationale Einigung, sondern
auch die geistige Befreiung Deutschlands erringe. Zehn Jahre spter,
nachdem der Papismus gesiegt hatte, behauptete dieselbe liberale
Presse das Gegenteil und erklrte den Kulturkampf fr einen groen
Fehler; und dasselbe tut sie noch heute. Diese Tatsache beweist nur,
wie kurz das Gedchtnis unserer Zeitungsschreiber, wie mangelhaft
ihre Kenntnis der Geschichte und wie unvollkommen ihre philosophische
Bildung ist. Der sogenannte Friedensschlu zwischen Staat und
Kirche ist immer nur ein Waffenstillstand. Der moderne Papismus,
getreu den absolutistischen, seit 1600 Jahren befolgten Prinzipien,
will und mu die =Alleinherrschaft= ber die leichtglubigen Seelen
behaupten; er mu die absolute Unterwerfung des Kulturstaates
fordern, der als solcher die Rechte der Vernunft und Wissenschaft
vertritt. Wirklicher Friede kann erst eintreten, wenn einer der
beiden ringenden Kmpfer bewltigt am Boden liegt. Entweder siegt die
alleinseligmachende Kirche, und dann hrt freie Wissenschaft und
freie Lehre berhaupt auf; dann werden sich unsere Universitten in
Konvikte, unsere Gymnasien in Klosterschulen verwandeln. Oder es siegt
der moderne Vernunftstaat, und dann wird sich im 20. Jahrhundert die
menschliche Bildung, Freiheit und Wohlstand in noch weit hherem Mae
fortschreitend entwickeln, als es im 19. erfreulicherweise der Fall
gewesen ist. (Vergl. hierber =Eduard Hartmann=, Die Selbstzersetzung
des Christentums, 1874.)

Gerade zur Frderung dieser hohen Ziele erscheint es hchst wichtig,
da die moderne Naturwissenschaft nicht blo die Wahngebilde des
Aberglaubens zertrmmert und deren wsten Schutt aus dem Wege rumt,
sondern da sie auch auf dem frei gewordenen Bauplatze ein neues
wohnliches Gebude fr das menschliche Gemt herrichtet; einen
=Palast der Vernunft=, in welchem wir mittels unserer neu gewonnenen
monistischen Weltanschauung die wahre Dreieinigkeit des 19.
Jahrhunderts andchtig verehren, die =Trinitt des Wahren=, =Guten
und Schnen=. Um den Kultus dieser gttlichen Ideale greifbar zu
gestalten, erscheint es vor allem notwendig, uns mit den herrschenden
Religionsformen des Christentums auseinanderzusetzen und die
Vernderungen ins Auge zu fassen, welche bei deren Ersetzung durch
erstere zu erstreben sind. Denn die christliche Religion besitzt
(in ihrer =ursprnglichen=, reinen Form!) trotz aller Irrtmer
und Mngel einen so hohen sittlichen Wert, sie ist vor allem seit
anderthalb Jahrtausenden so eng mit den wichtigsten sozialen und
politischen Einrichtungen unseres Kulturlebens verwachsen, da
wir uns bei Begrndung unserer monistischen Religion mglichst an die
bestehenden Institutionen anlehnen mssen. Wir wollen keine gewaltsame
=Revolution=, sondern eine vernnftige =Reformation= unseres religisen
Geisteslebens.

~I.~ _Das Ideal der Wahrheit._ Wir haben uns durch die vorhergehenden
Betrachtungen (besonders im ersten und dritten Abschnitt) berzeugt,
da die reine Wahrheit nur in dem Tempel der =Naturerkenntnis= zu
finden ist, und da die einzigen brauchbaren Wege zu demselben die
kritische Beobachtung und Reflexion sind, die empirische Erforschung
der Tatsachen und die vernunftgeme Erkenntnis ihrer bewirkenden
Ursachen. So gelangen wir mittels der =reinen Vernunft= zur wahren
Wissenschaft, dem kostbarsten Schatze der Kulturmenschheit. Dagegen
mssen wir aus den gewichtigen, im 16. Kapitel errterten Ursachen
jede sogenannte =Offenbarung= ablehnen, jede Glaubensdichtung,
welche behauptet, auf bernatrlichem Wege Wahrheiten zu erkennen, zu
deren Entdeckung unsere Vernunft nicht ausreicht. Da nun das ganze
Glaubensgebude der jdisch-christlichen Religion, ebenso wie das
islamitische und muhamedanische, auf solchen angeblichen Offenbarungen
beruht, da ferner diese mystischen Phantasieprodukte direkt der
klaren empirischen Naturerkenntnis widersprechen, so ist es sicher,
da wir die Wahrheit nur mittels der Vernunftttigkeit der echten
=Wissenschaft= finden knnen, nicht mittels der Phantasiedichtung des
mystischen Glaubens.

Die Gttin der =Wahrheit= wohnt im Tempel der Natur, im grnen Walde,
auf dem blauen Meere, auf den schneebedeckten Gebirgshhen; -- aber
nicht in den dumpfen Hallen der Klster, in den engen Kerkern der
Konviktschulen und nicht in den weihrauchduftenden christlichen
Kirchen. Die Wege, auf denen wir uns dieser herrlichen Gttin der
Wahrheit und Erkenntnis nhern, sind die liebevolle Erforschung
der Natur und ihrer Gesetze, die Beobachtung der unendlich groen
Sternenwelt mittels des Teleskops, der unendlich kleinen Zellenwelt
mittels des Mikroskops; -- aber nicht sinnlose Andachtsbungen
und gedankenlose Gebete, nicht die Opfergaben des Ablasses und
der Peterspfennige. Die kostbaren Gaben, mit denen uns die Gttin
der Wahrheit beschenkt, sind die herrlichen Frchte vom Baume der
Erkenntnis und der unschtzbare Gewinn einer klaren, einheitlichen
Weltanschauung, -- aber nicht der Glaube an bernatrliche Wunder und
das Wahngebilde eines ewigen Lebens.

~II.~ _Das Ideal der Tugend._ Anders als mit dem ewig Wahren verhlt
es sich mit dem Gottesideal des ewig Guten. Whrend bei der Erkenntnis
der Wahrheit die Offenbarung der Kirche vllig auszuschlieen und
allein die Erforschung der Natur zu befragen ist, fllt dagegen der
Inbegriff des =Guten=, den wir Tugend nennen, in unserer monistischen
Religion grtenteils mit der christlichen Tugend zusammen; natrlich
gilt das nur von dem ursprnglichen, reinen Christentum der drei ersten
Jahrhunderte, wie dessen Tugendlehren in den Evangelien und in den
paulinischen Briefen niedergelegt sind; -- es gilt aber nicht von der
vatikanischen Karikatur jener reinen Lehre, welche die europische
Kultur zu ihrem unendlichen Schaden durch zwlf Jahrhunderte beherrscht
hat. Den besten Teil der christlichen Moral, an dem wir festhalten,
bilden die Humanittsgebote der Liebe und Duldung, des Mitleids und der
Hilfe. Nur sind diese edlen Pflichtgebote, die man als christliche
Moral (im besten Sinne!) zusammenfat, keine neuen Erfindungen des
Christentums, sondern sie sind von diesem aus lteren Religionsformen
herbergenommen. In der Tat ist ja die =Goldene Regel=, welche
diese Gebote in einem Satze zusammenfat, Jahrhunderte lter als das
Christentum. In der Praxis des Lebens aber wurde dieses natrliche
Sittengesetz ebenso oft von Atheisten und Nichtchristen sorgsam befolgt
als von frommen, glubigen Christen auer acht gelassen. Auch beging
die christliche Tugendlehre einen groen Fehler, indem sie einseitig
den =Altruismus= zum Gebote erhob, den =Egoismus= dagegen verwarf.
=Unsere monistische Ethik legt beiden gleichen Wert= bei und findet die
vollkommene Tugend in dem richtigen Gleichgewicht von Nchstenliebe und
Eigenliebe. (Vergl. Kapitel 19. Das ethische Grundgesetz.)

~III~. _Das Ideal der Schnheit._ In vielfachen Gegensatz zum
Christentum tritt unser Monismus auf dem Gebiete der Schnheit. Das
ursprngliche, reine Christentum predigte die Wertlosigkeit des
irdischen Lebens und betrachtete dasselbe blo als eine Vorbereitung
fr das ewige Leben im =Jenseits=. Daraus folgt unmittelbar, da
alles, was das menschliche Leben im =Diesseits= darbietet, alles
Schne in Kunst und Wissenschaft, im ffentlichen und privaten Leben,
keinen Wert besitzt. Der wahre Christ mu sich von ihm abwenden und
nur daran denken, sich fr das Jenseits wrdig vorzubereiten. Die
Verachtung der Natur, die Abwendung von allen ihren unerschpflichen
Reizen, die Verwerfung jeder Art von schner Kunst sind echte
Christenpflichten; diese wrden am vollkommensten erfllt, wenn der
Mensch sich von seinen Mitmenschen absonderte, sich kasteite und in
Klstern oder Einsiedeleien ausschlielich mit der Anbetung Gottes
beschftigte.

Nun lehrt uns freilich die Naturgeschichte, da diese asketische
Christenmoral, die aller Natur Hohn sprach, als natrliche Folge
das Gegenteil bewirkte. Die Klster, die Asyle der Keuschheit und
Zucht, wurden bald die Brutsttten der tollsten Orgien. Der Kultus
der Schnheit, der hier getrieben wurde, stand mit der gepredigten
Weltentsagung in schneidendem Widerspruch. Dasselbe gilt von dem
Luxus und der Pracht, welche sich bald in dem sittenlosen Privatleben
des hheren katholischen Klerus und in der knstlerischen Ausschmckung
der christlichen Kirchen und Klster entwickelten.

_Christliche Kunst._ Man wird hier einwenden, da unsere Ansicht durch
die Schnheitsflle der christlichen Kunst widerlegt werde, welche
besonders in der Bltezeit des Mittelalters so unvergngliche Werke
schuf. Die prachtvollen gotischen Dome und byzantinischen Basiliken,
die Hunderte von prchtigen Kapellen, die Tausende von Marmorstatuen
christlicher Heiliger und Mrtyrer, die Millionen von schnen
Heiligenbildern, von tiefempfundenen Darstellungen von Christus und der
Madonna -- sie zeugen alle von einer Entwickelung der schnen Knste
im Mittelalter, die in ihrer Art einzig ist. Alle diese herrlichen
Denkmler der bildenden Kunst, ebenso wie die der Dichtkunst, behalten
ihren hohen sthetischen Wert, gleichviel, wie wir die darin enthaltene
Mischung von Wahrheit und Dichtung beurteilen. Aber was hat das alles
mit der reinen Christenlehre zu tun, mit jener Religion der Entsagung,
welche von allem irdischen Prunk und Glanz, von aller materiellen
Schnheit und Kunst sich abwendete, welche das Familienleben und
die Frauenliebe gering schtzte, welche allein die Sorge um die
immateriellen Gter des ewigen Lebens predigte? Der Begriff der
christlichen Kunst ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Die
reichen Kirchenfrsten freilich, welche dieselben pflegten, verfolgten
damit ganz andere Zwecke, und sie erreichten sie auch vollstndig.
Indem sie das ganze Interesse und Streben des menschlichen Geistes
im Mittelalter auf die christliche =Kirche= und deren eigentmliche
=Kunst= lenkten, wendeten sie dasselbe von der =Natur= ab und von
der Erkenntnis der hier verborgenen Schtze, die zu selbstndiger
=Wissenschaft= gefhrt htten. Auerdem aber erinnerte der tgliche
Anblick der berall massenhaft ausgestellten Heiligenbilder, der
Darstellungen aus der heiligen Geschichte, den glubigen Christen
jederzeit an den reichen Sagenschatz, den die Phantasie der Kirche
angesammelt hatte. Die Legenden derselben wurden fr wahre Erzhlungen,
die Wundergeschichten fr wirkliche Ereignisse ausgegeben und geglaubt.
Unzweifelhaft hat in dieser Beziehung die christliche Kunst einen
ungeheuren Einflu auf die allgemeine Bildung und ganz besonders auf
die Festigung des Glaubens gebt, einen Einflu, der sich in der ganzen
Kulturwelt bis auf den heutigen Tag geltend macht.

