*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78666 *** #################################################################### Anmerkungen zur Transkription Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1927 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Im Original wurden viele fremdsprachliche Begriffe in Antiquaschrift gesetzt; daneben verbleiben einige Passagen in Englisch in Normalschrift, insbesondere bei Eigennamen. Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet: fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Kapitälchen: ~Tilden~ #################################################################### ~SVEN HEDIN~ +Gran Cañon+ [Illustration: Blick von Bright Angel Point auf Deva-, Brahma- und Zoroaster-Tempel.] ~SVEN HEDIN~ +Gran Cañon+ Mein Besuch im amerikanischen Wunderland ★ Mit 38 einfarbigen und 10 bunten Einschaltbildern nach Skizzen des Verfassers, einem Bildnis und 2 Karten Zweite Auflage [Illustration] ~LEIPZIG / F. A. BROCKHAUS / 1927~ Copyright 1926 by F. A. Brockhaus, Leipzig Printed in Germany Dem Andenken meiner geliebten Mutter Zum Geleit. An warmen Sommertagen und in hellen Nächten, voll Gram und Wehmut nach der schwersten und schmerzlichsten Trennung, die ich in meinem Leben erfahren habe, legte ich die letzte Hand an die anspruchslose Schilderung eines Landes, das an Naturschönheit und eigenartiger großartiger Pracht alles auf Erden übertrifft. Während der Wochen, die ich vor drei Jahren im Gran Cañon zubrachte, schrieb ich an meine geliebte Mutter eine Reihe Briefe. Es geschah aus alter Gewohnheit -- ich hatte ja seit vierzig langen Jahren aus Asien meinen Eltern daheim geschrieben. Jetzt flogen die Briefe von der Neuen Welt aus über das Meer. Kein Tag durfte zu Ende gehen, ohne daß ich einige Seiten an meine Mutter schrieb. Niemand hat meine Schicksale mit wärmerer Teilnahme verfolgt als sie. In ihren Gedanken und Gebeten war sie stets bei mir auf meinen öden, einsamen Wegen. Nun war sie alt und stand schon im sechsundachtzigsten Lebensjahr; nur auf den Flügeln der Phantasie und an Hand meiner Briefe und Skizzen konnte sie sich einen Begriff vom Gran Cañon machen. Ich wußte, daß ich ihr damit eine Freude bereitete, und schrieb ihr daher von den verschiedenen Lagerplätzen am Südrand und Nordrand und in der Tiefe des gewaltigen Tales, von El Tovar und Desert View, von Hermit Cabins und Phantom Ranch, von Altar Falls und Wylie Way Camp. Ich schrieb beim Tosen der sich dahinwälzenden Wassermassen des Rio Colorado, beim Schrei der verwilderten Steppenesel in stillen, lauen Nächten, beim roten Widerschein der Felsentempel und Pagoden, die bei Sonnenuntergang aussahen, als seien sie aus Rubinen errichtet und von innen durch vulkanische Ausbrüche erleuchtet; ich schrieb, wenn der Abendwind in den Kronen der Kiefern rauschte, und warf schnell einige Seiten hin, wenn ich in mein Zelt zurückgekehrt war, nachdem ich, träumerischen Gedanken über das Vergangene, für immer Entschwundene nachhängend, den Tänzen der Hopi-Indianer um flammende Feuer zugesehen hatte. Die Briefe waren also an meine Mutter geschrieben. Wenn ich sie jetzt in umgearbeiteter, abgerundeter Gestalt auch andern Lesern übergebe, empfinde ich es als eine teure Pflicht und einen kleinen Trost, sie meiner entschlafenen Mutter zu widmen. Auch in dieser ausführlichern Fassung war ihr ja meine Schilderung des Gran Cañon nicht fremd. Sie hat sie mit erneuter Anteilnahme gelesen und sehnte sich danach, mir, wie früher Jahrzehnte hindurch, beim Korrekturlesen auch dieses Buches zu helfen. Aber ihre Kräfte verließen sie, und sie vermochte nicht zu warten. Als der Sommer in unserm Land in voller Pracht stand, entschlief sie, lächelnd und glücklich wie in all den Jahren ihres Lebens. Alles schien mir trübe und öde. Ich hatte meinen besten Freund verloren, einen Freund, der mir eine Welt voll Liebe und Treue geschenkt hatte und der nie müde ward, mir meine Fehler zu vergeben. Ich hatte kein Recht mehr, mich als Kind zu fühlen; ich war eine Generation älter geworden und hörte deutlicher als je die Flügelschläge der Zeit. Aber die lichte und teure Erinnerung, die sie mir hinterlassen hat, ist ein unvergänglicher Schatz; unermeßlichen Dank schulde ich ihr, die sechzig Jahre mein Schutzengel gewesen, die mich in meiner Kindheit auf ihrem Arm getragen, die bis zu ihrer letzten Stunde mit unermüdlicher Geduld über mich gewacht, mich ermuntert hat und meine Stütze gewesen ist. [Illustration: Anna Hedin.] Wohin mich meine Wege auch führen mögen, stets werde ich ihr leuchtendes Bild vor mir sehen, dem freundlichen Blick ihrer Augen begegnen und ihre Stimme hören. Und wenn es mir vergönnt sein wird, noch einmal zum Gran Cañon und seiner überirdischen Schönheit zurückzukehren, werde ich die Erinnerung an meinen ersten Besuch als ein neues Band empfinden, das mich mit ihr verknüpft. Dann werde ich auch mit Wehmut der Zeit gedenken, als ich noch das Glück hatte, beim Brausen des Rio Colorado und beim roten Widerschein des Sonnenuntergangs meiner Mutter zu schreiben. Inhalt. Seite +Zum Geleit+ 7 +Erstes Kapitel.+ Einleitung 15 +Zweites Kapitel.+ Nach dem fernen Westen 32 +Drittes Kapitel.+ Durch Neumexiko und Arizona 48 +Viertes Kapitel.+ Der erste Eindruck 60 +Fünftes Kapitel.+ Die Aussicht von Grand View 86 +Sechstes Kapitel.+ Nach Hermit Cabins 99 +Siebentes Kapitel.+ Der Rio Colorado 125 +Achtes Kapitel.+ Navaho Point 137 +Neuntes Kapitel.+ Nach Havasupai Point 158 +Zehntes Kapitel.+ Nach Phantom Ranch am Nordufer des Colorado 176 +Elftes Kapitel.+ Durch den Bright Angel Cañon zum Nordrand hinauf 194 +Zwölftes Kapitel.+ Ausflug nach Cape Royal 223 +Register+ 240 Bunte Einschaltbilder. Blick von Bright Angel Point auf Deva-, Brahma- und Zoroaster-Tempel Titelbild Blick von Navaho Point auf die Palisaden 64 Marble Cañon und Palisaden, von Navaho Point aus 80 Abendstimmung bei Navaho Point 96 Blick auf Navaho Point nach Sonnenuntergang 112 Brahma- und Zoroastertempel, von Wylie Way Camp aus 128 Blick nach Norden und Nordnordosten von einem Punkt bei Bright Angel Point 144 Der letzte Widerschein des Abendrotes auf den Palisaden, von Point Royal aus 158 Jupiter-, Venus- und Apollo-Tempel, von Cape Royal aus 176 Eine vorspringende Felswand bei Cape Royal 220 Einfarbige Einschaltbilder. Anna Hedin 9 Aussicht von El Tovar nach Nord 10° West 61 Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nordwesten 67 Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nordwesten 73 Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nord 16° West 77 Aussicht am Nachmittag von El Tovar in den Bright Angel Cañon 83 Aussicht von Hermit Camp nach Nordnordwesten 87 Aussicht von Hermit Camp nach Westen und Nordwesten 93 Blick von Hermit Cabins auf den Hermit Peak im Süden 101 Hopi-Indianer 105 Hopi-Indianer 109 Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado aufwärts 115 Aussicht von der Mündung des Hermit Creek nach Südsüdwesten 119 Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado abwärts 123 Aussicht von Navaho Point nach Nordnordosten 127 Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar auf die Tempel in Nord 12° West 131 Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nord 60° Ost 135 Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Ostnordosten 139 Aussicht von Havasupai Point nach Westen 143 Aussicht von Havasupai Point nach Nord 20° West 147 Aussicht von Havasupai Point auf das Nordufer des Gran Cañon (Nord 30° Ost) 151 Blick von Havasupai Point nach Osten 155 Hängebrücke über den Colorado bei Phantom Ranch 161 Blick von der Hängebrücke bei Phantom Ranch nach Osten, Colorado aufwärts 165 Altarfall 169 Aussicht vom Altarfall nach Süd 30° Ost 173 Aussicht aus dem Bright Angel Cañon nach Süd 15° Ost (29. Juni) 179 Felskuppe im Bright Angel Cañon 183 Felskuppe im Bright Angel Cañon 187 Unterwegs zum Nordrand aus dem obern Teil des Bright Angel Cañon 191 Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Süden (1. Juli) 197 Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Südsüdosten (1. Juli) 201 Aussicht von Cape Royal nach Süd 15° Ost (Wischnutempel) 205 Blick von Cape Royal in den Gran Cañon 209 Blick von Cape Royal nach Süd 20° West auf Wotans Thron 213 Aussicht von Cape Royal nach Süd 85° West 217 Aussicht von einem Punkt in der Nähe von Cape Final 225 Aussicht von Fair View nach Nord 30° Ost 229 Aussicht von Fair View auf den Saddle Mountain 235 Karten. Übersichtskarte 14 Sonderkarte des Gran Cañon in Arizona, Maßstab 1 : 150000, am Ende des Buchs. [Illustration] Erstes Kapitel. Einleitung. Schon ehe ich an die Möglichkeit gedacht hatte, jemals nach Asien zu kommen, träumte ich vom Gran Cañon. Ein Jahr vor meiner Reifeprüfung übernahm ich es, für den Vortrag, den Lektor Törnebohm in der Stockholmer Geographischen Gesellschaft hielt, die vorzüglichen farbigen Abbildungen von W. H. Holmes in Riesenformat zu kopieren, die C. E. Duttons Werk „~Tertiary History of the Grand Canyon District~“ (1882) illustrieren. Als ich bei Professor Brögger an der Stockholmer Hochschule studierte und später, als ich mich auf die Kandidatenprüfung bei Professor Högbom in Uppsala vorbereitete, erwarb ich mir auch bescheidene Kenntnisse der Geologie des Colorado Cañon. Während meiner Reisen in Asien, die dann jahrzehntelang meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, wurde der Gedanke an das große Erosionstal in Arizona in den Hintergrund gedrängt, aber gleichwohl nie völlig ausgelöscht. Als ich schließlich im Laufe des Jahres 1922 mein Werk „~Southern Tibet~“ beendet hatte und einige Monate Erholung brauchte, beschloß ich, Anfang 1923 nach Amerika zu fahren und meine Reise mindestens bis zum Gran Cañon auszudehnen. Ich hielt in vielen Städten der Oststaaten Vorträge, besuchte wissenschaftliche Institute und sehenswürdige Orte und kam natürlich auch nach Chicago. In dieser eigenartigen Stadt machte ich neben andern Bekanntschaften die des Grafen J. Minotto, eines gebürtigen Italieners, der amerikanischer Staatsbürger geworden war und den demokratischen Titel Mister führte. Wir trafen uns mehrere Male. Herr Minotto war Freiluftmensch und Sportsmann und interessierte sich lebhaft für alles, was „~exploration~“ heißt. Mit seiner jungen reizenden Gattin, einer geborenen Swift, hatte er weite Reisen unternommen und kürzlich auch den Gran Cañon besucht, den er leidenschaftlich liebte. Als er meine Pläne hörte, wurde er beredt und tat alles, meine Sehnsucht anzufachen. Eines Tages traf ich bei einem Essen bei Minottos zwei Herren von der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft. Das Gespräch kam ganz ungezwungen auf den Gran Cañon, und Minotto, der zu Scherzen aufgelegt war, meinte, die Gesellschaft sollte mich als ihren Gast zu einem längern Besuch einladen. Die beiden Herren fanden den Vorschlag gut und wollten sich die Sache überlegen. Ich selbst konnte diese in Feststimmung gesprochenen Worte nicht ernst nehmen und war daher nicht wenig erstaunt, als schon am folgenden Tag ein Herr Birchfield, ein Beamter der Gesellschaft, mich im University Club aufsuchte, dessen außerordentliches Mitglied ich auf Empfehlung des prächtigen schwedischen Konsuls C. von Dardel geworden war. Herr Birchfield zeigte mir ganze Berge von Photographien und bat mich, möglichst bald Herrn William H. Simpson meinen Besuch zu machen, dem Assistant General Passenger Agent der „Atchison, Topeka and Santa Fé Railway“; dieser habe von höherer Stelle Anweisungen erhalten und könne mir alle Auskünfte geben, die ich wünschte. Schön! Ich begab mich also in die Hauptgeschäftsstelle der Eisenbahngesellschaft und traf hier die Herren, in deren Hand die Entscheidung lag. Im Namen ihrer Gesellschaft baten sie mich überaus liebenswürdig, ihr Gast im Gran Cañon zu sein, so lange es mir beliebe. Wir einigten uns auf drei Wochen. Cowboys, Maultiere, Autos, Zelte, Hotels, Verpflegung, mit einem Wort +alles+, sollte mir zur Verfügung stehen, ich brauchte nur zu befehlen. Ich erzähle diese kleine Episode, um im Anschluß daran auch der Direktion der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft meinen herzlichen Dank für die große Gastfreiheit auszusprechen, die mir in El Tovar und auf all den Ausflügen zuteil wurde, die ich von dort aus unternahm. Ein Fürst hätte nicht unter angenehmeren Umständen reisen können. Alle waren freundlich und zuvorkommend. Mein Dank richtet sich, außer an die Direktion, besonders an die Herren Simpson, Birchfield, Kemp, Clarkson, Crosby, Petrosa, McKee und Ford Harvey sowie an die Führer West, Tillotson und MacLean. Freilich wäre ich nach dem Gran Cañon gereist, auch wenn mich die Gesellschaft nicht eingeladen hätte. Aber das wäre teurer und beschwerlicher geworden. Alle amerikanischen Bürger, mit denen ich zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean zusammenkam, überhäuften mich mit Gastfreundschaft, aber alles, was ich in dieser Hinsicht erfuhr, überbot doch die Santa-Fé-Bahn. Mit dem Namen dieser berühmten Gesellschaft ist meine größte und schönste Erinnerung an die Vereinigten Staaten verknüpft. Es ist selbstverständlich, daß ich im Gran Cañon als Tourist, nicht als Entdecker reiste. Etwas Neues konnte ich nicht heimbringen. Ich wollte nur dieses größte Wunder der Natur aus eigener Anschauung kennenlernen. In Asien, nicht am wenigsten in Südtibet und im Transhimalaja, habe ich viele tausend Kilometer zurückgelegt und bin überall der erste gewesen. Und dabei waren diese Gegenden, wenigstens zu einem Teil, seit Jahrtausenden bekannt und von den Völkern Indiens in uralten Hymnen besungen worden. Nur in ein paar Fällen habe ich Nachfolger gehabt -- im übrigen werden große Gebiete Hochasiens nur von meinen Reisewegen durchkreuzt. Ganz anders beim Gran Cañon! Sein Erosionstal ist den Europäern überhaupt erst vor wenig mehr als dreihundertachtzig Jahren bekannt geworden, und doch ist es jetzt kartographisch aufgenommen und in naturwissenschaftlicher, besonders geologischer Hinsicht von einer Reihe berühmter Forscher bis ins einzelne untersucht. Die ersten, die bis an den Rand vordrangen, von dem aus man senkrecht in die Tiefe eines Abgrunds hinabschaut, waren die Spanier. Unter Coronados Befehl kamen sie von Mexiko in das Hochland hinauf; sie fanden, daß es eine „~arida zona~“, eine trockene, unfruchtbare Gegend war -- Arizona. Den spanischen Pionieren voran zog 1539 der Franziskaner Fray Marcos de Niza, der nach seiner Rückkehr Wunder zu erzählen hatte. Durch seine Berichte ermuntert, brach Coronado selbst schon im nächsten Jahr, 1540, von seinem Stellvertreter Tovar begleitet, nach Arizona auf. Sie waren Konquistadoren, traten aber zu den Indianern in freundschaftliche Beziehungen und Tauschhandel. Unter anderm hörten sie von einem mächtigen Strom sprechen, der durch das Land im Nordwesten fließe. Nach erfolgter Erkundung sandte Coronado eine kleine Truppenabteilung unter dem Befehl von Cardenas aus, damit sie diesen Fluß suchte. Cardenas fand den gewaltigen Strom, den er wegen seiner roten Farbe Rio Colorado nannte. Er entdeckte auch den Gran Cañon, das „große röhrenförmige Tal“. Während zweier Jahrhunderte wurde die entlegene und öde Gegend nur hin und wieder von dem einen oder andern Spanier besucht, und sie scheint lange Zeit in Vergessenheit geraten zu sein. Später dehnten amerikanische Trapper ihre Streifzüge bis an das tiefe Tal aus. Im Jahr 1824 drang General Ashley an den Coloradofluß vor, doch ohne den Gran Cañon zu berühren. Im Auftrag der Regierung wurde das Gebiet einige Male untersucht. Die erste wissenschaftliche Erforschung des Flusses nahm 1869 der energische und kühne Major J. W. Powell vor, der die 1600 Kilometer lange Strecke von Green River City im Staat Wyoming bis zur Mündung des River Virgin im Boot zurücklegte und diese verwegene Fahrt im Winter 1871/72 wiederholte. Er kam glücklich durch die unzähligen wilden Fälle und Stromschnellen hindurch, die später so manches Menschenleben gekostet haben, und schrieb ein lesenswertes Buch über seine Abenteuer. Nachdem im Jahr 1889 F. M. Brown in einer Stromschnelle umgekommen war, setzte sein Reisegefährte Stanton im Jahr darauf die Flußfahrt bis ans Meer fort. Ferner seien die Reisen verzeichnet, die Galloway (1896/97), Flavell (1896), Russel und Monnette (1907/08), Stone (1909) und die Brüder Kolb (1911) unternommen haben. Einen der beiden letztgenannten, Ellsworth L. Kolb, traf ich in El Tovar. Seine Schilderung der langen Flußfahrt „~Through the Grand Canyon from Wyoming to Mexico~“ (1920) ist ebenso lehrreich wie spannend. Der Zweck ihres Vorhabens war, zu filmen und zu photographieren. In den Jahren 1922 und 1923 nahm L. R. Freeman an den Expeditionen der Geologischen Landesaufnahme der Vereinigten Staaten teil, auf denen festgestellt werden sollte, ob es möglich sei, durch einen Staudamm in den oberen Teilen des Cañon den Unterlauf des Coloradoflusses zu regulieren. In seinem 1924 erschienenen Buch „~Down the Grand Canyon~“ berichtet er über die gewonnenen Ergebnisse. In den letzten Jahren sind eine Menge wissenschaftlicher und gemeinverständlicher Werke über den Gran Cañon geschrieben worden. Es erübrigt sich, hier eine Bibliographie dieser Arbeiten zu geben. Ich will nur zwei kleine Bücher nennen, die ich ständig bei mir hatte: „~Story of the Grand Canyon of Arizona, a popular illustrated account of its Rocks and Origin~“ von N. H. Darton, Geologe der Geologischen Landesaufnahme, das ich im folgenden oft anführe, und „~The Grand Canyon of the Colorado, recurrent Studies in Impressions and Appearances~“ von John C. van Dyke (1920), dem ich einige der oben in der geschichtlichen Übersicht angeführten Angaben entnommen habe. Die klassische Darstellung der geologischen Geschichte des Gran Cañon verdankt die Wissenschaft Newberry, Powell, Gilbert, Dutton und Holmes, um jetzt nur die bedeutendsten und bekanntesten Forscher zu nennen. Ihre Arbeiten werden in allen geologischen Handbüchern aller Kultursprachen der Welt genannt und sind bei der Lösung vieler Probleme über Verwerfungen und andere Veränderungen in der Erdkruste, über Denudation und riesenhafte Erosion zu Rate gezogen worden. Wie W. M. Davis (~An Excursion to the Grand Canyon of the Colorado~) anführte, der im Jahr 1900 reiste, hatte Newberry (1857/58) gefunden, daß die paläozoischen Schichten auf kristallinischen Gesteinen lagerten; Newberry war der Ansicht, daß das Land in früheren Zeiten reicher bewässert war als jetzt. Powell, der 1869 den Cañon und 1870 die nördliche Hochebene bereiste, behandelte die Probleme der Schichtenstörungen, Verwerfungen und Faltenbildungen. Er war von einer langen Periode eines trockenen Klimas überzeugt, da Bergwände und Cañontäler ihre scharfen Formen sonst nicht hätten beibehalten können. Dutton, der 1880 und 1882 schrieb, verfocht den Gedanken, die ganze Gegend habe sich im frühen Tertiär zu heben begonnen. Er stellte auch die geologische Datierung für verschiedene Veränderungen der Erdkruste innerhalb des in Frage kommenden Gebiets fest. Die Denudationsarbeit im Gran Cañon zerfällt seiner Meinung nach in zwei Erosionszyklen, von denen der erste in uralter Zeit während eines feuchten Klimas stattfand, der zweite folgte dagegen in einem trockenen Zeitraum in Verbindung mit einer ausgedehnten, durch Schichtenstörungen verwickelten Hebung der Erdrinde. Die Erscheinung, daß die Cañontäler so eng sind, ist oft durch die Trockenheit der Hochebenen erklärt worden, durch die der Colorado fließt. Davis findet eine Erklärung in der späten Hebung des Landes, in das sich die Cañons einzuschneiden begannen, und in der Dichtigkeit der widerstandsfähigen Ablagerungen, die jetzt die Seitenwände der Cañontäler bilden. Die Geschichte des Klimas unseres Gebiets ist jedoch unsicher. Powells Theorie einer langen trockenen Periode hat nach Davis die größte Wahrscheinlichkeit für sich, da der Gran Cañon so lange im Regenschatten von Gebirgsketten gelegen hat, die einst höher waren als jetzt, während gleichzeitig die ganze Gegend niedriger war. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das Gran-Cañon-Gebiet in der Eiszeit starken Niederschlägen ausgesetzt war, aber Davis hält es für schwierig, die Beweise dafür zu liefern. Er glaubt, auch ein Klima wie das jetzige reiche aus, die Entstehung von Seitenschluchten und kleinen Cañons zu erklären. In diesen ist die Erosion nach wie vor am Werk, und das Fehlen der Vegetation hat zur Folge, daß die Erosion hier schneller fortschreitet als in Gegenden mit ausgiebigen Niederschlägen und reicherem Pflanzenwuchs. Ehe der Gran Cañon im Pliozän, dem letzten Abschnitt der Tertiärzeit, durch Erosion zu entstehen begann, wurden die Ablagerungen fünf geologischer Perioden, der Perm-, Trias-, Jura-, Kreide- und Eozänformation, von der Hochebene abgetragen. Bei El Tovar, Havasupai, Desert View, Wylie Way Camp, mit einem Wort überall am Süd- und Nordrand des Cañons, wandern wir somit auf dem Kamm der beinahe horizontal gelagerten Steinkohlenformation. Nicht weniger als 3000 Meter mächtige jüngere Formationen, die einst über den Steinkohlenschichten lagen, fehlen also. Ihre Abtragung hat man „die große Denudation“ genannt. Sechs geologische Perioden sind noch da und liegen überall in den Cañonwänden zutage, wenn auch zwei von ihnen nur bruchstückweise vorhanden sind. Die jüngste noch vorhandene Schicht ist der sogenannte Kaibabkalkstein, der der Steinkohlenformation angehört. Unterhalb des charakteristischen senkrechten roten Felsbandes des Redwall, das in so hohem Grad zur Schönheit der Taltiefe beiträgt und der Steinkohlenformation angehört, fehlen drei geologische Perioden, Devon, Silur und Ordovicium; vom Devon finden sich jedoch verstreute Bruchstücke. Der Red Wall ruht auf kambrischem Kalkstein, der sogenannten Tontogruppe. Oberhalb der archäischen Urgesteinunterlagen, Granit, Gneis usw., fehlen gegen 4000 Meter algonkinscher und präkambrischer Ablagerungen, obwohl an einigen Stellen Bruchstücke unter dem Namen der Unkar- und Chuar-Gruppe vorhanden sind. Man braucht nicht Geologe zu sein, um nach einem ganz kurzen Aufenthalt im Gran Cañon gewahr zu werden, daß die sedimentären Ablagerungen, die durch diesen gewaltigen Einschnitt in die Erdkruste freigelegt worden sind, eine fast wagerechte, ungestörte Lage besitzen. Die riesige Erosionsrinne hat sich durch die Schichten der Steinkohlenformation geschnitten, und dann sind durch fortgesetzte Erosion alle älteren Ablagerungen freigelegt worden bis zum Granit hinab, in dem der Rio Colorado jetzt in dem innern Cañon, The Granite Gorge, dahinbraust. Da die wagerechten Schichten ungestört sind, kann man daraus den Schluß ziehen, daß die Erosion die einzige Kraft ist, die diesen ungeheuren Eingriff in die Erdkruste auszuführen vermocht hat. Aber der Erosionskraft sind auch gewisse andere Faktoren zu Hilfe gekommen. So ist das Gefälle des Flusses recht groß, da der Höhenunterschied auf einer Strecke von 349 Kilometer, von der Mündung des Kleinen Coloradoflusses bis zum Grand Wash, 500 Meter beträgt. An der Mündung des Hermit Creek soll der Fluß eine Stromgeschwindigkeit von 32 Kilometer in der Stunde haben. Bei einer solchen Geschwindigkeit vermag eine kompakte, gesammelte Wassermasse nicht nur Sand und Geröll in ihrem Bett mit sich zu führen, sondern auch Steinblöcke vorwärts zu bewegen. Der Rio Colorado verfügt daher über ein sehr wirksames Schleifmaterial, das das Granitbett des Flusses feilt, reibt, aushöhlt, mit einem Wort erodiert. Wenn eine solche Aushöhlungsarbeit Millionen und aber Millionen Jahre angedauert hat, Tag und Nacht, Winter und Sommer ohne eine Sekunde Unterbrechung, dann ist es nicht schwer zu verstehen, daß das Ergebnis, als die Zeit erfüllt war, d.❁h. in unsern Tagen, überwältigend und staunenerregend sein mußte. Ein solches Ergebnis kann nur in einem wasserreichen Fluß erzielt werden, dessen Gefälle stark und dessen Bett mit Schlamm, Sand, Kies und Blöcken als Schleifmaterial gefüllt ist, in einem Fluß, der aus einem feuchten, regnerischen Hochland kommt und durch ein trockenes Tafelland fließt. So verhält es sich jetzt und so ist es vermutlich schon immer gewesen, denn sonst hätten sich gewaltige Nebenflüsse gebildet; es gibt nur zwei solche, von denen der eine der Kleine Colorado heißt. Neumayr hebt hervor, daß der Gran Cañon uns auch einen Begriff von der ungeheuren Länge der geologischen Zeiten zu geben vermag. Um den Graben zu erzielen, den wir von der Brustwehr und den offenen Waldgalerien bei El Tovar unter uns sehen, mit andern Worten, um durch sehr harte Gesteine eine Rinne auszumeißeln, die 349 Kilometer lang, 21 Kilometer breit und 1,6 Kilometer tief ist, hat der Colorado die Zeitspanne gebraucht, die zwischen dem Pliozän, dem letzten Abschnitt der Tertiärperiode, und der Gegenwart liegt. Dieser Zeitraum umfaßt viele Millionen Jahre. Und diese Millionen Jahre machen nur einen sehr kleinen Teil der geologischen Annalen und der Geschichte der Erde aus, ja eine Zeitspanne, die so kurz ist, daß die Meeresmollusken, wie Neumayr sagt, sich nur unbedeutend verändert haben und daß die eingetretenen Veränderungen kaum die Hälfte der Arten betroffen haben. Beim Gedanken an solche Zahlen und angesichts solcher Perspektiven wird der Mensch, der nicht von den in unsern Tagen wütenden Seuchen angesteckt ist, still und demütig. Als ich das erstemal an den Rand des Gran Cañon trat, hielt ich, unbewußt und unbedacht, den Hut in der Hand -- wie beim Betreten eines von Menschenhänden errichteten Tempels. * * * * * Es gibt also klassische Werke über die Geologie des Landes. Es gibt Reisebeschreibungen, die von Fahrten und Wanderungen in den Labyrinthen zwischen Tempeln und Pagoden, auf dem Fluß und auf den Hochebenen ringsherum erzählen, und Monographien, die sich auf einen langjährigen Aufenthalt im nördlichen Arizona stützen. Meine Schilderung besitzt keins der Verdienste, durch die sich solche Arbeiten auszeichnen. Die Zeit von drei Wochen, die ich im Gran Cañon zubrachte, war allzu kurz, um ein tiefes, gründliches Eindringen in seine Geheimnisse zu gestatten. Manche Amerikaner haben sich so sehr in den Gran Cañon verliebt, daß sie ihn immer wieder sehen wollen und jedes Jahr dorthin zurückkehren, ebenso wie die frommen Pilger in Tibet und Indien zu ihren heiligen Bergen und Flüssen wallfahrten. Solche wiederholten Besuche sind die richtige Methode, um die unvergeßlichen Bilder dieses Tales wirklich in sich aufzunehmen, dieses Tales, von dem jemand gesagt hat, daß es nicht das achte Weltwunder ist, sondern das erste. Das Ideal wäre es, sich für ein ganzes Jahr an irgendeinem Punkt des Südrandes niederzulassen und Tag für Tag seine Seele zu baden in dem Anblick des Ganges der Jahreszeiten und des Spiels der ständig wechselnden Beleuchtung in dem großartigsten Erosionstal der Erde. Mein Besuch fiel in den Hochsommer, wo die Luft fast immer klar ist und keine Stürme rasen. Für die Beleuchtung ist die warme Jahreszeit zweifellos die günstigste, besonders gegen Abend, wo wunderbare Skulpturen in ihrer ganzen wechselnden und dennoch gesetzmäßigen Mannigfaltigkeit und ihrem architektonisch dekorativen Reichtum hervortreten, während die nach Südwesten und Westen gewandten Fassaden von Felsentempeln, Pagoden und Pyramiden von dem Licht der sinkenden Sonne getroffen werden und in intensiv roten Farbtönen leuchten. Und über diesem Bild wölbt sich ein Himmel, so blau wie der edelste Türkis von Nischapur. In der zweiten Hälfte des Juli tritt die Regenzeit ein. Leider konnte ich sie nicht abwarten. Aber an Hand der mündlichen Beschreibungen, die man mir in El Tovar gab, kann ich verstehen, daß die wasserschweren Wolkenmassen, die über Arizona dahinziehen, Wirkungen von phantastischer Schönheit hervorzuzaubern imstande sind. Es kommt vor, daß sich die Wolken in den tiefen Erosionsrinnen des Cañon vorwärts wälzen und daß ihre Oberfläche einem aufgewühlten Meer oder einem ungeheuren wallenden Strom gleicht; oder auch, daß sich der Regenbogen wie eine Brücke über den Abgrund zwischen dem Nordrand und dem Südrand spannt, aber trotz seines seltsamen Farbenglanzes das Spiel der bunten Farbtöne auf den nach Westen gerichteten Mauern des Marble Cañon und der Palisaden kaum zu übertreffen vermag. Im Winter liegen die Nadelwälder auf der Höhe des Nord- und Südrandes in Schnee gebettet, und es soll wunderbar anzusehen sein, wenn der Schneesturm seine weißen flatternden Fahnen über den Abgrund hinaus peitscht. In stillen Tagen kommt es dann vor, daß der bedeutende Temperaturunterschied, der zwischen dem Plateaukamm und dem 1500 Meter tiefer liegenden Talboden herrscht, dichte milchweiße Nebel hervorruft, die den ganzen Cañon bis fast zu seinem Rand erfüllen. Die Oberfläche des Nebelbetts kann völlig eben und sonnenbeschienen sein. Sähe man eine Photographie, die bei einer derartigen Gelegenheit aufgenommen ist, würde man seinen Kopf wetten wollen, daß sie einen von niedrigen, schroffen Bergen und flachen bewaldeten Ufern umkränzten stillen See vorstelle. Am Nordrand würde man unregelmäßige, von tiefeinschneidenden Buchten zerrissene Halbinseln vorspringen sehen und hier und da kleine Felseninseln, die in Wirklichkeit nichts anders sind als die obersten Zacken der Pagoden und Pyramiden. Von den Geheimnissen der Tiefe würde man nichts ahnen. Man würde nicht glauben, daß die Insel, die nördlich von El Tovar aus dem Nebel emporragt, die Spitze eines fast freistehenden Blockes am Nordrande ist, der denselben Rauminhalt und dieselbe Bergmasse hat wie der Mount Washington! Aber auch wer sich wie ich nur einige Sommerwochen hier aufhält, hat keinen Grund, sich über mangelnde Abwechslung in der Beleuchtung zu beklagen. Diese verändert sich vielmehr vom Morgen bis zum Abend mit jeder Minute. Nach den schwachen, schlummernden Tönungen der frühen Morgenstunden kommt die Sonne und weckt die Farben zu neuem Leben. Die Schatten fallen lang nach Westen, und die Mauer der Palisaden verschwindet im Dunkel. Die Sonne steigt immer höher, die Schatten schrumpfen zusammen, und ihre schwarzen Felder werden kleiner. Der ganze Cañon ist in Licht gebadet. Das Tagesgestirn geht unter, und die dunklen Flecke wachsen wieder, jetzt nach Osten. Die beleuchteten Partien gehen immer mehr in Rot über, und beim Sonnenuntergang sind sie intensiv hellrubinrot. Dann flammt auch die Mauer der Palisaden in demselben glühenden Farbton. Das Rot wird nach und nach matter und tiefer, und wenn die Sonne unter den Horizont gesunken ist, verschwimmt das eben noch so fein abgetönte Relief, alle Einzelheiten verschwinden, alle Farben verblassen, und im Osten über der Mauer der Palisaden steigt blauviolett die neue Nacht empor. Wenn man all diese wilde, überwältigende Schönheit zu schildern versucht, hat man stets das Gefühl erfolglosen Unterfangens. Man fühlt die Unzulänglichkeit der Ausdrucksmittel, man findet nicht die rechten Worte, man sucht immer wieder vergebens nach ihnen und greift ins Leere. Bezaubert und gefesselt von der großartigen Natur, den gewaltigen Maßen, dem Reichtum an Farben und Formen und einem Gesamteindruck, der neben dem Gran Cañon alles erblassen läßt, was man auf Erden gesehen hat, so daß man sich auf einen andern Planeten versetzt glaubt, tastet man vergebens nach Worten und Bildern -- und findet keine. In dieser neuen Welt hätte man eine neue, reichere und mächtigere Sprache nötig. Nicht einmal die Stimmung, die innere Wahrnehmung, läßt sich beschreiben. Tag und Nacht herrscht Sonntagsfrieden über dem Gran Cañon, und das Schweigen ist tiefer als das Schweigen in der Wüste. Als die Sonne hoch am Himmel stand, war man unten am Ufer des Colorado und fühlte, wie der Felsgrund unter der Wucht der Wassermassen erbebte; man hörte das donnernde Brausen, das, durch tausendstimmigen Widerhall verstärkt, den Granitkorridor erfüllte. Einige Stunden später sitzt man in der Abendkühle oben am Rande des Tales und weiß, daß man den Fluß 1500 Meter unter sich hat, ja man sieht vielleicht noch einen Schimmer seines Laufs. Man weiß, daß die wütenden Wassermassen wie schon seit Millionen von Jahren sich ohne Rast und Ruh dröhnend vorwärts wälzen, nach dem Meer sich sehnend, aber kein Laut dringt bis zum Rand der Hochfläche empor. Die Stille ist rätselhaft, mystisch, fast beklemmend. Es ist einem zumute, als sei man des Nachts allein in einer Kirche: man sieht nichts und hört nichts, aber man weiß doch, daß man von Heiligenbildern, Kanzeln, Altarbildern, Kandelabern und Gräbern umgeben ist, doch alles ist still, und selbst die Orgel schweigt. Auch in den Entfernungen täuscht man sich gewaltig. Auf der Hochfläche sind es 20 Kilometer vom einen Rand zum andern, und der Fluß ist anderthalb Kilometer tief unter mir. Ein Zapfen, der sich von einer Gelbkiefer, einer Yellow Pine, löst, die ihre Krone über den Abgrund neigt, kommt nicht eher zur Ruhe, als bis er einen 300 oder 600 Meter tiefer liegenden Hang erreicht hat. Ein Adler, der so dicht über den Wald hinfliegt, daß er die Gipfel der Nadelbäume mit den Spitzen seiner Flügel streifen kann, schwebt einige Sekunden später, nachdem er über das Tal hinausgesegelt ist, 1500 Meter über dem Boden. Man umfaßt alles mit dem Blick, aber man begreift es dennoch nicht. Täglich sitzt man stundenlang da und schaut und sucht vergeblich nach einer Lösung der Rätsel. Deutlicher als je erkennt man sich als ein Staubkorn in dem unermeßlichen Reich der Schöpfung. „Wie klein alles wird!“ ist ein Gedanke, der sich einem in die Seele einprägt. Alle Freude und alles Leid, alle Hoffnungen und aller Kummer verschwinden spurlos. Was bedeuten die 5000 Jahre, die die Fackel der Geschichtsforschung beleuchtet, gegenüber den unermeßlichen Zeiten, die in die Tempel und Pagoden des Gran Cañon die Berichte ihrer Taten eingeritzt haben! Nur die Nacht bezwingt den Gran Cañon. Dann breitet die Finsternis ihre Decke über die alte Tempelstadt, und die ewigen Sterne erinnern uns an ferne Welten, im Vergleich zu denen das Wunder von Arizona, ja die ganze Erde ein Staubkorn ist. Beim Licht der Sterne legt sich die Unrast des Herzens, und der Erdenwanderer versinkt in ein Gefühl unendlicher Ruhe. Wenn jemand glaubt, dieses Buch enthalte Übertreibungen, so will ich getrost aussprechen, daß man in einer Schilderung der Größe und Macht des Gran Cañon nicht übertreiben +kann+. Wer das Tal des Rio Colorado besucht, nachdem er mein Buch gelesen hat, wird gewiß sagen, daß meine Darstellung matt und farblos ist und daß sie an die Wirklichkeit durchaus nicht heranreicht. Die einzigen, die Erfolg gehabt haben, sind die Geologen, die in den gewaltigen Annalen aus Stein geblättert und Zahlen und Maße und ihre petrographischen und paläontologischen Diagnosen gestellt haben. Für die Künstler ist die Aufgabe hoffnungslos gewesen; die Wirklichkeit mit ihren Tönungen und riesigen Ausmaßen in Farben wiederzugeben, ist ihnen nicht gelungen. Ein Dichter würde sich lächerlich machen, wenn er versuchen wollte, den Gran Cañon zu besingen, und ein Tonsetzer würde nie die einzige Musik übertreffen können, die zur Größe des Gran Cañon paßt -- das nie verstummende Brausen des Rio Colorado. Es ist daher vermessen von mir, meine Schilderung mit eigenen Skizzen auszustatten, die ich an Ort und Stelle gezeichnet und zum Teil farbig ausgeführt habe. Aber diese Bilder, denen jeder künstlerische Wert abgeht, werden, hoffe ich, das Verständnis des Textes etwas erleichtern. Ich erhielt zwar die Erlaubnis, von den zahlreichen Photographien, die mir in El Tovar geschenkt wurden, soviel ich wollte in mein Buch aufzunehmen. Aber die Skizzen haben meiner Meinung nach einen Vorzug vor der photographischen Platte; sie geben persönliche Eindrücke und eine individuelle Auffassung wieder -- haben also eine Seele. Mit Photographien kann wer will ein Buch ausstatten, sogar mit solchen handkolorierten, wie sie in El Tovar zu kaufen sind. Sie ließen mich völlig kalt; ich wollte sie nicht geschenkt haben, sondern zog es vor, den Gran Cañon mit meiner eigenen Feder und meinem Pinsel nach bestem Können festzuhalten. Der Mängel dieser Bilder bin ich mir sehr wohl bewußt. Nun zu den Briefen, die ich meiner Mutter sandte. Zweites Kapitel. Nach dem fernen Westen. Sonntag, 10. Juni 1923, verließ ich den schönen, gemütlichen University Club in Chicago und fuhr nach dem Bahnhof der Illinois Central Railroad, um mit dem Zug, der 9 Uhr 55 abends abging, nach Westen zu fahren. Es regnete, und mitten im Sommer war es kühl und unbehaglich. Dem Wetter im Verein mit dem Ruhetag war es zuzuschreiben, daß die Straßen öde und leer waren. Der schwere Zug rollt in die Nacht hinaus. Von dem hohen Bahndamm sieht man auf die unzähligen Straßen hinab, die wir kreuzen. Matt schimmert das elektrische Licht durch den Regen, und die weißen Augen der Autos leuchten im Dunkel. Aber die Lichtpunkte werden spärlicher, die große Stadt verschwindet hinter uns; man sucht seinen Bettplatz im Pullmanwagen auf und schläft, während der Zug durch Illinois rollt. Leider entgeht einem der Mississippi, den wir in pechschwarzer Nacht bei strömendem Regen überqueren. Der größte Teil des Staates Missouri liegt bereits hinter uns, bevor der Tag graut. Aber den Missouristrom und seine mächtig wirbelnden Wassermassen erblicken wir wenigstens bei vollem Tageslicht. Man läßt sich im Speisewagen nieder, der in Kansas City abgehängt wird. Schon ehe wir diese Stadt erreicht haben, geht ein Neger durch die Wagen und bietet Morgenzeitungen feil. Sie sind voll lebhafter, farbenreicher Schilderungen der furchtbaren Überschwemmungen, die in der letzten Zeit gewaltige Gebiete des Staates Arkansas verheert haben. Ein Nebenfluß des Mississippi, der Arkansas, der den gleichnamigen Staat quer durchschneidet, war aus seinen Ufern getreten und hatte das Land unter Wasser gesetzt. Zollhohe, packende Überschriften sprechen von Unglücksfällen und Verwüstungen, von Verlusten, die auf Millionen Dollar geschätzt werden, und von den Tausenden von Menschen, deren Wohnungen zerstört wurden und die jetzt obdachlos sind. Die ganze Nacht hindurch hat es geregnet, und der Himmel sieht immer noch drohend aus. Um 11 Uhr 25 sind wir in Kansas City. Man stellt seine Uhr um eine Stunde zurück. Um 12 Uhr fahren wir weiter. Im letzten Augenblick ist ein Herr eingestiegen, den ich erwartet habe, und hat mir gegenüber Platz genommen; sein Name ist R. Hunter Clarkson. Meine Freunde von der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft haben es so eingerichtet, daß wir zusammen nach El Tovar fahren. Einen angenehmern, kenntnisreichern Reisegefährten hätte ich mir nicht wünschen können. Herr Clarkson ist überdies Schotte von schwedischer Abstammung. Schon am Anfang einer für mich sehr lehrreichen Unterhaltung, die mehrere Tage dauern sollte, kamen wir auf den Krieg, und es tat wohl, mit einem Mann zu sprechen, der so vernünftige, humane und objektive Anschauungen hatte. Wir fanden, daß wir im Sommer 1916 auf einem der Kriegsschauplätze einander recht nahe gewesen waren. Als ich während meines Besuchs bei Oberst Kreß von Kressenstein in El Arisch mit ein paar türkischen Offizieren eine Autofahrt in der Richtung auf Ismaïlia machte, lag Clarkson als Batterieführer bei diesem Ort. Nun erzählte er von den nächtlichen Patrouillen, die zu Pferd oder auf Dromedaren ständig durch die Wüste nach Osten ausgeschickt wurden, und wir lachten bei dem Gedanken daran, wie leicht es hätte geschehen können, daß eine Patrouille meinem Auto den Rückzug abschnitt und mich selbst als Gefangenen zu Clarksons Zelt brachte. Er beteuerte, daß ich in diesem Fall nicht nur von ihm selbst, sondern auch von allen andern englischen Offizieren mit größter Rücksicht behandelt worden wäre. Aber ich versicherte ihm, ich zöge es vor, in der Santa-Fé-Eisenbahn in seinen Händen, statt sein Gefangener am Suezkanal zu sein. Wir haben inzwischen Kansas City verlassen und den gewaltigen Missouri zur Rechten verschwinden sehen. Zwischen fruchtbaren Wiesen und Feldern und üppigen Hainen und Gärten saust der Zug weiter durch den Staat Kansas nach Westen und Westsüdwesten. Oft stehen die Äcker unter Wasser, und alle Gräben sind bis zum Rand gefüllt. Auf saftigen Triften weiden Rinder- und Schafherden, und hier und da wühlen große Schweineherden in dem schlammigen Boden. Das Land ist flach wie ein Eierkuchen. Lange Strecken glaubt man durch einen einzigen ununterbrochenen Garten zu fahren. Unser Wagen ist der letzte des Zuges; von seiner hintern Plattform aus sehen wir die ständig enteilende recht einförmige Landschaft und die schnurgerade laufenden Eisenbahngleise. Meistens sitzen wir jedoch auf unsern bequemen Polstern und plaudern. Der Wagen ist vollbesetzt, aber es wird nie eng -- man hat seinen Platz und braucht sich nicht mit andern zu drängen. Ein Vorzug dieser Pullmanwagen ist, daß die Reisenden gleichsam eine große Familie bilden; wenn man nichts anders zu tun hat, kann man seine Reisegefährten, ihre Gewohnheiten und Beschäftigungen beobachten. Die großen Fenster gewähren freie Aussicht nach beiden Seiten. Wenn man in einem Wagen mit Seitengängen in einem eigenen Abteil fährt, so ist man zwar ungestört -- was jungen Eheleuten erwünscht sein mag --, aber man hat dann nur nach einer Seite Aussicht. Es ist halb zwei, als der Zug in Emporia hält, wo wir eine halbstündige Frühstückspause machen. Mit Hilfe des Telephons hat das Zugpersonal die Bahnhofswirtschaft rechtzeitig benachrichtigt, wieviel Gäste kommen. Man braucht sich daher nicht abzuhetzen, sondern geht in aller Ruhe an seinen Platz. An kleinen Tischen ist für je 8 Personen gedeckt. Es gibt Tomatensuppe, Schinken mit Gemüse, Eiscreme, Tee oder Kaffee. Clarkson und ich haben es insofern besser als die andern Reisenden, als wir nicht zu bezahlen brauchen, er als Beamter der Santa-Fé-Eisenbahn und ich als Gast der Gesellschaft. Alle andern Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten führen Speisewagen. Aber bei der Santa-Fé ist die Verpflegung der Reisenden in der gleichen Weise geordnet wie früher auf den schwedischen Eisenbahnen. Man glaubt, daß alle Bahnlinien der Vereinigten Staaten mit der Zeit dieses System einführen werden, denn es hat sich gezeigt, daß die Speisewagen in den Zügen stets mit Verlust arbeiten. Im Jahr 1922 setzte die Pennsylvania-Eisenbahn 50000 Dollar an ihren Speisewagen zu. Die Bewirtung auf den Bahnhöfen dagegen ist ein ausgezeichnetes Geschäft, da nicht nur die Reisenden der Züge, sondern auch andere, vor allem im Auto vorbeifahrende, hier ihre Mahlzeiten einnehmen. Dieser Aufenthalt ist eine angenehme Unterbrechung. Tee, Kaffee und andere einfache Erfrischungen kann man bei den Negern seines Wagens bekommen, aber Lunch und Mittagessen werden an Haltestellen eingenommen. Sowohl die Speisen wie die Sauberkeit und Bedienung gewinnen sehr dabei. Eine Reise von mehreren Tagen wird auch weniger einförmig, wenn man zweimal des Tages an Land gehen und sich etwas Bewegung machen kann. Während wir unsern Lunch einnehmen, erzählt Herr Clarkson, daß die Santa-Fé-Gesellschaft um 1845 gegründet wurde und sich anfangs nach der Linie von Atchison nach Topeka, zwei Städten im nordöstlichen Kansas, nannte. Jetzt ist sie mit einer Bahnlänge von etwa 20400 Kilometer die größte Eisenbahngesellschaft der Welt. Im Jahr 1866 begann Fred Harvey längs ihrer Bahnlinien Hotels und Speisewirtschaften einzurichten. Nach seinem Tod im Jahr 1900 übernahm den Betrieb sein Sohn Ford Harvey, der jetzt 25 große Hotels und zahllose kleinere Restaurants besitzt. Im Jahr 1922 wurden in diesen 13 Millionen Mahlzeiten verabfolgt. Es ist also ein riesiges Unternehmen und ein Geschäft, das sich zu einer soliden und erstklassigen Organisation entwickelt hat. Ford Harvey, der in seinem Fach größere Erfahrung hat als sonst jemand in den Vereinigten Staaten, ist aufgefordert worden, in New York und andern Städten Hotels zu errichten und zu betreiben. Aber auf derartige Lockungen antwortet er ablehnend; er zieht es vor, seine Tätigkeit auf die Santa-Fé-Eisenbahnen zu konzentrieren und dort auszubauen; vermutlich ist er der Ansicht, daß die zwölf oder fünfzehn Millionen, die er schon verdient hat, für seine irdischen Bedürfnisse ausreichen. Für das Recht, den ganzen mit dem Gran Cañon verknüpften Hotel- und Ausflugsbetrieb mit Hospiz, Unterkunftshütten, Wegen, Mauleseln, Pferden, Cowboys, Personal, Automobilen usw. auszuüben, zahlt er Abgaben an die Regierung. Der Gran Cañon ist nämlich wie so viele andere Gebiete Nationalpark und gehört der Regierung. Aus meinem Bericht wird man ersehen, daß die Aufsicht über diese großartigste und wunderbarste Werkstatt der Natur keinen bessern Händen hat anvertraut werden können als denen Ford Harveys. Ich hatte Gelegenheit, ihn in El Tovar kennenzulernen, und kann versichern, daß er auch persönlich ein ungewöhnlich prächtiger Mann ist. Aber die halbe Stunde ist vorüber; wir nehmen wieder unsere Plätze ein und rollen weiter durch das überschwemmte Land. Zu beiden Seiten breiten sich riesige Wasserflächen aus, schmutziggrau oder braungelb; an engen Durchgängen weisen sie starke Strömung auf. Bäume, Gärten, Alleen und kleine Gehölze stehen mitten im Wasser. Auf manchen Gemarkungen hat die Überschwemmung das reifende Getreide hinweggespült. Wo der Boden abfällt, ist alles weggeschwemmt worden, Ackerkrume, Saat, Keime und Getreide, aber wo das Land eben ist, und das ist gewöhnlich der Fall, kann das meiste gerettet werden. Von Zeit zu Zeit fahren wir an einer Farm vorüber, deren Besitzer gewiß voller Unruhe die Launen des losgelassenen Wassers beobachtet. Die Farmen in diesem Teil von Kansas haben durchschnittlich eine Bodenfläche von 650 Acres (263 Hektar), eine Größe, die in Europa als beträchtlich gelten würde. Der Staat Kansas erzeugte seinerzeit den meisten Weizen in Amerika, ja sein Boden lieferte einen größern Weizenertrag als alle übrigen Staaten zusammen. Noch heute steht der Weizenanbau hoch, obgleich jetzt Gerste die wichtigste Getreideart ist. Kansas City nimmt auch die erste Stelle unter den Orten ein, in denen landwirtschaftliche Geräte hergestellt werden, und der Staat Kansas übertrifft in dieser Hinsicht den nächsten in der Reihe um 23 vom Hundert. Die bedeutendsten Fabriken für landwirtschaftliche Maschinen und Geräte sind in Chicago. Wir fahren auf der nördlichen Linie durch Kansas, da die südliche unter Wasser steht und unterbrochen ist. Aber auch auf unserer Linie saust der Zug Stunde um Stunde zwischen überschwemmten Feldern hin, und der Himmel ist ebenso grau wie bisher. Bei Peabody sehen wir einen Wald von Bohrtürmen, ganz wie in Balachany am Kaspischen Meer oder südlich von Los Angeles in Kalifornien, und schon von weitem riecht es nach Rohnaphtha. Dann werden die menschlichen Spuren seltener; wir fahren lange Strecken, ohne eine Menschenseele oder ein Haus zu erblicken. In Newton, durch das wir am Nachmittag kommen, besitzt Harvey eine Molkerei und einen Viehhof mit 270 Kühen. Obgleich ihm noch viele derartige Besitzungen in Texas, Neumexiko, Colorado, Arizona und Kalifornien gehören, reicht deren Ertrag an Milch, Butter und Käse nur dazu, ein Zwanzigstel des Bedarfs der Eisenbahnwirtschaften zu decken, und die Hauptmenge muß anderweitig beschafft werden. Harveys Milchwirtschaften haben im Grunde nur die Aufgabe, den Markt zu regulieren und zu kontrollieren. In frischem, feuchtem Sommergrün breitet sich das flache Land zu beiden Seiten endlos wie ein Meer aus. Die überschwemmten Gebiete werden kleiner und immer seltener. Eine gute Weile nach Einbruch der Dunkelheit hält der Zug in Hutchinson, damit wir unser Essen einnehmen können. Die Mahlzeit, die in einem prächtigen Saal aufgetischt wird, ist reichlicher als ein gewöhnlicher Mensch vertilgen kann, alles ist trefflich zubereitet und von wahren Fluten von Eiswasser mit kristallklaren Eisstücken begleitet. Dem Arkansas River folgend, passieren wir am Abend Dodge City und überschreiten im Dunkel der Nacht, nachdem wir unsere Uhren um eine Stunde zurückgestellt haben, die Grenze von Kansas und Colorado. Ein freundlicher alter Herr aus Texas schenkt mir einen mexikanischen Miniatur-Haarhut, dessen Band den berühmten Namen „El Paso“ trägt. Im Wasch- und Rauchabteil erzählt er seine Lebensgeschichte. Als ich dann in den Mittelgang des Wagens komme, sind die schweren Vorhänge zugezogen, und mein Schlafplatz vom Neger für die Nacht zurechtgemacht. Wenn man „~lower berth~“ mitten im Wagen hat, ist die Bewegung sanft und angenehm. Die Bahn ist gut gebaut und sorgfältig unterhalten. In den überschwemmten Gebieten sah man jedoch, daß das Wasser an steinigen Stellen nur noch 60 Zentimeter hätte zu steigen brauchen, um die Schienen zu erreichen. Als mich der Neger am 12. Juni um ½7 Uhr mit der Erklärung weckte, wir hätten nur noch 35 Minuten bis Trinidad, hatten wir schon La Junta hinter uns und sausten schnurgerade nach Südwesten auf die Grenze von Neumexiko zu. Der Tag war strahlend klar und das Land flach und öde; Rinderherden weiden auf den riesigen Ebenen, und als wir in Trinidad halten, glauben wir eine wirkliche Oase mitten in der Wildnis erreicht zu haben. Das Bahnhofsgebäude ist wie die meisten andern in Colorado und Neumexiko im spanisch-mexikanischen Klosterstil erbaut mit Arkaden, Gängen und Höfen, sattgrünen Rasenteppichen und dichtbelaubten Bäumen. Über dem Portal ist der Name des spanischen Konquistadors Cardenas zu lesen, des ersten bahnbrechenden Pioniers in diesen Gegenden. Der kleine Ort hat ein schmuckes Schulhaus und mehrere andere neue Gebäude. Am Bahnhof warten ein Dutzend Fordautos. Aber die Reisenden haben nur einige Schritte bis zur Wirtschaft, wo das Frühstück unserer harrt. Wir befinden uns 1827 Meter über dem Meer, und die Morgenluft ist kühl und frisch. Im Laufe des Tages steigen wir noch einige hundert Meter. Ich merke die Luftverdünnung nicht -- ich habe in dieser Hinsicht ja schon Schlimmeres erlebt. Aber Clarkson gesteht, daß er sie als Atemnot spüre und daß es ihm schwer werde, bergauf zu gehen. Dicht neben dem Bahnhof erhebt sich der erste kleine Hügel, und als wir Trinidad verlassen haben, kommen wir sofort in hügelige Landschaft aus anstehendem Gestein, Geröll und lockeren Erdschichten. Auf vielen Abhängen wachsen mächtige Wacholder, und auf grauen Hügeln und Höhenzügen heben sich Büsche als grüne Flecke ab; einige Höhen sind ganz mit Gras überzogen und leuchten in frischem Grün. Die Steigung ist schon recht merkbar, und unsere Lokomotive hat Hilfe von einer zweiten erhalten, die von hinten schiebt. Später, als die Steigung noch mehr zunimmt, wird eine dritte Lokomotive vor die erste gekuppelt. Sie ächzen und arbeiten, um den schweren Zug auf die Hochebene hinaufzuschleppen, und die Bewegungen werden ruckartig und ungleichmäßig, jedoch nicht unangenehm. In starken Kurven steigen wir das Tal hinan, das zum Ratonpaß hinaufführt. Auf den Hängen stehen vereinzelte Kiefern. Wir kommen an einem Dorf vorbei, dessen spanische Kirche auf einem Hügel thront, und an einer Kohlengrube, kurz darauf an einer zweiten. Wir befinden uns in den südlichsten Regionen des Felsengebirges und haben nach Norden an einigen Punkten eine unbeschreiblich schöne Aussicht auf schneebedeckte Gipfel. Südlich des Ratontunnels haben wir die Wasserscheide zwischen dem Mississippi und dem Rio Grande del Norte überschritten, und die Vorspann-Lokomotive wird abgekuppelt. Wir haben hier den höchsten Punkt unserer heutigen Fahrt erreicht, 2323 Meter, und sind also von Chicago aus, das 180 Meter über dem Meeresspiegel liegt, mehr als 2000 Meter gestiegen. Nun fahren wir in nicht allzu scharf sich dahinschlängelnden Tälern bergab und sehen von Zeit zu Zeit eine Biegung der vorzüglichen alten Landstraße nach Santa Fé und der Küste. Auf einem kleinern Bahnhof überschwemmt die Tagesnummer der „Denver Post“ unsern Zug, und alle verschlingen die großen fettgedruckten Überschriften und Nachrichten von der immer noch zunehmenden Überschwemmung und den Unglücksfällen und Verlusten. „Zwölf Menschen sind in den Fluten umgekommen, die drei Staaten überschwemmen. 5000 obdachlos, Dutzende von Städten stehen unter Wasser. Ungeheuer große Ackerflächen zerstört. Im Gebiet des Kansasflusses ist das Standrecht erklärt“ und ähnlich lauten die sensationellen Überschriften lebhafter Schilderungen. In kleinem Druck stehen weit hinten einige kurze Nachrichten aus dem Ruhrgebiet und von Curzons Vermittlungsversuch. Ein Telegramm meldet Pierre Lotis vor zwei Tagen erfolgten Tod. Es nimmt also nicht viel Zeit in Anspruch, den Rahm aus der „Denver Post“ abzuschöpfen, und nachdem Clarkson und ich dies getan haben, nehmen wir unser Gespräch wieder auf und unterhalten uns über die endlosen Weiten der Erdoberfläche, die sich zu beiden Seiten der Bahnlinie ausbreiten und zum Staat Neumexiko gehören. Mein Reisegefährte steigert auch meine Spannung auf das nächste Ziel der Fahrt, den Gran Cañon, und ist selbst neugierig, welchen Eindruck er auf mich machen wird. Clarkson betrachtet den Gran Cañon mit fast religiöser Ehrfurcht und erklärt es für unmöglich, mit Farben, Worten oder Tönen diese Landschaft zu beschreiben. Alle, die es versucht haben, sind gescheitert. Zahllose Maler sind dorthin gekommen mit ganzen Rollen gewaltiger Leinwand und allen Farben des Regenbogens in ihren Tuben. Aber sie haben bald gefunden, daß sie vor einer unlösbaren Aufgabe standen, und sind ohne Gemälde abgezogen, hoffnungslos und mißmutig. Clarkson ermuntert mich auch mit der Aussicht, daß man den Gran Cañon in einigen Tagen gar nicht in sich aufnehmen +kann+ und daß man wochenlang dort leben muß, ehe man zu begreifen beginnt, daß das, was man sieht, Wirklichkeit ist und kein Traum. Die ersten Tage verbringt man in stummem Staunen und atemloser Bewunderung. Man sitzt nur da und schaut und merkt nicht, wie die Zeit im Fluge vergeht. Man kommt sich wie eine kleine armselige Mücke vor, wie ein Staubkorn, das vom Winde fortgeweht wird. Alles, was sich in der Welt ereignet und zuträgt, der Menschen Fleiß und Anstrengung und rastlose Jagd nach Geld, die politischen Fehden und der Kampf um vergängliche Ehrenstellen -- alles erscheint einem lächerlich und klein, selbst so etwas wie der Weltkrieg schrumpft zu einer kleinen unbedeutenden Episode zusammen, die einem zu gleichgültig ist, als daß man sich ihrer erinnerte, und an die man nicht einmal einen Gedanken verschwendet. Was spielt es angesichts dieser gigantischen Wunderwerke der unaufhaltsamen Arbeit der Naturkräfte für eine Rolle, daß einige Millionen Menschlein einander totgeschlagen haben, und was bedeutet es angesichts der aufgeschlagenen Chronikbücher der geologischen Zeitalter, auf welcher Seite man während einer flüchtigen Sekunde der Ewigkeit gestanden hat? Am Gran Cañon wird man Philosoph, man wird ein neuer Mensch, man wird geläutert und bekommt eine wohltuende heilsame Gewißheit seiner eigenen Kleinheit. Nach einer solchen Vorbereitung ist es wohl nicht verwunderlich, daß ich mit steigender Spannung auf das warte, was da kommen soll. In einem offenen, flachen, von niedrigen Hügeln umrahmten Kesseltal liegt die kleine Stadt Raton mit ihrem dunklen Bahnhofsgebäude in dem üblichen spanischen Stil. Dann sausen wir auf weichem, graugelbem Boden, der hier und da grünlich schimmert, ohne daß jedoch Wasser zu sehen wäre, über das öde Hochland im nördlichen Teil von Neumexiko. Die Bahn geht nach Südsüdwesten. Im Nordwesten läuft die ganze Zeit in einer Entfernung von ungefähr 24 Kilometer ein langer Gebirgszug, über seinem Kamm ist in der Ferne eine kleinere Schneekette zu sehen. Das schnaubende Dampfroß durchquert nun das Gebiet, wo die Indianer einst Büffel jagten. Noch vor 50 Jahren weideten hier riesige Herden dieser königlichen Tiere. Jetzt ist kein einziger Bison mehr da. In Montana wird eine Herde von 300, in Colorado eine solche von 5000 gehegt. Nicht anders ist es den andern wilden Tieren ergangen oder wird es bald ergehen. Der Puma, das schöne Katzentier, der hier ~mountain lion~, Berglöwe, heißt, ist nunmehr sehr selten. In den Bergen nimmt die Zahl der braunen, schwarzen Grisly- und Cenomanbären immer mehr ab. Der Cojote dagegen, der Heul- oder Präriewolf, ein Verwandter des Schakals, kommt überall auf den Prärien vor. Von Zeit zu Zeit fliegt ein Städtchen oder Dörfchen an uns vorüber und dann und wann eine Farm mit Ackerfeldern und Weideland, auf dem Pferde, Rinder und Schafe grasen. Hier wohnt ein Ansiedler, der der ausgeruhten Erde seinen Lebensunterhalt abgewinnt. Der Boden des Tafellandes ist eben oder schwach gewellt. Auf lange Strecken wird die Öde nur durch den einen und andern Trupp Bahnarbeiter unterbrochen. Die Telegraphenstangen haben zwei Querbalken, sechzehn Drähte und grüne Isolatoren. Wenn man ganze Tage lang auf demselben Pullmansofa sitzt und zum Fenster hinaussieht, bemerkt man auch die unbedeutendsten Dinge und beachtet alles. Man macht auch negative Beobachtungen, z.❁B. daß nur selten ein Auto auf der uralten Landstraße dahinjagt, die vor der Erbauung der Eisenbahnlinie der wichtigste Verkehrsweg zwischen Kansas City und Santa Fé war und die älteste in den Vereinigten Staaten sein soll. Vermutlich ist sie vor Zeiten ein einfacher Pfad gewesen, der von den Indianern benutzt wurde. Ohne zu halten, sausen wir an einem kleinen Ort vorüber, der Springer heißt und von einem wasserarmen Bach durchflossen wird. Derartige kleine Ortschaften tauchen von Zeit zu Zeit wie Oasen in der Wüste auf; sobald wir sie hinter uns gelassen haben, umschließt uns wieder die Wildmark mit ihrer bezaubernden Einförmigkeit und Unendlichkeit. Wasser ist die erste Lebensbedingung dieser Städte oder Dörfer, und wo das Wasser fehlt, späht man vergebens nach menschlichen Gemeinwesen. Die Farmen sind auch nicht sehr zahlreich. Aber Schafe, Rinder und Pferde sieht man oft in Herden auf der Weide. Eigentlich ist es ein Land für Schafzucht, durch das wir fahren. Die Bodenwellen sind gewöhnlich dem Auge kaum erkennbar. Aber man merkt sie an der Geschwindigkeit und dem Geräusch. Wir befinden uns in einer Höhe von ungefähr 1525 Meter. Der Abstand zwischen uns und dem Gebirge wird allmählich größer. Schneeschutzwände aus senkrecht stehenden oder wagerecht liegenden Planken verraten, daß Schneestürme hier oben auf der Hochebene rasen können. Hier und da erhebt sich auf dem flachen Land ein Hügel, eine Mesa, bald kegel- oder pyramidenförmig, bald breiter und tafelförmig abgeplattet. Diese Landschaftsform ist typisch für Neumexiko. Die Ingenieure haben leichte Arbeit gehabt, als sie die Eisenbahn legten. Lange Strecken waren kein Bahndamm und keine Einschnitte nötig, nur selten eine kleine Brücke. Im Valmoratal wird das Gelände steinig; anstehendes Gestein und Blöcke auf beiden Seiten, Kiefern und Gras auf den Hängen, Wasser in einem kleinen Rinnsal. Manchmal schneidet die Bahn durch gelbe Sandsteinplatten. Die Linie ist hier einspurig, aber 8 Kilometer weiter südlich läuft noch eine zweite Spur. Auf beiden verkehren Züge in beiden Richtungen. Die Landstraße ist ganz in der Nähe; ein Auto, das es eilig hat, überholt uns gerade in einer Wolke von Staub. Ein paar eigentümliche Fuhrwerke erinnern an Rußland, da die drei Pferde wie bei der Troika nebeneinander gespannt sind. Neben dem Wege sehen wir ein Zigeunerlager, das sich um seine großen, mit tunnelförmigen Dächern überspannten Packwagen häuslich niedergelassen hat. Über dem Gebirge im Nordwesten haben sich Wolken zusammengezogen, und prächtige Blitze flammen zwischen ihnen auf, aber unser Zug eilt in glühender Sonne dahin, und es ist warm in den Abteilen. Im Westen erheben sich herrlich blauende Berge, sie gehören zum Sangre de Cristo. Die Wolken haben eine drohend blauviolette Gewitterfärbung, aber im Südwesten ist es klar. Vielleicht entgehen wir dem kleinen Unwetterzentrum, das über das Hochland von Neumexiko dahinzieht. Aber die Blitze kreuzen einander immer noch zwischen den Wolken und leuchten wie Degen kämpfender Riesen. In Las Vegas haben wir eine halbe Stunde Aufenthalt für den Lunch. Im Lunch Room des Bahnhofs speist man nach der Karte, im Dinner Room nach festem Menü. Fünf Züge am Tage passieren die Station. Dazu kommen verschiedene Beamte, die ihre Mahlzeiten hier einnehmen, und, wie ich schon erwähnte, die Reisenden, die in ihren eigenen Autos vorbeifahren. Im Durchschnitt betragen diese bis zu vierhundert am Tag. Es sind meistens Touristen, die den Erdteil von Küste zu Küste durchqueren, ein ebenso angenehmes wie lehrreiches Sommervergnügen in den Vereinigten Staaten. In Las Vegas sind wir in 1946 Meter Höhe über dem Meer. Gleich vor der Stadt entrollt der gelbgrau und rot schimmernde Boden wieder seine Unendlichkeit. Und doch ist dies scheinbar so öde Land „The Big Cattle Country“, das große Viehland. Bald wird das Gelände wieder bewegter, und wir fahren zwischen kleinen rotbraunen, oft von Büschen dunkelgrün gefleckten Hügeln dahin. Das Unwetter scheint uns zu folgen. Ein kleiner Regenschauer prasselt gegen die Fensterscheiben und Fliegengitter. In einiger Entfernung zur Rechten sind einige „Pueblos“ zu sehen, Dörfer, die vor 3000 Jahren von Azteken erbaut und jetzt von den Archäologen ausgegraben worden sind. Wir kommen durch eine „Lumber Region“, wo die Abholzung anscheinend recht planlos unter Gelbkiefern und Wacholder haust. In 2262 Meter Höhe fahren wir über den Glorietapaß, eine Wasserscheide zweiter Ordnung mit dem Dörfchen gleichen Namens. Dann geht es bergab, dem Rio Grande zu. Die Geschwindigkeit nimmt zu; eine Motordräsine, die uns dicht auf den Fersen folgte, kann nicht mehr mit. Nachdem die Bahn 225 Kilometer eingleisig gewesen ist, wird sie wieder doppelgleisig, und wir begegnen einem Zug, dessen große eiserne Wagen mit Früchten gefüllt sind. Der Boden hat hier denselben roten Farbton, der für den Gran Cañon so charakteristisch ist. Wir durcheilen in engen Durchgängen gewundene rote Täler, die oft zwischen senkrechten Bergwänden eingeschlossen sind. Kalköfen ragen wie riesige weiße Bienenkörbe empor. Bei dem kleinen Dorf Lamy zweigt nach rechts, nach Norden, eine Nebenbahn nach dem 40 Kilometer entfernten Santa Fé ab, der berühmten alten Stadt, die der Eisenbahngesellschaft ihren Namen gegeben hat. Leider mußte ich darauf verzichten, die Adobehütten, charakteristische spanische, aus ungebrannten Ziegeln errichtete Häuser, zu besichtigen, und mußte mich mit einem flüchtigen Blick begnügen. Der nächste Ort ist Los Cerrillos. Große Ziegenherden weiden auf der Prärie. Man sitzt den ganzen Tag und betrachtet die entfliehende Landschaft, man wird schläfrig und schlummert für eine Weile ein. An einem Pueblo erreichen wir den Rio Grande del Norte, dessen Tal wir nun folgen. Wir befinden uns jetzt in einem „Horsebreeding Country“, einem Pferdezuchtland, mit üppigem Grün, saftigem Wiesenland und parkartigem Wald. Um ¾6 Uhr sind wir in Albuquerque am linken oder Ostufer des Rio Grande. Drittes Kapitel. Durch Neumexiko und Arizona. Es gehörte zu Clarksons Dienstgeschäften, in Albuquerque haltzumachen und das vor zwei Monaten fertiggewordene Hotel Harveys zu besichtigen. Diese Unterbrechung paßte mir vortrefflich, denn nach einer Bahnfahrt von 2000 Kilometer ist man etwas steif in den Beinen. Das Hotel, das in dem gewöhnlichen spanisch-mexikanischen Stil erbaut ist, hat nicht weniger als 750000 Dollar gekostet, während das Gasthaus El Tovar am Gran Cañon, das aus Holz ist, 250000 Dollar erfordert hat. Diese beiden sind die größten von Harveys fünfundzwanzig Hotels, deren östlichstes in Emporia liegt. Vor dem Essen besuchten wir Harveys „Indian Shop“, der ein wahres Museum ist. Hier werden moderne von Indianern angefertigte Gegenstände verkauft, wie Körbe, irdene Gefäße, Puppen, silberne Ringe, Arm- und Halsbänder und mit Türkisen aus Arizona besetzte Dosen. In einem Schaukasten sind all die Arten von Halbedelsteinen ausgestellt, die im Staate Arizona vorkommen. In einem großen Raum breitete man auf dem Boden eine ganze Sammlung indianischer Teppiche aus in eigenartigen, originellen Mustern, in denen Blitz und Hakenkreuz eine große Rolle spielen, und man zeigte uns hübsche „Rugs“, ein Mittelding zwischen Schal und Mantel, in Rot und Gelb, die die Indianer vor ein, zwei Jahrhunderten getragen haben; die Sonne und die malerischen Wirkungen des Sonnenlichts haben sicher Farbe und Muster beeinflußt. Die einfach schwarzweißgestreiften sind seinerzeit von Häuptlingen getragen worden. Auch allerlei Gegenstände alter spanisch-mexikanischer kirchlicher Kunst stehen hier zum Verkauf, die teils aus Europa eingeführt, teils im Lande von spanischen Missionaren angefertigt worden sind, Heiligenbilder, Altargemälde, Kruzifixe, Bischofskreuze an silbernen Ketten, Kandelaber und anderes mehr. Auf dem Bahnsteig, wo die Reisenden während der Zeit des stundenlangen Aufenthalts, die nicht durch das Essen in Anspruch genommen ist, lustwandelten, saßen eine Reihe wirklich malerischer Indianerinnen vom Navahostamm in bunten Gewändern mit roten Kopftüchern und Schals, geschmückt mit baumelnden silbernen Schmucksachen; sie verkauften Tonwaren, irdene Gefäße und andern Kram. Ich hätte am liebsten hierbleiben mögen, um zu zeichnen und zu malen, doch meine Zeit gestattete es nicht. Albuquerque ist nach dem berühmten Konquistador Alfonso d’Albuquerque benannt, der um 1540 die Gegend verheerte und plünderte. Es ist eine recht langweilige, alles andere als schöne Stadt. Aber in der Umgebung soll es bemerkenswerte Überreste aus früheren Zeiten geben. Die Bevölkerung besteht aus Mexikanern, Indianern und Ansiedlern. Nachdem ich in einem entzückenden, kühlen Hotelzimmer mit den unentbehrlichen feinen Drahtgittern vor den Fenstern eine angenehme Nacht verbracht und mich richtig ausgeruht hatte, nahmen wir ein „Yellow Taxy“ und fuhren in fünfunddreißig Minuten nach Isleta. Der 13 Kilometer lange Weg ist zementiert, ein Luxus, der hier auf etwa zehn Dollar für das Meter zu stehen kommt. Den Rio Grande del Norte überquert man auf einer schmalen eisernen Brücke mit hölzerner Fahrbahn. Der Fluß ist gewaltig, aber seicht, wie dies hier im Westen oft der Fall ist; sein Wasser ist dick wie Erbsenbrei. Isleta ist in den letzten Jahren ansehnlich gewachsen und soll eine Bevölkerung von 25000 Menschen haben. Die meisten sind Mexikaner. Die Häuser sind im Adobestil erbaut, d.❁h. aus ungebrannten Lehmziegeln. Die ansässigen Indianer, die Puebloindianer, sind katholisch. Mehrere vornehme Indianer liegen unter den Steinplatten der mit billigen Farbendrucken geschmückten, dreihundert Jahre alten Kirche begraben, einer der ältesten in dieser Gegend. Der Pater, ein Franzose, der dreißig Jahre an diesem schrecklichen Ort zugebracht hat, war nicht zu Hause. Die mexikanische Missionskirche San Felipe besuchten wir nicht. Während die mexikanische Altstadt sonnige, staubige und langweilige Straßen und graue Lehmmauern hat, ist die Neustadt rein amerikanisch und besitzt Banken und Geschäftshäuser, Villenviertel mit schönen Häusern und Gärten, Alleen und einen „Public Garden“. Tamarisken und Pappeln sind überall zu sehen. Man tut alles, was man kann, um Vegetation und kühlende schattige Bäume aus dem dürren gelben Boden hervorzuzaubern. Die Straßenbahn der kleinen Stadt hat auch heute noch Frauen als Schaffner und Führer, die ihren Verdienst nicht aufgeben wollten, als die Männer aus dem Krieg zurückkehrten. Im Indianerviertel von Isleta, dessen gelbe Lehmhäuser den Wohnstätten im westlichen Asien gleichen, besuchten wir einen prächtigen Alten, den achtundsiebzigjährigen Manuele Antonio Carpio, einen ausgezeichneten Typ, kupferbraun mit schneeweißem Haar. Das Innere seiner Hütte war einfach, aber sauber; auf dem Boden lagen sogar indianische Teppiche. Der Alte erntete auf seinen Wiesen sieben Tonnen „Alfalfa“ (Luzerne) und war mit dem Leben zufrieden. Wir fahren nach Albuquerque zurück. Unser Tag neigt sich seinem Ende zu; wir nehmen an der dichtbesetzten Tafel unser Essen ein und wandern dann gleich den andern auf dem Bahnsteig auf und ab, den Abgang des Zuges erwartend. Die meisten Reisenden sind uninteressante, aber interessierte Touristen, die sich ihr großes Land ansehen. Auf ihrem Weg vom Atlantischen zum Stillen Ozean folgen sie der Sonne und gewinnen vier Stunden, denn der Erdteil hat vier verschiedene Zeiten: die Ostzeit, die Mittelwestzeit, die Bergzeit und die Pazifische Zeit. In Neumexiko stößt der Amerikaner, der aus einem der Oststaaten kommt, auf eine neue Welt. Hier bilden Spanien-Mexiko und die Indianer den vorherrschenden Einschlag, hier breiten sich die unendlichen, öden Flächen aus, mit ihren Rinder-, Pferde-, Schaf- und Ziegenherden, hier erheben sich die Bergketten auf einer Grundlage, die selbst hoch über dem Meer liegt, hier ist die Bevölkerung spärlich in einem Land, das U.❁S.❁A. noch nicht völlig erobert hat. Um ½9 Uhr abends verließen wir Albuquerque. Etwa zehn Züge berühren täglich die Stadt. Vor der Abfahrt ist der Bahnsteig voller Menschen, und als wir in die Nacht hinausrollen, ist alles besetzt. Clarkson und ich nehmen in einem Pullmanwagen Platz, obgleich der Zug, der den Namen „The Scout“ trägt, auch einen „Tourist Car“ mitführt, der zwar 15 vom Hundert billiger, aber im großen und ganzen ebensogut ist wie ein Pullman. Der Raum wird sorgfältig ausgenutzt. Alles Handgepäck wird unter die Sitze geschoben, die großen Hüte der Damen steckt der Neger in Papierbeutel, die er an die Decke hängt, dann schlagen der schwarze Mann und sein ebenso schwarzer Gehilfe mit bewundernswerter Geschicklichkeit die oberen Schlafsofas herunter und verstauen die kleineren Sachen der Reisenden, Überkleider, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und Handtaschen mit den Toilettensachen am Fußende der Betten. Währenddessen sitzen wir im Rauchabteil und studieren die Karte oder lesen die kleine Zeitung „The Albuquerque Herald“. Draußen sind ungefähr 25 Grad, aber im Wagen ist es erstickend warm. Wir haben daher das Fenster offen und begnügen uns mit dem Drahtgitter. Aber in der Nacht erwacht man infolge der Kälte, die einen überschleicht, und läßt das Fenster herab. Was die Landschaft betrifft, die wir in den nächsten sechs, sieben Stunden durchfahren, so soll es kein großer Verlust sein, daß Schlaf und Dunkelheit uns ihres Anblicks berauben. Den Rio Grande del Norte haben wir schon bei Tageslicht erblickt, aber es wäre interessant gewesen, den westlichen Teil von Neumexiko zu sehen, den die kontinentale Wasserscheide zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean durchzieht. Man wird von dem Neger geweckt und ist rechtzeitig zum Frühstück in Winslow fertig. Der Speisesaal ist hell und freundlich, da hier die Arkadengalerie fehlt, die sonst gewöhnlich dem Innenraum das Licht nimmt. An heißen Orten, wie Albuquerque, tut diese ihre guten Dienste, indem sie die Wärme und die Sonnenbestrahlung dämpft. In Winslow tischt uns auch „The Los Angeles Examiner“ seine Neuigkeiten auf -- Morde, Gerichtsverhandlungen, Ehescheidungen, Skandale, Boxen und Sport, die beliebtesten Gerichte für den amerikanischen Bildungshunger. Dann fahren wir wieder hinaus in dieses entsetzlich öde Land, wo kein Lebewesen, keine Hütte, kein Zelt zu sehen ist und wo man vergebens nach einem lebenspendenden Wasserlauf sucht. Nur endlose leicht gewellte Einöde, so weit der Blick reicht. Sobald sich die Sonne ein Stück über den Horizont erhoben hat, wird die Wärme fühlbar, ohne jedoch irgendwie unangenehm zu sein. Hier und da weiden Rinder und Pferde zwischen spärlichen Rasenhöckern. Wir sind im Staat Arizona und nähern uns dem Hochland des Colorado. Im Norden sind niedrige Berge zu sehen. Wir kreuzen einen ersten Miniaturcañon, bald darauf einen zweiten tieferen. Über dem Horizont im Nordwesten schwebt ein mattrosa Schein, vermutlich ein Widerschein der Morgenröte im Gran Cañon, wie der „Eisblink“ im Eismeer die Nähe der Eisfelder verrät. Dunkelgrüne Gürtel dichter Buschvegetation bringen eine Abwechslung in das Bild. An einigen Stellen sind sie von flachen, mit Beifuß bewachsenen Furchen unterbrochen. Der Cañon Diablo ist tief, eng und dunkel wie ein Abgrund. Ein paar Stunden vor Williams setzt lichter Wald von Kiefern und Wacholder ein, und je weiter wir nach Westen kommen, desto höher sind die Bäume. Der Boden zwischen ihnen schimmert grünlich von Gras. In dem durchschnittenen Gelände läuft die Eisenbahn zwischen Hügeln. Auf einem von ihnen ist ein Beobachtungsturm errichtet, von dem aus man ständig Ausschau hält über den Wald und im Falle eines Waldbrandes Warnungssignale aussendet. Im Norden taucht ein Berg auf, der alle andern der Gegend überragt, mit weißen Schneestreifen auf den Hängen. Flagstaff ist der Name einer größeren Station, die im Wald zwischen den Hügeln ganz prächtig liegt. Hier rasten einige Autos, beladen mit Kisten, Koffern, Zelten und anderm Gepäck. Es sind transkontinentale Touristen auf dem Weg nach Kalifornien, die es sich nicht entgehen lassen wollen, einen flüchtigen Blick auf den Gran Cañon zu werfen. Nicht weit vom Bahnhof wird Holz gefällt. Der Wald gehört dem Staat. In der Nähe vom Bahnhof Flagstaff erhebt sich auf einem Hügel die Lowell-Sternwarte, deren Astronomen das Studium des Mars zu ihrer Spezialität gemacht haben. In der Gegend der kleinen Stadt Flagstaff mit etwa 5000 Einwohnern sind mehrere rote Häuschen mit weißen Ecken und Fensterrahmen zu sehen, und ich fragte mich, ob ihre Bewohner nicht etwa schwedische Auswanderer sind. In einiger Entfernung im Norden sollen sich die Ruinen einer 1500 oder 2000 Jahre alten aztekischen Stadt befinden, mit gut erhaltenen Häusern, Befestigungen und einem Sonnentempel. Im Norden sind die ganze Zeit hindurch die San-Francisco-Gipfel sichtbar, und gegen 10 Uhr kreuzen wir Arizona Divide, die Wasserscheide zwischen Ost- und Westarizona. Der Himmel ist ganz klar, aber im Wald ist die Wärme nicht schlimm. Die Landstraße schimmert rötlich; es ist dieselbe Straße, die wir schon so oft gesehen haben und die New York mit Los Angeles und San Francisco verbindet. Eine Reihe Lastautos befördern Baumstämme aus dem Flagstaffwald. Die Arbeiter, die mit dem Abholzen beschäftigt sind, wohnen in kleinen hübschen Holzhäusern, die sie sich selbst gebaut haben. Der Wald wird lichter, und die Hügel aus vulkanischer Asche treten zurück, als wir uns Williams nähern. Um 12 Uhr erreichen wir den kleinen Ort mit 400 Einwohnern, einigen kleinen Straßen und niedrigen Häusern. Unser Zug hält zehn Minuten und verschwindet dann im Westen auf seiner langen Fahrt nach Los Angeles. Aber wir, die wir nach dem Gran Cañon wollen, bleiben zurück und vertreiben uns die Zeit damit, in dem typisch westamerikanischen Ort umherzuwandern, der mit der Zeit zu einer Stadt heranwachsen wird. Die bergumkränzte Ebene bietet ja Platz genug. Ford Harveys Haus am Bahnhof hat eine große, gemütliche Halle mit offenem Kamin, in dem im Winter ein tüchtiges Feuer brennt. Der Fußboden ist mit indianischen Matten bedeckt, die nicht gerade schön, aber mit ihren einfachen symbolischen geometrischen Mustern originell und hier wenn irgendwo am Platze sind. Obwohl der Zug von Williams nach dem Gran Cañon schon wartet, dauert es noch zwei Stunden, bis er abgeht. Er besteht nur aus zwei Wagen, von denen der zweite ein „Parlour Car“ ist mit offener Aussichtsplattform. Die Zahl der Reisenden ist nicht groß; die beiden Wagen reichen vollkommen aus, auch nachdem um 3 Uhr Zug Nr. 9 von Chicago nach Los Angeles angekommen ist und noch einige Touristen mitgebracht hat, die nach dem Gran Cañon wollen. Wir steigen ein und fahren nach Norden. Die Luft ist herrlich und dank der Seehöhe von 2226 Meter, in der wir uns befinden, sogar kühl. Williams verschwindet hinter uns. Die Bahn läuft zwischen Hügeln und vereinzelten Bäumen in Kurven vorwärts. Nichts in der ganzen Umgebung läßt auf die Nähe des Gran Cañon schließen, und doch sind es bis dorthin nur noch ein paar Stunden Bahnfahrt. Aber nach zehn Minuten kommen wir am Anfang des Havasupai Cañon vorüber, der 88 Kilometer lang ist und in den Gran Cañon ausläuft. Doch wer könnte den Raum, die Lücke in der Erdkruste ahnen, in die dieses kleine unansehnliche Tal mündet? Nach allem, was man von andern gehört und in Abbildungen gesehen hat, ist man jedoch von feierlicher Spannung erfüllt und fragt sich, ob die Wirklichkeit den Erwartungen entsprechen wird, die man sich gemacht hat. Nach Norden Ausschau zu halten, in der Hoffnung, den ersten Anblick nicht zu verpassen, hat keinen Zweck, denn nur ein paar Sekunden lang erblickt man in unmittelbarer Nähe von El Tovar ganz flüchtig den Gran Cañon. Einer der merkwürdigen Charakterzüge dieses größten Erosionstales der Erde ist, daß man von seinem Dasein keine Ahnung hat, bis man nur wenige Schritt vor seinem Rande steht. Bald sausen wir zwischen lichtstehenden Bäumen dahin, bald zwischen mäßig abgerundeten, mit Grashöckern bedeckten Hügeln. Die Gipfel des San-Francisco-Gebirges tauchen wieder auf, jetzt im Osten. Aber nach und nach verblassen und verschwimmen sie ebenso wie andere Berge in ihrer Nähe. Es weht Südwind. Infolge der Zuggeschwindigkeit spüren wir ihn nur während der kurzen Aufenthalte an den kleinen Stationen. Einmal mußten wir jedoch eine Viertelstunde warten, um zwei vom Gran Cañon kommende Züge vorüberzulassen. Auf dieser Bahn werden auch die Unmengen von Lebensmitteln befördert, die im Hotel El Tovar verzehrt werden; ja sogar das Wasser, nicht nur das Trink- und Kochwasser, sondern auch das Badewasser, wird in Zisternenwagen auf diesem Weg an den Rand des Cañon gebracht. Bisweilen geht die Bahn durch dichtes Gebüsch. Die Hügel werden immer flacher, und wir eilen über öde Flächen. Bäume und Sträucher hören auf, nur Grashöcker wachsen da und dort auf der Prärie. Kleine kurze Brücken führen über trockenliegende Geländefurchen. Die Bahn stellt beinahe eine gerade Linie dar. Anita ist ein kleiner Ort mit Schulhaus für die Kinder der Gegend. Dann setzt wieder Wald aus Kiefern und Wacholder sowie „Buckhorn“, einer Kreuzdornart, ein. Zwischen den Bäumen schimmert der Boden gelbrot wie bisher. Schließlich wird das Gelände wieder hügelig, und die Bahn läuft in Bogen. Die Lokomotive heult in jeder Kurve, um zu warnen, aber selten ist in dieser öden Landschaft ein Lebewesen zu sehen. Nur manchmal erblickt man weidende Pferde und Rinder. Streckenweise zeigt der Wald fast nordische Schönheit. Wir nähern uns dem Ziel! Nur noch zehn Minuten! Durch eine Lichtung im Wald erhaschen wir einen Schimmer der hellroten Bergwand jenseits des Abgrundes. Man findet kaum Zeit, Herzklopfen zu bekommen und in Erstaunen zu geraten, dann ist dieses erste Traumbild schon vorüber. Einige Minuten später hält der Zug bei El Tovar, und Autos bringen uns zum Hotel hinauf. Man hat nur ein paar Minuten zu fahren, einige Zickzackbiegungen, und ehe man sich dessen versieht, fährt das Auto vor der nach Süden liegenden Veranda eines ziemlich großen braunen Holzhauses vor, das im ländlichen Stil erbaut ist, zwei Stockwerke hat und an ein Touristenhotel erinnert. Auf dem Platz vor dem Hotel spielt sich der ganze Verkehr ab. Vom Gran Cañon ahnt man hier nichts, das Hotelgebäude nimmt einem die freie Aussicht. Bereits in Chicago hatte ich darum gebeten, ein Zimmer zu erhalten, von dessen Balkon oder Fenster ich freie Aussicht auf den Cañon hätte und wo ich während einiger Ruhetage zeichnen und malen und die wechselnden Lichteffekte im Laufe des Tages beobachten könnte. Aber im Hotel El Tovar gab es keine solchen Zimmer und keine Balkone. Vermutlich ist diese Anordnung absichtlich, sonst wäre sie nicht begreiflich. Vielleicht bezweckt man damit, daß die Touristen nicht gleich bei der Ankunft abgelenkt werden, sondern sich in Ruhe und Muße einrichten, ehe sie ihre Schritte zum Rande des Abgrundes lenken. El Tovar wimmelt von Gästen. Im Durchschnitt treffen täglich 500 ein, davon viele in eigenen Autos, wahrscheinlich die meisten, denn die Zahl der Autos beträgt täglich durchschnittlich 100 (die Mindestzahl ist 75, die Höchstzahl 120). Die meisten Touristen kommen früh am Morgen an und reisen am späten Abend wieder ab. Die 130 Zimmer des Hotels reichen daher gewöhnlich aus. Im Notfall werden auch die einfacheren Zimmer benutzt, die in kleinen provisorischen Hütten untergebracht sind und 1 oder 1½ Dollar kosten. Bei unserer Ankunft in El Tovar empfing uns Herr Carleton J. Birchfield, den ich schon in Chicago kennengelernt hatte. Er ist Assistant General Advertising Agent bei The Atchison Topeka and Santa Fé Railway System und untersteht Herrn William H. Simpson, der, wie ich schon erwähnte, Assistant General Passenger Agent ist. Herr Birchfield ist stets von seinem Photographen Herrn Edw. H. Kemp begleitet; die beiden bringen jeden Sommer eine neue Ernte prächtiger Aufnahmen vom Gran Cañon heim. Mit noch zwei andern maßgebenden Persönlichkeiten des Ortes machte ich sogleich Bekanntschaft, dem Obersten Crosby, Superintendent des Grand Canyon National Park, und Herrn Victor Petrosa, dem Manager des El Tovar Hotel. Beide waren mir während meines Aufenthalts in der liebenswürdigsten und zuvorkommendsten Weise