_Monistische Kunst._ Den schrfsten Gegensatz zu dieser herrschenden
christlichen Kunst bildet diejenige neue Form der bildenden
Kunst, die sich erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der
=Naturwissenschaft= entwickelt hat. Die berraschende Erweiterung
unserer Weltkenntnis, die Entdeckung von unzhligen schnen
Lebensformen, die wir der letzteren verdanken, hat in unserer
Zeit einen ganz anderen sthetischen Sinn geweckt und damit
auch der bildenden Kunst eine neue Richtung gegeben. Zahlreiche
wissenschaftliche Reisen und groe Expeditionen zur Erforschung
unbekannter Lnder und Meere frderten schon im 18., noch viel
mehr aber im 19. Jahrhundert eine ungeahnte Flle von unbekannten
organischen Formen zutage. Die Zahl der neuen Tier- und Pflanzenarten
wuchs bald ins Unermeliche, und unter diesen (besonders unter den
frher vernachlssigten niederen Gruppen) fanden sich Tausende
schner und interessanter Gestalten, ganz neue Motive fr Malerei und
Bildhauerei, fr Architektur und Kunstgewerbe. Eine neue Welt erschlo
in dieser Beziehung besonders die ausgedehntere =mikroskopische=
Forschung in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts und namentlich die
Entdeckung der fabelhaften Tiefseebewohner, die erst durch die berhmte
Challenger-Expedition (1872-1876) ans Licht gezogen wurden. Tausende
von zierlichen Radiolarien und Thalamophoren, von prchtigen Medusen
und Korallen, von abenteuerlichen Mollusken und Krebsen erffneten uns
da mit einem Male eine ungeahnte Flle von verborgenen Formen, deren
eigenartige Schnheit und Mannigfaltigkeit alle von der menschlichen
Phantasie geschaffenen Kunstprodukte weitaus bertrifft. Allein schon
in den fnfzig groen Bnden des Challengerwerkes ist auf 3000 Tafeln
eine Masse solcher schner Gestalten abgebildet; aber auch in vielen
anderen groen Prachtwerken, welche die mchtig wachsende zoologische
und botanische Literatur der letzten Dezennien enthlt, sind Millionen
reizender Formen dargestellt. Ich habe versucht, in meinen Kunstformen
der Natur eine Auswahl von solchen schnen und reizvollen Gestalten
weiteren Kreisen zugnglich zu machen. (100 Tafeln in 10 Heften.
Leipzig 1899-1903.)

Indessen bedarf es nicht weiter Reisen und kostspieliger Werke, um
jedem Menschen die Herrlichkeiten dieser Welt zu erschlieen. Vielmehr
mssen dafr nur seine Augen geffnet und sein Sinn gebt werden.
berall bietet die umgebende Natur eine berreiche Flle von schnen
und interessanten Objekten aller Art. In jedem Moose und Grashalme,
in jedem Kfer und Schmetterling finden wir bei genauer Untersuchung
Schnheiten, an denen der Mensch gewhnlich achtlos vorbergeht.
Vollends wenn wir dieselben mit einer Lupe bei schwacher Vergrerung
betrachten, oder noch mehr, wenn wir die strkere Vergrerung eines
guten Mikroskopes anwenden, entdecken wir berall in der organischen
Natur eine neue Welt voll unerschpflicher Reize.

Aber nicht nur fr diese sthetische Betrachtung des Kleinen und
Kleinsten, sondern auch fr diejenige des Groen und Grten in der
Natur hat uns erst das 19. Jahrhundert die Augen geffnet. Noch im
Beginne desselben war die Ansicht herrschend, da die Hochgebirgsnatur
zwar groartig, aber abschreckend, das Meer zwar gewaltig, aber
furchtbar sei. Jetzt, am Ende desselben, sind die meisten Gebildeten
-- und besonders die Bewohner der Grostdte -- glcklich, wenn sie
jhrlich auf ein paar Wochen die Herrlichkeit der Alpen und die
Kristallpracht der Gletscher genieen knnen; oder wenn sie sich an der
Majestt des blauen Meeres, an den reizenden Landschaftsbildern seiner
Ksten erfreuen knnen. Alle diese Quellen des edelsten Naturgenusses
sind uns erst neuerdings in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbar und
verstndlich geworden, und die erstaunlich gesteigerte Leichtigkeit
und Schnelligkeit des Verkehrs hat selbst den Unbemittelteren die
Gelegenheit zu ihrer Kenntnis verschafft. Alle diese Fortschritte im
sthetischen Naturgenusse -- und damit zugleich im wissenschaftlichen
Naturverstndnis -- bedeuten ebenso viele Fortschritte in der hheren
menschlichen Geistesbildung und damit zugleich in unserer monistischen
Religion.

_Landschaftsmalerei und Illustrationswerke._ Der Gegensatz, in
welchem unser =naturalistisches= Jahrhundert zu den vorhergehenden
=anthropistischen= steht, prgt sich besonders in der verschiedenen
Wertschtzung und Verbreitung von Illustrationen der mannigfaltigsten
Naturobjekte aus. Es hat sich in unserer Zeit ein lebhaftes Interesse
fr ihre bildlichen Darstellungen entwickelt das frheren Zeiten
unbekannt war; es wird untersttzt durch die erstaunlichen Fortschritte
der Technik und des Verkehrs, welche eine allgemeine Verbreitung
derselben in weitesten Kreisen gestatten. Zahlreiche illustrierte
Zeitschriften verbreiten mit der allgemeinen Bildung zugleich den Sinn
fr die unendliche Schnheit der Natur in allen Gebieten. Besonders
ist es die =Landschaftsmalerei=, die hier eine frher nicht geahnte
Bedeutung gewonnen hat. Schon in der ersten Hlfte des 19. Jahrhunderts
hatte einer unserer grten und vielseitigsten Naturforscher,
=Alexander von Humboldt=, darauf hingewiesen, wie die Entwickelung
der modernen Landschaftsmalerei nicht nur als Anregungsmittel zum
Naturstudium und als geographisches Anschauungsmittel von hoher
Bedeutung sei, sondern wie sie auch in anderer Beziehung als ein edles
Bildungsmittel hochzuschtzen sei. Seitdem ist der Sinn dafr noch
bedeutend weiter entwickelt. Es sollte Aufgabe jeder Schule sein, die
Kinder frhzeitig zum Genusse der =Landschaft= anzuleiten und zu der
hchst dankbaren Kunst, sie durch Zeichnen und Aquarellmalen ihrem
Gedchtnis einzuprgen.

_Moderner Naturgenu._ Der unendliche Reichtum der Natur an Schnem
und Erhabenem bietet jedem Menschen, der offene Augen und sthetischen
Sinn besitzt, eine unerschpfliche Flle der herrlichsten Gaben.
So wertvoll und beglckend aber auch der unmittelbare Genu jeder
einzelnen Gabe ist, so wird deren Wert doch noch hoch gesteigert durch
die Erkenntnis ihrer Bedeutung und ihres Zusammenhanges mit der brigen
Natur. Als =Alexander von Humboldt= (1845) in seinem groartigen
=Kosmos= den Entwurf einer physischen Weltbeschreibung gab, als
er in seinen mustergltigen Ansichten der Natur wissenschaftliche
und sthetische Betrachtung in glcklichster Weise verband, da hat
er mit Recht hervorgehoben, wie eng der veredelte Naturgenu mit der
wissenschaftlichen Ergrndung der Weltgesetze, verknpft ist, und wie
beide vereinigt dazu dienen, das Menschenwesen auf eine hhere Stufe
der Vollendung zu erheben. Die staunende Bewunderung, mit der wir den
gestirnten Himmel und das mikroskopische Leben in einem Wassertropfen
betrachten, die Ehrfurcht, mit der wir das wunderbare Wirken der
Energie in der bewegten Materie untersuchen, die Andacht, mit welcher
wir die Geltung des allumfassenden Substanzgesetzes im Universum
verehren, -- sie alle sind Bestandteile unseres =Gemtslebens=, die
unter den Begriff der =natrlichen Religion= fallen.

_Diesseits und Jenseits._ Die angedeuteten Fortschritte der Neuzeit
in der Erkenntnis des Wahren und im Genusse des Schnen bilden ebenso
einerseits einen wertvollen Inhalt unserer monistischen Religion, als
sie andererseits in feindlichem Gegensatze zum Christentum stehen.
Denn der menschliche Geist lebt dort in dem bekannten =Diesseits=,
hier in einem unbekannten =Jenseits=. Unser Monismus lehrt, da
wir sterbliche Kinder der Erde sind, die ein oder zwei, hchstens
drei Menschenalter hindurch das Glck haben, im Diesseits die
Herrlichkeiten dieses Planeten zu genieen, die unerschpfliche
Flle seiner Schnheit zu schauen und die wunderbaren Spiele seiner
Naturkrfte zu erkennen. Das Christentum dagegen lehrt, da die Erde
ein elendes Jammerthal ist, auf welchem wir blo eine kurze Zeitlang uns
zu kasteien und abzuqulen brauchen, um sodann im Jenseits ein ewiges
Leben voller Wonne zu genieen. Wo dieses Jenseits liegt, und wie
diese Herrlichkeit des ewigen Lebens eigentlich beschaffen sein soll,
das hat uns noch keine Offenbarung gesagt. Solange der Himmel fr
den Menschen ein blaues Zelt war, ausgespannt ber der scheibenfrmigen
Erde und erleuchtet durch das blinkende Lampenlicht einiger tausend
Sterne, konnte sich die menschliche Phantasie oben in diesem
Himmelssaal allenfalls das ambrosische Gastmahl der olympischen Gtter
oder die Tafelfreuden der Walhallabewohner vorstellen. Nun ist aber fr
alle diese Gottheiten und fr die mit ihnen tafelnden unsterblichen
Seelen die offenkundige =Wohnungsnot= eingetreten. Himmelsbild und
Weltanschauung, wie sie =Troels-Lund= in ihrem tiefen Zusammenhange
historisch dargestellt hat, haben durch die bewunderungswrdigen
Fortschritte der modernen Kosmologie eine vllige Umwandlung erfahren.
Wir wissen jetzt durch die =Astrophysik=, da der unendliche Raum mit
schwingendem ther erfllt ist, und da Millionen von Weltkrpern, nach
ewigen ehernen Gesetzen bewegt, sich rastlos darin umhertreiben, alle
im ewigen groen Werden und Vergehen begriffen.

_Monistische Kirchen._ Die Sttten der Andacht, in denen der Mensch
sein religises Gemtsbedrfnis befriedigt und die Gegenstnde seiner
Anbetung verehrt, betrachtet er als seine geheiligten Kirchen. Die
Pagoden im buddhistischen Asien, die griechischen Tempel im klassischen
Altertum, die Synagogen in Palstina, die Moscheen in gypten, die
katholischen Dome im sdlichen und die evangelischen Kathedralen im
nrdlichen Europa -- alle diese Gotteshuser sollen dazu dienen,
den Menschen ber die Misere und Prosa des realen Alltagslebens zu
erheben; sie sollen ihn in die Weihe und die Poesie einer hheren,
idealen Welt versetzen. Sie erfllen diesen Zweck in vielen tausend
verschiedenen Formen, entsprechend den verschiedenen Kulturformen
und Zeitverhltnissen. Der moderne Mensch, welcher Wissenschaft und
Kunst besitzt -- und damit zugleich auch Religion --, bedarf keiner
besonderen Kirche, keines engen, eingeschlossenen Raumes. Denn berall
in der freien Natur, wo er seine Blicke auf das unendliche Universum
oder auf einen Teil desselben richtet, berall findet er zwar den
harten Kampf ums Dasein, aber daneben auch das Wahre, Schne und
Gute; berall findet er seine =Kirche= in der herrlichen =Natur=
selbst.