behilflich. Oberst Crosby orientierte mich in dem ausgedehnten Gebiet und versah mich mit allen notwendigen Karten und Begleitern, und Herr Petrosa sorgte für meine Verpflegung auf den Ausflügen. Mit meinen neuen Freunden verständigte ich mich dahin, alles ruhig und überlegt zu nehmen. Man muß diese überwältigenden Landschaftsbilder stückweise genießen, in kleinen Bissen, sonst erstickt man. In meiner Schilderung des Gran Cañon werde ich den gleichen Grundsatz befolgen. Viertes Kapitel. Der erste Eindruck. Nachdem ich mit Birchfield und Kemp in dem vollbesetzten Speisesaal gegessen hatte, machten wir drei schon an diesem ersten Abend eine Autofahrt zu einigen der nächsten Aussichtspunkte, Maricopa Point, Hopi Point, Mohave Point und Pima Point; sie sind alle nach Indianerstämmen benannt und liegen westlich von El Tovar. Der Weg folgt dem „Rim“, dem scharfen Rand, von dem die Felswände senkrecht zu schwindelnder Tiefe abfallen. Der Südrand des Gran Cañon ist jedoch durchaus keine gerade Linie. Er ist im Gegenteil recht unregelmäßig mit seinen bizarren „Halbinseln“ und seinen mehr oder minder tief eingeschnittenen Cañonbuchten, wenn er auch in dieser Hinsicht keineswegs mit dem Nordrand wetteifern kann. Unser Ausflug nach Pima Point war kaum 10 Kilometer weit, in gerader Linie nicht ganz 6 Kilometer; denn der Weg geht erst nach Westen, dann nach Nordnordwesten nach Maricopa Point und Hopi Point, darauf nach Südwesten und Nordwesten nach Mohave Point und schließlich nach Süden, Westen und Westnordwesten nach Pima Point. Er führt aber meistens am Rand entlang, und vom Auto aus sieht man die ganze Zeit eine Landschaft, die durchaus einzigartig auf der Erde ist und mit der an überwältigender und imposanter Schönheit nur sehr wenige sich messen können. Bisweilen hat man kaum ein paar Meter bis zum Rand des jähen Absturzes, bisweilen sieht man den gewaltigen Abgrund zwischen den äußersten Bäumen wie von einer Galerie schlanker Säulen aus. El Tovar ist im innersten Grund einer stumpfen Bucht erbaut, die von zwei vorspringenden Kaps begrenzt wird. Das östliche von ihnen heißt Yavapai Point, das westliche Maricopa Point. Zu diesem fahren wir durch den Wald in einiger Entfernung vom Rand. Wenn man aus dem sichern Halbdunkel des Waldes auf das offene Kap hinauskommt, das wie ein spitz zulaufendes Sprungbrett in die Leere des Weltenraumes hinauszuführen scheint, möchte einem fast schwindlig werden. Man bleibt einige Minuten auf dem Grat des Kaps stehen, wo das Powell-Memorial steht. Dieses Denkmal ist zur Erinnerung an Powells kühne Bootfahrt von 1869 durch den Cañon des Colorado errichtet worden. [Illustration: Aussicht von El Tovar nach Nord 10° West. Ungefähr in der Mitte das „Kriegsschiff“.] Dann geht man auf die äußerste Spitze hinaus. Auf drei Seiten, im Westen, Norden und Osten, ist die Erdoberfläche verschwunden. Hier tut sich der leere Raum bis zu einer Tiefe von 1500 Meter auf. Man sieht die senkrechten Seiten des Vorgebirges nicht, auf dem man sich befindet -- es sei denn, daß man sich hinlegt, den Kopf über den Rand streckt und den Blick senkrecht an den Wänden hinuntergleiten läßt. Doch am ersten Tag unterläßt man gern alle halsbrecherischen Experimente und wartet, bis man sich auf seinen Kopf und seine Beine verlassen kann. Denn es +kann+ vorkommen, daß man schwindlig wird und die Herrschaft über seine Muskeln verliert. Man glaubt auf einem freischwebenden Vorsprung zu stehen, ohne Boden unter sich, mit festem Land nur im Süden, und wohin man blickt, hat man die unermeßliche Tiefe unter sich. Ganz unten gewahrt man die dunkle Rinne, in der der Colorado fließt, aber der Strom selbst hat sich so tief in den Granit eingeschnitten, daß er nicht zu sehen ist. Uns gegenüber in einer Entfernung von etwa 13 Kilometer verläuft der Nordrand, noch unregelmäßiger und stärker eingekerbt als der Südrand; vor seiner Front erhebt sich die gewaltige, von einer Meisterhand geformte Märchenstadt von Pyramiden, Tempeln, Pagoden, Türmen und Mauern, die auf der Erde nicht ihresgleichen hat. Es sind Blöcke der festen Erdrinde, die die mechanischen Kräfte der Ausnagung und Verwitterung, das fließende und aus den Wolken strömende Wasser, die Winde, die Hagelschauer, die sengende Sonnenglut und der sprengende Frost, im Lauf von Millionen von Jahren zu so vollkommener plastischer Schönheit ausgemeißelt haben, wie sie diese Riesenskulptur in Kalkstein, Sandstein und Granit im gegenwärtigen geologischen Zeitalter zeigt. Man kann sich nicht wohl denken, daß diese herrlichen Meisterwerke der Natur je einen höhern Grad von Schönheit erreichen werden. Nach neuen Millionen von Jahren müssen sie vielmehr an Höhe abnehmen und zu Ruinen werden. Zwar gräbt und sägt sich auch der Colorado tiefer in den Granit hinein, und der Fluß befindet sich hier 760 Meter über dem Meer, aber er strömt in seiner tiefen engen Granitrinne, dem „Inner Canyon“ oder der „Granite Gorge“, und die Höhe der Tempel und Pagoden über dem tiefsten Teil des Cañons wird davon nicht berührt. Die freistehenden pyramidenförmigen Blöcke, hier gewöhnlich „Tempel“ genannt, sind regelmäßig gebaut; sie sind einander im großen ganzen gleich, wechseln aber stets in den Formen. Ihr Dach ist wagerecht und liegt in derselben Höhe wie die Fläche des Coloradohochlands im allgemeinen. Ihre Seiten fallen teils ganz senkrecht, teils steil ab, und diese Stufen von 150 bis 240 Meter Mächtigkeit wechseln miteinander ab. Überall kehren sie in der gleichen Höhe und in den gleichen Farbenschattierungen wieder; man lernt bald die verschiedenen Arten und Schichten von Kalkstein und Sandstein voneinander unterscheiden, und erkennt sie wieder, in welchem Teil des Gran Cañon man sich auch befinden mag. Alle diese tempelförmigen Blöcke sind als Ausläufer des Nordrandes zu betrachten; sie liegen also auf dem Nord- oder rechten Ufer des Colorado. Der Nordrand des Gran Cañon, den die Touristen nur selten aufsuchen, ist, wie ich schon sagte, weit launenhafter eingeschnitten und zerklüftet und somit auch reicher an kleineren Seitencañons. Die Aussicht von Süden nach Norden ist im allgemeinen vorteilhafter als in entgegengesetzter Richtung. Denn in den hellsten Stunden des Tages hat man die Sonne im Süden und wird nicht geblendet, wenn man nach Norden schaut, während die Landschaft im Norden scharf beleuchtet daliegt und all ihre Einzelheiten zeigt. Wandert man dagegen am Nordrand entlang, dann wird man von der Sonne geblendet und sieht die Felswand des Südrandes im Schatten. Daß man sich im Norden ungefähr 300 Meter höher befindet als im Süden, ist einem unbewaffneten Auge kaum merkbar. [Illustration: Blick von Navaho Point auf die Palisaden.] Dies ist jedoch nur ganz im allgemeinen gültig. Denn die rote Beleuchtung der Morgensonne und der Abendsonne ist gleich entzückend, ob man sie vom Nord- oder vom Südrand aus erblickt, und ich werde später zeigen, daß man vom Norden Szenerien schauen kann, die alle Erwartungen übertreffen. Man kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn man gesteht, daß einen bei jedem Schritt, am Nordrand wie am Südrand, Staunen und Bewunderung, ein seelisches Wohlbehagen erfüllen, die keine Grenzen und keine Maße und darum keine Möglichkeiten des Vergleichs haben. Die Sonne nähert sich dem Horizont. Unter den roten, gelben, grauen, braunen und violetten Tönen bekommen die roten immer mehr die Oberhand. Die Abendröte beginnt ihr Spiel. Aber jetzt werden auch die Schatten dichter und länger, die Vorboten der Nacht. Die ganze Skulptur dieser wunderbaren Welt tritt daher mit außerordentlicher Schärfe hervor. Die Märchenschlösser und Burgen, die javanischen Tempel und indischen Pagoden, tausendmal größer als alle menschlichen Bauwerke, stehen immer schärfer gezeichnet neben- und hintereinander, in ihrer stummen Rätselhaftigkeit und der unergründlichen Mystik ihrer Erschaffung und Vernichtung. Man spricht nicht mit seinen Begleitern, man faßt sich an die Stirn und fragt sich, ob es Wirklichkeit ist oder Traum. Vergebens sucht man die Ausmaße zu begreifen. Es ist ganz schön, wenn man erfährt, daß es 13 Kilometer bis zum Nordrand sind und daß der Colorado 1500 Meter unter uns liegt. Aber das hilft einem nichts. Alle Maße und Entfernungen kommen einem so ungeheuer vor. Wenn man an den Rand des Gran Cañon tritt, glaubt man, ein unermeßliches Stück der Erdkruste müsse fehlen. Es ist, als habe der Schöpfer, da er das feste Land auf Erden zusammenfügte, vergessen, in sein Zusammensetzspiel das letzte Stück einzusetzen, an dessen Stelle nun der leere Raum gähnt. Noch ein anderer Umstand ist geeignet, den Besucher zu verwirren. Während sein Auge sonst stets gewohnt ist, vom Fuß der Berge aus zu ihren Hängen, Kämmen und Gipfeln emporzublicken, befindet er sich hier selbst so hoch, wie man überhaupt kommen kann, und sieht auf diese phantastisch herausgemeißelte Welt rotschimmernder Alpen hinunter. So lange er bei El Tovar und an all den andern Aussichtspunkten am Südrand weilt, befindet er sich immer in derselben Höhe. Die Winkel der Ausblicke verändern sich daher nur in horizontaler Richtung, und das Farbenspiel wechselt mit jeder Stunde des Tages -- wenn Stürme, Wolkenmassen und Nebel dahinjagen, oft von Minute zu Minute. Wer sich nicht der Mühe unterzieht, zum Fluß hinunterzusteigen, wird den Gran Cañon mit unklaren Begriffen von seinen Ausmaßen und Formen verlassen. Zu dieser Klasse gehören die meisten Touristen, solche, die diesem wunderbarsten aller Schauspiele nicht mehr als einen flüchtigen Tag opfern. Dazu gehört die vornehme Dame aus den Salons von New York, die gemächlich die hundert Schritt vom Hotel bis zur Brustwehr am Hochrand stolzierte, ihre Lorgnette vors Auge nahm, einen Blick über den Cañon warf und mit blasiertem Dünkel sagte: „~Is that all?~“ (Ist das alles?) Dazu gehört auch die Miß, das Jazzmädel der Ballsäle, die das große Rätsel zu der flüchtigen Bemerkung vereinfachte: „~Is’nt it cute?~“ (Ist das aber nett!) Oder der protzige Millionär, der an Gummischuhen oder Kaugummi reich geworden war und sich von nichts anderm imponieren ließ als von angehäuftem Kapital, und der ausrief: „~What a hell of a gash!~“ (Was für eine verteufelte Schramme!) Zu einer ganz andern Klasse naiver Philosophen gehörte dagegen das Kind, das am Rande des Abgrundes seinen Vater fragte: „~What happened?~“ In der Frage: „Was ist hier vor sich gegangen?“ ist in der Tat alles enthalten, was die Geologen in jahrzehntelangen Mühen, Entbehrungen und Nachdenken zu beantworten suchten. [Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nordwesten. Die Abendschatten nehmen zu.] Wenn man von Ausmaßen und Formen des Gran Cañon einen einigermaßen klaren Begriff erhalten will, darf man sich daher nicht mit den Ausblicken begnügen, die in der Horizontalebene liegen. Man muß zum Rio Colorado hinuntersteigen und von dort zum Nordrand hinaufklettern. Auf einem solchen Ausflug hat man Gelegenheit zu beobachten, wie sich auch die vertikalen Perspektiven verändern. Man erblickt die „Tempel“ von ihren Fundamenten aus und muß wie bei gewöhnlichen Bergen den Blick zum Gipfel emporrichten. Und man sieht auch, wie die Felswände des Südrandes und des Nordrandes senkrecht emporstreben. Der Abstand zwischen der Sonne und dem Horizont wird immer kleiner. Alle nach Westen liegenden vorspringenden Partien werden grell beleuchtet und in großartigen roten Tönungen gefärbt, als wenn sie aus Rubin wären und in ihrem Innern glühende Schmelzöfen brennten. Die unbeleuchteten Teile sind fast schwarz, und in den dichten Schatten sind die Einzelheiten schwer zu unterscheiden. Das Relief tritt mit größter Schärfe und Deutlichkeit hervor, wenn die Sonne tief steht. Die einzelnen, von den Kräften des Luftmeers, Wind, Regen usw., herausgemeißelten Pyramiden und die durch Stufen und steile Terrassenhänge in verschiedene Höhenschichten eingeteilten Felsrücken heben sich dann mit einer Klarheit voneinander ab, die niemals erreicht werden kann, wenn die Sonne auf ihrer Mittagshöhe im Süden steht und die ganze Landschaft im Norden zu einem einheitlichen Hintergrund verschmilzt, in dem die einzelnen, freistehenden Teile ihre eigenen Schatten verdecken. Für einen ersten orientierenden Blick über den Gran Cañon kann man sich keinen bessern Aussichtspunkt denken als Hopi Point. Denn dieses mittelste der drei Kaps Maricopa, Hopi und Mohave, die wie sehr spitze Zacken von der westlich von El Tovar vorspringenden fast quadratischen Halbinsel nach Norden schauen, ragt weiter in den Gran Cañon hinein als irgendein anderer Punkt des Südrandes in der Nähe des Gasthauses. Man steht hier gleichsam auf der Spitze einer sehr schmalen Halbinsel, die auf allen Seiten außer im Süden von einem Meer umgeben ist, das nicht mit Wasser, sondern mit Luft gefüllt ist. Man beherrscht daher so gut wie den ganzen interessantesten Teil des Gran Cañon von der riesigen senkrechten Felsenmauer der Painted Desert, der Bunten Wüste, den 32 Kilometer entfernten Palisaden im Osten, bis zu Gegenden stromab, die ebensoweit im Nordwesten liegen. Ehe ich fortfahre, den malerischen Eindruck dieser großartigen Landschaftsbilder zu schildern, und so lange wir uns noch auf Hopi Point befinden, will ich die Gelegenheit benutzen, den Blick auf die hervorstechenderen Merkmale zu richten, wie sie sich uns von diesem Punkt aus darbieten, von Osten nach Westen, d.❁h. in der Richtung, in der der Colorado diesen Teil von Nordarizona durchströmt. Als topographische Unterlage benutze ich die Karten, die ich in El Tovar erhielt und nach denen die meinem Buch beigefügte Sonderkarte gearbeitet ist; was den geologischen Aufbau betrifft, den ich in diesem Zusammenhang nur flüchtig berühre, folge ich der ausgezeichneten Darstellung, die N. H. Darton in seinem Werk „~Story of the Grand Canyon of Arizona~“ gegeben hat. Ganz hinten im Osten ahnen wir dank der Form des ganzen gewaltigen Tals den scharfen Bogen, in dem der Colorado von seiner Südrichtung nach Westen abbiegt; ahnen, denn von dem Fluß selbst erblicken wir dort keinen Schimmer. Er hat sich zu tief in seinen engen Korridor eingemeißelt. Wir sehen die großartig gezeichnete Felswand, die vom Rand der Hochebene erst senkrecht, dann steil und in Absätzen zum linken Ufer des Flusses abfällt, gerade in dieser fabelhaft romantischen Gegend, wo der Rio Colorado seinen Bogen beschreibt. Die Gesteine, die das ganze vom Fluß durchschnittene Tafelland bilden, sind mit einigen Ausnahmen horizontal geschichtet. Zu oberst finden wir den Kalkstein, der, wie die drei darunterliegenden Formationen, der Steinkohlenperiode angehört und Kaibab heißt. Auf der Oberfläche dieses Kalksteins laufen alle Wege auf dem Süd- und Nordrand, wachsen die Wälder, steht das Gasthaus El Tovar und liegen all die berühmten Aussichtspunkte, die die Touristen besuchen, und deren einer Hopi Point ist. Der Kaibabkalkstein hat eine Mächtigkeit von 210 Meter und bildet die senkrechten Abstürze, die wir überall zu oberst am Süd- und Nordrand wie auch auf dem Gipfel vieler Tempel und Pyramiden sehen. Unter dieser Formation liegt der 90 Meter mächtige, ebenfalls der Steinkohlenzeit angehörende Coconinosandstein. Diese beiden Namen finden sich auch in den Namen der Landschaft wieder; denn das ebene bewaldete Land nördlich des Flusses heißt Kaibabplateau und das 300 Meter niedrigere, gleichfalls bewaldete Land südlich des Colorado Coconinoplateau. Wenn der Fluß nicht gewesen wäre, wüßte man von nichts anderm als dem Kaibabkalkstein. Aber dank den geologischen Erscheinungen im Verein mit der Erosionskraft des Stroms sind all die darunterliegenden Schichten -- mit Ausnahme derer, die von der „großen Denudation“ hinweggespült worden sind -- bis zum Urgestein, zum Granit, hinab bloßgelegt worden. Daher liegt die Geschichte der Erde hier offen vor dem Forscher da wie ein aufgeschlagenes Buch und gewährt uns einen Einblick in den Aufbau der Erdrinde wie in keiner andern Gegend der Oberfläche unseres Planeten. Der Gran Cañon bietet daher nicht nur den Menschen eine Welt unvergleichlicher Schönheit, sondern auch der geologischen Wissenschaft Aufschlüsse von unschätzbarem Wert. Die unter dem Kaibabkalkstein und dem Coconinosandstein liegenden Schichten werden wir gleich kennenlernen. Jetzt will ich nur erwähnen, daß sich östlich der senkrechten Felswand der Palisaden, die sich auf der linken Seite der Flußbiegung erhebt, das flache, öde Land ausbreitet, das unter dem Namen „Painted Desert“ bekannt und wegen seiner Farbenpracht berühmt ist. Von Plätzen, die wir später besuchen werden, sieht man die Hügel und Anhöhen, die im Osten und Nordosten die „Bunte Wüste“ begrenzen. Dort, inmitten der sagenhaften Erinnerungen aus der glücklichen Freiheitszeit der Indianer, wohnen noch die letzten zusammenschmelzenden Scharen des Hopistammes in ihren einfachen Lehmhütten. Wenn wir von Hopi Point den Blick in die Taltiefe hinab und nach Ostsüdosten richten, gewahren wir den ungeheuern, energisch eingeschnittenen Granitkorridor, in dem der Colorado fließt, und wir sehen ihn, so weit er reicht, d.❁h. bis zu dem Punkt, wo der Granit verschwindet und von den uralten, nach Norden steil abfallenden Gesteinen der Unkargruppe bedeckt wird. Hier und da sind auch die Schieferhänge der 300 Meter mächtigen kambrischen Tontoformation zu sehen; auf ihr erhebt sich wie eine senkrechte Mauer die 150 Meter hohe Kalksteinschicht, die Redwall heißt und die älteste der hier vertretenen Formationen der Steinkohlenzeit ist. Im Ostnordosten von Hopi Point haben wir das Cape Royal, ein nach Süden vorspringendes, selten besuchtes Kap des Kaibabplateaus im Norden, einen der wunderbarsten Aussichtspunkte im ganzen Gran Cañon, zu dessen schwindelnden Sturzhängen ich den Leser später führen werde. Südlich dieses Vorsprungs, gleichsam eine Fortsetzung seiner Halbinsel bildend, ragt Wotans Thron empor, eine fast freistehende Partie mit einem tafelförmigen Dach aus Kaibabkalkstein, unter dem der Reihe nach die übrigen Formationen liegen, der Coconinosandstein, der 330 Meter mächtige rote Sandstein und Schiefer der Supaigruppe, die Kalksteinmauer des Redwall, die grünlichen Abhänge der Tontogruppe und schließlich der dunkle Granit. Östlich von Wotans Thron steht Vishnu Temple mit seiner Kuppel aus Kaibabkalkstein und seinen zwei Ausläufern, dem Rama Shrine nach Südosten und dem Krishna Shrine nach Südwesten, die sich also beide auf dem nördlichen oder rechten Ufer des Flusses befinden. Der Wischnutempel ist einer der monumentalen Kolosse im Gran Cañon, die von fast jedem Punkt am Südrand aus wie von vielen Stellen am Nordrand und in der Taltiefe sichtbar sind. Richten wir den Blick nach Nordosten, so erblicken wir eine besonders schöne Pyramide, die vorgeschobene Fortsetzung eines vom Kaibabplateau im Norden ausgehenden halbinselförmigen Ausläufers, gleich diesem mit Kaibabkalkstein bedeckt. Diese Pyramide trägt den Namen Buddha Temple. Der Manutempel, dem der Kaibabkalkstein fehlt und dessen Dach aus Coconinosandstein besteht, bildet gleichsam eine Brücke zwischen dem Buddhatempel und dem Hochland nördlich davon. [Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nordwesten.] Ungefähr in der Mitte der Linie Hopi Point-Buddha Temple erhebt sich die eigenartige tafelförmige Cheopspyramide. Sie besteht aus Redwallkalkstein, ist aber isoliert und infolge der Verwitterung von den Ausläufern des nördlichen Plateaulandes getrennt. Ihre 150 Meter hohen Seiten sind senkrecht und ruhen auf den grünen Schieferhängen der Tontogruppe. Die unteren Teile dieser Hänge gehen in dunkle Quarzite, roten Schiefer und Sandstein der Unkargruppe über, der unterbrochenen, wechsellagernden Schicht, die in dieser Gegend häufig vorkommt zwischen dem Trinity Creek und dem Phantom Creek, den beiden durch den Isistempel und die Cheopspyramide voneinander getrennten kleinen Cañontälern. Auch hier fallen die Schichten der Unkargruppe steil nach Norden ab, während alle übrigen Formationen so gut wie wagerecht gelagert sind. Wo die Unkargruppe fehlt, sind es die Hänge der Tontogruppe, die bis zum obern Rand des engen dunklen Korridors hinabreichen, den der Colorado bis zu 300 Meter tief in den Granit eingeschnitten hat. Die Entfernung zwischen Hopi Point und Cheopspyramide beträgt nur knapp 5 Kilometer. Zwischen beiden strömt der Colorado in seiner Granitrinne. An ein paar Punkten sehen wir das feine graue Band des Flusses, dessen Breite hier doch bis 80 Meter beträgt. Wir glauben, ihn fast gerade unter unsern Füßen zu haben. Der Höhenunterschied ist 1400 Meter. Man darf also nicht schwindlig sein! Die Cheopspyramide, der Buddhatempel und der Manutempel liegen also auf einer von Hopi Point nach Nordosten gezogenen Linie. Gleichlaufend mit dieser Linie, östlich von ihr, finden wir den mit ungeheurer Kraft in die Ablagerungen der geologischen Zeitalter eingeschnittenen Seitencañon, der von rechts oder Nordosten kommt und den Namen Bright Angel Creek trägt. Von Hopi Point aus bietet dieses in einer merkwürdig geraden Linie verlaufende Tal einen großartigen Anblick, eingeklemmt wie es ist zwischen prächtigen Kulissen von Tempeln und Pyramiden mit ihren in senkrechte Abstürze und steile Hänge abgestuften Seiten von staunenerregender Wildheit und Größe. Sein oberes Ende im Innern des Kaibabplateaus ist fast 18 Kilometer vom Colorado entfernt. Wir werden später Gelegenheit erhalten, auch diesen Creek kennenzulernen. So wie dieser Seitencañon im Westen vom Manutempel, Buddhatempel und Cheopspyramide begrenzt wird, wird er im Osten von einer ähnlichen Reihe wilder Erosionsreste von der gewöhnlichen Pyramiden- oder Tempelform eingezwängt. Sie sind aus einem einst zusammenhängenden, nach Südwesten vorspringenden Ausläufer des Kaibabplateaus im Norden herausgemeißelt und heißen Deva Temple, Brahma Temple und Zoroaster Temple. Alle drei haben ein Dach aus Kaibabkalkstein, der infolge seiner Härte den darunterliegenden weichern Coconinosandstein vor Verwitterung schützt. Auch hier finden wir die charakteristische 150 Meter hohe senkrechte Felswand des Redwallkalksteins, die stets gleich leicht wiederzuerkennen und von den roten Steilhängen der Supaigruppe überlagert ist, während an ihrem Grunde die Abhänge der Tontogruppe einsetzen und mit einer Mächtigkeit von 300 Meter bis zum Sandstein aus dem Kambrium hinabreichen, der auf der Granitbettung aufsitzt. Überall herrscht dasselbe Gesetz; dieselben Stufen, Wände, Hänge, Terrassen, Maße und Farben kehren wieder bis in die Seitencañons hinauf. Genau im Norden unseres Aussichtspunktes erhebt sich in einer Entfernung von etwas mehr als 8 Kilometer der herrliche Shiva Temple, gleichfalls eine der berühmtesten Riesenbauten in der phantastischen Märchenstadt des Gran Cañon. Hier sehen wir deutlicher als je die ganze geologische Schichtenfolge in all ihrer Pracht bloßgelegt. Obwohl ich die verschiedenen Formationen bereits genannt habe, wiederhole ich sie noch einmal, damit wir sie uns besser einprägen. Wir erblicken also als Dach des Schivatempels eine wagerechte Plattform aus Kaibabkalkstein (210 Meter), darunter den Coconinosandstein (90 Meter), der überall im Gran Cañon als wagerechtes Band von zarter hellgrauer Farbe sichtbar ist; dann folgen die Schiefer und der Sandstein der Supaiformation, teils anstehend als Felsvorsprünge, teils in Form steiler roter Schuttkegel (330 Meter), die bis zum obern Rand des Redwallkalksteins (150 Meter) hinabreichen, der auch am Schivatempel senkrechte Wände bildet. Unterhalb des Redwall liegen auch die grünlichen Schiefer der Tontogruppe in weniger steilen Hängen (300 Meter) und erstrecken sich bis zu den Unkarschichten und dem Granit hinab. Von den mittelsten Gehängen des Felsstocks des Schivatempels, somit bedeutend niedriger als dieser, gehen höchst unregelmäßig geformte Ausläufer aus, die dem Redwallkalkstein angehören und mit Supaischiefern gekrönt sind. Auf dem westlichen von ihnen erhebt sich der Osiristempel; er trägt sogar eine Haube aus Coconinosandstein, die von Hopi Point aus in Nordnordwesten zu sehen ist. Der Osiristempel seinerseits sendet nach Südwesten den „Tower of Ra“ aus, mit malerischen roten Sandsteinmassen der Supaiformation. Derselben Gruppe gehören zwei Erhebungen auf einem zweiten vom Osiristempel nach Süden gehenden Ausläufer an, der Horustempel und der Set-Turm. [Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nord 16° West. Ein Wirrwarr von Tempeln mit scharfen Nachmittagsschatten.] Der von Hopi Point aus in Nordnordosten sichtbare östliche Ausläufer des Massivs des Schivatempels heißt Isistempel und besteht aus Redwallkalkstein, der Supaigestein und auf dem Gipfel einen kleinen Rest Coconinosandstein trägt. Auf dem Osiristempel und auf dem Isistempel fehlt also der Kaibabkalkstein. Er ist durch die Verwitterung abgetragen worden; der weiche Sandstein ist daher den Einwirkungen von Wasser, Wetter und Wind mehr ausgesetzt und dazu verurteilt, einer, geologisch gemessen, schnelleren Zerstörung entgegenzugehen. Wenn wir schließlich den Blick nach Nordwesten richten, d.❁h. den Gran Cañon abwärts, gewahren wir eine ganze Reihe romantischer bewaldeter Kalksteinkaps, die gleich Hopi Point vom Coconinoplateau nach Norden vorspringen. Das entfernteste, das wir erblicken, heißt Havasupai Point; es bietet ein unvergeßlich großartiges Bild, das wir später kennenlernen werden. Zwischen all diesen Kaps liegen steil abfallende Einschnitte oder Buchten; sie sind verhältnismäßig kurz im Vergleich mit denen, die den Nordrand kerben. Ganz hinten im Nordwesten wird die Linie des Horizonts vom Powellplateau gebildet, das als unerbittliche Grenzwand die Aussicht auf die Fortsetzung des Gran Cañon sperrt. Auch dort sieht man Kaps, Pyramiden und Seitentäler, von denen viele Namen haben. Der Überblick, den mir Hopi Point gab, war also sehr wertvoll und umfaßte viele der charakteristischsten Punkte der großen Talschlucht. Ich erhielt eine Ahnung von der Lage von Navaho Point im Osten, Havasupai Point im Westen und Cape Royal im Nordosten, Hermit Cabins in der Tiefe und der Hängebrücke über den Colorado, Stellen, die ich in den folgenden Tagen besuchen wollte. Aber der Abend schreitet langsam vorwärts. Wir steigen wieder ins Auto und fahren auf dem Hopi Wall im Bogen am Rand des Abgrundes entlang, der den Namen Inferno trägt. Von Mohave Point, wo wir eine kurze Rast machen, erblicken wir dieselbe Landschaft vor uns; nur die nächsten Umgebungen wechseln. Von hier aus folgen wir dem Great Mohave Wall auf dem Hermit Rim Road genannten Weg. Unmittelbar zur Rechten haben wir einen gähnenden Abgrund, der Abyß heißt. Nach 11 Kilometer sind wir am Ziel unserer heutigen Fahrt, Pima Point. An die Brustwehr am äußersten Rand gelehnt, sehen wir den Colorado als ganz schmales, schwach gewundenes Band in der Tiefe. Der Fluß soll hier eine Breite von etwa 120 Meter und eine Geschwindigkeit von 29 bis 30 Stundenkilometer haben. An mehreren Stellen bildet er Stromschnellen. Nur wenn der Wind für einen Augenblick nicht in den Kiefern rauschte, konnte ich schwach das Brausen der tosenden Wassermassen vernehmen. Später sollte ich es stärker hören! Von Pima Point aus sehen wir in einer Entfernung von anderthalb Kilometer im Nordwesten, 1100 Meter unter uns, den Rastplatz Hermit Cabins. Der Weg dorthinunter ist 12 Kilometer lang. Steht man am Rand der senkrechten Felsenwand, dann begreift man nicht, daß ein Reitweg dorthin führen kann. An einigen Stellen ist er durchs Fernglas als feine hellgelbe Linie zu erkennen. Der mag halsbrecherisch genug sein, denkt man und fragt sich, ob man nicht alle Aussicht hat, über den Kopf des Maultiers zu gleiten und über den Rand eines senkrechten Absturzes zu rollen. Von den Unterkunftshütten von Hermit Cabins hat man noch 2½ Kilometer bis zum Fluß bei Hermit Rapids und steigt dabei noch 366 Meter tief. Doch jetzt ist der Tag verstrichen, und die Sonne geht im Westen unter. Die Abendröte, die alle Tempel und Pyramiden rot gefärbt hat, erlischt, die eben noch so prächtigen Tönungen verblassen und gehen erst in violette, dann in schwarze Schatten über. Die Dämmerung sinkt auf diese Märchenwelt herab, die Nacht ist im Anzug. Nun ist es Zeit, zu der gastlichen Stätte in der Einöde zurückzukehren, die den Namen Tovars, des ersten Spaniers am Gran Cañon, trägt. Nach dreitägiger Eisenbahnfahrt und einigen Stunden am Cañon wird man etwas still und gedrückt. Es verlohnt sich nicht, zu versuchen, seine Gefühle des Entzückens und Erstaunens zu schildern. Man nimmt sich vor, sich zu bezähmen und demütig zu sein angesichts des Unmöglichen. Und doch kann ich nicht umhin, zu verraten, daß ich in mancher Hinsicht stärker war als die andern Touristen. Vor vierzig Jahren hatte ich, wie schon Seite 15 erwähnt, für einen Vortrag in riesigem Format eine Anzahl amerikanischer Abbildungen des Gran Cañon abgezeichnet; diese Zeichnungen sind vermutlich noch in der Technischen Hochschule in Stockholm vorhanden. Ich hatte auch wie kein zweiter das gewaltige Tal zwischen dem Transhimalaja und dem Himalaja kennengelernt, durch das der Tsangpo, der obere Brahmaputra, strömt. An Länge, Breite und Tiefe ist der Colorado Cañon ein Zwerg im Vergleich zu der tibetischen Niederung, die gleichfalls zum großen Teil der Erosion ihre Entstehung verdankt. Ich hatte auch die meisten Cañontäler des Satledsch überschritten, von denen einige zwar in ihren Maßen großartig, aber mit dem Gran Cañon verglichen doch harmlos sind. So muß man zum Beispiel, um den Ngari-tsangpo, einen Nebenfluß des Satledsch, zu überqueren, von der ebenen Hochfläche steil zum Fluß hinabsteigen, der 830 Meter tiefer liegt. Großartige Erosion zeigen auch die Felsentäler des Jangtsekiang, des Mekong und des Salwen im Grenzland zwischen Tibet und China. [Illustration: Marble Cañon und Palisaden, von Navaho Point aus.] Aber im Gran Cañon sind die Oberflächenformen anders als sonstwo auf Erden. Was uns am meisten in Erstaunen setzt, sind die senkrechten Sturzhänge des Süd- und des Nordrandes, die treppen- und terrassenförmig herausgemeißelten Pyramiden, die tiefe Granitrinne, in der der Colorado fließt, die wüstenartige Öde, das glänzende Farbenspiel, der paradox klingende Umstand, daß man trotz der ungeheuren Maße und Ausdehnungen dennoch die ganze Landschaft unmittelbar vor sich hat und, wie von Hopi Point, mit einem Blick beherrscht. Durch diesen Umstand lassen sich viele dazu verleiten, zu glauben, es genüge, sich den Gran Cañon von El Tovar aus anzusehen. Das ist ein großer Irrtum! Ehe man nicht das ganze Erosionstal durchquert und, mit dem Zeichenstift und dem Pinsel in der Hand, manche Stunde an all den wichtigsten Punkten zugebracht hat, hat man keinen klaren Begriff von dieser an Schönheit und Größe so überreichen Gegend. Welches Schauspiel ist imposanter: dieses hier, das sich vor und unter uns entrollt, wenn wir auf Hopi Point stehen, oder jenes, das der Reisende erblickt, wenn er sich auf dem 5800 Meter hohen Paß Tschang-lung-jogma im Kara-korum befindet? Nachdem ich den Teil der Erdrinde geschaut hatte, den man vom Tschang-lung-jogma aus beherrscht, schrieb ich in mein Tagebuch (siehe „Transhimalaja“ I, S. 78, 79): „Über und hinter den näher liegenden, teilweise rabenschwarzen Bergen sieht man einen weißen Horizont, eine sägezähnige Linie mächtiger Himalajagipfel. -- In der Tiefe unter uns lag das kleine Tal, durch das wir uns so mühsam emporgearbeitet hatten. Von hier aus sah es jämmerlich klein aus, eine unbedeutende Abflußrinne innerhalb einer Welt gigantischer Berge. Der Horizont war klar; seine Konturen außerordentlich scharf gezogen. Silberweiße, sonnenbeglänzte Gipfel türmen sich übereinander und hintereinander empor; gewöhnlich schimmern die ewigen Schneefelder in blauen Schattierungen von wechselnder Intensität, bald matt, bald dunkel, je nach dem Winkel der Hänge im Verhältnis zur Sonnenhöhe. Dieses ganze aufgeregte Meer der höchsten Gebirgswogen der Erde sieht seltsam gleichmäßig und eben aus, wenn der Blick ungehindert über seine Kämme hinschweift.“ Wem der Vorzug zuteil wurde, diese beiden Landschaften zu schauen, hütet sich wohlweislich vor allen Vergleichen. Den beiden Landschaften fehlen alle Vergleichsmomente. Die eine zeigt uns das mächtigste und tiefste Erosionstal der Erde, die andere das höchste Gebirgssystem unseres Planeten. Sie überstrahlen einander nicht und verdunkeln einander nicht. Es ist möglich, daß, wenn man am Rand des Gran Cañon steht, die Erinnerung uns eine Vision des Himalaja im Hintergrund erstehen läßt. Man staunt über die Kräfte, die es vermocht haben, die Erdoberfläche bis zu einer Höhe von 8840 Meter über dem Meer in Falten zu legen und emporzuheben, daß sie einem aufgeregten Meer gleichen. Es schwindelt einem bei dem Gedanken, daß diese Sandstein- und Kalksteinschichten des Gran Cañon, nachdem sie in einer Mächtigkeit von Hunderten von Metern im Wasser abgelagert worden waren, durch Bewegungen in der Erdrinde wieder, ohne Störung ihrer horizontalen Lage, bis zu einer Höhe von 2100 Meter über die Oberfläche des Weltmeeres emporgehoben, und daß sie in dieser Zeit von einem Wasserlauf durchsägt wurden, der stark genug war, diesen ungeheuren Graben auszumeißeln, und der nach wie vor, in jeder Minute, die verstreicht, und durch unzählige kommende Jahrtausende hindurch, ohne Rast und Ruh seinen Siegeslauf durch den harten Granit vollführt. [Illustration: Aussicht am Nachmittag von El Tovar in den Bright Angel Cañon.] Solchen Gedanken hing ich nach, als ich mich wieder in den großen Raum des Hotels begab, in den die Touristen von ihren Ausflügen zurückgekehrt waren, um sich nun in Gruppen über die heutigen Erfahrungen und die morgigen Pläne zu unterhalten. Unter diesen Männlein und Weiblein, die mich nicht im geringsten interessierten, befand sich jedoch ein alter Herr, der mich im höchsten Grade fesselte, Edward E. Ayer, einer der Direktoren des Field Museum in Chicago. Sechsundzwanzig Jahre hindurch hatte er jährlich vier Monate Europa und Nordafrika bereist, um auf dem Gebiet der Völkerkunde, Altertumskunde und Kunst für sein Museum kostbare und seltene Gegenstände zu sammeln. Nunmehr beschränkte er sich darauf, seinen eignen Erdteil zu durchqueren, und fuhr jährlich vier Monate im Auto durch die Vereinigten Staaten. Und dabei war er zweiundachtzig Jahre alt! Er war ein großartiger Mensch, voller Leben und Arbeitslust und reich an Ideen und Plänen. Jetzt war er nach dem Gran Cañon gekommen, den er liebte; er machte jedoch nur eine ganz kurze Rast wie ein Zugvogel und zog am nächsten Tage auf seinen rollenden Rädern weiter. An dem Nordamerikanischen Bürgerkrieg hatte er 1862-64 teilgenommen. Im Jahre 1884 war er mit seiner Gattin, die ihn stets begleitete, in den Gran Cañon hinuntergestiegen, damals ein gefährliches Unternehmen, als noch kein einziger Pfad angelegt war. Von den Mühen und Gefahren, mit denen ein solcher Abstieg verbunden war, wußte er viel zu erzählen. Unter den Bekanntschaften, die ich auf meiner Amerikareise machte, gehörte Herr Ayer zu denen, die ich nie vergessen werde. Es war mir ganz erwünscht, daß ich mich nach den gewaltigen Eindrücken des heutigen Tages endlich in mein hübsches Schlafzimmer zurückziehen konnte und die Nacht ihre Herrschaft antrat, die Nacht mit ihrer Kühle und ihrem Frieden. Fünftes Kapitel. Die Aussicht von Grand View. Der 15. Juni war ein windiger Tag; dichte Wolken schwebten über Arizona. Ich wanderte zu Fuß an dem Rand entlang, um ein paar Skizzen zu zeichnen. Dann fuhr ich mit den Herren Birchfield und Kemp im Auto nach Grand View, einem der hervorragendsten Aussichtspunkte des ganzen Gebiets. Der Punkt liegt 18 Kilometer südöstlich von El Tovar, aber der Weg ist 24 Kilometer lang. Er entfernt sich nämlich vom Rand und schlängelt sich durch den herrlichen, duftenden Nadelwald, der die nördliche Zone des Coconinoplateaus schmückt. Im Grunde der Einbuchtung, die vom Hance Creek gebildet wird, liegt das kleine Gasthaus Grand View; 2½ Kilometer nördlich davon springt der Kaibabkalkstein in dem scharf markierten Kap vor, das Grand View Point heißt. Hier hat die Verwitterung die wunderbarsten Säulen, Mauern und Türme ausgesägt; einige von ihnen haben wenig anziehende Namen, wie Thors Hammer, Selbstmordklippe und ähnliche. [Illustration: Aussicht von Hermit Camp nach Nordnordwesten. Ganz rechts der Turm der Cathedral Spire.] Der Aussichtspunkt selbst, an dem wir uns geraume Zeit aufhielten, ist eine weiße Kalksteinplatte, die in den Raum hinausragt und auf allen Seiten von senkrechten Abstürzen umgeben ist. Wir hatten nur ein paar Meter bis zum Rand des Abgrundes. Auch wenn man an die schwindelnden Pfade in Hochasien gewöhnt ist, ist einem doch etwas eigen zumute, wenn man auf die äußerste Spitze des Kaps hinaustritt. Man schlendert nicht darauflos und plaudert und schaut sich um, sondern heftet den Blick unverwandt auf den Pfad und achtet sehr genau auf seine Schritte. Man hütet sich wohl, zu stolpern oder auf einem rollenden Stein auszugleiten. Ein Selbstmörder, der über den Rand des Suicide Rock, der Selbstmordklippe, springt, kann ganz sicher sein, daß er sein Ziel erreicht. Das bißchen, das dort unten in der Tiefe möglicherweise von ihm noch übrig wäre, ließe sich ohne Hunde nicht aufspüren. Im großen ganzen bietet sich hier dem Blick dieselbe Landschaft wie von Hopi Point. Aber bei Grand View Point befinden wir uns 72 Meter höher als dort, 2258 Meter über dem Meeresspiegel. Uns gerade gegenüber, unterhalb des Nordrandes in der Richtung auf das Cape Royal, das 13 Kilometer von uns entfernt ist, schimmern die Bergwände in roten, rotgelben und grauvioletten Farbtönen; vor der zusammenhängenden Front erheben sich die malerischen Pyramiden, Tempel und Pagoden, die den Ruinen einer von großen Architekten erbauten Zauberstadt gleichen. Hinter uns hält, dunkel und majestätisch, der Wald Wache. Der einzige Laut, der die Stille stört, ist das Rauschen des Windes in den Kronen der Bäume. Wenn man bedenkt, daß diese ungeheure Ausnagung durch ununterbrochene Zerstörung verursacht worden ist, erwartet man den Widerhall eines Einsturzes zu hören, wenn eine dieser Kalksteinsäulen, die von verhältnismäßig kleiner Basis zu schwindelnder Höhe emporsteigen, endlich die Grenze der Möglichkeit, das Gleichgewicht zu halten, erreicht hat und zusammenstürzt wie einst der Kampanile in Venedig. Aber alles ist still. Wir vernehmen nicht einmal das Klappern eines Steines, der sich gelöst hat und, dem unerbittlichen Gebot des Gesetzes der Schwere folgend, hinabstürzt. Als ich selbst einen faustgroßen Stein nehme und über den Rand schleudre, höre ich ihn nicht fallen; ein bodenloser Abgrund scheint ihn zu verschlucken. Und doch dauert die Abtragung ständig an. Man bekommt Achtung vor dem Zeitraum, der erforderlich war, um den Bau zu erzielen, den wir jetzt bewundern. Nicht nur in der Tiefe, wo der Colorado strömt, auch hier oben am Rand ist es vor allem das fließende Wasser, das arbeitet; diese Arbeit findet nur statt, wenn es regnet oder wenn der Winterschnee schmilzt. Heftige Regengüsse lassen tobende, wilde Gießbäche entstehen, deren außerordentliche Gewalt durch die Blöcke und das Geröll gesteigert wird, die sie mit sich führen. Diese Sturzbäche unterminieren vorspringende Felspartien, die schließlich infolge ihres eigenen Gewichts und der sie durchsetzenden Sprünge abbrechen und in die Tiefe stürzen, in tausend Stücke und Millionen Scherben zersplittern, zu Pulver zermahlen und von Wind und Wasser in die Taltiefe hinabgeführt werden, um endlich mit ihrem feinen Staub dem Fluß die trübe Farbe zu verleihen, der er den Namen Rio Colorado verdankt. Da der Kalkstein die Fähigkeit hat, sich im Wasser etwas zu lösen, entstehen in den senkrechten Wänden Grotten, halbkugelförmige Nischen und Alkoven; auch diese leisten eine Unterminierungsarbeit, die in hohem Grad dazu beiträgt, daß die Cañonwände in den höchsten Regionen unterhalb des Randes senkrecht abfallen. Einige Worte noch über die Aussicht und die bemerkenswerten Punkte im Gran Cañon, die man von Grand View Point aus erblickt. Im Nordosten in einer Entfernung von 25 Kilometer springt ein Kap, Cape Solitude, von der Kaibabkalksteinplatte der Painted Desert scharf vor und steigt gerade über dem linken, dem Ostufer des Colorado auf. Der ungeheuer steile Absturz, der hier die Painted Desert begrenzt, wird bis zum Cape Solitude als Palisades of the Desert bezeichnet, nördlich des Kaps, im Marble Cañon, heißt er Desert Facade. Diese Mauer, die horizontal gemessen wenig mehr als 800 Meter vom Fluß entfernt