=Neunzehntes Kapitel.=

_Unsere monistische Sittenlehre._

  Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Nchstenliebe.
  Gleichberechtigung des Egoismus und Altruismus. Fehler der
  christlichen Moral. Staat, Schule und Kirche.


Das praktische Leben stellt an den Menschen eine Reihe von ganz
bestimmten sittlichen Anforderungen, die nur dann richtig erfllt
werden knnen, wenn sie in reinem Einklang mit seiner vernnftigen
Weltanschauung stehen. Diesem Grundsatze unserer monistischen
Philosophie zufolge mu unsere gesamte =Sittenlehre= oder Ethik
in vernnftigem Zusammenhang mit der einheitlichen Auffassung des
Kosmos stehen, welche wir durch unsere fortgeschrittene Erkenntnis
der Naturgesetze gewonnen haben. Wie das ganze unendliche Universum im
Lichte unseres Monismus ein einziges groes Ganzes darstellt, so bildet
auch das geistige und sittliche Leben des Menschen nur einen Teil
dieses =Kosmos=, und so kann auch seine naturgeme Ordnung nur eine
einheitliche sein. =Es gibt nicht zwei verschiedene, getrennte Welten=:
eine =physische, materielle= und eine =moralische, immaterielle= Welt.

Ganz entgegengesetzter Ansicht ist die groe Mehrzahl der Philosophen
und Theologen noch heute; sie behaupten mit =Immanuel Kant=, da
die sittliche Welt von der physischen ganz unabhngig sei und ganz
anderen Gesetzen gehorche; also msse auch das =sittliche Bewutsein
des Menschen=, als die Basis des moralischen Lebens, ganz unabhngig
von der =wissenschaftlichen Welterkenntnis= sein und sich vielmehr
auf den religisen Glauben sttzen. Die Erkenntnis der sittlichen
Welt soll danach durch die glubige =praktische Vernunft= geschehen,
hingegen die der Natur oder der physischen Welt durch die =theoretische
Vernunft=. Dieser unzweifelhafte und bewute =Dualismus= in =Kants=
Philosophie war ihr grter und =schwerster Fehler=; er hat unendliches
Unheil angerichtet und wirkt noch heute mchtig fort. Zuerst hatte
der =kritische Kant= in der groartigen und bewunderungswrdigen
Kritik der reinen Vernunft einleuchtend gezeigt, da die drei groen
=Zentraldogmen der Metaphysik=: der persnliche Gott, der freie
Wille und die unsterbliche Seele vllig unbegrndet sind und immer
unbegrndet bleiben werden. Spter aber fhrte der =dogmatische Kant=
das schimmernde ideale Luftschlo der praktischen Vernunft auf, in
welchem drei imposante Kirchenschiffe zur Wohnsttte jener drei
mystischen Gottheiten hergerichtet wurden. Nachdem sie durch die
Vordertr mittels des vernnftigen Wissens hinausgeschafft waren,
kehrten sie nun durch die Hintertr mittels des unvernnftigen Glaubens
wieder zurck.

Obgleich nun der offenkundige Gegensatz der beiden Vernnfte
von =Kant=, der prinzipielle Antagonismus der =reinen= und der
=praktischen= Vernunft, schon im Anfange des 19. Jahrhunderts erkannt
und widerlegt wurde, blieb er doch bis heute in weiten Kreisen
herrschend. Die moderne Schule der =Neokantianer= predigt noch
heute den Rckgang auf Kant so eindringlich gerade =wegen= dieses
willkommenen =Dualismus=, und die streitende Kirche untersttzt
sie dabei aufs wrmste, weil ihr eigener mystischer Glaube dazu
vortrefflich pat. Eine wirksame Niederlage bereitete demselben
erst die moderne Naturwissenschaft in der zweiten Hlfte des 19.
Jahrhunderts; die Voraussetzungen der praktischen Vernunftlehre wurden
dadurch hinfllig. Kosmologie und Biologie, die auf dem Substanzgesetz
ruhen, bedrfen keines persnlichen Gottes mehr; die vergleichende
und genetische Psychologie zeigte, da eine unsterbliche Seele nicht
existieren kann, und die Physiologie wies nach, da die Annahme des
freien Willens auf Tuschung beruht. Die Entwickelungslehre endlich
machte klar, da die =ewigen, ehernen Naturgesetze= der anorganischen
Welt auch in der organischen und moralischen Welt Geltung haben.

Unsere moderne Naturerkenntnis wirkt aber fr die praktische
Philosophie und Ethik nicht nur =negativ=, indem sie den Kantischen
Dualismus zertrmmert, sondern auch =positiv=, indem sie an dessen
Stelle das neue Gebude des =ethischen Monismus= setzt. Sie zeigt,
da das =Pflichtgefhl= des Menschen nicht auf einem eingeimpften
=kategorischen Imperativ= beruht, sondern auf dem =realen Boden
der sozialen Instinkte=, die wir bei allen gesellig lebenden hheren
Tieren finden. Sie erkennt als hchstes Ziel der Moral die Herstellung
einer gesunden Harmonie zwischen =Egoismus= und =Altruismus=, zwischen
Selbstliebe und Nchstenliebe. Vor allen anderen war es der groe
englische Philosoph =Herbert Spencer=, dem wir die Begrndung dieser
monistischen Ethik durch die Entwickelungslehre verdanken.

_Egoismus und Altruismus._ Der Mensch gehrt zu den =sozialen
Wirbeltieren= und hat daher, wie alle sozialen Tiere, zweierlei
verschiedene Pflichten, erstens gegen sich selbst und zweitens
gegen die Gesellschaft, der er angehrt. Erstere sind Gebote der
=Selbstliebe= (Egoismus), letztere Gebote der =Nchstenliebe=
(Altruismus). Beide Gebote sind gleich berechtigt, gleich natrlich
und gleich unentbehrlich. Will der Mensch in geordneter Gesellschaft
existieren und sich wohl befinden, so mu er nicht nur sein eigenes
Glck anstreben, sondern auch dasjenige der Gemeinschaft, der er
angehrt, und der Nchsten, welche diesen sozialen Verein bilden.
Er mu erkennen, da ihr Gedeihen sein Gedeihen ist und ihr Leiden
sein Leiden. Diese sozialen Grundgesetze sind so einfach und so
naturnotwendig, da man schwer begreift, wie ihnen theoretisch und
praktisch widersprochen werden kann; und doch geschieht das noch heute,
wie es seit Jahrtausenden geschehen ist.

_Gleichgewicht des Egoismus und Altruismus._ Die gleiche Berechtigung
dieser beiden Naturtriebe, die moralische Gleichwertigkeit
der Selbstliebe und der Nchstenliebe ist das wichtigste
=Fundamentalprinzip unserer Moral=. Das hchste Ziel aller
vernnftigen Sittenlehre ist demnach sehr einfach, die Herstellung des
=naturgemen Gleichgewichts zwischen Eigenliebe und Nchstenliebe=.
Das Goldene Sittengesetz sagt: Was du willst, da dir die Leute
tun sollen, das tue du ihnen auch. Aus diesem hchsten Gebot des
Christentums folgt von selbst, da wir ebenso heilige Pflichten
gegen uns selbst wie gegen unsere Mitmenschen haben. Ich habe meine
Auffassung dieses Grundprinzips bereits 1892 in meinem =Monismus=
auseinandergesetzt (S. 29, 45) und dabei besonders drei wichtige
Stze betont: ~I~. Beide konkurrierende Triebe sind =Naturgesetze=,
die zum Bestehen der Familie und der Gesellschaft gleich wichtig und
gleich notwendig sind; der Egoismus ermglicht die Selbsterhaltung des
=Individuums=, der Altruismus diejenige der Gattung und =Spezies=,
die sich aus der Kette der vergnglichen Individuen zusammensetzt.
~II~. =Die sozialen Pflichten=, welche die Gesellschaftsbildung den
assoziierten Menschen auferlegt, und durch welche sich diese erhlt,
sind nur hhere Entwickelungsformen der =sozialen Instinkte=, welche
wir bei allen hheren, gesellig lebenden Tieren finden. ~III~. Beim
Kulturmenschen steht alle Ethik, sowohl die theoretische wie die
praktische Sittenlehre, als Normwissenschaft in Zusammenhang mit der
=Weltanschauung= und demnach auch mit der =Religion=.

_Das ethische Grundgesetz._ (=Das Goldene Sittengesetz.=) Aus der
Anerkennung unseres Fundamentalprinzips der Moral ergibt sich
unmittelbar das hchste Gebot derselben, jenes Pflichtgebot, das
man jetzt oft als das =Goldene Sittengesetz= oder kurz als die
Goldene Regel bezeichnet. =Christus= sprach dasselbe wiederholt
in dem einfachen Satze aus: =Du sollst deinen Nchsten lieben
wie dich selbst= (Matth. 19, 19; 22, 39, 40; Rmer 13, 9 usw.). In
diesem wichtigsten und hchsten Gebote stimmt unsere =monistische
Ethik= vollkommen mit der =christlichen= berein. Nur mssen wir
gleich die historische Tatsache hinzufgen, da die Aufstellung
dieses obersten Grundgesetzes nicht ein Verdienst Christi ist, wie
die meisten christlichen Theologen behaupten und ihre unkritischen
Glubigen unbesehen annehmen. Vielmehr ist diese =Goldene Regel=
mehr als fnfhundert Jahre lter als Christus und von vielen
verschiedenen Weisen Griechenlands und des Orients als wichtigstes
Sittengesetz anerkannt. =Pittakos= von Mytilene, einer der sieben
Weisen Griechenlands, sagte 620 Jahre vor Christus: Tue deinem
Nchsten nicht, was du ihm verbeln wrdest. -- =Konfutse=, der groe
chinesische Philosoph und Religionsstifter (der die Unsterblichkeit
der Seele und den persnlichen Gott leugnete), sagte 500 Jahre vor
Chr.: Tue jedem anderen, was du willst, da er dir tun soll; und tue
keinem anderen, was du willst, da er dir nicht tun soll. Du brauchst
nur dieses Gebot allein; es ist =die Grundlage aller anderen Gebote=.
=Aristoteles= lehrte um die Mitte des vierten Jahrhunderts vor Chr.:
Wir sollen uns gegen andere so benehmen, als wir wnschen, da
andere gegen uns handeln sollen. In gleichem Sinne und zum Teil mit
denselben Worten wird auch die goldene Regel von =Thales=, =Isokrates=,
=Aristippus=, dem Pythagorer =Sextus= und anderen Philosophen des
klassischen Altertums -- =mehrere Jahrhunderte vor Christus=! --
ausgesprochen. Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, da das
Goldene Grundgesetz zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenem Orten
von mehreren Philosophen -- unabhngig voneinander -- aufgestellt
worden ist. Anderenfalls mte man annehmen, da Jesus es aus
anderen orientalischen Quellen (aus lteren semitischen, indischen,
chinesischen Traditionen, besonders buddhistischen Lehren) bernommen
habe, wie es jetzt fr die meisten anderen christlichen Glaubenslehren
nachgewiesen ist.

_Christliche Sittenlehre._ Da das ethische Grundgesetz demnach
bereits seit 2500 Jahren besteht, und da das Christentum dasselbe
ausdrcklich als hchstes, alle anderen umfassendes Gebot an die
Spitze seiner Sittenlehre stellt, wrde unsere =monistische Ethik=
in diesem wichtigsten Punkte nicht nur mit jenen lteren heidnischen
Sittenlehren, sondern auch mit den christlichen in vollkommenem
Einklang sein. Leider wird aber diese erfreuliche Harmonie dadurch
gestrt, da die Evangelien und die paulinischen Episteln viele andere
Sittenlehren enthalten, die jenem ersten und obersten Gebote geradezu
widersprechen. Wir mssen daher kurz jene bedauerlichen Seiten der
christlichen Lehre andeuten, welche mit der besseren Weltanschauung
der Neuzeit unvertrglich und bezglich ihrer praktischen Konsequenzen
geradezu schdlich sind. Dahin gehrt die Verachtung der christlichen
Moral gegen das eigene Individuum, gegen den Leib, die Natur, die
Kultur, die Familie und die Frau.

~I~. =Die Selbstverachtung des Christentums.= Als obersten und
wichtigsten Migriff der christlichen Ethik, welcher die Goldene Regel
geradezu aufhebt, mssen wir die =bertreibung= der Nchstenliebe
auf Kosten der Selbstliebe betrachten. Das Christentum bekmpft und
verwirft den =Egoismus= im Prinzip, und doch ist dieser Naturtrieb
zur Selbsterhaltung absolut unentbehrlich; ja, man kann sagen, da
auch der =Altruismus=, sein scheinbares Gegenteil, im Grunde ein
verfeinerter Egoismus ist. Nichts Groes, nichts Erhabenes ist jemals
ohne Egoismus geschehen und ohne die =Leidenschaft=, welche uns zu
groen Opfern befhigt. Nur die =Ausschreitungen= dieser Triebe
sind verwerflich. Zu denjenigen christlichen Geboten, welche uns in
frhester Jugend als wichtigste eingeprgt und welche in Millionen
von Predigten verherrlicht werden, gehrt der Satz (Matthus 5, 44):
Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die
euch hassen, bittet fr die, so euch beleidigen und verfolgen. Dieses
ideale Gebot ist praktisch von sehr bedenklichem Werte. Ebenso verhlt
es sich mit der Anweisung: Wenn dir jemand den Rock nimmt, dem gib
auch den Mantel; d. h. in das moderne Leben bersetzt: Wenn dich
ein gewissenloser Schuft um die eine Hlfte deines Vermgens betrgt,
dann schenke ihm auch noch die andere Hlfte. Die vielbewunderte
Weltmachtspolitik der modernen Kulturstaaten steht in =schneidendem
Widerspruch= zu allen Grundlehren der christlichen Liebe, welche
von ihnen =im Munde= gefhrt wird. brigens ist ja der offenkundige
Widerspruch zwischen der empfohlenen =idealen=, altruistischen Moral
des =einzelnen= Menschen und der =realen=, rein egoistischen Moral der
menschlichen =Gemeinden=, und besonders der christlichen Kulturstaaten,
eine allbekannte Tatsache. Es wre interessant, mathematisch
festzustellen, bei welcher =Zahl= von vereinigten Menschen das
=altruistische= Sittenideal der einzelnen Person sich in sein Gegenteil
verwandelt, in die rein =egoistische= Realpolitik der Staaten und
Nationen.

~II~. =Die Leibesverachtung des Christentums.= Da der christliche
Glaube den Organismus des Menschen ganz dualistisch beurteilt und der
unsterblichen Seele nur einen vorbergehenden Aufenthalt im sterblichen
Leibe anweist, ist es ganz natrlich, da der ersteren ein viel
hherer Wert beigemessen wird als dem letzteren. Daraus folgt jene
Vernachlssigung der Leibespflege, der krperlichen Ausbildung und
Reinlichkeit, welche das Kulturleben des christlichen Mittelalters sehr
unvorteilhaft vor demjenigen des heidnischen klassischen Altertums
auszeichnet. In der christlichen Sittenlehre fehlen jene strengen
Gebote der tglichen Waschungen und der sorgfltigen Krperpflege, die
wir in der mohammedanischen, den indischen und anderen Religionen nicht
nur theoretisch festgesetzt, sondern auch praktisch ausgefhrt sehen.
Das Ideal des frommen Christen ist in vielen Klstern der Mensch,
der sich niemals ordentlich wscht und kleidet, der seine schmutzige
Kutte niemals wechselt, und der statt ordentlicher Arbeit sein faules
Leben mit gedankenlosen Betbungen, sinnlosem Fasten usw. zubringt.
Als Auswchse dieser Leibesverachtung mge noch an die widerwrtigen
Bubungen der Geiler und anderer Asketiker erinnert werden.

=III.= =Die Naturverachtung des Christentums.= Eine Quelle von
unzhligen theoretischen Irrtmern und praktischen Fehlern, von
geduldeten Rohheiten und bedauerlichen Entbehrungen liegt in dem
falschen =Anthropismus des Christentums=, in der exklusiven Stellung,
welche es dem Menschen als Ebenbild Gottes anweist, im Gegensatze
zu der brigen Natur. Dadurch hat es nicht allein zu einer hchst
schdlichen Entfremdung von unserer herrlichen Mutter Natur
beigetragen, sondern auch zu einer bedauernswerten Verachtung der
brigen Organismen. Das Christentum kennt nicht jene rhmliche
=Liebe zu den Tieren=, jenes Mitleid mit den nchststehenden, uns
befreundeten Sugetieren (Hunden, Pferden, Rindern usw.), welche zu den
Sittengesetzen vieler anderer lterer Religionen gehren, vor allem der
weitestverbreiteten, des =Buddhismus=. Wer lngere Zeit im katholischen
Sdeuropa gelebt hat, ist oftmals Zeuge jener abscheulichen
Tierqulereien gewesen, die uns Tierfreunden sowohl das tiefste Mitleid
als den hchsten Zorn erregen; und wenn er dann jenen rohen Christen
Vorwrfe ber ihre Grausamkeit macht, erhlt er zur lachenden Antwort:
Ja, die Tiere sind doch keine Christen! Leider wurde dieser Irrtum
auch durch =Descartes= befestigt, der nur dem Menschen eine fhlende
Seele zuschrieb, nicht aber den Tieren. Wie erhaben steht in dieser
Beziehung unsere monistische Ethik ber der christlichen! Der
=Darwinismus= lehrt uns, da wir zunchst von Primaten und weiterhin
von einer Reihe lterer Sugetiere abstammen, und da diese =unsere
Brder= sind; die Physiologie beweist uns, da diese Tiere dieselben
Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, da sie hnlich Lust und Schmerz
empfinden wie wir. Kein mitfhlender monistischer Naturforscher wird
sich jemals jener rohen Mihandlung der Tiere schuldig machen, die der
glubige Christ in seinem anthropistischen Grenwahn -- als Kind des
Gottes der Liebe! -- gedankenlos begeht. -- Auerdem aber entzieht die
prinzipielle Naturverachtung des Christentums dem Menschen eine Flle
der edelsten irdischen Freuden, vor allem den herrlichen, wahrhaft
erhebenden =Naturgenu=.

~IV~. =Die Kulturverachtung des Christentums.= Da nach Christi Lehre
unsere Erde ein Jammerthal ist, unser irdisches Leben wertlos und
nur eine Vorbereitung auf das ewige Leben im besseren Jenseits, so
verlangt sie folgerichtig, da demgem der Mensch auf alles Glck im
Diesseits zu verzichten und alle dazu erforderlichen =irdischen Gter=
gering zu achten hat. Zu diesen irdischen Gtern gehren aber fr den
modernen Kulturmenschen die unzhligen kleinen und groen Hilfsmittel
der Technik, der Hygiene, des Verkehrs, welche unser heutiges
Kulturleben angenehm gestalten; -- zu diesen irdischen Gtern gehren
alle die hohen Gensse der bildenden Kunst, der Tonkunst, der Poesie,
welche schon whrend des christlichen Mittelalters (trotz seiner
Prinzipien!) sich zu hoher Blte entwickelten, und welche wir als
ideale Gter hochschtzen; -- zu diesen irdischen Gtern gehren
die unschtzbaren Fortschritte der Wissenschaft und vor allem der
Naturerkenntnis. Alle diese irdischen Gter der verfeinerten Kultur,
welche nach unserer monistischen Weltanschauung den hchsten Wert
besitzen, sind nach der christlichen Lehre wertlos, ja groenteils
verwerflich, und die strenge christliche Moral mu das Streben nach
diesen Gtern mibilligen. Das Christentum zeigt sich also auch auf
diesem praktischen Gebiete kulturfeindlich; der Kampf, welchen die
moderne Bildung und Wissenschaft dagegen zu fhren gezwungen sind, ist
auch in diesem Sinne ein wirklicher =Kulturkampf=.

~V~. =Die Familienverachtung des Christentums.= Zu den
bedauerlichsten Seiten der christlichen Moral gehrt die
Geringschtzung, welche dasselbe gegen das =Familienleben= besitzt,
d. h. gegen jenes naturgeme Zusammenleben mit den nchsten
Blutsverwandten, welches fr den normalen Menschen ebenso unentbehrlich
ist wie fr alle hheren sozialen Tiere. Die Familie gilt uns
ja mit Recht als die Grundlage der Gesellschaft und das gesunde
Familienleben als Vorbedingung fr ein blhendes Staatsleben. Ganz
anderer Ansicht war Christus, dessen nach dem Jenseits gerichteter
Blick die Frau und die Familie ebenso gering schtzte wie alle anderen
Gter des Diesseits. Von den seltenen Berhrungen mit seinen Eltern
und Geschwistern wissen die Evangelien nur sehr wenig zu erzhlen;
das Verhltnis zu seiner Mutter Maria war danach keineswegs so zart
und innig, wie es uns Tausende von schnen Bildern in =poetischer
Verklrung= vorfhren; er selbst war nicht verheiratet. Die
Geschlechtsliebe, die doch die erste Grundlage der Familienbildung ist,
erschien Jesus eher wie ein notwendiges bel. Noch weiter ging darin
sein eifrigster Apostel, =Paulus=, der es fr besser erklrte, nicht
zu heiraten, als zu heiraten. Es ist dem Menschen gut, da er kein
Weib berhre (1. Korinther 7, 1, 28-38). Wenn die Menschheit diesen
guten Rat befolgte, wrde sie damit allerdings bald alles irdische Leid
und Elend loswerden; sie wrde durch diese Radikalkur innerhalb eines
Jahrhunderts aussterben.

~VI.~ =Die Frauenverachtung des Christentums.= Da Christus selbst
die Frauenliebe nicht kannte, blieb ihm persnlich jene feine
Veredelung des wahren Menschenwesens fremd, welche erst aus dem innigen
Zusammenleben des Mannes mit dem Weibe entspringt. Der intime sexuelle
Verkehr, auf welchem allein die Erhaltung des Menschengeschlechts
beruht, ist dafr ebenso wichtig wie die geistige Durchdringung
beider Geschlechter und die gegenseitige Ergnzung, die sich beide
gleicherweise in den praktischen Bedrfnissen des tglichen Lebens wie
in den hchsten idealen Funktionen der Seelenttigkeit gewhren. Denn
Mann und Weib sind zwei verschiedene, aber gleichwertige Organismen,
jeder mit seinen Eigentmlichkeiten, Vorzgen und Mngeln. Je hher
sich die Kultur entwickelte, desto mehr wurde dieser ideale Wert der
sexuellen Liebe erkannt, und desto hher stieg die Achtung der Frau,
besonders in der germanischen Rasse; ist sie doch die Quelle, aus
welcher die herrlichsten Blten der Poesie und der Kunst entsprossen
sind. Christus dagegen lag diese Anschauung ebenso fern wie fast dem
ganzen Altertum; er teilte die allgemein herrschende Anschauung des
=Orients=, da das Weib dem Manne untergeordnet und der Verkehr mit
ihm unrein sei. Die beleidigte Natur hat sich fr diese Miachtung
furchtbar gercht; ihre traurigen Folgen sind namentlich in der
Kulturgeschichte des papistischen Mittelalters mit blutiger Schrift
verzeichnet.