und im Gegensatz zu andern Teilen des Randes wenig eingeschnitten ist, wird unmittelbar nördlich des Cape Solitude von dem von Osten kommenden Nebenfluß, dem Kleinen Colorado, durchbrochen, dessen gähnendes Cañontor ich später von Westen aus erblicken sollte. In seinem Korridor, dem Marble Cañon, ist der Colorado zwischen der Desert Facade im Osten und einer Reihe kleinerer Massive im Westen eingeschlossen. Weiter südlich bemerkt man auf der Westseite die Basalt Cliffs. Nordöstlich von Grand View Point sehen wir in dem tiefsten Teil des Gran Cañon den Punkt, wo der enge Granitkorridor an die Gesteine der Unkargruppe grenzt. Im Nordwesten dagegen tragen die dunklen Mauern des Granits auf beiden Seiten des Flusses die verhältnismäßig weniger steilen Hänge der Tontogruppe. Zwischen den Ablagerungen der Unkargruppe ist das jetzige Flußtal offner als im Granit, und Felsen aus Quarzit, rotem Schiefer und grauem Kalkstein erheben sich auf seinen Ufern. Hier und da sind Basaltmassen in flüssigem Zustand emporgedrungen und erstarrt. An einer solchen Stelle hat sich infolge der Hitze Asbest gebildet, und unterhalb von Grand View Point sehen wir an der Nordseite des Flusses ein kleines Nebental, das den Namen Asbestos Canyon trägt. Grand View Point ist ohne Zweifel das berühmteste und am meisten besuchte Kap, das vom Coconinoplateau und vom Südrand des Gran Cañon nach Norden vorspringt. Westlich davon gibt es eine ganze Reihe anderer Kaps; alle sind zu Pferd oder zu Fuß zugänglich. Zwischen allen diesen Kaps, die den Coconinosandstein und den Kaibabkalkstein vermissen lassen und aus den älteren Supai- und Redwallformationen bestehen, liegen kurze, steile Cañontäler. Jedes von ihnen hat einen „Creek“, eine Abflußrinne des Regenwassers, und das eine und andere führt ein aus Quellen entspringendes ständig fließendes Bächlein. Vor Grand View Point gewahren wir im Norden ganz in unserer Nähe die eigenartig gebaute Horseshoe Mesa, den Hufeisenberg. Sie gleicht einem Hufeisen, dessen Bogen nach Süden liegt, und gehört dem Kalkstein der Redwallformation an. Von meinen Führern darauf aufmerksam gemacht, erkenne ich durchs Fernglas den kurzen, in zahllosen Windungen laufenden Pfad Berry Trail oder Grand View Trail; nach Nordosten und Norden führt er zum Hufeisenberg und von dort in schwindelnden Absätzen zu dem Pfad, der auf dem Südufer am Fluß entlang, auf den Sandsteinhängen der Tontoformation nach Westen geht, nach Indian Garden und Hermit Cabins, zwei bekannten Stellen, die wir bald besuchen werden. An der Horseshoe Mesa ist Kupfer zu finden. Auch östlich von Grand View Point springt eine Reihe von Kaps nach Norden vor. Von unserm Standort aus erblicken wir Three Castles und Coronado Butte. Die letztere zeigt alle Formationen vom Tonto bis zum Kaibab. In ihren Redwallmauern sehen wir die infolge der Zersetzung des Kalksteins durch das Wasser entstandenen Aushöhlungen, die schon erwähnten Nischen und Grotten. Was auf der Coronado Butte noch vom Kalkstein übrig ist, gleicht seiner Form nach einem liegenden Kamel, ein großartiges Monument auf einem Sockel von überwältigenden Maßen. Weiter nach Osten reihen sich daran Moran, Zuni, Papago und Pinal Point; alle stürzen in ungeheuer steilen, von Absätzen und Terrassen unterbrochenen Hängen zum Fluß ab, der fast 1500 Meter unter ihnen liegt. Dann folgt Lipan Point und schließlich Navaho Point oder Desert View, das letzte Kap, ehe die Palisades of the Desert ihre Linienführung nach Norden beginnen. In der gewaltigen Reihe der Palisaden bemerken wir bis zum Cape Solitude hinauf nur ein Kap, Comanche Point. Dieses ist leicht zu erkennen an seiner Gestalt -- es gleicht dem Vordersteven eines Schiffes -- und an seinen an der Palisadenmauer vorspringenden Abhängen, die an einen riesigen versteinerten Wasserfall erinnern, schließlich an seiner Lage in der Längsrichtung des Gran Cañon und seiner von keinem Pflanzenwuchs verhüllten Nacktheit. Von den Palisaden habe ich mehrere Zeichnungen gemacht; auf allen ist Comanche Point sehr deutlich zu sehen. [Illustration: Aussicht von Hermit Camp nach Westen und Nordwesten.] Was jedoch den Besucher von Grand View Point in erster Linie fesselt, ist die geradezu phantastische und an wilder, großartiger Schönheit unübertroffene Landschaft, die er im Norden erblickt. Dort sehen wir im Hintergrund den gewaltigen Block des nördlichen Tafellandes, der durch die tief eingeschnittene Talschlucht des Bright Angel Cañon vom Kaibabplateau getrennt wird und Walhallaplateau heißt. Mit dem Kaibabplateau hängt es durch einen verhältnismäßig schmalen Sattel zusammen, eine Landenge mit Abgründen zu beiden Seiten. Auf seiner Südfront ist das Walhallaplateau selbst tief gespalten durch das Tal des Clear Creek. Nach dem östlich dieses Tals liegenden Teil des Plateaus unternahm ich später einen meiner lohnendsten Ausflüge. Sein südlichstes Kap ist das berühmte Cape Royal, das wir im Nordosten, uns gerade gegenüber, erblicken. Rechts davon liegt Cape Final, das am weitesten nach Osten vorspringende Kap des Walhallaplateaus. Vom Cape Royal erstrecken sich nach Süden zwei Ausläufer von seltsamster Form; sie gleichen gespaltenen Drachenzungen oder den launenhaften malerischen Flammenzungen, mit denen die Chinesen in ihrer Bildhauerei, Malerei und Textilkunst ihre Drachen zu umgeben pflegen. Auf dem östlichen dieser Ausläufer erheben sich Freya Castle und der schön pyramidenförmige Vishnu Temple, dessen Aufbau deutlich erkennbar ist: zu unterst die Tontoabhänge, auf diesen die senkrechten Redwallwände, darüber die Absätze und Terrassen der Supaigruppe und zu oberst der Coconinosandstein mit seiner Haube aus Kaibabkalkstein; dem Vishnu Temple vorgelagert ist im Südwesten der Krishna Shrine und im Südosten der Rama Shrine, dem Kaibab und Coconino fehlen. Der südwestliche Ausläufer des Cape Royal trägt das stattliche Massiv Wotans Throne, das westnordwestlich von Vishnu Temple liegt. Dieses Massiv ist weithin sichtbar. Südwestlich von Wotans Throne sehen wir die wilden steilen Felsen, die den poetischen Namen „Engelpforte“, Angel Gate, tragen. Die große Einsenkung westlich des Clear Creek heißt Ottoman Amphitheater; sie wird im Norden vom Walhallaplateau mit dem Kap Obi Point und im Westen von den schon genannten stattlichen Pyramiden begrenzt, die von ihm ausgehen und Devas, Brahmas und Zoroasters Namen tragen. Westlich von ihnen haben wir wieder den Bright Angel Creek. Wie ich bereits erwähnte, werden diese drei Tempel von der höchsten Schichtlage gekrönt, dem Kaibabkalkstein, der auf dem mittleren Tempel noch in einer Mächtigkeit von 122 Meter liegt. Wie vorgeschobene Forts um eine Festung erheben sich also rings um das Walhallaplateau in großartiger Sprachverwirrung und imposanter Religionsvermischung das Walhall der nordischen und die Tempel der indischen Götter und des Zoroaster brüderlich nebeneinander. Wir dürfen uns damit trösten, daß wenigstens Thor Temple, westlich des Cape Royal, und Wotans Throne, südwestlich davon, wirklich besser in diese Nachbarschaft gehören. Aber einem Nordländer, der schon in seinen frühen Schuljahren mit der Götterlehre seiner Väter ziemlich vertraut war, und einem Asienreisenden, der das heilige Feuer in Zoroasters Tempel hat brennen sehen, wochenlang an dem See, der Brahmas Seele genannt wird, geweilt und Schiwas Paradies auf dem Gipfel des Kailas umwandert hat, klingt diese, nur dem Klange der Namen nach pomphafte, im übrigen aber willkürliche Nomenklatur alles andre als echt. Man fragt sich, warum Götternamen der ältesten Religionen grade hier, auf amerikanischem Boden, kunterbunt durcheinandergeworfen worden sind. Auf ein und demselben Massiv finden wir Wotan, Thor und Freia im Verein mit Wischnu, Krischna und Rama. Die ägyptischen Gottheiten sind die nächsten Nachbarn der großen Religionslehrer Chinas. In keiner andern Gegend der Erde ist ein geographischer Taufakt mit so wenig Pietät vorgenommen worden. Namen wie Tovar, Powell, Navaho, Hopi, Kaibab, Coconino sind hier ganz an ihrem Platz. Newton, Lyell, Huxley und andere große Naturforscher mögen ruhig ihre Denkmäler in Stein an den Ufern des Colorado erhalten. Namen, die bezeichnend sind für Form und Gestalt, wie z.❁B. Scorpion Ridge, Three Castles, Horseshoe Mesa, für Farben wie Red Canyon, für Minerale wie Asbestos Canyon, für Gesteine wie Basalt Cliff, sind die besten; sie haben Sinn und Seele. Aber diejenigen, die aus dem religiösen Leben fremder Völker und Erdteile geholt worden sind, müßten ebenso rücksichtslos ausgerottet werden, wie sie -- weiß Gott, von welchem Genie -- hierhergesetzt worden sind. Wo sie durch echte, charakteristische und bezeichnende indianische Namen ersetzt werden können, sollten solche statt der jetzigen eingeführt werden. Und wo dies nicht möglich ist, mögen die natürlichen Tempel in einsamer Majestät ihre Zinnen zu den ewigen Sternen erheben -- ohne alle irdischen oder himmlischen Namen.❁-- Es ist 6 Uhr nachmittags; das Gemälde, das sich von El Tovar aus vor uns ausbreitet, wird mit jeder Minute fesselnder und prächtiger. Die Stunde der roten Farbtöne, der Abendröte und des Sonnenuntergangs hat geschlagen. Die senkrechten Riesenmauern treten in grellen, hellrubinroten Tönungen hervor, sie heben sich scharf ab von dem dunkleren Graugrün der Halden und Steilhänge, die von den Sonnenstrahlen nicht direkt getroffen werden. Von der geraden Umrißlinie des Nordrandes strecken die Abendschatten ihre scharfkantigen Keile zwischen Tempeln und Pagoden hinab und vereinigen sich in der Tiefe des Tals mit dem Dunkel über dem Korridor des Colorado. Ich sitze auf einer der Bänke auf der Terrasse vor dem Hotel und bin nur durch eine niedrige zementierte Brüstung vom Abgrund getrennt. Meine Aussicht umfaßt nur den Viertelkreis zwischen Nordosten und Nordwesten, das übrige wird durch die beiden Vorsprünge Maricopa Point und Grandeur Point verdeckt. Tief unter mir, im Nordnordwesten, erhebt sich ein eigenartig geformter Fels, der den bezeichnenden Namen The Battleship, das Kriegsschiff, trägt und eine Fortsetzung des Maricopa Point ist. Er wirft seine Schatten auf die meisten Abhänge südlich des Flusses. [Illustration: Abendstimmung bei Navaho Point.] Die prächtige Beleuchtung hält nicht lange an. Man würde nie dazu kommen, sie zu malen, denn sie nimmt mit jeder Minute, die verstreicht, neue, tiefere Farbtöne an. Das Karmesin wandelt sich in Hagebuttenrot, dieses geht in Braun und schließlich in eine unsichere Farblosigkeit über. Die Sonne ist untergegangen, und die Nacht tritt wieder ihre Herrschaft über Arizona an. Das Essen nahm ich mit meinen Freunden ein, die nicht müde werden, mir neue Aufschlüsse über die Natur und das Leben um El Tovar zu geben. Sie erzählen, daß man mit den Kühlmaschinen des Ortes 10 Tonnen Eis am Tag herstellen kann und daß ganze Züge mit Wasser täglich 270 Kilometer weit zum Hotel gebracht werden. Dieses Wasser dient nicht nur zum Trinken und Kochen, sondern auch zum Tränken von 130 Maultieren und einer beträchtlichen Zahl von Pferden, zum Waschen, Baden, zur Bewässerung und vielem andern. Ein recht großer Apparat ist nötig, um die menschlichen Zugvögel zu bedienen, die bei El Tovar einfallen. Im Jahre 1921 betrug die Zahl der Besucher 57000, im Jahre 1922 schon 85000, und in dem laufenden Jahre war sie noch im Steigen. Jeden Abend um 8 Uhr wird zur Belehrung der Gäste in dem Musikzimmer von El Tovar ein durch Diagramme, Tabellen und Photographien erläuterter Vortrag gehalten. Ein solcher Vorbereitungskurs ist sehr nützlich und wertvoll. Im großen ganzen ist das Thema stets das gleiche; das tut jedoch nichts, da die Zuhörer ständig wechseln. Auch andere Vorträge und Unterhaltungen werden von Zeit zu Zeit denen geboten, die ohne Kino oder Musik nicht leben können und denen das prächtige Schauspiel nicht genügt, das sich in der Tiefe unter ihnen entrollt. Sechstes Kapitel. Nach Hermit Cabins. Am Morgen des 16. Juni war es um 8 Uhr ordentlich kalt, und noch um ½10 Uhr hatten wir nur 12,2 Grad Celsius. Die Touristen waren sämtlich schon auf; sie saßen an ihren Frühstückstischen, packten ihren Proviant und machten sich für ihre verschiedenen Ausflüge im Auto oder zu Pferd fertig. Der Himmel war fast ganz mit Wolken überzogen, und es war sehr windig. Mit den Herren Birchfield, Kemp und Bryn und unserm Führer, dem Cowboy Sandy MacLean, nahm ich in einem Auto Platz und fuhr auf dem Weg, den ich bereits kannte, dem Hermit Rim Road zu, an Pima Point vorüber durch den Wald zu den zwei kleinen Holzhäuschen von Hermit Rest und weiter an den Punkt, der Head of Hermit Trail heißt. Von hier geht der eine der beiden gewöhnlich benutzten Wege aus, die zur Tiefe des Gran Cañon und zum linken oder Südufer des Coloradoflusses hinabführen. Unser nächstes Ziel, Hermit Camp, liegt in gerader Linie kaum 2,5 Kilometer nördlich des Ausgangspunktes. Wenn man jedoch erfährt, daß der Weg 12 Kilometer lang ist und 3½ Stunden im Sattel erfordert, kann man verstehen, daß er gewaltige Krümmungen macht und nach allen Himmelsrichtungen läuft. Man reitet auch zunächst nach Süden und Südwesten, um dann nach Norden und Nordosten und schließlich nach Westen und Süden abzuschwenken. Der Pfad führt uns der Reihe nach durch die fünf gewöhnlichen Formationen, Kaibabkalkstein, Coconinosandstein, roten Sandstein und Schiefer der Supaiformation, Redwallkalkstein, und endet auf den sanfteren Hängen der Tontogruppe. Man hat also Gelegenheit, die verschiedenen Gesteine, die man bisher nur vom Rand aus gesehen hat, aus der Nähe kennenzulernen. Mit guten Augen oder mit Hilfe des Fernglases erblickt man von Head of Hermit Trail das Ziel des heutigen Rittes, Hermit Camp, 1097 Meter unter seinen Füßen. Es scheint ganz nahe. Im Gleitflug könnte man es im Flugzeug in ein paar Minuten erreichen. Beschwerlicher ist es, die jäh abfallenden Steilhänge auf einem Maultier hinabzureiten, über dessen Kopf man bisweilen an den abschüssigsten Stellen einen Salto mortale machen kann, wenn man nicht sicher in den Knien ist. Doch die Maultiere sind merkwürdig zuverlässig und straucheln nie. Nur haben sie die unangenehme Neigung ihres Geschlechts, am äußersten Rand des Abgrundes zu gehen. Wenn ein Maultier nicht „broken“, d.❁h. gezähmt, und an den Weg und dessen Überraschungen gewöhnt ist, kann schon ein Steinblock, ein Busch oder ein entgegenkommender Wanderer es dazu bringen, daß es scheut und sich mit der Schnelligkeit einer Sprungfeder nach der Seite wirft. Bei dem heftigen Wind, der an den Felsenecken wie Peitschenschläge klatschte und knallte, riet Sandy uns aufzupassen, daß uns nicht die Hüte wegflögen; denn in diesem Falle würden die Maultiere etwas wild werden, versicherte er. Ich selbst hatte keinen Grund, zu klagen, aber Sandys eigenes Maultier war recht aufgeräumt und scheute beim geringsten Anlaß. [Illustration: Blick von Hermit Cabins auf den Hermit Peak im Süden. Die Sonne steht im Westen.] Unsere Reittiere standen bei Head of Hermit Trail schon bereit; wir saßen auf und begannen den Abstieg. Es war 11¼ Uhr, die Temperatur war auf 13,5 Grad Celsius gestiegen. Der Pfad läuft auf der rechten, der Ostseite des Hermit Basin genannten Einschnitts entlang, eines kleinen Seitencañons des Colorado, und fällt gleich von Anfang an recht beträchtlich. Nach einer halben Stunde befinden wir uns bereits 250 Meter unterhalb des Randes, haben The White Zigzags und den Kaibabkalkstein hinter uns und sind in die Sandsteinschicht der Coconinoformation eingetreten. Nach weiteren zehn Minuten sind wir 335 Meter tief gekommen und reiten zwischen lichtstehenden Wacholdern und Kiefern. Eidechsen huschen über die Steine, und hier und da ist eine Jukka oder Palmlilie auf hohem Stengel zu sehen. Bei jeder Biegung des Pfades verändert sich die Aussicht. Man ist daher ständig in gespannter Aufmerksamkeit, man staunt beim Anblick dieser malerisch wilden roten Mauern, die neben unserm Weg aufragen, und es schwindelt einem bisweilen, wenn man nur einen Schritt bis zum Rand hat, von dem es steil oder senkrecht zur Tiefe des Hermit Basin hinabgeht. Neben dem Pfad stehen zwei kleine Hütten, die den Wegarbeitern, den „Hermit Basin Trailkeepers“, als Unterschlupf dienen. In zahllosen Zickzacklinien, die oft nicht mehr als doppelt so lang wie das Maultier sind, steigen wir in die roten Geheimnisse der Sandsteinschichten der Supaiformation hinab, die die rastlose Erosion des Colorado und des Hermit Creek enthüllt hat. Der Hermit Creek, dessen Sohle wir uns nähern, hat in seinem tiefsten Teil eine Abflußrinne, Hermit Gorge, die jetzt zur Linken zu sehen ist. Unser Weg führt an vorspringenden Dächern und Leisten roten Sandsteins vorüber, ja bisweilen auch darunter durch, und an jeder neuen Felsenecke, an der wir vorbeikommen, öffnet sich ein neues Bild von berückender architektonischer Schönheit. Wie oft möchte man nicht stehenbleiben, um eine Skizze zu zeichnen oder mit dem Pinsel diese farbensatten Gemächer im Innern der Erde wiederzugeben, die sich nur nach dem unendlichen Schlund des Cañon öffnen. Stachlige Sträucher und andere Pflanzen gedeihen hier und da zwischen den Steinen, aber die Bäume lichten sich und werden nach der Taltiefe zu immer seltener. Der Wind springt an den Felsenecken um und heult; mitunter schwankt man im Sattel. Wir kommen an einer Gruppe Touristen vorüber. Unter den Tritten der Maultiere wirbelt der Staub auf, und graue Wolken umtanzen uns, solange wir durch den grauen Kalkstein reiten; sie gehen in Rot über, als wir die Region des roten Sandsteins betreten. Um 12¼ Uhr rasten wir bei Santa Maria Spring. Hier steht eine kleine hölzerne Schutzhütte mit grünem Dach, unter dem wir uns auf den Bänken rings um einen Tisch niederlassen und unsere in den Satteltaschen verwahrten Pappschachteln vornehmen, die belegte Brote, Eier, Gebäck, Äpfel und Apfelsinen enthalten. Die Quelle, deren feiner lauer Strahl zu allen Jahreszeiten die gleiche Stärke hat, tritt im Innern der Hütte zutage; vom Quellbecken wird das Wasser in einen langen Blechtrog weitergeleitet, an dem sich die Maultiere satt trinken können. Bei Santa Maria Spring befinden wir uns 490 Meter unterhalb des Randes, während die Temperatur auf 19,5 Grad Celsius gestiegen ist. Man fühlt, daß man sich auf dem Weg in ein ganz anderes Klima befindet, als dort oben herrscht; der Wind, der an den Felsvorsprüngen klagt und pfeift, wird immer wärmer. Gerade hier trennt uns eine scharf gezeichnete Kulisse vom Hermit Creek. Nach einer halbstündigen herrlichen Rast steigen wir wieder in den Sattel. Fast zwanzig Minuten lang halten wir uns auf ungefähr gleicher Höhe, d.❁h. 518 Meter unter dem Rand, oder fallen nur 30 Meter. Wir reiten auf den leicht vorstehenden Schichtenköpfen wie auf einem Wandbrett. Bisweilen geht es sogar bergan. Dann umsegeln wir malerische vorspringende Ecken und werden von dem gewundenen Pfad in keilförmige Einschnitte zwischen hohen wilden Kulissen hineingeführt, um im nächsten Augenblick wieder an ein scharf herausgemeißeltes Vorgebirge zu kommen, das dem Strebepfeiler einer Kirchenwand gleicht. Und wie vorhin ist es bei jeder Biegung, als würde ein Vorhang beiseitegezogen, um uns eine neue Perspektive von staunenerregender Schönheit zu zeigen. Das Bild vor uns im Norden ist nicht weniger großartig. Durch das Mündungstor des Hermit Cañon sehen wir in blasseren Farben den großen Cañon und in der Ferne seine senkrechte Nordwand in rötlichen und graugrünen Tönungen mit dunklen wagerechten Schattenleisten. Um ½2 Uhr sind wir genau 610 Meter tief gekommen und passieren den Rücken des ungeheuren Vorsprungs, dessen äußerstes Kap unmittelbar südlich von Hermit Cabins aufragt und dem Denkmal auf dem Grabe eines Riesen gleicht. Eine Weile verdeckt das Vorgebirge wie ein Wandschirm den Hermit Creek im Westen; nach Norden dagegen hat man vom Lookout Point freie Aussicht. Ein kleiner Seitensteig zweigt hier nach links ab und führt zu einer Wegarbeiterhütte. Von Zeit zu Zeit sind auf kleinen Holztafeln oder auf flachen leicht sichtbaren Steinblöcken die Höhenziffern angegeben, so daß man stets weiß, wie tief man schon gekommen ist und wie tief man noch bis Hermit Cabins kommen wird. [Illustration: Hopi-Indianer.] Nach weiteren zehn Minuten reiten wir an Last Chance Spring vorbei und haben eine Weile später eine über hundert Meter hohe senkrechte, zum Teil überhängende Felswand zur Rechten und den senkrecht abstürzenden Abgrund, den Kalkstein des Redwall, zur Linken. Wir sind 640 Meter hinabgestiegen und müssen noch 460 Meter tiefer hinunter. Hermit Camp tritt jetzt zur Linken deutlich hervor und bleibt, von ein paar kleinen Unterbrechungen abgesehen, die ganze Zeit sichtbar. Es leuchtet wie eine Oase, wie ein frischer grüner Fleck in der graugelben Landschaft dort unten, wo die weniger steilen Geländewogen der Tontogruppe ihre glockenförmigen Rücken wölben und zu den dunklen Regionen des Granits abfallen. Scharf und klar sind die kleinen weißen Hütten mit ihren grünen Dächern zu sehen und der helle gewundene Pfad, der zu ihnen hinabführt. Wir steigen noch etwa 30 Meter zum Breezy Point hinunter und sind jetzt an dem 150 Meter mächtigen, senkrechten Redwall, der ein völlig unübersteigbares Hindernis auf unserm Weg wäre, wenn seine Mauer nicht in dem innersten Winkel seines Einschnitts durch den schroffen Fall eines Schuttkegels unterbrochen wäre. Auf seiner Oberfläche läuft der Pfad in zahllosen kurzen, abschüssigen, spitzwinkligen Zickzackbiegungen, den sogenannten Cathedral Stairs, obgleich man nach einer Kathedrale mit so unbequemen Stufen suchen könnte. Wenn man den Anfang dieses schwindelnden Steilhangs erreicht, glaubt man, der Weg höre auf und der Blick verliere sich in unerreichbaren Tiefen. Wenn man sich an einer dieser Krümmungen befindet, sieht man bisweilen nicht einmal die nächsten unter sich. Trotz des Vertrauens, das man in die Sicherheit des Maultiers setzt, zieht man es hier vor, zu Fuß zu gehen. Leider ging der Wind so heftig, daß wir nur ein paar Aufnahmen machen konnten. Sonst -- es war so gedacht gewesen -- hätte ich nur auf eine Aussicht oder eine Bergpartie zu zeigen brauchen, damit sie zur Erinnerung an meine Wanderung im Bild festgehalten wurde. Aber ich erhielt später ganze Stöße von Photographien vom Gran Cañon, wenn auch nicht alle auf meine Wege und meine Erlebnisse Bezug hatten. Ein paar Aufnahmen machten wir jedoch auf den „Kathedralstufen“ und an ihrem Fuß. Nachdem wir Cope Butte, einen nach Norden gerichteten schmalen, scharf gezeichneten Ausläufer aus Redwallkalkstein, hinter uns gelassen und die steilen Hänge hinabgeklettert sind, beginnt „The Long Drag“, wo wir auf den Geländewellen des Tontoschiefers langsam absteigen. Ein gewundener Teil des Wegs heißt „The Serpent“; an seinem Fuß sind wir schon 945 Meter unter der Hochfläche und steigen in den nächsten sieben Minuten weitere 90 Meter hinunter. Hier wachsen Kakteen zwischen herabgestürzten Blöcken. Einige Minuten später öffnet sich vor uns die prächtige Aussicht nach Süden durch den wilden, engen, dunklen Cañon des Hermit Creek, und schließlich, kurz vor 3 Uhr, sind wir am Ziel. Wir waren also während des 3½ Stunden langen Rittes 1097 Meter tief gekommen und befanden uns bei Hermit Camp 975 Meter über dem Meeresspiegel. Hermit Camp oder Hermit Cabins ist ein kleines Dorf in der öden Tiefe des Gran Cañon. Das Zepter in diesem „Dorf“ führen Herr Poquett und seine Frau, eine geborene Jonsson, die von schwedischen Eltern abstammt, aber nie die Sprache ihres elterlichen Heimatlandes gelernt hat. Ihr Vater ist ein vierundsechzigjähriger Farmer in Wisconsin. Frau Poquett war nach einer schweren Krankheit und Operation so herunter gewesen, daß sie fast dem Tode verfallen schien; aber nachdem sie jetzt zwei Jahre in Hermit Camp zugebracht hat, hat sie ihre Gesundheit wiedergewonnen, was sie dem Klima zuschreibt. Wer Herrn und Frau Poquett in die Hände fällt, leidet keine Not. Ich verbrachte in ihrer kleinen Oase zwei unvergeßlich herrliche Tage. Des Reitens entwöhnt, zumal schwindlige Steilhänge Hals über Kopf hinab, war ich anfangs ziemlich steifbeinig, erholte mich aber bald wieder. Den Mittelpunkt des kleinen Dorfes bildet Poquetts Häuschen mit der Küche und das Speisehaus, in dem die Gäste ihre Mahlzeiten gemeinsam einnehmen. Daneben stehen die Vorratshäuser; sie sind mit allem Nötigen stets gut versehen und werden von Zeit zu Zeit von kleinen Karawanen aufgefüllt, die von El Tovar hinabgeschickt werden. Hühner, Konserven, Brot, Früchte, erfrischende Getränke und anderes mehr sind die wichtigsten Lebensmittel. Hühner gibt es am Ort selbst; gegenwärtig werden 400 Hühnchen gemästet, damit sie in einem Monat für die Tafel reif sind. Ein Gemüsegarten wird sorgfältig gepflegt, ein lichter Pappelhain spendet dem Dutzend kleiner Häuser etwas Schatten. Der kalkhaltige Boden ist unfruchtbar und muß gedüngt werden, damit die Saat wächst. Es ist das Berieselungswasser aus dem Hermit Creek, das die kleine Oase aus dem sonst fast wüstenartigen Boden hervorgezaubert hat. [Illustration: Hopi-Indianer.] Mit El Tovar steht man in Telephonverbindung und kann daher neue Vorräte rechtzeitig bestellen. Jede Gruppe von Reisenden, die nach Hermit Camp hinabkommt, hat ihren Führer; dieser bringt auf einem Maultier frisches Fleisch und Eis mit. Als man Anfang des Jahres zwölf Tonnen Kohlen hinunterschaffte, hatten täglich zwanzig Maultiere einen ganzen Monat zu schleppen. Die Wäsche -- Bettzeug, Tischtücher und dergleichen -- wird mit zurückkehrenden Gesellschaften nach El Tovar hinaufgeschickt. Unmittelbar unterhalb des Speisehauses liegen die Unterkunftshütten, „Cabins“, in einer Reihe mit einer gemeinsamen Veranda. Hier steht eine Tonne, die stets mit frischem Trinkwasser gefüllt ist. In dem Duschraum kann man, wann es einem beliebt, seinen Körper äußerlich abkühlen. Der Ausruheraum vor den Hütten hat eine Veranda, die nach der schönsten Aussicht im Tal hinausgeht. Man stemmt die Füße gegen die Brustwehr und verträumt hier in bequemen Liegestühlen gern eine Stunde, wenn die Sonne untergeht. Eine Reisegesellschaft, zwei junge Herren und zwei junge Damen aus Los Angeles, hatte es sich schon bequem gemacht. Während diese zum Colorado hinabritten, nahm ich meine Behausung in Augenschein. Ich hatte mich entschlossen, ein paar Tage hier zu bleiben, um die neuen wunderbaren Bilder, die sich auf allen Seiten darboten, in aller Ruhe genießen zu können und nicht wie andere Besucher nur einen Gewaltritt zum Fluß zu machen. Meine Hütte enthält ein Zimmer mit Bett, Waschtisch, Kommode, Tisch und ein paar Stühlen sowie einem eisernen Ofen -- denn selbst im Winter wird der Gran Cañon besucht, wenn auch nur von wenigen Reisenden. Meine Veranda ist auf den drei Außenseiten von Moskitonetzen aus feinstem Draht umgeben und gleicht einem Geflügelkäfig. Man ist also sicher vor Fliegen, Mücken, Nachtfaltern, Klapperschlangen und andern Tieren, die sich in der Oase heimisch gemacht haben. Herr Poquett hat in seinem Reich schon drei Klapperschlangen getötet. Auch Skorpione sollen vorkommen, obgleich sie sich, merkwürdig genug, erst während der Regenzeit Ende Juli und August zeigen. Auf der Veranda stehen zwei Betten; es ist selbstverständlich, daß man in der warmen Jahreszeit hier die Nacht verbringt. Bei herrlichem Sommerwetter (25,2 Grad um ½4 Uhr und 24 Grad um 6 Uhr), unter einem merkwürdig klaren, türkisblauen Himmel und beim Brausen und Sausen kräftiger, aber lauer Windstöße verfloß mein erster Nachmittag in Hermit Cabins. Zuerst zeigte mir Herr Poquett seine Menagerie, deren Tierbestand recht bescheiden, aber höchst ungewöhnlich war: einige große weiße Mäuse, Albinos, mit rubinroten Augen, zwei rabenschwarze Katzen und ein gelber Rattenpinscher namens Rock. Sie lebten in bestem Einvernehmen miteinander, die Katzen spazierten mit den Mäusen auf dem Rücken vorsichtig umher, und Rock fühlte sich nicht im geringsten versucht, von seiner starken Übermacht Gebrauch zu machen. Die Katzen schienen ihm jedoch nicht zu trauen, denn als er kam und sie beschnupperte, wollten sie beißen. Darauf nahm ich auf der Veranda Platz und betrachtete die prächtige Gebirgslandschaft. Jetzt, da die sonst in immer dichteren Schatten verschmelzenden Hänge, Kämme und Zacken von den Strahlen der untergehenden Sonne getroffen wurden, leuchtete sie in leichten, roten Farbtönen. Im Nordwesten hatte ich die mächtigen Ausläufer vor mir, die von Mesa Eremita, einem Teil des Südrandes, ausgehen, und deren Schuttkegel zum Granitkorridor des Flusses abfallen. In Nordnordwesten, jenseits der Coloradoschlucht, erhebt sich ein schön gezeichnetes, dem Nordrand, und zwar der Gegend um den Mencius Temple, angehörendes Massiv. Im Norden ist ein Gipfel zu sehen, der Cathedral Spire heißt und wirklich der Ruine einer Kirche mit Turm und Schiff gleicht. Hinter mir hatte ich die herrlich beleuchteten Felsen, deren höchster Punkt Pima Point ist. Dort traten jetzt in stark goldgelben Tönungen zwei ungeheuere Kalksteinstufen hervor, unter denen drei weitere Stufen aus ziegelrotem Sandstein liegen. Die Stufen selbst sind senkrecht, aber die Zwischenräume zwischen ihnen sind schräge steile Hänge, die Vegetation tragen und recht stark ins Grüne spielen. Auf dem untersten von meinem Standort aus sichtbaren Abhang läuft unser Weg unterhalb der „Kathedralstufen“. Das Schönste von allem, was man von Hermit Camp aus erblickt, ist jedoch die durch die Erosion in kräftigen und architektonisch vollkommenen Linien und Formen herausgemeißelte Bergspitze des Hermit Peak, als deren Wurzel im Südrand man die Gegend um den Head of Hermit Trail bezeichnen kann. Sieht man sie von der Seite, von Osten oder Westen, so nimmt sie sich wie ein langgestreckter Wandschirm aus. Von Hermit Camp dagegen stellt sie sich in der Verkürzung dar und gleicht einer wunderbar malerischen Turmspitze, die sich auf einer Pyramide mit gewaltigen Stufen erhebt. Am frühen Morgen ist der schmale Giebel grell von der Sonne beleuchtet, während die ganze westliche Langseite zu einem kompakten Schatten zusammenschmilzt, in dem die feinen Einzelheiten verschwinden. Nicht weniger fesselnd zeichnet sich das großartige Bergmassiv am Nachmittag ab, wenn die ganze westliche Langseite sich im Purpurglanz der sinkenden Sonne badet und der nach Norden gerichtete Giebel im Schatten liegt. Dann wird die feine senkrechte Skulptur der Stufen vom Dunkel verschluckt. Nur wenn die Sonne zur Rüste gegangen und die Nacht gekommen ist, verschwindet das ganze erhabene Gebilde. Sonst nimmt der Hermit Peak zu allen Tageszeiten und bei allen Beleuchtungen einen der ersten Plätze unter den Erosionserscheinungen ein, an denen der Gran Cañon so reich ist. [Illustration: Blick auf Navaho Point nach Sonnenuntergang.] Bei El Tovar gibt es ein sogenanntes Hopi-Haus, ein aus ungebrannten Lehmziegeln im reinen Indianerstil erbautes Haus. Es soll den Touristen ein Bild davon geben, wie die Hopi-Indianer heute wohnen und wie ihre Väter vorzeiten gewohnt haben. Im Erdgeschoß hausen ein paar Hopifamilien; sie bereiten ihr Essen, wiegen ihre Kinder und verfertigen allerlei indianische Handarbeiten. Auf dem Hof vor dem Hause führen die Indianer jeden Nachmittag ihre alten Tänze auf, in jener kriegerisch malerischen Ausstattung, deren wir uns aus Coopers Indianergeschichten erinnern. Die Touristen stehen im Kreis herum oder schauen vom Dach des Hopi-Hauses zu. Wenn die Indianer ihr Programm erledigt haben, gehen sie herum und kassieren ihr Entgelt ein; sie haben aus dieser täglichen Vorführung offenbar ganz gute Einnahmen. Meine gastfreien Freunde waren auf den Einfall gekommen, mir eine gelungene Überraschung zu bereiten, die schon an diesem ersten Abend von Stapel gehen sollte. Der Hopihäuptling von El Tovar, Joo Secakuku, „Die gelben Füße“, hatte den Auftrag erhalten, sich nach der gewohnten Nachmittagsvorstellung mit dreien seiner Stammesgenossen nach Hermit Camp herabzubemühen, um mir etwas vorzutanzen und vorzusingen. Sie kamen auch. Dieselbe Strecke, die wir in 3½ Stunden hinabgeritten waren, hatten sie in 1½ Stunden im Laufschritt zurückgelegt. Es wäre keine Kunst, Zeit zu gewinnen, wenn man Richtwege benutzen dürfte, die die wilden Krümmungen abschnitten. Aber das ist streng verboten, da Steine sich lösen und herabrollen und andere Wanderer verletzen könnten. Joo Secakuku und seine Gefährten mußten daher dem Weg in allen seinen Windungen folgen. Ihre Kleidung war ihnen bei ihren Bewegungen nicht hinderlich, denn sie trugen nur eine Stirnbinde, ein dünnes Gewand, das lebhaft an Badehosen erinnerte, und Mokassins. Sie liefen in gleichmäßigem, sicherem Zotteltrab, atmeten, ohne sich anzustrengen, und kamen auch in bester Verfassung in Hermit Camp an. Zuerst erhielten sie ein recht ausgiebiges Essen, das sie zwei volle Stunden beschäftigte. Sie aßen und tranken, plauderten, lachten und sangen und machten einen schrecklichen Lärm. Beim Schein einer Laterne, die uns den Weg zeigte, stiegen wir um 10 Uhr abends in den Grund des Hermit Creek, des hohlwegartig engen Seitentals, hinab. Dabei kamen wir an der Höhenmarke vorüber, deren Zahl verrät, daß wir uns 1250 Meter unterhalb des Hochrandes befanden. Von hier hatten wir nur noch 20 Meter bis zu der kiesigen Sohle der Schlucht, in der schon ein riesiges Feuer flammte und seinen roten Schein auf die senkrechte oder überhängende Sandsteinwand warf: ein wirkungsvoller Hintergrund zu dem Schauspiel, dem wir beiwohnten. [Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado aufwärts.] Auf einem kleinen offenen Fleck am Ufer des Quellbaches, auf allen Seiten von dem undurchdringlichen nächtlichen Dunkel umgeben, tanzten die Indianer ihre alten Tänze. Phantastisch wild und echt sahen sie beim Feuerschein aus, und ihre Tänze wirkten bezaubernd. Man konnte sich in die Zeit versetzt denken, ehe Amerika von den Weißen entdeckt worden war, als die Rothäute in Arizona und an den Ufern des Rio Colorado noch in Freiheit lebten und keine andern Feinde hatten als die umwohnenden Stämme. Unbezwingbare Wehmut lag über diesem wunderbaren Bild, und mich beschlich ein beklemmendes Gefühl von Sympathie für diese letzten Trümmer eines stolzen herrlichen Volkes, das verdrängt und erstickt wird und ausstirbt. Ihren Gesang begleiteten sie mit einer Trommel und ein paar Klappern. Joo Secakuku erklärte die Bedeutung der Lieder und Tänze in tadellosem Englisch. Alles ging jedoch so schnell, daß ich mit meinen Aufzeichnungen nicht recht nachkommen konnte. Ich muß mich hier mit einigen Andeutungen begnügen, die Kenner der sterbenden indianischen Kultur mehr als mager finden dürften. Der erste Tanz, den Joo „Kachina“ nannte, war den Naturkräften gewidmet. Aus allen Erklärungen Joos ging hervor, wie tief die Ehrfurcht vor der Natur und ihren geheimen Kräften noch heute in dem Bewußtsein der Indianer wurzelt, obwohl die Berührung mit der weißen Christenheit zersetzend eingewirkt hat auf das Vertrauen vieler, wahrscheinlich der meisten von ihnen, zu den religiösen Anschauungen ihrer Väter. Doch soll es nach wie vor Stammeslieder geben, die nach dem, was Joo erzählte, nicht vor Fremden, sondern nur innerhalb des Stammes gesungen werden dürfen. Was den Häuptling selbst betrifft, so bekam ich den Eindruck, daß er noch an dem alten Glauben festhielt; daß er es jeden Nachmittag bei El Tovar und heute nacht im Hermit Creek über sich gewann, vor Fremden aufzutreten und zu tanzen und zu singen, geschah einzig und allein des Verdienstes wegen. Es wäre ja nicht zu verwundern, wenn sich die letzten Trümmer der schwächeren Rasse widerstandslos von dem Strom hinwegführen ließen, der „die Jagd nach dem Dollar“ heißt und an dessen Ufer die weiße Christenheit ihrer höchsten Gottheit, dem Mammon, Tempel erbaut hat. Im Schein der roten Flammen, während rote Farbenfelder über die Felswände zogen, vollführten die Indianer den „Frühlingstanz“, eine Huldigung an die vier Himmelsgegenden und an die gelben Wolken aus dem Norden, an die grünen Wolken aus dem Westen, an die roten aus dem Süden und die weißen aus dem Osten, die Regen bringen und den Menschen Getreide und Früchte schenken zum Lebensunterhalt. Gutgebaut, abgehärtet und wettergestählt waren die Tänzer, kupferbraun ihre Haut, aber jetzt trugen sie ihre charakteristischen Trachten in bunten Farben, ihre Schmucksachen und Halsbänder, ihre federgeschmückten Stirnbinden und ihre schönen Waffen, deren Ahnen in einer Zeit zu suchen sind, die im Dunkel der Sage verschwindet. Die Niederschläge spielen wie bei den Völkern des Morgenlandes so auch bei den Indianern eine wichtige Rolle. Gewisse Tänze und Lieder scheinen eine fromme Beschwörung zu enthalten, um den Regen herbeizulocken, eine inständige Anrufung und Bitte an die Geistermächte, die darüber zu bestimmen haben. Das „Schmetterlingslied“ singt und sagt von regenschweren Wolken mit Blitz und Donner, von befruchtenden Schauern, die alles keimen und die Wassermelonen schwellen machen. Dann tanzen Knaben und Mädchen und stimmen ihre Danklieder an für den Wohlstand und das Glück, die den Menschenkindern durch die Niederschläge geschenkt worden sind. Joo erzählt, daß der „Tanz der Schmetterlingsknaben und Schmetterlingsmädchen“ der Freude Ausdruck gab, die die Jungen wie Alten darüber empfanden, daß die gelben, grünen, roten und weißen Wolken wohlwollend und segenspendend waren. Mit kräftig klingender Stimme und einem breiten Lächeln um den Mund hielt Joo vor jedem Tanz und Lied seine kleine Rede. Königlich gerade und selbstbewußt, wie es einem Häuptling geziemt, stand er da und sprach mit Kraft und Überzeugung, als wollte er, daß wir den tiefen Sinn dieser Worte und Bewegungen verstünden und was sie ihm und seinem Volk bedeuteten. Seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen, seine Zähne wie Schnee, sein Gesicht und seine Arme wie Kupfer. In seiner Stimme glaubte ich jedoch einen Unterton von Wehmut zu hören. Er muß eine atavistische Empfindung davon gehabt haben, daß diese Abendstunde und die ganze Umwelt echt waren. In derartigen tief eingeschnittenen, verborgenen Talschluchten hatten vielleicht seine Väter gewohnt. Die gleichen Feuer hatten an den Lagerplätzen gebrannt, wo sie ihre Tänze aufführten und ihre Gesänge widerhallen ließen. Der gleiche rote Schein hatte in einer fernen Vergangenheit die Felsenspalten überzogen wie das Erröten die Wangen eines Mädchens. Und der Bach, der jetzt den fremden Namen Hermit Creek trägt, murmelte heute nacht noch ebenso melodisch wie in jenen entschwundenen Zeiten, als die Rothäute in ungestörter Freiheit Pumas in den Schluchten und Büffel oben auf den Prärien jagten. Joo Secakuku freute sich der Welt von Erinnerungen, die wie Gespenster aus dem nächtlichen Dunkel rings um das Feuer aufstiegen, er sprach mit Begeisterung, er sang mit Wärme und tanzte, als wenn der lange steinige Weg von El Tovar eine Kleinigkeit gewesen wäre. [Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek nach Südsüdwesten.] Bald zeichneten sich die Tänzer als schwarze Umrisse gegen die Flammen ab, bald zeigten sie sich in scharfen Formen, zur Hälfte beleuchtet vom Feuerschein, zur Hälfte verdunkelt vom Schatten, bald wieder hoben sich ihre Gestalten hell und rot von dem dunklen Hintergrund ab, und ihre Schatten tanzten wie riesige Gespenster auf der Felswand. Anmutig, weich und elegant wie der Tanz der Frauen in Samarkand, Dehli oder Kioto oder der Männer in Kaukasien ist dieser Tanz nicht. Er ist vielmehr eckig, wild und hastig. Die Indianer schleichen, ducken sich, kauern sich zusammen wie Katzen, schnellen empor, werfen sich zum Sprung nach vorn, drehen sich herum und stoßen ein durchdringendes Geheul aus. Während die orientalischen Tänze in Träume wiegen, berauschen und in unbekannte Länder führen, fesselt der Indianertanz in einer ganz andern Weise: man ist aufs äußerste gespannt, läßt sich keine Bewegung entgehen und fragt sich stets, was im nächsten Augenblick kommen soll. In Ladak und bei den Afridis und andern nordindischen Völkern kann man Tänze sehen, die an die der Hopi erinnern. Die Beschwörungstänze in tibetischen Klöstern sind jedoch anderer Art; dabei stehen die Tänzer und hüpfen bald auf dem rechten, bald auf dem linken Bein, drehen sich im Kreis herum, daß ihre Mäntel Pilzen gleichen, und fuchteln mit Armen und Beinen herum. Der Häuptling des Stammes und der Oberpriester bestimmen den Zeitpunkt für die alljährlich wiederkehrenden Tänze, die von dem Stand der Sonne und den Phasen des Mondes abhängen. Joo ahnte kaum, wie recht er hatte, als er ausrief: „Unsere Tänze sind ernst, euere nur Spiel und Zeitvertreib.