_Papistische Moral._ Die bewunderungswrdige Hierarchie des rmischen
Papismus, die kein Mittel zur absoluten Beherrschung der Geister
verschmhte, fand ein ausgezeichnetes Instrument in der Fortbildung
jener unreinen Anschauung und in der Pflege der asketischen
Vorstellung, da die Enthaltung vom Frauenverkehr an sich eine Tugend
sei. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus enthielten sich
viele Priester freiwillig der Ehe, und bald stieg der vermeintliche
Wert dieses =Zlibats= so hoch, da dasselbe fr obligatorisch erklrt
wurde. Die Sittenlosigkeit, die infolge dessen einri, ist durch die
Forschungen der neueren Kulturgeschichte allbekannt geworden. Schon
im Mittelalter wurde die Verfhrung ehrbarer Frauen und Tchter durch
katholische Geistliche (wobei der Beichtstuhl eine wichtige Rolle
spielte) ein ffentliches rgernis; viele Gemeinden drangen darauf,
da zur Verhtung derselben den keuschen Priestern das =Konkubinat=
gestattet werde! Auf den christlichen Konzilien, auf welchen unglubige
Ketzer lebendig verbrannt wurden, tafelten die versammelten Kardinle
und Bischfe mit ganzen Scharen von Freudenmdchen. Die geheimen
und ffentlichen Ausschweifungen des katholischen Klerus wurden so
schamlos und gemeingefhrlich, da schon vor =Luther= die Emprung
darber allgemein und der Ruf nach einer Reformation der Kirche an
Haupt und Gliedern berall laut wurde. Da trotzdem diese unsittlichen
Verhltnisse in katholischen Lndern noch heute fortbestehen (wenn auch
mehr im Geheimen), ist bekannt. Frher wiederholten sich noch immer
von Zeit zu Zeit die Antrge auf definitive Aufhebung des Zlibats,
so in den Kammern von Baden, Bayern, Hessen, Sachsen und anderen
Lndern. Leider bisher vergebens! Im Deutschen Reichstage, in welchem
das ultramontane Zentrum die lcherlichsten Mittel zur Vermeidung der
sexuellen Unsittlichkeit vorschlgt, denkt noch heute keine Partei
daran, die Abschaffung des Zlibats im Interesse der ffentlichen Moral
zu beantragen. (Vergl. =Hoensbroech=, Das Papsttum, Leipzig 1901).

Der moderne Kulturstaat, der nicht blo das praktische, sondern auch
das moralische Volksleben auf eine hhere Stufe heben soll, hat das
Recht und die Pflicht, solche unwrdige und gemeinschdliche Zustnde
aufzuheben. Das =obligatorische Zlibat= der katholischen Geistlichen
ist ebenso verderblich und unsittlich wie die =Ohrenbeichte= und der
=Ablakram=; alle drei Einrichtungen haben mit dem =ursprnglichen
Christentum nichts= zu tun; alle drei schlagen der reinen Christenmoral
ins Gesicht; alle drei sind nichtswrdige Erfindungen des =Papismus=,
darauf berechnet, die absolute Herrschaft ber die leichtglubigen
Volksmassen aufrecht zu erhalten und sie nach Krften materiell
auszubeuten.

Die Nemesis der Geschichte wird frher oder spter ber den rmischen
Papismus ein furchtbares Strafgericht halten, und die Millionen
Menschen, die durch diese entartete Religion um ihr Lebensglck
gebracht wurden, werden dazu dienen, ihr im zwanzigsten Jahrhundert den
Todessto zu versetzen -- wenigstens in den wahren Kulturstaaten.
Man hat neuerdings berechnet, da die Zahl der Menschen, welche durch
die papistischen Ketzerverfolgungen, die Inquisition, die christlichen
Glaubenskriege usw. ums Leben kamen, weit ber zehn Millionen betrgt.
Aber was bedeutet diese Zahl gegen die zehnfach grere Zahl der
Unglcklichen, welche den Satzungen und der Priesterherrschaft der
entarteten christlichen Kirche =moralisch= zum Opfer fielen? -- gegen
die Unzahl derjenigen, deren hheres Geistesleben durch sie gettet,
deren naives Gewissen geqult, deren Familienleben vernichtet wurde?
Hier gilt das wahre Wort aus =Goethes= Gedicht Die Braut von Korinth:

    Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier,
    =Aber Menschenopfer unerhrt=!

_Staat und Kirche._ In dem groen =Kulturkampfe=, der infolge
dieser traurigen Verhltnisse noch immer gefhrt werden mu, sollte
das erste Ziel die vollstndige =Trennung von Staat und Kirche= sein.
Die freie Kirche soll im freien Staate bestehen, d. h. jede Kirche
soll frei sein in voller Ausbung ihres Kultus und ihrer Zeremonien,
auch im Ausbau ihrer phantastischen Dichtungen und aberglubigen
Dogmen -- jedoch unter der =Voraussetzung=, da sie dadurch nicht die
ffentliche Ordnung und Sittlichkeit gefhrdet. Und dann soll gleiches
Recht fr alle gelten! Die freien Gemeinden und die monistischen
Religions-Gesellschaften sollen ebenso geduldet und ebenso frei in
ihren Bewegungen sein wie die liberalen Protestantenvereine und die
orthodoxen ultramontanen Gemeinden. Aber fr alle diese Glubigen der
verschiedensten Konfessionen soll =die Religion Privatsache= bleiben;
der Staat soll sie nur beaufsichtigen und etwaige Ausschreitungen
verhten, sie aber weder unterdrcken, noch untersttzen. Auch
sollen die Steuerzahler nicht mehr gehalten werden, ihr Geld fr die
Aufrechterhaltung und Frderung eines fremden =Glaubens= herzugeben,
der nach ihrer ehrlichen berzeugung ein schdlicher =Aberglaube= ist.
In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Holland und einigen
kleineren Lndern ist in diesem Sinne die vollstndige Trennung von
Staat und Kirche lngst durchgefhrt, und zwar zur Zufriedenheit aller
Beteiligten, ebenso neuerdings in Frankreich. Damit ist dort zugleich
die ebenso wichtige Trennung von der Schule bestimmt, unzweifelhaft ein
wesentlicher Grund fr den Aufschwung der Wissenschaft und des hheren
Geisteslebens berhaupt.

_Kirche und Schule._ Es ist selbstverstndlich, da die Entfernung der
Kirche aus der Schule sich blo auf die =Konfession= bezieht, auf die
besondere Glaubensform, welche der Sagenkreis jeder einzelnen Kirche im
Laufe der Zeit entwickelt hat. Dieser konfessionelle Unterricht ist
reine Privatsache und Aufgabe der Eltern und Vormnder, oder derjeniger
Priester oder Lehrer, denen diese ihr persnliches Vertrauen schenken.
Dagegen treten an Stelle der ausgeschiedenen Konfession zwei
verschiedene wichtige Unterrichtsgegenstnde: erstens die monistische
Sittenlehre und zweitens die vergleichende Religionsgeschichte. ber
die neue =monistische Ethik=, welche sich auf der festen Basis der
modernen Naturerkenntnis -- vor allem der =Entwickelungslehre= --
erhebt, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine umfangreiche Literatur
erschienen. Unsere neue =vergleichende Religionsgeschichte= knpft
naturgem an den bestehenden Elementarunterricht in biblischer
Geschichte und in der Sagenwelt des griechischen und rmischen
Altertums an. Beide bleiben wie bisher wesentliche Bildungselemente.
Das ist schon deshalb selbstverstndlich, weil unsere ganze =bildende
Kunst= auf das Innigste mit der jdischen und christlichen, der
hellenischen und rmischen Mythologie verwachsen ist. Ein wesentlicher
Unterschied im Unterricht wird nur da eintreten, da die israelitischen
und christlichen Sagen und Legenden nicht als =Wahrheit= gelehrt
werden, sondern gleich den griechischen und rmischen als =Dichtungen=;
was sie an ethischen und sthetischen Werten enthalten, wird dadurch
nicht vermindert, sondern erhht. -- Was die =Bibel= betrifft, so
sollte dieses Buch der Bcher den Kindern nur in sorgfltig gewhltem
Auszuge in die Hand gegeben werden (als Schulbibel); dadurch wrde
die Befleckung der kindlichen Phantasie mit den zahlreichen unsauberen
Geschichten und unmoralischen Erzhlungen verhtet werden, an denen
namentlich das Alte Testament so reich ist.

_Staat und Schule._ Nachdem unser moderner Kulturstaat sich und die
Schule von den Sklavenfesseln der Kirche befreit hat, wird er um so
mehr seine Kraft und Frsorge der Pflege der =Schule= widmen knnen.
Der unschtzbare Wert eines guten Schulunterrichts ist uns um so mehr
zum Bewutsein gekommen, je reicher sich im Laufe des 19. Jahrhunderts
alle Zweige des modernen Kulturlebens entfaltet haben. Aber die
Entwickelung der Unterrichtsmethoden hat damit keineswegs gleichen
Schritt gehalten. Die Notwendigkeit einer umfassenden =Schulreform=
drngt sich uns immer entschiedener auf. Besonders drften dabei
folgende Fortschritte zu bercksichtigen sein: 1. Im bisherigen
Unterricht spielte allgemein der =Mensch= die Hauptrolle und besonders
das grammatische Studium seiner =Sprache=; die Naturkunde wurde darber
ganz vernachlssigt. 2. In der neueren Schule mu die =Natur= das
Hauptobjekt werden; der Mensch soll eine richtige Vorstellung von
der Welt gewinnen, in der er lebt; er soll nicht auerhalb der Natur
stehen oder gar im Gegensatz zu ihr, sondern soll als ihr hchstes
und edelstes Erzeugnis erscheinen. 3. Das Studium der =klassischen
Sprachen= (Lateinisch und Griechisch), das bisher den grten Teil
der Zeit und Arbeit in Anspruch nahm, bleibt zwar sehr wertvoll, mu
aber stark beschrnkt und auf die Elemente reduziert werden (das
Griechische nur fakultativ, das Lateinisch obligatorisch). 4. Dafr
mssen die =modernen Kultursprachen= auf allen hheren Schulen um so
mehr gepflegt werden (Deutsch, Englisch, Franzsisch, Italienisch).
5. Der Unterricht in der Geschichte mu mehr das innere Geistesleben,
die Kulturgeschichte bercksichtigen, weniger die uerliche
Vlkergeschichte (die Schicksale der Dynastien, Kriege usw.). 6. Die
Grundzge der =Entwickelungslehre= sind im Zusammenhange mit denjenigen
der =Kosmologie= zu lehren, Geologie im Anschlu an die Geographie,
Anthropologie im Anschlu an die Biologie. 7. Die Grundzge der
=Biologie= mssen Gemeingut jedes gebildeten Menschen werden; der
moderne Anschauungsunterricht frdert die anziehende Einfhrung in
die biologischen Wissenschaften (Anthropologie, Zoologie, Botanik).
Im Beginne ist von der beschreibenden Systematik auszugehen (im
Zusammenhang mit kologie oder Bionomie); spter sind die Elemente der
Anatomie und Physiologie anzuschlieen. 8. Ebenso mu von =Physik=
und =Chemie= jeder Gebildete die Grundzge kennen lernen. 9. Jeder
Schler mu gut =zeichnen= lernen, und zwar nach der Natur; womglich
auch aquarellieren. Das Entwerfen von Zeichnungen und Aquarellskizzen
nach der Natur (von Blumen, Tieren, Landschaften, Wolken usw.) weckt
nicht nur das Interesse an der Natur und erhlt die Erinnerung an
ihren Genu, sondern die Schler lernen dadurch berhaupt erst richtig
=sehen= und das Gesehene =verstehen=. 10. Viel mehr Sorgfalt und Zeit
als bisher ist auf die =krperliche Ausbildung= zu verwenden, auf
Turnen und Schwimmen; vorzglich aber sind wchentlich gemeinsame
=Spaziergnge= und jhrlich in den Ferien mehrere =Fureisen= zu
unternehmen; der hier gebotene Anschauungsunterricht ist von hchstem
Wert.

Das Hauptziel der hheren Schulbildung blieb bisher in den meisten
Kulturstaaten die Vorbildung fr den spteren Beruf, Erwerbung eines
gewissen Maes von Kenntnissen und Abrichtung fr die Pflichten des
Staatsbrgers. Die Schule des 20. Jahrhunderts wird dagegen als
Hauptziel die Ausbildung des =selbstndigen Denkens= verfolgen, das
klare Verstndnis der erworbenen Kenntnisse und die Einsicht in
den natrlichen Zusammenhang der Erscheinungen. Wenn der moderne
Kulturstaat jedem Brger das allgemeine gleiche Wahlrecht zugesteht,
mu er ihm auch die Mittel gewhren, durch gute Schulbildung seinen
Verstand zu entwickeln, um davon zum allgemeinen Besten eine
vernnftige Anwendung zu machen.