“ Die Tänze der Indianer haben Inhalt, Absicht und Zweck. Sie sind religiöse Handlung, Mittel, die Natur und ihre unbekannten Mächte zu verehren und anzurufen. Der „Büffeltanz“ der Hopi-Indianer, den wir jetzt sahen und der sonst in den Herbst gehört, bedeutet eine Bitte um reiche Jagdbeute und viel Schnee im kommenden Winter; denn die Dörfer und Farmen des Stammes liegen in der Painted Desert, und ihr Wohlstand hängt von den Niederschlägen und dem Vorrat ab. Die Tänzer sind hierbei als Büffel angeputzt mit Fell und Hörnern, und ihre Sprünge und Bewegungen erinnern an die des Büffels. Nachdem die verschiedenen Abteilungen des Tanzes erledigt sind, schreitet man zum Heiligtum, um den Naturkräften Opfer und Verehrung darzubringen. Dem „Adlertanz“ folgte ein „Kriegstanz“. Joo erklärte dazu, die Hopi-Indianer seien friedlich gesinnt, aber in früheren Zeiten hätten sie in der Notwehr tapfer gekämpft, wenn sie angegriffen worden seien. Daher hätten sie auch ihre Kriegsgesänge. „Aber fragt die Navahos und die Apachen,“ fügte er hinzu, „ob der Hopistamm nicht friedliebend ist.“ Er erzählte von religiösen Vorstellungen und Bräuchen, die uns dunkel sind, von Geistern und ihrer Zaubermacht und von dem „Schlangentanz“, den Fremde selten zu sehen bekommen und der außerhalb der Grenzen des Indianerterritoriums nicht aufgeführt wird. Die Tänzer halten dabei lebende Schlangen im Munde. Im Zusammenhang hiermit sprach Joo auch von einer Art Brüderschaft, dem „Schlangenorden“, der in hohem Ansehen steht und dem er selbst angehört. Zuletzt sang er das „Erntelied“, das erotischen Inhalts zu sein scheint. Burschen und Mädchen sind auf den Feldern, um das Getreide zu mähen. Da sehen sie regenschwere Wolken aufsteigen; ein Gewitter ist im Begriff loszubrechen. Alle eilen hinweg, um in einer nahen Grotte Schutz zu suchen, in deren Mündung sie ein großes prasselndes Feuer anzünden. In der „Rauchgrotte“ vertreiben sie sich die Zeit mit Liebesspielen und fühlen sich sehr glücklich. Joo und seine Gefährten tanzten und sangen eine Stunde und noch eine zweite Stunde, bis sie um Mitternacht erklärten, sie hätten ihr Programm erledigt. Irgendwelche Müdigkeit war ihnen nicht anzumerken; wie Gemsen kletterten sie den Hang hinauf und verschwanden im Dunkel. Am nächsten Morgen sollten sie um 6 Uhr nach El Tovar zurückkehren und dabei unsere Maultiere benutzen dürfen, die Sandy zurückbringen sollte. Wir selbst verließen die verglimmende Glut und folgten den Indianern nach Hermit Camp hinauf. Den Anstieg von 175 Meter fühlte ich in meinen nach dem Ritt steifen Knien, und ich war recht froh, als ich endlich zur Ruhe ging, um in meinem Gitterkäfig die erste Nacht in der Tiefe des Gran Cañon zu verbringen. Ich lag noch eine Weile wach und lauschte dem Geschrei der verwilderten Esel, der „Burros“. Sie wurden einst vor etwa fünfzig Jahren von Bergleuten zurückgelassen, schlugen sich allein durch, tranken aus Fluß, Bächen und Quellen und hatten zur Genüge Weide. Ihre Zahl wird jetzt auf ungefähr 3000 geschätzt. Sie streifen in kleinen Herden umher, jedoch nur südlich des Flusses. Niemand tut ihnen etwas zuleide, aber gleichwohl sind sie fast ebenso scheu wie die Wildesel in Tibet. Sie einzufangen und zu zähmen, hält man nicht der Mühe für wert, da sie durch die ständige Inzucht entartet und zur Arbeit untauglich sind. [Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado abwärts.] Über die Wärme brauchte man sich nicht zu beschweren, obwohl wir Mitte Juni hatten. Um 12 Uhr nachts waren 20 Grad, um 6 Uhr morgens am 17. Juni 16,7 Grad, so daß es einem sogar kühl vorkam, um 12 Uhr mittags 25,5, um ½3 Uhr 29 und um 4 Uhr 32,5 Grad Celsius. Ich benutzte diesen Tag dazu, um einige kürzere Streifzüge zu unternehmen, Skizzen zu zeichnen und zwei Bücher über den Gran Cañon zu lesen, die ich bei mir hatte. Meine Reisegefährten Birchfield, Bryn und Kemp kehrten nach El Tovar zurück; an ihrer Stelle kam ein deutscher Professor, Leede, aus Seattle mit zwei Damen an. Siebentes Kapitel. Der Rio Colorado. Am nächsten Tag unternahm ich eine Fußwanderung durch das enge, gewundene, unbeschreiblich romantische Tal des Hermit Creek hinab an das Westufer des Coloradoflusses. Die Wärme hatte schon etwas zugenommen; um 11 Uhr hatten wir 27,3 Grad, aber unten im Hohlweg um ½1 Uhr waren es 34,2 Grad. Der Himmel war strahlend klar, und heftige Windstöße wirbelten zwischen den Felsen. Der Pfad führte an dem Schauplatz des nächtlichen Tanzes vorüber und kreuzte dann wiederholt den kleinen klaren Quellbach, der in seinem steinigen Bett dahinrieselt und dessen Ufer hier und da mit ziemlich dichtem Gebüsch bewachsen ist. Auf der ganzen, 2½ Kilometer langen Strecke steigt man 275 Meter hinab, also fast einen Eiffelturm. Der Weg ist sehr bequem und an einzelnen Stellen mit Geländer versehen. Senkrechte oder steil abstürzende Felswände schließen die Schlucht Hermit Gorge ein. Eidechsen huschen zwischen Geröll und Felsblöcken umher. Sonst ist das Tierleben arm. Nur hin und wieder fliegt summend eine Bremse vorbei. Der Bach ist oft nur so breit, daß man mit einem Satz hinüberspringen kann. Wo er etwas anschwillt, sind Steine gelegt, auf denen man hinübergeht. Fünfzehnmal muß man den Wasserlauf überschreiten. Bei jedem Übergang bellte mein einziger Begleiter, der Rattler Rock, und ich kam bald dahinter, was er wünschte. Er wollte, daß ich einen Stein ins Wasser warf, den er dann blitzschnell holte und mir brachte. Nachdem man den Bach zum letztenmal gekreuzt hat, befindet man sich plötzlich an dem Punkt, wo der Hermit Creek in den breitern und doch so engen und scharf eingeschnittenen Korridor mündet, in dem der Colorado seine ungeheueren Wassermassen dahinwälzt. In dem Mündungstor des Nebentals, dessen Breite 25 Meter nicht übersteigen dürfte, hat sich ein kleines Feld Sanddünen gebildet, die zum Teil durch Pflanzenwuchs gebunden sind. Im übrigen ist der Fleck trocknen Bodens, der sich zwischen der Talmündung und dem Flußufer ausbreitet, voller Blöcke und Kies. Das Flußwasser hat graubraune Farbe und ist dick wie Erbsensuppe. Man glaubt zu fühlen, wie der Boden unter den schweren Wassermassen erzittert, und ein dumpfes massiges Dröhnen erfüllt die mächtige Granitrinne, die vom Hochrand aus wie ein ganz schmaler Streifen aussieht. Die Landschaft, die sich rings um mich entrollt, ist großartig, aber nicht merkwürdiger als die Uferlandschaft irgendeines Flusses im Himalaja. Man ist zwischen hohen Granitfelsen eingeschlossen und sieht nur in den Verlängerungen der beiden Täler, d.❁h. auf drei Seiten, einen Schimmer ferner Höhen. Oben auf dem Rand bei El Tovar oder andern Aussichtspunkten befindet man sich so hoch, wie man nur kommen kann, und muß bei der Betrachtung der eigenartigen Landschaften in horizontaler Richtung oder nach unten schauen. An der Stelle jedoch, wo ich jetzt stand, war ich so tief unten im Gran Cañon, wie man überhaupt hinabsteigen kann, und richtete den Blick geradeaus und nach oben, als ich die wilden Formen betrachte, die die Erosion erzeugt hat. [Illustration: Aussicht von Navaho Point nach Nordnordosten. Die Mauer der Palisaden mit Comanche Point in der Mitte; links im Schatten Marble Cañon und der Colorado; auf der Höhe der Palisaden rechts die Bunte Wüste.] Der Colorado kommt hier unmittelbar von Osten und ist von dunklen, steilen Granitfelsen eingerahmt. Längs des linken Ufers stromauf zu gehen, ist unmöglich; die Bergwände fallen senkrecht zum Wasser ab. Von meinem Beobachtungspunkt aus macht der Fluß einen langgestreckten Bogen nach Nordwesten, den auf dem linken Ufer senkrechte, oft überhängende Felswände einfassen, während die Berge des rechten Ufers steile Hänge bilden. Und wenn ich nach Südwesten blicke, das Tal des Hermit Creek hinauf, gewahre ich eine mächtige Bergpartie, die abwechselnd aus Terrassen und Stufen besteht und in der Gegend von Hermit Basin vom Südrand vorspringt. Unmittelbar unterhalb der Einmündung des Nebentals in das Haupttal fesseln unsere Aufmerksamkeit die Hermit Falls. Hier kocht und siedet der Fluß, und die Wassermassen scheinen miteinander zu ringen; sie zwängen sich zwischen Blöcken hindurch, die ins Bett herabgestürzt und über Wasser nicht zu sehen sind. In Wirklichkeit sind es keine Fälle, sondern nur Stromschnellen. Oberhalb, d.❁h. östlich von ihnen, ist der Colorado breiter, ruhiger und stiller. Aber dann beginnt der Sog der Stromschnelle. Das Wasser baucht und wölbt sich in schön geformten blanken Wogen, die bei dieser Wassermenge ständig die gleiche Lage und Gestalt behalten. Die erste große Woge krümmt sich zu einem überhängenden Kamm, der keine Schaumkrone trägt, aber einen dunklen Schatten unter sich hat. Die nächste bricht sich in zischendem, schäumendem Gischt. Aus diesem Hexenkessel steigt das Dröhnen auf, das das Tal erfüllt. [Illustration: Brahma- und Zoroaster-Tempel, von Wylie Way Camp aus.] Ich blieb hier mehrere Stunden und machte einige Zeichnungen. Um 3 Uhr war die Temperatur auf 36,1 Grad gestiegen, aber ich befand mich ja auch in dem eingeschlossenen Tal zwischen Felsplatten, auf die die Sonne brannte. Die Luft war meist ruhig, nur hin und wieder kam eine frische Ostbrise, die den Flugsand in tanzenden Wolken aufwirbelte. Von Zeit zu Zeit eilten kleine schwarze Stämme und Äste Treibholz auf der Oberfläche des Flusses vorüber. Sie verrieten deutlicher als das Wasser selbst, wie kräftig der Sog der Strömung war. In den Strudeln der Stromschnellen verschwanden sie spurlos. Meinem Freund Rock muß ich einige Zeilen widmen. Einen angenehmern Gesellschafter hätte ich am Ufer des Colorado kaum haben können. Er war prächtig. Ich saß auf einem runden Block, der halb vom Wasser umspült wurde, und zeichnete. Gleich davor ragte ein zweiter Block aus den graubraunen Wogen; zwischen beiden wurde das Wasser vom Sog zusammengedrängt, so daß es ununterbrochen aufspritzte und plätscherte. Es sah aus, als würden unaufhörlich Steine ins Wasser geworfen; dieser Scherz reizte Rock. Er stellte sich auf die äußerste Spitze meines Blocks und bellte sich heiser. Von Zeit zu Zeit wandte er sich an mich, um sich über diese rücksichtslose Verhöhnung zu beklagen. Mir blieb nichts anderes übrig, als einen Stein in den Fluß zu werfen. Der Hund sprang mit wirklich großartiger Kühnheit ins Wasser, tauchte, fischte den richtigen Stein unter tausend andern heraus, kam triefend naß wieder ans Ufer und legte ihn neben mich, gab mir eine Dusche, die mein Skizzenbuch in Gefahr brachte, spitzte die Ohren, sah mich an und wartete auf den nächsten Stein. Er hütete sich wohl, in allzu tiefes Wasser zu geraten, und war stets darauf bedacht, daß er festen Grund unter den Füßen hatte. Zwar störte er mich beim Zeichnen, aber keiner von uns wurde des Spiels müde, und ich weiß nicht, wer von uns den größten Spaß daran hatte, Rock oder ich. Um ½6 Uhr zeigte das Thermometer 18 Grad im Fluß und 29 Grad in der Luft. Als ich eben im Begriff stand aufzubrechen, um nach Hermit Camp zurückzukehren, erschien Herr Poquett mit zwei Maultieren; ich brauchte daher die 275 Meter nicht zu Fuß zu erklimmen. Wir kamen grade zum Essen zurecht. Außer ~Dr.~ Leede und seinen beiden Damen war noch eine Gesellschaft von El Tovar angelangt. Es waren junge Mädchen, Lehrerinnen an irgendeiner Schule, die ihre Ferien dazu benutzten, ihren Bildungshunger zu stillen und ihr großes Land kennenzulernen. Nur 10,2 vom Hundert aller Touristen, die El Tovar besuchen, gehen auch in den Cañon hinunter, und von diesen sind 60 vom Hundert Damen, meist Lehrerinnen und Kinderfräulein. Am Abend goß eine schmale Mondsichel ihren bleichen, gespenstischen Schein über das wunderbare Tal, und an ein paar Stellen ertönten die Schreie der wilden Esel. Wie ein mächtiges Denkmal, eine rätselhafte Sphinx der Sagenzeit hob der Hermit Peak seine dunkle Spitze zum Nachthimmel empor; über ihm funkelte wie ein Diadem ein Stern. [Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar auf die Tempel in Nord 12° West.] Da ~Dr.~ Leede und seine Frau am Nachmittag des 19. Juni nach El Tovar zurückkehrten, beschloß ich, mich ihnen anzuschließen. Die Versuchung, am Fluß entlang nach Indian Garden zu gehen und von dort nach El Tovar hinaufzusteigen, war nicht groß; einerseits hatte ich einen Ausflug über Indian Garden und den Colorado nach dem Nordrand des Gran Cañon bereits geplant, anderseits ist der mehr als 32 Kilometer lange Weg längs des Flusses ziemlich eintönig. Übrigens hält er sich auf ein und derselben Höhe, ungefähr der gleichen wie Hermit Camp, und da er einen Tag fast ganz in Anspruch nimmt und so gut wie ohne Wasser ist, bekommt man keine Gelegenheit, zu zeichnen. Er heißt Tonto Trail, weil er die ganze Zeit auf den Hängen der Tontoformation läuft. Gleich unterhalb Hermit Camp trennt er sich von dem Pfad, auf dem wir vom Südrand herabgekommen waren. In scharfen zeitraubenden Biegungen nach Süden muß er tief eingeschnittenen Nebencañons ausweichen, dem Monument Creek und dem Horn Creek, um schließlich in den Indian Garden Creek zu münden. Dann muß er in ebenso scharfen Krümmungen nach Norden die vorspringenden Kaps des Südrandes umgehen, Cope Butte, die Fortsetzung von Pima Point, auf dessen Rücken die steilen Cathedral Stairs liegen, und The Alligator mit seinen beiden nach Nordwesten und Norden vorspringenden Felsenzungen. Wir brachen also nach dem Lunch auf, kamen an einem Platz mit dem bezeichnenden Namen Four Echo Rock vorüber und waren nach zwei Stunden wieder bei Santa Maria Spring, wo wir Wasser tranken und Apfelsinen aßen. Unten bei Hermit Camp war die Temperatur 33,5 Grad gewesen, jetzt war sie auf 26 gefallen. Der Ritt die steilen Hänge hinan ist für einen ungeübten Reiter viel leichter als der Ritt bergab. Im erstern Fall sitzt man wie in einem Stuhl, der Schritt für Schritt ruckweise in die Höhe gehoben wird, im andern Fall muß man die Füße fest gegen die Steigbügel stemmen, um nicht kopfüber über das Maultier zu rutschen. Wie man mir erzählte, ist in den siebzehn Jahren, seitdem El Tovar gebaut war, nicht ein einziger Unglücksfall vorgekommen. Am obersten Rand ist eine gemütliche Unterkunftshütte, Hermit Rest, errichtet. Hier brennt an kalten Tagen ein Feuer in einem offnen Herd, und jetzt im Sommer erhält man für wenig Geld erfrischende Getränke, Gebäck und Ansichtskarten. Ein telephonisch bestelltes Auto brachte uns im Nu nach El Tovar zurück, das voller hübscher Misses und Vergnügungsreisender aller Art war. Der ganze Himmel war den Tag über bewölkt und sah drohend aus. Die eigentliche Regenzeit beginnt jedoch erst einen Monat später. Man fand aber das Jahr 1923 kälter als gewöhnlich und argwöhnte, der Regen werde früher als sonst einsetzen. Ich gab mich der Hoffnung hin, das Wetter werde sich halten, bis ich alles gesehen hatte, was ich sehen wollte; denn bei Regen verliert der Gran Cañon seinen Reiz, die charakteristische Skulptur kommt nicht zu ihrem Recht, und die herrlichen Farben verschwinden. Dagegen rufen die Nebel, die von Zeit zu Zeit die gewaltige Talfurche füllen, überaus eigenartige Wirkungen und höchst überraschende Landschaftsbilder hervor. Tempel, Pagoden und Felsenkaps ragen dann aus dem Nebel empor wie Riffe und Schären in einem aufgeregten Meer. Einen Ruhetag benutzte ich dazu, am Rand entlang spazieren zu gehen und von malerischen Punkten aus Skizzen zu zeichnen. Auch verbrachte ich geraume Zeit bei dem liebenswürdigen Oberst Crosby, dem Regierungsvertreter. Er wohnt nicht weit vom Bahnhof im Wald in einem ungewöhnlich hübschen Landhaus. Er schenkte mir Karten, Broschüren und Photographien, und wir schmiedeten Pläne zu ein paar neuen Autoausflügen am Südrand entlang, so weit man überhaupt kommen kann. Am Nachmittag hörte ich einen sehr spannenden, lehrreichen Vortrag des Herrn Ellsworth L. Kolb, der eine verwegene Bootfahrt auf dem Coloradofluß durch den Gran Cañon unternommen hatte, wie seinerzeit Major Powell. Dann besuchte ich Joo Secakuku in seinem Haus, nachdem er seine gewohnten Tanzvorführungen beendet hatte. Er zeigte mir indianische Matten mit eigenartigen Mustern, und ich kaufte zehn davon. Schließlich traf ich auch mit Herrn Ford Harvey und dem Vizepräsidenten seines Konzerns, Herrn Wells, zusammen, zwei liebenswürdigen, sympathischen und gastfreien Herren. Sie waren nach El Tovar gekommen, um mit ihrem Architekten und andern Sachverständigen an Ort und Stelle über die Erbauung eines neuen großartigen Hotels zu beraten, da das alte, das mehr als eine Million Reichsmark gekostet hat, jetzt nicht mehr ausreichte und in wenigen Jahren viel zu klein sein würde. Wie ich schon erwähnte, ist die Zahl der jährlichen Besucher ständig im Steigen. Am heutigen Tag waren achthundert Gäste eingetroffen, und wenn auch die meisten Automobilisten sind, die in oder neben ihren Kraftwagen übernachten, so ist das Hotel doch stets vollbesetzt. Ich erlaube mir dem jungen Architekten als meine Ansicht zu sagen, ein Hotel bei El Tovar müsse so liegen und so gebaut werden, daß man von möglichst vielen Zimmern freie Aussicht auf den Gran Cañon hat. Ich würde es auch nicht in eine eingeschnittene Bucht legen, wie es jetzt in El Tovar der Fall ist, wo die im Osten und Westen vorspringenden Felsenkaps nur eine Aussicht gestatten, die nicht einmal die Breite eines Quadranten erreicht. Nein, ich würde es auf Hopi Point errichten, von wo aus man durch die Fassadenfenster zwei volle Quadranten oder den halben Gesichtskreis und von den Eckzimmern drei Quadranten beherrschen könne. Das jetzige Hotel bei El Tovar ist, was die Aussicht anlangt, so mißraten wie nur möglich. [Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nord 60° Ost. Rechts Yavapai Point.] So plaudernd, saßen wir in der großen Halle, die gleichzeitig als Gesellschaftszimmer dient, und die Feuer prasselten in den Kaminen. Auch heute war das Wetter trüb, windig und kalt gewesen, und um 2 Uhr nachmittags hatte das Thermometer nur 9,2 Grad gezeigt. Der beträchtlichen Höhe über dem Meer ist es zuzuschreiben, daß hier mitten im Sommer und in 36 Grad nördlicher Breite eine so niedrige Temperatur herrscht. Achtes Kapitel. Navaho Point. Nach einem Besuch bei dem Maler Dawson Watson, der mir seine verzweifelten Versuche zeigte, die Pracht des Gran Cañon in Öl wiederzugeben, und nachdem ich im Museumsgebäude Aykens großes Gemälde über das gleiche hoffnungslose Thema betrachtet hatte, ein Gemälde, das in künstlerischer Hinsicht recht gelungen ist, fuhr ich im Auto ostwärts nach dem gegen 48 Kilometer (30 englische Meilen[1]) entfernten Desert View oder Navaho[2] Point. Es war 3 Uhr, und die Temperatur angenehm (20 Grad), als ich aufbrach, um das Ziel meiner Fahrt zu erreichen, ehe die Sonne unterging. Herr Petrosa hatte mich mit Mundvorrat für den Abend und den ganzen nächsten Tag versehen; denn ich wollte in einer der drei Unterkunftshütten übernachten, die sich bei Navaho Point befinden, jedoch unbewohnt waren. Man gab mir daher auch Petroleum für die Lampe mit und Bettzeug, Laken und Decken, sowie vor allem den Schlüssel zum Küchenhäuschen, das mit einem Herd ausgestattet war und wo ich Tee oder Kaffee kochen und vielleicht in den Schränken etwas Eßbares, Marmelade oder ähnliches, finden konnte. Kurz vor dem Aufbruch fragte einer der Herren im Hotel, ob ich nicht eine Feuerwaffe mitnehmen müsse, da man vor Pumas, Luchsen, Wildkatzen und Heulwölfen nicht sicher sei, aber ich faßte seine Warnung als Scherz auf und wurde auch von wilden Tieren nicht gestört. Herr Tillotson, einer der Herren des Stabes am Gran Cañon, fuhr mich in einem kleinen Fordwagen durch den Wald. Bis Grand View war der Weg ausgezeichnet. Wir kamen an Thors Hammer vorüber, ließen Grand View zur Linken und mußten infolge einer Panne eine gute Stunde bei einem Ranch halten, der einst als Gasthaus gedient hatte. Hier ist die Grenze des Nationalparks. Das Gebiet ist vom Zeitungskönig W. R. Hearst gekauft worden, der die Absicht haben soll, sich am Rande des Abgrundes ein Haus zu bauen, um sich dadurch noch eine friedliche Wohnstätte zu verschaffen zu den vielen, die er schon besitzt und in die er sich für ein, zwei Wochen von seinem geräuschvollen Zeitungsgewerbe zurückzuziehen pflegt. Von diesem Punkt hat man eine prächtige Aussicht auf den Cañon und seinen Südrand, der nach Nordosten zu höher zu werden scheint, wo sich drei bewaldete, durch senkrechte, nackte Felswände voneinander getrennte Kaps hintereinander zeigen. [Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Ostnordosten.] Der Weg wird schlechter, aber nirgends schwierig. An einzelnen Stellen waren kleine Trupps von Navaho-Indianern damit beschäftigt, die Fahrbahn auszubessern. Von einem hölzernen Aussichtsturm, der über den Wald emporragt, wird ständig Ausguck gehalten, um die Viehhalter und Farmer der Gegend zu warnen, wenn ein Waldbrand ausgebrochen ist. Es muß ein schrecklich langweiliger Beruf sein, dort oben zu sitzen und den Wald anzugucken. Wenn man dagegen so wie ich zum erstenmal durch diese dunklen, kühlen Säulengänge dahinsaust, hat man seine Freude daran. Hier ist es still und feierlich. Selten rauscht ein Windhauch durch die Kronen der Bäume. Ein Reh, ein Murmeltier und ein Präriehund waren die einzigen Bewohner des Waldes, die sich erblicken ließen. Der graugelbe Präriehund, ein Nagetier, saß in einer Lichtung und betrachtete uns gelassen. Auch Stachelschweine sollen hier hausen und nicht selten in Sehweite kommen. Plötzlich hallte ein schrecklicher Lärm durch den sonst so stillen Wald; eine ganze Karawane von Autoomnibussen kam uns entgegen, nicht weniger als acht Wagen, voll besetzt mit Touristen, die von ihrem Ausflug nach Navaho Point zurückkehrten. Die Wagen donnerten und rasselten an uns vorüber, und der Boden erzitterte unter ihnen. Es war recht angenehm, zu wissen, daß wir also die Luft rein finden würden, wenn wir Navaho Point erreichten. Herr Tillotson machte mich auf die in diesem Urwald vorherrschenden Bäume aufmerksam. Es waren die Gelbkiefer (~Pinus ponderosa~), die Douglastanne (~Pseudotsuga taxifolia~), der Utahwacholder (~Juniperus utahiensis~) und die Färbereiche (~Quercus tinctoria~). Eine halbe Stunde, ehe man am Ziel ist, hört die Gelbkiefer auf, und die Nußkiefer (~Pinus edulis~) herrscht vor. Die Gelbkiefer zeigt sich jedoch wieder in einer Senke, wo die lockere Erdschicht mächtiger ist; denn dieser Baum beansprucht mehr Erde als die andern. Der Weg läuft in so scharfen Biegungen, daß man bisweilen nach Westen fährt. Hier und da sind „Tanks“ angelegt, Teiche zum Ansammeln des Regenwassers für das im Wald weidende Vieh, das sonst verdursten würde. Wir lassen Lipan Point zur Linken und sind um ¾6 Uhr am Ziel. Zwischen den Bäumen auf dem nach Norden vorspringenden Kap Navaho Point oder Desert View sind etwa hundert Schritt vom Rande des Abgrundes entfernt drei Unterkunftshütten errichtet. Die östlichste von ihnen ist an ihren beiden Schmalseiten mit Veranden versehen, die von Drahtnetzen umschlossen werden, und enthält den Speiseraum und die Küche. In der Küche befinden sich ein kleiner Herd und wandfeste Schränke mit einigen Vorräten wie Tee, Zucker, Kaffee, Marmelade und Keks, eine Wasserleitung, Eimer, Kannen, Schöpfkellen, Teller, Schüsseln, Tassen usw. aus emailliertem Blech. Die westlichste Hütte besteht aus einem einzigen Raum mit Veranda. Das Zimmer ist mit Bett, Kommode, Waschgestell, einigen Rohrstühlen und einem eisernen Ofen ausgestattet. Von der gleichen Art ist die mittlere Hütte. Ein paar kleinere Reisegesellschaften können also an dem Ort übernachten. Doch jetzt war keine Menschenseele in Navaho Point, kein Wächter oder Diener, nicht einmal ein Indianer oder ein Neger. Den letzten Besuchern waren wir unterwegs begegnet; keiner von ihnen hatte Lust gehabt, hier über Nacht zu bleiben. Ich würde also mutterseelenallein in der Wildnis sein, fern von El Tovar, dem äußersten Vorposten der Zivilisation. Tillotson öffnete die beiden Hütten, die ich benutzen wollte, und zeigte mir, wo ich alles finden konnte. Nachdem wir Gepäck und Proviant abgeladen und in meine Schlafhütte gebracht hatten, sagte er mir Lebewohl und verschwand mit seinem Auto im Wald. Ich trug ein paar Stühle an den Rand des Kaps und begann einige Umrißskizzen zu zeichnen und zu kolorieren. Es muß schnell gehen, denn die Schatten werden mit jeder Minute länger, und das Farbenspiel wechselt ständig. Die ganze von Norden nach Süden laufende Felswand der Palisaden, die die denkbar schärfste Grenze gegen die Painted Desert im Osten bildet -- eine viel gewaltigere Grenze als die Chinesische Mauer in den Tagen ihres Glanzes -- und an deren Westfuß der Colorado fließt, ist jetzt bei Sonnenuntergang in leuchtend rotes Licht getaucht. Fast alles andere liegt im Schatten. Im Talgrund ist noch das sich schlängelnde silberne Band des Flusses zu unterscheiden. Die Sonne steht am Horizont in der westlichen Verlängerung des Gran Cañon und geht in Feuergluten unter. Da verblaßt die rote Beleuchtung auf den „Palisaden der Wüste“, und alle Farben schmelzen zu einem ziemlich tonlosen Violett und Grau zusammen. Auch diese Beleuchtung versuchte ich in einer schnellen Skizze festzuhalten, wobei ich mehr die Stimmung als die Einzelheiten der Topographie berücksichtigte. Nach einer Weile verwischen sich die Einzelheiten mehr und mehr, die bei Tageslicht so scharf hervortretenden Formen verschwimmen, und nur die großen Züge machen sich in verschiedenen kräftig beschatteten Feldern geltend. Über dem westlichen Horizont lag noch eine Zeitlang ein starker Widerschein der sinkenden Sonne, und über der Erde schwebte wie eine lange gerade Brücke eine Wolke. [Illustration: Aussicht von Havasupai Point nach Westen.] Nur ein Meter von meinem Aussichtspunkt entfernt gähnte die schwindelnde Tiefe. Ein undurchdringlicher Nebel scheint dort unten zu herrschen. Nur der Nordrand des Cañon ist noch scharf gezeichnet, und das Flußbett hebt sich als hellerer Streifen von seiner Umgebung ab. Aber die Dämmerung wird dichter, und der Vorhang der Nacht senkt sich vor die großartige Skulptur. Hinter mir rings um die Hütten wird der Wald dunkel, der Mond steht hoch am Himmel, und die Fichten ragen wie Spukgestalten mit ausgestreckten Armen in die Höhe, sie werfen rabenschwarze Schatten auf die hellen Kalksteinflächen. Die leichte, ungleichmäßige Abendbrise, die in den Baumkronen gerauscht und das Kap umbraust hat, ist eingeschlafen; es ist grabesstill am Rand des Gran Cañon. Die Stimmung ist wunderbar, ihre Erhabenheit unbeschreibbar. Das Gefühl des Schwindels verschwindet -- man sieht jetzt ja nicht, wie tief es bis zur Talsohle ist. Ich sitze immer noch da und lausche und habe die Empfindung, als erwartete ich, daß etwas geschehen werde. Aber kein Laut stört die Stille. Doch was ist das? Ach, nur eine Schleiereule. Vergebens warte ich darauf, zu hören, daß ein Stein sich löst und den Steilhang hinunterstürzt. Aber in dieser Nacht stehen die Mauern des Cañon fest, nichts fällt hinab. Ich meinte sicher zu sein, daß die Heulwölfe, die Cojote der Painted Desert, an den Waldrand kommen und klagen und heulen würden. Aber vergebens warte ich auch auf sie. Vielleicht wittern sie, daß sich ein Mensch in der Wildnis niedergelassen hat, und halten sich daher fern. [Illustration: Blick nach Norden und Nordnordosten von einem Punkt bei Bright Angel Point.] Es ist ein recht ungewöhnliches und eigenartiges Gefühl, ganz allein zu sein, nicht einmal einen Hund als Gesellschaft zu haben und zu wissen, daß es bis zum nächsten Menschen vierzig, fünfzig Kilometer sind. Nachdem ich jetzt beobachtet hatte, wie die Nacht den Gran Cañon in ihre Obhut nahm, hatte ich nichts weiter zu tun, als im Küchenherd Feuer zu machen, Teewasser aufzusetzen und in meiner Hütte die schönen Sachen aufzutischen, die Herr Petrosa in meinen Korb gepackt hatte, belegte Brote, Brot, Butter und Käse, Huhn und Eier, eine Flasche Rotwein und eine Flasche Sahne, Apfelsinen, Pfirsiche und Pflaumen. Das Schweigen des Waldes und des Abgrundes umgab mich. Ich vermißte nicht die Signale der Lokomotive, das Ächzen des Motors oder das Brausen menschlicher Stimmen. Mein Zimmer hatte fünf Fenster mit Glasscheiben, und ich zog die Vorhänge auf, um den Mond hereinscheinen zu lassen. Die Tür zwischen Stube und Veranda durfte offenbleiben, die Außentür der Veranda dagegen war geschlossen, und die unternehmungslustigen Katzen hätten wohl vergeblich versucht, das Drahtnetz zu zerreißen. Das Dach ist doppelt; es besteht aus Schindeln und Sackleinwand und flattert und klatscht wie ein gewöhnliches Zelttuch, wenn ein nächtlicher Windstoß über die Gegend zieht. Über die Wärme brauche ich mich nicht zu beklagen: es war ziemlich frisch, um 8 Uhr abends 12,2 Grad und um 11 Uhr 7,8. Nachdem ich mir mein Lager zurechtgemacht und aus der Küche Waschwasser geholt hatte, ging ich wieder auf das Kap hinaus, um einen Abschiedsblick auf die rätselhafte Urwelt zu werfen, die offen in der Nacht dalag. Dann legte ich mich hin, löschte die Lampe und lag im Mondschein noch eine Weile wach; nach wie vor lauschte ich vergeblich auf das Abendlied der Cojote. Am andern Morgen um ½6 Uhr war ich schon wieder draußen auf dem Kap. Gerade war die Sonne aufgegangen. Aber der rote Schein fehlte ganz, der am Abend vorher die Mauer der Palisaden gefärbt hatte; er wird wahrscheinlich von den in der Luft herumfliegenden feinen Staub- und Wasserdampfteilchen hervorgerufen. Jetzt war der Himmel vollkommen klar und blau, die roten Töne verschwunden. Im Westen war der Cañon herrlich beleuchtet, doch nicht in den warmen Tönen des Abends. Die Palisadenwand und der von Norden nach Süden strömende Teil des Colorado lagen in tiefem Schatten. Die Landschaft hatte ihr Aussehen völlig verändert. Aber die großen Linien waren stets dieselben, die vom Nordrand und Südrand vorspringenden Kaps, Hügelketten und Tempel waren vom Licht des Morgens übergossen. Das Thermometer zeigte 8,4 Grad; um ½10 Uhr war die Temperatur auf 14 Grad gestiegen. Nachdem ich in der Küche mein Frühstück eingenommen hatte, begab ich mich mit Zeichenblock, Wasserfarben und Wasser wieder auf das Kap hinaus und stellte meinen Stuhl in den Schatten einer Kiefer. Der Tag war strahlend klar, aber es wehte ziemlich frisch, und der Wind heulte in Schroffen und Vorsprüngen und in den Kronen der Bäume. Eine Schwalbe schießt an mir vorüber, knapp über der Erde; aber eine Sekunde später, nachdem sie den Felsrand hinter sich gelassen und über den Cañon hinausgesegelt ist, befindet sie sich plötzlich 1400 Meter über dem Erdboden. Sonst ist das Vogelleben wenigstens hier draußen auf dem Kap recht arm; auch die Insekten sind spärlich vertreten. Ein paar Fliegen summen in der Luft, und eine Libelle blitzt über dem Abgrund auf, kehrt aber um und fliegt in den Wald hinein. Die Schwalben wurden gegen Abend recht zahlreich und schienen Vergnügen daran zu finden, einander über die gähnende Tiefe hinauszujagen. Im übrigen stört mich nichts; keine Laute sind zu vernehmen, keine Stimmen zu hören, tiefster Sonntagsfrieden herrscht überall. Einsam sitze ich am Hochrand, vor mir und unter mir das großartigste Schauspiel, das es auf Erden gibt. Ich schaue nur und bewundere und kann mich nicht dazu bringen, mit Zeichnen zu beginnen. Man ertrinkt ja in diesem ungeheuren Reichtum an Einzelheiten, man kommt sich ungeschickt, lächerlich und verzagt vor und findet, daß die Aufgabe völlig unlösbar ist. Und nimmt man seine Zuflucht zu einer Kamera mit großen Platten und scharfen Linsen, dann erhält man zwar ein treues Bild dieser Hunderttausende dunkler senkrechter Furchen, die durch die Erosionskraft des Regens und die Verwitterung entstanden sind, und dieser wagerechten Schichten, Leisten, Stockwerke und von steilen Stufen unterbrochenen Mauern, die die Ablagerungen der geologischen Zeitalter erkennen lassen, aber die Farben fehlen und die Luft; die Perspektive, die Entfernungen und die ungeheuren Tiefen kommen auf einer Photographie nicht zur Geltung. [Illustration: Aussicht von Havasupai Point nach Nord 20° West.] Mit Todesverachtung beginne ich endlich ein Aquarell. Der ganze Cañon ist von Sonne überflutet. Die Schatten machen sich wenig geltend. Sie sind sonst eine Hilfe, denn sie verbergen die Einzelheiten gewisser Felder. Ich versuche, alle Nebensächlichkeiten auszuschließen und mich an die großen Linien zu halten, aber bald finde ich, daß ich mich trotzdem in allzu viele Kleinigkeiten verliere und daß die Zeit nur zu schnell entflieht. Und ohne Einzelzüge fehlt dem Cañonbild doch viel von seinem eigenartigen Reiz. Diese zahllosen hervortretenden, sonnenbeleuchteten Säulen zwischen den senkrechten Erosionsrinnen gleichen riesigen, in verschiedenen Stockwerken übereinanderliegenden Galerien einer Kathedrale von übermenschlichen, phantastischen Maßen, ihrer unermeßlichen Anzahl gegenüber fühlt man sich machtlos. Dennoch arbeite ich drauflos; aber das Ergebnis ist jämmerlich. Gestern abend, als die letzten Minuten einander jagten und die ganze Landschaft rot war oder in Schatten lag, gelang mir die unbeschreibliche Stimmung besser. Im Osten fallen die senkrechten Mauern meines Kaps in eine kleinere Einbuchtung ab, einen Seitencañon ohne Namen, an dessen gegenüberliegendem Rand die Mauer der Palisaden einschwenkt und in die eingekerbte Linie des Südrandes übergeht. Auf der Hochfläche östlich der Palisaden schimmern schwach gewellte grüne Felder, die Wiesen gleichen; wahrscheinlich sind es Sträucher, Präriepflanzen, vielleicht Unterholz, das sich infolge der Entfernung nur durch sein Grün geltend macht. Ein tafelförmiger Berg ist auch in dieser Richtung zu sehen. Im Osten und Nordosten breitet sich Painted Desert, die Bunte Wüste, aus, auf deren „Mesas“ die Hopi-Indianer ihre Dörfer erbaut haben. Diese Wüste nimmt die ganze Nordostecke des Staates Arizona ein und erstreckt sich auch in die Nachbarstaaten Utah, Colorado und Neumexiko hinein. Ihre Westgrenze ist der Cañon des Colorado; von hier zieht sie sich, so will es dem Auge scheinen, ins Unendliche; sie schillert in den leichtesten, entzückendsten Farbtönen und Übergängen, in Gelbgrau und Rot, in Rosa und Hellgrün, in Blau und Violett. Flache Bodenwellen und einige platte, tafelförmige Anhöhen sind in immer helleren Tönungen bis in eine verschwindende Ferne zu sehen; man kann nicht immer entscheiden, ob ihre Umrißlinien der Erde angehören oder nur Dunstbänke sind oder dünne Wolkenschleier am Horizont. Diese Wüste, so ungleich den asiatischen Mustern mit ihrem eintönigen Graugelb und ihren ewigen Flugsandfeldern, übt wie diese einen geheimnisvollen Zauber aus, und ich muß meine Sehnsucht bekämpfen, ein, zwei Wochen in ihrem Innern zuzubringen. Ein sehr charakteristischer, scharf hervortretender Zug in dem mir am nächsten liegenden Teil der Painted Desert ist die dunkle Linie, die den Cañon des Kleinen Colorado bezeichnet. Dieser linke Nebenfluß des Colorado entspringt auf dem Coloradohochland und fließt in fast gerader Linie nach Nordosten, um sich mit dem Hauptstrom zu vereinigen, kurz bevor dieser sein scharfes Knie nach Westen macht. Da sich der Beschauer auf Navaho Point fast in derselben Höhe befindet wie die allgemeine Oberfläche der Painted Desert, ist es klar, daß die ganze Tiefe des Korridors des Kleinen Colorado seinen Blicken verborgen bleiben muß. Das einzige, was er sieht, ist der oberste Rand des rechten Ufers, der ebenso senkrecht und scharf gezeichnet ist wie der „Rim“ an den Seiten des Großen Cañon. Daß man überhaupt etwas von diesem rechten Rand erblickt, beruht darauf, daß er höher ist als der linke. [Illustration: Aussicht von Havasupai Point auf das Nordufer des Gran Cañon. (Nord 30° Ost.)] Vertieft man sich in die Aussicht von Navaho Point, dann ist man sich klar: dies ist doch das Großartigste, was ich bisher vom Gran Cañon gesehen. Allerdings: denselben Eindruck hatte ich vorher bei Grand View gehabt. Man tut wohl am besten, gar keine Vergleiche anzustellen, sondern einfach zu gestehen, daß jeder dieser Aussichtspunkte uns eine Welt unvergleichlicher, ungeahnter Schönheit schenkt. Von El Tovar aus beim satten Purpurglanz des Sonnenuntergangs gesehen, sind die Pagoden und Türme am Nordrand vielleicht das prächtigste all der Schauspiele, denen man hier beiwohnen darf. Aber Navaho Point beschert uns nicht nur den Anblick der roten Pracht der Abendbeleuchtung auf den Palisaden, sondern hat auch den Vorzug, daß wir das Tal des Colorado sowohl nach Norden im Marble Cañon beherrschen wie nach Westen, wo er seine Stromrinne in den Granit eingesägt hat. Denn Navaho Point liegt gerade im Knie, wo der Fluß seinen Lauf ändert und nach Westen fließt, nachdem er eben noch von Norden nach Süden strömte. Von Nordnordosten kommend, wälzt er sich durch den Marble Cañon und beschreibt unmittelbar oberhalb und unterhalb der Mündung des Kleinen Colorado nur sehr unbedeutende Bogen. Gerade unter Comanche Point hat er sich in Mäanderwindungen eingeschnitten, deren erste auf einigen Skizzen von mir deutlich erkennbar ist. Mit Hilfe des Fernglases sehe ich, wie sich die Wassermassen ungestüm vorwärts wälzen, aber kein Laut ihres Tosens dringt an das Ohr. Das Wasser selbst und die Kiesbänke an den Ufern haben die gleiche graue Färbung wie die Tontohänge. An ein paar Stellen des Ufersaums sind schmale grüne Vegetationsbänder zu sehen. Im Nordwesten und Westen wird der Fluß und der weiter stromab beginnende Granitkorridor von einem mächtigen Ausläufer der Felswand des Südrandes verdeckt. Links von der Pyramide dieses Ausläufers wird ein Stück der Granitschlucht als ungeheurer, klaffender Spalt sichtbar, mit Seitentälern, die gleich dunklen Keilen die Tontohänge durchschneiden. Von hier aus gesehen, erscheinen diese Abhänge nicht besonders steil, und bei der Beleuchtung, die um Mittag herrscht, schimmern sie grau mit einem Stich ins Grüne. Über der Tontoformation erheben sich die gewöhnlichen, leicht erkennbaren Schichten, der Redwall mit seinen senkrechten Abstürzen, die steilen Hänge der Supaischichten und die Coconino- und Kaibabablagerungen in etwas unbestimmten, trüben Farbtönen, in denen jedoch das Rot überwiegt. Gerade unter mir in Westsüdwest zieht sich ein kleiner Seitencañon hin, der Tanner Cañon. Auf seiner Sohle schlängelt sich ein graues Band -- ich kann nicht erkennen, ob es nur Geröll ist oder ob auch ein Bächlein in dieser Furche hinabfließt. Das gewaltige Tal streckt sich nach Westnordwesten und scheint ganz hinten in der Ferne in Dunst und Nebel überzugehen. Aber es weht auch eine recht frische Brise, und die Luft ist nicht klar. Schaue ich nach Nordwesten, dann erblicke ich zuerst unmittelbar vor mir den der Supaiformation angehörenden Ausläufer, der die beiden Erhebungen Escalante Butte und Cardenas Butte trägt, die erstere mit Resten von Coconinosandstein auf ihrem Gipfel. Dahinter liegt der Colorado in der Tiefe und jenseits des Flusses mehrere der obengenannten Tempel und Pyramiden, die sich auf Ausläufern des Walhallaplateaus erheben. Diese herrliche Gegend sollte ich bald näher kennenlernen. Hinter der Reihe von „Tempeln“, die nach Apollo, Venus, Jupiter und Juno benannt sind, zu einem sehr unregelmäßigen Ausläufer des Walhallaplateaus gehören und ihre Wurzel in der Nähe des Cape Final haben, erheben sich zwei Pyramiden, die Siegfried Pyre und Gunther Castle heißen und auf einigen meiner Skizzen in verschiedenen Beleuchtungen zu sehen sind. In einer wichtigen Hinsicht hat der Bogen des Colorado, oberhalb dessen wir uns jetzt befinden, ein ganz anderes Aussehen als die übrigen Teile des „Innern Cañons“, die wir von andern Aussichtspunkten und von der Mündung des Hermit Creek aus gesehen haben. Hier im Osten ist das Tal offener und breiter, im Westen dagegen ist es eingeengt wie ein schmaler Korridor. Das beruht darauf, daß der Fluß beim Austritt aus dem Marble Cañon durch die weicheren Schichten der Unkarformation fließt, während er weiter stromab, ungefähr 10 Kilometer unterhalb Navaho Point, seine Rinne in den Granit einzusägen beginnt. Die Hänge der Unkargruppe, durch die sich der Strom hindurchgeschnitten hat, bestehen aus rotem Schiefer und grauem und braunem Sandstein, spielen aber meist ins Rote. Die schwarzen Felsbänder, die hier und da die Unkarhügel unterbrechen, bestehen aus Diabas, der in flüssigem Zustand aus dem Innern der Erde emporgepreßt worden ist und sich zwischen die sedimentären Schichten hineingezwängt hat. Auf meinen Skizzen von Navaho Point aus, die die prächtige Felsenmauer der Palisaden darstellen, tritt Comanche Point hervor, besonders auf der Bleistiftzeichnung (S. 127), wo dank der Abendbeleuchtung und der scharfen Schatten das Relief kräftiger zur Geltung kommt. Die Stunden schritten vorwärts, und die Schatten im Tal wurden nur allzu schnell länger. Wie angewurzelt saß ich am Rand dieses riesigen Grabes, in dessen Schoß unzählige Jahrtausende hinabgesunken und dann, dank der Erosion des Colorado, wiederauferstanden waren von den Toten. Und dieses Grab ist zugleich ein Monument des scheinbar so launischen Spiels der Naturkräfte, eine Stadt von Denkmälern, Tempeln und Türmen, eine Bibliothek von Urkunden der Geschichte der Erde. Einsam sitze ich hier und hänge meinen Träumen nach und mache verzweifelte Versuche, in Farben und Federstrichen das Wesentliche in meinem Skizzenbuch festzuhalten. [Illustration: Blick von Havasupai Point nach Osten. In der Tiefe der Colorado.] Plötzlich stört ein Lärm im Wald den Frieden. Es ist 3 Uhr. In schweren Autoomnibussen kommen Menschen angerollt, Herren, Damen und Kinder, Großkaufleute, Kontoristen, Lehrer, Lehrerinnen und Erzieherinnen, junge Eheleute, mit einem Wort Touristen. Ihre Art und Weise, sich zu benehmen, ist nicht sehr fein; sie stellen sich gerade hinter meinen Stuhl und betrachten meine armseligen Skizzen mit größerer Aufmerksamkeit und Neugier, als sie dem Cañon widmen, den sie gar nicht verstehen. Es ist recht spaßhaft, unfreiwillig ihrem geistreichen Gespräch zu lauschen. „Was ist das Graue dort unten? Ist das ein Weg?