=Zwanzigstes Kapitel.=

_Lsung der Weltrtsel._

  Rckblick auf die Fortschritte der wissenschaftlichen Welterkenntnis
  im neunzehnten Jahrhundert. Beantwortung der Weltrtsel durch die
  monistische Naturphilosophie.


Am Ende unserer philosophischen Studien ber die Weltrtsel
angelangt, drfen wir getrost zur Beantwortung der schwerwiegenden
Frage schreiten: Wie weit ist uns ihre Lsung gelungen? Welchen Wert
besitzen die ungeheuren Fortschritte, welche das verflossene 19.
Jahrhundert in der wahren Naturerkenntnis gemacht hat? Und welche
Aussicht erffnen sie uns fr die Zukunft, fr die weitere Entwickelung
unserer Weltanschauung im 20. Jahrhundert? Jeder unbefangene Denker,
der die tatschlichen Fortschritte unserer empirischen Kenntnisse
und die einheitliche Klrung unseres philosophischen Verstndnisses
einigermaen bersehen kann, wird unsere Ansicht teilen: das 19.
Jahrhundert hat grere Fortschritte in der Kenntnis der Natur und im
Verstndnis ihres Wesens herbeigefhrt als alle frheren Jahrhunderte;
es hat viele groe Weltrtsel gelst, die an seinem Beginne fr
unlsbar galten; es hat uns neue Gebiete des Wissens und Erkennens
aufgeschlossen, von deren Existenz der Mensch vor hundert Jahren
noch keine Ahnung hatte. Vor allem aber hat es uns das erhabene Ziel
der =monistischen Kosmologie= klar vor Augen gestellt und den Weg
gezeigt, auf welchem allein wir uns ihm nhern knnen, den Weg der
exakten empirischen Erforschung der =Tatsachen= und der kritischen
genetischen Erkenntnis ihrer =Ursachen=. Das abstrakte groe Gesetz der
=mechanischen Kausalitt=, fr das unser =kosmologisches Grundgesetz=,
das =Substanzgesetz=, nur ein anderer konkreter Ausdruck ist,
beherrscht jetzt das Universum ebenso wie den Menschengeist; es ist
der sichere, unverrckbare Leitstern geworden, dessen klares Licht uns
durch das dunkle Labyrinth der unzhligen einzelnen Erscheinungen den
Pfad zeigt. Um uns davon zu berzeugen, wollen wir einen flchtigen
Rckblick auf die erstaunlichen Fortschritte werfen, welche die
Hauptzweige der Naturwissenschaft in diesem denkwrdigen Zeitraum
gemacht haben.

~I~. _Fortschritte der Astronomie._ Die Himmelskunde ist die lteste,
die Menschenkunde die jngste Naturwissenschaft. ber sich selbst und
sein eigenes Wesen kam der Mensch erst in der zweiten Hlfte des 19.
Jahrhunderts zur Klarheit, whrend er in der Kenntnis des gestirnten
Himmels, der Planetenbewegungen usw. schon vor 5000 Jahren viele
Kenntnisse besa. Die alten Chinesen, Inder, gypter und Chalder
kannten im fernen Morgenlande schon damals die sphrische Astronomie
genauer als die meisten gebildeten Christen des Abendlandes
viertausend Jahre spter. Schon im Jahre 2697 vor Chr. wurde in
China eine Sonnenfinsternis astronomisch berechnet und 1100 Jahre
vor Chr. mittels eines Gnomons die Schiefe der Ekliptik bestimmt;
hingegen besa Christus selbst (der Sohn Gottes!) bekanntlich
gar keine astronomischen Kenntnisse; er beurteilte vielmehr Himmel
und Erde, Natur und Mensch von dem beschrnktesten geozentrischen
und anthropozentrischen Standpunkte aus. Als grter Fortschritt
der Astronomie wird allgemein und mit Recht das heliozentrische
Weltsystem des Kopernikus betrachtet, dessen groartiges Werk: ~=De
revolutionibus orbium coelestium=~ (1543) selbst die grte Revolution
in den Kpfen der denkenden Menschen hervorrief. Indem er das
herrschende geozentrische Weltsystem des =Ptolemus= strzte, entzog er
zugleich der herrschenden christlichen Weltanschauung den Boden, welche
die Erde als Mittelpunkt der Welt und den Menschen als gottgleichen
Beherrscher der Erde betrachtete. Es war daher nur folgerichtig, da
der christliche Klerus, an seiner Spitze der rmische Papst, die neue
Entdeckung des =Kopernikus= aufs heftigste bekmpfte. Trotzdem brach
sie sich bald vollstndig Bahn, nachdem =Kepler= und =Galilei= darauf
die wahre Mechanik des Himmels gegrndet und =Newton= ihr durch seine
Gravitationstheorie die unerschtterliche mathematische Basis gegeben
hatte (1686).

Ein weiterer gewaltiger und das ganze Universum umfassender Fortschritt
war die Einfhrung der Entwickelungsidee in die Himmelskunde; er
geschah 1755 durch den jugendlichen =Kant=, der in seiner khnen
Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels nicht nur die
=Verfassung=, sondern auch den =mechanischen Ursprung= des ganzen
Weltgebudes nach Newtons Grundstzen abzuhandeln unternahm. Durch das
groartige =~Systme du monde=~ von =Laplace=, der unabhngig von
=Kant= auf dieselben Vorstellungen von der Weltbildung gekommen war,
wurde dann 1796 diese neue =~Mcanique cleste=~ so fest begrndet,
da es scheinen konnte, unserem 19. Jahrhundert sei auf diesem grten
Erkenntnisgebiete nichts wesentlich Neues von gleicher Bedeutung
mehr vorbehalten. Und doch bleibt ihm der Ruhm, auch hier ganz neue
Bahnen erffnet und unseren Blick ins Universum unendlich erweitert
zu haben. Durch die Erfindung der Photographie und Photometrie, vor
allem aber der Spektralanalyse (durch =Bunsen= und =Kirchhoff=, 1860)
wurden die Physik und Chemie in die Astronomie eingefhrt und dadurch
kosmologische Aufschlsse von grter Tragweite gewonnen. Es ergab sich
nun mit Sicherheit, da die =Materie= im ganzen Weltall wesentlich
dieselbe ist, und da ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften
auf den fernsten Fixsternen nicht verschieden sind von denjenigen
unserer Erde.

Die monistische berzeugung von der =physikalischen= und =chemischen
Einheit des unendlichen Kosmos=, die wir dadurch gewonnen haben, gehrt
sicherlich zu den wertvollsten allgemeinen Erkenntnissen, welche wir
der =Astrophysik= verdanken, einem neuen hchst interessanten Zweige
der Astronomie. Nicht minder wichtig ist die klare, mit Hilfe jener
gewonnene Erkenntnis, da auch dieselben Gesetze der mechanischen
Entwickelung im unendlichen Universum ebenso berall herrschen wie auf
unserer Erde; eine gewaltige allumfassende =Metamorphose des Kosmos=
vollzieht sich ebenso ununterbrochen in allen Teilen des unendlichen
Universums wie in der geologischen Geschichte unserer Erde; ebenso in
der Stammesgeschichte ihrer Bewohner wie in der Vlkergeschichte und
im Leben jedes einzelnen Menschen. In einem Teile des Kosmos erblicken
wir mit unserem vervollkommneten Fernrohre gewaltige Nebelflecke,
die aus glhenden, uerst dnnen Gasmassen bestehen; wir deuten sie
als Keime von Weltkrpern, die Milliarden von Meilen entfernt und
im ersten Stadium der Entwickelung begriffen sind. Bei einem Teile
dieser Sternkeime sind wahrscheinlich die chemischen Elemente noch
nicht getrennt, sondern bei ungeheuer hoher Temperatur =im Urelement=
vereinigt. In anderen Teilen des Universums begegnen wir Sternen,
die bereits durch Abkhlung glutflssig geworden, anderen, die schon
erstarrt sind; wir knnen ihre Entwickelungsstufe annhernd aus ihrer
verschiedenen Farbe bestimmen. Dann wieder sehen wir Sterne, die
von Ringen und Monden umgeben sind wie unser Saturn; wir erkennen
in dem leuchtenden Nebelring den Keim eines neuen Mondes, der sich
vom Mutterplaneten ebenso abgelst hat wie dieser von der Sonne.
Die moderne Himmelsphotographie hat uns in den Stand gesetzt, mit
Hilfe der mchtigen, sehr vervollkommneten Riesenfernrohre, die Zahl
der sichtbaren Weltkrper in den einzelnen Himmelsbezirken genau zu
bestimmen; schon jetzt sind mehr als hundert Millionen Sterne wirklich
gezhlt worden, die meisten wahrscheinlich viel grer als unsere Erde.

Von vielen Fixsternen, deren Licht Jahrtausende braucht, um zu uns
zu gelangen, drfen wir mit Sicherheit annehmen, da sie =Sonnen=
sind, hnlich unserer Mutter Sonne, und da sie von Planeten und Monden
umkreist werden, hnlich denen unseres eigenen Sonnensystems. Wir
drfen auch weiterhin vermuten, da sich Tausende von diesen Planeten
auf einer hnlichen Entwickelungsstufe wie unsere Erde befinden, d. h.
in einem Lebensalter, in dem die Temperatur der Oberflche zwischen dem
Gefrier- und Siedepunkt des Wassers liegt, also die Existenz tropfbaren
flssigen Wassers gestattet. Damit ist die Mglichkeit gegeben, da der
=Kohlenstoff= auch hier, wie auf der Erde, mit anderen Elementen sehr
verwickelte Verbindungen eingeht, und da aus seinen stickstoffhaltigen
Verbindungen sich =Plasma= entwickelt hat, jene wunderbare =lebendige
Substanz=, die wir als alleinigen Eigentmer des organischen
Lebens kennen. Die =Moneren=, die nur aus solchem primitiven
=Protoplasma= bestehen, und die durch =Urzeugung= (=Archigonie=)
aus jenen anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen entstanden, knnen
nun denselben Entwickelungsgang auf vielen anderen, wie auf unserem
eigenen Planeten, eingeschlagen haben; zunchst bildeten sich aus
ihrem homogenen Plasmakrper durch Sonderung eines inneren =Kerns=
vom ueren =Zellkrper= einfachste lebendige =Zellen=. Die Analogie
im Leben aller Zellen aber berechtigt uns zu dem Schlusse, da auch
die weitere Stammesgeschichte sich auf vielen Sternen hnlich wie auf
unserer Erde abspielt -- immer natrlich die gleichen engen Grenzen der
Temperatur vorausgesetzt, in denen das Wasser tropfbar-flssig bleibt;
fr glhendflssige Weltkrper, auf denen das Wasser nur in Dampfform,
und fr erstarrte, auf denen es nur in Eisform besteht, ist organisches
Leben in gleicher Weise unmglich.

_Die hnlichkeit der Phylogenie_, die Analogie der
stammesgeschichtlichen Entwickelung, die wir demnach bei vielen
Sternen auf gleicher biogenetischer Entwickelungsstufe annehmen drfen,
bietet natrlich der konstruktiven Phantasie ein weites Feld fr
farbenreiche Spekulationen. Ein Lieblingsgegenstand derselben ist
seit alter Zeit die Frage, ob auch =Menschen= oder uns hnliche,
vielleicht hher entwickelte Organismen auf anderen Sternen wohnen?
Soweit wir gegenwrtig zur Beantwortung dieser Frage befhigt
erscheinen, knnen wir uns etwa Folgendes vorstellen: ~I~. Es ist
sehr wahrscheinlich, da auf einigen Planeten unseres Systems (Mars
und Venus) und vielen Planeten anderer Sonnensysteme der biogenetische
Proze sich hnlich wie auf unserer Erde abspielt; zuerst entstanden
durch Archigonie einfache Moneren und aus diesen einzellige Protisten.
~II~. Es ist sehr wahrscheinlich, da aus solchen einzelligen
Urwesen sich im weiteren Verlauf der Entwickelung zunchst soziale
Zellvereine bildeten, spter gewebebildende Pflanzen und Tiere.
~III~. Es ist auch fernerhin wahrscheinlich, da im Pflanzenreiche
sich zunchst Moose und Farne, spter Algen, zuletzt Blumenpflanzen
entwickelten. ~IV~. Es ist ebenso wahrscheinlich, da auch im
Tierreiche der biogenetische Proze einen hnlichen Verlauf nahm, da
aus Blastaden sich zunchst Gastraden entwickelten, und aus diesen
Niedertieren spter Obertiere. ~V~. Dagegen ist es sehr fraglich,
ob die einzelnen Stmme dieser hheren Tiere (und ebenso der hheren
Pflanzen) denselben oder einen hnlichen Entwickelungsgang auf anderen
Planeten durchlaufen wie auf unserer Erde. ~VI~. Insbesondere ist
es unsicher, ob Wirbeltiere auch auerhalb der Erde existieren, und
ob aus deren phyletischer Metamorphose sich im Laufe vieler Millionen
Jahre ebenso Sugetiere und an deren Spitze der Mensch entwickelt haben
wie auf unserer Erde; es mten dann Millionen von Transformationen
sich dort ganz ebenso wie hier wiederholt haben. ~VII~. Dagegen
ist es wahrscheinlicher, da auf anderen Planeten sich andere Typen
von hheren Pflanzen und Tieren entwickelt haben, die unserer Erde
fremd sind; vielleicht auch aus einem hheren Tierstamme, der den
Wirbeltieren an Bildungsfhigkeit berlegen ist, hhere Wesen, die uns
irdische Menschen an Intelligenz und Denkvermgen weit bertreffen.
~VIII~. Die Mglichkeit, da wir Menschen mit solchen Bewohnern
anderer Planeten jemals in direkten Verkehr treten knnten, erscheint
ausgeschlossen durch die weite Entfernung unserer Erde von anderen
Weltkrpern und die Abwesenheit der atmosphrischen Luft in dem
ungeheuren, nur von ther erfllten Zwischenraum.

Whrend nun viele Sterne sich wahrscheinlich in einem hnlichen
biogenetischen Entwickelungsstadium befinden wie unsere Erde, sind
andere schon weiter vorgeschritten und gehen im planetarischen
Greisenalter ihrem Ende entgegen, demselben Ende, das auch unserer
Erde sicher bevorsteht. Durch Ausstrahlung der Wrme in den kalten
Weltraum wird die Temperatur allmhlich so herabgesetzt, da alles
tropfbar flssige Wasser zu Eis erstarrt; damit hrt die Mglichkeit
organischen Lebens auf. Zugleich zieht sich die Masse der rotierenden
Weltkrper immer strker zusammen; ihre Umlaufsgeschwindigkeit ndert
sich langsam. Die Bahnen der kreisenden Planeten werden immer enger,
ebenso diejenigen der sie umgebenden Monde. Zuletzt strzen die
Monde in die Planeten und diese in die Sonnen, aus denen sie geboren
sind. Durch diesen Zusammensto werden wieder ungeheure Wrmemengen
erzeugt. Die zerstubte Masse der zerstoenen kollidierten Weltkrper
verteilt sich frei im unendlichen Weltraum, und das ewige Spiel der
Sonnenbildung beginnt von neuem.

Das groartige Bild, welches so vor unseren geistigen Augen die moderne
Astrophysik aufrollt, offenbart uns ein ewiges Entstehen und Vergehen
der unzhligen Weltkrper, einen periodischen Wechsel der verschiedenen
kosmogenetischen Zustnde, welche wir im Universum nebeneinander
beobachten. Whrend an einem Orte des unendlichen Weltraums aus einem
diffusen Nebelfleck ein neuer Weltkeim sich entwickelt, hat ein anderer
an einem weit entfernten Orte sich bereits zu einem rotierenden Balle
von glutflssiger Materie verdichtet; ein dritter hat bereits an
seinem quator Ringe abgeschleudert, die sich zu Planeten ballen;
ein vierter ist schon zur mchtigen Sonne geworden, deren Planeten
sich mit sekundren Trabanten umgeben haben, den Monden usw. usw.
Und dazwischen treiben sich im Weltraum Milliarden von kleineren
Weltkrpern umher, von Meteoriten und Sternschnuppen, die als scheinbar
gesetzlose Vagabunden die Bahn der greren durchkreuzen, und von denen
tglich ein groer Teil in die letzteren hineinstrzt. Dabei ndern
sich bestndig langsam die Umlaufszeiten und die Bahnen der jagenden
Weltkrper. Die erkalteten Monde strzen in ihre Planeten wie diese in
ihre Sonnen. Zwei entfernte Sonnen, vielleicht schon erstarrt, stoen
mit ungeheurer Kraft aufeinander und zerstuben in nebelartige Massen.
Dabei entwickeln sie so kolossale Wrmemengen, da der Nebelfleck
wieder glhend wird, und nun wiederholt sich das alte Spiel von neuem.
Bei dieser bestndigen Umbildung bleibt aber die unendliche Substanz
des Universums, die Summe ihrer Materie und Energie, ewig unverndert,
und ewig wiederholt sich in der unendlichen Zeit der =periodische
Wechsel der Weltbildung=, die in sich selbst zurcklaufende
=Metamorphose des Kosmos=, das ~Perpetuum mobile~ des Universums.
Allgewaltig herrscht das =Substanzgesetz=.

~II~. _Fortschritte der Geologie._ Viel spter als der Himmel
wurde die Erde und ihre Entstehung Gegenstand wissenschaftlicher
Forschung. Die zahlreichen Kosmogenien alter und neuer Zeit wollten
zwar ber die Entstehung der Erde ebensogut Auskunft geben wie ber
die des Himmels; allein das mythologische Gewand, in das sie sich
smtlich hllten, verriet sofort ihren Ursprung aus der dichtenden
Phantasie. Unter all den zahlreichen Schpfungssagen, von denen uns
die Religions- und Kulturgeschichte Kunde gibt, gewann eine einzige
bald allen brigen den Rang ab, die Schpfungsgeschichte des =Moses=,
wie sie im ersten Buche des Pentateuch (~Genesis~) erzhlt wird.
Sie entstand in der bekannten Fassung erst lange nach dem Tode
des Moses; ihre Quellen sind aber grtenteils viel lter und auf
assyrische, babylonische und indische Sagen zurckzufhren. Den
grten Einflu gewann diese jdische Schpfungssage dadurch, da sie
in das christliche Glaubensbekenntnis hinbergenommen und als Wort
Gottes geheiligt wurde. Zwar hatten schon 500 Jahre vor Chr. die
griechischen Naturphilosophen die natrliche Entstehung der Erde auf
dieselbe Weise wie die der anderen Weltkrper erklrt. Auch hatte schon
damals =Xenophanes= von Kolophon die =Versteinerungen=, die spter so
groe Bedeutung erlangten, in ihrer wahren Natur erkannt; der groe
Maler =Leonardo da Vinci= hatte im 15. Jahrhundert ebenfalls diese
Petrefakten fr die fossilen berreste von Tieren erklrt, die in
frheren Zeiten der Erdgeschichte gelebt hatten. Allein die Autoritt
der Bibel, insbesondere der Mythus von der Sintflut, verhinderte jeden
weiteren Fortschritt der wahren Erkenntnis und sorgte dafr, da die
mosaischen Schpfungssagen noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts
in Geltung blieben. In den Kreisen der orthodoxen Theologen besitzen
sie dieselbe noch bis auf den heutigen Tag. Erst in der zweiten Hlfte
des 18. Jahrhunderts begannen unabhngig davon wissenschaftliche
Forschungen ber den Bau der Erdrinde, und wurden daraus Schlsse auf
ihre Entstehung abgeleitet. Der Begrnder der Geognosie, Werner in
Freiberg, lie alle Gesteine aus dem Wasser entstehen, whrend =Voigt=
und =Hutton= (1788) richtig erkannten, da nur die sedimentren,
Petrefakten fhrenden Gesteine diesen Ursprung haben, die vulkanischen
und plutonischen Gebirgsmassen dagegen durch Erstarrung feurigflssiger
Massen entstanden sind.

Der heftige Kampf, der zwischen jener =neptunistischen= und dieser
=plutonistischen= Schule entstand, dauerte noch whrend der ersten
drei Dezennien des 19. Jahrhunderts fort; er wurde erst geschlichtet,
nachdem =Karl Hoff= (1822) das Prinzip des Aktualismus begrndet und
=Charles Lyell= dasselbe mit grtem Erfolge fr die ganze natrliche
Entwickelung der Erde durchgefhrt hatte. Durch seine Prinzipien
der Geologie (1830) wurde die beraus wichtige Lehre von der
=Kontinuitt= der Erdumbildung endgltig zur Anerkennung gebracht,
gegenber der Katastrophentheorie von =Cuvier=. Die =Palontologie=,
welche letzterer durch sein Werk ber die fossilen Knochen (1812)
begrndet hatte, wurde nun bald zur wichtigsten Hilfswissenschaft der
Geologie, und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sie sich
so weit entwickelt, da die Hauptperioden in der Geschichte der Erde
und ihrer Bewohner festgelegt waren. Die dnne Rindenschicht der Erde
war nun mit Sicherheit als die Erstarrungskruste des feurigflssigen
Planeten erkannt, dessen langsame Abkhlung und Zusammenziehung
sich ununterbrochen fortsetzt. Die Faltung der erstarrenden Rinde,
die Reaktion des feurigflssigen Erdinnern gegen die erkaltete
Oberflche, und vor allem die ununterbrochene geologische Ttigkeit
des Wassers sind die natrlich wirkenden Ursachen, welche tagtglich an
der langsamen Umbildung der Erdrinde und ihrer Gebirge mchtig arbeiten.

Drei beraus wichtige Ergebnisse von allgemeiner Bedeutung verdanken
wir den glnzenden Fortschritten der neueren Geologie. Erstens wurden
damit aus der Erdgeschichte alle =Wunder= ausgeschlossen, alle
bernatrlichen Ursachen beim Aufbau der Gebirge und der Umbildung der
Kontinente. Zweitens wurde unser Begriff von der Lnge der ungeheuren
Zeitrume, die seit deren Bildung verflossen sind, erstaunlich
erweitert. Wir wissen jetzt, da die ungeheuren Gebirgsmassen der
palozoischen, mesozoischen und znozoischen Formationen nicht viele
Jahrtausende, sondern viele Jahrmillionen zu ihrem Aufbau brauchten.
Drittens wissen wir jetzt, da alle die zahlreichen, in diesen
Formationen eingeschlossenen =Versteinerungen= nicht wunderbare
Naturspiele sind, wie man noch vor 150 Jahren glaubte, sondern die
versteinerten berreste von Organismen, welche in frheren Perioden der
Erdgeschichte wirklich lebten, und welche durch langsame Umbildung aus
vorhergegangenen Ahnenreihen entstanden sind.