“ -- „Nein, das ist der Fluß.“ -- „Welcher Fluß?“ -- „Der Colorado.“ -- „Ach, das ist der Colorado. Wie interessant!“ Zum Glück blieben sie nicht viel länger als eine Stunde, und ich war froh, als ich das Rattern der Autoomnibusse verhallen hörte und Schweigen wieder den Wald erfüllte. Übrigens hörte ich auf meinen Streifzügen manche sonderbare Äußerungen über den Gran Cañon. Eine, die mir gerade einfällt, lautete: „Dieses Tal ist die Hölle ohne Feuer und Schwefel, von der man den Deckel weggenommen hat.“ Ja, Dante hätte neue Gedanken erhalten, wenn er den Gran Cañon gesehen hätte, obgleich das von einem Zeitgenossen Marco Polos wohl etwas viel verlangt ist. Meister Doré hätte sich hier an einer Architektur weiden können, die seine kühnsten Phantasien weit übertraf. Stunde um Stunde verrinnt, und bald ist der Tag verstrichen, wieder eine Sekunde in der Ewigkeit. Um 6 Uhr esse ich in der Küche mein Mittagbrot; in aller Eile, um nicht das Schönste des abendlichen Schauspiels zu versäumen. Die Sonne sinkt, die Bergwände beginnen wieder wie Rubine zu glühen. Es ist, als würde die Erdrinde durch das flüssige Magma von innen erhitzt und als würden die hohen Felsenmauern des Cañon bald weich werden, zusammensinken und schmelzen. Im Tal des Colorado liegt es wie ein Nebelschleier. Ich unterscheide gerade noch den vorher von schwarzen Schatten bedeckten Marble Cañon. Im Westen, wo die Sonne den Horizont berührt, sind die Berge farblos; höchstens kann man sagen, daß die entferntesten als leicht graublaue Wandschirme in der Ferne hervortreten. Die Mauern und Ausläufer des Cañon erscheinen in immer dunkleren Tönungen, je näher sie meinem Standort liegen, und die Partie unter meinem Kap ist bereits pechschwarz. Der Wind rauscht ununterbrochen. Die Dämmerung senkt sich herab. Ich warte darauf, das Ächzen des Automobilmotors im Walde zu hören. Es war verabredet, daß ich heute abend nach Sonnenuntergang abgeholt werden sollte. Doch alles blieb still. Ich traf daher meine Vorbereitungen für eine neue Nacht, holte Wasser in meinen Schlafraum und war gerade damit beschäftigt, meine Petroleumlampe zu füllen, als ein gelles Hupensignal das Schweigen durchschnitt und ein Whiteauto vorfuhr. Meine Sachen wurden im Wagen verstaut, dann fuhren wir nach El Tovar zurück. Die Scheinwerfer warfen ihre weißen Lichtkegel auf den Weg, und der Mond beleuchtete die Landschaft. Am Wegrand tauchten einmal ein paar Stachelschweine auf, und ein andermal hätten wir beinah eine Kuh überfahren. In El Tovar leuchteten die elektrischen Lampen wie in einer Stadt. Die Zivilisation, zu der ich zurückkehrte, erschien mir recht armselig im Vergleich mit der Stimmung, die an meinem Wallfahrtsort geherrscht hatte, am Rande der Wüste. [1] Diese Zahl gab man mir in El Tovar, und der Kraftwagenführer bestätigte sie. Nach Dartons Buch beträgt die Entfernung nur 20 engl. Meilen (32 Kilometer), aber nach der Karte ist sie mindestens 25 engl. Meilen (40 Kilometer). [2] Spanisch geschrieben Navajo. Neuntes Kapitel. Nach Havasupai Point. Den 23. Juni benutzte ich dazu, kleinere Streifzüge am Rand entlang zu unternehmen und Skizzen zu zeichnen. Als ich am Vormittag an dem großen, im Freien errichteten Käfig der Luchse vorüberging, waren die unglücklichen Gefangenen aus dem Wald nicht zu sehen; sie scheuten das starke Sonnenlicht und hielten sich in ihrem künstlichen Bau verborgen. Am Nachmittag sah ich mir wieder den Tanz der Indianer an und verfolgte wehmütig Joo Secakukus gewohnte Sprünge vor den weißen Zuschauern. Die Indianer waren bei diesen Gelegenheiten mit all ihrer barbarisch malerischen Pracht geschmückt und trugen bunte Federn in der Stirnbinde, Halsbänder und Armreifen, hagebuttenrote Mäntel ohne Ärmel, Bogen und Pfeile. Aber sie sind Gefangene, wie die Luchse, und das unsichtbare Gitter, das ihr Leben und Treiben umgibt, läßt sie ebensowenig durch wie die Eisenstangen des großen Käfigs die Luchse. Sie sind ein sterbendes Volk mit einer Vergangenheit voller Freiheit und Wildmarkpoesie; das ganze Leben ist für sie ein Sonnenuntergang ohne Hoffnung auf einen neuen Morgen. [Illustration: Der letzte Widerschein des Abendrotes auf den Palisaden, von Point Royal aus.] Als es dämmerte, ging ich wieder zu den Luchsen. Jetzt, in der Stunde der Schatten, waren sie erwacht, jetzt weiteten sich ihre Pupillen, und von den nackten Ästen des Baumes, der in der Mitte des Gefängnisses stand, konnten sie ihre Blicke nach Süden in die dunklen Verstecke des Waldes schweifen lassen, wo sie einst Rehe, Kälber, Schafe und Hasen gejagt hatten. Nun mußten sie von Fleisch leben, aus dem schon die Wärme geflohen war, die aus den pulsierenden Schlägen des Lebens und des Blutes stammte. Eins der Tiere mit Backenbart und langen Pinselhaaren an den Ohrenspitzen, mit Mienen voll unauslöschlichen Hasses und unbezähmbarer Wildheit und Grausamkeit, saß am Gitter, unbeweglich wie eine Bildsäule, als lauere es auf ein Opfer und sei fertig zum Sprung. Als ich näher trat, um den Gefangenen zu betrachten, fuhr er wie von einer Schlange gestochen auf, schlug die Tatzen um ein paar Gitterstäbe, zog die Oberlippe hoch, sperrte den Rachen auf und fauchte mit unheilkündender Kraft, als wollte er am liebsten seine Hauzähne in meine Kehle senken. Ich fuhr zusammen und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Meine Rache beschränkte sich darauf, daß ich oberhalb des Kopfes der kleinen wütenden Bestien mit dem Stock an die Eisenstange schlug. Pfeilschnell sprang das Tier zu einem der obersten Äste des Baumes hinauf, und seine Augen glühten wie feurige Kohlen, als wollte es mich mit seinen haßerfüllten Blicken durchbohren. Es ist verwunderlich, daß ein Tier von so viel Haß erfüllt sein kann. Aber vielleicht ist es auch nicht einmal so wunderlich -- der Luchs kennt seine gefährlichsten Feinde und wahrt sein Recht zu leben. Etwas östlich von El Tovar auf dem Weg nach Grandeur und Yavapai Point teilt sich der Fußweg längs des Randes in zwei Steige, die in zwei verschiedenen Stockwerken laufen. Der obere führt zwischen Bäumen hin; auf ihm kann man getrost und sicher lustwandeln. Der untere folgt einem Absatz, einer schmalen, unregelmäßigen Stufe, und geht am äußersten Rande des Abgrundes bergauf und bergab. Hier muß man bei jedem Schritt achtgeben und wissen, wohin man den Fuß setzt, sonst kann der Spaziergang recht kurz werden, oder wenn man lieber will, sehr lang, denn wenn man ungeschickt ist und ausgleitet, geht es in die Ewigkeit. Selbst hier wachsen Bäume, Kiefern, Wacholder und Eichen; bisweilen haben sie ein paar Meter unterhalb des Pfades in Spalten und Rissen festen Fuß gefaßt. Dann ragen nur ihre Kronen über die weiße Kalksteinkante empor, und man wandelt wie in einer schmalen Galerie mit der senkrechten nackten Felswand auf der Innenseite und einer unregelmäßigen Reihe von Säulen auf der Außenseite. Von diesem Säulengang aus hat man eine großartige Aussicht auf die wunderbare Welt des Gran Cañon in den bloßgelegten Eingeweiden der Erde. Alle zehn Schritt wechselt das Bild, und immer wieder macht man bei neuen staunenerregenden Ausblicken halt. [Illustration: Hängebrücke über den Colorado bei Phantom Ranch.] Selbstverständlich bleibt die Fernsicht über die ganze Talniederung unverändert, und das Bild des Labyrinths der jetzt bei Sonnenuntergang kupferroten Tempel und Pagoden mit ihren hellen Zinnen aus Kalkstein wird von so geringen Änderungen des Gesichtswinkels nicht merklich beeinflußt. Der Vordergrund dagegen, der Rand mit seinen Vorsprüngen, Kaps und bisweilen freistehenden Pfeilern wandelt sich und gibt dem roten Hintergrund in der Talschlucht einen ständig wechselnden Rahmen. Immer wieder bleibt man stehen voll Staunen, Entzücken und Bewunderung. Ich mache auch hier und da Rast, um eine Skizze zu zeichnen. Mich in Farben zu versuchen, dazu reicht die Abendstunde nicht. +Wie+ ich das Bild haben möchte, sehe ich genau, aber ich kann nicht, und die Zeit reicht nicht. Jetzt, da der Purpurglanz verblaßt ist, würde ich die Pyramiden und Tempel mit der Farbe einer frischgeputzten Kupferkanne decken, aber nicht blank und glänzend wie diese, sondern matt. Ich wünschte, ich könnte die Aussicht auf Osiris-, Schiva-, Isis- und Buddha-Tempel in einer Reihe von Bildern darstellen mit dem sterbenden Licht der Abendröte auf den Steilhängen. Während der zwei Stunden vor dem Sonnenuntergang müßte in jeder Viertelstunde ein Bild gemalt werden. Das würde eine Reihe geben, in der jedes Bild von den übrigen verschieden wäre. Man würde dann sehen, wie die prächtige rote Beleuchtung anfangs beträchtliche Felder der Hänge und Abstürze färbt, wie diese Lichtfelder dann allmählich an Umfang und Glanz abnehmen und wie sie unmittelbar nach dem Sonnenuntergang völlig erlöschen. So würde man finden, daß um 7 Uhr nachmittags sieben Zehntel des Tales unter Schatten verborgen sind. Und wo die Schattenfelder sich ausbreiten, verschwinden die Einzelheiten. Aber je mächtiger die Schatten werden, desto schärfer zeichnen sich die noch von der Sonne beleuchteten Teile ab. Wie dunkel die Schatten auch sind, so spielt ihr Farbton doch stets ins Bläuliche. Über dem Ganzen wölbt sich ein merkwürdig hellblauer Himmel, und im Vordergrund unter meinen Füßen erhebt das „Kriegsschiff“ seinen dunklen Rumpf wie ein für immer verankertes Gespensterschiff. Sechs Stunden lang streifte ich einsam am Rand entlang. Als die Dämmerung ihre Fittiche über den Gran Cañon breitete, schlug ich den sichern Waldweg ein, auf dem sich jetzt kein Lebewesen blicken ließ, und kehrte nach El Tovar zurück, um den Abend in der Gesellschaft des Herrn Harvey, des Obersten Crosby, des Herrn Clarkson und des jungen Architekten Shaw zu verbringen. Auch heute sprachen wir über die brennende Frage, die uns schon mehrmals beschäftigt hatte, über das neue Hotel. Ich äußerte meine persönliche Meinung unumwunden -- die Amerikaner haben die ungewöhnliche, sehr sympathische Eigenschaft, mit Vergnügen und Aufmerksamkeit die Ansichten anderer Menschen anzuhören, auch wenn diese ihrer eignen Auffassung gerade entgegengesetzt sind. Ich erzählte, daß ich in Chicago im Bureau der Santa-Fé-Gesellschaft eines Tags die bescheidene Bitte aussprach, im Hotel in El Tovar ein Zimmer zu erhalten, von dessen Fenster ich freie Aussicht auf den Cañon hätte. Ich würde dann zu jeder beliebigen Tageszeit eine schnelle Skizze zeichnen oder einen flüchtigen Beleuchtungseffekt festhalten können und meine Zeichen- und Malutensilien stets bei der Hand haben; ich könnte im Schlafrock den Sonnenaufgang bewundern und könnte mitten in der Nacht das zauberhafte Spiel des Mondscheins auf den Zinnen der Tempel schauen. Doch als ich nach El Tovar kam, fand ich, daß es ein solches Zimmer nicht gab. Ein halbes Jahr vorher hatte ich in San Remo im Grand Hotel gewohnt, wo wenigstens jede Wohnung ihren eignen kleinen Balkon mit Aussicht aufs Meer hatte. Denn gerade das Meer will man vor Augen haben, wenn man San Remo aufsucht, um sich zu erholen. Und was ist das Meer im Vergleich zum Gran Cañon! Das Meer mit seiner Unendlichkeit ist stets fesselnd, und man wird nicht müde, es zu sehen. Aber es nimmt sich doch in allen Küstenstädten ziemlich gleich aus. Der Gran Cañon dagegen ist einzigartig, und wenn man wie die meisten Touristen nur für einen oder zwei Tage hierherkommt, will man sich seine Schönheit möglichst nachhaltig einprägen. Wir waren, glaube ich, in diesem Punkt ziemlich einig, und ich gebe mich der frohen Hoffnung hin, wenn ich das nächste Mal den Gran Cañon besuche -- falls daraus jemals etwas wird --, in einem Zimmer wohnen zu können, wie ich es mir gedacht habe. Wir saßen noch eine Zeitlang im Vortragssaal und hörten im Rundfunk Gesang und Musik von Los Angeles und Kansas City. Es kam mir etwas banal vor, war aber doch merkwürdig, hier mitten in der erhabenen Stille der Wildnis. Mein nächster Ausflug galt dem Teil des Südrandes, der westlich von El Tovar liegt. Im großen ganzen geht der Weg erst nach Westsüdwesten, dann nach Nordwesten und Norden und schließlich nach Osten. Den Rand selbst berührt man erst, wenn man das Ziel, Havasupai Point, fast erreicht hat. Die ganze Reihe von Kaps, die auf dieser Strecke in den Cañon hinausragen, bleibt in beträchtlicher Entfernung zur Rechten und ist von unserm Weg aus nicht sichtbar. In diesen westlichen Regionen beschreibt der Fluß in seiner Granitschlucht (Granite Gorge) gewaltige Krümmungen. Auf dem Havasupai-Kap hat man den Colorado im Osten, Norden und Westen. Man befindet sich auf einer Halbinsel, deren Nordrand die jahrmillionenlange Erosion bis aufs äußerste zerfressen und zernagt hat. Westlich dieser Halbinsel macht der Fluß einen plötzlichen scharfen Bogen nach Süden um den Rücken, der Marcos Terrace, herum, die auf dem Nordufer vom Powellplateau vorspringt. Südlich davon schneidet eine mächtige, Aztec Amphitheater genannte Einbuchtung tief in den Südrand ein. Noch weiter im Westen fließt der Colorado eine Strecke nach Nordosten, ehe er in gewaltigen Krümmungen nach Westen und Süden biegt, um erst die Grenze zwischen Arizona und Nevada und dann zwischen Arizona und Kalifornien zu bilden und schließlich auf mexikanischem Gebiet in den Golf von Kalifornien zu münden. Im Imperial Valley, nahe der Grenze zwischen Kalifornien und Mexiko, hatte ich später Gelegenheit, den Fluß wiederzusehen, einen der merkwürdigsten auf Erden. [Illustration: Blick von der Hängebrücke bei Phantom Ranch nach Osten, Colorado aufwärts.] Besser hätte ich den Mittsommertag nicht feiern können als durch diesen unvergeßlichen Ausflug nach Havasupai Point. Herr West, einer der prächtigen Führer von der Verwaltung des Nationalparks, fuhr mich in einem kleinen Fordauto die 45 Kilometer, die uns von unserm Ziel trennten. Wir hatten einen entzückenden Tag. Ich segnete unsern kleinen Fordwagen und seinen großen Vater Henry; denn daß das Auto dieses Stückchen überstand, war ein Wunder. Mit Recht sagt N. H. Darton in seinem obengenannten Buch: „Leider ..... sind diese Punkte (Havasupai und seine Umgebung) von Straßen und Pfaden ziemlich entfernt und deshalb nicht bequem zu besuchen.“ Anfangs geht es noch, aber später ist der Weg schrecklich, ein Waldpfad, auf dem das Auto schlingernd und schleudernd über Wurzeln und Reisig rollt und in tiefen, unangenehmen Radspuren stößt und schüttert. Der Wald besteht zum größten Teil aus Kiefern; majestätische Stille herrscht zwischen den hohen dunklen Stämmen. Dann lichtet sich der Wald und hört auf, und es folgt Prärie mit Büschen und Rasenhöckern. Hier muß man sich bisweilen festhalten, um nicht hinauszupurzeln! Und dabei fuhr Herr West ebenso vorsichtig wie geschickt. Am schlimmsten war es, als wir über Felsen fuhren, die aus den lockern Erdschichten emporragten und wo man jeden Augenblick befürchten mußte, daß einem im scharfkantigen Schutt ein Reifen zerschnitten wurde. Ein Reh setzte in leichten Sprüngen über das Gelände, und an einigen Büschen faulenzte eine Herde von sieben verwilderten Eseln. Sie spitzten die Ohren, betrachteten uns unverwandt und standen unbeweglich, solange wir fuhren. Aber als wir einmal hielten, stoben sie in wilder Flucht davon, um an einem entferntern Ort wieder haltzumachen und uns von neuem zu beobachten -- ganz wie die Wildesel in Tibet, wenn eine Karawane daherzieht. Wir fuhren an einer Hütte vorüber, wo ein Pferdebesitzer sein Hauptquartier hat, schaukelten zwischen Black Bush und Sage Brush[3] vorwärts und erreichten schließlich einen sehr schönen Wacholderwald. Die Wacholder waren so groß wie Bäume, und wirkungsvoll hoben sich ihre schwarzen Stämme von dem frischen tiefen Grün der Nadelkronen ab, ein prächtiges Bild, zumal der Boden ziegelrot war. Nach zweieinviertel Stunden waren wir glücklich bei Baß Camp, wo ein paar Hütten stehen und einige Männer im Dienste des Nationalparks beschäftigt waren. Von diesem Punkt hatten wir nur noch zwanzig Minuten bis Havasupai Point. In der Nähe des Kaps war der Boden ziemlich hart und eben. Wir fuhren bis auf die Spitze hinaus. Wenn man hier in voller Fahrt ankommt und am Motor oder Steuerrad etwas nicht in Ordnung ist, hat man alle Aussicht, über den Rand in den Luftraum hinauszurollen, um einige Sekunden zwischen Himmel und Erde zu schweben und 1000 Meter tiefer in einen Scherbenhaufen verwandelt zu werden. Aber Herr West stoppte im rechten Augenblick und stellte den Fordwagen in den Schatten eines Wacholders. Er nahm eins der Autopolster und legte es auf die äußerste Spitze des Kaps, und ich ließ mich hier mitten in der Sonnenglut nieder. Die Steine waren so warm, daß man sie nicht berühren konnte, und das Kissen roch fast wie angesengt. Havasupai Point liegt 2028 Meter über dem Meeresspiegel; die Aussicht ist überwältigend, so ungeheuer sind die Maße und so kühn und wunderlich bizarr die Linien. Es war fast ¾1 Uhr, als wir unser Ziel erreichten. Ich hatte also knapp viereinhalb Stunden zur Verfügung, denn spätestens um 5 Uhr mußten wir die Rückfahrt antreten. Im Dunkeln ist es ganz unmöglich, den Weg zu finden, ja selbst bei Tageslicht fährt man auf einzelnen Strecken nach dem Gefühl, wo einem das Gelände gerade fahrbar zu sein scheint. Ich wußte ja nicht, ob ich jemals in meinem Leben an diesen Platz zurückkommen würde, und die fliehenden Stunden mußten darum ausgenutzt werden. Die erste halbe Stunde kommt man nicht aus dem Staunen. Man ist benommen von diesem Anblick und schaut und schaut. Es ist zu viel auf einmal. Nach allen Richtungen, außer nach Südwesten, ist die Aussicht überwältigend. Man wird still und stellt keine Fragen. Für den Augenblick interessiert es mich nicht im geringsten, wie alle diese Pyramiden, Rücken und Abgründe auf der Karte heißen. Mir ist, als stünde ich vor dem Hochaltar der heiligsten Kirche der Erde. Ich vergesse fast zu atmen und ringe nach Luft. Ich brauche Zeit, mich zu sammeln und meine Eindrücke und Begriffe von Raum und Entfernungen, von Maßen und Neigungswinkeln, von Farben und Formen zu ordnen. Ich erblicke den Fluß unten in der Granitschlucht und habe eine Stütze für die Orientierung. [Illustration: Altarfall.] Dann richte ich meine Aufmerksamkeit auf die nächste Umgebung. Ich stehe auf einem Kap, das wie ein Bugspriet nach Nordosten vorspringt und das auf allen Seiten, im Westen, Norden, Osten und Süden, von bodenlosen Abgründen umgeben ist, nur in Südwesten hängt es mit der breiten, vom Colorado umflossenen Halbinsel zusammen. Auch auf Havasupai Point befindet man sich wie auf einem Sprungbrett, das in den leeren Raum hinausragt. Von dem Fluß selbst sind beträchtliche Strecken zu sehen, die sich als schmales graues Band abheben, und hier und da erkennt man deutlich die Stromschnellen. Nach Osten, d.❁h. in die Gegenden, die ich schon kannte, reicht der Blick bis zu der wohl 50 Kilometer entfernten Mauer der Palisaden. Dieser prächtige Hintergrund ist in schwachen leichten Tönungen wie durch ein offnes Tor zu sehen, dessen Pfeiler von scharf gezeichneten, jäh abstürzenden Kaps des Nord- und des Südrandes gebildet werden. In mein Tagebuch schrieb ich zum fünftenmal: Dieser Punkt bietet doch die schönste Aussicht im Gran Cañon! Sie übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe. In der Zeit, die ich am Rio Colorado schon zugebracht hatte, hatten sich meine Eindrücke von diesem märchenhaft herausgemeißelten Teil der Erdrinde im Crescendo gesteigert, und ich nahm als feststehend an, daß Havasupai Point ein Höhepunkt sein werde, der nicht mehr überboten werden konnte. Nachdem ich mich von dem ersten Erstaunen erholt hatte, nahm ich Zeichenblock und Bleistifte hervor. Zu irgendwelchen farbigen Versuchen reichten die armseligen vier Stunden nicht. Ich begann eine Skizze der Landschaft im Westen. Sie zeigt einen nahen Ausläufer des Südrandes, der in Westnordwesten in den Fossil Mountain übergeht. Dieses Bild gibt eine recht klare Vorstellung von dem bei allen Tempeln und Pagoden wiederkehrenden Wechsel zwischen steilen Absätzen und senkrechten Wänden und von den vorspringenden Leisten, die deutlich die horizontale Lagerung der Schichten verraten. Man läßt den Blick an diesen Steilhängen hinuntergleiten und sieht, wie sie bis in schwindelnde Tiefen unmittelbar unter unsern Füßen hinabreichen. Hinter diesen pyramidenförmigen Gipfeln sieht man den überall im Gran Cañon gleichen Hintergrund mit seiner Schichtenfolge in verschiedenen Farbtönen. Nachdem ich mich mit meiner ersten Zeichnung fast zwei Stunden lang abgemüht habe, beginne ich die nächste, indem ich mich weiter nach rechts wende und die Richtung Nord 20° West in die Mitte des Blockes nehme. Im Vordergrund der Skizze (S. 147) ist die Spitze eines Ausläufers zu sehen, der wohl zum Fossil Mountain gehört und auf seiner Ostseite eine Reihe von vier einander recht ähnlichen senkrechten Partien zeigt. Da sie aus der in dichtem Schatten liegenden Mauer vorspringen, von der sie ein Teil sind, werden sie scharf von der Sonne beleuchtet und heben sich von dem schwarzen Hintergrund grell ab. Sie gleichen den Pfeilern eines riesigen Bauwerks. Ein übermenschlicher Baumeister hat die Zeichnung dazu entworfen. In ihrer dekorativen Schönheit und Größe sind sie grenzenlos phantastisch, und man fragt sich, ob man vor einem archäologischen Rätsel steht. Ist es möglich, daß die Natur selbst diese regelmäßigen wandfesten Säulen hat formen und modellieren können? Wie ich mit dem Bleistift ihren Umrißlinien folge und die Schatten einzeichne, so wie ich sie sehe, kann ich mich nicht des Gedankens erwehren, daß dieses Detail auf der Skizze höchst unwahrscheinlich aussieht. Wenn jemand an der Richtigkeit der Darstellung zweifelt, kann er ja hinfahren und nachsehen. Die Reise ist äußerst bequem, und bis man den Gran Cañon erreicht hat, wird der schlechte Weg, den ich beschrieben habe, ohne Zweifel durch eine Zementstraße ersetzt worden sein. Die hohe Partie, die auf meiner Zeichnung über und hinter den Pfeilern zu sehen ist, ist Grand Scenic Divide, und die Taltiefe diesseits seines Rückens ist der Serpentine Cañon. Noch weiter hinten erblickt man andere Teile der Einrahmung des Gran Cañon. Es ist jedoch nicht immer leicht herauszufinden, wie das, was man sieht, zusammenhängt, da bei gewissen Beleuchtungen die stets in gleicher Höhe liegenden Schichten zu scheinbar fortlaufenden Linien verschmelzen, während sie in Wirklichkeit verschiedenen Teilen angehören. Aus demselben Grund ist es nicht leicht zu bestimmen, wo der Colorado die Landschaft, die wir sehen, verläßt. Jenseits des Flusses, im Nordwesten, hebt sich das mächtige Powellplateau ab mit einer Menge von Ausläufern nach Süden, Südwesten und Westen, im Osten begrenzt von dem tief eingeschnittenen Muav Cañon. [Illustration: Aussicht vom Altarfall nach Süd 30° Ost.] Schließlich hatte ich nur noch eine halbe Stunde zur Verfügung; sie wurde zum größten Teil zu einer Skizze der Aussicht nach Nord 30° Ost (S. 151) benutzt. In ihrem Vordergrund ist die Rinne des Flusses zu sehen, dahinter das Gewirr der Felsrücken und Seitencañons, die zum Shinumo Amphitheater gehören. Dieser ganze Teil des Gran Cañon lag jetzt in der Glut der Nachmittagssonne, und die Schatten hatten sich noch nicht der Hänge der Berge bemächtigt. Ohne diesen harmonischen Wechsel von Licht und Schatten tritt die rücksichtslos kühne Skulptur nicht hervor. Die Entfernung bis zu dem ganz hinten im Nordosten liegenden Nordrand, der auf meiner Skizze angedeutet ist, beträgt fast 17 Kilometer. Da noch acht Minuten bis 5 Uhr fehlten, nahm ich ein neues Blatt vor und warf in aller Eile eine Umrißzeichnung der Landschaft im Osten (S. 155) aufs Papier. Es konnten freilich nur die großen Züge gegeben werden, ein flüchtiger Eindruck, eine Stütze fürs Gedächtnis. Zum Schluß will ich einige Zeilen Dartons über die Geologie dieser Gegend anführen. Er sagt über das Powellplateau: „An dessen südöstlichem Ende liegt Dutton Point mit großen Steilhängen aus Kaibabkalkstein und grauem Coconinosandstein und darunter mit gewaltigen Stufen aus rotem Supaisandstein. Am Südrande des Powellplateaus liegt Wheeler und weiter nach Westen Ives Point, die überall dieselbe Schichtenfolge zeigen wie Dutton Point. Die Granitschlucht läuft jenseits dieser Kaps nach Westen weiter, hört aber auf, wenn der harte Granit schließlich an der großen Flußkrümmung südlich des Powellplateaus untertaucht und verschwindet. In der Tiefe des Shinumo Creeks und längs der Abhänge des Gran Cañon rechts und links der Mündung des genannten Creeks sieht man große Massen von dunklem Sandstein, Kalkstein und rotem Schiefer der Unkargruppe, die über dem Granit liegen. Die Unkarschichten sind infolge vieler Verwerfungen stark gefaltet und gebrochen.“ Während ich zeichnete, hatte Herr West Feuer gemacht, Kaffee gekocht und den Inhalt unseres Proviantbeutels aufgetischt. Im Schatten eines üppigen Wacholders nahmen wir unsern späten Lunch ein, mit Gebäck und Apfelsinen als Nachtisch. Schnell waren wir fertig, dann packten wir unsere Siebensachen wieder ins Auto und traten die Rückfahrt an -- durch einsamen Wald und Prärien. [3] Professor Skottsberg teilt mir mit, daß Black Bush und Sage Brush die zwei wichtigsten charakteristischen Sträucher auf dem Coloradoplateau und den Cañonhängen sind: Black Bush, ~Coelogyne ramosissima~, ist eine Rosazee; Sage Brush, ~Artemisia tridentata~, ist eine Beifußart. Zehntes Kapitel. Nach Phantom Ranch am Nordufer des Colorado. Ursprünglich war es meine Absicht gewesen, von El Tovar geradeswegs nach Los Angeles zu reisen. Allgemein sagte man mir, ich könnte mir den Nordrand des Gran Cañon recht gut schenken, da er sich an Naturschönheit mit dem Südrand nicht zu messen vermöge. Als Beweis führte man an, daß der Nordrand mit seiner höchst phantastisch eingeschnittenen und zernagten Umrißlinie und seinen ungemein malerischen Pyramiden und Tempel einen unvergleichlich schönern Anblick vom Süden aus gewähre als die Südseite; dieser fehlten von Norden gesehen die scharfen Einbuchtungen und freistehenden Türme und Tempel. Man wies auch darauf hin, welche Bedeutung die Beleuchtung habe. Da die Sonne im Süden steht, muß man vom Südrand aus seine Beobachtungen machen, wenn man die Wirkungen des Sonnenlichts auf die im Norden gelegenen riesenhaften Skulpturen sehen will. Von Norden aus zeigt die Mauer des Südrandes dagegen eigentlich einen fortlaufenden Schatten ohne Einzelheiten und ohne hervortretende Formen. Schließlich hob man auch hervor, der Nordrand sei im allgemeinen 300 Meter höher, so daß sich der Südrand, von der gegenüberliegenden Seite aus gesehen, weniger imposant ausnehme als umgekehrt. [Illustration: Jupiter-, Venus- und Apollo-Tempel, von Cape Royal aus.] Eines Tags lernte ich jedoch einen Herrn kennen, der selbst auf dem Nordrand gewesen war und der erklärte, die Aussichten, die man von dort aus genieße, seien das Großartigste, was der Gran Cañon an überwältigender Naturschönheit biete. Seiner Ansicht nach ist die Entscheidung über die Vorzüge der beiden Ränder nur eine Frage der Konkurrenz. Die Union Pacific Railway Co. soll nämlich die Absicht haben, eine Bahnlinie an den Nordrand des Gran Cañon zu bauen und dort ein prächtiges Hotel zu errichten, das nach Fertigstellung den Wettbewerb mit der Santa-Fé-Bahn und El Tovar aufnehmen werde. Ich für meinen Teil glaube freilich, daß, selbst wenn dieser Plan ins Werk gesetzt wird, die Santa-Fé-Gesellschaft und Ford Harvey ganz beruhigt sein können. Denn welche Vorzüge der Nordrand auch haben mag -- Vergleiche sind hier übrigens unmöglich --, so hat man den Gran Cañon gar nicht gesehen, wenn man nicht den Südrand in der Gegend von El Tovar und vor allem bei Navaho Point (Desert View) besucht hat. Nur von Süden aus sind die Tempel in Verkürzung und in der feuerroten Abendbeleuchtung zu sehen. Im Norden hat man zwar ihre ungeheuren Felsmassen viel näher, aber man beherrscht sie nicht alle auf einmal, und es entgeht einem die gleichmäßige tiefe Glut der Abendsonne auf ihren Hängen. Ich glaube daher nicht, daß ein Konkurrent im Norden eine Gefahr für die Entwicklung von El Tovar bedeuten könnte -- eher einen Vorteil. Denkt man sich auf jeder Seite des Gran Cañon ein prächtiges Hotel, die beide mit magnetischer Kraft Massen von Touristen an sich ziehen würden, so entsteht die Frage, wie zwischen ihnen eine Verbindung quer über die Taltiefe herzustellen wäre. Eine Bahnlinie ist unmöglich. Aber eine Autostraße mit Tunneln und malerischen Galerien! Eine solche würde es jedem, auch älteren Leuten, ermöglichen, den Gran Cañon gründlich zu sehen. Doch Automobile im Gran Cañon wären eine Geschmacklosigkeit, die den Zauber der Wildnis vernichten würde, eine Entheiligung, die den Tempelfrieden des Tales stören würde. In dieser Hinsicht teile ich die Auffassung Clarksons und, wie ich glaube, auch der andern Herren in El Tovar: meinetwegen mag man in und über dem Gran Cañon in Flugzeugen kreisen, die keine Wege brauchen und keine Spuren hinterlassen, aber nur keine Automobile! Wer sich nicht der Mühe unterziehen will, auf dem Rücken eines Maultiers die schmalen, steilen Pfade hinabzureiten, muß darauf verzichten, am Ufer des Flusses zu rasten. Für mich war es freilich ein leichtes, meinen Entschluß zu fassen. Ich hatte mich in den Gran Cañon eingelebt und hinreichend viel von ihm gesehen, um mir klar zu sein, daß ich diese Gegend nicht verlassen +konnte+, ohne auch am Nordrand gewesen zu sein. Meine Freunde Crosby, Clarkson und Petrosa billigten meinen Plan und erleichterten seine Ausführung in jeder Weise. Ich wollte den Bright Angel Trail hinabreiten, über den Fluß und zum Camp des Nordrandes hinauf und einige Tage im „Lager“ bleiben, um dann mit dem Auto nach Salt Lake City zu fahren. Nach dieser Stadt wurde also mein ganzes schwereres Gepäck mit der Bahn geschickt, und ich nahm nur das unbedingt Notwendige in einer kleinen Tasche mit, vor allem Zeichen- und Malgerät. Meine ganzen Habseligkeiten hatten in einer Satteltasche meines Maultiers Platz. Man telephonierte an die Stationen im Norden und willfahrte gern meinem Wunsch, Sandy MacLean, den ich schon kannte, als Führer zu erhalten. Oberst Crosby gab mir alle Aufschlüsse, die ich brauchen konnte, und ein paar neue Kartenblätter. [Illustration: Aussicht aus dem Bright Angel Cañon nach Süd 15° Ost (29. Juni).] An den beiden letzten Abenden in El Tovar war ich draußen am Hochrand, um die wunderbare Stimmung zu genießen, die der Mondschein hervorrief. Eine ungestörte, fast unheimliche Stille lag über der Gegend. Nur hin und wieder hörte man das Rufen eines Nachtvogels. Die Kiefern ganz draußen am Rand werfen dunkle Schatten auf den Boden. Bisweilen ist hier oben nur der Schatten des Stammes zu sehen, während der Schatten der Krone über tausend Meter tiefer im Grunde des Tales den Boden trifft. Nur die nächsten Kaps und Vorsprünge heben sich in bleichem, bläulichem Licht ab. Aber vor ihnen gähnt der dunkle unbekannte Abgrund, in dem alle Einzelheiten wie unter einem Schleier verschwinden. Die herrschende feierliche Stimmung läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Wie angewurzelt steht man am Rand. Es ist Nacht. Die Erde schläft. Unter mir öffnet sich das unermeßliche Grab, dessen Schlund vom Silberschein des Mondes erfüllt ist und doch in geheimnisvollem Dunst verschwindet. Ich wollte in der Frühe des 27. Juni mit Sandy aufbrechen. Aber ehe die letzten Vorbereitungen getroffen und Mundvorrat und Gepäck auf unsere beiden Maultiere geladen waren, war ein großer Teil des Vormittags verstrichen. Zum Schluß wurde ich noch photographiert. Man wünschte durchaus, ich sollte mich dazu an den äußersten Rand eines Absturzes setzen, der fast 300 Meter maß; das Bild, das nach Haus geschickt wurde, zeigt auch, daß ich mich nicht unbedingt auf mein eigenes Gleichgewicht verließ, sondern mich mit beiden Händen aufstützte. Nachdem ich meinen Freunden Lebewohl gesagt hatte, brach ich endlich um 11 Uhr auf. Oberst Crosby begleitete mich zu Fuß bis zu dem Punkt am Rand, wo der Pfad in unzähligen Zickzackbiegungen steil hinabführt. Er beginnt unmittelbar westlich des Hotels. Im allgemeinen gilt er als steiler als der westlichere, nach Hermit Camp führende Pfad. Sicher ist, daß man in noch höherm Grade die Bewegungen des Maultiers zu parieren sucht, indem man sich nach hinten lehnt und auf den Rücken seines Reittiers zu liegen kommt. Auf den Hängen wachsen Laubbäume, vor allem Eichen, und Sträucher. Wir befinden uns noch im Schatten der fast senkrechten Kaibabmauer. Die Luft ist herrlich. Oben hatten wir um 10 Uhr 23,5 Grad gehabt. Darton gibt in seinem Buch einen Überblick über die Schichten und Gesteine, an denen man auf diesem Weg vorüberkommt, und führt auch die Mächtigkeit der verschiedenen Ablagerungen an. Die oberste, der Kaibabkalkstein, auf dem 2093 Meter über dem Meer El Tovar erbaut ist, ist hier 206 Meter mächtig, und gewisse Lagen seiner weißen feinkörnigen Schichten, auf denen der Bright Angel Trail gebaut ist, sind reich an Abdrücken fossiler Muscheln und an Bruchstücken harten gelben Feuersteins. Gerade da, wo dieser Kalkstein aufhört und man den 95 Meter mächtigen grauen Coconinosandstein betritt, ist ein kleiner kurzer Tunnel gesprengt. Die Grenze der beiden Formationen ist sehr deutlich. Am Tunnel kommt man auch an einer gewaltigen Verwerfung vorüber. Der Teil der Cañonmauer, der westlich der Verwerfungslinie liegt, ist durch eine Hebung der Erdrinde 43 Meter über den östlichen emporgehoben worden. Der Tunnel selbst verläuft daher ganz im Coconinosandstein. Übrigens liegt der Bright Angel Trail zum größten Teil östlich der Verwerfungslinie; erst weiter unten, wo der Pfad die Ablagerungen der Tontogruppe betritt, führt er westlich davon. Unmittelbar ehe man die östliche Mündung des Tunnels erreicht, sieht man sehr deutlich die Schichtung des Kalksteins und Sandsteins in ihrem gegenseitigen Verhältnis und zur genannten mächtigen Spalte, in der die Bruchflächen der Erdrinde aneinander abgeglitten sind. Lockeres Material des Verwerfungsgebietes ist hinuntergestürzt und hat einen Schuttkegel gebildet, ohne den es unmöglich gewesen wäre, einen Pfad anzulegen und an dem sonst unübersteigbaren Hindernis vorüberzukommen, das die senkrechte Coconinomauer im Gran Cañon überall bietet. Auf der ganzen Strecke von El Tovar bis hinunter zur Brücke und über den Colorado bewegt man sich im großen und ganzen nach Nordosten, während der Pfad zahllose kleine scharfe Krümmungen macht. Der Übergang vom Coconino zu der roten Supaiformation, die hier eine Mächtigkeit von 340 Meter hat, ist sehr schroff. Die amerikanischen Geologen haben gefunden, daß Schichten von hartem Sandstein mit solchen von weichem Schiefer abwechseln; das hat zur Folge gehabt, daß die Kräfte des Luftmeers Terrassen und Tische herausgemeißelt haben, die immer rot und oft von prächtiger architektonischer Wirkung sind. Diese Struktur tritt an dem „Kriegsschiff“, das unmittelbar westlich unseres Weges seinen Rumpf erhebt, und an mehreren andern Steilhängen in unserer Nähe besonders schön hervor. [Illustration: Felskuppe im Bright Angel Cañon. Südwestlich vom Rastplatz, 29. Juni, 10½ Uhr.] Dann folgen die Felsen des Redwall mit einer Mächtigkeit von 170 Meter. Darton weist auf eine allgemein vorkommende Erscheinung hin, die man vor allem bemerkt, wenn man die Riesenmauern des Gran Cañon in Farben wiederzugeben sucht. Die senkrechten Abstürze des Redwall sind nämlich von dem Schlamm, den das Regenwasser von den darüberliegenden roten Schiefern mit sich führt, in verschiedenen Schattierungen rot gefärbt, während der Kalkstein selbst im Bruch hellgrau ist. Die rote Farbe ist also eine Folgeerscheinung, die aber zu dem Namen Redwall Anlaß gegeben hat. Auf Metallschildern, die die Geologische Landesuntersuchung hat anbringen lassen, sind die absoluten Höhen angegeben. Auch hier erfährt man also von Zeit zu Zeit, wie tief man unter den Hochrand hinabgestiegen ist. Bei der Höhenzahl 3876 Fuß (1181 Meter) über dem Meer soll Platin gefunden werden, wie mir Sandy erzählt. Der Weg dorthin trägt den bezeichnenden Namen „Jakobsleiter“; er ist in der Tat halsbrecherisch. Die Ablagerungen der Tontogruppe, auf denen wir uns jetzt befinden, sind 245 Meter mächtig. Der Indian Garden, wohin es von der Höhenmarke 3876 nur noch einige Minuten sind, liegt also im Tonto. Der Seitencañon, dem wir die ganze Zeit gefolgt sind, heißt Garden Creek. Unser heutiger Ritt maß fast 20 Kilometer, und wir waren fünf Stunden unterwegs. Aber wir rasteten auch mehrere Male, um zu zeichnen, und gönnten uns im Indian Garden eine herrliche Ruhestunde. Die Temperatur betrug hier um 1 Uhr 35 und in der Sonne 46 Grad. Der Indian Garden ist eine kleine prächtige Oase in dieser sonnendurchglühten Steinwüste. Hier treten lebenspendende Quellen zutage und bilden einen munter plätschernden Bach mit klarem, lauwarmem Wasser von 23,6 Grad. Wie Darton berichtet, benutzten die Indianer es zur Bewässerung ihrer Getreidefelder, mehrere hundert Jahre vor der Ankunft des weißen Mannes. Mit Weinranken überwachsene Weiden und ein üppiger Pflanzenwuchs bilden ein kühle, feuchte Laube, durch die der Quellbach fließt. Ungern verläßt man den angenehmen Schatten, um sich wieder der Sonnenglut auszusetzen. Die zu El Tovar gehörenden Häuser am Anfang des Bright Angel Trail sehen von hier unten wie kleine Punkte aus. Auf dem harten Sandsteingrund der Tontoplattform führt unser Weg entlang, nachdem wir den Indian Garden und seinen Creek verlassen haben. Wir reiten eine Strecke nach Osten und haben Isis und Buddha Temple zu unserer Linken und Brahma und Zoroaster Temple halb links vor uns. Den Tonto Trail, dessen Anfang wir bei Hermit Camp sahen, lassen wir links liegen. Hoch oben auf den Hängen unterhalb des Südrandes erblicken wir eine Reiterschar. Infolge der Entfernung sieht es aus, als bewege sie sich nicht von der Stelle. Yavapai und Yaki Point schweben hoch über uns als scharf gezeichnete Vorsprünge. Wir kommen an zwei Grotten vorüber, die in einer senkrechten Felswand etwas über dem Boden liegen; in ihnen haben vor Zeiten Höhlenbewohner gehaust. Eine kleine Herde verwilderter Esel (Burros) kreuzt kaum 100 Meter vor uns den Pfad und verschwindet zwischen den Hügeln in einer hellgrauen Staubwolke. In der Ferne ist eine zweite Herde zu sehen. Ich betrachtete sie nicht mit derselben Aufmerksamkeit und Bewunderung wie ihre wilden Stammesgenossen in Tibet. Sie sind wie wir selbst Fremdlinge in dieser erhabenen Natur; nur ein Zufall hat sie hierhergeführt. Büsche, die in Erosionsfurchen und Schluchten wachsen, und die vertrockneten Grashöcker auf den Hängen geben ihnen Nahrung. Wir betreten nun den Pipe Creek, mit dem sich weiter unten der Garden Creek vereinigt. Hier steht noch eine grün angestrichene Hütte aus der Zeit, als Phantom Ranch, unser nächstes Ziel, erbaut wurde. Nach kurzer Frühstücksrast kommen wir an Burro Spring und seinem kleinen Rinnsal vorüber, und eine halbe Stunde später hebt sich in der Tiefe unter uns jenseits des Flusses Phantom Ranch ab. Eine Tafel gibt an, daß wir bis zur Brücke über den Colorado noch zwei Meilen (3,2 Kilometer) haben. Kurz darauf treten alle die Felsen und Vorsprünge zurück, die bisher die Aussicht auf den Fluß verdeckten. Die Landschaft in ihrer dunklen engen Wildheit wird jetzt wieder überwältigend, und auf halsbrecherischen Abhängen steigen wir in die Granitschlucht hinab, die hier 421 Meter tief ist. Schon von der Tontoplattform hatten wir eine prächtige Aussicht auf die Rinne, aber jetzt stehen wir an ihrem Rand, und alle Einzelheiten treten hervor. Je tiefer wir hinabkommen, desto stärker wird das Tosen der Stromschnellen. Die Hängebrücke über den Fluß erscheint schmal wie ein Streichholz, und ihr ebenso schmaler Schatten liegt als schwarzer Strich auf dem grauen Wasser. Während des ganzen Abstiegs hatten wir, ebenso wie von El Tovar aus, vorzügliche Aussicht auf das Tal, das von Nordosten kommend in den Gran Cañon mündet und Bright Angel Creek heißt. Dies Tal wollten wir am nächsten Tag hinaufreiten. Seine untern Teile schneiden in Granit und Gneis ein, während die mittlern Regionen durch die Gesteine der Unkargruppe führen. Im Nordwesten, nördlich des Colorado, wie im Osten, südlich des Flusses, tritt die Unkarformation an mehreren Stellen zutage. [Illustration: Felskuppe im Bright Angel Cañon. Nordwestlich vom Rastplatz, 29. Juni, 10½ Uhr.] Der Rio Colorado ist hier 90 Meter breit und 7½ bis 10½ Meter tief. Am südlichen Brückenkopf rasten wir im Felsschatten, und ich zeichne eine Skizze (S. 161), während Sandy die Maultiere hinüberführt. Die Brücke ist 128 Meter lang, 1½ Meter breit und mit Bohlen belegt. An den Seiten ist sie mit Drahtnetz geschützt, so daß man ganz beruhigt sein kann, selbst wenn die Maultiere scheuen. Dagegen kann es gefährlich sein, sie bei starkem Wind zu überschreiten. Wie Sandy erzählt, geriet einmal die Brücke bei einem schrecklichen Sturm in so heftige Schwingung, daß sie sich überschlug. Seitdem ist sie mit Hilfe von eisernen, an den Seiten angebrachten Kabeln besser verankert worden. Wir befinden uns hier 762 Meter über dem Meer und sind somit von El Tovar 1331 Meter hinabgestiegen. Nach Überschreiten der Brücke reitet man ein Stück auf einem Gesims am rechten, nördlichen Ufer, unmittelbar über den sich dahinwälzenden Wassermassen. Dann verläßt man den schwindelerregenden Pfad, kreuzt einen Flugsandgürtel, auf dem Büsche wachsen, und erreicht schließlich den Punkt, wo der Bright Angel Creek in die Rinne des Colorado, die Granite Gorge, mündet. In dem Seitental fließt ein Bach, an dessen Westufer der Pfad zu der gemütlichen Unterkunftsstation Phantom Ranch hinaufführt. Hier sind hübsche Steinhütten erbaut; jede hat zwei kleine Veranden, zum Schutze gegen Insekten mit feinen Drahtnetzen versehen. Ebenso wie in Hermit Camp sind Küche und Speiseraum in einer besondern Hütte untergebracht, in der sich die Gäste zu bestimmten Zeiten versammeln. Vom Sonnenuntergang sah ich heute abend nicht viel. Phantom Ranch liegt auf dem Grunde dieser tief eingeschnittenen Talschlucht, und man ist wie in einem Korridor eingeschlossen. Nur die Zinne des südlichen Cañonrandes rings um Yavapai Point wird von der sinkenden Sonne vergoldet, und auf den höchsten Kämmen, die den Bright Angel Creek umrahmen, blitzt hier und da ein goldner Streifen. Bald erlöschen sie, und schnell bricht dann die Dämmerung herein, hier unten in der Tiefe viel früher als auf den offnen Weiten von El Tovar. Meine Hütte hat nur ein einziges Zimmer, das Schlafgemach mit indianischen Matten auf dem Fußboden, und ein Kämmerchen, in dem man sich durch eine herrliche Dusche erfrischen kann. Da es um ½10 Uhr auf der Veranda, wo mein Bett stand, noch 34,6 Grad hatte, besprengte ich Fußboden, Dach und Gitter mit Wasser und erreichte dadurch, daß die Temperatur auf 28,6 Grad sank. Langsam steigt der Mond am Himmel empor. Während die Bergwand der rechten Talseite fast bis zum Fuß hinab beleuchtet ist, liegt die linke in dichtem Schatten. Es dauerte noch eine Weile, ehe der Mond sich über ihrem Kamm blicken ließ. Der Gesang der Grillen und das Murmeln des Baches sind die einzigen Laute, die die Stille der Nacht stören. Ich hatte erwartet, daß des Nachts ein kühler Bergwind ins Tal wehen würde, aber der herrschende Luftzug vermochte kaum die Blätter zum Rascheln zu bringen. Die Hitze des Tages bleibt im Tal drückend liegen, und die von der Sonne erhitzten Berghänge strahlen während der Nacht ihre Wärme aus. Trotz der eigenartigen Schönheit der Gegend und der Gemütlichkeit und Behaglichkeit in Phantom Ranch kann man sich nicht des Gefühls erwehren, als säße man in einem geschlossenen Wagen, und man sehnt sich nach weiten Horizonten. Ich beschloß daher, die nächste Nacht an einem höhern Punkte des Tals zuzubringen. Am 28. Juni waren es um 5 Uhr morgens 25, um 10 Uhr 30,1 und um 11 Uhr 31,2 Grad. Ganz in der Nähe der Stelle, wo der Bright Angel Creek in den Colorado mündet, ist auf einem Hügel eine kleine Hütte errichtet. Hier wohnt das ganze Jahr hindurch, einsam wie ein Eremit, ein Mann, der täglich den Wasserstand des Flusses und jeden zweiten Tag die Wassermenge mißt und telegraphisch nach Imperial Valley und Denver meldet. Seine einfache Wohnung erhält ihr Wasser durch eine Rohrleitung, die von einem Punkt oberhalb Phantom Ranch ausgeht, aber seine Mahlzeiten nimmt der Beobachter im Speisezimmer zusammen mit den Touristen ein. Er heißt J. W. Johnson und sein Titel lautet U. S. T. S. Recorder Grand Canyon, Chief Hydraulic Engineer U. S. Geological Survey, Washington, D. C. (Beobachter am Gran Cañon im Telegraphischen Staatsdienst, Wasserschutz-Oberingenieur der Geologischen Landesuntersuchung). Ich lernte also Herrn Johnson kennen und erhielt von ihm folgende Aufschlüsse. [Illustration: Unterwegs zum Nordrand aus dem obern Teil des Bright Angel Cañon. Aussicht nach Nord 25° Ost (29. Juni).] Die Messungen werden von einem Korb aus vorgenommen, der auf einem neben der Brücke gespannten Kabel auf Rollen läuft. Das Kabel ist in zwanzig Abschnitte mit 15 Fuß (4,6 Meter) Zwischenraum eingeteilt; denn der Fluß hat hier eine Breite von 300 Fuß (91,5 Meter). Die Stromgeschwindigkeit in zwei verschiedenen Tiefen und die Flußtiefe werden also an neunzehn Punkten gemessen. Die mittlere Tiefe betrug jetzt etwas mehr als 9 Meter. Im Winterhalbjahr (September bis März) erreicht die Wassermenge ihren Tiefpunkt mit 153 Kubikmeter in der Sekunde, die bei dem Gefälle etwa 5400 Pferdestärken entsprechen. Bei meinem Besuch belief sich die Wassermenge auf 1740 Kubikmeter, und der Wasserstand war 4,9 Meter über Normal. Am 4. Juni hatte er 8,05 Meter und im Jahr 1921 9,75 Meter betragen. Am 4. Juni war die Wassermenge fast doppelt so groß gewesen wie heute am 28. Juni, nämlich 3400 Kubikmeter in der Sekunde. Die Stromgeschwindigkeit hatte an jenem Tag im Durchschnitt 2,13 Meter in der Sekunde erreicht. Die höchste Geschwindigkeit ist 3,35 Meter, die geringste 0,46 Meter in der Sekunde. Am Tage vor meiner Ankunft war die Wassermenge um 85 Kubikmeter geringer als am 28. Juni, und der Bright Angel Creek führte nur 0,86 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. Das Wasser des Bright Angel Cañon stammt aus vier Quellen. Im Jahr 1923 wollte E. L. Kolb zum drittenmal das Wagestück unternehmen, im Boot den Colorado hinabzufahren. Er war der Leiter einer Gruppe von zehn Topographen mit vier Booten. 1922 hatten sie ihre Messungen und kartographischen Arbeiten am Green River in Utah begonnen. Sie hatten zwei Monate gearbeitet und wollten jetzt in den nächsten drei Monaten nach Needles in Kalifornien hinunterfahren. In El Tovar hatte ich darüber einen interessanten, durch Karten und Bilder besonders gut erläuterten Vortrag von Herrn Kolb selbst gehört. Der erste, der sich durch eine solche Bootfahrt berühmt machte, war, wie schon erwähnt, Powell im Jahr 1869. Bei einer so tollkühnen Fahrt, auf der man ständig Gefahr läuft, in den Stromschnellen zermahlen zu werden, braucht man noch nötiger als sonst die Kraft seiner beiden Arme. Powell hatte nur einen Arm, aber er führte sein Wagnis trotzdem glücklich durch. Man berechnet, daß jährlich an 300 Millionen Tonnen Schlamm in den Golf von Kalifornien geführt werden. In der Imperial Valley genannten Gegend, die auf der Grenze von Arizona und Kalifornien nicht weit von der Mündung des Colorado liegt, ist im Lauf von unübersehbaren Zeiten durch die Anschwemmungen des Flusses ein überaus fruchtbarer Boden entstanden. Aber da der Colorado in seiner Rinne durch sie hindurchfließt, ist das Gebiet selbst ohne Wasser und daher ganz wüst und öde. Später hat man sich den Fluß zunutze gemacht, Kanäle gegraben und ein Bewässerungsnetz angelegt, durch das viele Tausende Quadratkilometer der Wüste entrissen wurden. Vor einigen Jahren noch war diese Wildnis wertlos. Seitdem aber der Boden unermeßlichen Ertrag an Baumwolle und Früchten liefert, muß man bis zu zweitausend Dollar für einen Acre (40,5 Ar) bezahlen. Im Interesse dieser Bewässerung macht Herr Johnson seine Beobachtungen und telegraphiert täglich nach Yuma, dem Hauptort im Imperial Valley. Man weiß daher volle sieben Tage vorher, welche Wassermenge man zu erwarten hat, und kann danach seine Vorkehrungen treffen. Später hatte ich Gelegenheit, in Begleitung eines der größten kalifornischen Grundbesitzer, der besonders im Imperial Valley begütert war, des Herrn Harry Chandler, diese merkwürdige Gegend zu besuchen. Elftes Kapitel. Durch den Bright Angel Cañon zum Nordrand hinauf. Ich hatte in Phantom Ranch zu bleiben gedacht, um zu sehen, wie Herr Johnson seine Messungen machte, aber am Nachmittag erhielt Sandy den telephonischen Bescheid, wir müßten uns beeilen, da die Maultiere in El Tovar gebraucht würden. Obgleich es schon 2 Uhr war, machten wir uns also zu einem kürzeren Ritt fertig, zehn Kilometer aufwärts zu den Altar Falls, wo wir die Nacht verbringen wollten. Bei Phantom Ranch betrug die Temperatur um diese Zeit 36,1 Grad, um 3 Uhr, ein Stück weiter aufwärts im Bright Angel Cañon 39,6 und im Bach 22,8. Das Tal war schmal wie ein Korridor. An einer Stelle schrumpft es zu einem nur 6 Meter breiten Hohlweg zusammen. Hier und da wachsen Weiden und Büsche. Der Pfad ist recht schlecht, aber den Maultieren ist jedes Gelände recht. Das Tal ist von dem Brausen des tosenden Baches erfüllt, und in weißschäumenden kleinen Fällen und Stromschnellen zwängt sich das sonst klargrüne Wasser zwischen Steinen und Blöcken hindurch. Nicht weniger als sechsundachtzigmal mußten wir das Bächlein überschreiten. Ab und zu ist der Nordrand zu sehen, die Zinne des Plateaus, in das der Fluß sich eingesägt hat. Dann weitet sich das Tal mehr und mehr. An einigen Stellen wachsen Pappeln; sie stehen meistens einzeln und tragen oft üppige Laubkronen. In einer kleinen Talweitung, wo mehrere Bäume einen Hain bildeten, machten wir auf einem schattigen Sandhügel kurze Rast. Die Temperatur war auf 37,8 Grad gefallen. Wir stiegen ja auch bergauf, im ganzen etwa 370 Meter. Schließlich bogen wir in ein kleines Seitental zur Linken ein und erreichten bald die Altar Falls, wo wir uns 1160 Meter über dem Meer befanden. Das Seitental ähnelt einer Nische oder Tasche in dem roten, zur Unkargruppe gehörenden Gestein. Im innersten Teil dieser Nische hat der Quellbach in ihre senkrechte Hinterwand eine Kerbe eingeschnitten, und über deren Kante stürzt das Wasser in einem frei fallenden Strahl hinunter. Rauschend und spritzend schlägt es an einen sehr steilen, 24 Meter hohen Kegel aus Kalksinter, der an einen Altar erinnert, und fließt an seinen üppig bemoosten Seiten hinunter. Zischend peitscht das Wasser das Moos, und schießt dann in das kleine Becken hinab, das am Fuße des Kegels entstanden ist. Auch zu beiden Seiten sickern kleine Rinnsale hervor und bahnen sich einen Weg durch Kies und Moos, wo graue nasse dunkelbraune Tausendfüßler umhereilen. Unmittelbar unter dem Fall hatte das Wasser um 6 Uhr nachmittags eine Temperatur von 18 Grad. Von den 860 Sekundenlitern des Bright Angel Creek stammt nur ein geringer Teil von den Altar Falls. Die Höhe des Wasserfalls beträgt 35 Meter. Für ein Freiluftlager kann man sich keinen angenehmern Platz wünschen. Nur dreißig oder vierzig Schritt unterhalb des Falls bestand der Boden aus rotem Sand. Hier wuchsen vereinzelte Pappeln und einige Sträucher. Unmittelbar am Fuß der senkrechten, zum Teil überhängenden Felswand grub mein braver Cowboy eine Vertiefung in den Sand für mein Bett. Er hatte nämlich Decken, Laken und Kissen mitgenommen. Die Maultiere wurden angebunden. Wasser hatten wir ganz in der Nähe, und Brennstoff gab es im Überfluß. Bald kochte es in den Töpfen, und die Eßvorräte, die wir von Phantom Ranch mitgenommen hatten, wurden auf dem Sande aufgetischt. Um 8 Uhr waren es 27 Grad in der Luft. Der Abend war herrlich, still und klar. Die Dämmerung wurde dichter. Am flammenden Lagerfeuer nahmen wir unsere Mahlzeit ein. Kaffee und Pfeifen erhöhten die Gemütlichkeit, und dann gingen wir zeitig zur Ruhe. Ich lag noch bis Mitternacht wach, genoß die wunderbare Stimmung und lauschte dem Rauschen des Falles und dem Murmeln des Baches, das von einem ganzen Konzert von Fröschen und Grillen begleitet war. Mit den Augen folgte ich der Bahn der Sterne über den schmalen Streifen Himmel, der zwischen den Felsgraten zu sehen war. Das kleine Seitental der Altar Falls läuft von Nordwesten nach Südosten. Die Sterne verschwanden nacheinander hinter der hohen Bergwand südwestlich des Lagers, die der Mondschein mit seinem Silber übergoß. Schließlich stieg der Vollmond über den Rand der Felsenmauer im Nordosten empor. Ich schlief eine Weile, und als ich wieder für einen Augenblick erwachte, hatte auch der Mond den dunkelblauen Raum zwischen den Felsenzinnen überschritten. [Illustration: Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Süden (1. Juli). Die waldbewachsene Erhebung links ist McClellan Point.] Am 29. Juni betrug die Temperatur um 7 Uhr 22,2 Grad in der Luft und 16,7 im Bach. Wir frühstückten, packten unsere Sachen und setzten unsern Ritt den Bright Angel Creek hinauf fort, indem wir wie gestern wiederholt den Bach kreuzten. Der Weg ist schlecht, aber die Touristen verirren sich ja auch selten zum Nordrand; in diesem Jahr war es nur ein paarmal vorgekommen. Bei einer kleinen von links kommenden Schlucht mit einem verschwindend kleinen Bächlein, das mein Begleiter Wall Creek nennt, befinden wir uns 1190 Meter über dem Meer. Von hier sieht man mit Hilfe des Fernglases El Tovar und den Rauch einer Lokomotive. Kurz vor 10 Uhr sind es 39,6 Grad, die größte Wärme, die ich im Gran Cañon ablas; offenbar war diese Zahl durch die Ausstrahlung der Bergwände beeinflußt, denn oben in freierem Gelände stieg die Temperatur nicht so hoch. Man verläßt nun den Talboden und steigt sehr steil eine Bergschulter hinan, nach Manzanita empor. Der Name ist nach Sandy mexikanisch und bedeutet „kleine Orange“; dieser Strauch kommt nämlich hier vor. Auf den Hängen der andern Talseite wachsen Kiefern und Wacholder. Der Weg führt meistens durch dickichtartige Gebüsche mit harten Zweigen. Nachdem wir die Höhe erreicht haben, geht es wieder Hals über Kopf zum Bach hinab. Von links kommt ein kleiner Bach und bildet schöne Fälle auf den Felsenplatten. Jetzt steht Wacholder- und Kiefernwald auch auf unserer Seite. Bei Roaring Springs sind wir kaum 1200 Meter von Bright Angel Point entfernt, dessen gewaltige Mauern im Westsüdwesten fast senkrecht über uns emporragen. Trotzdem haben wir noch 5½ Stunden bis dorthin, denn wir müssen mehrere Kilometer den Bright Angel Cañon hinauf nach Nordosten reiten, ehe wir an eine Stelle kommen, wo das Gelände auf das Hochland hinaufzusteigen erlaubt; dann müssen wir ebensoweit nach Südwesten reiten, um das Lager am Bright Angel Point zu erreichen. Von rechts kommt ein kleiner Nebenfluß, der sich in schäumenden Fällen über bewachsene Abhänge hinabstürzt. Wir befinden uns in 1420 Meter Höhe. Das Wasser in unserm brausenden Gießbach hat eine Temperatur von 12,3 Grad und fühlt sich eiskalt an. Die Vegetation ist üppig; rote Felsrücken und Mauern ragen aus dem Grün empor und rufen mit ihren frischen lebendigen Farben prächtige Wirkungen hervor. Um ½11 Uhr gönnen wir den Maultieren und uns selbst eine halbstündige Rast; ich benutze sie dazu, ein paar flüchtige Skizzen zu zeichnen. Die Landschaft ist berückend schön. Hier ist es warm und herrlich -- wie gern wäre ich auch hier länger geblieben; aber wir mußten uns beeilen, denn die Maultiere wurden in El Tovar gebraucht. Wir haben den Bach überschritten und befinden uns auf seinem rechten Ufer, nachdem wir bisher den ganzen Tag auf dem linken geritten waren. Jetzt geht es im Zickzack die ungemein steilen Hänge der rechten Talseite hinan, nach links und nach rechts, bergauf und bergab, in unzähligen Windungen. Bisweilen ist der Pfad nur handbreit und läuft am Rande des Abgrunds entlang. Das Maultier braucht nur einen Fehltritt zu tun! Am schlimmsten ist es da, wo der schmale Pfad sich nach dem Tal zu neigt und die äußere Kante weich ist. Einmal gab der Boden unter der Last meines Maultiers nach; es glitt mit dem äußern rechten Vorderfuß aus, parierte aber gut, indem es sich auf das Knie des innern Beines fallen ließ und sich wieder erheben konnte, ehe es das Gleichgewicht verlor. Aber „Sparkplug“, wie es heißt, ist auch ein erstklassiges Reittier, und ich fühle mich auf seinem Rücken ganz sicher. Hier und da liegen runde Blöcke und hohe Steinstufen mitten auf dem Pfad; die Zickzackwindungen sind nur ein paar Meter lang, das Maultier klettert und springt den Pfad hinauf, und man macht sich so geschmeidig wie möglich, um seinen Bewegungen zu folgen und sie zu erleichtern. Wenn es bergauf geht, läßt man es sich noch gefallen, aber wenn es solche Treppen Hals über Kopf hinabgeht, ist einem nicht ganz wohl zumute. In der Tiefe breitet sich das üppige Grün wie ein orientalischer Teppich zwischen den roten Bergwänden aus, man sieht den dunkel malachitgrünen Bach und seinen schneeweißen Schaum und lauscht seinem Brausen. Wieder kommen wir lange Strecken durch herrlichsten Nadel- und Laubwald und durch dichte Gebüsche. Wenn man unter überhängenden Felsmauern reitet und vorstehende Blöcke über sich hat, fragt man sich, ob man vorbeikommen wird, ehe der Block sich löst und niederstürzt, um sich in donnernden rollenden Sprüngen zu seinen Vorgängern an den Ufern und im Bett des Baches zu gesellen. Zu den geringeren Unannehmlichkeiten, die man nicht weiter beachtet, gehören die Erfahrungen, die man macht, wenn dornige Zweige des Dickichts, durch die der Pfad sich hindurchschlängelt, einem die Beinkleider zerreißen. So reiten wir bergauf und bergab, aber im großen ganzen nähern wir uns dem Plateaurand. Der Pfad ist rot, die Wacholderstämme schwarz; ihre Nadelkronen dunkelgrün. Auch dadurch unterscheidet sich der Nordrand des Gran Cañon vom Südrand, daß er viel reicher an Vegetation ist. An manchen Stellen ist der Wald im Bright Angel Cañon geradezu üppig. [Illustration: Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Südsüdosten (1. Juli).] Am Ufer eines kleinen Bachs, der von der rechten Talseite kommt, steht ein einsames Zelt. Hier hausen Arbeiter, die die schlimmsten Schäden des Weges auszubessern haben. An manchen Stellen ist der Pfad recht lebensgefährlich, an andern leidlich. Aber wunderbar ist stets die Landschaft, und zwischen den Stämmen der Bäume öffnen sich die herrlichsten Ausblicke. Man reitet wie durch natürliche Säulengänge und man weiß nicht recht, soll man lieber dem Selbsterhaltungstrieb folgen oder den mit jeder Minute wechselnden Landschaftsbildern seine Aufmerksamkeit schenken. Gleich nach Mittag rasten wir eine Weile am Rande der kleinen Quelle Trough Spring, wo die Lufttemperatur auf 33,6 Grad gesunken ist. Man beginnt zu merken, daß man sich weiteren Horizonten nähert und nicht mehr in enge Hohlwege eingesperrt ist. Von Roaring Springs an folgen wir ständig den Hängen der rechten Talseite, gewöhnlich in bedeutender Höhe über dem Talboden, doch nicht höher, als daß wir stets das Brausen des Baches hören können. Auf der linken Seite eines kleinen Seitentals reiten wir immer höher hinauf durch Wald von Eichen und Birken mit pechschwarzen Stämmen, durch Dickichte von Sträuchern und Disteln und weiter oben durch herrlichen Wald von Gelbkiefern und Fichten. Von Zeit zu Zeit machen wir im tiefsten Schatten kurze Rastpausen, damit die Maultiere verschnaufen können. Wenn wir unsere Blicke durch den Bright Angel Cañon hinabschweifen lassen, sehen wir zur Linken seines offenen Mündungstores den Brahma- und den Zoroastertempel, die sich als hohe imposante Pyramiden gegen den hellern Hintergrund des Südrandes abheben. Dagegen erscheint der nördliche Cañonrand, zu dessen Zinnen wir hinaufstreben, nicht mehr so gewaltig wie unten von der Taltiefe aus. Als der Pfad gerade schmal und tückisch ist, kommt uns eine Maultierkarawane entgegen. Zum Glück haben ihre Führer uns rechtzeitig gesehen und warten an einer breitern Stelle, wo wir an ihnen vorbei können, ohne in die Tiefe hinuntergestoßen zu werden. Fichten, Kiefern und Wacholder bilden auf den Hängen ganze Armeen. Jenseits des Tales, im Osten, ungefähr in der gleichen Höhe, die wir erreicht haben, tritt die Grenze zwischen dem roten Coconino und dem weißgrauen Kaibab außerordentlich scharf hervor. Ein paar aufgescheuchte Rehe flüchten in leichten Sprüngen durch den Wald. Am Rande eines Abgrunds bleiben sie stehen und betrachten uns eine Zeitlang, mit aufgerichteten Lauschern, unbeweglich wie Bildsäulen, um schließlich wie Schatten zu verschwinden. Kurz nach 2 Uhr nehmen wir die letzte Schwelle und kommen schließlich auf die fast ebene Fläche des Kaibabplateaus hinauf. In einem Nadelwald, zwischen dessen Bäumen auch die eine oder andere Zitterpappel ihre Laubkrone erhebt, machen wir zum Frühstück Rast, am Rande eines jener ausgeschachteten, mit Dämmen umgebenen „Tanks“, die den Zweck haben, Regenwasser für das Vieh zu sammeln. Die Temperatur ist angenehm, 29,5 Grad. Bis zur North Rim Rancher Station und Vaughan Jensens Camp hatten wir noch einige Kilometer durch den herrlichsten Tannenwald zu reiten. Jensen war daheim, und sein Auto stand bereit. Er war ein großer starker Mann, der Sohn dänischer Auswanderer, deren Muttersprache er jedoch nie gelernt hatte. Nun hatte Sandy mich guten Händen anvertraut. Nachdem ich ihm gedankt und die Hand geschüttelt hatte, kehrte er um; er wollte heute noch den langen Weg nach Phantom Ranch hinunter zurücklegen. Jensen und ich stiegen ins Auto, fuhren an Bright Angel Spring (wo das Wasser nur 10 Grad maß) vorüber und hatten dann nur noch kaum 5 Kilometer nach Wylie Way Camp, der einzigen Touristenstation am Nordrand. Hier stehen fünfzehn viereckige Zelte mit Holzgerippe und Bretterfußboden; sie sind mit Bett, Tisch, Stuhl und Waschgestell ausgestattet. Der Leiter des Lagers, Herr McKee, wohnt mit Frau und Sohn in einem größern Zelt, neben dem die Küche und das Speisezelt aufgeschlagen sind. Da ich mir den Sonnenuntergang dieses ersten Abends am Nordrande nicht entgehen lassen wollte, begaben wir uns, Herr Jensen und ich, auf den Bright Angel Point hinaus, den ich im Laufe des Tages von unten gesehen hatte. Man muß ein gutes Stück auf dem Grat des schmalen, senkrecht aufragenden Ausläufers gehen, vor dessen äußerstem Kap sich ein Pfeiler aus Kaibabkalkstein erhebt. Dieser Pfeiler, der zum Teil freisteht und mit dem festen Felsen durch eine kleine, über schwindelnder Tiefe schwebende Holzbrücke verbunden ist, trägt den Namen Bright Angel Point. Seine Zinne mißt nur wenige Meter im Durchmesser und besteht aus zwei Absätzen, deren oberer eine einem Rundsofa ähnliche natürliche Bank bildet. Hier liest man die Höhenzahl der Geologischen Landesuntersuchung 8153 Fuß (2485 Meter). Es darf einem nicht schwindlig werden, wenn man sich auf dieser winzigen Fläche aufhält, die wie eine kleine Insel, eine Schäre, aus dem Luftmeer emporragt und von deren Rand die Seiten der Kalkpfeiler Hunderte von Metern senkrecht in die Tiefe abfallen. Es ist, als stünde man auf dem Kapitell einer riesigen Säule. Ich hielt mich an die Steinbank und war froh, daß ich nicht zu stehen brauchte; denn man hat überall nur ein oder zwei Meter bis zum Rand des Abgrunds. Doch Jensen schien dies nicht im geringsten zu stören. Denn als er mir die Landschaft erklärte, stellte er sich in des Wortes wahrster Bedeutung auf den äußersten Rand, so daß die Zehenspitzen überragten. Ich fuhr zusammen und fühlte, wie kalte Schauer mich überliefen, sagte aber nichts. Gerade, ruhig und gelassen stand er da, als stünde er mitten in einem Saal; er zeigte auf die verschiedenen Tempel und Täler, ließ seine Blicke am Horizont entlang schweifen und schien die ungeheuere Tiefe nicht einmal zu merken, die er gerade unter sich hatte. Wer Lust dazu hat, kann es ja versuchen, sich auf den äußersten Rand eines Gesimses zu stellen, das von dem Dach eines vier- oder fünfstöckigen Hauses vorspringt, unbeweglich da zu stehen und über benachbarte Hausdächer hin zu blicken, unbekümmert um die Straße, die unter ihm gähnt. Der Unterschied ist nur der, daß die Höhe der senkrechten Wand des Bright Angel Point zehnmal größer ist. [Illustration: Aussicht von Cape Royal nach Süd 15° Ost (Wischnutempel).] Wenn wir auf den Grund des Bright Angel Cañon in der Gegend der Altar Falls schauen, die in der Luftlinie keine 4 Kilometer entfernt sind, dann beträgt der Höhenunterschied 1326 Meter. So viel, viereinhalb Eiffeltürme übereinander, waren wir auf unserm heutigen Ritt gestiegen. Den ganzen Weg, den wir von Altar Falls an zurückgelegt hatten, kann man mit dem Blick in die Tiefe verfolgen, selbst wenn der Pfad im Gelände verschwindet oder unter Grün verborgen ist. Der vorspringende Teil des Kaibabplateaus, auf dessen äußerstem Kap wir stehen, wird im Nordosten von dem Seitental, an dessen Mündung wir bei Roaring Springs vorbeigekommen waren, im Südwesten von dem Seitental The Transept begrenzt. Im Süden thronen Deva- und Brahmatempel mit ihren hellen sonnenbeleuchteten Zinnen, die sich scharf von dem in leichteren Tönen hervortretenden Südrand abzeichnen, mit ihren scharfen Schatten und ihren ziegelroten Steilhängen. Eine Abendstunde auf der Plattform dieser Säule bietet fürwahr seelische Erschütterungen, die man nie vergißt. Ganz abgesehen von meiner Angst, zu sehen, wie Herr Jensen im nächsten Augenblick das Gleichgewicht verlor und über den Kalksteinrand verschwand, rang ich nach Atem beim Anblick dieser Landschaft, die aller Worte und aller unbeholfenen Versuche mit Feder und Pinsel spottet. Man fühlt sich überwältigt und verstummt. Was hat es für einen Zweck, zu reden, wenn der Sprache die Mittel fehlen, den Gefühlen Ausdruck zu geben, die man empfindet. Es ist am besten, demütig einzugestehen, daß man, gemessen mit den Maßen dieser märchenhaften Landschaft, nicht viel mehr ist als ein Sandkorn, das die Strömung des Colorado zum Meer hinabführt. Auch in topographischer Hinsicht ist diese Aussicht belehrend und orientierend. Wenn man von El Tovar oder von andern Punkten des Südrandes aus alle diese pyramidenförmigen Tempel sieht, schaut man sie in der Verkürzung; sie verdecken sich und bilden ein einziges unentwirrbares Durcheinander, ein Labyrinth senkrechter oder steiler, höchst phantastisch herausgemeißelter Berge. Aber hier vom Nordrand aus sieht man deutlich, wie die Tempel sich auf dem Rücken ein und desselben nach Süden vorspringenden Ausläufers des Kaibabplateaus erheben. Auf meinem jetzigen Aussichtspunkt befand ich mich weit nördlich vom Deva-, Brahma- und Zoroastertempel und sah sie etwas von der Seite, aber auch in Verkürzung, in einer ganz andern Anordnung als von Süden. Die Begriffe klären sich, und den Hauptbahnen der Erosion zu folgen wird leichter. Man hat unmittelbar unter sich Täler zweiter Ordnung wie den Bright Angel Cañon und noch näher Täler dritter Ordnung wie The Transept. Man kann verfolgen, wie das Nagen und Fressen der Erosion aus den festen Gesteinsmassen Schritt für Schritt Gebilde in immer geringeren Größenordnungen schafft, bis zu den allerkleinsten Einschnitten hinunter, die das Regenwasser seit unermeßlichen Zeiten gegraben hat. Steter Tropfen höhlt den Stein! Der Ausläufer des Kaibabplateaus, zu dem die eben genannten Tempel gehören, ragt also wie eine ungeheure Trennungsmauer zwischen dem Gran Cañon und seinem Seitental, dem Bright Angel Cañon, auf. Dieser beherrschende Zug tritt auch sehr deutlich auf meinem Aquarell (siehe Titelbild) hervor. Die Beleuchtung war überaus günstig. Es ging auf den Abend zu. Der Südrand und seine ganze Mauer lagen zum größten Teil im Schatten. Aber infolge der Entfernung von etwa 16 Kilometer und unzähliger Lichtblinke aus den tieferen Teilen des Cañon zeigten sich selbst die geschlossenen Schattenfelder in zarten grauvioletten Tönungen, während die Schatten auf den Westseiten der Tempel und in den Spalten der Abhänge dunkel, fast schwarz aussahen. Hier und da wurden vorspringende Teile des südlichen Cañonrandes von den Sonnenstrahlen getroffen und bildeten senkrechte Lichtfelder von prächtigster Wirkung. Am schönsten von allem war jedoch der Rücken mit den Tempeln. Ihre hohen zerklüfteten Kuppeln aus Kaibabkalkstein leuchteten hell gelbgrau mit einem Schimmer von Rosa, die Coconino- und Supaischichten unter ihnen dagegen waren intensiv ziegelrot. In der Tiefe unter uns lagen bereits dunkle Schatten auf dem gewundenen Weg, den wir im Lauf des Tages zurückgelegt hatten, aber auf meinem Bild werden die schwindelnden Abgründe von dem dichten Grün meiner nächsten Umgebung verdeckt. [Illustration: Blick von Cape Royal in den Gran Cañon. In Süd 65° Ost eine Krümmung des Colorado.] Herr Jensen weckte mich aus den Träumen und Gedanken, denen ich nachhing. In El Tovar hatte man mir erzählt, auf den Weiden und in den Wäldern des Nordrandes ästen 40000 Rehe, und als ich mich bei Herrn Jensen auf dem Wege von seinem Kamp danach erkundigte, hatte er mir erwidert, diese Zahl komme der Wahrheit allerdings nahe und ich könne mich an Rehen satt sehen, wenn ich gegen Sonnenuntergang achtgäbe. Daran anknüpfend, machte er den Vorschlag, wir könnten noch eine Spazierfahrt machen und die schönen Tiere aufsuchen. Die Rehe bringen jetzt im Sommer den ganzen Tag in den Verstecken des Waldes zu und treten gerade bei Sonnenuntergang auf das offene Gelände hinaus, um dort die ganze Nacht hindurch zu äsen -- sei es, weil der Wald am Tage kühler und nicht so voller blutsaugender Insekten ist, oder weil sie sich bei Tageslicht leichter hüten können vor ihren auf den Bäumen lauernden Feinden aus dem Katzengeschlecht als in der Nacht, wo sie sich auf freiem, offenem Gelände sicherer fühlen. Wir hatten 26 Kilometer bis zu dem sogenannten V. T. Park („Viti“-Park)[4] zu fahren, wo der Weg aus dem Walde tritt, um sich durch langgestreckte Gürtel Wiesenland zu schlängeln. Die Sonne war untergegangen, und die Dämmerung breitete sich allmählich über die Erde. Aber der Himmel war klar, und es war noch hell genug, um deutlich zu sehen. Wir fuhren auf die Wiese hinaus. Ein paar Rehe sprangen in anmutigen elastischen Sätzen über das Gras dahin. „Warten Sie nur,“ sagte Herr Jensen, „es werden bald mehr!“ Kurz darauf zählte ich eine Anzahl von 85 Stück, und wohl sechs ebenso große Bestände waren gleichzeitig in Sehweite, außerdem viele einzelne Rehe oder Paare. Sie waren nicht gerade sehr scheu. Als das Auto an ihren Weideplätzen vorüberratterte, schauten sie auf, betrachteten uns genau und folgten mit dem Kopf unsern Bewegungen; erst als wir ganz nahe waren, wandten sie sich und traten in den Schatten des Waldes. Dieses schöne entzückende Schauspiel wiederholte sich mehrere Male. Die meisten Rehe waren links vom Weg in der Nähe des Waldrandes. Einmal hatten wir ein Rudel von 20 Stück rechts vom Weg, wo der Wiesengürtel ganz schmal und der Wald sehr nahe war. Statt in diesen zu trollen, beschlossen sie, nach dem Wald im Westen zu flüchten; um dorthin zu kommen, mußten sie den Weg vor uns kreuzen. Sie zogen nicht paarweise, sondern fast im Gänsemarsch. Die letzten, die sich nicht sonderlich beeilten, veranlaßten mich, Herrn Jensen am Ärmel zu fassen, denn sie waren keine fünf Meter vor uns, und wir fuhren ziemlich schnell. Aber ihr Wagnis glückte, und sie gesellten sich mit heiler Haut zu ihren Gefährten. Als die Dämmerung allzu dicht wurde, kehrten wir nach Wylie Way Camp zurück. Inzwischen war es dunkel geworden, aber auf einem offenen Platz vor den Zelten hatte man ein gewaltiges Feuer angezündet und Stühle ringsherum gestellt. Von Salt Lake City waren einige Touristen in eigenen Autos angekommen, und Thomas McKee, der Wirt des Lagers, war gerade dabei, ihnen vom Gran Cañon zu erzählen. Mit seiner Frau, seinem Sohn und einigen Dienern verbringt er im Wylie Way Camp jedes Jahr die vier Monate der Saison, Anfang Juni bis Anfang Oktober, und hat dabei sein gutes Auskommen. Die fünfzehn Zelte nebst vier neuen eben aufgeschlagenen werden im Oktober zusammengepackt und den Winter über gut aufbewahrt. Während der kalten Jahreszeit wohnt die Familie McKee in Pasadena in Kalifornien, sie sehnt sich aber stets nach dem Gran Cañon zurück. McKee erzählte, der Panamakanal habe den Eisenbahnlinien dieser Gegend Abbruch getan. Die Seefracht ist nämlich 25-30 vom Hundert billiger. Die Dampfschiffe ziehen Güter und auch Reisende vom Landweg ab. Das kalifornische Obst z.❁B. wird jetzt im Kühlraum durch den Panamakanal nach New York und Europa verfrachtet, während es früher stets auf dem Schienenweg quer durch den Erdteil versandt wurde. Die Eisenbahnen tun daher, was sie können, um durch Entfaltung der vorhandenen Lockmittel den Strom der Reisenden an ihre Linien zu ziehen. Die vorzüglichste Lockspeise ist natürlich der Gran Cañon. [Illustration: Blick von Cape Royal nach Süd 20° West auf Wotans Thron.] In Herrn McKee lernte ich einen ungewöhnlich tüchtigen, kenntnisreichen und liebenswürdigen Mann kennen, und die Tage, die ich in seiner Gesellschaft verbrachte, gehören zu meinen besten Erinnerungen an Amerika. Er ist Naturforscher und Schriftsteller und schreibt in verschiedenen Zeitschriften über Menschen und Tiere, besonders über den Puma, den Berglöwen, und über die Hunderasse, die man abgerichtet hat, dieses Katzentier aufzuspüren. Auch mir erzählte er allerlei von ihm. Die Pumas, die ihre Jagdgründe am Nordrande des Gran Cañon haben, sind fett und plump und strengen sich nicht übermäßig an. Aber gleichwohl sind sie blutdürstig, und wenn sie in großer Anzahl getötet werden, merkt man binnen kurzem, wie der Rehbestand zunimmt. Hier in der Gegend heißen sie Kuguare. Ihre Höhlen haben sie auf den Nordhängen des Gran Cañon; des Nachts kommen sie in den Wald hinauf. Sie lauern auf den Bäumen und springen auf vorüberziehende Rehe hinunter. Vor einigen Tagen hatte ein Puma nur ein paar hundert Meter von Wylie Way Camp ein Reh erbeutet, wie Haut und Knochen verrieten, die man eines Morgens fand. Wenn der Puma ein Reh erlegt hat, frißt er sich satt und deckt den Rest mit Laub und Zweigen zu oder gräbt ihn ein, um nach zwei Tagen zurückzukommen. Ist das Fleisch inzwischen verdorben, dann rührt er es nicht an; er lauert lieber einem neuen Opfer auf. Glückt ihm dies nicht, dann nimmt er auch mit Fleisch vorlieb, das schon einen kleinen Stich hat. Heulwölfe, Wildkatzen und Luchse folgen seiner Spur, um sich an dem, was er von seiner Beute übriggelassen hat, gütlich zu tun; sie selbst wagen sich nur an junge Tiere. In Gegenden, wo es viele Rehe gibt, tötet der Puma jeden zweiten Tag ein Tier; er frißt nur die besten Stücke und säuft das Blut. Uncle Jim, ein großer berühmter „Löwentöter“, wurde seinerzeit von der Regierung angestellt und erhielt den Auftrag, zum Schutze der Rehe möglichst viele Raubtiere zu vernichten. Fünfundzwanzig Jahre lang verfolgte er den Puma und erlegte in den Wäldern des Walhallaplateaus 1500 Stück, davon etwa 1100 in der Gegend von Wylie Way Camp. Dabei zog er eine besondere Hunderasse auf, die eigens auf den Puma abgerichtet war, dessen Wegen auf den Felsenhängen und in den Wäldern folgte und ihn auf Bäume hinaufjagte, wo er leicht geschossen werden konnte. Der Hund, der der Stammvater dieses Geschlechts von Pumatötern war, hatte allein 607 Pumas aufgespürt, aber als er der Fährte des 608. folgte, wagte er sich zu weit auf einen vereisten Felsabhang hinaus, verlor den Halt und stürzte in die Tiefe. Doch der Puma, der den Jagdeifer seines Verfolgers zu so verhängnisvoller Unvorsichtigkeit entflammt hatte, mußte auch sein Leben lassen. Einmal kam Präsident Theodor Roosevelt nach dem Walhallaplateau, um unter Uncle Jims Leitung Pumas zu jagen. Der Präsident war von der erfolgreichen Jagd so entzückt, daß er zur Erinnerung daran Uncle Jim ein Jagdgewehr mit goldenem Namensschild schenkte. Der Alte bezog ein Gehalt von der Regierung und erhielt auch von Farmern und Viehbesitzern Bezahlung für seinen Ausrottungskrieg gegen die raubgierigen Katzen. Ja, McKee konnte Geschichten von Tieren und Menschen erzählen! Eine von ihnen hatte eine Hütte zum Schauplatz, an der ich später auf dem Weg nach Salt Lake City vorüberkam, den V. T. Ranch im V. T. Park. Hier hatte sich achtzehn Monate vor meinem Besuch folgende dramatische Szene abgespielt. In einer Stadt im südlichen Arizona hatte ein Mann einige Wertpapiere gestohlen und war nach Norden geflohen, um den Gran Cañon zu überschreiten und sich nach Utah zu begeben, wo er allen Spähern und Polizisten entgehen zu können glaubte. Auf dem Weg durch den Cañon gelang es ihm, einen verwilderten Esel zu fangen, der wieder so gut wie zahm geworden war. Auf diesem ritt er zum Nordrand hinauf, wo hoher Schnee lag. Schließlich erreichte er die Hütte des V. T. Ranch und ging mit seinem Esel hinein. Keine Menschenseele war in der Gegend, aber die Farmer hatten bei ihrem Aufbruch einen erheblichen Vorrat an Kartoffeln zurückgelassen. Nachdem der Flüchtling einige Tage hier zugebracht hatte, erhielt er unerwarteten Besuch. Ein anderer Abenteurer war von Utah aufgebrochen und eines Tages in dem weiter nördlich gelegenen Hof des Pumajägers Uncle Jim aufgetaucht. Er erklärte, er habe die Absicht, nach Süden über den Gran Cañon zu gehen, um in Arizona bessergelohnte Arbeit zu suchen. Uncle Jim warnte ihn und sagte, bis zum nördlichen Cañonrand liege hoher Schnee. Aber der Mann versicherte, er sei an Wald, Wildnis und Schnee gewöhnt und werde auch hier schon durchzukommen wissen. Er brach also auf und watete durch den Schnee nach Süden. Nachts hatte er keinen Schutz und war dem Erfrieren nahe. Völlig erschöpft erreichte er schließlich den V. T. Ranch und sah aus dem Schornstein der Hütte Rauch aufsteigen. Er ging an die Tür und klopfte an. Der Dieb öffnete die Tür ein wenig, hielt seine Axt drohend erhoben und erklärte, er werde den Ankömmling töten, wenn er sich nicht entferne. „Hier ist nur für einen Nahrung, nicht für zwei!“ Der andere bat und flehte um Einlaß; er war ganz entkräftet vor Kälte, hatte sich mehrere Zehen erfroren, konnte keinen Schritt weiter und hatte es nötig, sich in der warmen Hütte auszuruhen. Der Dieb blieb unerbittlich, kein Mensch dürfe über die Schwelle, erklärte er, und wieder hob er drohend die Axt. Da packte den Ankömmling die Wut, er zog sein Messer, riß die Tür auf und zischte: „Gut, dann soll es wenigstens einen Kampf auf Leben und Tod geben.