~III~. _Fortschritte der Physik und Chemie._ Die zahllosen wichtigen
Entdeckungen, welche diese fundamentalen Wissenschaften im 19.
Jahrhundert gemacht haben, sind so allbekannt und ihre praktische
Anwendung in allen Zweigen des menschlichen Kulturlebens liegt so klar
vor aller Augen, da wir hier nicht Einzelnes hervorzuheben brauchen.
Allen voran hat die Anwendung der Dampfkraft und Elektrizitt dem 19.
Jahrhundert den charakteristischen Maschinenstempel aufgedrckt.
Aber nicht minder wertvoll sind die kolossalen Fortschritte der
anorganischen und organischen Chemie. Alle Gebiete unserer modernen
Kultur, Medizin und Technologie, Industrie und Landwirtschaft,
Bergbau und Forstwirtschaft, Landtransport und Wasserverkehr, sind
bekanntlich im Laufe des 19. Jahrhunderts -- und besonders in dessen
zweiter Hlfte -- dadurch so gefrdert worden, da unsere Grovter
aus dem 18. Jahrhundert sich in dieser fremden Welt nicht auskennen
wrden. Aber wertvoller und tiefgreifender noch ist die ungeheure
theoretische Erweiterung unserer Naturerkenntnis, welche wir der
Begrndung des =Substanzgesetzes= verdanken. Nachdem =Lavoisier= (1789)
das Gesetz von der Erhaltung der Materie aufgestellt und =Dalton=
(1808) mittels desselben die Atomtheorie neu begrndet hatte, war der
modernen =Chemie= die Bahn erffnet, auf der sie in rapidem Siegeslauf
eine frher nicht geahnte Bedeutung gewann. Dasselbe gilt fr die
=Physik= betreffend das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Seine
Entdeckung durch =Robert Mayer= (1842) und =Hermann Helmholtz= (1847)
bedeutet auch fr diese Wissenschaft eine neue Periode fruchtbarster
Entwickelung; denn nun erst war die Physik imstande, die =universale
Einheit der Naturkrfte= zu begreifen, und das ewige Spiel der
unzhligen Naturprozesse, bei welchen in jedem Augenblick eine Kraft in
die andere umgesetzt werden kann.

~IV~. _Fortschritte der Biologie._ Die groartigen und fr unsere
ganze Weltanschauung bedeutsamen Entdeckungen, welche die =Astronomie=
und =Geologie= im 19. Jahrhundert gemacht haben, werden noch weit
bertroffen von denjenigen der =Biologie=; ja, wir drfen sagen, da
von den zahlreichen Zweigen, in welchen diese umfassende Wissenschaft
vom organischen Leben sich neuerdings entfaltet hat, der grere Teil
berhaupt erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Wie wir im
ersten Abschnitte gesehen haben, sind innerhalb desselben alle Zweige
der Anatomie und Physiologie, der Botanik und Zoologie, der Ontogenie
und Phylogenie, durch unzhlige Entdeckungen und Erfindungen so sehr
bereichert worden, da der heutige Zustand unseres biologischen Wissens
denjenigen vor hundert Jahren um das Vielfache bertrifft. Das gilt
zunchst =quantitativ= von dem kolossalen Wachstum unseres positiven
Wissens auf allen jenen Gebieten und ihren einzelnen Teilen. Es gilt
aber ebenso und noch mehr =qualitativ= von der Vertiefung unseres
Verstndnisses der biologischen Erscheinungen, von unserer Erkenntnis
ihrer bewirkenden Ursachen. Hier hat vor allen anderen =Charles
Darwin= (1859) die Palme des Sieges errungen; er hat durch seine
Selektionstheorie das groe Weltrtsel von der organischen Schpfung
gelst, von der natrlichen Entstehung der unzhligen Lebensformen
durch allmhliche Umbildung. Zwar hatte schon fnfzig Jahre frher
der groe =Lamarck= (1809) erkannt, da der Weg dieser Transformation
auf der Wechselwirkung von Vererbung und Anpassung beruhe; allein es
fehlte ihm damals noch das Selektionsprinzip, und es fehlte ihm vor
allem die tiefere Einsicht in das wahre Wesen der Organisation, welche
erst spter durch die Begrndung der Entwickelungsgeschichte und der
Zellentheorie gewonnen wurde. Indem wir allgemein die Ergebnisse dieser
und anderer Disziplinen zusammenfaten und in der Stammesgeschichte der
Organismen den Schlssel zu ihrem einheitlichen Verstndnis fanden,
gelangten wir zur Begrndung jener =monistischen Biologie=, deren
Prinzipien ich (1866) in meiner Generellen Morphologie festzulegen
versucht habe. (Vergl. meine Natrliche Schpfungsgeschichte,
11. Auflage, 1908). Die Anwendung der Entwickelungslehre auf die
allgemeinen Fragen der Physiologie habe ich 1904 in meinem Buche
ber die =Lebenswunder= versucht. (Gemeinverstndliche Studien
ber Biologische Philosophie, Ergnzungsband zu dem Buche ber die
Weltrtsel.)

~V~. _Fortschritte der Anthropologie._ Allen anderen Wissenschaften
voran steht in gewissem Sinne die wahre =Menschenkunde=, die wirklich
vernnftige Anthropologie. Das Wort des alten Weisen: =Mensch, erkenne
dich selbst= und das andere berhmte Wort: Der Mensch ist das Ma
aller Dinge sind ja von Alters her anerkannt und angewendet. Und
dennoch hat diese Wissenschaft -- im weitesten Sinne genommen -- lnger
als alle anderen in den Ketten der Tradition und des Aberglaubens
geschmachtet. Wir haben im ersten Abschnitt gesehen, wie langsam und
spt sich erst die Kenntnis vom menschlichen Organismus entwickelt
hat. Einer ihrer wichtigsten Zweige, die Keimesgeschichte, wurde
erst 1828 (durch =Baer=) und ein anderer, nicht minder wichtiger,
die Zellenlehre, erst 1838 (durch =Schwann=) sicher begrndet. Noch
spter aber wurde die Frage aller Fragen gelst, das gewaltige Rtsel
vom =Ursprung des Menschen=. Obgleich =Lamarck= schon 1809 den
einzigen Weg zu seiner richtigen Lsung gezeigt und die Abstammung
des Menschen vom Affen behauptet hatte, gelang es doch =Darwin= erst
fnfzig Jahre spter, diese Behauptung sicher zu begrnden, und erst
1863 stellte =Huxley= in seinen Zeugnissen fr die Stellung des
Menschen in der Natur die gewichtigsten Beweise hierfr zusammen. Ich
selbst habe sodann in meiner Anthropogenie (1874) den ersten Versuch
gemacht, die ganze Reihe der Ahnen, durch welche sich unser Geschlecht
im Laufe vieler Jahrmillionen aus dem Tierreich langsam entwickelt
hat, im historischen Zusammenhang darzustellen. Eine ausfhrliche
Begrndung der ganzen Stammesgeschichte und ihre Anwendung auf das
natrliche System der Organismen habe ich in den drei Bnden meiner
Systematischen Phylogenie gegeben (1894). Die schrfere kritische
Unterscheidung der sechs Strecken und dreiig Hauptstufen unserer
menschlichen Stammesgeschichte enthlt meine Festschrift ber Unsere
Ahnenreihe (~Progonotoxis hominis~, Jena, 30. Juli 1908).




_Schlubetrachtung._


Die Zahl der Weltrtsel hat sich durch die angefhrten Fortschritte der
wahren Naturerkenntnis im Laufe des 19. Jahrhunderts stetig vermindert;
sie ist schlielich auf ein einziges allumfassendes Universalrtsel
zurckgefhrt, auf das =Substanzproblem=. Was ist denn nun eigentlich
im tiefsten Grunde dieses allgewaltige Weltwunder, welches der
realistische Naturforscher als =Natur= oder Universum verherrlicht,
der idealistische Philosoph als =Substanz= oder Kosmos, der fromme
Glubige als Weltgeist oder =Gott=? Knnen wir heute behaupten, da
die wunderbaren Fortschritte unserer modernen Kosmologie dieses
Substanzrtsel gelst oder auch nur, da sie uns dessen Lsung sehr
viel nher gebracht haben?

Die Antwort auf diese Schlufrage fllt natrlich sehr verschieden
aus, entsprechend dem Standpunkte des fragenden Philosophen und seiner
empirischen Kenntnis der wirklichen Welt. Wir geben von vornherein
zu, da wir dem innersten Wesen der Natur heute vielleicht noch
ebenso fremd und verstndnislos gegenberstehen, wie =Anaximander=
und =Empedokles= vor 2400 Jahren, wie =Spinoza= und =Newton= vor 200
Jahren, wie =Kant= und =Goethe= vor 100 Jahren. Ja, wir mssen sogar
eingestehen, da uns dieses eigentliche Wesen der Substanz immer
wunderbarer und rtselhafter wird, je tiefer wir in die Erkenntnis
ihrer Attribute, der Materie und Energie, eindringen, je grndlicher
wir ihre unzhligen Erscheinungsformen und deren Entwickelung kennen
lernen. Was als =Ding an sich= hinter den erkennbaren Erscheinungen
steckt, das wissen wir auch heute noch nicht. Aber was geht uns dieses
mystische Ding an sich berhaupt an, wenn wir keine Mittel zu
seiner Erforschung besitzen, wenn wir nicht einmal klar wissen, ob es
existiert oder nicht? berlassen wir daher das unfruchtbare Grbeln
ber dieses ideale Gespenst den reinen Metaphysikern und erfreuen
wir uns statt dessen als echte Physiker an den gewaltigen realen
Fortschritten, welche unsere monistische Naturphilosophie tatschlich
errungen hat.

Da berragt alle anderen Fortschritte und Entdeckungen des
verflossenen groen Jahrhunderts das allumfassende =Substanzgesetz=,
das Grundgesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes.
Die Tatsache, da die Substanz berall einer ewigen Bewegung und
Umbildung unterworfen ist, stempelt es zugleich zum universalen
=Entwickelungsgesetz=. Indem dieses hchste Naturgesetz festgestellt und
alle anderen ihm untergeordnet wurden, gelangten wir zu der berzeugung
von der universalen =Einheit der Natur= und der ewigen Geltung
der Naturgesetze. Aus dem dunklen Substanz-=Problem= entwickelte sich
das klare Substanz-=Gesetz=. Der Monismus des Kosmos, den wir darauf
begrnden, lehrt uns die ausnahmslose Geltung der ewigen, ehernen,
groen Gesetze im ganzen Universum. Damit vernichtet er aber zugleich
die drei groen Zentraldogmen der bisherigen dualistischen Philosophie,
den persnlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit
des Willens.

In der vorliegenden Behandlung der Weltrtsel habe ich meinen
konsequenten monistischen Standpunkt scharf betont und den Gegensatz
zu der dualistischen, heute noch herrschenden Weltanschauung klar
hervorgehoben. Ich sttze mich dabei auf die Zustimmung von fast
allen modernen Naturforschern, welche berhaupt Neigung und Mut zum
Bekenntnis einer abgerundeten philosophischen berzeugung besitzen. Ich
mchte aber von meinen Lesern nicht Abschied nehmen, ohne vershnlich
darauf hinzuweisen, da dieser schroffe Gegensatz bei konsequentem
und klarem Denken sich bis zu einem gewissen Grade mildert, ja selbst
bis zu einer erfreulichen Harmonie gelst werden kann. Bei vllig
folgerichtigem Denken, bei gleichmiger Anwendung der hchsten
Prinzipien auf das =Gesamtgebiet= des Kosmos -- der organischen und
anorganischen Natur --, nhern sich die Gegenstze des Theismus und
Pantheismus, des Vitalismus und Mechanismus bis zur Berhrung. Aber
freilich, konsequentes Denken bleibt eine seltene Naturerscheinung! Die
groe Mehrzahl aller Philosophen mchte mit der rechten Hand das reine,
auf Erfahrung begrndete =Wissen= ergreifen, kann aber gleichzeitig
nicht den mystischen, auf Offenbarung gesttzten =Glauben= entbehren,
den sie mit der linken Hand festhlt.

Die alte Weltanschauung des =Idealdualismus= mit ihren mystischen
und anthropistischen Dogmen versinkt in Trmmer; aber ber diesem
gewaltigen Trmmerfelde steigt hehr und herrlich die neue Sonne unseres
=Realmonismus= auf, welche uns den wundervollen Tempel der Natur in
seiner ganzen Pracht erkennen lt. In dem reinen Kultus des Wahren,
Guten und Schnen, welcher den Kern unserer neuen =monistischen
Religion= bildet, finden wir reichen Ersatz fr die verlorenen
anthropistischen Ideale von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit.




Anmerkungen des Bearbeiters


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