“ [Illustration: Aussicht von Cape Royal nach Süd 85° West.] Nun wich der Dieb zurück und wurde kleinlaut. Es hing an einem Haar, daß sie mit ihren Waffen aufeinander losgingen. Eine Zeitlang lebten sie auf Kriegsfuß. Sie mißtrauten und fürchteten einander, beobachteten sich und schielten sich gegenseitig verstohlen an, und keiner wagte, dem andern den Rücken zu kehren. In der Nacht hatte der eine seine Axt, der andere sein Messer zur Hand. Tag und Nacht fiel Schnee, immer höher wurden die Schneewehen. Sie sahen ein, daß es unmöglich war, die Hütte zu verlassen, solange das Schneewetter anhielt, daß die Wartezeit -- es war noch nicht einmal Neujahr -- lang und hart werden konnte und daß sie einander brauchen und helfen konnten; darum schlossen sie Frieden und legten Axt und Messer beiseite. Als der Kartoffelvorrat zu Ende war, schlachteten sie den Esel und hatten nun für lange Zeit Fleisch. Mitte Dezember 1921 hatten sie sich in der Hütte getroffen und vier Monate mußten sie dort bleiben. Es schneite noch immer, und die Schneewehen türmten sich fast vier Meter hoch. Im März fertigten sie Schneeschuhe an, dann brachen sie mit ihrem letzten Fleischvorrat nach Norden auf. Der Mann aus Utah, der sich die Füße erfroren und seine Zehen verloren hatte, war schlimm daran, er konnte sich ohne die Hilfe des Diebes nicht vorwärts bewegen. Sie kamen daher durch die ungeheuren Schneewehen nur langsam vorwärts und hatten bald nur noch ein kleines Stück Fleisch übrig. Als sie einmal den losen Schnee weggeschaufelt und sich hingelegt hatten, um zu schlafen, benutzte der Dieb die Gelegenheit, sobald der andere fest eingeschlummert war, und machte sich mit dem Fleisch und den Stücken einer Plane aus der Hütte davon. Er nahm als sicher an, daß sein Gefährte in der Einsamkeit umkommen werde. Schon am folgenden Tag erreichte er den Hof Uncle Jims und log diesem eine Geschichte vor, die glaubhaft scheinen konnte. Dabei beging er jedoch die eine und andere Unvorsichtigkeit, die Uncle Jim und seine Leute Verdacht schöpfen ließen, daß nicht alles richtig sei und daß ein Mann fehle. Am Abend trat plötzlich der Gefährte ein, und als er den Dieb erblickte, der ihn so verräterisch im Stich gelassen hatte, zog er das Messer und stürzte sich auf ihn; er hätte ihn getötet, wenn ihn die Anwesenden nicht daran gehindert hätten. Während der Nacht wurden die beiden in getrennten Räumen untergebracht und bewacht. Am Morgen wollte der Dieb durch den Schnee nach der Stadt Hurricane weiter. Er ließ sich von den andern nicht abschrecken, die ihn vor dem 120 Kilometer langen Weg warnten und ihm rieten, lieber nach Fredonia zu gehen, das nur 22 Kilometer entfernt sei. Er machte sich also auf den Weg nach Hurricane, erreichte aber nie sein Ziel. Obwohl ein Jahr seitdem verflossen ist, hat niemand etwas von ihm vernommen. Wahrscheinlich ist er in der Kälte umgekommen und dann von Heulwölfen aufgefressen worden. Der andere wurde in das Krankenhaus St. George in der Südwestecke von Utah gebracht, dem nächsten Ort, wo er richtige Hilfe erhalten konnte. Die Füße mußten ihm abgenommen werden, und freundliche Menschen nahmen sich seiner an. Wir saßen am prasselnden Feuer und plauderten und sahen zu, wie die sprühenden Funken zum mondhellen Himmel emporwirbelten. Mit Herrn Jensen besprach ich den Plan eines zweitägigen Ausfluges nach Cape Royal. Den ganzen folgenden Tag, 30. Juni, benutzte ich dazu, einige Skizzen und flüchtige Aquarelle hinzuwerfen, von denen ich zwei wiedergebe (S. 128 und S. 144). Auf dem einen sieht man den Deva- und Brahmatempel und einen Schimmer des Zoroastertempels, während das Kap Obi Point, von dem ihr Sockelrücken ausgeht, von Bäumen verdeckt wird. Das zweite Bild zeigt die Aussicht nach Norden und Nordnordosten auf das kleine Seitental und im Hintergrund einen Teil der innersten Regionen des Bright Angel Cañon. Die ganze Landschaft schimmert hier in Grün und Rot. Das Grün der Vegetation herrscht auf den Höhen vor, das Rot breitet sich nach der Tiefe zu aus. Der Kaibabkalkstein bildet senkrechte, ins Violette spielende Wälle. Es ist eine farbensatte, seltsame Landschaft, die recht unwahrscheinlich aussieht. Am folgenden Morgen weckten mich Autogeratter und Stimmen; es war ungewöhnlich lebhaft am Wylie Way Camp. In dem einen Auto kamen Touristen angefahren, die auf das Kap hinausgingen und die Aussicht bewunderten, um auf dem gleichen Wege zurückzukehren. Die Insassen des zweiten waren drei Männer aus dem Volk, unter ihnen ein älterer Mann, voller Scherze und heiterer Einfälle. Ohne weiteres begann er von der bevorstehenden Präsidentenwahl zu sprechen und war der Überzeugung, daß Ford vom Volk gewählt werden würde. Er selbst wolle ihm gern seine Stimme geben, wenn Ford ihm als Gegengabe ein Auto schenke. „Manche Leute benutzen solche Methoden bei der Präsidentenwahl,“ sagte er, „aber vielleicht ist Ford doch nicht aus +dem+ Holz.“ [Illustration: Eine vorspringende Felswand bei Cape Royal.] Mit dem jungen Robert McKee wanderte ich durch den Wald nach dem anderthalb Kilometer entfernten nordöstlichen Rand des tief eingeschnittenen kleinen Seitencañons The Transept. Vom Rand aus kletterten wir eine steile Steinrinne zwischen zwei Kalksteinfelsen hinab und balancierten dann vorsichtig auf einem sehr schmalen Gesims vorwärts, wo wir den Abgrund zur Rechten und die Felswand zur Linken hatten. Zum Glück war dieser schwindlige Steg über die jähe Tiefe nicht lang, und ehe ich mich dessen versah, standen wir am Eingang einer Grotte, in der Höhlenbewohner, „Cliffdweller“, gehaust hatten. Wir traten in die kühle Dämmerung ein. Der Boden stieg recht steil zum innersten, höchsten Teil der Grotte an, der vom äußern Teil durch eine Mauer aus Steinen, Holzstücken und Mörtel abgetrennt war. Es sah aus, als sei der äußere Raum die eigentliche Wohnstätte, der innere vielleicht eine Vorratskammer gewesen. Als der junge McKee vor einiger Zeit diese Höhlenwohnung entdeckte, fand er Scherben von Tongefäßen, die er auflas. Deutlich konnte man noch sehen, wo die Feuerstätte gewesen war; nach den Spuren zu urteilen, kann es nicht besonders lange hergewesen sein, daß die Grotte bewohnt wurde. Von der Plattform vor der Höhle aus zeichnete ich eine Skizze des Ausläufers, der im Süden den Cañon The Transept begrenzt und dessen innerer höchster Teil Oza Butte heißt, während der äußere, eine kegelförmige Höhe, den Namen McClellan Point hat (S. 197). Zwischen Ausläufer und Grotte gähnt der schwindelnde Abgrund. Im Laufe des Tags segelten weiße Wolken über Arizona hin. Es konnten die ersten Herolde der Regenzeit sein, obwohl diese gewöhnlich erst um den 20. Juli beginnt. Sie bringt einen oder zwei heftige Regenschauer am Tag. Die Luft wird dadurch abgekühlt, und der Regen ist besonders für das Vieh willkommen, das in den dürren Wäldern weidet. Alle Zisternen füllen sich mit Wasser, auf längere Zeit hinaus braucht man nicht zu fürchten, daß die Herden durch Durst gelichtet werden. Über die Wärme konnte man sich in Wylie Way Camp nicht beklagen. Um Mitternacht sank die Temperatur auf 19,2 Grad. Aber Wylie Way Camp liegt auch bedeutend höher als der Südrand, nämlich 2515 Meter über dem Meer. [4] Auf meine Frage, was die beiden Buchstaben bedeuteten, erhielt ich die Antwort, sie seien ursprünglich nur ein Brandzeichen gewesen, durch das ein Viehbesitzer seine Tiere von denen seiner Nachbarn unterscheiden wollte; man habe diese beiden Buchstaben gewählt, weil sie leicht einzubrennen seien. Zwölftes Kapitel. Ausflug nach Cape Royal. Der 2. Juli war ein herrlicher Tag. Als wir um ½11 Uhr aufbrachen, stand kein Wölkchen am Himmel, und die Temperatur betrug nur 25 Grad. Es galt, den obersten Teil des Bright Angel Cañon zu umgehen und das ganze Walhallaplateau zu queren, den südöstlichen Block des Kaibabplateaus, mit dem es durch einen schmalen Hals zusammenhängt. Wir mußten also nach Norden, Osten, Südosten und Süden steuern, um unser Ziel zu erreichen, Cape Royal, das südlichste Kap des Walhallaplateaus, nordwestlich von Navaho Point. Zuerst fuhren wir im Auto. Kurz hinter Jensens Station bestiegen wir einen Herrn Jensen gehörenden „Tallihoe“, einen hohen Holzwagen mit großen Rädern, der von zwei prächtigen Maultieren gezogen wurde. Der Kutscher Ernest Apling und ein Cowboy, Fuller, kutschierten dieses abenteuerliche Gefährt. Beide waren „Breakers“, Bereiter, und gehörten zu jenem frischen Schlag Freiluftmenschen, deren ganzes Leben darin besteht, sich in Wald und Wildnis herumzutummeln. Jetzt sollte auch ich die Waldluft in tiefen Zügen einatmen und dabei dem Gran Cañon neue Bilder abgewinnen. Anfangs war der Weg leidlich, aber wir hatten von unsern 22 Kilometern erst wenige zurückgelegt, als es auf einem Weg, der aus Erde, Sand und Kalkstein bestand, Hals über Kopf einen greulichen Abhang hinunterging, in tiefen Radspuren, mit schrecklichen Stößen und Sprüngen und jähen Wendungen. Man wurde hin- und hergeschleudert, streifte an Baumstämme, man glaubte, man bleibe in Hohlwegen stecken, und bewunderte die Maultiere, die ihre ganze Kraft aufbieten mußten, damit der schwere, hohe Wagen nicht in die Tiefe rollte. Und dabei bremste Ernest, was er konnte. Doch wir kamen glücklich in eine Bodensenke hinunter und fuhren durch schönen Wald zur Neal-Pferdeweide mit ihrem Wiesenland. Viele Bäume, die von Insekten heimgesucht worden waren, waren ganz abgestorben oder nahe daran. Ein gewaltiger Nadelbaum war umgestürzt und hatte sich quer über den Weg gelegt; als wir ihn umgingen, mußte mancher junge Baum sich unter unserm Wagen beugen. Eine wunderbare Stimmung herrschte in diesem Wald, der der Zerstörungssucht des Menschen trotzt, aber doch wohl einmal seine Kronen wird senken müssen, wenn die Eisenbahn von Norden bis an den Nordrand des Gran Cañon geführt wird. Der Weg, den wir benutzten, war nicht alt. Er war erst im Jahr 1922 angelegt worden. Und weshalb? Der Präsident der Union Pacific Railway Co., Herr Adams, besuchte damals Wylie Way Camp und unternahm einen Ausflug nach Cape Royal, um zu untersuchen, was hier in der Art wie in El Tovar ausgeführt werden könne. Sein Plan war vermutlich, eine Bahn bis an den Nordrand zu legen und in der Nähe des Cape Royal ein Touristenhotel zu errichten. Herr Adams hatte zum Reiten keine Lust. Daher mußte in aller Eile ein Weg gebaut werden; er wurde auch danach. Jetzt hatten auch wir Nutzen davon und konnten bequem Mundvorräte, Wasser und Betten mitnehmen. [Illustration: Aussicht von einem Punkt in der Nähe von Cape Final. In der Mitte (Nord 74° Ost) die Mündung des Kleinen Colorado; links davon Chuar Butte, rechts Cape Solitude.] Wir sind oben auf dem Kamm des schmalen Halses, der das Walhallaplateau mit dem nördlichen Hochland verbindet. Eine großartige Aussicht öffnet sich nach Osten auf den Teil des Gran Cañon, wo der Colorado im Marble Cañon von Norden nach Süden fließt. Jenseits des Marble Cañon breiten sich die flachen Bodenwellen der Painted Desert bis in die fernste Ferne aus; dort liegt auch das Schutzgebiet der Navaho-Indianer. Ich war ganz erstaunt, als uns mitten in diesem wilden Wald aus Fichten, Kiefern und vereinzelten Espen ein Zaun mit geschlossenem Gatter aufhielt. Er hat den Zweck, die Pferde am Ausreißen zu hindern. Ein Stück weiter erreichten wir den Greenland Lake, einen kleinen Tümpel in dem eingezäunten Wald. Hier steht eine Hütte, in der Salz für die Pferde aufbewahrt wird. Auch für die Rehe richtet man im Freien Salzlecken ein. Ein Reh stand gerade da und äugte uns neugierig an, ehe es pfeilschnell zwischen den Bäumen flüchtig wurde. Bei Broad Hollow befanden wir uns in der Nähe des Randes. Wir rasteten im Schatten, um die Aussicht auf den Gran Cañon und Point Harris in Nordnordwesten zu genießen, den höchsten Punkt des ganzen Randes. Wieder fesseln unsere Aufmerksamkeit die zarten leuchtenden Farbtöne der „Bunten Wüste“. Herr McKee, der diese unvergleichlichen Bilder schon so oft gesehen hat, wird ihrer nicht satt; er sagt, sie zeigten sich fast stets in neuen Farben; jedesmal entdecke man neue Einzelheiten und gewinne sie immer von neuem lieb. Um ½2 Uhr zeigt mein Thermometer 29,4 Grad. Nördlich von Point Harris werden in einem Tal 85 Bisons gehegt. In der Wildnis gen Westen leben an tausend wilde Pferde, die Nachkommen verwilderter Ausreißer aus der spanischen Zeit. Sie sind sehr scheu und können nur mit Hilfe umfassender Korrale oder Einzäunungen eingefangen werden; man jagt sie in diese hinein, um sie mit dem Lasso zu fesseln. Wie McKee erzählt, sind sie nicht schwer zu zähmen, und wenn man sie gut behandelt, sind sie sehr zutunlich und lenksam. Sie scheinen fast dankbar dafür zu sein, daß man sich ihrer annimmt, und führen jede Arbeit aus, die man von ihnen verlangt. Nach fünfstündiger Fahrt erreichten wir das Ziel, eine von Cape Royal ein gutes Kilometer entfernte Quelle. Hier schlugen wir ganz in der Nähe des Randes das Lager auf, ließen die Maultiere auf die Weide und machten ein herrliches Feuer an. Die Tiere bekamen Glocken umgehängt, damit wir sie immer hören konnten. Während ich in der Gegend umherstreifte, bereiteten die andern das Essen und machten unsere einfachen Freiluftbetten zurecht -- denn das Zelt, das wir mitgenommen hatten, verschmähten wir; man schläft besser unter freiem Himmel. Drei Stunden lang saß ich auf einem Kap und malte. Das Farbenspiel war hier anders, als ich es von Süden gesehen hatte. Die Sonne beleuchtete das linke, östliche Ufer des Colorado, und die Bergwände und Böschungen schimmerten in Graugelb, Violett, Lila, Ziegelrot, Rubinrot und wieder Violett, alles in leichten, zarten, traumhaften Farbtönen, nicht sattleuchtend wie vom Südrand aus. Auch hier überwältigt die Landschaft durch ihre Schönheit und ihre unbeschreibliche Erhabenheit, und mein Bild -- wenn ich meinen Versuch so nennen darf -- gibt nur einen flüchtigen Begriff von der Wirklichkeit. Nachdem die Sonne untergegangen ist, verblassen die reinen Farben; senkrechte Felswände und abschüssige Hänge treten in dunkelvioletten, verschwommenen Tönungen hervor, die Einzelheiten verschmelzen, alles liegt im Schatten, und hellviolett steigt die Nacht über den Horizont der Wüste empor. Als ich in unser Lager zwischen hochstämmigen Kiefern zurückkehrte, brannte das Feuer hellodernd; bei seinem Schein aßen wir und tranken Tee. Bis der Mond um 11 Uhr aufging, waren wir auf und plauderten. Im Geist sah ich wieder einen ganzen Aufzug von Pumas, die sich von den Bäumen auf die Rücken wilder Pferde stürzen und ihnen mit ihren Zähnen die Hälse aufreißen, von Luchsen, Wildkatzen und Rehen, Heulwölfen, Klapperschlangen, Taranteln und Skorpionen. Ernest hatte einen unerschöpflichen Vorrat an Jagdgeschichten. Schließlich hatten wir aber genug, und jeder kroch in sein Nest. Noch lange lag ich wach und sah das Feuer verblassen und den Mond zwischen den Kronen der Nadelbäume dahinsegeln. Das einzige, was die Stille unterbrach, war das Rauschen des Südwestwindes in den Bäumen und das Klingen der Glocken der Maultiere. Nachdem wir am 3. Juli zeitig gefrühstückt hatten, gingen wir zum nächsten Kap und rollten einige Kalksteinblöcke die Abhänge hinab. Das war knabenhaft und unnötig, aber sehr lustig. Der Block drehte sich ein paarmal und sprang über den Rand, senkrecht fiel er die Felswand hinunter und schlug auf dem nächsten Hangabsatz auf, und aus der Tiefe erklang ein Dröhnen wie von entferntem Donner. Die Pumas in ihren Höhlen dort unten in den unzugänglichen Schluchten wunderten sich wohl, was los sein mochte. [Illustration: Aussicht von Fair View nach Nord 30° Ost.] Dann gingen wir auf das lange schmale Vorgebirge hinaus, das wie ein Finger nach Süden zeigt. Seine äußerste Spitze, Cape Royal, ist sicher einer der berühmtesten und großartigsten Punkte des Gran Cañon. Um das Kap zu erreichen, muß man eine ziemlich tiefe Einsenkung überschreiten, einen Graben, der allmählich die mächtige Säule des Cape Royal in eine vom Walhallaplateau abgesonderte Insel verwandelt. Zwischen lichten Bäumen und Büschen steigt man auf Geröll und Gras etwa 200 Meter steil hinab, um dann aus dem tiefsten Teil der Rinne ebenso steil hinaufzuklimmen zu der Zinne dieses kleinen inselartigen Plateaus, das mit harten, hinderlichen Sträuchern und Nußkiefern bewachsen ist. Nach halbstündigem Klettern machten wir ungefähr auf halbem Weg ein Weilchen halt an der Wurzel eines höchst eigenartigen, vom Rand nach Nordnordosten vorspringenden Ausläufers. Er bildete einen Wandschirm aus sehr dünnem Kalkstein, dessen Nordende senkrecht abgeschnitten und dessen oberer Teil mit einem rechteckigen Fenster versehen war (S. 220). Auf dem Steilhang unter dem Fenster wuchsen lichtstehende Nadelbäume von der schönen Pyramidenform der Fichte. Die Mauer war so regelmäßig geformt, daß man glauben konnte, sie sei von Menschenhänden errichtet. Aber sie war zu mächtig, ihre Maße waren ungeheuer. McKee machte den Vorschlag, auf ihren Kamm hinauszugehen, doch ich widerstand hartnäckig seinen Lockungen. Denn an einer Stelle nahe der Wurzel war die ebene Fläche dieses Fußsteigs wenig mehr als ein Meter breit, und zu beiden Seiten gähnten 200 und 250 Meter tiefe, senkrechte Abgründe. Wenn man seiner nicht ganz sicher ist, tut man klug daran, auf einen solchen Spaziergang zu verzichten. Auf dem äußersten Vorsprung des Cape Royal richteten wir uns so bequem wie möglich ein und blieben dort fast den ganzen Tag. Auch hier erfüllt einen ein Gefühl der Beklemmung angesichts der großartigen Schönheit der Landschaft, und ohne weiteres gesteht man sein Unvermögen ein, diese staunenerregenden Bilder, diese in allen Schattierungen schillernden Farben und diese großartige Architektur im Bild wiederzugeben. Nach Westen ist der Cañon bis Havasupai Point und noch weiter hinaus von der Sonne beleuchtet; die hohe Wand des Südrandes dagegen liegt im Schatten. El Tovar ist leicht zu erkennen an einer Rauchsäule, die von einer Lokomotive aufsteigt. Desert View im Südosten kann man ungefähr bestimmen, und im Osten sieht man wieder in äußerst starker Verkürzung die „Bunte Wüste“, deren berühmtes Farbenspiel zwar entzückend, aber kaum so eigenartig ist, wie das Gerücht behauptet hat. In der Ferne löst sich alles in Dunst und Nebel auf. Ich nehme meinen Zeichenblock vor und beginne eine Skizze der Aussicht nach Westen, die der Zoroaster- und Brahmatempel beherrschen. Links von ihnen ahnt man die tiefe Riesenfurche des Colorado, während das Felsenkap rechts im Vordergrund unser nächster Nachbar unter den nach Süden vorspringenden Kaps des Walhallaplateaus ist. Wie ganz anders nehmen sich die Tempel von hier, von der Seite gesehen, aus! Aber, ich wiederhole es, in Linien wie in Farben bieten sie einen schönern Anblick, wenn man sie bei Abendbeleuchtung von El Tovar aus betrachtet. Von seltsamer Schönheit und überwältigender Mächtigkeit ist auch das isolierte massige Felseneiland Wotans Thron. Seine Kaibab-, Coconino- und Supaischichten folgen aufeinander in senkrechten Wällen und steilen Hängen. Hinter dem gewaltigen Block zeigt sich in leichten Farbtönen die Mauer des Südrandes. Wotans Thron gleicht einem Sarkophag auf seinem Katafalk. In Süd 15° Ost sehen wir den Wischnutempel und einen Teil des Rückens, dessen höchster Punkt er ist (S. 205). Auf der Südseite des Tals zeichnet sich die Grenzmauer zwischen Zuni und Papago Point ab. Über dem Südrand in einer Entfernung von 100 Kilometer ragt der 3887 Meter hohe, gewölbte Gipfel des San-Francisco-Gebirges empor. Die nächste Skizze zeigt die Landschaft im Südosten mit dem Seitental Unkar Creek im Vordergrund und in der Tiefe eine Biegung des Rio Colorado (S. 209). Die Steilhänge zur Linken sind die letzten Abdachungen des Apollo-, Venus- und Jupitertempels. Dem Beschauer gerade gegenüber, jenseits des Flusses, liegt Navaho Point oder Desert View, wo ich übernachtet hatte. Cape Royal liegt in gerader Linie nur 13 Kilometer im Südosten von Wylie Way Camp, aber unser Weg war fast 23 Kilometer lang. An dem gewaltigen Bogen, den man machen muß, sind vor allem der Bright Angel Cañon und der Clear Creek schuld, die in Gestalt zweier tiefer, nach Nordosten gerichteter Kerben in den Block des Walhallaplateaus einschneiden. Ein Tag am Cape Royal gehört zu den herrlichsten Erinnerungen, die man vom Gran Cañon mitnehmen kann. Beim Licht des Morgens sieht man die Mauer der Palisaden im Schatten und die westlichen Regionen scharf beleuchtet; grell heben sie sich ab von der infolge der Entfernung leicht in Dunst gehüllten Welt des Hintergrunds. Im Laufe der Stunden verändern die Schatten ihre Umrisse, die Vorsprünge und Erker der Palisaden werden immer mehr von der Sonne getroffen, und ihre dunklen Spalten schrumpfen zu immer schmaleren Linien zusammen, um schließlich ganz zu verschwinden. Gleichzeitig werden die Schattenfelder unter dem Südrand größer. Das Schönste ist die Nachmittagsbeleuchtung über dem Land im Osten, nicht so sehr der Formen und Umrißlinien wegen als der Farben. Die Schatten, die sonst stets wichtig sind, damit die Formen sich kräftig herausheben, machen sich dann nur wenig geltend, da sie auf der Rückseite der Tempel liegen und die Sonnenstrahlen in die Spalten der Palisaden eindringen. Fast alles, was man im Osten erblickt, ist von Sonne überflutet und prangt in hellen, bunten, feinen, vornehmen Farben, unter denen Rot, Violett, Grün und Gelb vorherrschten. Mein letztes Bild vom Cape Royal ist ein matter Versuch, der Phantasie wenigstens eine schwache Stütze zu geben. Denn der Versuch, nur mit Worten einen Begriff vom Gran Cañon zu geben, ist völlig hoffnungslos, das habe ich schon mehrere Male betont. Ganz links erblicken wir die Spitze des Cape Final und die Südhänge des Walhallaplateaus zwischen den beiden berühmten Kaps. In der Ferne sieht man Jupiter-, Venus- und Apollotempel, hinter ihnen die Palisaden. Über ihrer Mauerkrone ist in der gewohnten starken Verkürzung ein Schimmer der Bunten Wüste zu sehen. Den Vordergrund beherrscht der Unkar Creek, der im Süden vom Wischnutempel begrenzt wird. Im Vorhergehenden habe ich schon die große Ungleichheit hervorgehoben, die zwischen der Gestalt und dem Verlauf des Süd- und Nordrandes herrscht und die darin besteht, daß der Südrand wenig eingeschnitten, der Nordrand dagegen von der Erosion in der phantastischsten Weise angegriffen ist. Eine Reihe von Seitentälern von der Art des Bright Angel Cañon haben ihre Rinnen tief ins nördliche Tafelland eingeschnitten. Wir haben gesehen, wie dem Walhallaplateau in einer, geologisch gesprochen, sehr nahen Zukunft das Schicksal bevorsteht, völlig abgeschnitten und in einen freistehenden Block verwandelt zu werden, der infolge der von allen Seiten arbeitenden Erosion mit der Zeit die Form der jetzigen Tempel annehmen wird. Der Staatsgeologe N. H. Darton hat in seinem Buch eine sehr einfache Erklärung der Ursachen dieser Ungleichheit des südlichen und nördlichen Cañonrandes gegeben. Der erstere liegt über 300 Meter höher als der letztere, da der Kaibabkalkstein allmählich nach Süden abfällt. Als der Fluß seine Rinne durch die Schichten schnitt, lag der Nordrand notwendigerweise höher als der Südrand. In den höheren Regionen sind die Niederschläge reichlicher. Die Regenfluten strömen nach Süden und stürzen die Hänge des nördlichen Cañonrandes hinab, um sich mit dem Colorado zu vereinigen; es liegt auf der Hand, daß ihre den Boden angreifende Kraft hier unvergleichlich größer sein mußte als im Süden, wo die Regenbäche ihre Quellen im Randgebiet haben und dann nach Süden fließen, vom Cañon weg. Eine kurze Lunchpause unterbrach meine Arbeit. McKee hatte, während ich zeichnete, Tee gekocht und unsere Vorräte unter einer knorrigen Kiefer auf dem äußersten Vorsprung aufgetischt; in ihrem Schatten nahmen wir unsere Mahlzeit ein. Dann zeichnete ich weiter und hörte erst bei Sonnenuntergang auf. Als der Tag verstrichen war, die rote Pracht erlosch und die Farben verblichen, traten wir eiligst den Rückweg in unser Lager unter den Fichten an. Beim prasselnden Feuer aßen wir unser Abendbrot; dann wurden wieder haarsträubende Geschichten von Klapperschlangen und andern ungemütlichen Tieren erzählt, und schließlich krochen wir in unsere Freiluftbetten. [Illustration: Aussicht von Fair View auf den Saddle Mountain.] Am 4. Juli standen wir früh auf, aber es dauerte stundenlang, bis die Maultiere wiedergefunden wurden. Erst gegen Mittag konnten wir aufbrechen. Wir wollten zunächst in die Nähe des Cape Final; aber dorthin führte nicht die Spur eines Weges. Ernest saß auf der vordern Querbank und kutschierte, und ich saß auf der hintern Bank. Auf dem Rand, kaum zwei Meter vom Abgrund, war der Boden am ebensten. Man hatte die gähnende Tiefe unmittelbar unter sich zur Rechten. Ich war auf alles gefaßt und gab gespannt acht, um mich im Fall einer Katastrophe durch einen Sprung retten zu können; ich fühlte mich erst dann wieder beruhigt, als Ernest vom Rand abbog. Aber jetzt mußten wir einen schrecklich steilen Hang hinab in eine vom Wasser ausgearbeitete Rinne hinunterfahren, die quer vor unserm Weg lag. Das Bremsen half nicht viel, und die Maultiere konnten den Wagen nicht halten, wie sehr der Kutscher auch die Zügel anzog. Sie gaben nach, der Wagen kam ins Rollen und sprang und schwankte über die Unebenheiten des Bodens. Zwischen den Bäumen hindurch zu fahren war nichts weniger als leicht. Ehe wir uns dessen versahen, fuhren wir schnurstracks auf einen jungen Baum los, der im Wege stand. Ich nahm als selbstverständlich an, wir würden umkippen, und sprang ab, um nicht durch einen Beinbruch in der Wildnis festgehalten zu werden. Aber der Wagen stürzte nicht um, und nun standen wir da, ein Maultier rechts und eins links vom Baum. Nachdem wir unsere Equipage wieder flottgemacht hatten, fuhren wir weiter und fischten McKee auf, der vorausgegangen war. An einem Punkt nicht weit von Cape Final rasteten wir, um auch diese Aussicht eine Weile zu genießen; sie erinnert im wesentlichsten an die von Cape Royal. Eine Strecke weiter nördlich machten wir wieder halt, in der Nähe von Fair View, so daß ich Gelegenheit hatte, wenigstens ein flüchtiges Bild der ungeheuren, von Wasser, Wetter und Wind ungemein malerisch herausgemeißelten Felsmassen zu zeichnen, die hier in wild-romantischen Wänden zur Tiefe abfallen. Dies war die letzte Stunde beschaulicher Betrachtung, die ich einer Gran-Cañon-Landschaft widmete, denn der Tag neigte sich seinem Ende zu, und Wylie Way Camp würden wir erst in der Dunkelheit erreichen. Es wurde mir schwer, mich loszureißen. Aber es mußte sein, und ich tat es mit dem Gefühl, daß ich den Gran Cañon noch ein zweites Mal besuchen müsse. Hätte es etwas geholfen, einige Münzen in die Tiefe zu werfen wie in die Fontana di Trevi in Rom, ich hätte es getan. Aber Rom ist von Menschen erbaut, der Gran Cañon von Gott, und da helfen keine Bestechungen. Zum letztenmal suchte ich darum meinem Gedächtnis das Bild dieser wunderbaren Welt der Erhabenheit, der Einsamkeit und des Schweigens einzuprägen -- eines Landes, wo keine Vegetation die Nacktheit der Felsen verhüllt und wo die Farbe der Gesteine zu ihrem Recht kommt, bald von Schatten gedämpft, bald von der Sonne in roten Tönen gesteigert; einer Landschaft, die man in der Tiefe unter sich hat, nicht über sich zwischen den Wolken wie den Himalaja und andere Gebirge. Sie gleicht einer Matrize oder Gießform, die die Talsenke des Gran Cañon darstellt und groß genug ist, eine ganze Gebirgskette von 1600 Meter Höhe, 16 Kilometer Breite und 349 Kilometer Länge aufzunehmen. Diese Gebirgskette ist im Laufe von Jahrmillionen zerrieben worden und liegt jetzt in den Anschwemmungen des Colorado und auf dem Meeresboden ausgebreitet. Nimmt man vom Gran Cañon Abschied, dann erwägt man erneut, welcher Seite man den Preis der Schönheit geben soll, dem Südrand oder dem Nordrand. Das einzig Richtige ist natürlich, beide zu besuchen. Aber nur ein sehr geringer Teil des Touristenstroms nimmt sich die Zeit dazu. Wer nur einen oder zwei Tage dem Gran Cañon opfern kann, hat keine Wahl; er muß sich mit dem Südrand begnügen. Von hier aus hat er die großartige Aussicht auf die Tempel, die er in der Verkürzung sieht, und den brennenden Glanz der Abendröte auf ihren Westhängen. Von der Tiefe und der Länge der Täler zwischen den Tempeln erhält er keinen klaren Begriff, es sei denn, daß er noch einige Tage opfert und den Nordrand aufsucht. Das Schönste, was ich vom Nordrand aus erblickte, war das Farbenspiel in der zweiten oder dritten Nachmittagsstunde. Denn diese Farben sind prächtig, aber leicht und zart, nicht stark oder schreiend, sie sind wie ein Traumspiel, wie ein Rosengarten, wie rosa, violette oder hellgrüne Gewänder junger Mädchen in einem Ballsaal, wie Wolken, von der Morgenröte beleuchtet. Dank ihnen erscheint diese ganze Landschaft so leicht und luftig, daß es aussieht, als könne der erste Windhauch sie hinwegblasen. Und dabei sind es schwere, harte Steinmassen, die allein die Zeit bezwingt, das Wasser und die Verwitterung! Wir fuhren weiter durch den wegelosen Wald, und bald lagen die letzten Bilder des Gran Cañon hinter uns. Nach einer Weile kamen wir wieder auf den schlechten Weg, den wir vor zwei Tagen gefahren waren. Die Dämmerung war schon dicht, als wir das Auto erreichten. Die Lampen wurden angezündet, und wir sausten durch den schlummernden Wald der Rehe nach dem Zeltlager von Wylie Way Camp. Register. Albuquerque, Stadt 47. 48. 49. 51. d’Albuquerque, Alfonso 49. Altar Falls 194. 195. 196. 206. Arizona 18. 48. 53. 54. 149. 221. Arizona Divide 54. Arkansas, Fluß 33. 39. ~Artemisia tridentata~ 167. Asbest 91. Ayer, Edward E. 84. 85. Basalt 90. Basalt Cliffs 90. Birchfield, Carleton 16. 17. 58. 60. 86. 99. 124. Birken 202. Bisons 227, s. a. Büffel. Black Bush 167. Brahmatempel 75. 95. 202. 207. 220. Bright Angel Cañon (Creek) 75. 92. 95. 186. 189. 190. 192. 194. 195. 196. 198. 200. 206. 208. 220. 232. Bright Angel Point 198. 204. 206. Bright Angel Spring 204. Bright Angel Trail 178 ff. 181. 182. 185. Brögger, Professor 15. Bryn 99. 124. Buddha Temple 72. 74. Büffel 43. Bunte Wüste s. Painted Desert. Burros s. Esel. Cañonbildungen 81. Cañon Diablo 53. Cape Final 94. 153. 236. 237. Cape Royal 72. 79. 88. 94. 95. 224. 227. 230. 231. 232. 233. Cape Solitude 90. 92. Cardenas, Konquistador 18. 39. Cathedral Spire 112. Cathedral Stairs 106. 132. Chandler, Harry 193. Cheopspyramide 74. Chicago 15. 32. 38. Chuar-Gruppe 23. Clarkson, R. Hunter 17. 33. 34. 35. 36. 40. 41. 42. 48. 178. Clear Creek 94. 95. Cliffdweller 221. Coconinoplateau 70. 86. 91. Coconinosandstein 70. 71. 72. 74. 75. 76. 78. 91. 94. 100. 102. 174. 181. 182. Coconinoschichten 152. 153. 203. 208. 231. Cojote (Heulwolf) 43. 144. 145. ~Coelogyne ramosissima~ 167. Colorado, Rio 28. 29. 62. 63. 64. 65. 68. 69. 70. 71. 74. 79. 80. 102. 125. 128. 142. 146. 149. 150. 152. 153. 154. 156. 164. 166. 170. 172. 182. 188. 190. 193. 226. 231. 234; Bett 23. 24; Brücke 79. 186. 188; Dauer der Erosion 23; Entdeckung 18. 19; Flußfahrten 19. 192; Gesteinstransport 23; Name 89; Rinne 63. 81; Schlucht 186; Stromschnellen 128; Uferwände 128; Unterlauf, Regulierung 20; Wasser 126; Wassermessungen 190. 192. Coloradohochland 53. 64. 70. 150. Comanche Point 92. 154. Cope Butte 107. Coronado, Konquistador 18. Coronado Butte 92. „Creek“ 91. Crosby, Oberst 17. 58. 59. 133. 178. 180. 181. Davis, W. M. 20. 21. Darton 69. 137. 166. 174. 181. 184. 185. 234; Werk über Gran Cañon 20. Denudation, die große 22. 71. Desert Facade 90. Desert View (Navaho Point) 22. 92. 137. 141. 177. Devatempel 75. 95. 207. 220. Devon 22. Diabas 154. Douglastanne 140. Dutton, C. E. 15. 20. 21. van Dyke, John C. 20. Eichen 181. 202. Eiszeit 21. El Tovar 22. 31. 56. 70. 86. 113. 130. 133. 141. 157. 177. 180. 181. 182. 185. 188. 189. 192. 194. 198. 231; Aussicht 96. 97. 150; Automobilverkehr 134; Besucher 97. 98; Hotel 57. 58. 84. 97. 163. 164, altes 135, neues 134; Konkurrenz 177; Lage 62; Meereshöhe 181; Zweigbahn nach 55-57. Erosion 23. 63. 88. 89. 102. 112. 128. 154. 164. 208. 234. Esel, verwilderte 122. 124. 130. 167. 185. Fair View 237. Färbereiche 140. Flagstaff, Stadt und Bahnhof 54. Ford, Henry 220. 221. Gelbkiefer 140. 202. Glorietapaß 47. Gneis 22. 186. Gran Cañon 53. 55. 56; erster Anblick 56. 57; geologischer Aufbau 70. 94. 174; Aussicht vom Nordrand 207; Aussichtspunkte 86. 177; Automobilverkehr 178; Beleuchtung 25. 27. 28; Besucher 25. 66. 84. 97. 98. 99. 110. 130. 133. 140. 141. 154. 156. 177. 212. 220. 238; bildliche Darstellungen 30. 31. 42; Denudation 21; Eisenbahn am Nordrand 225; Entdeckung und erste Besucher 18. 19; Entstehung 84; geologische Erforschung 18; Formen 26. 68. 81. 148. 149. 171. 172; Gemälde 137; Geologie 20; geologische Geschichte 22; Gesteine 90; Hotelbau 177. 224; Karten 69; Klima in geologischer Zeit 21. 22; Namengebung 95; im Nebel 142; Nordrand 60. 63. 64. 65. 68. 78. 81. 104. 170. 174. 176. 177. 178. 194. 200. 204. 214. 233. 234. 238; im Regen 133; Schichten 64; Schichtenfolgen 23. 72. 75. 76. 91. 92. 94. 100. 181; Südrand 60. 63. 64. 65. 68. 81. 91. 138. 164. 170. 176. 177. 200. 202. 208. 233. 234. 238; größte Wärme 198; Werke darüber 15. 19. 20. 25. 69; Zweigbahn an den Nordrand 177. Grand View, Gasthaus 86. 138; Aussicht 150. Grand View Point 86. 88. 90. 91. 92. Grand Wash 23. Granit 22. 23. 63. 71. 72. 74. 75. 76. 90. 106. 150. 154. 174. 186. Granite Gorge 23. 63. Granitkorridor 71. Granitschlucht 152. 174. 186. 188. Greenland Lake 226. Harvey, Ford 17. 36. 37. 38. 134; Hotel in Albuquerque 48, in El Tovar 48. Harvey, Fred 36. Havasupai 22. Havasupai Cañon 55. Havasupai Point 78. 79. 164. 166. 168. 231; Aussicht 170 ff. Hearst, W. R. 138. Hermit Basin 102. 128. Hermit Cabins 79. 80. 91. 104. 107. Hermit Camp 100. 106. 107. 108. 110. 112. 130. 132. 181. 185. Hermit Creek 23. 102. 104. 107. 108. 110. 114. 125. 126. 153. Hermit Falls 128. Hermit Peak 112. 113. 130. Hermit Rapids 80. Hermit Rest 133. Hermit Rim Road 79. Hermit Trail 99. 100. 102. Heulwolf 43. 144. 214. Högbom, Professor 15. Höhlenbewohner 185. 221. Hopi-Indianer 71. 113. 149. 158; Haus 113; Kleidung 114; Tänze 113. 114. 116. 158. Hopi Point 60. 69. 70. 71. 72. 74. 75. 76. 81. 88. 136. Horseshoe Mesa 91. Hufeisenberg 91. Hunderasse zur Pumajagd 214. 215. Imperial Valley 166. 193; Bewässerungsnetz 193. Indianer 43. 44. 51. 185; Brüderschaft 121. 122; Lieder 116. 117. 118. 122; Tänze 116. 117. 118. Indian Garden 91. 130. 184. 185. Isleta 49. 50. Jensen 203. 204. 206. 207. 210. 220. Joo Secakuku 113. 114. 116. 117. 118. 121. 122. 134. 158. ~Juniperus utahiensis~ 140. Kaibabkalkstein 22. 70. 71. 72. 75. 76. 78. 86. 91. 92. 94. 95. 100. 102. 174. 181. 203. 204. 208. 220. 234. Kaibabplateau 70. 72. 75. 90. 94. 203. 206. 208. 224. Kaibabschichten 152. 231. Kalkstein 22. 64. 72. 89. 90. 103. 106. 174. 182. 230. Kambrium 75. Kansas, Staat 34. 37. 38. Kansas City 32. 33. 34. 38. 44. Kathedralstufen 107. 112. Kemp, Edw. 17. 58. 60. 86. 99. 124. Kiefern 53. 57. 102. 160. 166. 198. 226. Klapperschlangen 111. Kleiner Colorado 23. 24. 90. 150. 152. Kolb, Brüder 19; Ellsworth L. 19. 134. 192. „Kriegsschiff“ 97. 182. Kuguar 214. Kupfer 91. Landwirtschaftliche Maschinen 38. Las Vegas 46. Leede, Professor 124. 130. Los Angeles 38. Lowell-Sternwarte 54. Luchse 158. 159. 214. Mac Lean, Sandy, Führer 17. 99. 100. 180. 184. 188. 194. 203. Marble Cañon 26. 90. 150. 152. 153. 156. 226. Maricopa Point 60. 62. 97. Maultiere 17. 100. 107. 130. 181. 194. 199. 200. 203. 224. 227. 236. McKee 17. 204. 212. 215. 221. 226. 227. 230. 234. 237. Meeresmollusken 24. Mesa 45. 149. Mesa Eremita 112. Mexiko 18. Minotto J., Graf 16. Mississippi 32. 33. 41. Missouri 32. 34. Mohave Point 60. 79. Nationalpark 37. 138. 167. Navaho-Indianer 49. 138. 226. Navaho Point 79. 92. 137. 140. 141. 152. 154. 177. 232; Unterkunftshütten 137. 141. 145. Neumayr, Professor 24. Neumexiko 39. 41. 43. 45. 51. 52. Nußkiefer 140. 230. Obi Point 95. 220. Obst, kalifornisches 212. Osiristempel 76. 78. Painted Desert (Bunte Wüste) 69. 71. 90. 142. 144. 149. 150. 226. 231. 233; Grenze 149. Palisaden 26. 69. 71. 90. 92. 142. 145. 146. 149. 150. 154. 170. 232. 233. Panamakanal, Einfluß auf Verkehr 212. Petroleum 38. 137. Petrosa, Victor 17. 58. 59. 137. 178. Pferde, wilde 227. Pferdezuchtland 47. Phantom Ranch, Unterkunftshütten 186. 188. 189. 190. 194. 204. Pima Point 60. 79. 99. 112. ~Pinus edulis~ 140. ~Pinus ponderosa~ 140. Platin 184. Pliozän 22. 24. Point Harris 226. Poquett, Herr und Frau 108. 111. 130. Powell, J. W. Major 19. 20. 21. 134. 192; Bootfahrt 62. Powell Memorial 62. Powell Plateau 78. 164. 172. 174. Präriehund 140. Präriewolf 43. ~Pseudotsuga taxifolia~ 140. „Pueblos“ 46. Pueblo-Indianer 50. Puma 43. 214. 215. Quarzit 74. 90. ~Quercus tinctoria~ 140. Raton, Stadt 43. Ratonpaß 40. 41. Raubtiere 214. Redwall, Felsband 22. 94; Name 184; Formation 91. 92; Kalkstein 72. 74. 75. 76. 78. 100. 106; Schicht 182. 184. Regenzeit 26. 221. 222. Rehe 203. 210. 211. 214. 226. Rio Colorado s. Colorado. Rio Grande del Norte 41. 47. 50. 52. Roaring Springs 198. 202. 206. Sage Brush 167. Salt Lake City 178. 212. 215. San-Francisco-Gebirge 54. 56. 232. Sangre de Cristo 45. Santa-Fé, Eisenbahn 16. 17. 33. 35. 36. 177. Santa-Fé, Stadt 44. 47. Santa Maria Spring 103. 132. Sandstein 64. 74. 100. 154. 174. 182. 185; (Kambrium) 75; roter 72. 102. 103. Schafzucht 44. Schiefer 71. 72. 74. 76. 90. 100. 154. 174. 182. 184. Schivatempel 76. 78. Silur 22. Simpson, William H. 16. 17. 58. Skorpione 111. Skottsberg, Prof. 167. Stachelschwein 140. 157. Steinkohlenformation 22. 23. 70. 72. Supaiformation 76. 78. 91. 100. 102. 153. Supaigruppe 72. 75. 76. 94. Supaischichten 152. 174. 210. 231. „Tempel“ 63. 68. 153. 207. 208. 231. 238. Teppiche, indianische 48. Tierwelt 43. 125. 138. 140. 146. Tillotson, Führer 17. 138. 140. 141. Tontoformation 71. 91. 92. 94. 132. 152. Tontogruppe 22. 72. 74. 75. 76. 90. 100. 106. 182. 184. 185. 186. Tontoschiefer 107. Tonto Trail 132. 185. Tovar, Konquistador 18. 80. Transept-Cañon 207. 208. 221. Trinidad 39. 40. Überschwemmungen 33. 34. 37. 38. 41. Uncle Jim, Löwentöter 214. 215. 216. 219. Union Pacific Railway Co. 177. 225. Unkargruppe 23. 71. 74. 76. 90. 153. 154. 174. 186. 188. 195. Utahwacholder 140. Vegetation 22. 40. 53. 102. 103. 149. 185. 194. 195. 198. 199. 200. Versteinerungen 181. V. T. Ranch 210. 215. 216. Wacholder 40. 46. 53. 57. 102. 160. 167. 198. 200. Wald 26. 46. 53. 54. 57. 86. 102. 103. 138. 140. 166. 181. 198. 200. 202. 203. 225. 226. Waldarbeiter 54. Waldbäume 140. 160. Walhallaplateau 94. 95. 153. 215. 224. 226. 230. 231. 233. 234. West, Führer 17. Wildkatzen 214. Winslow 52. Williams 53. 54. 55. Wind 100. 103. 104. 188. Wischnutempel 72. 94. 232. Wotans Thron 72. 94. 231. 232. Wylie Way Camp 22. 204. 211. 212. 215. 220. 222. 232. 239. Yavapai Point 62. Yuma 193. Zigeuner 45. Zitterpappeln 195. 226. Zoroastertempel 75. 95. 202. 207. 220. VERLAG F. A. BROCKHAUS / LEIPZIG Sven Hedins Werke Hauptwerke, reich mit Abbildungen und Karten ausgestattet Durch Asiens Wüsten. 2 Bände. Lwdb. M. 30.-- Zu Land nach Indien. 2 Bände. Lwdb. M. 32.-- Ein Volk in Waffen. Lwdb. M. 11.-- Bagdad–Babylon–Ninive. Lwdb. M. 15.-- Mount Everest. Halblwdb. M. 6.-- Von Peking nach Moskau. Lwdb. M. 15.-- Im Herzen von Asien. 2 Bände. Lwdb. M. 32.-- Transhimalaja. 3 Bände. Lwdb. je M. 16.-- Nach Osten. Lwdb. M. 11.-- Jerusalem. Lwdb. M. 15.-- Verwehte Spuren. Lwdb. M. 15.-- Illustrierte Jugendschriften =Von Pol zu Pol.= 3 Bde. I: Rund um Asien. II: Vom Nordpol zum Äquator. III: Durch Amerika zum Südpol. Jeder Band, Lwdb. M. 5.-- =Abenteuer in Tibet.= Lwdb. M. 12.-- Sven Hedins erste Dichtung: =Tsangpo Lamas Wallfahrt.= Bd. 1. Die Pilger. Bd. 2. Die Nomaden. Jeder Band, Lwdb. M. 6.50 Kleine Schriften Persien und Mesopotamien. Geh. M. 1.60 Ossendowski und die Wahrheit. Geh. M. 2.-- Alma Hedin =Arbeitsfreude.= Was wir von Amerika lernen können. (An Stelle eines Vorworts: Sven Hedin, Der 9. November. Ein Gruß an das Deutsche Volk.) Lwdb. M. 3.40 =Mein Bruder Sven.= Nach Briefen und Erinnerungen. Mit 61 Abbildungen. Lwdb. M. 15.--. +Volksausgabe+: Mit 17 Abbildungen. Geh. M. 3.30, Lwdb. M. 5.-- ~VERLAG F. A. BROCKHAUS / LEIPZIG~ Sven Hedins Werke Gekürzte Volks- und Jugendausgaben mit zahlreichen Abbildungen und Karten * Abenteuer in Tibet. Band 1 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50 Transhimalaja. (Neue Abenteuer in Tibet.) Band 2 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50 Durch Asiens Wüsten. Band 7 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50 Zu Land nach Indien. Band 8 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50 General Prschewalskij in Innerasien. Band 19 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50 Meine erste Reise. Band 20 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50 An der Schwelle Innerasiens. Band 23 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50 * Ein Volk in Waffen. Geb. M. 3.-- Bagdad–Babylon–Ninive. Geh. --.20 Nach Osten. Geb. M. 3.-- Jerusalem. Geh. M. --.20 ~VERLAG F. A. BROCKHAUS / LEIPZIG~ ~G. I. FINCH~ Der Kampf um den Everest Deutsch von Walter Schmidkunz Mit 88 Abbildungen, 1 Anstiegsskizze und 2 Karten In Ganzleinen gebunden M. 11.-- ~G. WINTHROP YOUNG~ Die Schule der Berge Deutsch von Willy Rickmer Rickmers Mit 39 Einschaltbildern und 19 Abbildungen im Text In Ganzleinen gebunden M. 16.-- ~HENRY HOEK~ Wetter, Wolken, Wind Ein Buch für jedermann Mit 31 Einschaltbildern In Halbleinen gebunden M. 9.-- ~CARL STÖRMER~ Aus den Tiefen des Weltenraums bis ins Innere der Atome Mit 65 Abbildungen In Halbleinen gebunden M. 6.-- F. A. Brockhaus, Leipzig. *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78666 ***